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Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1

Balduin Möllhausen: Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1 - Kapitel 8
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authorBalduin Möllhausen
titleReisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1
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Siebentes Kapitel

Der Rio Colorado – Pasqual, der Häuptling der Yuma-Indianer – Fort Yuma – Die Umgebung von Fort Yuma – Dome Mountains – Colorado City – Die Erdbeben – Die Schlammvulkane – Die Yuma-Indianer – Die Offiziere des Militärpostens – Das Leben im Lager auf dem Ufer des Colorado – Der Chimney Peak in den Rocky Mountains – Erzählung eines Abenteuers des Herzogs Paul Wilhelm von Württemberg am Nebraska

In meinem ersten Reisewerk»Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 405-408. habe ich mich schon über die ältesten Nachrichten, die den Rio Colorado des Westens betreffen, ausgesprochen; ebenso erwähnte ich die Namen von Reisenden, die es zuerst wagten, bis in die nördlichste Spitze des Golfs von Kalifornien und demnächst in den Colorado selbst vorzudringen. Im Begriff, die neuesten, an Ort und Stelle gewonnenen Nachrichten niederzuschreiben, ist es vielleicht angemessen, wenn ich noch einmal auf die ersteren zurückkomme.

Nachdem Fernando Cortez sich im Jahre 1521 vom Vorhandensein und von der Nähe der Südsee überzeugt hatte, gab er sich der Hoffnung hin, auch eine Durchfahrt oder vielmehr eine Verbindung der beiden Weltmeere zu entdecken. Welche Wichtigkeit er auf die Verwirklichung seiner kühnen Hoffnung legte, geht aus einem Brief hervor, den er an Kaiser Karl V. schrieb, in dem es heißt: »Ew. Majestät werden selbst einsehen, daß diese Unternehmungen Ihnen mehr Ehre machen und unendlich mehr nutzen werden als alle bisherigen Forschungen in Indien.« Die Forschungen nach der gehofften Durchfahrt, die in beiden Meeren auf Befehl des Kaisers unternommen wurden, waren also gewissermaßen die erste Ursache, daß man so bald genauere Kenntnisse von den Küsten von Sonora und der kalifornischen Halbinsel erhielt. Die immer aufs neue ausgesandten Schiffe, die bald an der Westküste, bald an der Ostküste der Halbinsel, häufig aber auch an der Küste von Sonora hinaufsegelten, gelangten erst im Jahre 1540Fernando Alarchon erforschte im Jahre 1540 auf Befehl des Vizekönigs von Neu-Spanien, Antonio de Mendoza, den Golf von Kalifornien. wirklich bis an die Mündung des Colorado, ohne indessen den Fluß für etwas anderes als eine Verlängerung des Meerbusens zu halten. Die ersten Entdecker hatten dem Golf den Namen »Rotes Meer« beigelegt, wozu vielleicht die Ähnlichkeit mit dem arabischen Meerbusen, vielleicht aber auch die gelbliche Farbe desselben Veranlassung gegeben hat; später war er auch unter dem Namen »Cortezisches Meer« bekannt, bis er endlich allgemein als Golf von Kalifornien bezeichnet wurde.

Erst durch die Jesuiten, die im Jahre 1697 anfingen, zahlreiche Missionen in Kalifornien zu gründen, erhielten diese fast zweihundert Jahre alten Entdeckungen einigen Wert und verbreiteten sich auch glaubwürdigere Nachrichten über Länderstrecken, die man bis dahin fast unbeachtet, oder auch für unzugänglich gehalten hatte. Zu den letzteren gehört das Gebiet des Rio Colorado. Schiffer hatten es mehrfach versucht, in den Fluß hineinzusegeln, doch war ihr Vorhaben stets an der heftigen Brandung gescheitert, die an der Mündung durch Ebbe und Flut verursacht wird. Pater Kino (Kühn) war der erste, der es unternahm, von Sonora aus an den Gila und den Colorado zu gelangen, und von ihm stammen die ältesten wichtigen Nachrichten über den Colorado.»Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 407. Seinem Beispiel folgten später Pater Sedelmeyer und Pater Gonsago. Nachdem man sich endlich davon überzeugt hatte, daß der Colorado von unwirtlichen Wüsten eingefaßt sei, schien der Strom, dem man soviel Aufmerksamkeit zugewendet hatte, plötzlich seine Bedeutung verloren zu haben; man stand von ferneren Unternehmungen, den Colorado weiter nördlich kennenzulernen, vollständig ab, und die bis dahin gewonnenen Nachrichten wurden in den nächsten hundert Jahren nur durch einige astronomische Bestimmungen von Punkten nahe der Mündung bereichert.

Die Mormonen, die in einem kurzen Zeitraum die kulturfähigen Ländereien am Großen Salzsee verhältnismäßig dicht bevölkerten, richteten endlich ihr Augenmerk wieder auf den Colorado. Der Grund hierfür liegt sehr nahe; das Mormonengebiet wird ringsum durch ungeheure Wüsten und Steppen von allen zivilisierten Ländern getrennt; der Weg dahin ist also ein langer und beschwerlicher. Ferner ist dort nicht hinreichend tragbarer Boden vorhanden, um eine so starke Bevölkerung, wie die des Mormonenstaates zu werden verspricht und die hauptsächlich auf Ackerbau und Viehzucht angewiesen ist, gestatten zu können. Für diese beiden so fühlbaren Übelstände konnte der Colorado im günstigsten Fall eine Aushilfe bieten. Erwies sich dieser Strom als schiffbar, so konnte das südliche Utah-Gebiet in direkte Verbindung mit den Hafenstädten der ganzen Erde gebracht werden; waren die Täler des Flusses umfangreich und fruchtbar genug, so konnte das Mormonentum langsam, aber zugleich fest einwurzelnd, sich gegen Süden, und zwar bis in den Staat Sonora, ausdehnen.

All dies hatten die Mormonen im Auge, als sie bei der Regierung in Washington um die Erforschung des Colorado einkamen. Die beste Unterstützung fanden sie bei der Regierung selbst, die von dem eifrigen Wunsch beseelt ist, jeden unbekannten Winkel auf dem amerikanischen Kontinent erforschen zu lassen. Zum Unglück brachen aber offene Feindseligkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und den Mormonen aus, und anstatt von letzteren unterstützt zu werden, wurden unserer Expedition unüberwindliche Hindernisse in den Weg gelegt. Schon in Pueblo de los Angeles erging an mich durch einige Mormonen die Aufforderung, mich als Ausländer von der Expedition zu trennen, wenn mir mein Leben lieb sei. Es wurde also einem Unternehmen, das rein wissenschaftlicher Art war, ein militärischer Zweck untergeschoben, und als bewaffnete, feindliche Macht sollten wir am oberen Colorado von den Mormonen empfangen werden. Ich bestreite übrigens keineswegs die Möglichkeit, daß die Orders, die später unsere Expedition teilweise in eine militärische umwandelten, schon lange vorher beabsichtigt waren.

Wir erreichten also am 19. Dezember den Colorado und schlugen an der Stelle, wo wir den Fluß zuerst erblickten, unser Lager auf. Unsere Lebensmittel waren erschöpft, kein Gras in der Nähe sichtbar, weshalb Peacock noch an demselben Tag hinauf nach dem Fort ritt, dort unsere Ankunft meldete und mit dem kommandierenden Offizier ein Übereinkommen hinsichtlich der Weide für unsere Herde und Lebensmittel für uns selbst traf.

