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Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1

Balduin Möllhausen: Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1 - Kapitel 15
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authorBalduin Möllhausen
titleReisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1
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Vierzehntes Kapitel

Weiterreise im Tal der Mohaves – Häuptling José – Die Mohaves sind beunruhigt durch Kriegsgerüchte – Verhandlung mit dem Häuptling – Über die allgemeine Behandlung der Eingeborenen von seiten der Vereinigten Staaten – Der indianische Dieb – Beschenken des Häuptlings – Verschiedenheit der Eingeborenen in den Gebirgen von denen im Tal des Colorado – Charakter des Stroms – Lager auf der Sandbank – Aufreihen von Perlen – Seichtes Wasser – Ausladen des Gepäcks – Spaziergang am Ufer – Weiterreise gegen Abend – Sonntagsruhe – Zusammentreffen mit Kairook und Iretéba – Gutes Benehmen der Eingeborenen

In den nächsten Tagen verloren wir die Eingeborenen fast nie aus den Augen, denn nicht allein die in der Nähe wohnenden strömten dem Fluß zu, sobald das Dampfboot sichtbar wurde, sondern auch ganze Banden von Männern und jungen Leuten folgten uns am Ufer nach und durchreisten auf diese Weise zugleich mit uns das ganze Gebiet der Mohaves von Süden nach Norden. Da nun diese letzteren bei unserem jedesmaligen Landen sich schon unter die dort versammelten Bewohner gemischt hatten, so machte es natürlich den Eindruck, als ob die Zahl der Männer im Vergleich mit dem weiblichen Teil der Bevölkerung bedeutend überwiegend sei. Auch würde uns die Kopfzahl überhaupt stärker geschienen haben, wenn wir nicht einzelne Gesichter und Gestalten, die wir schon früher gesehen hatten, wiedererkannt hätten.

So war uns unter anderen ein junger Mohave-Indianer von etwa sechzehn Jahren schon von den letzten Yuma-Dörfern aus gefolgt; dieser verließ uns nicht, solange wir uns im Tal der Mohaves befanden; und wenn wir ihn auch auf einige Tage aus dem Gesicht verloren, so konnten wir doch mit Gewißheit darauf rechnen, ihn an irgendeiner Stelle, wo wir landeten, wiederzufinden. Zu verkennen war der junge Mensch nicht, denn außer daß uns seine offenen Gesichtszüge schon vertraut geworden waren, trug er auch in seinem Äußeren ein untrügliches Kennzeichen: er war nämlich in den Besitz einer beschnürten, kurzen Dragonerjacke gekommen, die seine einzige Kleidung bildete und die er ihrer besonderen Kostbarkeit wegen nie ablegte. Weithin zeichnete sich die bunte Jacke aus, und wer von uns diese am Ufer erblickte, machte gewiß darauf aufmerksam und sagte: »Da geht unser junger Mohave-Freund.«

Dem Umstand nun, daß sich die dortigen Eingeborenen von nah und fern um Reisende scharen und diese gewissermaßen durch ihre Territorien begleiten, kann es wohl zugeschrieben werden, daß die Zahl der Indianer im Coloradotal gewöhnlich überschätzt und bei etwaigen oberflächlichen Zählungen ein Drittel derselben zwei- und dreimal mit hinzugerechnet wird.

Eine kurze Strecke befanden wir uns erst oberhalb des letzten Lagers, als unsere Aufmerksamkeit durch einen großen Haufen Eingeborener auf dem linken Ufer erregt wurde. Durch »Captain Jack« erfuhren wir, daß sich dort José, einer der ersten Häuptlinge des Stammes, mit seinen Untertanen befand und uns zu sprechen wünschte. Lieutenant Ives, dessen Augenmerk darauf gerichtet sein mußte, mit den Eingeborenen – zumal mit einem so mächtigen Stamm, der schon durch die Nachrichten von dem Mormonenkrieg beunruhigt war – in gutem Einverständnis zu bleiben, ließ daher landen und den Häuptling an Bord nehmen, während die übrigen Indianer die Weisung erhielten, uns gegen Abend mit ihren Tauschartikeln im Lager aufzusuchen. Wir reisten nur drei Meilen, es war also keine schwere Arbeit für sie, uns zu folgen; sie behielten uns übrigens auch fortwährend im Auge, und in dichten Haufen lagerten sie auf dem sandigen Ufer und schauten zu, wenn wir uns abmühten, die »Explorer« über eine Sandbank zu winden.

Obgleich »Captain Jack« auch mit zur Verständigung zwischen uns und Häuptling José beitragen mußte, so gingen die wichtigeren Gespräche doch immer durch den Mund Mariandos, denn außer daß »Captain Jack« ein sehr wenig Zutrauen erweckendes Benehmen zeigte, wurden wir auch durch unseren ehrlichen Diegeno noch besonders vor demselben gewarnt.

José eröffnete also bei seiner ersten Unterredung mit Lieutenant Ives, daß er über den Zweck unserer Expedition einigen Aufschluß zu erhalten wünsche. Der ganze Stamm der Mohave-Indianer befinde sich in Unruhe über die Gerüchte, welche ihnen von den Mormonen zugekommen seien, gemäß derer die Amerikaner die Mohaves zu verdrängen und sich ihr Land anzueignen beabsichtigten. Ferner sagte er, daß die Mohave-Indianer mit den Mormonen in Freundschaft zu leben wünschten, daß sie aber auch die Brüder der Amerikaner bleiben wollten und deshalb das Verlangen trügen, daß die Mormonen in ihrem eigenen Land bekämpft würden und der Krieg ihrem friedlichen Tal fernbleibe. Sie wären von den Mormonen aufgefordert worden, den Amerikanern den Zutritt in ihr Tal mit Gewalt zu verweigern, doch sei es ihr Wille, die Amerikaner als Brüder aufzunehmen und von ihnen dafür wie Brüder behandelt zu werden.

