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Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1

Balduin Möllhausen: Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1 - Kapitel 9
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authorBalduin Möllhausen
titleReisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1
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Achtes Kapitel

Ankunft der Post – Depeschen für Lieutenant Ives – Weihnachten – Zahlreiche Wölfe – Vergiften derselben – Aufbruch des Dampfbootes »Jessup« nach dem oberen Colorado – Ankunft des Lieutenant Ives – Neues Organisieren der Expedition – Peacocks Ritt nach San Franzisko – Beschreibung der Strecke des Flusses zwischen Fort Yuma und dem Golf von Kalifornien – Das Dampfboot »Explorer« – Mr. Carrol – Mr. Robinson – Die letzte Nacht in Fort Yuma – Aufbruch der Expedition – Die beiden Dolmetscher – Charakter des Stroms – Zweites Lager auf dem Ufer – Kapitän Robinsons Erzählung

Infolge einer Aufforderung von Lieutenant Ives, der an der Mündung des Flusses bei seinen Beobachtungen noch einiger Hilfeleistungen bedurfte, begaben sich Bielawski und Booker nebst zwei Dienern am Tag unserer Ankunft in Fort Yuma in einem Ruderboot stromabwärts zu dem bezeichneten Punkt. Es war also von dieser Abteilung nur noch Dr. Newberry zurückgeblieben, der sich infolge einer sorgsamen Pflege sehr bald wieder erholte. Wir brachten zuweilen einen Abend im Fort zu, die Offiziere der Besatzung besuchten uns im Lager, und wir erfreuten uns auf diese Weise eines geselligen Verkehrs, so gut ihn die Gegend eben zu bieten hatte.

Die Ankunft der Post auf den abgesonderten Militärstationen wird immer als ein großes Ereignis betrachtet und nicht geringe Aufregung dadurch hervorgerufen. Zivilpersonen, Offiziere und Gemeine drängen sich nach der Stelle hin, wo Briefe und Zeitungen ausgeteilt werden, und selbst diejenigen, die nichts an ihre eigene Adresse erwarten oder auch zufällig leer ausgehen, finden dort Gelegenheit, ihre Neugierde zu befriedigen, indem der eine oder der andere, den das Glück mit einer größeren Anzahl von Zeitungen bedacht hat, immer gern bereit ist, von seinen Schätzen mitzuteilen. Nachdem die Feindseligkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und den Mormonen zum offenen Ausbruch gekommen waren, wurden die Posten mit um soviel größerer Sehnsucht erwartet, denn noch über die Neuigkeiten aus der Heimat, sogar von der eigenen Familie, schienen die Berichte vom Kriegsschauplatz fast allgemein vom »Jungen Amerika« gestellt zu werden.

Wer nie durch Tausende von Meilen vom heimatlichen Boden getrennt war und sich dabei in einer Lage befand, daß er trotz der Regelmäßigkeit der Postverbindung über den ganzen Erdball die Ankunft eines Briefes als ein besonderes Glück ansehen mußte, der kann sich kaum eine Vorstellung von dem Gefühl machen, dem man anheimfällt, wenn man durch liebe, bekannte Schriftzüge, durch aufrichtige, herzliche Worte an die unzerreißbaren Bande erinnert wird, mit denen die Vorsehung den Menschen an die kleine Scholle Landes fesselte, die er in frühester Jugend als seine einzige große Welt zu betrachten gewohnt war. In dem Maße nun, wie ein vorwärtsstrebender Geist allmählich die Überzeugung gewinnt, daß für den mit eisernem Willen ausgerüsteten Menschen kein Teil der Erde unerreichbar bleibt, in dem Maße wächst auch die Liebe zu einer glücklichen, stillen Heimat, und diese Liebe wird zur sorgsamen Führerin in fremden Ländern auf unwegsamen Pfaden. An einer einsamen Stelle, wo man gegen jede Störung gesichert ist, liest man die Briefe, die durch ihren Verfasser und durch ihren Inhalt von unbezahlbarem Wert geworden sind; man vergißt, daß schon wieder Monate seit ihrer Absendung verflossen sind, und in solchen Augenblicken werden vergangene Zeiten zur frohen, oft aber auch zur wehmütigen Gegenwart. Die Briefe, die ich in Fort Yuma erhielt, waren reich an freudigen Nachrichten, doch auch nicht frei von solchen, die tiefen Schmerz verursachten; mein treuer, väterlicher Freund und Wohltäter, der Geheimrat Lichtenstein in Berlin, war gestorben; er, der mit soviel Teilnahme mir im Geist auf meinen Reisen folgte; er, der sich zu meiner glücklichen Heimkehr ebenfalls gefreut haben würde, lebte nicht mehr. Schon seit Monaten war er tot, doch an seinem Grab hätte ich ihn nicht tiefer betrauern können als unter den dichten Weiden auf dem Ufer des Colorado.

Kurz vor Weihnachten und um die Weihnachtszeit herum bot das Lesezimmer auf Fort Yuma, wie immer gleich nach der Ankunft einer Post, einen ungewöhnlichen Anblick durch die in diesem fortwährend versammelte Gesellschaft, die sich in die zwei Monate alten Tagesneuigkeiten vertieft hatte. Man hörte nichts als das Knittern der riesenhaften amerikanischen Zeitungsblätter, zuweilen einen Ausruf der Verwunderung, dem alsdann gewöhnlich die Vorlesung eines wichtigen Artikels folgte. Zum Beispiel:

»Der Vereinigte-Staaten-General Johnson steht mit fünfzehnhundert Mann in der Nähe des Salzsees; Gouverneur Young von den Mormonen hat den General aufgefordert, sich zurückzuziehen, widrigenfalls er ihn mit seiner ganzen Macht angreifen würde.« – »Ein Train von sechsundachtzig Wagen, die mit Provisionen für den General Johnson beladen waren, ist von den Mormonen abgeschnitten und verbrannt worden.« – »Die Mormonen beabsichtigen eine starke Heeresabteilung den Colorado hinunterzuschicken, um eine Verbindung mit dem Staat Sonora offen zu erhalten.« – »Es wird angenommen, daß die Mormonen, im Falle sie vom Utah-See vertrieben werden, sich nach Sonora zurückziehen werden.«

Dieser Art waren die Nachrichten, die uns alle so sehr interessierten, und vorzugsweise deshalb, weil wir nicht wissen konnten, inwieweit dieselben Glauben verdienten. Ich kann es nicht leugnen, daß wir an dem wirklichen Aufbruch unserer Expedition, oder wenigstens an der glücklichen Beendigung derselben, zu zweifeln begannen, und dies noch um so mehr, als mit derselben Post wichtige Depeschen von der Regierung in Washington für Lieutenant Ives angekommen waren, die ihm, wo er sich auch immer befinden möge, unter allen Umständen nachgesandt werden sollten.

Lieutenant Ives befand sich aber noch an der Mündung des Flusses, weshalb wir auf die Lösung unserer Zweifel nicht vor seiner Ankunft in Fort Yuma rechnen konnten. Eins der beiden bei Fort Yuma liegenden Dampfboote wurde sofort dem Kommandeur des Postens, Lieutenant Winder, von den Eigentümern zur Beförderung der Depeschen zur Verfügung gestellt, und wie sich von selbst versteht, wurde das Anerbieten nicht zurückgewiesen. Lebensmittel wurden schnell an Bord gebracht, und schon am folgenden Tag nach dem Eintreffen der Post verließ der Dampfer »Colorado« Fort Yuma, um an die Mündung des Flusses zu eilen.

Wir alle waren sehr gespannt auf die Ankunft des Lieutenant Ives, doch konnten wir, selbst im glücklichen Fall, derselben nicht vor Ablauf von vierzehn Tagen entgegensehen. Unser häusliches Stilleben, wie wir jene Zeit scherzweise nannten, wurde daher für lange durch nichts Außerordentliches unterbrochen.

