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Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1

Balduin Möllhausen: Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1 - Kapitel 6
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authorBalduin Möllhausen
titleReisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1
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Fünftes Kapitel

Der alte Pelzjäger – Gales Erzählungen – Nachrichten über den Colorado – Gales erstes Zusammentreffen mit den Mohave-Indianern – Die Jagd auf wildes Rindvieh – Ritt zu den Eingeborenen – Die Tejon-Indianer – Aufbruch zur Heimreise – Bishops Farm – Die Kamelkarawane – Ankunft in Fort Tejon

Der Kern River, der auch unter dem Namen Posuncula bekannt ist, entspringt im Walkers Paß in der Sierra Nevada und ist der südlichste und zugleich einer der bedeutendsten Ströme, die mit den Tulareseen in Verbindung stehen. Der Fluß und der See führen ihren Namen nach dem unglücklichen Herrn Kern, der im Jahre 1853 zusammen mit dem Captain Gunnison von den Utah-Indianern erschlagen wurde.»Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 429. Die Benennung stammt vom Jahre 1846 her, von dem Umstand nämlich, daß Kern und Walker lange Zeit im Walkers Paß, der ebenfalls zu damaliger Zeit seinen Namen erhielt, auf die Rückkehr ihres Kommandeurs, des Colonel Fremont, harrten, der, um Lebensmittel anzuschaffen, sich mit einem Teil seiner Leute schon weiter nördlich von der Expedition getrennt hatte.»Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 288.

Ungefähr vier Meilen von der Mündung des Kern River liegt auf dem südlichen Ufer, beschattet von hohen Cottonwood-Bäumen, ein einsames Blockhaus; ein kleiner, roh umzäunter Garten stößt an dasselbe; einige Pferde und Kühe weiden in der Nähe, und zwischen diesen tummeln sich mehrere kräftige, schwarzgelockte Kinder umher. In der Hütte erblickt man, gewöhnlich mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, eine Indianerin, die schon in vorgerückten Jahren ist, doch noch immer die Spuren früherer Reize zeigt; in ihrer Nähe befindet sich stets ein wunderschönes, schüchternes Mädchen von vierzehn oder fünfzehn Jahren – ihre Tochter, die durch die hellere Hautfarbe ihre Verwandtschaft mit der weißen Rasse verrät. Frau, Kinder, Haus, Garten und Vieh sind Eigentum eines alten amerikanischen Trappers, eines gewissen Gale, der, wenn ihn die Jagd nicht fesselt, im Schatten der Bäume der Ruhe pflegt, seinem ältesten Sohn, einem schlanken Halbindianer von ungefähr siebzehn Jahren, Ratschläge erteilt oder vereint mit diesem im nahen Fluß angelt. Obgleich schon über ein halbes Jahrhundert hinter dem alten Gale liegt, so zeugen seine Figur sowie seine raschen Bewegungen noch immer von ungebrochener Kraft und Rüstigkeit. Seine Gesichtsfarbe ist so braun wie die eines Indianers, ebenso Brust und Hände, doch lugt unter den aufgestreiften Hemdärmeln die weiße Haut hervor, die in Verbindung mit den braunen Haaren und dem langen, zottigen, schon etwas ergrauten Bart eine Verleugnung der Rasse unmöglich macht. Dies ist das Bild eines alten Pelzjägers, der nach einem vieljährigen, gefahrvollen Leben in den Gebirgen, wo ihn seine braune Gattin mit ihren Kindern auf Weg und Steg begleitete, sich endlich ein Fleckchen ausgesucht hat, wo er in Ruhe und Frieden seine alten Tage verleben und dabei ungestört die Viehzucht, die Jagd und den Fischfang betreiben kann.

Früher, wenn ich zuweilen in meinen Erzählungen der Zeiten gedachte, die ich selbst als Pelzjäger in der Wildnis verlebte, und dabei noch immer für dieselben schwärmte, wurde ich von jungen, tatkräftigen Gemütern um den Vorzug meiner Erfahrungen beneidet, während manche frommen, klug überlegenden Menschen die Behauptung aufstellten, daß in einem Leben unter solchen Verhältnissen die wahre Empfindung und die begeisterte Verehrung für eine wilde, aber ungekünstelte Natur und ihre heilige, belebende Kraft allmählich einschlummern, ja sogar verlorengehen müßten, weil die von Menschen geregelte Anleitung fehle. Hier nun, bei dem alten Gale, der nahe an die vierzig Jahre die Wildnisse des Fernen Westens mühevoll durchzogen hatte, fand ich abermals einen Beweis, daß Mangel an Schule und Umgang den Keim nie vollständig zu ersticken vermag, den die Natur in die Brust ihrer Lieblingskinder legte. Wie hätte es sonst der rauhe Jäger vermocht, eine so anmutig gelegene Stelle zu seiner Heimat zu wählen, da doch in nicht allzugroßer Entfernung sich tausendfach Gelegenheit bot, Reichtümer mit verhältnismäßig geringer Mühe zu erwerben? Doch besser wie Reichtümer gefielen ihm das von hohen Bergen eingeschlossene Tal, das milde Klima, der kristallklare Fluß mit den Baumgruppen auf seinen Ufern, die fetten Weiden, die ergiebige Jagd und vor allem die friedliche, ungestörte Ruhe in der ganzen Umgebung.

