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Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1

Balduin Möllhausen: Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1 - Kapitel 17
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authorBalduin Möllhausen
titleReisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1
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Sechzehntes Kapitel

Maruatschas Rückkehr in seine Heimat – Fruchtlose Versuche, über die Stromschnelle zu gelangen – Der Ruhetag – Die Höhle im Ufer – Der Sandsturm – Umgehen der Stromschnelle – Ausflug nach der Hochebene – Wirkung des Wassers in derselben – Washingtons Geburtstag – Der Sandsturm – Endlicher Aufbruch – Nachricht vom Train – Sinken des Dampfbootes »Jessup« – Chimehwhuebe-Indianer – Öffnung im Gebirge – Einfahrt in ein Tal – Lager auf einer Sandbank – Fortsetzung der Erzählung der Abenteuer am Nebraska

Maruatscha hatte endlich erklärt, daß es seine feste Absicht sei, wieder nach Fort Yuma zurückzukehren. Durch Iretébas und Navarupes Anwesenheit war der Yuma-Indianer entbehrlich geworden, und da Mariandos Sprachkenntnisse genügten, um durch Iretéba zwischen uns und den Eingeborenen zu vermitteln, und wir alle eine Gelegenheit herbeiwünschten, Nachrichten zurücksenden zu können, so wurde Maruatschas Plan nichts entgegengestellt, und Lieutenant Ives beeilte sich, ihn in der Frühe des 20. Februar abzufertigen. Beschwert mit Geschenken, Depeschen und Briefen, verließ uns der alte Reisegefährte, er versicherte, schon nach zwölf Tagen in seiner Heimat am Gila zurück zu sein, doch fand Mariandos Behauptung, daß Maruatscha nicht eher an die Heimreise denken würde, als bis er seine ganzen Habseligkeiten bei den Mohaves verspielt habe, mehr Glauben. Wie ein guter Freund schied der Indianer; von seiner Ankunft in Fort Yuma und von der gewissenhaften Ausrichtung seiner Aufträge erhielt ich später Nachricht, doch Maruatscha selbst sah ich nie wieder.

Fruchtlose Versuche, das Dampfboot über die Stromschnelle zu bringen, füllten den ganzen Tag aus. Jeden Augenblick glaubten wir dasselbe vorwärts gleiten zu sehen, um von neuem seine Ladung einzunehmen und die Reise fortzusetzen; doch wie festgeschmiedet ruhte der eiserne Kiel auf den glattgewaschenen Steinen und Felsblöcken, während das Wasser mit seinem ewigen Getöse lustig an ihm vorüberrauschte und wie mutwillig seine schwarzen Seiten netzte.

Wir befanden uns am Ufer und schauten mißmutig hinüber, wo die »Explorer« regungslos lag, und als der Abend sich einstellte, bereuten wir es, die Zeit nicht zu einem Ausflug in die zerklüftete Hochebene benutzt zu haben, deren Abhänge bis in die Nähe des Flusses reichten. Den Raum zwischen dem Hochland und dem Strom füllte unfruchtbarer, sandiger, angeschwemmter Boden aus, der sich gegen sechzehn Fuß über dem Wasserspiegel erhob, und nur ein ganz schmaler Streifen des Flußbettes, der durch das Zurücktreten des Stroms trockengelegt war, diente zu unserem Aufenthalt. Nicht ohne Mühe gelang es uns, zwischen dem Geröll genug Raum für die Zelte zu finden, und auch dann noch waren wir genötigt, durch Anhäufung von Sand und Zweigen den Boden zum Ausbreiten unserer Decken zu ebnen. Die Steine, die teils fest im Sand hafteten, teils lose umherlagen, bildeten gleichsam eine reichhaltige Mineraliensammlung sowohl ihrer Verschiedenheit als auch ihrer Schönheit wegen. Es fanden sich grellfarbige Granitstücke, mehr oder weniger reich an blitzendem Glimmer-, Quarz-, Trachyt- und Porphyrgeröll, und besonders letzteres zeigte eine solche Mannigfaltigkeit an Farben, daß man mit leichter Mühe aus den Bruchstücken die schönsten Schattierungen zusammenstellen konnte. Dr. Newberry sowohl wie ich brachten auch in der Tat die meisten unserer müßigen Stunden damit hin, die rundgewaschenen Steine zu zertrümmern, demnächst nach den Farben zu ordnen und teilweise unseren Sammlungen beizufügen. Auch Proben von Kalkstein entdeckten wir sowie einige fossile Muscheln, doch waren letztere kaum noch zu erkennen, und ihr Äußeres verriet, daß sie einen sehr weiten Weg zurückgelegt haben mußten, um bis dorthin zu gelangen.

Am Sonntag, dem 21. Februar, war Ruhetag; die »Explorer« lag ruhig vor ihrem Anker, und gemächlich ruhten die Leute nach der schweren Arbeit auf dem sandigen Ufer. Der Himmel war unbewölkt, in vollem Glanz strahlte die Sonne auf die Wüste und den Wüstenstrom nieder und beleuchtete die einfarbige, trostlose Umgebung auf eine Weise, welche die Augen blendete und schmerzte. Schon in der Frühe begann der Flugsand umherzuwirbeln und verkündete einen der lästigen Sandstürme, gegen deren peinigende Wirkung man vergeblich nach einem sicheren Zufluchtsort späht.

Einige Schritte unterhalb des Lagers hatte ich in dem hohen Ufer eine Höhle entdeckt, die durch das von der Ebene zeitweise niederströmende Wasser gebildet worden war. Diese lag fast ganz versteckt hinter Ranken und Wurzeln und versprach einigen Schutz gegen den aufspringenden Sturm, dem die auf sandigem Boden errichteten Zelte unmöglich widerstehen konnten. Mittels einer Axt säuberte ich die Höhle von hinderndem Gestrüpp und ließ von Wurzeln und Ranken nur soviel zurück, als erforderlich war, um notdürftig das Dach zu ersetzen. Meine Kameraden halfen mir darauf, den Boden zu ebnen und mit einer dicken Lage von Weidenzweigen zu bedecken; und so entstand nach kurzer Zeit unter unseren Händen eine vergleichsweise bequeme Hütte, die geräumig genug war, unsere aus sieben Mitgliedern bestehende Gesellschaft aufzunehmen.