Der 24. Dezember war endlich da; Dr. Newberry hatte zur Feier des Weihnachtsabends zu einer Bowle eingeladen; da aber meine kaum überstandene Krankheit die größte Vorsicht von meiner Seite erforderte, um nicht abermals durch einen Rückfall ans Bett gefesselt zu werden, so mied ich die Gefahr und blieb zurück, während meine Gefährten sich alle zum Fort begaben. Koch und Aufwärter ließ ich ebenfalls ruhig ihrem Vergnügen nachgehen, und ich befand mich auf diese Weise mit Grizzly allein in dem einsamen Lager.

Es war ein Abend, so still und so schön, daß ich ihn nie wieder habe vergessen können. Über den schwarzen Massen der Weidengebüsche, deren dunkle Schatten einen schmalen Streifen des Spiegels des Colorado bedeckten, hing, hell wie eine schüchterne Sonne, die runde Scheibe des Mondes, mit mildem Licht das tiefblaue Firmament überziehend und den Glanz der Mehrzahl der Gestirne gleichsam verdrängend. Es war eine schöne, eine prachtvolle Verteilung von unbestimmtem Licht und Schatten; wie matte Versilberung schimmerten die beleuchteten Punkte und Gegenstände, während auf der anderen Seite nur die Umrisse der dunklen Massen sich auszeichneten und es der Phantasie freistellten, sich mit Bildern reicherer Zonen zu umgeben. – Der Wüsten einziger Schmuck ist die Sternennacht, wohltätig kleidet sie in Schatten, was das Auge unsanft berühren könnte, und zieht den Blick aufwärts, wo ein weises Walten sich kundgibt in der genauen Befolgung streng vorgeschriebener Gesetze.

An diesem Abend erschien mir der Colorado nicht wie ein Wüstenstrom, sondern wie ein Fluß, der sich mutwillig zwischen üppig bewaldeten Ufern dahindrängte. Die Ruhe, die auf der ganzen Gegend lag, wurde nur selten von dem heiseren Ruf eines einsamen Uhus oder von dem Geheul fern jagender Wölfe unterbrochen; dagegen verriet der Colorado unausgesetzt durch verstärktes und schwindendes Gemurmel das eigentümliche Wirken in seiner Tiefe. Wie spielend bauten die sandreichen Fluten kleine Bänke auf und rissen sie im nächsten Augenblick wieder mit sich fort, wodurch auf der Oberfläche des Wassers mit plätscherndem Geräusch trichterförmige Wirbel entstanden, die ihre Wellen nach allen Richtungen sandten, den glatten, beweglichen Spiegel weithin kräuselten und in demselben den bleichen Widerschein des Mondes zittern machten.

Wie die Weihnachtstage die ersten Jahrestage sind, welche das Kind seinem Gedächtnis einzuprägen vermag, so hält auch der Mann dieselben noch immer gern fest, und zwar weniger aus Gewohnheit, als um auf denselben wie auf den Sprossen einer Leiter im Geist von Jahr zu Jahr in längst vergangene Zeiten zurückzuwandern. So saß auch ich stundenlang vor dem Zelt und versuchte traumähnliche Bilder entschwundener Jahre mir zu vergegenwärtigen; ich achtete weder auf die Wölfe noch auf Grizzlys tapfere Angriffe gegen sie; ich saß und sann, bis aus der Ferne jubelnde Stimmen zu mir drangen und die Rückkehr meiner heiteren Gefährten verkündeten.

Die Zahl der Wölfe hatte in der nächsten Umgebung unseres Lagers so sehr zugenommen, und dabei hatte sich ihre angeborene Scheu in eine solche Frechheit verwandelt, die sie vorzugsweise zur nächtlichen Stunde durch kühne Diebstähle bekundeten, daß unser Hund ihnen nicht mehr gewachsen war und ich daher beschloß, die lästigen Tiere auf einen Schlag aus unserer Nachbarschaft zu vertreiben. Wie gewöhnlich auf solchen Reisen führte ich auch damals ein Fläschchen mit Strychnin bei mir, und ich wählte dieses schnell tötende Gift als Mittel zu meinen Zwecken. Ich nahm fünf kleine Stücke Fleisch, vergiftete diese stark, befestigte sie an kleinen Stäbchen und stellte diese in einiger Entfernung vom Lager an verschiedenen Punkten auf. Als ich am folgenden Morgen die für die Wölfe so gefährlichen Stellen wieder in Augenschein nahm, überzeugte ich mich, daß zwei Stücke Fleisch verschwunden waren, daß die Tiere aber noch Kraft genug besessen hatten, sich im Dickicht zu verkriechen. Die drei übrigen Bissen ließ ich den Tag über stehen, wodurch das Gift sich wahrscheinlich mehr auflöste und die Wirkung desselben noch beschleunigte, denn als ich am darauffolgenden Morgen die Runde machte, fand ich vor jedem Stäbchen einen toten Wolf liegen und verjagte noch einen vierten, der eben angefangen hatte, einen seiner verunglückten Kameraden anzufressen. Da ich mir an diesem Tag einen weiten Spaziergang vorgenommen hatte, der mich nach dem schon längst ausgekundschafteten Lieblingsaufenthalt einer großen Ohreule führen sollte, so bat ich King, bei den Wolfsleichen zu lauern, und derselbe war auch glücklich genug, bei dieser Gelegenheit noch einen der frechen Räuber zu erlegen. Das Töten von sechs Wölfen verschaffte uns einige Ruhe, doch nur für die ersten Tage; denn als wir acht Tage später das Lager verließen, schien sich die volle Zahl derselben wieder angesammelt zu haben. Ich darf wohl nicht vergessen, einen Umstand zu erwähnen, der damals eine Art Mißstimmung in unserer Expedition hervorrief. Es hatte sich nämlich unter den Indianern das Gerücht verbreitet, daß die Mormonen schon bis zu den Dörfern der Mohave-Indianer gedrungen seien. Unter dem Vorwand, die ersten Ursachen dieser Nachrichten zu ergründen, rüsteten die Eigentümer der dortigen Dampfschiffe das in Fort Yuma zurückgebliebene Boot »Jessup« aus, bezogen vom Kommandeur des Postens Waffen und Soldaten und begaben sich in den ersten Tagen des Januar auf den Weg, um den oberen Colorado zu erforschen. Natürlich mußte ein solcher Schritt, der in größter Eile vor der Ankunft des Lieutenant Ives und unseres eigenen Dampfbootes getan wurde, Unwillen und Mißtrauen erregen, denn außer dem Umstand, daß wir von der Regierung ausgeschickt waren, nur wenige Tage später ebenfalls aufbrechen sollten und dennoch nicht imstande waren, die ersten Nachrichten über den noch so unbekannten Strom einzuziehen, ging uns auch der Reiz verloren, während der Reise selbst denken zu können, daß wir einer Straße zogen, die nie vorher von einem Europäer erforscht worden sei.

Ob nun die oben erwähnte Eifersucht zwischen den Offizieren der Linie und denen vom Ingenieurcorps Veranlassung zu solchem Benehmen gab, ob der Spekulationsgeist einzelner, die am oberen Colorado das Dorado des Westens zu finden und für sich beanspruchen zu können hofften, oder der Umstand, daß Lieutenant Ives ein Dampfboot von Philadelphia mitgebracht und die Hilfe der bei Fort Yuma liegenden Dampfer ausgeschlagen hatte, Ursache war oder ob der uneigennützige Wunsch, die sich unserem Unternehmen entgegenstellenden Schwierigkeiten für uns kennenzulernen, zugrunde lag, wage ich nicht zu entscheiden. Ich weiß nur, daß die Mitglieder der Colorado-Expedition mit sehr unangenehmen Gefühlen dem Boot »Jessup« nachblickten, als es seinen Weg stromaufwärts einschlug und gerade nicht die besten Segenswünsche mit sich nahm.