In der Nähe des einsamen Blockhauses, unter hohen Bäumen, hart am Rande einer kleinen Weidenwaldung, schlugen wir also unser Standquartier auf, und noch ehe Louis den Tisch vor unserm Zelt geordnet hatte, saßen wir in Reihe auf dem erhöhten Ufer des Flusses, beobachteten schweigend die ausgeworfenen Angeln und ergötzten uns an dem munteren Treiben der zahlreichen Forellen, deren geringsten Bewegungen wir bei der Klarheit des Wassers bis auf den Boden zu folgen vermochten. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag auf diese Weise, Fisch auf Fisch zogen wir aus den schnell eilenden Fluten, so daß selbst Louis seine Zufriedenheit zu erkennen gab, indem er meinte, daß ein Neger kaum besser mit der Angel umzugehen wisse als wir.

Als es dämmerte, saßen wir in Eintracht an unserem Feldtisch, um den gefangenen Forellen die letzte Ehre angedeihen zu lassen; Gale war unser Gast, und zwar ein lieber, freundlicher, unterhaltender Gast. Egloffstein suchte seine Flöte und ich meine Gitarre hervor, wir musizierten nach besten Kräften und wurden so tapfer von den fröhlichen Stimmen der ganzen Gesellschaft unterstützt, daß der Gesang weithin über die stille Ebene schallte und der alte Gale bei so ungewohnten Klängen förmlich gerührt wurde.

Die prachtvolle Gesellschaft, wie Gale uns nannte, dazu der feurige Wein, hatten ihre Wirkung auf den alten Jäger ebenfalls nicht verfehlt und ihn ungewöhnlich gesprächig gemacht, so daß er sich, nachdem das Konzert beendet war und wir im Kreis ums Feuer lagen, ganz willig herbeiließ, einiges aus seinem Leben zu erzählen.

»Wenn ich mit jungen Leuten zusammentreffe«, hob er an, »namentlich mit solchen, die schon einen Blick in die Rocky Mountains geworfen haben und daher die Vorliebe begreifen können, die ein verständiger Mensch (ich bediene mich hier Gales eigener Worte) für das Leben in der Wildnis fassen muß, dann wird immer der Wunsch in mir rege, wieder jung zu sein, um die letzten dreißig Jahre noch einmal durchleben zu können. Auch meine alte Cheyenne-Squaw, die drüben im Haus mit den Kindern gewiß voller Verwunderung auf eure Musik gehorcht hat, möchte ich wohl wieder jung sehen; so wie damals, als sie die Lieblingstochter eines großen Häuptlings und zugleich die Schönste ihres Stammes war, und mich mit ihren glänzend schwarzen Augen, die sie heute noch aufzuweisen hat, dazu bestimmte, ihren Verwandten auf Jagd- und Kriegszügen zu folgen. Mancher junge Krieger der Cheyenne-Indianer so wie auch benachbarter Stämme hegte feindliche Gefühle gegen mich, als das Mädchen mich bevorzugte. Doch als sie erst meine Frau war, mit mir in unserem eigenen Zelt wohnte, mich auf meinen Jagdzügen begleitete, die von mir gewonnenen Häute weich wie Samt gerbte, schöne Mokassins für mich nähte und meinen Anzug auf das prächtigste mit den gefärbten Stacheln des Porcupine verzierte, da stellte sich auch die alte Freundschaft wieder ein, und alle waren stolz, mich als zur Nation gehörig betrachten zu können. Ich war aber auch ein Jäger und Fallensteller, der sich vor keinem anderen zwischen dem Missouri und Kalifornien zu schämen brauchte. Da war keiner, der so viele Otter- und Biberfelle zum Tausch zu den Handelsposten brachte, und keiner, dessen Squaw sich eines so großen Reichtums hätte rühmen können wie die meinige. Sie besaß nur lauter rote Decken, und sie und ihre Kinder waren immer rot gekleidet;Die unter den Indianern lebenden Weißen gewöhnen sich allmählich an den indianischen Geschmack. ganze Ladungen von Perlenschnüren hing ich ihr um den Hals, und alle Säume an ihren Kleidungsstücken besetzte ich mit kleinen Messingschellen. Dafür gewährte meine Familie aber auch einen Anblick, der das Herz eines Jägers erfreute; ja, es waren schöne, schöne Zeiten!

Jetzt bin ich alt und träge; wenn ich etwas verdiene, so lege ich es zurück für meine Töchter; meine Söhne können auf dieselbe Weise anfangen, wie ich es getan habe, das heißt, mit weiter nichts als mit einer guten Büchse. Vieles, vieles hat sich in dieser langen Zeit geändert; Berge und Flüsse, die wir nur bei ihren indianischen Namen kannten, sind längst umgetauft worden, und Eingeborene, die wir durch den bloßen Knall unserer Büchsen fernhielten, führen jetzt so gute Feuerwaffen, wie sie die Fabriken in den Vereinigten Staaten nur zu liefern vermögen.«

Auf meine Frage, ob er den oberen Colorado kenne, erwiderte der alte Gale in seiner erzählenden Weise: »Den oberen Colorado kenne ich nicht, auch glaube ich nicht, daß eure Expedition denselben kennenlernen wird. Meilentiefe Cañons bilden dort sein Bett, und meilentiefe Cañons werden euch hindern, an den oberen Colorado zu gelangen. Einmal bin ich vor vielen Jahren in jener Gegend gewesen, bin aber auch nie wieder dahin zurückgekehrt. Doch laßt mich erzählen.