Gegen Abend füllte sich unser kleines Lager mit Yuma-Indianern, lauter schönen, großen Leuten, die durch ihr ganzes Benehmen zeigten, wie sehr sie sich schon an den Umgang mit den Weißen gewöhnt hatten. Besonders hervorragend war unter diesen der Häuptling Pasqual mit seiner Familie; er überreichte uns seine Empfehlungsschreiben, die von verschiedenen Offizieren des Militärpostens ausgestellt waren und die ihn als ersten »Capitano« der Yumas und zugleich als einen zuverlässigen Indianer schilderten. Wie die Indianer gewöhnlich dergleichen »sprechende Papiere« für die besten Mittel zum Betteln halten, so geschah es auch hier; Senor Pasqual schien daher bitter enttäuscht, als er keine Geschenke von uns erhielt, und dabei ermüdete er nicht, uns zu wiederholen, wie anständig frühere Reisende ihn immer bedacht hätten. Seine Gattin mit ihrem dicken Bastrock und den ungekämmten Haaren gab ihren Unmut über den Mangel an Freigebigkeit, dem diesmal nur augenblickliche Armut zugrunde lag, auf deutlichere Weise zu erkennen; sie setzte sich zu den Packknechten ans Feuer und schickte von dort einen solchen Schwall von Schmähungen und Verwünschungen zu uns herüber, daß wir nicht umhin konnten, über den Beweis der indianischen Unermüdlichkeit ihr die größte Bewunderung zu zollen. Übrigens bestanden die Vorwürfe in sieben bis acht englischen und spanischen Worten, die nur den niedrigsten Menschenklassen eigentümlich sind und die hinlänglich bewiesen, daß die edle Häuptlingsfrau sich ihre Kenntnis fremder Sprachen in der Gesellschaft amerikanischer Soldaten angeeignet hatte und daß sich diese eben nur auf diese wenigen unwürdigen Worte beschränkte.

In aller Frühe des folgenden Tages stieß Peacock wieder zu uns; wir hatten uns schon gerüstet und traten daher ohne Zeitverlust die Reise nach Fort Yuma an. Es waren noch zehn Meilen bis dahin, und der Weg führte von unserem Lager aus dicht am Pilot Knob vorbei, dessen Basis vom Colorado bespült wird; hinter dem Pilot Knob öffnete sich ein umfangreiches Tal, das wie der Fluß eine starke Biegung gegen Osten machte. Die dichten Mesquitewaldungen, die Weiden und Cottonwood-Bäume benahmen uns fast fortwährend die Aussicht, und nur wenn wir uns dem Fluß näherten, gewannen wir einen Blick auf die blaue Gebirgskette im Norden, die sich nicht durch ihre Höhe, wohl aber durch ihre phantastischen Formen auszeichnete, denen sie auch den Namen »Dome Mountains« verdankt. An einigen indianischen Farmen und an zwei größeren Gehöften weißer Ansiedler zog sich die staubige Straße vorbei, und als endlich die dichte Weidenwaldung sich öffnete, erblickten wir vor uns auf einem kahlen Felsenhügel die Baracken und Gebäude des Militärpostens Fort Yuma. In kurzer Zeit waren wir oben; das Quartier des Dr. Newberry fanden wir leicht, und unsere Gefährten, die sich in San Pedro von uns getrennt hatten, bewillkommten uns herzlich.

Hier nun erfuhren wir, daß Lieutenant Ives schon am 1. Dezember an der Mündung des Colorado gelandet sei, daß die Zusammenstellung des Dampfbootes gut vonstatten gehe und daß wir der Ankunft des Restes der Expedition in den ersten Tagen des Januar entgegensehen könnten. Wir hatten also noch wenigstens vierzehn Tage vor uns, die wir auf beliebige Art in Fort Yuma verwenden konnten; es war daher unsere Hauptaufgabe, uns in irgendeinem heimlichen Winkelchen so bequem und häuslich wie nur immer möglich einzurichten und dann der Dinge zu harren, die da kommen sollten.

Die zu der Militärstation gehörigen Herden hatten die nächste Umgebung, die an sich schon arm an Gras war, so kahl abgeweidet, daß wir gezwungen waren, alle unsere Tiere über den Colorado zu setzen und nach einer acht Meilen weit entfernten Wiese am Gila zu senden. Zum Schutz derselben schickten wir alle unsere Mexikaner mit, die dort ihr Standquartier aufschlugen und ihre Lebensmittel vom Fort bezogen. Wir selbst behielten nur einen Koch und einen Diener bei uns, begaben uns mit diesen und unserer Lagerequipage an das Ufer des Flusses und wählten zu unserem Aufenthalt eine Lichtung, die ringsum von hohen, dicht bestandenen Weiden und Pappeln eingeschlossen war und nur eine Aussicht auf den Colorado offen ließ. Dort schlugen wir unser geräumiges Zelt auf, breiteten aus grünen Zweigen einen weichen Teppich auf den staubigen Boden und auf diesen unsere einfachen Feldbetten; in einem schattigen Winkel unter den überhängenden Bäumen wurde der Speisesaal hergestellt, in einem anderen die Küche; und als wir dann endlich mit unserer Arbeit zu Rande gekommen waren, da blickten wir sie wohlgefällig an und fanden, daß wir in keinem Palast zufriedener und bequemer hätten unterkommen können als auf dem erhöhten Ufer des stattlichen Colorado.

Wenn man an einer unbekannten Stelle eben frisch zugezogen ist, namentlich in einer Wildnis wie am Colorado, so sucht man gern, ehe man sich nützlichen Arbeiten zuwendet, mit der Umgebung vollständig vertraut zu werden, zugleich aber auch die Menschen, auf die man zunächst angewiesen ist, kennenzulernen. – Unsere Nachbarschaft war bald durchforscht; fast undurchdringliche Weidengebüsche dehnten sich von unserem Lager weithin über die Niederung aus; hundert Schritte hinter unserem Zelt führte die Landstraße vorbei, einige Pfade verbanden dieselbe mit unserer Häuslichkeit, und dicht vor unserer Tür rauschte ununterbrochen der wilde, sandführende Strom. Was dann zunächst unsere Aufmerksamkeit am meisten in Anspruch nahm, das waren der Militärposten und seine Lage.

Gegenüber der Mündung des Gila, auf einem abgesonderten vulkanischen Hügel von granitischem Porphyr, dessen Höhe kaum hundert Fuß übersteigt, liegt Fort Yuma. Der Hügel findet seine Fortsetzung auf der Ostseite des Colorado, wo er sich auf geringe Entfernung ins Land hinein erstreckt, und es hat ganz den Anschein, als ob der Strom absichtlich den Weg um die kurze Felsenkette herum aufgegeben habe, um sich ein Tor durch diese zu bahnen. Obgleich der Posten auf viele Meilen im Umkreis der einzige hervorragende Punkt ist, der die weiten Ebenen gleichsam zu beherrschen scheint, so bietet die Lage doch nichts, was das Auge irgendwie ansprechen könnte. Kahl und dürr sind die Felsen, auf denen die einfachen Gebäude sich erheben; nur die anspruchslose Euphorbia, deren Wurzel die Eingeborenen als Heilmittel gegen den Biß der Klapperschlangen anwenden, keimt hin und wieder zwischen dem Geröll, und dann auch nur so lange, bis die Junisonne, welche die Atmosphäre bis auf 120° Fahrenheit erhitzt, sie wieder versengt und tötet. Die Gebäude und Kasernen, die den Hof in Form eines länglichen Vierecks bilden, sind von Adobes zierlich, aber fest aufgeführt, doch muß der Aufenthalt dort oben während des ganzen Jahres mehr als peinigend sein, denn wenn die sengende Hitze ihre Qualen nicht ausübt, so sind es wieder die furchtbaren Sandstürme, welche die Besatzung heimsuchen.

Solche Stürme springen fast allwöchentlich, manchmal auch einen Tag um den anderen, in der Richtung von der kalifornischen Küste her auf; sie fegen dann über die breite Wüste und führen wahre Sandwolken mit sich, vor deren feinen Bestandteilen weder Türen noch Fenster und dichte Vorhänge schützen; ja die Werke in den Uhren bleiben, wenn die Kapseln nicht mit besonderer Genauigkeit gearbeitet sind, nicht von den kaum sichtbaren Sandkörnchen verschont.