Mit jedem Tag wuchs unsere Sehnsucht nach dem ersten Anblick unseres Dampfbootes. Wir fingen in der Tat schon an, besorgt zu werden, wenn wir den niedrigen Wasserstand des Colorado beobachteten und das fortgesetzte Fallen des Stroms wahrnahmen. Selbst die dortigen Eingeborenen behaupteten, den Fluß noch niemals so niedrig gesehen zu haben; und wenn es auch manches für sich hat, die Schiffbarkeit eines noch unbekannten Stroms zu einer ungünstigen Jahreszeit festzustellen, so wären wir doch gewiß auf das unangenehmste enttäuscht worden, wenn wir schon kurz nach dem Beginn unserer Fahrt auf einer Sandbank das Steigen des Flusses hätten abwarten müssen.

Endlich am Abend des 6. Januar erschien Lieutenant Ives unvermutet in Fort Yuma. Er hatte die Nachricht von der Abfahrt der »Jessup« erhalten und war hierdurch sowie auch durch die Depeschen von Washington veranlaßt worden, dem Dampfboot, das fortwährend mit den Sandbänken zu kämpfen hatte, vorauszueilen. Von einem Ansiedler, der einige Meilen südlich vom Pilot Knob lebte, hatte er ein Pferd geborgt, und es gelang ihm dadurch, in zwölf Stunden die Strecke zurückzulegen, zu der das nachfolgende Dampfboot beinahe noch drei Tage brauchte.

Der ursprüngliche Plan unserer Reise war folgender: Zugleich mit dem Dampfboot sollte von Fort Yuma auch unsere Landexpedition aufbrechen, und beide Teile sollten soviel wie möglich immer in Verbindung miteinander bleiben. Die Befehle, die Lieutenant Ives von seiner Regierung zugegangen waren, machten indessen eine Änderung notwendig. Es hieß nämlich in den Depeschen: Das Personal der Expedition soll auf angemessene Weise verringert werden; ferner soll Lieutenant Ives das Dampfboot so stark bemannen, als zur Sicherheit desselben notwendig ist, in größter Eile den Colorado bis ans Ende der Schiffbarkeit desselben hinaufgehen, ohne Zeitverlust nach Fort Yuma zurückkehren und von dort aus seine Berichte über den Strom, mit Rücksicht auf die Benutzung desselben als Militärstraße, ausfertigen und sogleich nach Washington einsenden. Nach Beendigung dieser Arbeit soll die Expedition wieder nach dem zuerst verabredeten Plan aufgenommen und zu Ende gebracht werden. Ungefähr dieser Art waren also die neuen Befehle, die augenscheinlich in Beziehung zu dem Mormonenkrieg standen.

Ich gebe übrigens zu, daß mir der Inhalt der Depeschen keineswegs genau bekannt war, daß Lieutenant Ives uns dieselben nur so weit mitteilte, als er es durfte, ohne eine Indiskretion zu begehen, und daß, wenn hier eine Abweichung von wirklichen Tatsachen stattfinden sollte, dieselbe dem Umstand zuzuschreiben ist, daß ich von dem späteren Verlauf der Expedition auf die gegebenen Verhaltungsbefehle geschlossen habe.

Die Zeit bis zur Ankunft unseres Dampfbootes benutzte Lieutenant Ives also dazu, die Expedition aufs neue zu organisieren; er begann damit, unsere beiden Gefährten Brakinridge und King zu entlassen und zurück nach den Vereinigten Staaten zu senden. Zu Teilnehmern an der Dampfbootreise wählte er Bielawski, Egloffstein, Dr. Newberry und mich, wogegen Taylor und Booker Auftrag erhielten, bis zu unserer Rückkehr in Fort Yuma zu bleiben.

Unserem Freund Peacock wurde die schwerste Aufgabe zugeteilt; er sollte nämlich mit Depeschen nach San Franzisko reiten, und zwar mußte er noch vor dem Abgang des nächsten Postdampfers, also vor dem 18. Januar, an jenem Ort sein. Die Aussicht, 900 englische Meilen in neun Tagen zurückzulegen – denn mehr als neun Tage waren es nicht mehr bis zum achtzehnten –, machten den fröhlichen Kalifornier fast trunken vor Wonne; er pfiff und sang und wiederholte fortwährend: »Jetzt werde ich euch zeigen, ob ein Kalifornier reiten kann.« Er löste übrigens seine Aufgabe vortrefflich, wobei ihm natürlich die genaue Kenntnis des Landes zustatten kam, die ihn in die Lage versetzte, sich mit frischen Pferden versehen zu können. Die ersten 170 Meilen ritt er, ohne den Sattel von seinem Pferd zu entfernen, und er war kaum nach Warner's Rancho gelangt, als auch sein Pferd unter ihm zusammenstürzte. Von dort ab schlug er den Weg über Los Angeles nach dem Tularetal und dem San-Joaquin-Fluß ein und erreichte San Franzisko am neunten Tag seiner Reise, nachdem er nur zwei Pferde zuschanden geritten hatte.

Von San Franzisko begab er sich nach Erledigung seiner Aufträge zu Wasser zurück nach Los Angeles und kam in Fort Yuma rechtzeitig an, um das Kommando über den uns nachfolgenden Train wieder übernehmen zu können.

Lieutenant Ives hatte an der Mündung des Colorado das bestätigt gefunden, was schon in früheren Jahren über diese gesagt worden ist. Ich bediene mich hier seiner eigenen Worte: »Die Region an der Mündung des Colorado besteht aus einer flachen Anhäufung von Morast. Die Uferlinien und die Kanäle, zwischen denen Schiffe aus dem Golf in den Fluß gelangen, sind einer fortwährenden Veränderung unterworfen, und Bänke, Untiefen und Inseln, die aus einer halbflüssigen Masse bestehen, befinden sich in einem beständigen Wachsen und Schwinden.

Auf dreißig Meilen oberhalb der Mündung ist die Schiffbarkeit des Stroms zeitweise durch die Stärke und Größe der Flut sehr gefährlich. Diese hat eine Erhebung und einen Fall von fünfundzwanzig bis dreißig Fuß und eine außerordentlich reißende Strömung. Der Flut vorauf eilt eine mächtige Woge, die eine Höhe von vier bis sieben Fuß erreicht, und der Andrang derselben ist in einzelnen schmalen Biegungen furchtbar stark und heftig, doch verliert sie ihre Gewalt in dem Grad, wie sie sich stromaufwärts bewegt, und ihre Wirkung ist in der Entfernung von dreißig Meilen kaum noch wahrnehmbar. An den breiteren Stellen des Flusses befinden sich Einschnitte im Ufer, in denen der gewaltige Andrang des Wassers nicht so sehr gefühlt wird, und an diesen Stellen können Boote so lange versteckt liegen, bis die gefährliche Woge vorbeigerollt ist. Auf den Untiefen verursacht der plötzliche Widerstand, den das hereinstürzende Wasser findet, daß es in hohen, rasch aufeinanderfolgenden Wellen übereinanderrollt. Dampfboote, die während der Flut sich der Mündung nähern, müssen sich mit der Ebbe ganz hinabbegeben und zwei bis drei Stunden nach Eintritt der Flut zurückkehren. Die taube Flut steigt und fällt mit geringer Schnelligkeit nur zehn Fuß. Zwischen dem Flutwasser und Fort Yuma sind die Haupthindernisse für die Schiffahrt die Sandbänke. Weiter aufwärts werden diese zahlreicher und hinderlicher. Der Kanal ist außerordentlich gewunden und wechselt beständig seine Richtung. Die durchschnittliche Tiefe des Flusses beträgt auf dieser Strecke ungefähr zehn Fuß, doch verstopfen Sandbänke denselben vielfach bis auf zwei Fuß. Nur durch Erfahrung allein kann man sich die Fähigkeit verschaffen, diesen Teil des Colorado mit Erfolg zu beschiffen. Eine genaue Kenntnis von der Richtung des Kanals sich anzueignen ist unmöglich, da es vorkommt, daß während einer einzigen Nacht das Wasser seinen Kanal von dem einen Ufer nach dem anderen hinüberverlegt. Von der Gestaltung der Ufer, von der äußeren Erscheinung des Wassers, von den Wirbeln, dem schwimmenden Treibholz und von den sichtbaren Inseln und Sandbänken vermag ein geübtes Auge ziemlich genau auf die einzuschlagende Richtung zu schließen; doch legen Dampfboote selten den Weg zwischen den oben genannten Punkten zurück, ohne mehrere Male des Tages auf den Grund zu laufen. Die Entfernung Fort Yumas von der Mündung des Colorado beträgt hundertsechzig Meilen.«