Dies war ungefähr der Inhalt von Josés Rede. Die Mormonen hatten also schon ihre indianischen Emissäre (vom Stamm der Utahs) so weit hinuntergesandt und das Mißtrauen dieser armen Wilden aufgestachelt. Natürlich war es geschehen, um diesen kräftigen Stamm durch einen Bruch mit den Amerikanern als Verbündeten zu gewinnen und den Colorado als Heerstraße nach dem Staat Sonora offenzuhalten. Jedenfalls aber entsprang der Plan aus einer unverantwortlichen Politik, indem die Mormonen unmöglich blind dafür sein konnten, daß Indianerstämme, die einmal in Krieg mit den Amerikanern verwickelt werden, immer dem Untergang geweiht sind, gleichviel, ob die ersten Feindseligkeiten durch wirklich bösen Willen oder durch unglückliche, aber zu entschuldigende Zufälligkeiten hervorgerufen wurden.

Die Mohave-Indianer beachteten – wie aus Josés Rede deutlich hervorging – das beste und klügste Benehmen, das heißt, sie wollten es mit keinem verderben und den ausbrechenden Krieg anderer Nationen nur fern von ihrem geliebten Tal wissen. Des Häuptlings Befürchtungen wurden daher ganz niedergeschlagen, denn außer daß Lieutenant Ives ihn durch die Dolmetscher von den besten Absichten der Amerikaner in Kenntnis setzen ließ, dienten auch Mariandos eigene Versicherungen nicht wenig, und vielleicht noch am meisten, zur Beruhigung Josés. Der verständige Diegeno hatte nämlich während seines langjährigen Verkehrs mit den Weißen einen ziemlich klaren Begriff von manchen Verhältnissen gewonnen, und gerade in diesem Fall war er fähig, aus eigener, freilich nicht ganz richtiger Überzeugung den Mohaves das Törichte ihrer Befürchtungen zu beweisen. Die Mitteilungen eines Vertreters der eigenen Rasse wurden selbstverständlich mit größerem Vertrauen entgegengenommen, und so weit war unser guter Mariando noch nicht gelangt, daß er die Indianer vor einem allzu innigen Verkehr mit den Weißen hätte warnen können; er selbst hatte ja nur Augen für die Vorteile der Zivilisation und vermochte noch nicht zu unterscheiden, daß gänzliche Demoralisation der Eingeborenen die gewöhnliche Folge ihres Umgangs mit den neuen Herren des Landes ist.

Besonders günstig wurde es von José und auch von den anderen Häuptlingen gedeutet, daß jeder einzelne von uns ihnen riet, den Mormonen ebensowenig wie den Amerikanern feindlich zu begegnen. Sie hatten nämlich nichts anderes erwartet, als daß wir, ähnlich den Mormonen, sie zu Bundesgenossen zu gewinnen wünschten, und so konnte unser Warnen vor Verwickelungen ernsterer Art nur den günstigsten Eindruck auf diese einfachen Naturkinder erzeugen. Sie begriffen daher auch leicht, daß unsere Expedition durchaus nicht zu kriegerischen Zwecken bestimmt war, und bezeugten infolgedessen, wo sie nur immer konnten, besonders aber durch allgemeines Achten unseres Eigentums und Befolgen unserer Anordnungen, wie sehr zufrieden sie mit unserer Anwesenheit waren und wie sehr sie unser Benehmen erfreute.

Ich kann mich hier nur in anerkennender Weise darüber aussprechen, wie Lieutenant Ives sich den Indianern gegenüber stellte. Er folgte nämlich genau den Ansichten und dem Beispiel meines geehrten Freundes, des menschenfreundlichen Captain Whipple, der dafür bekannt ist, überall, wo er nur mit den Eingeborenen in Berührung gekommen ist, Freunde unter denselben zurückgelassen zu haben. Weit entfernt davon, die Wilden durch Geschenke für sich zu gewinnen, die als eine freiwillige Tributzahlung hätten angesehen werden können, die späteren Reisenden vielleicht mit Gewalt abgefordert worden wäre, gab Captain Whipple solche nur im Weg des Handels. Er verfolgte dabei einen doppelten Zweck: nämlich einerseits die Eingeborenen auf eine menschliche Weise ihre Abhängigkeit von dem Gouvernement der Vereinigten Staaten fühlen zu lassen, andererseits den Erzeugnissen der Wilden in ihren eigenen Augen einen höheren Wert zu verleihen und sie dadurch zur Arbeit und zu größeren Anstrengungen aufzumuntern. Er suchte, um mich Captain Whipples eigener Worte zu bedienen, die Indianer mit sich selbst, aber auch mit den Amerikanern zufriedenzustellen. Nur den Häuptlingen machte er Geschenke, und dies geschah in einer Weise, daß der ganze Stamm sich immer geschmeichelt fühlte, auch von den Weißen seine staatlichen Einrichtungen anerkannt zu sehen.

Es ist zu bedauern, daß die Verwaltung der indianischen Angelegenheiten in den Vereinigten Staaten nicht ausschließlich Männern wie Captain A. W. Whipple übergeben wird, das heißt Männern, die den indianischen Charakter jahrelang auf praktischem Weg studiert haben und die, mit einer genaueren Kenntnis der beiderseitigen Fehler und Mängel, auch noch die Achtung vor der indianischen Rasse, welche diese als ein Teil der menschlichen Gesellschaft verdient, verbinden. Entstellungen der Verhältnisse,Besonders stark im »Entstellen von Verhältnissen« hat sich William A. Emory (Major in der Kavallerie der Vereinigten Staaten) in seinem »Report on the United States and Mexican boundary survey«, Bd. I., gezeigt, wo er unter anderem auf S. 64 die indianische Rasse zum Gegenstand seiner unverständigen Folgerungen macht, wie er im selben Werk auf S. 44 zu seinem eigenen Nachteil es sogar wagt, auf ungeziemende Weise den Namen Alexander von Humboldt zu mißbrauchen und dessen unsterbliche Arbeiten zu kritisieren! wie sie jetzt so häufig vorkommen und die nur dazu dienen, die Gefühle gegen die arme verfolgte Rasse einzunehmen, und die von den selbst mit dem besten Willen ausgerüsteten, aber zum größten Teil vollständig unerfahrenen und falsch geleiteten Beamten nicht durchschaut werden können, würden dann seltener werden, und die Grundidee des liberalen Gouvernements der Vereinigten Staaten, »segensreich auch unter den hinschwindenden Urbewohnern des Landes zu wirken«, langsam, aber sicher zur Ausführung kommen.