Dort nun saßen und lagen wir während des größten Teil des Tages; der Sturm tobte, trieb dichte Staubmassen vor sich her und machte den Aufenthalt im Freien fast unerträglich; sogar in unserer Hütte empfanden wir die unangenehme Wirkung desselben, denn dicke Staublagen sammelten sich auf unserer Kleidung, und wo ein Sonnenstrahl in unsere Zufluchtsstätte hineinzitterte, da blitzten Millionen von kaum sichtbaren Bestandteilchen, welche die Luft erfüllten und sich leicht mit dem Atem vermischten. Doch nicht allein die Luftröhren wurden schmerzhaft angegriffen, sondern auch die Zähne, denn die Speisen, die nur im Freien zubereitet werden konnten, waren mit einer solchen Masse von Sand versetzt, daß es trotz eines an Hunger streifenden Appetits noch immer einige Überwindung kostete, Zähne und Gaumen mit ihnen in Berührung zu bringen.

Der Abend rückte allmählich heran, der Sturm legte sich, so daß wir, ohne von Rauch belästigt zu werden, ein kleines Feuer in der Höhle unterhalten konnten, und dieses trug nicht wenig dazu bei, daß die Unannehmlichkeiten des Tages vergessen wurden und man nur der Gegenwart lebte, ohne dabei Besorgnis für eine unsichere Zukunft aufkommen zu lassen.

Sehr oft auf meinen Reisen erlebte ich Szenen, bei deren Anblick der Wunsch sich regte, diese als ein Bild, kunstvoll ausgeführt, zu besitzen, und zwar so, wie sie noch immer deutlich und lebendig meinen Gedanken vorschweben. Es ist nicht jedesmal die ungebundene Aussicht auf die erhabenen Werke einer schöpferischen und weise ordnenden Naturkraft oder eine besondere Wichtigkeit des Moments, die solchen Wunsch laut werden läßt, sondern auch zuweilen eine zufällige, malerische Zusammenstellung von Personen und Gegenständen in einer entsprechenden Umgebung, wo dann eine eigentümliche Beleuchtung das Bild vervollständigt und charakterisiert. Empfänglichen Gemütern prägen sich solche Szenen tief ein, und selbst lange Jahre vermögen den auf diese Weise gewonnenen Eindrücken und Rückerinnerungen ihre Lebensfrische nicht zu rauben.

Ich saß nahe am Ausgang der Höhle, nur wenige Fuß von mir tobte der Strom in seiner ewigen Weise über Felsengeröll; in jeder tanzenden Welle spiegelte sich die halbe Scheibe des Mondes, und mattes Licht ruhte auf Strom, Wüste und Berg. Regungslos lag das schwarze Dampfboot in der Brandung, regungslos wie die hohen Felsmassen, die sich auf dem rechten Ufer erhoben; der Fluß aber rauschte und plätscherte, und erfüllte mit seiner lauten, eintönigen Musik die stille Abendluft.

Vom flackernden Feuer erhellt, lag auf meiner anderen Seite die Höhle. Die überhängenden Seitenwände, gehalten von zähen Wurzeln und blätterlosen Ranken, erschienen rotglühend, und rastlos spielte der aufsteigende Rauch mit den niederhängenden Zweigen und Moosgeweben der durchbrochenen Bedachung. In gedrängtem Kreis lagen um das Feuer bärtige Europäer und bemalte Indianer; die farbige, wollene Decke fehlte keiner einzigen Gestalt und verbarg teilweise die kurzen Waffen, die in jedem Gürtel blitzten, während Büchsen, Bogen und Köcher an vorstehenden Wurzelenden hingen oder angelehnt an den Wänden herumstanden. Die Unterhaltung war lebhaft, die kurzen Tonpfeifchen rauchten und schienen den Ausdruck der Zufriedenheit zu erhöhen, der auf den verschiedenen Gesichtern ruhte. Abhängig von den lodernden Flammen wechselte die glühende Beleuchtung der Züge, der faltenreichen Decken und der verbrannten und zerrissenen Kleidungsstücke, und aus denselben Ursachen wuchsen und schwanden auch die Schatten, die ähnlich einem Heer mißgestalteter Kobolde auf den Wänden umhersprangen.

So reihen sich die Bilder aus meinem Reiseleben aneinander; in Gedanken verweile ich gern vor ihnen, und nur zu gern versuche ich es – vielleicht mit Unrecht –, diese Erinnerungen auf verständliche Weise zu beschreiben.

Ich fehlte nicht lange in der Reihe meiner Gefährten, und erst spät in der Nacht entfernten sich unsere drei Indianer, um sich halb in Sand zu vergraben, während wir selbst unsere Betten in der Höhle auseinanderrollten.

Die Versuche, das Dampfboot über die seichte Stromschnelle hinüberzuschaffen, wurden am folgenden Tag nicht weiter fortgesetzt. Es befand sich nämlich uns gegenüber eine lange Insel, die nur durch einen schmalen, unscheinbaren Kanal vom rechten Ufer getrennt war. Dort hatte Robinson hinreichend tiefes Wasser entdeckt, um mit Sicherheit auf Erfolg rechnen zu können. Ohne daher die Ladung wieder an Bord zu nehmen, ließ er die »Explorer« vorsichtig von der Stromschnelle hinuntergleiten, und dann, einen Umweg beschreibend, gelangte er bald in den Kanal. Dort hatte er Gelegenheit, Leute auf der Insel sowie auf dem rechten Ufer auszusetzen, welche mittels langer Taue das Fahrzeug zugleich von beiden Seiten halten und gegen die starke Strömung schleppen konnten. Ohne Schwierigkeit war diese Arbeit nicht, sie nahm sogar den ganzen Tag in Anspruch, und den längeren Aufenthalt vorhersehend, unternahm ich in Gesellschaft meines Freundes Newberry den schon längst beabsichtigten Ausflug nach der Wüste.