Aus dem Umstand, daß Lieutenant Ives gezwungen wurde, die Reise des Dampfbootes zu beschleunigen, war ein Nachteil für uns erwachsen, der namentlich gegen das Ende der Expedition auf empfindliche Weise fühlbar für uns wurde. Da nämlich der kleine Dampfer bei weitem nicht imstande war, den in dem Schoner mitgeführten Proviant und die Ausrüstungsgegenstände zu fassen, so hatte Lieutenant Ives zwei große, flache Boote bauen lassen, die dazu bestimmt waren, die ganze Ladung aufzunehmen und demnächst von dem Dampfer stromaufwärts geschleppt zu werden. Infolge der empfangenen Depeschen mußten die beiden Frachtboote mit dem größten Teil ihrer Ladung zurückgelassen werden. Was man nach einer flüchtigen Übersicht für am unentbehrlichsten hielt und was auf dem kleinen Fahrzeug untergebracht werden konnte, wurde natürlich mitgenommen, alles übrige dagegen der Überwachung eines Maricopa-Häuptlings und der spätere Transport sowie die Unterbringung der Dampfschiffahrts-Gesellschaft und dem Kommandeur des Postens übergeben.

Diese Leute nun suchten nach besten Kräften das Eigentum der Expedition zu retten, doch stand es nicht in ihrer Macht, die vom Wasser verdorbenen Gegenstände zu ersetzen oder die Indianer und einzelne Soldaten von der schamlosen Unterschlagung unseres Eigentums abzuhalten. Genug, es gingen uns bei dieser Gelegenheit einige wertvolle Sachen verloren, und wir betrauerten am meisten Gegenstände und Instrumente, die beim Sammeln von Naturalien durch nichts ersetzt werden konnten.

Das Dampfboot »Explorer«, dessen Rauchsäule wir schon am 8. Januar in der Ferne zu unterscheiden vermochten, langte endlich am Vormittag des 9. bei Fort Yuma an, und sogleich wurde alles in Bewegung gesetzt, die Ladung, die nicht weiter mitgeführt werden sollte, in einem der Lagerhäuser der Station unterzubringen. Der Aufbruch der Flußexpedition wurde auf den 11. Januar festgesetzt, und da die Ladung der »Explorer« so leicht wie nur möglich sein sollte, so herrschte bei uns allen die größte Geschäftigkeit, von unseren Sachen diejenigen auszusuchen, die wir nicht entbehren zu können glaubten. Kleidung und Schuhzeug beachteten wir am wenigsten, da unsere Abwesenheit von Fort Yuma nicht über sechs Wochen dauern sollte, für welche Zeit auch nur ein Vorrat von Lebensmitteln für die ganze Bemannung berechnet und eingelegt wurde.

Die »Explorer«, ein niedliches kleines Fahrzeug, schien den Zwecken vollkommen zu entsprechen, zu welchen es von Philadelphia bis zu diesem Punkt gebracht worden war. Der Rumpf hatte eine Länge von fünfzig Fuß, eine Breite von zehn Fuß, war vier Fuß hoch und aus starken Eisenplatten sicher zusammengefügt. Ein Verdeck hatte natürlich nicht angebracht werden können, und nur am Hinterteil befand sich ein kleiner Bretterverschlag, der sechs Fuß lang und ebenso breit und hoch war, so daß er höchstens drei mit Schreiben beschäftigten Personen hinlänglichen Raum gewährte. Diesen Bretterverschlag beehrten wir mit den Namen Kajüte. Den größten Teil des Raums in dem Boot nahm der Dampfkessel ein; dieser befand sich ungefähr in der Mitte und stand vollständig frei, nur gehalten von starken eisernen Stützen. Von dem Dampfkessel führten in der Höhe, so daß man bequem unter denselben durchschreiten konnte, zwei Dampfröhren nach den beiden Seiten der Kajüte zu den Maschinen, die das einzige große Rad in Bewegung setzten. Dadurch, daß sich das Rad am Hinterteil oder Stern des Schiffes befand, erhielt das ganze Gebäude eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Schubkarre, doch lernte ich sehr bald einsehen, daß diese Bauart von Dampfbooten auf flachen und hindernisreichen Flüssen wie dem Colorado im höchsten Grad den Vorzug verdient. Das Dach der Kajüte stand nach allen Seiten hin drei Fuß vor, wodurch eine bequeme Plattform hergestellt wurde, die in Verbindung mit dem schmalen Radkasten stand, der wiederum als Bank für Leute diente, die sich dort oben aufhielten und arbeiteten. Die Ruderstange, welche die zwei sich gleichzeitig bewegenden Steuerruder zu beiden Seiten des Rades regierte, ragte ebenfalls aus der Plattform hervor; der Steuermann hatte dadurch eine verhältnismäßig bequeme Arbeit und gewann durch seinen hohen Standpunkt einen Überblick über den sich weithin erstreckenden falschen Wasserspiegel, der nur zu viele Hindernisse barg. In den Raum zwischen dem Kessel und der Kajüte teilten sich der Heizer und der Maschinenmeister, und zwischen diesen wurden auf einem schmalen Gang, der über die ganze Breite des Bootes reichte, die Lagerequipage und den Proviant aufgestapelt. Vorn im Boot stand eine leichte Feldhaubitze; also blieb für das Heizungsmaterial nur noch der schmale Raum zu beiden Seiten des Dampfkessels übrig. Im Anfang schien es mir kaum möglich, daß unsere ganze Gesellschaft, die sich auf achtundzwanzig Mann belief, untergebracht werden könnte; doch stellte es sich später heraus, daß das Fahrzeug nicht zu überfüllt war, um zuweilen noch einige neugierige indianische Passagiere mitzunehmen.

Die beiden Hauptpersonen der »Explorer« waren der Maschinenmeister Carrol und Kapitän Robinson, denn ihnen allein verdankte das jungfräuliche Fahrzeug, daß es trotz der tausendfachen Hindernisse und Gefahren, von denen es ständig umgeben war, wohlbehalten das Ende der Schiffbarkeit des Colorado erreichte und glücklich wieder zurück nach Fort Yuma gelangte.

Mr. Carrol, ein ganz junger Mensch, war anerkannt tüchtig in seinem Fach, außerdem aber ein guter Gesellschafter. Als eingefleischter Amerikaner war er natürlich voll krasser Vorurteile, wodurch er während der vielen Stunden, die wir auf irgendeiner unerwünschten Sandbank zubrachten, reichen Stoff zur Unterhaltung lieferte. Er bestritt die Möglichkeit, daß unter einer schwarzen Haut eine Seele wohnen könne; er bewies das Naturwidrige einer Verbindung der weißen mit jeder farbigen Rasse und handhabte dabei seine Maschinen sowie seine Flöte, als wenn er mit beiden zusammen auf die Welt gekommen wäre; und wenn das eine oder das andere seinem Schrauben und Hämmern nicht sogleich Folge leistete, so nahm er seine Zuflucht zu derben Verwünschungen, was in seinen Augen eine gute Wirkung zu haben schien, ihm von uns dagegen den Namen »Captain Iron« (»Kapitän Eisen«) eintrug. Er war übrigens in das Stadium gelangt, in dem man sich so gern necken läßt, und stets genügten einige Bemerkungen über die schönen Bewohnerinnen von Philadelphia, um seinen Zorn, den er an leblosen Gegenständen ausließ, zu besänftigen. Philadelphia war nämlich seine Vaterstadt; er hatte von dort aus unsere kleine »Explorer« nie aus den Augen verloren und endlich die Zusammenstellung derselben an der Mündung des Colorado geleitet.