In der Hoffnung, eine einträgliche Biberjagd zu machen, hatten wir Freitrapper, ungefähr 150 an der Zahl, eine Kompanie gebildet und den bekannten Fitzpatrick, der nun auch schon hinüber ist, zu unserem Anführer gewählt. Um nämlich die Einigkeit aufrechtzuerhalten, fügen sich alle Teilnehmer einer solchen Expedition pünktlich den Befehlen eines von ihnen selbst gewählten Häuptlings, dessen Aufgabe es ist, die Leute je nach ihren Fähigkeiten zu den verschiedenen Arbeiten und Dienstleistungen zu bestimmen, zugleich aber auch nach Beendigung der Expedition die gerechte Verteilung der gewonnenen Beute zu überwachen. Unser Ziel war der obere Colorado, den noch nie ein Trapper erreicht hatte. Auch wir erreichten ihn nicht, indem, wie ich schon sagte, meilentiefe Schluchten uns den Weg völlig abschnitten.

Wir gaben jeden Versuch, hinunterzugelangen, auf; was hätten wir auch in den Spalten finden sollen, da Otter und Biber ja nicht zwischen Felsen leben? Wir entschlossen uns daher, mehr südlich zu gehen, und machten einen weiten Umweg, auf dem wir einen kleinen Bergstrom erreichten, der uns, wie sich später erwies, an den Colorado führte. Auf unserer ganzen Reise hatten wir keinen einzigen Eingeborenen erblickt, was uns zu der Meinung bestimmte, daß die dortige wüste Gegend gänzlich unbewohnt sei. Am Colorado erhielten wir indessen die untrüglichsten Beweise, daß wir schon seit langer Zeit von Indianern umgeben waren und beobachtet wurden, und zwar von solchen, denen weiße, bärtige Menschen eine vollkommen neue Erscheinung waren.

An dem Tag nämlich, an dem wir den großen Strom erreichten, ermattete eins von Fitzpatricks Pferden, und ich erhielt den Auftrag, dieses nachzubringen. Das Tier war indessen so ermüdet und abgetrieben, daß ich es durch gar kein Mittel von der Stelle zu treiben vermochte. Ich gab dasselbe daher auf und eilte meinen Gefährten nach, mit denen ich am Colorado erst wieder zusammentraf. Auf meinen Bericht über das verlorene Pferd ließ mich Fitzpatrick hart an und bestand mit allem Eigensinn darauf, daß ich ihm das Tier unter allen Umständen wiederschaffen müsse. Dasselbe war vielleicht nur fünf oder sechs Meilen von unserem Lager entfernt, ich entschloß mich daher, noch vor Einbruch der Nacht zu Fuß zurückzukehren und es noch einmal mit ihm zu versuchen. Ein gut berittener Kamerad bot mir seine Begleitung an, die ich mit Freuden annahm, um so mehr, als wir an diesem Tag die ersten Fußstapfen von Eingeborenen im Sand des kleinen Bergstroms entdeckt hatten. Wir verließen das Lager und befanden uns bald zwischen den Felsen, die das Flüßchen an beiden Seiten einfaßten.

Die Hälfte des Weges hatten wir ungefähr zurückgelegt, als mein Kamerad, in der Absicht, vorauszueilen und das zurückgelassene Tier mir entgegenzubringen, sein Pferd rasch antrieb und hinter der nächsten Biegung verschwand. Langsamen Schrittes folgte ich nach, der Hufschlag wurde schwächer, verhallte endlich ganz in den Schluchten, und lautlose Stille umgab mich. Plötzlich erblickte ich auf einer nahen Felswand eine Anzahl riesenhafter Gestalten, die ich, trotz der schon eingetretenen Dämmerung, leicht für vollständig unbekleidete Indianer erkannte. Sie winkten mir, umzukehren, und wahrscheinlich würde ich ihrer Aufforderung auch Folge geleistet haben, wenn mich die Sorge um meinen Freund nicht zurückgehalten hätte. Als ich auf die erneuten Drohungen meine Schritte noch beschleunigte, sprangen eine kurze Strecke vor mir zwei der Wilden in das sandige Flußbett hinab, worauf der vorderste derselben, mit einer kurzen Keule bewaffnet, mir kühn entgegenschritt. Ich hob meine Büchse und gab ihm zu verstehen, daß ich ihn beim nächsten Schritt erschießen würde; er achtete indessen nicht meiner Drohung, sondern näherte sich schnell mit seiner geschwungenen Waffe. Ungern tötete ich den armen Menschen, der allem Anschein nach die Wirkung des Feuergewehrs noch nicht kannte und sicherlich glaubte, sich mit mir in ein ehrliches Handgemenge einlassen zu können. Ich gab ihm noch Zeit bis zum letzten Augenblick, als er aber seine Keule zum tödlichen Streiche schwang, streckte ich ihn mit der Kugel zu Boden.

Die übrigen Wilden, die gleichsam unbesorgt um ihren Gefährten dem Kampf neugierig zugeschaut hatten, erhoben bei dem Knall ein fürchterliches Geheul, und als sie den wilden Krieger, der in ihren Augen von keiner Waffe berührt worden war, dennoch tot zu Boden stürzen sahen, ergriffen alle schleunigst die Flucht und verschwanden in den nächsten Klüften.

Mein Kamerad brachte wirklich das Pferd, das sich etwas erholt hatte, mit sich zurück und war nicht wenig erstaunt über das Abenteuer, das ich auf eine für mich so glückliche Weise mit den Wilden bestanden hatte. Dies sind die Erinnerungen, die sich an meine Colorado-Reise knüpfen; wenn ich jünger wäre, würde ich wieder mit euch ziehen, um euch das Gebirge zu zeigen, in dem so reiche Silberminen verborgen sein sollen; ich habe freilich schon mehrere Male vergeblich nach denselben gesucht, doch könnten wir möglichenfalls vom Glück begünstigt werden und als reiche Leute aus dortiger Gegend heimkehren.«

In dieser Weise unterhielt uns der alte Gale mit seinen Erzählungen; er sprang freilich fortwährend von einem Gegenstand zum anderen über, doch wüßte ich keine Unterhaltung, die den Umständen angemessener gewesen wäre als gerade diese. Mitternacht war schon vorüber, als der alte Jäger sich nach seiner Hütte begab und wir in unser Zelt gingen.