Lieutenant Ives behandelte also in den meisten Fällen die Indianer im Sinne des Captain Whipple, und diesem Umstand kann es wohl mit zugeschrieben werden, daß die feindseligen Bemühungen der Mormonen, die nichts Geringeres als unseren Untergang bezweckten, sich als erfolglos erwiesen. Leider wird nur zu schnell der gute Eindruck, den eine Expedition bei ihrer Zusammenkunft mit den wilden Völkerstämmen zurückläßt, durch andere nachfolgende, besonders aber durch ungeordnete Privatexpeditionen, verwischt.

Abermals schlugen wir auf dem linken Ufer unser Lager auf und befanden uns dort in einer ähnlichen Umgebung wie am vorhergehenden Abend. Da waren dieselbe hohe sandige Uferwand, derselbe lehmige Boden, dasselbe Gestrüpp und dieselben schönen Cottonwood-Bäume. Auch Eingeborene waren anwesend und in weit größerer Anzahl; teils brachten sie von ihren Kornvorräten, teils kamen sie nur als müßige Zuschauer; und weil die Gesellschaft fortwährend im Zunehmen blieb, glaubten wir gegen Diebe auf unserer Hut sein zu müssen, denn es war kaum anzunehmen, daß unter einem Haufen von mehreren hundert Wilden sich nicht auch einige befinden sollten, die die Gelegenheit benutzen würden, einzelne von den umherliegenden Gegenständen verschwinden zu lassen. Es war dies übrigens der einzige Abend, an dem Versuche dieser Art gemacht und ein Diebstahl wirklich ausgeführt wurde. Als ich nämlich auf meinem zusammengerollten Bett vor dem Zelt saß und noch das letzte Tageslicht benutzte, um einige Bemerkungen in mein Taschenbuch niederzuschreiben, bemerkte ich, daß ein großer junger Indianer, dessen Oberkörper in einen von Mäusefellen geflochtenen Mantel eingehüllt war, sich in meiner Nähe niederkauerte. Die Aufmerksamkeit von fast allen Anwesenden war dem Dampfboot zugewandt, wo der Tauschhandel aufs eifrigste betrieben wurde, und so glaubte denn der junge Mann, von allen Seiten unbeachtet zu sein. Der Gegenstand seiner Wünsche war eine Axt, die mir zu Füßen lag. Die Absicht des Indianers erratend, schrieb ich dennoch ungestört weiter, ohne ihn indessen außer acht zu lassen.

Plötzlich gewahrte ich, wie sich eine braune Hand leise unter dem Mantel des scheinbar gleichgültig dasitzenden Burschen hervorschob, ebenso leise den Griff der Axt faßte und diese mittels unmerklicher Bewegungen unter seinen Mantel zu ziehen begann. Ohne den Blick vom Papier zu heben, zog ich meinen Revolver aus dem Gürtel, spannte den Hahn desselben, legte ihn auf meine Knie und schrieb ruhig weiter, wobei ich aber den Indianer fortwährend mit versteckten Blicken beobachtete. Ich konnte mich kaum eines Lachens erwehren, als ich in den Zügen des Diebes das grenzenloseste Erstaunen wahrnahm. Ohne Zweifel lebte er in der Meinung, daß ich seine Absicht aus dem Buch herausgelesen und -geschrieben habe, denn mich furchtsam von der Seite betrachtend, stand er auf und schlich leise von dannen. Der arme Mensch, er glaubte sich in Gefahr und ahnte nicht, daß ich von meiner Waffe keinen Gebrauch gemacht haben würde, selbst wenn er mit der Axt davongesprungen wäre.

Von mir begab er sich nach einer der Küchen, auch dort gelang es ihm nicht, seine Absicht auszuführen, denn der Koch ertappte ihn, als er vor dem Feuer, ohne seine Stellung zu verändern, mit eigentümlicher Gewandtheit ein daliegendes Messer mit den Zehen ergriff und, den Fuß dann rückwärts emporhebend, dasselbe in die unter dem Mantel verborgene Hand schieben wollte. Ein drohend geschwungenes Beil trieb ihn von dannen, doch sah ich ihn kurze Zeit darauf eilig im Gebüsch verschwinden, ein sicheres Zeichen, daß es ihm dennoch geglückt war, etwas zu erbeuten. Es stellte sich auch sogleich heraus, daß er mit einem alten Rock davongegangen war; der Gegenstand an sich war gering, doch mußte der Diebstahl gerügt werden, um der Wiederholung solcher Übergriffe vorzubeugen.

José sowie Maruatscha hielten deshalb Reden an die ganze Versammlung, und besonders letzterer zeichnete sich hinsichtlich seiner Beredsamkeit aus. Mit lauter Stimme ermahnte er die Mohaves, nichts von dem Eigentum der Amerikaner zu entwenden, und wenn sie stehlen wollten, so möchten sie vorher sein – Maruatschas – Leben nehmen. Mariando übersetzte die glänzenden Phrasen und gab durch sein heimliches Lachen zu verstehen, daß er die Bereitwilligkeit bezweifle, mit der Maruatscha, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, sein Leben hingeben würde.

Ohne Wirkung war die Rede freilich nicht, denn die Indianer, die so lange aufmerksam zugehört hatten, äußerten am Schluß, daß ihnen solche Worte wohl gefielen, und sie erklärten sich als nicht einverstanden mit dem Benehmen des Diebes.

Der Einbruch der Nacht machte dem Tauschhandel ein Ende; diejenigen, die ihre Waren noch nicht abgesetzt hatten, wurden auf den folgenden Morgen vertröstet, das Hornsignal ertönte, und friedlich verließ uns die ganze Masse des indianischen Besuchs. Undurchdringliches Dunkel ruhte auf den Fluten des Colorado und seiner Umgebung, ein schwarzer Wolkenschleier verbarg die Gestirne; durch die transparente Leinwand der Zelte aber schimmerte noch bis tief in die Nacht hinein schwaches Licht. Dort saßen noch einige von unserer Gesellschaft mit Schreiben beschäftigt; sie schrieben Briefe nach der Heimat, denn Häuptling José hatte versprochen, einen Boten nach Fort Yuma zu senden, und am folgenden Tag schon sollte dieser aufbrechen.