Kapitän Robinson, der schon seit einigen Jahren an der Mündung des Colorado in einer Hütte lebte, war das Bild eines biederen, ruhigen Seemanns. Auf den zahlreichen Reisen, die er als Kapitän auf den Dampfbooten zwischen Fort Yuma und dem Golf zurückgelegt hatte, erwarb er sich eine so genaue Kenntnis des Charakters dieses Flusses, daß es ihm vollkommen gelang, die »Explorer« auf der gefährlichen Straße ohne Unglücksfall hin und zurück zu steuern. Er war beliebt bei der ganzen Gesellschaft, und ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß der glückliche Erfolg der Flußexpedition hauptsächlich der Ruhe, der Umsicht und der Energie des braven Kapitän Robinson zugeschrieben werden muß. Zwei Bootsleute, ein Schmied der zugleich Heizer war, und ein Zimmermann, bildeten die übrige Bemannung des Dampfbootes, das dazu bestimmt war, mit dem Stöhnen einer Dampfmaschine zum ersten Mal das Echo in den geheimnisvollen Schluchten des Colorado zu wecken.

Die beiden letzten Tage in Fort Yuma waren für uns also Tage der Arbeit; niemand wollte sich mit entbehrlichen Sachen beschweren, aber auch nichts zurücklassen, was auf der Reise von Wichtigkeit hätte sein können. Es wurde gepackt, wieder umgepackt, manches zurückgelegt, manches hinzugefügt, und die Dämmerung schlich herbei, ehe man es gewahrte. Den Abend verbrachten wir im fröhlichen, geselligen Zusammensein, bei welcher Gelegenheit etwas mehr wie gewöhnlich getrunken wurde, was ich aber lediglich auf Rechnung der Sandstürme schreibe, die während des Tages den Gaumen förmlich dörrten und die Zunge fast unbrauchbar zur Unterhaltung und noch mehr zum Gesang machten.

Ja, man sang auch, und zwar melancholische Heimatlieder, die eine Träne der Wehmut ins Auge lockten; man sang aber auch das Lob auf den Rheinwein, wodurch der Gedanke an die Tausende von Meilen, die uns von der Heimat trennten, weit zurückgedrängt wurde. Den Gesang begleiteten Egloffstein und Carrol auf ihren Flöten, Dr. Newberry auf der Violine und Lieutenant Ives und ich auf Gitarren – lauter Instrumente, die wir noch auf der »Explorer« unterzubringen wußten und die uns später in der leblosen Wildnis manchen heiteren Abend verschafften.

Auf die Gesänge folgten Tänze, und was für Tänze! Bärtige Männer umschlangen sich mit nerviger Faust und stampften mit schweren Absätzen nach unserer taktlosen Musik, dem ewigen Yankee-doodle und dem schottischen Hornpipe. – Der Atem ging zuletzt aus, die Finger erlahmten, hoch schwang einer der im Fort Zurückbleibenden den vollen Becher, indem er uns zurief: »Wenn die Mohave-Indianer euren Skalp lüften, dann denkt an uns!«

»Wenn die Mormonen euch mit eurem Fort niederbrennen, dann denkt an uns«, erhielt er zur Antwort, und der Chor fiel jubelnd mit lautem Gesang ein: »I can't stay in this wilderness, but a few days . . .« Die Hände wurden gereicht, kühle Luft strömte durch die plötzlich geöffneten Türen, und jeder schritt seiner Wohnung oder seinem Lager zu. Das war die letzte Nacht in Fort Yuma.

Am folgenden Morgen, dem 11. Januar, in den Frühstunden war an der Fähre die ganze weiße und indianische Bevölkerung von Fort Yuma und Umgegend versammelt; schwarzer Rauch entstieg dem Schornstein der »Explorer«, feine weiße Dampfwölkchen zischten aus den Fugen der zugedrehten Ventile, ungeduldig, in kurzen Absätzen peitschte das große Rad die lehmigen Fluten, und schrillend rief die am Kessel sinnig angebrachte Dampfpfeife: »Alle Mann an Bord!« Ein schwankendes Brett bildete die Verbindung zwischen dem Ufer und dem Boot, und über diese schwache Brücke eilten mit ihren Bündeln und Musketen die Soldaten und Arbeiter unserer Expedition. Wir standen noch auf dem Ufer und wechselten die letzten Abschiedsworte mit unseren Freunden, beobachteten das geschäftige Treiben der gedrängt stehenden Bemannung, die auf beste Weise ihre Glieder wegzustauen trachtete, und spendeten Lobsprüche der kleinen »Explorer«, die wie ein mutiges Streitroß ungeduldig an dem fesselnden Tau riß und ihre Flagge, die lustigen Sterne und Streifen, stolz im Wind flattern ließ.

»Auf Wiedersehen«, hieß es endlich; der langbärtige Kapitän Robinson ergriff das Steuerruder; die Kommandos »Alle Mann an Bord!« und »Los das Tau!« erschallten; die Strömung führte das Fahrzeug vom Ufer der Mitte des Flusses zu, Mr. Carrol öffnete auf des Kapitäns Befehl die Ventile der Dampfröhren, das Rad tauchte seine Speichen der Reihe nach in die Fluten, wälzte sich schneller und schneller um die drehende Achse, weißer Schaum bildete sich vor dem Bug des Schiffes, und dahin zogen wir einem unbekannten Ziel entgegen. »Hurra!« riefen die am Ufer Versammelten; »Hurra!« antwortete die Expedition, und dreimal wurde auf beiden Seiten der Gruß wiederholt, ehe der Fort-Yuma-Felsen sich zwischen uns und unsere früheren Gefährten drängte.

Als wir um den Felsen bogen, hatten wir die lange Strecke des Flusses vor uns, die man von der Höhe des Forts zu übersehen vermag und die scheinbar aus einer Reihenfolge von Sandbänken besteht, zwischen denen sich das Wasser schmale Kanäle hindurchgewühlt hat. Unser Wunsch, noch vor Abend den Blicken der vom Fort aus Nachschauenden entzogen zu werden, schien sich nicht erfüllen zu wollen; denn noch keine zwei Meilen hatten wir zurückgelegt, als der Bootsmann, der fortwährend die Meßstange in die Fluten tauchte, ausrief: »Dreieinhalb Fuß! – Drei Fuß! – Zweieinhalb Fuß!« und das Schiff, das mit seiner schweren Ladung zweieinhalb Fuß Tiefgang hatte, gleich nachher auf einer Sandbank festsaß.