Den folgenden Tag verbrachte ich, indem ich mit der Flinte in der Umgebung umherstreifte und Vögel für meine Sammlung schoß, während meine Gefährten fast ununterbrochen mit der Angel am Fluß saßen. Es war abermals einer der schönen warmen Herbsttage, an denen man so gern geneigt ist, sich jeder Beschäftigung mit einer gewissen Gemächlichkeit hinzugeben, um über der Arbeit nicht unempfindlich gegen den Genuß zu werden, den der Aufenthalt im Freien dann besonders gewährt. Nur geringe Beute lieferte mir die Jagd, einige Enten und Rebhühner wanderten in die Küche, und wenig glücklicher war ich hinsichtlich meiner Sammlung.

Am 19. November in aller Frühe erschien Gale bei uns im Lager, um einer Verabredung gemäß Mr. Kennedy und mich zur Jagd abzuholen. Wir waren schnell bereit, bestiegen unsere Pferde und folgten Gale nach, der nahe seiner Wohnung durch den Fluß ritt und eine nordöstliche Richtung durch das Tal einschlug. Mehrere Stunden ritten wir unseres Weges, bis wir einen fast ausgetrockneten See erreichten, dessen Binsenwaldung Gale zu durchstöbern beabsichtigte. Die Jagd war indessen so mühsam und wegen der vielen sumpfigen Stellen auch so gefährlich für unsere Pferde, daß wir es bald aufgaben, an diesem Tage einen Elkhirsch zu erlegen, und uns darauf beschränkten, den schmalen Waldsaum an einem nahen Flüßchen abzusuchen. Wir spürten und sahen Hirsche genug, doch wollte es keinem von uns gelingen, zum Schuß zu kommen.

Gale, dem es ebensosehr wie uns um frisches Fleisch zu tun war, schlug uns darauf vor, wildes Rindvieh zu schießen, was ich mit um so größerer Bereitwilligkeit annahm, als mir diese Art von Jagd noch neu war. Mit einer Gewandtheit, die man von dem alten Mann nicht erwartet hätte, kletterte Gale auf den nächsten hohen Baum, von wo aus er die Ebene übersehen konnte, und erfreute uns nach einigem Umherspähen durch die willkommene Nachricht, daß in geringer Entfernung eine kleine Herde wilder Kühe weide. Nach wenigen Minuten befand sich Gale wieder im Sattel, und Kennedy sowohl als ich folgten, uns ganz seiner Führung überlassend, dem alten Mann im Galopp über die dürre Ebene. Ehe wir indessen in schußgerechte Nähe gelangten, hatte die Herde uns gewittert, stürmte in wilder Eile davon und bezeichnete durch eine dichte Staubwolke den Weg, den sie genommen hatte.

Langsam ritten wir nach und entdeckten bald neue Herden, die, anscheinend noch nicht beunruhigt, dem Wasser träge zuschritten. Auf Gales Rat trennten wir uns nun voneinander, um auf verschiedenen Wegen den Kühen unbemerkt näher zu schleichen, wobei uns die vom Wasser ausgewaschenen Vertiefungen sehr zustatten kamen. Mein Pferd am Zügel nehmend, gelang es mir allerdings, die Entfernung zwischen mir und den Kühen zu verringern, doch immer nicht in dem Maße, daß ich von meiner Waffe mit Erfolg hätte Gebrauch machen können. Das Mißtrauen des wilden Rindviehs übertrifft nämlich noch bei weitem die Scheu der Antilope, und dabei kommt nichts der blinden Wut gleich, welche bei demselben durch den Geruch von frischem Blut, manchmal sogar auch durch das Erscheinen eines harmlosen Fußgängers, hervorgerufen werden kann.

Mehrere Male hatten sich schon kleine Rudel vor mir geflüchtet, und der Erfolg begann mir schon zweifelhaft zu scheinen, als ich, im Begriff, die grabenähnliche Vertiefung zu verlassen, plötzlich in einer bis dahin von mir unbeachteten Richtung zehn bis zwölf Kühe erblickte, die ruhig grasten und von einem kleinen schwarzen Stier gleichsam bewacht wurden. Ich band mein Pferd an einen nahen Strauch und kroch hinauf auf die Ebene. Ich könnte nicht sagen, daß die Kühe in ihrem Äußeren etwas Schreckliches für mich gehabt hätten; und also durch nichts beunruhigt, zielte ich vorsichtig auf den jungen Stier und gab Feuer. Auf den Knall der Büchse sprang er hoch auf, kam indessen wieder auf seine Füße zu stehen, und ich konnte aus der Ferne erkennen, daß er an allen Gliedern wie von Todesangst gepeinigt zitterte und bebte. Die erschreckten Kühe, die sich zur Flucht gewandt hatten, kehrten schnell wieder zu ihrem Anführer zurück und gerieten, als sie um denselben herumschritten und das Blut witterten, in die rasendste Wut. Dumpf brüllend scharrten sie mit den Hufen und trafen im vollen Sinn des Wortes Anstalt, den verwundeten und schon wankenden Stier mit ihren langen, spitzen Hörnern anzugreifen.