Wir folgten einer der zahlreichen trockenen Wasserrinnen, die talähnlich in die Hochebene hineinreichte, sich aber sehr bald zu einer Schlucht verengte. Nebenschluchten mündeten von Zeit zu Zeit in sie, doch wurde es uns nicht schwer, den Hauptweg festzuhalten, da derselbe durch die Wirkung größerer stürzender Wassermassen deutlich bezeichnet war. Die Seitenwände erhoben sich größtenteils senkrecht bis zu einer Höhe von sechzig Fuß, von wo dann schräge Abhänge bis ganz nach dem Plateau hinaufführten, dessen Erhebung bis zur Basis der östlichen Gebirgsketten ununterbrochen in gleichmäßigem Steigen blieb. Schichten von festem Konglomerat und Kies türmten sich hoch aufeinander, und wo dieselben durch Sandstreifen voneinander getrennt waren, hatte sie das Wasser untergraben, und wir erblickten vielfach riesenhafte Blöcke von zusammengebackenem Kies, die durch ihr eigenes Gewicht von der Ebene losgetrennt und in die Tiefe hinabgeglitten oder, in Trümmer zerspringend, gefallen waren. Bei unserem weiteren Fortschreiten rückten die Wände der Schlucht mehr und mehr zusammen, und dieselbe erschien zuletzt nur als eine vielfach gewundene Spalte, in der wir nicht mehr nebeneinander hinschreiten, sondern nur noch mit Mühe einer dem anderen folgen konnten. Die Breite der Öffnung nahm nach oben hin keineswegs zu, sondern verengte sich in vielen Fällen so sehr, daß nur ein schwacher Lichtstrahl bis zu uns niederdrang, der uns kaum gestattete, die Merkmale zu erkennen, die das zeitweise dort niederschäumende Wasser zurückgelassen hatte.

Wir gelangten bis ans Ende der Schlucht, das heißt bis dahin, wo wir uns nicht mehr weiter hindurchzudrängen vermochten; das wirkliche Ende der Spalte lag vielleicht noch fern und war nur zugänglich für Wölfe und Füchse, die zahlreiche Spuren auf dem glattgewaschenen, sandigen Boden zurückgelassen hatten. Auch Spuren von Bergschafen entdeckten wir hier, sowohl auf dem Boden als auch an den Wänden, in die sie beim Vorübergehen tiefe Furchen mit ihren starken gespreizten Hörnern hineingerissen hatten. Die Tiere selbst hielten sich stets fern von uns, und es war ihnen leicht, sich in dem Labyrinth von Gängen und Spalten unserem Anblick zu entziehen, um so mehr, als das Geräusch sogar sehr leiser Tritte sich im Echo verstärkte und weithin den lauschenden Ohren des scheuen Wildes vernehmbar wurde.

Auch hier fehlte die Vegetation fast gänzlich; einzelne Blümchen hatten sich wohl verstohlen unter dem Schutz zerstreuter Artemisien und Talgholzbüsche zu entfalten gewagt, doch ließ sich von dem dürren Sand kein langes Leben derselben erwarten. Nur in den feuchten Winkeln, gebildet von den überhängenden Wänden, prangte im anmutigsten Grün wilde Kresse. Freudig begrüßten wir diese Pflanzen, sie nahmen sich ja so schön aus auf dem grauen Boden; und mehr noch als dies: sie versprachen uns eine würzige Speise, von der wir hoffen konnten, daß sie dem Ausbruch des Skorbuts, dessen Symptome sich schon mehrfach unter unseren Leuten zeigten, vorbeugen würden. Doch leider blieb dies der einzige Punkt, an dem wir Kresse in größerer Masse entdeckten, und unsere Hoffnung auf einige Milderung der Leiden, verursacht durch dürftige und ungesunde Nahrungsstoffe, ging also nicht in Erfüllung.

Weit zurück mußten wir wandern, um eine Stelle zu entdecken, an der wir zur Ebene hinauf gelangen konnten, und auch dort noch bedurfte es unserer größten Anstrengung und Vorsicht, um diese Absicht ungefährdet auszuführen. Nach langem Klettern und vielfachem Hin- und Herwandern erreichten wir endlich das Plateau, dessen mosaikähnliche Oberfläche sich scheinbar ununterbrochen bis an die entferntesten Grenzen ausdehnte. Die Aussicht dort oben hatte durchaus nichts Ansprechendes, und das Vordringen wurde erschwert, ja oftmals unmöglich gemacht durch tiefe Schluchten und Spalten, welche zwar alle dem Colorado zuführten, aber in den meisten Fällen unzugänglich für uns waren. – Wir schlugen daher den Heimweg ein und befanden uns endlich nach einem ermüdenden Marsch auf den äußersten Abhängen der Hochebene, von wo aus wir einen Teil des Stroms, unser Lager und die »Explorer« überblickten. Das Dampfboot war wirklich um die Insel herum und auf der Ostseite derselben zurückbugsiert worden und lag nunmehr dicht oberhalb der Schnelle gegenüber unseren Zelten. Die Mannschaft hatte schon begonnen, die Fracht wieder einzuladen, doch geschah dies nur, um am folgenden Morgen einen zeitigen Aufbruch zu ermöglichen, denn der Abend war nicht mehr fern, und noch eine dritte Nacht mußte unsere Expedition notwendigerweise an jener Stelle zubringen.

Der 22. Februar ist in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Tag der allgemeinen Freude. Es ist der Geburtstag George Washingtons, des Gründers der großen Republik, und dieser wird überall, wo sich nur Amerikaner befinden, auf die gewöhnliche geräuschvolle Weise gefeiert. Paraden werden abgehalten, Festessen gegeben und vor allen Dingen unzählige Reden in die Welt hineingeschickt, die stets der furchtbarste Applaus belohnt. Getrunken wird an diesem Ehrentag natürlich mehr als zu anderen Zeiten, woran sich zuweilen auch etwas Boxen und Schießen reiht; Illumination und Feuerwerke beschließen den Abend, und die tollsten Gelage füllen die Nacht aus.

Auch unsere Expedition wünschte Washingtons Geburtstag in der Wildnis am Colorado würdig zu begehen, doch stand uns leider nur das zu Gebote, was wir am leichtesten entbehren konnten und was wir gern gegen andere, die Festlichkeit erhöhende Gegenstände vertauscht hätten. – Wir besaßen nämlich Signalraketen, die sich vortrefflich zu einem Feuerwerk eigneten; auch Bohnen und Mais sowie eine kleine Quantität salziges Schweinefleisch zu einem Festessen waren vorhanden, doch gab es für den allgemeinen Durst weiter nichts als lehmiges Coloradowasser.