Der 12. Februar. Wer an diesem Morgen die »Explorer« und ihre Umgebung unvermutet und als unbeteiligter Zuschauer aus der Ferne hätte beobachten können, der wäre gewiß lebhaft an ein Volksfest erinnert worden, in so dichten Haufen und mit so ausgelassenem Lärm drängten sich die Eingeborenen am Ufer zusammen. Nach dem Boot zu und auf diesem selbst standen die schlanken Gestalten der Männer sowie die üppigen Figuren der kleinen, aber schön gewachsenen Frauen und harrten darauf, daß auch an sie die Reihe kommen würde, mit dem »Capitano« zu handeln, während auf dem Ufer beide Geschlechter in sehr malerischen Gruppen durcheinanderlagen und die eingetauschten Perlen zum wohlkleidenden Schmuck auf lange Fäden reihten. Hin und wieder trennten sich auch wohl ein paar junge Leute von dem regsamen Haufen, um sich an einer ebenen Stelle in dem beliebten Ring- und Stangenspiel die eben erhaltenen Schätze gegenseitig abzugewinnen. Freude und Lust glänzte aus allen Augen, Jubelgeschrei erschütterte die Luft, so daß die auf dem jenseitigen Ufer Versammelten nicht zu widerstehen vermochten und in den kalten Strom hinabstiegen, um mit ihren auf dem Kopf befestigten Bündeln schwimmend zu uns zu eilen. Doppelt willkommen hießen wir diese letzteren, denn sie brachten uns Fische, große, schöne Fische, und in solcher Anzahl, daß unserer ganzen Expedition soviel, wie zu zwei Mahlzeiten nötig war, verabreicht werden konnte. Da wir schon seit einigen Tagen nur halbe Mehlrationen und noch kleinere Schweinefleischrationen bezogen hatten, so ist es wohl verzeihlich, daß wir uns herzlich darüber freuten, die Bohnen, die jetzt unsere Hauptnahrung bildeten, endlich einmal mit Fischen vertauschen zu können. Die Tauschgeschäfte waren beendet, Carrol rüstete die »Explorer« zum Aufbruch, und Häuptling José war im Begriff, mit dem Boten, der schon Briefe, Instruktionen und einen Teil seines Lohns erhalten hatte, Abschied zu nehmen, als Lieutenant Ives im Auftrag des »Großen Großvaters aller Indianer« (des Präsidenten der Vereinigten Staaten) dem Häuptling für sein gutes Benehmen einige Geschenke übergab, die aus blauen und roten wollenen Decken, baumwollenem Zeug und einer großen Menge von Perlen bestanden. Ohne zu danken, jedoch mit Zeichen der Befriedigung, nahm José die dargereichten Gegenstände, stellte sich auf den Rand des Dampfbootes, zerriß die Decken in lauter drei Zoll breite Streifen und warf diese dann nach allen Richtungen unter die am Ufer versammelte Volksmenge, welche jedes einzelne Stück mit unermeßlichem Jubel begrüßte. Den Decken folgten die übrigen Gegenstände in ähnlicher Weise nach, so daß der Häuptling gar nichts für sich behielt, und nur durch vieles Zureden brachte ihn Lieutenant Ives dazu, einen noch hinzugefügten buntfarbigen Schal als Kopfputz auf seinem Haupt zu befestigen. Auffallend erschien es mir, daß unter den vielen Leuten, die sich die kleinen Gaben zu teilen hatten, nie Zank ausbrach und daß diejenigen, welche leer ausgingen, ebenso fröhlich und zufrieden waren wie die, welche das Glück mehr begünstigt hatte; doch wen der Wurf des Häuptlings zufällig traf, der war und blieb immer der anerkannte und rechtmäßige Eigentümer des aufgefangenen Gegenstandes. Ich muß gestehen, daß José, den in seinem Äußeren nichts von den Mitgliedern seines Stammes auszeichnete, sich mit einer Würde und einem Ernst benahm, wie man sie kaum in dieser Wildnis zu finden erwartete, denen aber der große Einfluß, den er auf seinen Stamm ausübte, zugeschrieben werden konnte. Herzlich drückten wir daher dem Häuptling zum Abschied die Hand, er sprang ans Ufer, die Laufplanke wurde eingezogen, und stromaufwärts arbeitete das Dampfboot, begleitet von wildem Jubelgeheul der Eingeborenen.

Unsere Reise ging gut vonstatten, und gegen Mittag erreichten wir den Punkt, wo im Jahre 1854 Captain Whipple mit seiner Expedition über den Strom setzte. Ich erkannte die Stelle an einem Sumpf wieder, der etwas weiter oberhalb fast an den Fluß stieß; sonst entdeckte ich nichts, was mich an die damaligen Zeiten hätte erinnern können, denn nach der Sandinsel mitten im Fluß, die wir einst als Übergangspunkt»Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 400. gewählt hatten, schaute ich vergeblich aus, dagegen waren neue Sandbänke zutage getreten, so daß, wenn die Gebirge und der Sumpf nicht gewesen wären, nach denen ich mich leicht orientierte, ich schwerlich »Whipple's Crossing« wiedererkannt haben würde. Dort nun befanden wir uns, nach Whipples Beobachtungen unter 34° 52' 15'' 60''' nördlicher Breite und 114° 31' 43'' 20''' westlicher Länge von Greenwich, 430 Fuß über dem Meeresspiegel.

Eine kurze Strecke oberhalb dieses Punktes bog unsere Straße stark gegen Osten und behielt diese Richtung bei, bis sie die ganze Breite des Tales durchschnitten hatte und den Fuß der Kiesebene berührte, worauf sie sich wieder in weitem Bogen gegen Westen zog. Von dort aus vermochten wir deutlicher die östliche Gebirgskette zu überblicken, auf der während der Nacht Schnee gefallen war, der wie mit einer weißen Decke die Kuppen der Berge verhüllte und in grellem Widerspruch mit der sonnigen, warmen Atmosphäre des Tals stand. Wir landeten kurz vor jenem Winkel, um Holz einzunehmen, und trafen auch dort wieder mit einem starken Trupp Mohaves zusammen, in deren Gesellschaft wir einige Gebirgsindianer vom Stamm der Wallpays erblickten. Ein auffallenderer Kontrast ist wohl kaum denkbar, als der, den uns die Bewohner der verschiedenen und doch benachbarten Regionen hier boten. Auf der einen Seite die unbekleideten, riesenhaften und wohlgebildeten Gestalten der Mohaves, mit ihren vollen, abgerundeten Gliedern, sorgfältig geordneten Haaren und dem offenen, freien Blick; auf der anderen Seite dagegen die im Vergleich dazu zwergähnlichen, hageren, in zerfetzte Lederkleidung gehüllten Figuren der Wallpays mit ihren verwirrten, struppigen Haaren, den kleinen, geschlitzten Augen und dem falschen, gehässigen Ausdruck in ihren Zügen. Regungslos wie lauernde Wölfe beobachteten uns die auf Jagd und Diebstahl angewiesenen Wüstenbewohner, während die Repräsentanten des Ackerbau treibenden Stammes frei von jedem Mißtrauen sich scherzend herandrängten und sich mit knabenhafter Ausgelassenheit unter unsere Leute mischten. Aufmerksam verglich ich beide Stämme miteinander; ich entdeckte nur Ähnlichkeit in ihrer Hautfarbe, und es erschien mir kaum glaublich, daß ich hier Menschen von einer und derselben Rasse vor mir hatte, so sehr hatte die verschiedene Lebensweise in einer Reihe von Generationen auf die physische Beschaffenheit, zugleich aber auch auf die geistigen Anlagen und Neigungen von Menschen gewirkt, denen derselbe Ursprung zugeschrieben wird.