Der Fluß wurde darauf mittels eines leichten Ruderbootes untersucht, und als sich in geringer Entfernung wieder tieferes Wasser zeigte, wurde der Anker ungefähr zweihundert Fuß weiter nach vorn ausgeworfen und die »Explorer« über das Hindernis hinübergewunden. Es war eine schwere, langwierige Arbeit; die mehrere Stunden und alle Kräfte erforderte; dafür gewannen wir aber Zeit, uns einigermaßen auf dem Dampfboot zu orientieren und uns auf dem sehr beschränkten Raum, der für Monate unser täglicher Aufenthalt bleiben sollte, etwas bequemer einzurichten. Der größte Teil des Dachs der Kajüte wurde von Kapitän Robinson in Anspruch genommen, dessen eiserne Ruderstange in einer für unsere Füße gefährlichen Weise über die ganze Breite der Plattform hin und her fegte. Auf dem Radkasten, also hinter der Ruderstange, befand sich eine Art von Bank für vier Personen, die von dem Hydrographen Bielawsky, von Egloffstein dem Topographen, von Lieutenant Ives und zuweilen von Lieutenant Tipton, dem Kommandeur unserer Eskorte, eingenommen wurde. Vor dem Revier von Kapitän Robinson befand sich ein fünf Fuß breiter freier Raum, der ebenfalls über die ganze Breite reichte; diesen nun erklärten Dr. Newberry und ich für unser Reich. Dort lagen und standen außer den Waffen der Soldaten und einigen Instrumenten die Apparate und Koffer, die zu unseren Sammlungen bestimmt waren. Wir selbst fanden bequemen Platz auf den Kisten und hatten dort stets unsere Zeichen- und Jagdgerätschaften in der Nähe; und bei der freien Aussicht, die sich uns von dort aus bot, hatten wir fast unausgesetzt Gelegenheit, von dem einen oder dem anderen Gebrauch zu machen.

Unten im Boot selbst, auf dem angehäuften Brennholz, auf den Wänden des Fahrzeugs und sogar oben auf dem Dampfkessel, saßen, lagen und kauerten die Soldaten, Bootsleute, Diener und Indianer. Alle außer den wackeren und gewandten Bootsleuten zeigten in ihren Mienen unverkennbare Zufriedenheit darüber, daß es ihnen vergönnt war, den größten Teil der Zeit in süßem Nichtstun hinzubringen.

Die auffallendsten Gestalten in diesem Haufen waren ein Diegeno- und ein Nyma-Indianer, die uns als Dolmetscher auf der abenteuerlichen Fahrt begleiteten. Maruatscha, der Nyma, war ein hochgewachsener, stämmiger Yuma, der vertraut war mit allen Mundarten der am Colorado lebenden Eingeborenen und daher imstande, zwischen diesen und uns zu vermitteln, indem er sich mit dem Diegeno-Indianer Mariando in der Yuma-Sprache einigte und letzterer sich wieder der spanisch-mexikanischen Sprache bediente, um sich uns verständlich zu machen.

Maruatscha stand unter den Eingeborenen im Ruf eines großen Redners, eines talentvollen Sängers und vor allem eines gefürchteten und anerkannten »Löwen«, dem keine Indianerin am Colorado zu widerstehen vermochte. Die Reise mit uns schien ihm sehr gelegen zu kommen, indem er schon längst, wie Mariando versicherte, den Entschluß gefaßt hatte, zwei seiner weiter nördlich lebenden Frauen zu besuchen. Mariando, ein stiller, freundlicher Indianer, der schon den gesetzteren Jahren angehörte, verband mit der seiner Rasse eigentümlichen Schlauheit eine gewisse Ehrlichkeit und Empfänglichkeit des Gemüts, die ihn bald bei allen beliebt machten und weit über sämtliche dortigen Eingeborenen, in unseren Augen aber auch über die rohen amerikanischen Soldaten, stellten. Beide Indianer hielten treu zu uns und leisteten uns durch ihre genaue Verdolmetschung die wesentlichsten Dienste.

Endlich gelangte die »Explorer« wieder in tiefes Wasser und glitt mit voller Dampfkraft dahin. Doch nur von kurzer Dauer war unsere Freude; nach Zurücklegung von etwa zwei Meilen erschallte abermals das verhängnisvolle »Two feet and a half!«, und wir saßen auf einer neuen Sandbank fest. Das Winden und Heben wollte gar kein Ende nehmen, und erst gegen Abend erreichten wir gutes Fahrwasser am rechten Ufer, wo wir anhielten, um zum letzten Mal nahe dem Fort zu übernachten. Zelte und Lagergeräte wurden ans Ufer gebracht, trockenes Treibholz lag in Massen umher, und als es dunkelte, beleuchteten helle Feuer die schwarzen Umrisse der ruhenden »Explorer« und die in Gruppen beisammen sitzenden Leute.

Die Erfahrungen des ersten Tages unserer Reise konnten nur sehr gering genannt werden, denn wir befanden uns in der Mitte der Landschaft, die wir so oft von den Höhen des Forts aus übersehen hatten, und in gerader Richtung, kaum vier Meilen vom Fort selbst; wir waren umgeben von feuchtem, schlammigem Boden, dessen Einförmigkeit allein von den Haufen des Treibholzes unterbrochen wurde. Auf dem linken Ufer erblickten wir den ebenso einförmigen Streifen einer Weidenwaldung, vor uns dagegen lag, uns gleichsam lockend, die tief gekerbte Reihe der Dome Mountains.

Die Nacht war klar, aber kalt, und tüchtiges Feuer war erwünscht, als wir uns am frühen Morgen des 12. Januar zur Weiterreise rüsteten. Glücklicher als am vorhergehenden Tag, legten wir, ohne auf Hindernisse zu stoßen, eine bedeutendere Strecke zurück, und die »Explorer« wollte eben das rechte Ufer verlassen und, dem Hauptkanal folgend, sich nach dem linken Ufer hinüberziehen, hinter dem uns zum ersten Mal die Aussicht auf Fort Yuma entzogen worden wäre, als ein junger Indianer aus dem dichten Weidengebüsch brach und uns unter lautem Schreien ein kleines Paket zeigte. Das Ruderboot wurde bemannt, der Indianer an Bord gebracht, und es stellte sich zu aller Freude heraus, daß unvermutet am vorhergehenden Abend eine Post auf der Station eingetroffen war, die einen reichen Schatz von Briefen und Zeitungen für uns mitgebracht hatte. Den indianischen Boten behielten wir bei uns, um ihn am gleichen Tag noch wieder mit Briefen zurücksenden zu können. Die »Explorer« verfolgte unterdessen ihre Straße, und kaum eine Stunde nach Empfang der Briefe saßen diejenigen, welche nicht durch besondere Arbeiten gefesselt waren, an verschiedenen Punkten auf der Plattform und schrieben, trotz des Zitterns und Bebens, das die unermüdlichen Maschinen erzeugten, die ersten Briefe auf den lehmfarbigen Wellen des Colorado.

Um die Mittagszeit wurde an einer geeigneten Stelle Holz eingenommen, der Indianer zu gleicher Zeit entlassen, und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich wieder der Umgebung zu, die sich indessen nur wenig von der am vorhergehenden Tag unterschied. Die Wüste in Form einer sich nach dem Fluß zu senkenden Kiesebene engte das Tal abwechselnd ein und verriet schon durch ihre Vegetation die Beschaffenheit ihres Bodens. Artemisien, Kreosotpflanzen und Greasewood oder Talgholzpflanze – so genannt wegen der Schnelligkeit, mit der sie vom Feuer verzehrt werden, und die vorzugsweise auf nahrungslosem Boden gedeihen – bildeten kleine Gruppen auf der Ebene selbst, während in den vom Wasser ausgehöhlten Spalten die höheren Kronen der Mesquitebäume und blätterarmer Dornbäume emporragten und Weiden strichweise den einzigen Schmuck der Ufer des Stroms bildeten. Schöngefiederte Pelikane sonnten sich träge auf den Sandbänken; weiße Reiher saßen wie sinnend auf den zahlreichen Treibholzklippen (Snags) umher, Kraniche segelten in langen Reihen durch den klaren Äther und erfüllten die Lüfte mit ihrem durchdringenden Geschrei, während die blauen Reiher regungslos im seichten Wasser auf ihre Beute lauerten und grünschillernde Kormorane vor dem heranbrausenden Dampfer aufflogen, in einiger Entfernung vor diesem sich wieder auf dem Wasserspiegel niederließen, um sich nach kurzer Zeit von neuem verscheuchen zu lassen.