Mehrmals war ich während eines solchen Sturms in den Baracken, und zwar hinter verhangenen Fenstern und Türen, doch wagte ich dann kaum zu sprechen, aus Furcht, die sandigen Zähne auf empfindliche Weise aneinander zu reiben. Niemand litt mehr bei solchen Gelegenheiten als unser guter Dr. Newberry; derselbe hatte eben erst eine schwere Krankheit überstanden und war infolgedessen genötigt, noch auf dem Fort zu wohnen, während wir übrigen uns in unserem geschützten Lager den quälenden Stürmen einigermaßen entziehen konnten. Die Besatzung schien sich an dergleichen Unbequemlichkeiten gewöhnt zu haben oder verstand es auch, auf gebührende Weise den sich im Gaumen ansammelnden Staub hinunterzuspülen.

So wie damals behaupte ich auch jetzt, daß das Beste an Fort Yuma die Aussicht ist, die man bei günstigem Wetter von seinen Höhen aus genießt. Wie in einem großartigen Panorama erblickt man ringsum Gebirge, Wüsten und Wasserspiegel, die miteinander abwechseln. Den Lauf des Colorado vermag man weithin zu verfolgen; gegen Norden, bis ihn eine neidische Hügelkette dem Auge entzieht, gegen Süden bis dahin, wo sich der Horizont auf sein flaches Tal senkt. Gegen Osten begrenzt eine ferne Bergkette die Aussicht, und von dieser schlängelt sich der Gila dem Colorado zu. Im Norden und Westen endlich erblickt man die riesenhaften Säulen und Türme der Dombergkette, deren wunderliche Formationen eine entfernte Ähnlichkeit mit den Außenlinien der Mirage in der Wüste zeigen. Das höchste dieser merkwürdigen Gebilde ist der Chimney Peak oder Schornsteinfelsen, von den Indianern »A-melle-e-quette« genannt. Vom Fort aus gesehen erscheint er in der Entfernung von ungefähr fünfundzwanzig Meilen als eine Säule, die nach oben an Umfang verliert, doch hatte ich später Gelegenheit, ihn von einer anderen Seite als eine wunderbar prachtvolle Felsmasse wieder zu beobachten, die sich aus der Ferne mit den Ruinen eines mächtigen Schlosses vergleichen ließ. Am auffallendsten wegen seiner Formen ist der Felsen, der unter dem Namen »Capitol Dome« oder »Ar-with-a-que« bekannt ist. Die Wände desselben sind so senkrecht und so regelmäßig gerundet, daß man aus der Ferne einen Turm von riesigem Umfang vor sich zu sehen glaubt. Zahlreiche kleinere und größere Gebilde dieser Art zieren die Bergkette, die sich in weitem Bogen von Osten nach Westen erstreckt und das Rundgemälde gegen Norden hin abschließt. Innerhalb der hier angegebenen Grenzen nun erblickt man flaches Land, das mit vollem Recht als eine dürre Wüste bezeichnet werden kann, denn der Colorado und der Gila, deren Ufer reich mit grünschimmernden Weiden bewachsen sind, befruchten nur einen geringen Teil der vielen Quadratmeilen, die man vom Fort aus zu übersehen vermag.

Gerade unterhalb der Mündung des Gila sind die Fähre und der Landungsplatz der Dampfboote angelegt worden. Es klingt sonderbar, und doch befindet sich hier nicht nur ein Landungsplatz, sondern es gibt auch zwei große, sehr hübsch angestrichene Flußdampfer, deren einzige Arbeit vorläufig ist, die für die Truppen des Forts bestimmten Güter von der Mündung des Flusses heraufzuschaffen.

Die Ländereien nahe am Zusammenfluß der beiden Ströme sind schon in die Hände der Spekulanten übergegangen, und da infolgedessen auch schon Städte vermessen und ausgelegt wurden, so kann es den Eigentümern wohl kaum verdacht werden, daß sie alles aufbieten, Einwohner dorthin zu ziehen. Zu diesem Zweck heißt es unter anderem in den Zeitungen: »Merkwürdig günstige Gelegenheit, in kurzer Zeit ohne Arbeit reich zu werden.« Der Titel hat schon sehr viel für sich, denn nicht nur in Kalifornien, sondern auch in anderen Ländern gibt es Menschen genug, die recht gern auf dergleichen Anerbieten eingehen. Doch weiter: »In dem paradiesischen Landstrich, der vom Colorado und dem Gila, zwei Strömen ersten Ranges, zugleich bewässert wird, bietet sich Emigranten sowie schon ansässigen Geschäftsleuten willkommene Gelegenheit, sich für ein Geringes einen unantastbaren Besitztitel über Baustellen in der aufblühenden Stadt ›Colorado City‹, und über ausgedehnteres Grundeigentum zu erwerben. Zur Bequemlichkeit der Zuziehenden sind zwei prachtvoll eingerichtete Dampfboote bei Fort Yuma stationiert worden, die zu jeder Stunde bereit sind, Güter von der Mündung des Flusses nach Colorado City und ebenso von der Stadt zurück an die Mündung zu schaffen, wo der weitere Verkehr durch Segelschiffe und später durch Seedampfer aufrechterhalten wird. Das Klima in dortiger Gegend ist überaus gesund, der Winter ist mild und die fast täglich aufspringenden Seewinde bringen einige Veränderung in die warme Sommerzeit.«

Es läßt sich nicht leugnen, daß durch dergleichen prahlerische Anzeigen mancher verlockt wird, einen Blick auf diesen sogenannten paradiesischen Landstrich zu werfen, seltener gerät indessen jemand in die Versuchung, sich einen Besitztitel zu kaufen, denn es gibt am Colorado in dieser Beziehung doch mancherlei zu überlegen und zu bedenken. So bestand zur Zeit meiner Anwesenheit in Fort Yuma die regelmäßig angeführte »Colorado City« aus einem einzigen Zelt, und zwar dem unsrigen, das wir zufällig in der Hauptstraße am Fluß aufgeschlagen hatten und das also nicht lange eine Zierde der aufblühenden Stadt bleiben sollte. Bei der Anzeige von der Bequemlichkeit der Dampfboote war es verabsäumt worden, die sehr unbequemen Frachtpreise mit hinzuzufügen, dagegen hatte es mit dem »weiteren Verkehr durch Segelschiffe« seine Richtigkeit, denn alle zwei Monate landete an der Mündung des Colorado ein kleiner Schoner. In der Beschreibung des Klimas hatte man nur der Sandstürme nicht gedacht oder auch dieselben auf mildernde Weise in angenehme Seebrisen umgewandelt, die es allerdings nicht an Veränderungen fehlen lassen. Dies ist aber der Anfang fast aller neu zu gründenden Ansiedlungen in Amerika, Scharlatanerie spielt die Hauptrolle; sollten aber an dem oberen Colorado einst reiche Silber- und Goldminen entdeckt werden, was gar nicht unwahrscheinlich ist, so würde der Landstrich, dessen Mängel ich eben mit grellen Farben hervorzuheben suchte, bald das Bild eines regen Weltverkehrs zeigen.