Bald darauf gelangten wir in den Winkel, wo wir uns wieder nördlich wenden mußten, und hatten hier abermals das interessante Bild eines festlich geschmückten Indianerstammes vor uns, der aus Hunderten von Mitgliedern bestand und mit Sehnsucht unserer Landung entgegensah. Der Häuptling rief uns zu, daß er sich vorstellen wolle und daß seine Leute Lebensmittel zu verkaufen wünschten; da aber das Fahrwasser günstig war und Lieutenant Ives befürchtete, Zeit zu verlieren, so wurden, zu Dr. Newberrys und meinem größten Leidwesen, die auf uns Harrenden unberücksichtigt gelassen; wir fuhren vorbei und konnten uns sagen, daß wir bei Hunderten von Menschen Gefühle einer gewissen Zurücksetzung angeregt hatten. Solange wir die nördliche Richtung beibehielten, befand sich zu unserer linken Seite eine bedeutende Sandfläche, die sich augenscheinlich erst in den letzten Jahren durch den Strom dort gebildet hatte. Man konnte gleichsam die Jahrgänge des angeschwemmten Bodens an den Weidenschößlingen erkennen, indem dieselben in der Nähe des Flusses ganz fehlten, weiter zurück binsenähnlich und spärlich aus dem Sand hervorragten und in dem Maß an Höhe und Stärke zunahmen, als die Entfernung zwischen ihnen und dem Strom sich vergrößerte. Zu unserer Rechten erblickten wir das Uferland, das in geringer Entfernung vom Fluß an die Kiesebene stieß, dicht mit kräftigen Weiden und einzelnen Cottonwood-Bäumen bewachsen. Das Wasser spülte mit heftigem Andrang an dem nachgiebigen Erdreich hin, und da die Vegetation gleichmäßig und ununterbrochen bis an den äußersten Rand des Ufers reichte und umgefallene Bäume ihre Kronen in die Fluten tauchten, während die noch mit Erde beschwerten Wurzelenden am hohen Ufer hafteten oder frei emporragten, erkannten wir leicht, daß der unruhige Strom ebenso schnell das linke Uferland mit sich fortriß, als er an dem rechten durch Absatz von festen Bestandteilen weiterbaute.

Als wir den Punkt erreichten, wo unsere breite, schimmernde Straße fast im rechten Winkel gegen Westen bog und diese Richtung quer durch das Tal bis an die westliche Kiesebene beibehielt, nahm ich deutlich wahr, daß der Strom sich um einen ähnlichen angeschwemmten Landstrich des linken Ufers herumwand wie kurz vorher auf der entgegengesetzten Seite – nur mit dem Unterschied, daß noch ein schmaler, seichter Kanal die niedrige Ebene vom Festland trennte und also eine Insel bildete. Die Insel war reich mit hohen Weiden bewachsen, an denen das Alter des Bodens annähernd berechnet werden konnte. Der Strom selbst, dessen Wasser hier ungewöhnlich breite Flächen bedeckte (bis zu 1000 Fuß breit), war infolgedessen nur sehr flach; die letzten Stunden des Tages verbrachten wir daher mit erfolglosem Winden und landeten endlich auf dem rechten Ufer, wo wir auf der oben beschriebenen Sandfläche ausgetrocknetes Treibholz in hinlänglicher Masse zu unserem eigenen Gebrauch sowie auch für die Maschine vorfanden. Auch auf der unwirtlichen Sandbank, wo der kalte Wind ungehindert über den dürren Boden hinwehte, suchten uns die Eingeborenen auf. Sie kamen mit Waren aus ihren abgelegenen Wigwams; sie scheuten weder das kalte Wasser des Stroms noch den rauhen Wind, und fröhlich traten sie ihren Heimweg an, wenn es ihnen gelungen war, einige Schnüre der beliebten Porzellanperlen einzuhandeln. Lieutenant Ives hatte mehrfach versucht, zerrissene Schnüre und auch lose Perlen im Handel mit anzubringen, doch glaubten die Wilden merkwürdigerweise, daß ein Betrug dahinterstecke, und weigerten sich standhaft, diese anzunehmen; selbst auch dann, wenn sie ihnen in doppelter Masse geboten wurden. Er beschloß daher, sich für kommende Zeiten vorzubereiten und diesen gangbaren Artikel so einzuteilen und zu ordnen, daß die eigensinnigen Menschen nichts mehr daran auszusetzen haben sollten. Eine Einladung erging infolgedessen an uns, ihm bei dieser Arbeit behilflich zu sein. Wir sagten alle zu, und als die Abendmahlzeit beendet war, versammelten wir uns in der kleinen Kajüte, wo wir nach vielem Hin- und Herrücken um den Tisch Platz fanden, auf dem Massen von Perlen aufgehäuft lagen. Auch ein Glas stand vor jedem, und bedeutungsvoll winkte eine große Korbflasche, welche den Ehrenplatz oben an der Tafel einnahm. Da saßen denn sieben bärtige, wettergebräunte Gesellen, die zu ernsten und schwierigen Aufgaben bestimmt waren, wie junge Mädchen in einer Spinnstube beisammen und reihten friedlich Perlen auf. Es war für uns alle eine ungewohnte Arbeit, doch kamen wir mit ihr zu Rande; und wenn die Unterhaltung ins Stocken geriet oder die Fäden sich als zu schwach auswiesen, dann wurde ein voller Becher zu Hilfe genommen, und unverdrossen wühlten aufs neue die unkundigen Finger zwischen den schimmernden Glasperlen.