Und so feierten wir denn den großen Tag nach besten Kräften, wir nahmen vorlieb mit dem, was die Küche und der Fluß uns boten, sparten die Reden bis auf bessere Zeiten, das Boxen und Schießen bis zu einer etwaigen Zusammenkunft mit feindlichen Mormonen und Eingeborenen und ergötzten uns an dem Feuerregen, der jedesmal dem Platzen der emporgesandten Raketen folgte.

Fünfzehn Raketen wurden abgebrannt, und fünfzehnmal vernahmen wir die Ausrufe der Verwunderung unserer Indianer über das Schauspiel, an dessen Wirklichkeit sie zu zweifeln schienen. – »Haben wir keinen Wein, so haben wir doch Musik«, hieß es darauf; das Feuer in der Höhle wurde geschürt und um dasselbe herum vereinigten sich kräftige Stimmen zum fröhlichen Chorgesang, begleitet von den Akkorden staubiger, aber wohlgestimmter Instrumente.

Schon in aller Frühe des 23. Februar machten wir uns reisefertig; die Lagerequipage wurde an Bord geschafft, das Wasser im Dampfzylinder siedete, und das Kommando zum Aufbruch sollte gegeben werden, als plötzlich der Sturm mit voller Wut losbrach. Sand und Staub verfinsterten die Luft, der Spiegel des Stroms kräuselte sich, und somit war die Möglichkeit einer gefahrlosen Weiterreise vollständig abgeschnitten; Feldbetten, Waffen und Küchengeräte wurden wieder ausgeladen, und jeder einzelne der Expedition suchte sich darauf nach besten Kräften gegen das Unwetter zu schützen. Wir lagen in der Höhle zwischen unseren Decken und wünschten die Nacht herbei; doch der Tag verging, der Abend stellte sich ein, und mit ungeschwächter Gewalt wehte der wütende Nordweststurm die Sandanhäufungen des rechten Ufers nach dem linken hinüber. Langsam verstrich die Nacht; erst gegen Morgen legte sich das Wetter und gestattete uns, an die Weiterreise zu denken. Wie aus Schneebänken wühlten sich nach und nach die Leute unter dicken Sandlagen hervor, um sich an ihre verschiedenen Beschäftigungen zu begeben; und erst an diesem Morgen, dem 24. Februar, kam der schon seit zwei Tagen beabsichtigte Aufbruch wirklich zustande.

Stromschnellen und starker Wind waren indessen während des ganzen Tages wieder gegen uns, und kaum eine Meile hatten wir zurückgelegt, als wir am Abend auf einer kleinen Sandscholle am Fuß einer niedrigen Gebirgskette unseren Aufenthalt für die Nacht wählten. Die Nacht war mild, und das herrlichste Wetter begünstigte uns, als wir am 25. Februar das Ufer verließen und langsam stromaufwärts zogen. Mit Freude begrüßten wir an diesem Tag wieder einmal Baumgruppen. Diese standen freilich sehr spärlich zerstreut umher, doch vermag ich nicht zu beschreiben, welch wohltuenden Eindruck der Anblick von frischem, organischem Leben inmitten der starren Felswüste allgemein hervorrief. Bäume, die in gesegneteren Landstrichen kaum bemerkt worden wären, wurden hier aufmerksam betrachtet und bewundert, und wenn der Blick über die vulkanischen Felsmassen hinstreifte, die uns von allen Seiten umgaben, dann kehrte er immer schnell wieder zu den einsamen Bäumen und Sträuchern zurück, deren frische, grüne Frühlingsfarbe so lieblich hervortrat.

Schon in der Frühe stieß ein indianischer Bote zu uns, der von Peacock, der mit dem Train die Mündung der Bill Williams Fork noch nicht erreicht hatte, abgesandt worden war. Gemäß dieser Nachrichten hatten die Maultiere auf den gefährlichen Gebirgspfaden bei dem großen Futtermangel schrecklich gelitten, und da infolgedessen nur kurze Märsche gemacht werden konnten, so durften wir in den ersten Tagen noch nicht auf eine Vereinigung mit dem Train rechnen.

Unangenehm wurden wir durch die Mitteilung überrascht, daß das Dampfboot »Jessup« in der Nähe des Lighthouse Rock auf einen Felsen gestoßen und gesunken sei. Dasselbe lag zwar so, daß es später wieder flottgemacht werden konnte, doch war die ganze Bemannung durch diesen Unfall in die Notwendigkeit versetzt worden, den Rest des Weges nach Fort Yuma zu Fuß zurückzulegen, was trotz der geringen Entfernung auf den Gebirgspfaden von um so größerer Schwierigkeit war, als ihr jede Art von Lebensmitteln mangelte.

Wieder stießen wir bei fortgesetzter Reise auf böse Stromschnellen, die uns sowohl durch die Heftigkeit der Strömung als auch durch ihre Seichtigkeit viel Zeit raubten. An einer Stelle, wo wir durch die Beschaffenheit des Stromes gezwungen wurden zu landen, trafen wir mit einer Anzahl von Eingeborenen zusammen. Es waren nach Iretébas Aussage Chimehwhuebes und schlechte Indianer. Sie schienen außer dem Namen nichts mit dem südlich lebenden Stamm der Chimehwhuebes gemein zu haben und bildeten eine so unsaubere Gesellschaft, wie wir sie außer den Apachen noch nicht am Colorado zu Gesicht bekommen hatten. Ihre Gestalten waren schlank, aber sehr hager, und entbehrten der natürlichen Anmut, welche die Mohaves, Yumas und südlichen Chimehwhuebes auszeichnet. Auch ihr Blick war nicht so offen, sondern finster und Mißtrauen erweckend, und es überraschte mich gar nicht, als Iretéba uns vor ihnen als vor einer verräterischen Bande warnte.