Wir legten an diesem Tag fünfzehn Meilen zurück und stießen erst zur späten Nachmittagsstunde auf Hindernisse ernsterer Art, die uns veranlaßten, früher, als es unter günstigeren Umständen geschehen wäre, unser Tagewerk für beendet zu erklären. Das rechte Ufer war uns am nächsten, das Wasser an diesem tief, der Kapitän steuerte daher die »Explorer« darauf zu, und bald darauf waren unsere Leute damit beschäftigt, zwischen den gedrängt stehenden Weiden eine Stelle zu unserem Lager zu säubern. So klar und schön das Wetter war, so machte sich doch der Januar auch schon in diesen Breiten sogar während des Tages bemerkbar. Tüchtige Feuer, welche die Annehmlichkeiten des Lagerlebens erhöhen, knisterten daher vor jedem Zelt, und diese zu unterhalten wurde uns nicht schwer, da uns ein wahrer Überfluß an leichtbrennendem, trockenem Holz umgab.

Kapitän Robinson, der während des Tages stets so wortkarg war und für nichts als für die sichere Fahrt unseres Dampfbootes Sinn zu haben schien, taute förmlich auf, wenn er mit uns im Kreise saß; er wurde fröhlich und gesprächig, und gern ließ ich mich mit ihm in eine Unterhaltung ein, die bei seinem klaren Urteil und bei seiner Kenntnis des dortigen Landes nur belehrend für mich sein konnte. Wir sprachen an diesem Abend von den dortigen Eingeborenen und verglichen die Indianer des Gila- und des Coloradotals mit einzelnen Stämmen des Ostens, die schon längst von den Weißen verdrängt wurden und die jetzt gleichsam die Schutzmauer gegen die wilden Prärie-Indianer bilden. Natürlich fiel das Urteil zugunsten der letzteren aus, doch wurde auch hervorgehoben, daß es bis jetzt noch nicht möglich sei, genau zu entscheiden, was für Fähigkeiten in den zuerst erwähnten Nationen schlummern.

»Ganz abgesehen davon«, sagte Robinson, »daß auch unter einer roten Haut ein Gentleman verborgen sein kann, glaube ich doch kaum, daß jemals ein Yuma- oder Mohave-Indianer ein weißes, wohlerzogenes Mädchen so weit zu fesseln imstande wäre, daß sie ihn zu ihrem Gatten wählte, was doch besonders in neuerer Zeit mehrfach in den Vereinigten Staaten am Missouri und Mississippi vorgekommen ist. Freilich sind auch dort Fälle bekannt, die man am Anfang für unglaublich hätte halten müssen; doch die Liebe vermag viel«, fügte er mit einem vielsagenden Lächeln hinzu, als ob er diese Behauptung ganz bequem durch Mitteilung eigener Erlebnisse bekräftigen könne.

»Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her«, fuhr er fort, »als das Arkansas-Territorium als Staat in die Union aufgenommen wurde. Schon vor dieser Zeit lebten eine Menge Ansiedler in der Gegend von Little Rock, dem jetzigen Gouvernementssitz dieses Staates. Diese Leute waren nicht nur einfache Ackerbauer, die im Schweiße ihres Angesichts den Boden bestellten, sondern es befanden sich auch Familien unter ihnen, die Mittel genug besaßen, sich mit einem gewissen Luxus zu umgeben und zugleich ihren Kindern eine sorgfältige Erziehung und Ausbildung angedeihen zu lassen.

Ein solcher Mann war Mr. Jones. Im Wald, wo hochstämmige Bäume ihn von allen Seiten umgaben, hatte er eine Sägemühle angelegt, die seinen Erwerbszweig bildete, doch floß ihm sein Reichtum auch noch aus anderen Quellen zu; er hätte es sonst gewiß nicht vermocht, sich so viele Sklaven zu halten und ein so schönes Haus zu bauen, in dem er still und zufrieden mit seiner Frau und seinen drei Töchtern lebte.

Die Chickasaw-Indianer, damals noch eine wilde Nation, bewohnten ebenfalls jene Gegend; sie jagten, fischten, bekriegten ihre Feinde, und außer einigen Diebstählen kam nichts vor, was eine größere Feindschaft zwischen den Ansiedlern und ihren Nachbarn hätte veranlassen können. Mr. Jones, mehr aber noch seine Frau genossen bei den Eingeborenen ein gewisses Ansehen, nicht allein für die Geschenke, die sie an die Wilden austeilten, sondern auch für die Nachsicht, mit der sie ihnen erlaubten, ihr Haus und den Hof zu betreten. Eine natürliche Folge hiervon war, daß sich ein gegenseitiges Zutrauen einstellte, das so weit gedieh, daß einzelne der indianischen Sprößlinge mit den Kindern des Mr. Jones, dessen älteste Tochter kaum das zehnte Jahr erreicht hatte, verkehren durften.

Unter der dunkelfarbigen Gesellschaft, die man am häufigsten in harmlosen Spielen mit den kleinen Mädchen erblickte, zeichnete sich besonders ein schlanker Bursche von etwa fünfzehn Jahren aus, dem man, seiner außerordentlichen Gewandtheit wegen, den Namen ›Wiesel‹ beigelegt hatte. Er übernahm gleichsam die Rolle eines Beschützers seiner kleinen weißen Gespielinnen und wachte mit einer solchen zuverlässigen Sorgfalt über diese, daß, wenn die Kinder sich vom Hof entfernt hatten, jeder im Haus sich beruhigt fühlte, wenn er Wiesel in ihrer Nähe wußte. In dem Grad, in dem Wiesel durch seine Zuverlässigkeit und durch Einbringen von Wild seine Anhänglichkeit an die jungen Mädchen zu erkennen gab, bewiesen ihm diese, und besonders das älteste, ihre Zuneigung dadurch, daß sie ihn nicht nur gut englisch sprechen, sondern auch lesen lehrten, eine Arbeit, der sich der junge Indianer mit außergewöhnlicher Geduld unterwarf. Es war ein schönes Bild, wenn man den Burschen, der sich in seinem Äußeren nur durch einen schlanken Wuchs und regelmäßigere Gesichtsbildung von den meisten seiner Stammesgenossen unterschied, in der Mitte der zarten Kinder erblickte, deren Haut neben den bronzefarbigen Zügen ihres Gefährten nur noch reiner und weißer erschien und deren sanfte, hellblaue Augen in so grellem Kontrast zu den feurigen, schwarzen Pupillen des Indianers standen. Alle bunten Bänder und kleinen Schmucksachen, deren die Mädchen habhaft werden konnten, hingen sie ihrem Liebling um, der ihnen dafür die schönsten Blumen und Vögel des Waldes zurückgab.

Diese völlige Umgestaltung eines der Ihrigen rief unter Wiesels Verwandten allerdings Mißvergnügen hervor, da jedoch niemand seinen starren Sinn zu brechen vermochte und der stets phantastisch gekleidete junge Mann gewissermaßen eine Zierde des Stammes wurde, so ließ man ihn gewähren und hoffte, daß er dereinst von selbst wieder zu Gewohnheiten und Verhältnissen zurückkehren würde, für die er geboren und ursprünglich bestimmt war.