Wie das ganze südlichere Kalifornien vielfach von heftigen Erdbeben erschüttert wird, so scheinen besonders Fort Yuma und seine Umgebung den Störungen unterworfen zu sein. Ohne der zahlreichen Stöße und Schwingungen gedenken zu wollen, die sich oft Monate hindurch täglich wiederholen, gebe ich hier nur die Beschreibung des großen Erdbebens vom 9. November 1852, wie es von dem damaligen Kommandeur des Postens, Major Heintzleman, beobachtet worden ist. »Die erste Erschütterung stürzte einen Teil des Chimney Peak hinunter und öffnete große Risse und Spalten in den Lehmschichten nahe der Wüste. Zur selben Zeit wurde in der Entfernung von ungefähr vierzig Meilen in der Wüste eine Dampfsäule sichtbar. Als ich einige Wochen später diese Stelle besuchte, fand ich daselbst einen neu entstandenen Schlammvulkan in voller Tätigkeit. Wolken von Dampf, untermischt mit schwarzem Schlamm, wurden fortwährend bis zu einer Höhe von dreißig bis vierzig Fuß emporgeschleudert. Der Krater befand sich in einem seichten Becken, das teilweise mit Wasser angefüllt war und einen Teich von der Größe einiger Morgen bildete. Das Wasser hatte eine Temperatur von 108° Fahrenheit und wurde bei jeder neuen Explosion mit Heftigkeit in Wellen zurückgetrieben. Zahlreiche kleine Kegel warfen, ähnlich den Lokomotiven, in kurzen Absätzen Dämpfe aus, und in einem dieser letzteren, wo auch Gas hervorbrach, war die Temperatur 170° Fahrenheit. Ein anderer Schlammvulkan wurde zu derselben Zeit im nordwestlichen Teil der Wüste sichtbar, und Staubwolken erhoben sich während der Haupterschütterung an vielen Stellen der Ebene.«

Die Bevölkerung um Fort Yuma besteht, wie es sich nicht anders erwarten läßt, noch größtenteils aus Eingeborenen, und es sind namentlich die Yuma-Indianer, die man dort noch häufig in großer Anzahl zusammenfindet. Das eigentliche Gebiet dieses Stammes ist das Tal des unteren Colorado; es beginnt ungefähr achtzig Meilen oberhalb der Mündung des Gila und erstreckt sich von da bis nahe an den Golf von Kalifornien, wo die Nation der Cocopa-Indianer beginnt. Diese letzteren bildeten früher zusammen mit den Maricopas, die jetzt unter den Pimos am Gila leben, einen Stamm, bis bei Gelegenheit der Wahl eines Häuptlings Zank unter ihnen ausbrach, der sich allmählich in tödliche Feindschaft verwandelte. Die Cocopas haben sich seit jener Zeit mit den Yumas und den weiter nördlich wohnenden Stämmen des Coloradotals verbündet und leben fortwährend in einem blutigen Krieg mit den Gila-Nationen.

Als wir den Colorado erreichten, herrschte noch tiefe Trauer unter den Yumas, veranlaßt durch eine empfindliche Niederlage, die ihnen und ihren Verbündeten durch die Pimos – und noch dazu im Feindesland – beigebracht worden war. Unter den Colorado-Stämmen war nämlich lange vorher ein Einfall in die Dörfer der Pimos verabredet und vorbereitet worden. Alles schien nach Wunsch zu gehen; die blutdürstige Bande gelangte – wie sie glaubte, ohne entdeckt zu werden – ans Ziel und stürzte sich förmlich siegestrunken auf die feindlichen Wohnungen. Nur einzelne Frauen flüchteten bei ihrem Herannahen, und als sie in blinder Wut denselben nachsetzten oder in die verlassenen Hütten eindrangen, wurden sie ihrerseits plötzlich aus einem Hinterhalt von den Pimos und Maricopas überfallen und bis auf wenige, denen es gelang, in ihre Heimat zu entkommen, niedergemacht. Der Plan der Yumas war nämlich verraten oder ausgekundschaftet worden, und infolgedessen hatten ihre Feinde ihnen eine Falle gestellt, die gemäß der dortigen, freilich wenig begründeten Aussagen allein 86 Yuma-Krieger das Leben gekostet haben soll.

In Sitten und Gebräuchen sowie auch in ihrem Äußeren unterscheiden sich die Yuma-Indianer wenig oder gar nicht von ihren nördlichen Nachbarn, den Chimehwhuebes und Mohaves. Die Männer sind groß, stark und wohlgebaut, die Frauen dagegen klein und untersetzt, doch nicht ohne Anmut in ihren Bewegungen. Die Kleidung der letzteren, die aus einem kurzen, dicken Rock aus herabhängenden Baststreifen besteht, dient dazu, ihre üppigen Figuren in noch vorteilhafterem Licht erscheinen zu lassen, und unter den schwarzen Scheitelhaaren hervor, die in gleicher Höhe mit den Brauen abgeschnitten sind, blitzen Augen so klar, daß man sie mit Diamanten vergleichen möchte. Hände und Füße sind bei beiden Geschlechtern klein und die Gelenke so zierlich, als wenn sie gemeißelt wären.

Die einzige Bekleidung der Männer bildet ein schmaler, langer Schurz von weißem Baumwollzeug, ihr Hauptschmuck dagegen sind die langen, starken Haare, die, mittels nasser Lehmerde in Rollen gedreht, bis tief aufs Kreuz herabhängen und in gleicher Länge stumpf abgeschnitten sind. Als Waffen führen sie den langen Bogen aus Weidenholz nebst Rohrpfeilen, die mit Steinspitzen versehen sind; darüber hinaus aber auch noch die kurze Keule und in vielen Fällen auch das Messer. Ihre Vorliebe für grelle Farben beweisen sie durch die Malereien auf ihrem Körper, doch ist ihnen auch das Tätowieren nicht fremd; dieses wird indessen mehr von den Frauen angewandt, die sich die Mundwinkel und das Kinn mit blauen Punkten und Linien schmücken.

Der Eindruck, den die Yuma-Indianer als eine schöne Menschenrasse machen, wird leider verwischt, wenn man die gesunkenen Geschöpfe erblickt, die sich in großer Anzahl im Fort selbst und in der nächsten Umgebung aufhalten und die in ihrem Äußeren die unvertilgbaren Spuren aller nur denkbaren Laster zur Schau tragen. Man möchte sich dort fast der eigenen Hautfarbe schämen, wenn man bedenkt, daß diese Entwürdigung des Menschen der weißen Rasse allein zur Last gelegt werden muß; ich spreche hier nicht von der Politik, die es gestattet, daß der Auswurf der Menschheit mit in die Reihen der Soldaten aufgenommen werden kann und dieser dann als der erste Lehrer der Eingeborenen auftritt, sondern ich spreche von denjenigen, welche die Macht zur Besserung der Umstände in Händen halten und dabei schweigen, ja lächeln, wenn die heiligsten Rechte der Menschheit auf verbrecherische Weise mit Füßen getreten werden.

Wenn ich in der Nähe von Fort Yuma einem betrunkenen Soldaten begegnete, dann ließ ich stets den Revolver in meine Hand gleiten, um eine brutale Beleidigung sofort bestrafen zu können; betrunkenen Indianern ging ich stets aus dem Wege und bedauerte tief die Erbarmungslosigkeit von Leuten, die sich in der Wildnis vor einer strafenden Kritik sicher wissen und daher ihrem Vaterland so wenig Ehre machen.

Außer den Yumas, Cocopas und den anderen Nationen im Tal des Colorado findet man in Fort Yuma auch einzelne Mitglieder von kalifornischen Indianerstämmen, die einst von den Jesuiten unterworfen und belehrt wurden. Diese mögen mit den Cohuilla-IndianernDer Name dieses Stammes kann nicht in Verbindung gebracht werden mit der Provinz Coahuila im nördlichen Mexiko; er dürfte – auf der mutmaßlichen Straße der Völkerwanderung – mit den Azteken in Zusammenhang stehen. der Gebirge, die bekanntlich teilweise den Missionaren entgingen, verwandt oder auch eine Nebenlinie der Yumas sein, als welche Captain A. W. Whipple namentlich die Diegeno-Indianer bezeichnet. Alle diese Eingeborenen, wenn auch zuweilen dieselbe Mundart redend, legen sich in der Regel den Namen ihres Geburtsortes bei, welchem Umstand es zuzuschreiben ist, daß man auf der Straße von San Diego nach Fort Yuma so vielen kleinen Indianerstämmen zu begegnen vermeint, während Namen für Stämme wie »Pasqual, Santa Isabella, San Felipe« usw. doch nur das einzige sind, was den Eingeborenen von dem segensreichen Einfluß der Jesuiten geblieben ist.