Zackige Gebirge umgaben uns von allen Seiten; Sandbänke wechselten mit felsigem Flußboden ab, doch gelang es unserem Kapitän, stets gutes Fahrwasser zu entdecken, und ohne erhebliche Unterbrechung verfolgten wir während des letzten Teils des Tages unsere Straße. Allmählich entstand in dem nördlichen Gebirgszug eine Öffnung, und als wir uns dieser näherten, gewannen wir einen Überblick über ein weites, holzreiches Tal, durch das sich der Colorado seinen Weg gebahnt hatte. Wie das Tal der Mohaves, so war auch dieses ringsum von blauen Gebirgszügen begrenzt, von deren Basis die schiefe Kiesebene bis hinunter an den angeschwemmten Talboden führte. Wir erblickten dieselbe Baum- und Strauchvegetation wie früher auf den Niederungen; auf den Höhen aber sahen wir verschiedene Kakteen und andere Gewächse, die wir aus der Ferne an ihren Formen leicht zu erkennen vermochten.

Noch mehrere Meilen reisten wir in das Tal hinein, kleine Trupps von Eingeborenen näherten sich dem Ufer und schauten neugierig zu uns herüber, doch schienen sie nicht geneigt, uns ihren Besuch abzustatten, als wir ihnen gegenüber auf dem linken Ufer unser Lager aufschlugen. Wir befanden uns dort auf einer breiten Sandbank, die durch kleine Lachen teilweise von der hohen Kiesebene getrennt war, an deren Basis sich ein schmaler, aber sehr dichter Waldstreifen hinzog. Ich lenkte sogleich, nachdem wir gelandet waren, meine Schritte nach dem Gehölz und den Teichen hin, doch fand ich dort statt der Enten, die ich erwartet hatte, nur eine einzelne Schnepfe, einige Turteltauben und einen Ziegenmelker, der mir aber in den Schluchten entwischte.

Wiederum erfreute uns ein schöner Abend; in mildem Licht blickte der Mond auf uns nieder; wie ein Schneefeld schimmerte die weiße Sandbank, und leise plätscherte das eilende Wasser unter dem scharfen Bug des regungslosen Dampfbootes. Es war einer von den Abenden, an denen man den Aufenthalt im Freien gern einem künstlichen Obdach vorzieht; ein Abend, der dem Reisenden Genuß gewährt, den traurigen Charakter der Wüsten mildert, der regen Phantasie einen weiten Spielraum eröffnet und den Wanderer zur geselligen Unterhaltung aufmuntert.

Manches wurde an diesem Abend wieder vor unserem Scheiterhaufen besprochen und erzählt; jeder hatte da etwas mitzuteilen, auch an mich kam die Reihe, und was ich damals meinen Gefährten vortrug, das lasse ich hier als Fortsetzung einer früher unbeendet gelassenen Erzählung folgen. Es betrifft wieder meine Reise mit Herzog Paul von Württemberg, sowie die Leiden, die wir auf jener abenteuerlichen Fahrt erduldeten.

»Wir waren also den Kiowa-Indianern glücklich entronnen und setzten unsere Reise in der Nähe des Nebraska nach besten Kräften fort. Ich will hier nicht davon reden, auf welche Weise wir uns zur nächtlichen Stunde durch Abbiegen von der Straße gegen ein zufälliges und unwillkommenes Zusammentreffen mit den Eingeborenen zu wahren suchten, und erwähne nur, daß wir uns Tag für Tag mühsam mit unseren matten Pferden etwas weiterschleppten. Wir erblickten endlich Fort Kearney, die Militärstation, die von der Regierung der Vereinigten Staaten zum Schutz der Emigrantenzüge gegen die räuberischen Nationen der Pawnee-Indianer errichtet worden ist. Statt auf das Fort zuzulenken, das eine Strecke von der Straße entfernt liegt, kehrten wir bei einem Grenzer ein, der dicht an der Straße einen kleinen Handelsposten angelegt hatte.

Recht niedergeschlagen trat ich in die Hütte, und zwar niedergeschlagen, weil ich nur einige Stunden unter dem sicheren Obdach verweilen durfte, das Präriefieber mich heftig schüttelte und mich das Bewußtsein peinigte, in solchem Zustand noch über 250 Meilen in der winterlichen Steppe zurücklegen zu müssen. Ich warf mich vor dem Kaminfeuer nieder und versuchte, unbekümmert um die mich umgebenden weißen und roten Menschen, zu schlafen. Es gelang mir nur halb, denn fortwährend vernahm ich die Worte, die zwischen dem Herzog und dem Grenzer gewechselt wurden, und folgte den Erzählungen des letzteren, mit denen er seine Umgebung unterhielt. So sprach er auch von zwei jungen Büffeln, die er eingefangen und gezähmt hatte, und beschrieb ausführlich, wie er sie in einen Pflug eingespannt und eine einzige Furche gezogen habe und wie dann die Tiere, anstatt umzukehren, mit dem Pflug davongelaufen und nicht wieder zurückgekehrt seien. Er sprach auch von den Indianern, die sich nicht mehr so fügsam zeigen wollten und einer scharfen Lehre bedürften, und als schon alle schliefen, glaubte ich noch immer murmelnde Stimmen zu hören, die stets dieselben Geschichten wiederholten.

Der Tag brach endlich an, der Herzog erstand noch einige Lebensmittel, und bald darauf befanden wir uns wieder auf der Straße und verfolgten die Richtung nach dem Missouri zu. Fort Kearney blieb links von uns liegen, und noch hatten wir es nicht aus dem Gesicht verloren, als wir ein indianisches Lager von mindestens hundert Zelten erblickten, an denen unser Weg in der Entfernung von einer Meile vorüberführte. Indianische Jäger durchstreiften nach allen Richtungen hin die weite Ebene, und bald genug bemerkten wir auch einige davon, die direkt auf uns zueilten. Die Nähe des Forts ließ in uns allerdings keine Besorgnis um unser Leben aufkommen, doch war es uns nicht fremd, daß wir außer anderen Unannehmlichkeiten auch einer Beraubung ausgesetzt waren.