Die Zeit verging unter solchen Umständen; Wiesel erreichte sein siebzehntes Jahr und verstand schon ebensogut mit der Feder wie mit der Büchse und dem Bogen umzugehen, als sich ein Umstand ereignete, der plötzlich über die ganze Zukunft des jungen Indianers entschied. Die Nation der Chickasaws beabsichtigte einen Kriegszug in das Gebiet eines feindlichen Stammes zu unternehmen, und Wiesels Verwandten schien dies die beste Gelegenheit, ihn durch Teilnahme an diesem wieder in einen vollständigen Indianer umzuwandeln. An allen Tänzen und Festlichkeiten, die, um einen guten Erfolg des verabredeten Unternehmens zu sichern, von den Chickasaws aufgeführt wurden, mußte Wiesel sich beteiligen, und der wilde Enthusiasmus der alten, erfahrenen Krieger sowie die Aussicht, durch eine kühne Tat in ihre Reihen aufgenommen zu werden, verfehlten nicht ihren Einfluß auf den Burschen, dessen indianisches Blut mit aller Wildheit zu kochen begann. Gräßlich bemalte er seit langer Zeit wieder erstmals sein Gesicht, die entblößte Brust und die Arme, und auf diese Weise kriegerisch geschmückt, eilte er zu seinen kleinen weißen Gespielinnen, um ihnen von kommenden großen Taten zu erzählen und mit seiner Kraft, seiner List und seiner Tapferkeit zu prahlen. Erschrocken wichen die jungen Mädchen vor dem entstellten Wiesel zurück, und als er sich stolz aufrichtete und mit indianischer Beredsamkeit mitteilte, daß er jetzt statt der Blumen nur noch blutige Skalpe seiner erschlagenen Feinde mitbringen würde, da wendeten die Kinder sich von ihm und riefen ihm weinend zu, daß sie nie seine blutige Hand berühren und ihn sogar nie wiedersehen wollten. Bitter enttäuscht schaute Wiesel auf seine trauernden Freundinnen, lange kämpfte er mit sich selbst und schritt dann schweigend zum nächsten Wasser, wo er seine kupfrig glänzende Haut von den entstellenden Farben reinigte. Niedergeschlagen kehrte er zu den Wigwams seines Stammes zurück, doch kaum hatte man dort seine Züge erblickt, auf denen die kriegerische Malerei fehlte, als der von Natur mutige Wiesel laut der Feigheit angeklagt und von allen Seiten beschimpft und verhöhnt wurde. Die Zauberer und Medizinmänner des Stammes erklärten indessen, daß ein böser Geist in den jungen Indianer gefahren sei und daß sie einen Versuch machen würden, denselben wieder auszutreiben; selbst Wiesel schenkte den Behauptungen der weisen Männer Glauben und unterwarf sich willig den ihm angeordneten Kuren. Er gebrauchte Dampfbäder, indem er in einen kleinen, dicht verschlossenen Behälter kroch, in welchem mittels glühender Steine und Wasser heißer Dampf erzeugt wurde; im Zustand der größten Erhitzung stürzte er sich dann ins kalte Wasser. Die Zaubertrommel wurde fortwährend in seiner Nähe gerührt und von wildem Gesang begleitet, doch nichts vermochte den kriegerischen Mut des Jünglings wieder anzufachen; der Tag des Aufbruchs der Krieger rückte heran, doch Wiesel blieb ernst und verschlossen. Endlich erklärte er seine Absicht, den Erfolg des Fastens zu versuchen, und ohne Lebensmittel oder Waffen mit sich zu führen, schritt er dem Wald zu.

An diesem Abend erschien Wiesel im Haus des Mr. Jones, wo er mit der gewohnten Freundlichkeit aufgenommen wurde. Ohne Rückhalt teilte er dem Ansiedler seine ganze Lage mit und fügte zugleich die Bitte um seine Beihilfe hinzu, da er gesonnen sei, ein weißer Mann zu werden und eine Gegend zu verlassen, in der er von seinen nächsten Verwandten nur mit Spott und Hohn behandelt werde. Es bedurfte keines großen Zuredens von seiten der Mrs. Jones und ihrer Kinder; Mr. Jones hatte schon längst die Anlagen und Neigungen des jungen Indianers erkannt, und menschenfreundlich, wie er war, gewährte es ihm große Freude, einen Versuch mit den Talenten eines Abkömmlings der unglücklichen, verfolgten Rasse der Urbewohner des amerikanischen Kontinents machen zu können. Am folgenden Morgen in aller Frühe wanderte Wiesel, der den Namen Johnson angenommen hatte, am Arkansas River hinunter; er war mit Geld und Briefen versehen, und nachdem er den Mississippi erreicht hatte, wurde es ihm nicht schwer, auch seinen Weg nach Philadelphia zu finden, wohin er von Mr. Jones an einen seiner Freunde empfohlen worden war.

Ich überspringe jetzt einen Zeitraum von acht Jahren«, erzählte Robinson weiter. »Acht Jahre vergingen, während dieser Zeit Wiesel beständig in brieflichem Verkehr mit seinem Wohltäter und dessen Familie blieb. Die Geldsummen, die er von dort alljährlich erhielt, wurden auf seinen ausdrücklichen Wunsch verringert und in den letzten drei Jahren endlich ganz von ihm zurückgewiesen. Manches hatte sich unterdessen geändert; die Bevölkerung im Arkansasgebiet war dichter geworden, die Chickasaws waren weiter westlich auf die Nordseite des Arkansas gezogen und begannen Viehzucht und Ackerbau zu treiben; Mr. Jones' Reichtum hatte sich noch bedeutend vergrößert, und aus der ältesten Miss Jones war eine ehrbare Frau geworden. Doch auch in Philadelphia war nicht alles beim alten geblieben, trotzdem Wiesels Briefe an seine Jugendgespielinnen und deren Antworten auf dieselben noch immer den harmlosen, kindlichen Charakter früherer Jahre trugen; denn eines Abends erschien im Haus des Mr. Jones ein feingekleideter Herr, in dessen dunkler Gesichtsfarbe die indianische Abkunft nicht zu verkennen war, dessen Wesen und Benehmen aber durchaus den gebildeten Gentleman verriet.

›Doktor Johnson‹, sprach Mr. Jones, als er den Herrn seiner Familie vorstellte, und ›Wiesel!‹ schallte es freudig zurück, als die Damen des Hauses ihren alten Bekannten herzlich begrüßten. Ein Blick überzeugte beide Teile, daß die Zeit der kindlichen Spiele längst vorüber sei, doch niemand empfand Schmerz darüber, denn da saß der einst wild geschmückte, angehende indianische Krieger als ein edel wirkendes Mitglied der zivilisierten menschlichen Gesellschaft. Dr. Johnson ließ sich in dortiger Gegend als praktischer Arzt nieder und erwarb sich bald großen Ruf. Wie lange er um die zweite Tochter des Mr. Jones freite, weiß ich nicht, mir wurde nur mitgeteilt, daß gar nicht so sehr lange nach der Ankunft des Dr. Johnson eine schöne Amerikanerin einem indianischen Gentleman ihre Hand gereicht habe.

Glauben Sie nun«, wandte sich Robinson an mich, »daß einer der hiesigen Indianer jemals die Rolle des ›Wiesels‹ spielen könnte?«

»Allerdings!« gab ich ihm zur Antwort. »Ich will zwar nicht von den Apachen sprechen, doch bin ich überzeugt, daß der eigentliche Charakter der ackerbauenden Stämme im Tal des Colorado im allgemeinen ebenso viele und vielleicht mehr gute Eigenschaften birgt, als die meisten Eingeborenen östlich von den Rocky Mountains aufzuweisen haben. Es ist nur ein Unglück, daß bei der ersten Bekanntschaft der Indianer mit den Weißen ihnen gewöhnlich ein schlechtes Beispiel gegeben wird und daß, wenn bessere Elemente erst dorthin gelangen, die Übel schon so tief Wurzel geschlagen haben, daß das Verdrängen derselben fast zur Unmöglichkeit geworden ist. In der Brust jedes Menschen – seine Farbe mag sein, welche sie will – liegt ein Keim zum Guten und ein Keim zum Bösen; was den einen weckt und emportreibt, tötet den anderen; nur mit dem Unterschied, daß der letztere weniger Nahrung bedarf und unter gleich starken Einflüssen üppig wuchert, während ersterer nur verstohlen langsam fortwächst.«

»Sie mögen recht haben«, antwortete Robinson, »doch glaube ich kaum, daß Sie in Amerika viele finden werden, die hinsichtlich der Indianer Ihre Meinung teilen.«

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