Ich hatte mich aufgerichtet und gerade das Laden meiner Büchse beendet, als die ergrimmten Kühe mich gewahrten; mit gehobenen Köpfen schienen sie zu lauschen, dann aber senkten sie die Hörner und stürzten in vollem Lauf auf mich zu. Solch wütenden Angriff hatte ich nicht erwartet; ich warf die Büchse über die Schulter, sprang zu meinem Pferd hin und eilte nach wenigen Augenblicken auf demselben in größter Eile über die Ebene. Ich glaubte dadurch die Kühe zu veranlassen, wieder zu ihrem verwundeten Kameraden zurückzukehren, doch hatte ich mich getäuscht. Meine Flucht schien im Gegenteil ihre Wut noch zu steigern, denn rückwärts schauend erblickte ich in einer Staubwolke die gespreizten Hörner, die meinem Pferd und auch mir gefährlich zu werden drohten. Mein Pferd mit den Sporen stachelnd, ergriff ich darauf meine beiden Revolverpistolen und feuerte Schuß auf Schuß unter meine Verfolger, die sich mit jeder Minute näherten. Ratlos blickte ich nach den nächsten Bäumen, hinter denen ich mich zu retten gedachte, als in geringer Entfernung von mir der Kopf des alten Gale aus einer trockenen Regenschlucht wie aus dem Boden auftauchte und mir zuschrie: »Hierher, um Gottes willen!«

Ich riß mein Pferd herum, setzte in die Schlucht hinab, und im nächsten Augenblick stürmten die Kühe vorüber. Schnell wie ein Gedanke sprang Gale dann nach der Ebene hinauf, schoß seine Büchse ab und erhob ein so durchdringendes, wildes Geheul, wie ich es sonst nur von den Indianern gehört hatte. Der alte Mann erreichte dadurch übrigens seinen Zweck vollkommen, denn der Grimm der Kühe verwandelte sich in Furcht, und unaufhaltsam rannten sie einer anderen Herde zu, die ebenfalls von panischem Schrecken ergriffen das Weite suchte.

Gale blickte ein Weilchen den Flüchtlingen nach, wandte sich dann mir zu und brach in ein so unauslöschliches Gelächter aus, daß ich trotz meiner Atemlosigkeit zuletzt mit einstimmen mußte. »Sie sind wohl noch nie vom Rindvieh gejagt worden?« rief er mir zu. »Es war ein köstlicher Anblick«, fuhr er neckend fort, »Ihr Brauner auf dem Gipfel seiner Eile; Sie selbst rückwärts gewendet mit dem Revolver nach Herzenslust puffend, und hinter Ihnen her, mit aufrecht stehenden Schweifen die erbitterten Kühe.« Hier brach er abermals in ein Gelächter aus und fügte mit fast erstickter Stimme zu: »Wenn Sie sich hätten selbst sehen können! Das Schauspiel war viel Geld wert!« Ich erzählte ihm alsdann den ganzen Verlauf meines Abenteuers, worauf der alte Jäger nur die Bemerkung machte: »Wenn Sie sich gleich anfangs hinter dem Busch verborgen hätten, so hätten Sie wahrscheinlich die ganze Gesellschaft totschießen können.« Ich entschuldigte mich mit der Abneigung, die ich bei dem Gedanken gefühlt hätte, eine Anzahl Kühe zu schlachten. »Und doch scheint es mir«, schaltete Gale ein, »als wenn Sie sich nicht viel Zeit zum Denken genommen hätten; aber lassen Sie sich das nicht leid sein; wenn man erst einmal von wildem Rindvieh in die Enge getrieben worden ist, so vergißt man die Rücksichten, die man gern mit den Abkömmlingen unserer Haustiere nimmt, und erblickt in ihnen ebensogut Wild wie in jedem Büffel oder Bären.«

Mr. Kennedy hatte sich unterdessen wieder zu uns gesellt, und vereint ritten wir hinüber zu dem verwundeten Stier, der noch immer wankend dastand und gar keinen Versuch mehr machte, vor uns zu fliehen. Eine Pistolenkugel machte seinem Leben ein Ende, worauf wir ihn zerlegten, die besten Stücke an unseren Sätteln befestigten und den Rest den Wölfen überließen.