Was nun die Offiziere der Garnison betrifft, so kann ich nur sagen, daß wir abermals in ihnen lauter freundliche, aufmerksame Leute kennenlernten. Zu gleicher Zeit beobachtete ich aber auch die Eifersucht, die in der Armee der Vereinigten Staaten zwischen den Offizieren der Linienregimenter und denen vom Ingenieurcorps herrscht und die einen so verderblichen Einfluß, besonders auf Unternehmungen wie die unsrige, ausübt. Ich bin überzeugt, daß uns als den Mitgliedern der Expedition manche Unannehmlichkeit und dem Lieutenant Ives mancher Ärger erspart worden wäre, wenn letzterer bei einem Linienregiment oder die Offiziere der Fort-Yuma-Besatzung beim Ingenieurcorps gestanden hätten.

Nach dieser flüchtigen Berührung von Verhältnissen, die einen leicht zu beseitigenden Schatten auf das Militärwesen der Vereinigten Staaten werfen, meine Hochachtung vor den einzelnen Persönlichkeiten dabei aber nicht im geringsten erschütterten und den freundschaftlichen Gefühlen, die ich für meine dortigen Bekannten hege, durchaus keinen Abbruch tun, begebe ich mich wieder in das Geleise meiner Erzählungen und in diesem auf das Ufer des lehmfarbigen Colorado noch unserem zwischen herbstlich gefärbten Baumgruppen versteckten Lagerplätzchen. Wenn ich alsdann beschreibe, wie wir dort einen Tag unter dem wolkenlosen Himmel zubrachten, so ist auch zugleich ein Bild von der ganzen Zeit unseres Aufenthalts gegeben, und es ist mir dadurch erleichtert, auf verständliche Weise kleine herausragende Begebenheiten, die uns während des einfachen Lagerlebens als von größter Wichtigkeit erschienen, ohne genaue Angabe des Wie, Wo und Warum zu schildern.

Ich beginne mit Grizzly: Grizzly war ein Hund, halb Dachs- und halb Wolfshund und zugleich das häßlichste Exemplar seiner Rasse, das ich jemals gesehen habe. Der Umstand, daß mein Freund Mr. King ihn sich in Pueblo de Los Angeles nach Bezahlung seiner Rechnung von unserem gemeinsamen Wirt ausborgte, ohne indessen vorher darüber Rücksprache genommen zu haben; ferner, daß das erst vier Monate alte Tier auf der Reise von Los Angeles nach Fort Yuma ermüdete und einen großen Teil des Weges von uns abwechselnd vorn auf dem Sattel mitgeführt wurde; besonders aber das tragische Ende, das es später in den Felsenwüsten am oberen Colorado fand, dient vielleicht zur Entschuldigung, daß ich einem Hund, der aber ein treuer Reisegefährte war, soviel Raum und Worte in meinen Beschreibungen gönne. Grizzly hatte allmählich den Körper eines kleinen Kalbes bekommen; seine Beine, obgleich nur wenige Zoll hoch, entsprachen in der Stärke vollkommen der kräftigen Gestalt, nur daß sie, ähnlich einem Pfropfenzieher, einige Windungen zeigten. Die Form des Kopfes war die eines Bärenschädels, auch die kleinen, schielenden Augen des Gebirgsbären fehlten nicht; und um den eigentümlichen Ausdruck des Tieres noch mehr hervorzuheben, war ihm in der frühesten Jugend ein Ohr viel kürzer als das andere weggeschnitten worden. Sobald die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne in den wirbelreichen Fluten des Colorado glitzerten und verstohlen durch die kleinen Ritzen des Zeltes spielten, schüttelte Grizzly, von der kalten Morgenluft geweckt, seinen betauten Pelz, warf noch einen triumphierenden Blick nach den dichten Weidengebüschen hinüber, zwischen denen er während der Nacht zahlreiche diebische Wölfe in die Flucht geschlagen hatte, und kroch zu uns ins Zelt, wo wir uns noch alle im tiefsten Schlaf befanden. Gewissenhaft machte er dann die Runde bei allen Schläfern, und seiner kalten Schnauze sowie seiner warmen Zunge gelang es leicht, in kurzer Zeit die schnarchende Gesellschaft zu wecken und in Bewegung zu bringen. Nach einigen rauhen Begrüßungen, die Grizzly mit ewig freundlichen Mienen hinnahm, begab er sich in die Küche, um dort gleichsam die Zubereitung des Frühstücks zu überwachen.

Unsere Toilette war in der Regel schnell beendet, denn da wir uns des Abends nicht entkleideten, so waren wir auch der Mühe des Ankleidens in der Frühe überhoben; doch lange ehe wir fertig waren, rief schon unser Aufwärter zu uns herüber: »Breakfast is ready.«

Das Leben in der freien Natur ist reich an Genüssen; oft sprachen wir dies aus, wenn wir uns an dem damals noch reich besetzten Tisch niederließen; nur scherzweise erwähne ich hier die Genüsse, welche die Erhaltung eines ungeschwächten Körpers bedingt, und erinnere mich noch lebhaft der schönen frischen Morgenstunden, wenn noch kein Lufthauch die sterbenden Blätter erzittern machte, wenn die verschiedenartigsten Vögel um uns herum jubelnd ihr Morgenlied zwitscherten oder scharenweise dem Fort zuflogen, um auf dem geräumigen Hof und in der Umgebung ihren Lebensunterhalt zu suchen; wenn die fleißigen Spechte an den morschen Baumstümpfen laut hämmerten und die schönen Rebhühner sich auf dem Sand des Ufers sonnten oder lieblich spielend leise Locktöne ausstießen. Es waren schöne Morgenstunden, und wenn wir an unserem Tisch uns einer lauten Fröhlichkeit hingaben, so war diese Stimmung, bei manchem freilich unbewußt, hervorgerufen worden durch die Natur, die selbst in der Mitte einer traurigen Wildnis in einem verstohlenen Winkelchen anmutig zu lächeln wußte. Nach Beendigung des Frühstücks trennten wir uns gewöhnlich, um unseren verschiedenen Beschäftigungen nachzugehen; Egloffstein wanderte zum Fort hinauf, wo man ihm eine Stube zu seinen topographischen Arbeiten eingeräumt hatte; Peacock unterrichtete sich vom Zustand der Maultierherde oder veranstaltete als echter Kalifornier Wettrennen und Preisschießen; King beobachtete die Barometer und baute zu gleicher Zeit einen Damm ins Wasser hinein, der Toilettenzimmer getauft wurde; Taylor beschäftigte sich mit Nichtstun, wobei ihm Brakinridge getreulich half; ich selbst ergriff meine Jagdgerätschaften und durchforschte die Umgegend nach Exemplaren zu meinen Sammlungen. Die reichste Ausbeute boten mir die Vögel, und ich war überrascht, hier die meisten Arten wiederzufinden, die ich vier Jahre früher weiter nördlich an Bill Williams Fork beobachtet und gesammelt hatte.

Des Nachmittags gegen fünf Uhr fanden wir uns wieder im Lager zusammen. Jeder hatte sein Tagwerk vollbracht, und ein wohlbesetzter Tisch erwartete uns. Nach dem Essen wanderten wir gemeinschaftlich nach einer lichten Stelle der Waldung, wo Massen von trockenem Treibholz umherlagen, beluden mit demselben unsere Schultern und schleppten einen solchen Vorrat vor unser Zelt, daß wir nicht nur den ganzen Abend, sondern auch noch während eines Teils der Nacht ein tüchtiges Feuer unterhalten konnten. Wenn dann die Schatten der Bäume sich mit zunehmender Geschwindigkeit auf dem unruhigen Spiegel des Colorado verlängerten und endlich auf dem östlichen Ufer mit den unbestimmten Umrissen der Weidengebüsche ineinander verschwammen, dann rückten wir um unseren Scheiterhaufen zusammen und unterhielten uns wie Menschen, die noch nie in ihrem Leben Sorge kennengelernt haben. Wir musizierten, wir sangen, wir schmiedeten Pläne für die Zukunft; und wenn die Kühle der Nacht uns auf der einen Seite zu sehr belästigte, auf der anderen dagegen die Flammen uns durchglühten, dann kochten wir mitunter, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, einen starken, heißen Punsch und ließen fröhlich die Becher kreisen. Der eine oder der andere erzählte noch eine Geschichte, die übrigen horchten, rauchten ihr Pfeifchen und schürten dabei das Feuer, und zwar geschah alles mit einem Ernst, als ob das Wohl von Nationen davon abhängig gewesen wäre.