So unbedeutend diese Beschäftigung an sich auch war, so unterschied sich der Abend eben durch diese von allen übrigen, die wir schon auf der Reise zugebracht hatten. Es war wieder etwas Neues, und wir kamen uns selbst so überaus komisch vor, daß wir dabei vergaßen, daß wir uns an Bord der »Explorer« befanden, und manchmal bebte die ganze Kajüte von dem herzlichen Gelächter, das durch irgendein »Stückchen Garn«, das Mr. Carrol abspann, hervorgerufen wurde.

Und so glaubte ich denn, daß jeder, der an jenem Abend Perlenschnüre ordnete, dabei trank, scherzte und lachte, zuweilen an jene Zeit zurückdenkt; denn die geringfügigsten Umstände wachsen, sobald sich besondere Rückerinnerungen an diese knüpfen; sie wachsen manchmal so sehr, daß man sie für wichtig genug hält, sie in Beschreibungen und Erzählungen mit hineinverflechten zu dürfen. Nur zu leicht vergißt man aber dabei, daß allein die wirklichen Teilnehmer imstande sind, sich froh verlebte Stunden in Gedanken zu vergegenwärtigen und gleichsam noch einmal zu durchleben, während der Leser wie der Zuhörer die Mitteilung von unbedeutenden nackten Tatsachen vielleicht mit Recht tadelt.

Es war um die Mitternachtsstunde, als wir uns ans Ufer begaben; alles im Lager schlief, nur die Schildwachen schritten auf dem weichen Sand geräuschlos auf und ab; auch der Wind war eingeschlummert, doch der stark fallende Tau ließ die Luft kühl erscheinen; wir schürten daher ein niedergebranntes Feuer, daß die Flammen hoch aufloderten, erwärmten uns zuerst das Gesicht, dann den Rücken, machten noch einige Bemerkungen über das unheimliche Rauschen des wilden Stroms, über das sternenbesäte Himmelsgewölbe und krochen dann, höchst zufrieden mit unserer Lage, zwischen die Decken. In der Frühe des 13. Februar steckte unser irischer Aufwärter seinen gelbbehaarten Kopf zwischen die Falten des Zeltes hindurch und rief mit Anwendung aller Kräfte seiner gesunden Lungen: »Frühstück ist fertig!« Wir drehten uns um und – schliefen weiter; bald darauf donnerte dieselbe Stimme durch die Türfalte: »Frühstück steht auf dem Tisch!«

Die Nachricht, daß wir überhaupt Frühstück, und zwar trockene Bohnen, erhalten sollten, hatte uns noch ziemlich gleichgültig gelassen; die Aussicht aber, die Bohnen kalt essen zu müssen, erschreckte uns in dem Maße, daß wir nach Verlauf von kaum zwei Minuten um unseren Feldtisch saßen und bei der Musik des singenden Dampfkessels unser mehr als kärgliches Mahl in Angriff nahmen, wobei wir laut des Wechsels der Zeiten gedachten.

Die wärmenden Strahlen der höher steigenden Sonne hatten den schweren nächtlichen Tau auf den lichtgrünen Weidenblättern noch nicht vollständig aufgesogen, als der Tauschhandel mit den Eingeborenen sein Ende erreichte und wir uns zur Weiterreise an Bord begaben. Leider waren wir einer breiten Sandbank wegen genötigt, eine Strecke zurückzufahren und einen anderen Kanal zu suchen; wir entdeckten einen solchen nahe dem linken Ufer, doch gelangten wir in diesem nur einige hundert Schritt weiter als in dem ersten, wo wir dann auf ähnliche Hindernisse stießen. Mr. Robinsons genaue Forschung ergab, daß in gleicher Höhe mit uns, dicht am rechten Ufer, das Fahrwasser wieder begann, daß aber eine Sandbank mit fünfzehn Zoll Wasser uns von diesem trennte. Die »Explorer« mußte also über die ganze Breite des Stroms hinübergewunden werden, und weil es in Aussicht stand, daß diese Arbeit den vollen Tag in Anspruch nehmen würde, so ließ der Kapitän, um den Tiefgang des Fahrzeugs zu vermindern, die ganze Fracht nebst den überflüssigen Leuten mittels des Ruderbootes nach dem rechten Ufer hinüberschaffen, wo ich gleich nach unserem Landen in der Gesellschaft des Doktors einen Jagdausflug nach der nächsten Umgebung unternahm.

Dichtes Stangenholz – größtenteils schlanke, pappelähnliche Weiden – erschwerte anfänglich das Vordringen sehr, doch gelangten wir bald auf einen Indianerpfad, der uns in vielen Windungen weitab vom Fluß führte. Die Weiden wechselten dabei strichweise mit den beiden Arten der Mesquitebäume ab oder faßten lichte, grasreiche Flächen ein, auf denen die anmutigen Formen der Cottonwood-Bäume hoch emporragten. Obgleich man fast überall den Schmuck der Blätter vermißte, obgleich herbstlich graue Farbe die abgestorbene Vegetation nur wenig von den unbedeckten sandigen Stellen des Bodens auszeichnete, so beschlich uns doch bei der veränderten Umgebung ein Gefühl der innigsten Freude, das durch den vorhergegangenen ständigen Aufenthalt auf dem Wasser noch gesteigert wurde. Die Sonne schien so warm auf uns hernieder, und wenn wir die dürren Grasbüschel auseinanderbogen oder die kahlen Zweige der Sträucher aufmerksam betrachteten, dann entdeckten wir die zarten, aber lebensfrischen Keime, die, wie aus tiefem Schlaf erwachend, schüchtern in die Welt hinausblickten und verlangend nach Licht und Wärme sich dem Schatten zu entziehen suchten. Die Luft war so still; ein Frosch hatte seine sumpfige Winterwohnung verlassen und prüfte nach langem Schweigen zum erstenmal wieder seine krächzende Stimme; er schien aus der Übung gekommen zu sein, denn heiser klangen die kurzen, abgebrochenen, aber mit aller Gewalt ausgestoßenen Töne zu uns herüber. In den Bäumen aber saßen mancherlei Vögel; diese hatten ihre Lieder noch nicht verlernt, denn sie sangen und zwitscherten, jeder nach seiner Weise, und zwar mit einem solchen Ausdruck der Glückseligkeit, daß wir immer glaubten mitsingen zu müssen. Und warum sollte der Mensch nicht mit einstimmen in den Jubel einer erwachenden Natur? Er bezeugt dadurch ja nur die verehrende Anerkennung einer erhabenen Macht und ihrer weisen Gesetze, von denen der Mensch sowie alle übrigen Schöpfungswerke in jeglichem Grad abhängig sind. Planlos durchstreiften wir Wald und Wiese, da gab es manches zu sehen, manches zu beobachten; und Stunden verstrichen, ehe wir uns dem Fluß wieder näherten.