Es war schon spät, als wir im Lager anlangten und mit Lobeserhebungen für unsere erfolgreiche Jagd überhäuft wurden. An dem Fleisch befand sich nämlich nichts, was seine Abstammung hätte verraten können, weshalb wir uns denn auch keine Gewissensskrupel daraus erwachsen ließen, von unserer Beute als von einem »feisten Elkhirsch« zu sprechen. Alles ging nach Wunsch; die Leber, die Louis sogleich zubereitete, wurde als eine vortreffliche Elkleber gepriesen, und alle begaben sich mit dem Gedanken zur Ruhe, am folgenden Morgen auch die Beefsteaks aus Elkfleisch zu prüfen. Gale befand sich in aller Frühe des 20. November schon wieder bei uns im Lager. Guter Dinge saßen wir um unseren Tisch und harrten des frischen Wildbratens, als wir des Negers Stimme vernahmen, der, mit sich selbst sprechend, laut die Meinung äußerte, daß er noch nie von einem schwarzen Elkhirsch gehört habe und das Fleisch doch mit schwarzen Haaren übersät sei. Ein allgemeiner Ausbruch des Lachens verkündete hinlänglich, daß das Geheimnis nun verraten sei, und zwar zur größten Befriedigung des alten Gale, der keinen Anstand mehr nahm, mit den komischsten Ausschmückungen die Szene zu beschreiben, wie ich von den Kühen verfolgt wurde. Natürlich gab dies zu mancherlei Neckereien Veranlassung, die selbst in Fort Tejon ihr Ende noch nicht erreichten, aber immer dazu beitrugen, die fröhliche, ausgelassene Stimmung der ganzen Gesellschaft zu erhöhen. Lieutenant Mercer, Mr. Kennedy und ich, geführt von Gales ältestem Sohn, machten an diesem Tag noch einen kleinen Ausflug zu den Tejon-Indianern, die sich an der Nordseite des Kernsees gelagert hatten. Ein Ritt von drei Stunden brachte uns in den Winkel, der vom Kernsee und dem natürlichen Kanal gebildet wird, welcher ersteren mit einem weiter nördlich gelegenen See verbindet. Dort, an einer offenen Stelle, befanden sich die aus Binsenbündeln zusammengefügten Hütten der Eingeborenen. Die kleinen, unsauberen Gestalten, die träge umherlagen und sich sonnten oder im Schatten saßen und Karten spielten, riefen durchaus keinen günstigen Eindruck hervor. Ihre Gesichter hatten einen falschen, finsteren Ausdruck, was vielleicht dadurch mehr ins Auge fiel, daß keiner bei unserer Ankunft die geringste Überraschung und Neugierde verriet oder uns auch nur zu bemerken schien.

Die Hütten umgab eine widerliche Atmosphäre, erzeugt durch die Haufen von Muscheln, die teils ihres Inhalts beraubt waren, teils noch gefüllt umherlagen, sowie durch die Überreste des Vogelwilds, auf die man bei jedem Schritt stieß. Die Anzahl der Eingeborenen war gering, und sie hatten sich dort nur zeitweise niedergelassen, um Fisch- und Vogelfang zu betreiben. Sie schienen in einer gewissen Art von Überfluß zu leben, denn vor jeder Hütte erblickte ich große Bündel von Enten und Gänsen sowie auch Massen von frischen Muscheln, die ebenfalls zur Nahrung bestimmt waren. Unter ihren Hausgeräten fielen mir besonders die Schüsseln und Töpfe auf, die so kunstvoll und fest aus starken Grashalmen und zähen Weiden geflochten waren, daß sie nicht nur undurchdringlich für jede Flüssigkeit waren, sondern daß diese auch durch Hineinwerfen von glühenden Steinen in denselben zum Sieden gebracht werden konnte. So wie sich diese Indianer der Binsen zur Anfertigung von Fischkörben bedienen, so liefert ihnen dieselbe Pflanze auch das zum Vogelfang notwendige und geeignete Material. Sie fügen nämlich die einzelnen Halme in Gitterwerk, ähnlich großen Falltüren, zusammen und stellen diese in den vorher sorgfältig gesäuberten Gängen der Binsenwaldungen in horizontaler Lage so auf, daß Enten und Gänse bequem unter denselben fortschwimmen können. Die auf dem breiten Wasserspiegel befindlichen Vögel werden dann beunruhigt, jedoch nur gerade so viel, daß sie schwimmend ihre Zuflucht in der Binsenwaldung suchen und, den bequemeren Weg in den Gängen vorziehend, in großer Anzahl unter die dicht aneinandergereihten Falltüren geraten. Plötzlich werden die Tiere zum Auffliegen veranlaßt, sie verwickeln sich in das grüne Gitterwerk und werden dann von den hinzuspringenden Indianern getötet.

Die Eingeborenen der südlichen Spitze des Tularetales sind fast allgemein unter dem Namen Tejon-Indianer bekannt. Die Bezeichnung ist dem Tejonpaß entnommen, einem Gebirgspaß, der weiter östlich ähnlich der Cañada de las Uvas vom Tularetal in das Great Basin führt. Ob nun der Name indianischen Ursprungs ist oder vom spanischen »Tejon«, d. h. Dachs, hergeleitet werden muß, vermag ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls aber ist die allgemeine Bezeichnung Tejon-Indianer dadurch entstanden, daß die amerikanische Regierung im Tejonpaß eine Agentur zum Schutz und zur Zivilisierung der Eingeborenen gründete und infolgedessen den Namen auf alle dort verkehrenden Stämme übertrug.

Wenn ich hier von Stämmen spreche, so verstehe ich darunter nur noch die letzten Überreste zahlreicher kleiner Nationen, von denen einige durch wenige Familien, andere sogar nur durch ein einziges Mitglied vertreten sind, während von noch anderen nichts als der Name übriggeblieben ist.

Die Agentur ist im Jahre 1853 gegründet worden, und zwar durch Lieutenant Beale, der im Auftrag seiner Regierung handelte und den Tejonpaß am geeignetsten für solche Zwecke fand. Er zog alle Indianer der Umgegend hier zusammen, versah sie mit Ackergerätschaften und gab ihnen – mit viel Erfolg, wie mir versichert wurde – Anleitung zum Ackerbau und zur Viehzucht. Die Indianer werden indessen dadurch nicht gehindert, zu günstigen Jahreszeiten ihre Jagd- und Fischexpeditionen auch fernerhin nach den Seen zu unternehmen. Das Fort, das in der ganz abgesonderten Cañada de las Uvas, aber ein Jahr später, gegründet wurde, erhielt ebenfalls den Namen der Agentur, hauptsächlich wohl aus dem Grund, weil es zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der ReservationDie den Indianern als unantastbar eingeräumten Ländereien werden in den Vereinigten Staaten »Indian reservation« genannt. und zum Schutz der weißen Ansiedler des Tejonpasses errichtet war.