Um dergleichen zu entgehen und sich unter den Schutz der Häuptlinge zu stellen, lenkte der Herzog gerade auf das Lager zu, doch waren wir erst eine kurze Strecke von der Straße entfernt, als wie durch Zauberschlag plötzlich alle Zelte verschwanden und wir an deren Stelle ein wildes Durcheinander von Menschen, Pferden und Hunden erblickten. Augenscheinlich war die Bande eben im Begriff, aufzubrechen, doch änderten wir unsere Richtung nicht eher, als bis ein ganzer Trupp wild aussehender Gesellen uns den Weg vertrat.

Die Räuber – denn als solche kann ich sie nur bezeichnen – begriffen unsere Absicht sehr wohl, doch schien diese ihren Wünschen wenig zu entsprechen, und wenn sie sich der Ausführung derselben auch nicht mit Gewalt widersetzten, so verstanden sie es doch, auf die unverschämteste Weise uns so lange aufzuhalten, bis das ganze Lager, welches das Dorf der verräterischen Wolf-Pawnees bildete, sich auf dem Rücken der Packtiere befand und, eine lange Reihe schließend, in einer entgegengesetzten Richtung davoneilte.

Es blieb uns also nur noch übrig, entweder zum Fort zurückzugehen oder wieder in die Straße einzubiegen. Wir wählten das letztere, und hatten dabei die Ehre, von unseren Peinigern eskortiert und des größten Teils unserer Kleidungsstücke und Lebensmittel beraubt zu werden. Mit ohnmächtiger Wut blickten wir der Gesellschaft nach, als sie sich hohnlachend entfernte; wir waren zwar im Besitz unserer Waffen, doch was hätten wir gegen eine solche Übermacht beginnen können? Wir freuten uns, noch so davongekommen zu sein, und gewiß nicht in der besten Stimmung setzten wir unseren Weg gegen Südosten fort. Wir verließen nämlich an jener Stelle das Tal des Nebraska und hatten demnächst einen langen Winkel abzuschneiden, der von diesem Fluß und dem Missouri gebildet wird.

Am zweiten Tag nach diesem Vorfall machten wir eine neue Entdeckung, die nichts weniger als aufmunternd wirkte. Eine schwarze Rauchwolke faßte nämlich den ganzen nordwestlichen Horizont ein – ein untrügliches Zeichen, daß die Pawnees die Prärie angezündet hatten; und da der Wind zwar nicht heftig, doch unausgesetzt aus jener Richtung blies, so konnten wir mit Sicherheit darauf rechnen, von dem zerstörenden Brand eingeholt zu werden. Wenn nun auch keine augenblickliche Lebensgefahr mit diesem Übelstand verbunden war, so drohte doch das entfesselte Element, das sich immer weiter nach beiden Seiten hin ausdehnte, das letzte kärgliche Futter für unsere Pferde vollständig zu vernichten. Mit einem gewissen Schrecken beobachteten wir daher die Rauchwolken, die sich langsam über uns hinwälzten, gleichsam als Vorboten des schrecklichsten Feindes, dem wir bis jetzt begegnet waren. Es dauerte fast vierundzwanzig Stunden, ehe wir die ersten Flammen erblickten; diese glitten langsam an den Abhängen der grasreichen Hügel hin; als aber in den Nachmittagsstunden des zweiten Tages der Wind sich verstärkte, beschleunigte auch der verheerende Brand seine Eile, und in kurzer Zeit vernahmen wir das dumpfe Dröhnen und Knistern, das Menschen und Tiere mit Grausen zu erfüllen vermag.

Es blieb uns allerdings ein Mittel, die Gefahr von uns abzuwenden, nämlich dicht am Weg Feuer an das dürre Gras zu legen und eine Stelle zu unserer Zuflucht freizubrennen, doch sahen wir dies als die letzte Rettung an und eilten einer tiefen Schlucht zu, deren nackte Wände dem Feuer keine Nahrung boten und die zugleich so breit war, daß der Brand nicht über sie hinwegspringen konnte.

Gerade zu rechter Zeit erreichten wir den sicheren Winkel, und von unserem kleinen Lager aus beobachteten wir das wütende Element, wie es mit Windeseile der Schlucht zutrieb, an dem nackten Ufer noch einmal hoch aufloderte und dann zusammensank. Zu unserem Glück wuchs der Wind gegen Abend zu einem Sturm an, der den Brand in gerader Linie über die gedörrten Grasfluren peitschte und den wilden Flammen, wo dieselben die Schlucht übersprungen oder umgangen hatten, nicht gestattete, sich seitwärts in der für uns gefährlichen Richtung auszudehnen. Sicher fühlten wir uns indessen keineswegs, denn lange noch saßen wir da und bewachten und bewunderten eine Naturszene, die mit Recht als eine der erhabensten bezeichnet wird. Um dergleichen Szenen in vollem Maß genießen zu können, bedarf es eines heiteren Gemüts, das nicht von Sorgen um die Gegenwart – der Zukunft gar nicht zu gedenken – beschwert ist. Der Haupteindruck ging daher bei uns verloren, denn wir waren hungrig, und wie unsere Pferde sich mit der kärglichen Nahrung begnügen mußten, die das dürre Gras ihnen bot, so durften auch wir nur unsere gewissen Rationen von den übriggebliebenen Lebensmitteln verzehren, die sogar im glücklichsten Fall höchstens noch drei bis vier Wochen ausreichen konnten.

›Alles vereinigt sich, um uns einen schrecklichen Untergang in der Steppe zu bereiten‹, wandte ich mich zum Herzog, dessen bewundernde Blicke den Bewegungen der Flammen folgten, die auf zauberische Weise die Nacht erhellten.

›Der Brand ist freilich ein Unglück für uns‹, erwiderte der Herzog, ›doch wer weiß, wozu er gut ist.‹

›Ich weiß, wozu er gut ist‹, antwortete ich mürrisch; ›er ist gut, um unsere Pferde Hungers sterben zu lassen, er ist gut, um uns erst die Knochen der Pferde abnagen zu lehren und danach unsere Gebeine neben denen unserer Tiere bleichen zu lassen.‹

Der Herzog lachte, ich lachte; wir verfügten uns auf unser Lager, doch war gewiß keinem von uns beiden so leicht ums Herz, daß dieses Lachen als Wahrheit hätte aufgenommen werden können.