Auch an einer unbewohnten Indianerhütte kamen wir vorbei. Diese war von kleinen Feldern umgeben, und alles deutete darauf hin, daß jene Stelle von den Eingeborenen nur während der Wintermonate verlassen blieb. Übrigens unterschied sich die Hütte in nichts von den anderen Mohave-Wohnungen, deren ich schon einige in näheren Augenschein genommen hatte.

Auf Pfosten, die in Zwischenräumen von drei bis vier Fuß in die Erde getrieben sind und wie gewöhnlich ein Viereck, zuweilen aber auch einen Kreis von zehn bis sechzehn Fuß Durchmesser bilden, ruht in der Höhe von ungefähr fünf Fuß ein Dach, das aus Zweigen und Schlamm fest und dicht zusammengefügt ist. Wie das Dach, so werden auch die Zwischenräume zwischen den Pfosten verstopft, und man läßt nur eine kleine Öffnung, die zugleich als Fenster und Tür dient. Oberhalb der Tür befindet sich gewöhnlich eine Verlängerung des Daches, die ebenfalls auf starken Stützen ruht, wodurch eine Art von Korridor hergestellt wird, der zum Sommeraufenthalt der Bewohner dient, während das finstere, abgeschlossene Gemach in kalten Tagen zum Zufluchtsort gewählt wird. In vielen Fällen, wo die Gestaltung des Bodens es zuläßt, ist das Gemach in einen Hügel oder eine feste Sandbank hineingegraben, doch fehlt dann niemals der schattige Korridor. Zum Aufspeichern von Kornvorräten und Mesquitebohnen dienen kleine, runde, turmähnliche Magazine, die aus Weiden und im Boden haftenden Stäben sehr sorgfältig geflochten und mit einem guten Dach versehen sind. Diese haben einen Durchmesser von drei bis vier Fuß und eine Höhe von fünf bis sechs Fuß. Auch sehr große irdene, krugähnliche Gefäße werden zur Aufbewahrung von Lebensmitteln verwendet. Kleinere Gefäße von derselben Konstruktion sowie aus Binsen und Weiden wasserdicht geflochtene Schüsseln bilden die einzigen Hausgeräte. Fügt man zu diesem noch einige zugespitzte Stäbe, die zur Bestellung des Ackers dienen, so ist alles vorhanden, dessen der Mohave-Indianer bedarf, um sich und seiner Familie eine sorgenfreie und glückliche Existenz zu sichern.

Die Lebensmittel werden auf die einfachste, für den Europäer aber nicht schmackhafte Weise zubereitet. Dicker Brei oder auch geröstete Kuchen aus Mais und Weizenmehl, gekochte Bohnen und Mais bilden die Hauptnahrung, doch wird auch von zerriebenen Mesquitebohnen Brot in Form von großen Kugeln gebacken, das aber für einen verfeinerten Gaumen einen sehr widerlichen Geschmack hat. Zu den Delikatessen der Mohaves gehören unter anderem Melonen, Wassermelonen und Kürbisse, die teils roh, teils gebraten oder als Brei zubereitet verzehrt werden. Auch die gerösteten Kerne der Kürbisse werden von ihnen als Leckerbissen betrachtet, und diese fanden bei uns ebenfalls Liebhaber.

Überhaupt scheint die Lieblingsbeschäftigung der dortigen Eingeborenen das Essen zu sein, denn wenn wir zuweilen den einen oder den anderen mit an Bord nahmen, so führte er gewiß eine große Schüssel mit gekochten Bohnen oder Maisbrei bei sich.

Gegen Mittag erreichten wir wieder das Ufer und erblickten die »Explorer« mit allen, die sich darauf befanden, in voller Arbeit, doch war sie nur eine kurze Strecke von der Stelle bewegt worden, auf der wir sie am frühen Morgen verlassen hatten. Langsam begaben wir uns nach der Landungsstelle hin, wo unsere Fracht ausgeladen worden war, und ich wurde dort von einigen Indianern erwartet, die mir eine Sammlung lebender Mäuse zum Verkauf anboten.

Ich konnte mich eines Lachens kaum erwehren, als ich sah, auf welche eigentümliche Art sie die armen Tiere gefesselt hatten. Diese waren nämlich mit den Schwänzen an Stäben festgebunden, und zwar so, daß sechs oder sieben von ihnen dicht hintereinander saßen und angstvoll den Stock mit ihren vier Füßen umklammert hielten. Einige Perlenschnüre, die ich zu solchen Zwecken immer bei mir führte, genügten, die Sammlung an mich zu bringen, worauf ich die Tiere sogleich von ihren Qualen befreite.

Stunden vergingen uns noch am Landungsplatz aufs langweiligste, ehe die »Explorer« endlich in tiefes Wasser glitt und bald darauf anlegte. Schnell wurde alsdann eingeladen, und tief senkte sich schon die Sonne gegen Westen, als wir uns wieder stromaufwärts bewegten. Noch immer hatten wir eine westliche Richtung zu verfolgen, und dadurch, daß der breite Spiegel des Flusses scheinbar regungslos zwischen dicht und hoch bewaldeten Ufern lag und sich weithin bis an den Fluß der westlichen Gebirge erstreckte, deren umgekehrte Bilder zusammen mit dem klaren Himmel auf den glänzenden Fluten zu schwimmen schienen, erhielten wir eine so reizende Aussicht, wie wir sie seit längerer Zeit nicht genossen hatten. Hierzu gesellte sich noch die milde Abendluft, die sich, gleichsam Ruhe verkündend, auf Berg und Tal senkte und der ganzen Umgebung einen so friedlichen Schimmer verlieh; leichter Nebelduft erfüllte die Atmosphäre in geringer Höhe über dem Boden, während die oberen Luftschichten im reinsten Licht schwammen und kleine Herden von Schafwolken in rosenroter Beleuchtung erglänzten. Lange hätte ich noch an diesem Abend reisen mögen, es war ja alles um mich her so schön; doch die Sonne war unerbittlich, sie verschwand hinter den zackigen Berggipfeln und ließ nur eine flammenähnliche Röte zurück, die uns noch lange leuchtete, als wir auf dem rechten Ufer in einem malerischen Winkel des Waldes unsere Zelte aufschlugen.