Wenig erbaut von den dortigen Eingeborenen kehrten wir nach unserem Lager zurück. Wir trafen an demselben Abend noch unsere Vorkehrungen, um am folgenden Morgen in aller Frühe aufbrechen zu können, und als am 22. November die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne den leichten Reif berührten, der auf der weiten Ebene lag, trabte unsere kleine Karawane schon lustig dem Tejonpaß zu. Da wir nämlich den Militärposten nicht in einem Tag erreichen konnten, so beabsichtigten wir an einer Gebirgsquelle zu übernachten und wichen deshalb etwas östlich von unserer Richtung ab.

Gegen Mittag gelangten wir an den Fuß der Gebirge, die das Tularetal gegen Südwesten abschließen, und dort an einem Bach, der einer Felsenschlucht entströmt, rasteten wir einige Stunden. Von hier führte unser Weg über eine Reihe von Hügeln an der Mündung des Tejonpasses vorbei, und als es dunkelte, hielten wir vor dem Haus des Mr. Bishop, des Schafzüchters, der die Überwinterung der Kamele kontraktlich von der Regierung übernommen hatte.

Unter dem waldigen Abhang der abschüssigen Tejonberge liegt das lange, einfache Blockhaus. Echt kalifornischer Geschmack und Einrichtungen verraten sich überall; da sind die mit leichten Bretterdächern versehenen, wändelosen Schuppen und Remisen, die auch als Werkstätten benutzt werden; da sind umfangreiche Einfriedungen, auf zahlreiche Schafherden berechnet, die zugleich als Ställe dienen; da sind große Haufen von wohlriechendem Heu, die durch Wagenladungen von Zweigen und Baumstämmen gegen den Andrang des Viehs geschützt sind – kurz, alles deutet darauf hin, daß der Eigentümer es verstand, auf sinnreiche Weise, ohne Aufwand an Zeit und Kosten, sogar am Rand der Wildnis eine bequeme und zugleich einträgliche Heimat zu gründen. Dabei entbehrt Bishops Farm keineswegs der Vorzüge, die anmutige Umgebung und Lage gewähren; denn wie man im Tal aus weiter Ferne das mit weißem Anstrich versehene Wohnhaus zu erkennen vermag, so bietet sich dem Bewohner desselben die Aussicht über das Tularetal bis dahin, wo der Horizont mit der bläulichen Ebene zusammenfällt, und mittels eines Fernrohrs vermag er seine Herden zu beobachten, die, auf viele Quadratmeilen verstreut, gleichsam eine unbegrenzte Freiheit genießen und dadurch um so besser gedeihen. Wenige Schritte von der Wohnung rieselt im Schatten hoher Eichen eine klare Quelle aus dem steinigen Boden, und um diese herum erblickt man stets Pferde, Kühe, einige verzogene Ziegen und Schafe, Hühner, Truthühner und zwischen allen Haustieren, und ebenso zahm wie diese, zwei mutwillige Elkhirsche. An dem Abend, an welchem wir anlangten, wurde der Charakter der Farm auf eigentümliche Weise durch die von Lieutenant Beale und Lieutenant Torborn zurückgelassenen Dromedare verändert, die mit stoischer Ruhe in der Mitte des Hofs der Ruhe pflegten und für weiter nichts als die unterhaltende Arbeit des Wiederkäuens Sinn zu haben schienen. Die beiden Fremdlinge fühlten sich augenscheinlich ganz heimisch in der fremden Umgebung, welche dagegen durch deren Anwesenheit etwas von dem heimatlichen Aussehen eingebüßt hatte. Mr. Bishop empfing uns auf seinem Hof und lud uns sogleich ein, bei ihm zu übernachten. Die Anwesenheit seiner Frau aber, einer jungen, hübschen Amerikanerin (beiläufig, wenn auch nicht gerade zart, gesagt, in dortiger Gegend und zu damaliger Zeit eine fast ebenso seltene Erscheinung wie die Dromedare), veranlaßte uns, die gastfreundliche Aufforderung nur insoweit anzunehmen, daß wir unsere Gesellschaft für den ganzen Abend zusagten, zum nächtlichen Aufenthalt dagegen das Zelt in einem geeigneten Winkel aufschlagen ließen. Nach den ersten Begrüßungen, die gemäß eines sehr lobenswerten Brauches von zeremoniellen, gefüllten Bechern begleitet waren, mußten vor allen Dingen die Dromedare in Augenschein genommen werden, die bei unserer Annäherung ihre Unzufriedenheit über die in Aussicht stehende Störung zu erkennen gaben, indem sie auf mürrische Weise gurgelnde Töne ausstießen. Wie sich nicht anders erwarten ließ, mußten die Tiere, wie gewöhnlich bei der Ankunft von Fremden, ihre Gelehrigkeit dadurch beweisen, daß sie sich auf Befehl niederlegten und wieder aufstanden, wobei es natürlich nicht an der entsprechenden Bewunderung fehlte.