Da ich mich jetzt der eigenen Erlebnisse besser entsinne als der von anderen vorgetragenen Erzählungen, so lasse ich hier ein kurzes Bruchstück meiner ersten Reise nach den Rocky Mountains folgen, und zwar in derselben Weise, wie ich es an einem dieser gemütlichen Abende meinen Kameraden mitteilte.


»Wenn ich jetzt den Colorado so vor mir sehe, dabei der Flüsse gedenke, die ich zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains kennengelernt habe, dann fällt mir immer mehr die Verschiedenheit des Charakters auf, der die Ströme östlich und westlich der ungeheuren Wasserscheide auszeichnet. Natürlich wird diese Verschiedenheit durch das Land bestimmt, das diese durchschneiden, und ich würde mich vielleicht richtiger ausdrücken, wenn ich von dem Charakter der Ländereien diesseits und jenseits der Rocky Mountains spräche. Sowenig Ähnlichkeit auch immer die endlosen Grasfluren zwischen den Quellen des Missouri und den texanischen Küstenstrichen mit den Wüsten und nackten Felsenketten, von denen wir hier umgeben sind, haben mögen, so gibt es doch in beiden Regionen Punkte, bei deren Anblick man lebhaft an Stellen erinnert wird, von denen man durch Tausende von Meilen und durch das majestätische Rückgrat des nordamerikanischen Kontinents, die Rocky Mountains, getrennt wird. Ich beziehe mich hier auf die Dom-Berge und den Chimney Peak, die in so hohem Grad unsere Bewunderung erregt haben.

Über 1500 Meilen von hier, am östlichen Abhang der Rocky Mountains, liegt Fort Laramie (42° 12' 38'' n. Br., 104° 31' 26'' w. L.). Wenn man diesen Militärposten verläßt und auf vielbefahrener Emigrantenstraße die Richtung am nördlichen Arm des Platte River oder Nebraska hinunter einschlägt, so gelangt man nach einem tüchtigen Marsch durch eine weite Ebene in eine niedrige Bergkette, wo dem Reisenden die Aussicht auf die in Nebel verschwimmenden Kuppen der Felsengebirge entzogen wird. Nach einem zweiten Marsch erreicht man die Ostseite dieser Bergkette, die den Namen Scott Bluffs führt. Dort nun befindet man sich angesichts eines Chimney Peak, eines Courthouse RockChimney Peak und Courthouse Rock, diese beiden herausragenden Felsen, die dem Reisenden, der sich auf der Laramiestraße nach dem großen Salzsee den Scott Bluffs von Osten nähert, schon auf mehrere Tagereisen weit sichtbar sind, verdanken ihre phantastischen Formen den äußeren Einflüssen der Atmosphäre und sind augenscheinlich Überreste des übereinandergeschichteten Hochlands, das sich jetzt in Form von einer Reihe schroffer Hügel westlich von denselben erhebt. Der Chimney Peak hat als Unterlage einen konischen Hügel von ungefähr 100 Fuß Höhe, dessen Abhänge einen Winkel von 45° mit dem Horizont bilden. Auf dem Gipfel dieses Kegels nun erhebt sich die 40 Fuß hohe Säule, die zu dem bezeichnenden Namen »Schornsteinfelsen« Anlaß gegeben hat. Der Schaft hat eine runde Form und zeigt vertikale Seiten. Nach dem Zeugnis vieler noch lebender »Voyageurs« (kanadische Trapper und Pelzjäger) ist er früher bedeutend höher gewesen und vor etwa 25 Jahren durch einen Blitz oder eine Erderschütterung teilweise hinabgestürzt worden. Gutes Gras und mehrere klare Quellen haben die Nachbarschaft des Chimney Peak zu einem beliebten Lagerplatz der Kalifornienemigranten gemacht. und zahlreicher merkwürdiger Felsgebilde, die an phantastischen Formen unseren Dom-Bergen hier nichts nachgeben, ja ich möchte fast behaupten, daß der Chimney Peak an der Laramiestraße mehr Ähnlichkeit mit einem hohen Schornstein hat als der hiesige. So ähnlich in ihrer äußeren Erscheinung Teile der beiden Felsregionen einander sein mögen, so verschieden voneinander ist wieder ihre Formation. Die Scott Bluffs mit ihrer ganzen Reihe wunderlicher Gebilde bestehen nämlich aus festem Lehm und Schichten von Sand- und Kalkstein und verdanken ihre äußeren Formen der Einwirkung des Wassers und der Atmosphäre, während die hiesigen Bergketten rein vulkanischen Ursprungs sind und fast unempfindlich gegen alles außer gegen die Erdbeben bleiben.

Viele Jahre sind nun schon verflossen, seit ich die nördlichen Felsengebirge zum letzten Male sah; es geschah, als ich den geistreichen und unternehmenden Herzog Paul Wilhelm von Württemberg auf seinen Reisen begleitete und mich mit ihm auf der Heimkehr von Fort Laramie befand. Schnell und ungestört hatten wir den langen Weg vom Missouri nach den Rocky Mountains zurückgelegt; auf der Heimfahrt waren wir dagegen weniger begünstigt, denn diese glich im vollen Sinn des Wortes nur einer Reihe von Abenteuern und Unglücksfällen. Ich will hier eine kleine Probe davon geben – eine Probe, die in der Erzählung komisch genug klingen mag, die aber damals der bitterste Ernst für uns war. Versetzen wir uns also im Geist noch drei Tagereisen weiter östlich von den Scott Bluffs an die Stelle, wo die Straße den Nordarm des Nebraska verläßt, in einer wilden Schlucht, Ash Hollow, aufwärts auf die hochgelegene Ebene hinauf und über diese hinweg an den südlichen Arm des eben genannten Flusses führt.

Es war im Spätherbst; der Herzog, der auf solchen Reisen mit an Tollheit grenzender Kühnheit selten mehr als zwei Begleiter bei sich hat, zählte in seinem Gefolge nur meine Wenigkeit, indem wir unseren dritten Gefährten, einen ebenso unerfahrenen Präriewanderer, wie auch ich damals noch war, auf unbegreifliche Weise auf der Hinreise schon verloren hatten. Welche Stütze ich für den Herzog bildete, läßt sich daraus entnehmen, wenn ich anführe, daß dies mein erster Besuch in den Grassteppen war und ich also mit vollem Recht die bei alten Reisenden gebräuchliche Bezeichnung eines ›Grünen‹ verdiente. Trotzdem ein heftiges Fieber mich täglich schüttelte, verlor ich doch keineswegs meinen guten Mut, der durch das Benehmen des gegen Gefahren und Entbehrungen gleichgültigen Herzogs noch gesteigert wurde.