Als wir uns am folgenden Morgen auf den Weg begaben, wehte der Sturm noch mit ungebrochener Wut. Weit östlich von uns erblickten wir die abwärts treibenden Rauchwolken, doch schlimmer noch als diese waren die Wolken von Staub und Asche, die der heftige Wind mit sich führte, die uns das Atmen erschwerten und das Sehen kaum erlaubten. Wir zogen durch die Schlucht an einer Stelle, die vom Feuer verschont geblieben war und wo mehrere Nebenschluchten in diese einmündeten. Ich ritt in der Entfernung von etwa hundert Schritt hinter dem Wagen, und in der Tiefe angekommen, wohin der Sturm seinen Weg nicht finden konnte, hielt ich an, um frischen Atem zuschöpfen.

Ich schaute um mich, doch wer vermag das Entzücken zu beschreiben, das ich empfand, als ich in einer der Nebenschluchten die zottige Gestalt eines ruhenden Büffels erblickte. Ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, denn die Regionen der Büffel lagen weit hinter uns, und Wochen waren vergangen, seit wir die letzten Nachzügler der großen Herden gesehen hatten. Ich täuschte mich aber nicht, denn deutlich erkannte ich den riesenhaften Gesellen, als er seinen mähnigen Kopf etwas zur Seite neigte. Alle meine Leiden waren plötzlich vergessen, ich eilte dem Herzog nach, um ihm die glückliche Nachricht mitzuteilen und zugleich meine Büchse aus dem Wagen zu nehmen. Auch der Herzog zweifelte anfangs, hier noch auf Büffel zu stoßen, und gab als einzige Möglichkeit zu, daß vielleicht ein abstreifender Stier vor den Präriebrand geraten sei, von diesem bis hierher gehetzt war und endlich in der Schlucht einen Zufluchtsort gefunden habe.

Wir ließen die Pferde also ruhig stehen, ergriffen unsere Büchsen und begaben uns nach der Richtung hin, wo ich unser Opfer ausgekundschaftet hatte. Als wir den Rand der Tiefe erreichten, erblickten wir den Büffel gerade unter uns; er befand sich in guter Büchsenschußweite, und um ihn nicht durch unzeitige Bewegung zur Flucht zu veranlassen, beschlossen wir, von der Höhe herab auf ihn zu schießen. Der Wind war furchtbar und erlaubte uns kaum, fest zu stehen und zu zielen, doch der Hunger und die Aussicht auf frisches Fleisch kräftigten unsere Arme; die Schüsse krachten, der Büffel sprang auf und schritt schwer getroffen von dannen. Wir folgten ihm auf der Höhe nach, und zwei Kugeln schossen wir ihm noch durch den Leib, ehe wir ihn zum Stehen brachten.

Es war ein trauriger Anblick, den kraftvollen Stier zu beobachten, wie er seine Füße spreizte und sich vor dem Zusammenbrechen zu wahren suchte, doch die Kugeln waren tödlich gewesen, geronnenes Blut floß aus seinem Hals und seinen Nüstern, der Koloß wankte, und bald darauf dehnte er sterbend seine Glieder auf dem ausgedörrten Rasen.

›Gott sei Dank!‹ rief ich unwillkürlich aus, als ich das feiste Tier regungslos daliegen sah.

›Gott sei Dank!‹ sagte auch der Herzog, doch fügte er noch hinzu: ›Wenn der Präriebrand nicht gewesen wäre, den Sie gestern und auch heute noch so verwünschten, so hätten wir uns den Gurt noch bedeutend fester schnüren müssen, anstatt daß wir jetzt gegen Hungersnot gesichert sind.‹

Wir holten darauf die Pferde in die Schlucht hinab und begaben uns an die Arbeit, soviel Fleisch von dem Stier herunterzuschneiden, wie wir nur irgend unterbringen und mit uns führen konnten. An demselben Abend reisten wir noch einige Meilen und lagerten dann an einer Stelle, wo wir etwas Futter für unsere Pferde fanden.

Durch den neuen Vorrat von Lebensmitteln war unsere Not indessen keineswegs behoben, denn sichtbar schwanden von Tag zu Tag die Kräfte unserer armen Tiere, und nur ganz kurze Strecken vermochten wir von einem Lager bis zum anderen zurückzulegen. Immer drohender zogen sich die Wolken zusammen, und mehrfach fanden wir uns des Morgens mit einer Lage Schnee bedeckt, der zwar während des Tages wieder zerging, dafür aber den Boden aufweichte und unwegsam machte.

Das erste Unglück ernsterer Art traf uns, als wir an einem sumpfigen Bach rasteten, um die Pferde zu tränken. Eins der Wagenpferde trennte sich nämlich bei dieser Gelegenheit von den übrigen und geriet in eine morastige Pfütze, aus der wir es mit Aufbietung aller unserer Kräfte nicht wieder herauszubringen vermochten. Wir beschäftigten uns mit ihm bis zum Einbruch der Nacht und waren dann gezwungen, das arme Tier in seiner Qual hilflos liegen zu lassen. Eine schwache Hoffnung, es am folgenden Morgen vielleicht noch retten zu können, hielt uns ab, sogleich seinen Leiden ein Ende zu machen, und voller böser Ahnungen suchten wir die nächtliche Ruhe.

Als wir bei Tagesanbruch ins Freie traten, lag tiefer Schnee; ich eilte sogleich zu dem verunglückten Pferd hin und fand es, wie sich kaum anders erwarten ließ, tot und kalt; mit einem Seufzer wandte ich mich von dem armen Schimmel und schritt der Stelle zu, wo ich am Abend vorher unsere beiden letzten Pferde und den Maulesel hinter einer Gruppe dichten Gestrüpps untergebracht hatte.

Den Esel erblickte ich zuerst; er war guter Dinge und nagte emsig an den jungen Weiden, auch das kleine indianische Pony, das der Herzog von einem Pelztauscher bei Fort Laramie erstanden hatte, schien in der winterlichen Nacht nicht sehr gelitten zu haben; als ich aber zu dem letzten Pferd hintrat, das mich so manche Meile durch die Wüste getragen hatte, traf ich dieses zusammengekauert im Schnee liegen und tot. Ich konnte mich kaum einer Träne erwehren, als ich den Verlust des treuen und stets freundlichen Reisegefährten erkannte; ich untersuchte das arme Tier und überzeugte mich leicht, daß es nicht durch die Wirkung des Schneesturms, sondern infolge des Tomahawk-Hiebes gestorben war, den ihm der verräterische Kiowa-Indianer beigebracht hatte.