Ich kann es nicht leugnen: die Anwesenheit der ägyptischen Lastträger auf dem amerikanischen Boden gewährte mir viel Freude, doch unterhielt unseres Negers Erstaunen mich an diesem Abend mehr als alle Kunststückchen, zu denen die armen Tiere fortwährend gequält wurden. Sprachlos vor Erstaunen schritt Louis um die Dromedare herum und besah sie genau von allen Seiten; endlich fand er Worte: »I want to know«, rief er aus, »ich möchte wissen, ob des Niggers Vaterland wirklich das Vaterland dieser schrecklichen Tiere ist.«

»Natürlich, Einfaltspinsel!« antwortete Lieutenant Mercer. »Wenn in Afrika ein Neger geboren wird, so setzt man ihn auf ein Kamel, und dann muß er sein ganzes Leben hindurch auf demselben sitzen bleiben!«

»Mighty strange, mighty strange«, bemerkte Louis, »sehr merkwürdig, aber ich kann's nicht glauben.« Nach einer Pause fuhr er fort: »Ich möchte wohl der erste Nigger sein, der in Amerika auf einem Kamel gesessen ist!«

»Das kannst du haben, Freund«, rief Bishop, indem er das größere Dromedar zum Niederknien zwang. »Jetzt stell dich nur hinter dieses, und schwing dich hinauf!«

Louis machte sich bereit, das Tier aber, nicht gewohnt, sich auf diese Art besteigen zu lassen, wandte seinen Kopf rückwärts, zeigte Louis die langen Zähne und schnob ihn verdrießlich an. Louis zauderte, fragte, ob ihn das »Monster« beißen würde, und als man ihm die Frage verneinte, sprang er hinauf und versuchte sich mit seinen langen Armen an dem breiten Höcker festzuklammern. Kaum berührte er aber den Rücken des Tieres, als dieses, noch ehe er Zeit gewann, sich ins Gleichgewicht zu bringen, wie ein Blitz emporschnellte und durch die ungestüme Bewegung den armen Neger hoch in die Luft schleuderte. Louis' Schädel kam, als Schwerpunkt der knochigen Gestalt, natürlich zuerst mit der Erde in Berührung, und zwar mit einer Heftigkeit, daß der feste Kiesboden dadurch erschüttert wurde und ich nichts anderes glauben konnte, als daß der lustige Junge nie wieder aufstehen würde. Louis stand aber dennoch auf, rieb sich vergnügt mit der Hand über das wollige Haupt und bemerkte wohlgefällig: »Jedes weißen Mannes Schädel würde bei dieser Gelegenheit zu Scherben geworden sein; wenn ich auch nicht der erste Nigger bin, der in Amerika ein Kamel geritten hat, so bin ich doch wenigstens der erste, der von einer solchen ungestalten Bestie abgeworfen worden ist.«

Die Quälerei der Dromedare erreichte hier ihr Ende, wir schritten dem Haus zu, wo wir von der freundlichen Mrs. Bishop an einem mit duftenden Braten beladenen Tisch erwartet wurden.

Erst spät in der Nacht begaben wir uns zu unserem Lager. Es war hell genug, um die endlose Fläche unterscheiden zu können, die in erhabener Ruhe wie in tiefem Schlummer vor mir lag; ich setzte mich auf einen bemoosten Felsblock und lauschte. Es war mein letzter Abend im Tularetal, und wie Abschied nehmend, blickte ich zum Kern-River hinüber, wo ich so fröhliche Tage verlebt hatte. Ich betrachtete die schwarzen zackigen Gebirge zu beiden Seiten, auf denen das Himmelsgewölbe sich zu stützen schien; ich wandte meine Blicke gegen Norden, wo die ewigen Sterne gleichsam auf der Ebene lagen und verstohlen blitzten, ich schaute aufwärts zu dem schimmernden Firmament, wo Millionen von Welten sich in Sternbilder zusammendrängten und einzelne verirrte Meteore ihre Feuerlinien zeichneten. Eine feierliche Ruhe schwebte über dem Tal, und deutlich vernahm ich aus weiter Ferne den Gesang von Kinderstimmen; es waren junge indianische Hirten, die, bei ihren Herden wachend, die melancholischen, einfachen Melodien ihrer wilden Lieder durch die Nacht erschallen ließen; leise und unheimlich klang es, wie Geisterruf; ich kroch auf mein Lager, und selbst im Schlaf noch glaubte ich die eigentümliche Musik zu hören.

Nachdem wir am 22. November das Frühstück bei Mr. Bishop eingenommen hatten, bestiegen wir den Wagen und befanden uns nach kurzem Marsch vor der Cañada de las Uvas, an derselben Stelle, wo wir sie sechs Tage früher verlassen hatten. Der Weg war steil, wir erleichterten daher den Pferden ihre Last, soviel in unseren Kräften stand, und eilten, uns auf unsere eigenen Füße verlassend, voraus.

Wir befanden uns ungefähr in der Mitte der Schlucht, als wir der Kamelkarawane begegneten, die, wie schon oben bemerkt, nach Bishops Farm geführt wurde. Sie bestand aus einem stattlichen Train von zweiundzwanzig Dromedaren und Kamelen verschiedener Rassen; alle schwer bepackt, und in langer Reihe folgte eines dem anderen in sicherem, gemessenem Schritt auf der unebenen, felsigen Straße. Sie beendeten mit diesem Tag eine lange, sehr mühselige Reise durch die Felsenwüsten zwischen Kalifornien und Neu-Mexiko, und doch könnte ich nicht sagen, daß auch nur eines derselben hervortretende Spuren von Ermattung gezeigt hätte; die sie begleitenden Maultiere dagegen befanden sich in einem solchen Zustand, daß es gewiß längerer Zeit und guten Futters bedurfte, um sie wieder zu dergleichen Arbeiten verwendbar zu machen. Wir ließen die Karawane bei uns vorüberziehen, worauf wir uns wieder in Marsch setzten, und in den ersten Nachmittagsstunden wurden wir von allen unseren Bekannten auf dem Hof des Forts unter lautem Jubel empfangen.

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