Wir hatten also vor der Mündung der Ash Hollow die Nacht zugebracht, kamen aber mit unserem beabsichtigten frühen Aufbruch nicht zu Rande; einesteils, weil wir noch einen Besuch von dem in unserer Nähe lagernden Fitzpatrick und mehreren Oglala-Indianern erhielten, dann aber auch, weil uns die kunstgerechte Verpackung einiger Stücke frischen Büffelfleisches etwas Zeit raubte. Es war mithin schon spät, als wir in die Ash Hollow einlenkten, wo wir abermals Zeit verloren, indem wir angesichts einiger grasender Büffel unsere Jagdlust nicht zu zügeln vermochten. Auf diese Weise erreichten wir also gegen Mittag erst die Hochebene, und dann blieben uns noch ungefähr fünfzehn Meilen bis zum nächsten Wasser, dem südlichen Arm des Flusses, zurückzulegen. Der Herzog fuhr in einem leichten, mit zwei Pferden bespannten Wagen, während ich ein sehr kräftig gewesenes Pferd ritt und meine Aufmerksamkeit zugleich einem Maulesel zuwandte, den wir zur Aushilfe mitgenommen hatten. Trotz der großen Eile, mit der wir gereist waren, stellte sich die Dämmerung schon ein, als wir uns dem Fluß näherten. Meinen Vorschlag, auf dem linken Ufer zu übernachten, verwarf der Herzog aus dem natürlichen Grund, weil sich kein Gras für die Tiere dort befand; ich mußte also vor dem Wagen hinab in den Fluß reiten, um die Richtung der Furt zu halten, was bei der sich schnell einstellenden Dunkelheit keine geringe Mühe kostete.

Alles ging gut, bis wir in die Mitte des Stroms gelangten; verfehlte ich nun hier die Richtung, oder standen die Pferde einen Augenblick still – ich weiß es nicht; kurz, ich sah nur, daß die Räder so tief in den losen Treibsand sanken, daß nur der Kasten des Wagens noch über der Oberfläche des Wassers blieb und die Pferde mit Aufbietung ihrer ganzen Kräfte ihre Last nicht mehr zu bewegen vermochten. Wir steckten in einer schlimmen Lage, denn zu der Finsternis gesellte sich noch ein feiner Regen, der gewiß nicht dazu diente, das Unglück erträglicher zu machen. Wir verloren indessen keine Zeit mit nutzlosen Versuchen; von meinem Pferd herab spannte ich die Wagenpferde aus, der Herzog reichte mir aus dem Wagen das Leder eines indianischen Zeltes und ein Beil, worauf ich mit den Tieren meinen Weg ans Ufer suchte. Er selbst beabsichtigte, trotz der Gefahr, vollständig zu versinken oder fortgewaschen zu werden, die Nacht im Wagen zuzubringen.

Ich erreichte ohne weiteren Unfall das Ufer, entledigte die Pferde sogleich ihrer Geschirre, überließ sie der Freiheit und schaute dann zurück nach dem Herzog und seinem Wagen. Pechschwarze Nacht lagerte auf dem Fluß, der Regen fiel in feinen Tropfen, aber sehr dicht; die Verbindung zwischen uns war abgeschnitten, ja wir konnten einander nicht einmal zurufen. Die durch die Nässe verursachte Kälte weckte mich aus meinem Sinnen, ich wickelte mich in das Zeltleder, warf mich auf den nassen Boden, umklammerte mit der rechten Hand den Griff meiner einzigen Waffe, des Beils, und schlief ungeachtet des Regens, der Kälte und des Hungers bald ein.

Es begann schon zu tagen, als ich erwachte; meinen ersten Blick sandte ich hinüber zum Fluß, und zu meiner größten Freude stand der Wagen noch so da, wie ich ihn am Abend verlassen hatte; mein zweiter Blick galt den Pferden – auch diese waren noch vorhanden, sie weideten ruhig in der Entfernung einer halben Meile; ich faßte dann meinen eigenen Zustand ins Auge und fand, daß mich furchtbar fror; es regnete zwar nicht mehr, dafür sauste aber ein kalter Nordwind über die Ebene, der mich bis ins Mark erbeben machte. Um mich daher zu erwärmen, zog ich die Lederhülle dicht um mich zusammen, ließ nur eine kleine Öffnung für die Augen und versuchte weiterzuschlafen. Als ich so lag und meine Blicke in die Ferne, und zwar am Strom hinauf, richtete, glaubte ich auf der Ebene eine Bewegung wahrzunehmen; ich täuschte mich nicht, denn nach einiger Zeit bemerkte ich deutlich mehrere Punkte, die sich mir augenscheinlich näherten. Lange blieb ich im unklaren, ob es Wölfe, Büffel oder Indianer seien, bis ich endlich berittene Männer erkannte; daß es Indianer waren, bezweifelte ich alsdann keinen Augenblick und sah ebensowohl ein, daß wir in hilfloser Lage uns gänzlich in ihrer Gewalt befanden und nur ruhig zusehen konnten, wenn sie sich mit unseren Pferden entfernten, und von Glück noch sagen mußten, wenn sie überhaupt unser Leben schonten oder, was beinahe ebenso schlimm war, uns nicht vollständig ausplünderten und dann dem Elend überließen.

Über all dies dachte ich nach, als ich, ohne meine Stellung zu verändern, die zehn oder zwölf Cheyenne-Krieger beobachtete, die auf mich zusprengten. In der Entfernung von etwa dreißig Schritt hielten sie plötzlich an und schauten aufmerksam zu mir herüber, wobei sie laut miteinander sprachen und nach dem Wagen im Fluß hinüberdeuteten. Ich kann es nicht leugnen, daß mir das Blut etwas schneller in den Adern kreiste, doch nahm ich meinerseits Zuflucht zu einer Art Kriegslist und stellte mich, um nicht aus der Ferne totgeschossen zu werden, schlafend, während ich mit der rechten Hand das Beil und mit der linken mein langes Schlachtmesser fest umklammerte.

Die scharfen indianischen Augen entdeckten indessen bald, daß mein Schlaf ein verstellter war, denn als ich kaum merklich mit dem einen Auge nach ihnen hinblinzelte, fing der eine wilde Krieger laut zu lachen an, wies mit der Hand nach mir hin und sprang nachlässig vom Pferd. Ich richtete mich schnell auf und schritt auf die wilden Gestalten zu, wobei ich ihnen als Zeichen des Friedens meine Hand entgegenreichte. Jeder einzelne von ihnen erwiderte meinen Händedruck, und sie schienen meine Absicht auch vollkommen zu verstehen, als ich sie durch Zeichen dazu aufforderte, uns beim Herausschaffen des Wagens aus dem Wasser behilflich zu sein. Sie sagten mir ihren Beistand zu, drückten aber dabei den Wunsch aus, noch vor dem Beginn der Arbeit durch eine ›Tasse warmen Kaffee mit sehr viel Zucker‹ gestärkt zu werden. Ich war gezwungen, die Forderung zu bewilligen; ich bestieg daher ein Pferd und ritt zu dem Herzog in den Fluß, um zu beraten, welches Benehmen unter solchen Umständen am besten einzuschlagen sei.

Den Herzog fand ich ganz wohlbehalten in seinem Wagen sitzen, den er förmlich in eine kleine Festung umgewandelt hatte; um ihn herum lagen Büchsen, Doppelflinten und Pistolen, und er selbst schien ganz und gar nicht geneigt, sein Eigentum ohne Kampf aufgeben zu wollen oder auch nur jemand außer mir bis in seine Nähe gelangen zu lassen. Ich erzählte ihm mein Übereinkommen mit den Wilden, und er fand dieses den Umständen angemessen; darauf reichte er mir Kaffee, Zucker und Kessel, und als ich dem Ufer wieder zuritt, rief er mir noch nach: ›Trauen Sie keinem Indianer, sondern seien Sie auf Ihrer Hut.‹

Als ich wieder bei den Wilden anlangte, brannte schon ein Feuer aus Büffeldung bei ihnen, und einige Minuten nachher waren alle Vorbereitungen zu einem wärmenden Kaffee getroffen. Es gibt überhaupt keine dienstfertigeren und gefälligeren Menschen wie die Indianer, wenn es ihrem eigenen Interesse gilt. So hatten sie auch bald den Mangel eines schützenden Zeltes empfunden, und als sie das alte Zeltleder da liegen sahen und erfuhren, daß auch Stützen dazu im Wagen vorhanden seien, ritt einer von ihnen in den Fluß und forderte diese vom Herzog in meinem Namen, der dann auch so freundlich war, die Bitte zu gewähren. Mit geübter Hand schlugen die unverschämten Wilden das Zelt über dem Feuer auf; bald darauf saß ich mit einem halben Dutzend der braunen Krieger in dem engen Raum zusammengedrängt und fühlte mich sehr wohl vor der wärmenden Glut und dem duftenden Kaffee; die Friedenspfeife kreiste, fand ihren Weg aus dem Zelt, wo diejenigen zusammengekauert saßen, die innerhalb des Obdachs keinen Raum mehr fanden, dann kehrte sie zurück und machte wieder die Runde, bis der Kaffee endlich fertig war. Alle fanden Geschmack an dem schwarzen Getränk; eine neue Auflage wurde gewünscht und verabreicht, worauf ich mit der Verhandlung über die in Aussicht stehende Arbeit begann.