Niedergeschlagener als je verzehrten wir an diesem Morgen unser kärgliches Mahl; die Sonne blitzte auf der weißen Ebene und sah so freundlich auf uns nieder; doch sogar die Strahlen der Sonne brachten uns Verderben; denn von dem ungewohnten Schimmer entzündeten sich unsere Augen, und in wenigen Stunden waren wir beide schneeblind, der Herzog auf beiden und ich auf dem linken Auge.

Wir hatten zwar nicht vollständig den Gebrauch der leidenden Organe verloren, doch hing es wie ein schwarzer Flor vor unseren Blicken, so daß wir unfähig waren, die Entfernung zu berechnen oder zu erkennen, die uns von den Gegenständen trennte. Der Herzog schrieb damals unseren unglücklichen Zustand der Wirkung von giftigem Holz zu, das wir zufällig verbrannten und dessen Rauch zu einer Zeit unser kleines Lederzelt bis zum Ersticken angefüllt hatte; doch bin ich wirklich nicht imstande, genau anzugeben, was am meisten unsere Blindheit veranlaßte, ob nun das schimmernde Schneefeld oder der scharfe, ätzende Rauch.

Wir befanden uns jetzt in der trostlosesten Lage; doch durften wir an jener Stelle nicht bleiben, da es uns hier sowohl an Holz als auch an trinkbarem Wasser fehlte. Wir machten uns daher nach einer Rast von zwei Tagen wieder reisefertig, spannten die beiden letzten uns gebliebenen Tiere vor den kleinen Wagen; der Herzog, der durch die Krankheit seiner Augen unfähig war, den Weg zu erkennen, setzte sich hinein, ich ging mit den Zügeln in der Hand nebenher, und so schleppten wir uns wieder einige Meilen auf dem morastigen Weg weiter. Als es dunkelte, hielten wir an und verbrachten die Nacht auf der kahlen Steppe ohne andere Erwärmungsmittel als die, welche unsere Decken gewährten, und ich erinnere mich, daß wir trotzdem so fest schliefen, als ob es für uns weder Sorgen noch Gefahren gegeben hätte. Ich glaube, es war ein Schlaf der Erschöpfung, denn an unseren krankhaften Zustand sowie an den Gedanken, auf der Steppe unterzugehen, hatten wir uns schon zu sehr gewöhnt, als daß uns dergleichen auch nur eine halbe Stunde Schlaf hätte rauben können.

Am meisten bedauerten wir die armen Tiere, und mit einem gewissen Wehgefühl spannten wir dieselben am folgenden Morgen vor den Wagen. Der Schnee war wieder verschwunden, doch eisig kalt heulte der Nordsturm über die verbrannte Wüste; tiefhängende Wolken trieben eilig gegen Süden, und matt zogen unsere Tiere ihre Last Schritt vor Schritt in derselben Richtung.

Es war dies der letzte Tag unserer Reise; der Weg führte größtenteils bergab, und diesem Umstand kann es vielleicht zugeschrieben werden, daß es uns gelang, noch vor Abend ein kleines Flüßchen, den Sandy Hill Creek, zu erreichen. Seit langer Zeit hatten wir keine Stelle gesehen, die sich so gut zu einem Lager eignete wie die bewaldeten und dabei tiefliegenden Ufer dieses Baches. Der Brand hatte dort große Flächen unberührt gelassen, wodurch wir hoffen konnten, unsere Tiere nicht nur am Leben zu erhalten, sondern auch im Verlauf von einigen Tagen ihre Kräfte etwas erfrischt zu sehen. Der Herzog entschloß sich daher, eine kurze Zeit am Sandy Hill Creek zu verweilen, und wir errichteten zu diesem Zweck an einer geeigneten Stelle das kleine indianische Zelt. Das Pferd und der Maulesel fanden ihr Unterkommen in einem geschützten Winkel des Waldes, und auf diese Weise für den Augenblick gesichert, verstrich uns die erste Nacht auf verhältnismäßig erträgliche Weise.

Am folgenden Tag begann es zu frieren, so daß wir uns kaum gegen die Kälte zu schützen vermochten, und einige Tage darauf stellte sich der Schneesturm mit all seinen Schrecken ein. Unser letztes Pferd starb, die Wölfe zogen sich in Rudeln um uns zusammen, eine schmerzhafte Krankheit befiel uns beide und machte uns fast unfähig zum Gehen und Stehen. In diesem gräßlichen Zustand suchten wir doch noch immer mit ungebrochener Energie und mit den letzten Kräften für die Erhaltung des Lebens zu sorgen, und getreulich einander helfend und unterstützend, blieben wir nie ohne Feuer, Wasser oder Nahrung. Wenn nun auch im wachen Zustand die Willenskraft den Körper beherrschte, so sank er dafür während des Schlafes vollständig unter dem Druck der Krankheit dahin, und oft weckten wir uns gegenseitig durch schmerzhaftes Stöhnen und unbewußtes Sprechen, das doppelt grausig klang, wenn der Sturm wütend an dem Zelt rüttelte und die hungrigen Wölfe uns heulend umkreisten.

Den Aufenthalt am Sandy Hill Creek nenne ich die schrecklichste Zeit meines Lebens, denn nur wenige Tage noch blieb ich in der Gesellschaft des Herzogs. Der Zufall trennte uns, und mir war es vorbehalten, noch sechs Wochen an jener verhängnisvollen Stelle zuzubringen, sechs Wochen eines beständigen Kampfes gegen Krankheiten, Elemente, Menschen und Tiere. Wir retteten uns beide auf verschiedene Weise und trafen später wieder in New Orleans zusammen; die Wüstenreise aber hatten wir nicht vergessen, und sehr oft noch wurde das Lager am Sandy Hill Creek der Gegenstand unserer Unterhaltung.«Die Fortsetzung dieser Erzählung befindet sich in meinem ersten Reisewerk, »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, unter dem Titel »Erzählung der Abenteuer am Nebraska«.

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