Auf ganz verbindliche Weise gaben mir die Indianer indessen zu verstehen, daß es noch viel zu früh sei, an dergleichen zu denken, und daß ich nur vorher jedem von ihnen eine Handvoll Kaffee und zwei Handvoll Zucker geben möge; eine Forderung, die zu erfüllen unser ganzer Vorrat nicht ausreichend gewesen wäre. Ich versprach indessen mein Möglichstes zu tun, wenn der Wagen erst auf dem Ufer stehe, doch fand das wenig Anklang bei meinen Gästen; mit unerschütterlicher Ruhe blieben alle in der gemächlichen Lage, und als sie meinen wachsenden Unmut bemerkten, hielten sie mir, um mich zu trösten, einigemal außer der Reihe die Pfeife hin. So schmeichelhaft diese Ehrenbezeigung auch war, so beruhigte mich diese doch nicht im geringsten, und immerfort klangen mir des Herzogs Worte in den Ohren: ›Trauen Sie keinem Indianer.‹

Wären wir nicht so viele hundert Meilen von den ersten Ansiedlungen entfernt gewesen, so hätte ich die komische Seite unserer Lage vielleicht mehr ins Auge gefaßt, denn da saß ich gleichsam als Gast im eigenen Zelt bei der wilden Rotte, trank Kaffee und wärmte meine Glieder, während der Herzog mitten im Fluß hielt und seine Geduld über die lange Verzögerung erschöpfte. Allerdings machte ich zweimal den Versuch, einen Indianer mit einem Gefäß voll des wärmenden Trankes zu ihm hinüberzusenden; der Auftrag wurde auch mit der größten Bereitwilligkeit übernommen, jedoch nur insoweit ausgeführt, daß der Bote aufstand, mit den Zeichen des größten Wohlbehagens den Kaffee austrank und mir mit freundlicher Miene die leere Schale zurückgab. Ich muß gestehen, daß soviel Unverschämtheit und grobe Rücksichtslosigkeit meinen Unmut in eine Art Verzweiflung verwandelte, denn nirgends sah ich einen Ausweg aus dieser peinigenden Lage. Ich stieß die mir dargebotene Pfeife zurück, zu welcher Beleidigung man nur lachte, begab mich aus dem Zelt und stellte abermals mit den ernstesten Gebärden meine Forderung an die Wilden. Infolge davon entstand eine kleine Bewegung unter ihnen, die indessen nur den Zweck hatte, daß einer der außerhalb kauernden Burschen ins Zelt kroch, dort meinen Platz einnahm und es mir überließ, mich im Freien, so gut wie es mir beliebte, einzurichten.

Jetzt war ich aufs höchste erbittert, ich schmähte die ganze Gesellschaft in deutscher, französischer und englischer Sprache, doch auch dadurch entlockte ich nur einzelnen ein beifälliges Kopfnicken, der beste Beweis, daß ich nicht verstanden wurde. Einmal glaubte ich schon zu meiner größten Genugtuung, daß es mir gelungen sei, mich in gutem Deutsch verständlich zu machen, denn einer der Wilden bemühte sich mit dem lächerlichsten Ausdruck, den ihm beigelegten Titel ›Flegel‹ zu wiederholen, doch bemerkte ich zu meinem Leidwesen, daß ihm nur der fremdartige Laut des Wortes besonders gefallen habe und er denselben seinem Gedächtnis einzuprägen suchte. Ich verwünschte den Fluß, die Prärie und alle Indianer und blickte in meiner Ratlosigkeit zum Wagen hinüber.

Plötzlich fesselte ein Reiter, der sich auf den Höhen des jenseitigen Ufers zeigte, meine Aufmerksamkeit; bald tauchten noch mehrere hinter den Hügeln auf und endlich zu meiner unaussprechlichen Freude auch ein mit sechs Maultieren bespannter Wagen, den ich sogleich für die von Fort Laramie zurückkehrende Post der Vereinigten Staaten erkannte. Wie durch einen elektrischen Schlag verschwand jetzt meine Niedergeschlagenheit, und nie sah ich einen mutigeren Menschen als mich selbst, da ich die Hilfe der Weißen so nahe wußte. Ich sprang zu dem Zelt hin, riß den Vorhang auf und gab den Wilden durch unzweideutige Zeichen zu verstehen, daß sie jetzt mein Haus räumen sollten. Als sie nicht sogleich Folge leisteten, hielt ich ihnen mit lauter und gewiß recht kriegerischer Stimme eine Rede in deutscher Sprache, deren Inhalt ungefähr folgender war: ›Wenn ihr rohes Gesindel nicht augenblicklich an die freie Luft kommt, so haue ich die Stützen des Zelts um und begrabe euch unter seinen brennenden Trümmern!‹

Wenn die Wilden auch meine Worte nicht verstanden, so errieten sie doch den Sinn meines geschwungenen Beils, mehr aber wohl noch, daß irgend etwas Ungewöhnliches im Anzug sein müsse, was mich plötzlich so mutig gemacht habe, denn einer nach dem anderen wühlten sich die ungebetenen Gäste aus dem rauchigen Raum hervor. Das war meine erste Heldentat unter den Indianern; stolz blickte ich auf die wilde Bande, die sich gehorsam vor meinem Willen beugte, und wie so mancher Held des Tages dachte ich: ›Wenn doch nur ein tüchtiger Künstler hier wäre, der mich in dieser Stellung malen könnte‹; im geheimen aber wünschte ich mich von ganzem Herzen zurück zu den Fleischtöpfen östlich vom Missouri.

Als die Indianer die kleine Karawane der Weißen erblickten, eilten sie zu ihren Pferden, um durch Herausschaffen des versandeten Wagens den versprochenen Lohn zu verdienen, ich schlug indessen ihre Hilfe aus, und dieselbe Antwort wurde ihnen vom Herzog zuteil, als sie zu ihm hinritten und ihre Dienste anboten. Die Post nebst den Reitern gelangte unterdessen mit geringer Mühe durch den Fluß; der Fuhrmann, die ihm vom Herzog zugesagte Belohnung im Auge, ritt mit vieren von seinen Mauleseln zurück, spannte dieselben vor unseren Wagen, und bald darauf lagerten wir uns mit den neuen Ankömmlingen zum gemeinschaftlichen Frühstück um ein tüchtiges Feuer.

Die Indianer waren durch die Ankunft der Fremden um vieles bescheidener geworden und hielten sich etwas entfernt von uns; wir sorgten aber auch dafür, daß wir mit der Post, die nur einige Stunden rastete, zugleich aufbrachen.

Der Weg war fest und eben, und in raschem Trab eilten die Pferde mit ihrer Last dahin. Nach kurzer Zeit hatten wir die Wilden aus den Augen verloren, bald darauf aber auch die Post, die um vieles schneller reiste als wir, und als es dunkelte und wir an der Straße unser einsames Lager aufschlugen, umgaben uns auf viele Meilen im Umkreis nur noch Scharen von hungrigen Wölfen und kleine verspätete Büffelherden.«

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