Zwei Meilen hatten wir noch gegen Abend nach unsäglicher Mühe zurückgelegt. Der folgende Tag, ein Sonntag, wurde wieder zur Ruhe bestimmt; einesteils um unseren Leuten nach so anhaltender, schwerer Arbeit einige Erholung zu gönnen, dann aber auch, um zwei bekannte Mohaves zu erwarten, von denen wir einigen Aufschluß über die nördlichen Territorien sowie auch über den Fluß selbst zu erhalten hofften.

Der Häuptling Kairook und der Krieger Jretéba waren schon alte Bekannte von Lieutenant Ives und von mir und dieselben beiden Indianer, welche die Expedition des Captain Whipple im Jahre 1854 so sicher in gerader Richtung vom Colorado bis an das fließende Wasser des Mohave-Flusses führten.»Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 410. Sie hatten sich damals schon nicht nur als redliche und verständige Männer ausgewiesen, sondern auch nicht wenig dazu beigetragen, daß die Expedition, ohne sonderlichen Verlust zu erleiden, den schrecklichen Weg durch die wasserlose Wüste fand. Mitleid mit meinem Reittier veranlaßte mich zu jener Zeit, die Reise in Gesellschaft der beiden indianischen Führer zu Fuß zu machen, infolgedessen sich ein gewisses freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen und mir bildete.

Von meiner Seite der Wunsch, die alten Freunde wiederzusehen, und die Absicht des Lieutenant Ives, sich womöglich der Dienste der beiden als zuverlässig bekannten Indianer zu versichern, veranlaßten uns, schon am ersten Tag unserer Ankunft in den Dörfern der Mohaves nach Kairook und Iretéba zu fragen. Wir erfuhren dort, daß beide noch wohl und munter seien, aber weiter oberhalb am Fluß lebten. Jeden Tag zogen wir Erkundigungen über unsere alten Bekannten ein, und nicht wenig schien es den Eingeborenen zu behagen, daß einige der Ihrigen eine solche Berühmtheit erlangt hatten und die besuchenden Weißen nicht nur deren Namen kannten, sondern sie auch zu sehen wünschten. Bereitwillig sandten sie ihre Läufer mit Nachrichten für Kairook und Iretéba stromaufwärts, und ebenso bereitwillig bezeichneten sie uns den Punkt, an dem die beiden Helden des Tals uns erwarten würden.

In dichten Haufen versammelten sich am 14. Februar in aller Frühe die Eingeborenen bei uns im Lager, und während des ganzen Vormittags umgaben uns die merkwürdigsten Gruppen neugieriger, spielender und handelnder Menschen. Ein gewisser Frohsinn brach überall durch und artete sowohl bei den Weißen wie bei den braunen Menschen oftmals in eine wilde, aber dabei harmlose Ausgelassenheit aus. Alle erwarteten den berühmten Häuptling Kairook, und die Eingeborenen schienen besonders darauf gespannt, welcher Empfang demselben zuteil werden würde.

Ich hatte eben eine große Anzahl frisch eingehandelter Ratten und Mäuse verpackt und war im Begriff, mich aufs Ufer zu begeben, als Lieutenant Ives mir zurief und, auf einen baumstarken Indianer zeigend, mich fragte, ob ich denselben wohl kenne. Ich schaute zu dem Wilden hinüber; doch bedurfte es bei uns beiden keiner Fragen und Erkennungszeichen, denn vor mir stand Iretéba, mein alter Reisegefährte, der mir mit seinem eigentümlichen, sanften, ich möchte sagen, kindlichen Lächeln, das gleichsam im Widerspruch mit der kolossalen Gestalt stand, die Hand darreichte. Lange hatte ich keinem Menschen so herzlich die Hand gedrückt wie diesem Indianer, der mit dem Ausdruck ungeheuchelter Freude mir ins Auge blickte. Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich fähig gewesen wäre, mit dem ehrlichen Iretéba zu sprechen; doch leider mußten wir uns darauf beschränken, uns durch Zeichen miteinander zu verständigen. Zu meinem größten Bedauern bemerkte ich, daß Iretéba Trauer um einen Dahingeschiedenen angelegt, das heißt, seine übermäßig starken und langen Haare abgeschnitten hatte. Als ich ihn nach dem Grund seiner Trauer fragte, teilte er mir mit, daß sein Bruder sich von Yuma-Indianern habe verleiten lassen, an dem unglücklichen Kriegszug gegen den Stamm der Coco-Maricopas teilzunehmen, und von diesen erschlagen und skalpiert worden sei. Es war schon über ein halbes Jahr seit jener Zeit verflossen, doch lag noch so viel aufrichtiger Schmerz in den Zügen Iretébas, als er mir durch Zeichen den ganzen Umfang seines Verlustes zu verdeutlichen suchte, daß es mich fast gereute, ihn daran erinnert zu haben. Iretéba blieb für lange Zeit als Führer in unserer Gesellschaft, und oft, wenn ich scherzweise vom Pferd herab meine Hand auf sein halb krauses, buschiges Haar legte, bemerkte ich, wie eine Wolke von Trübsinn über sein braunes, redliches Gesicht zog. – Iretéba, der den Weißen so vielfach große Dienste leistete, Iretéba, der soviel Gefühl offenbarte und nie auch nur einen Schimmer von Unredlichkeit zeigte, war ein Mitglied der wilden Stämme, von denen einzelne Amerikaner behaupten, daß sie ausgerottet werden müßten, um der Zivilisation einen Weg zu eröffnen.

Wenn man einem Indianer freundschaftliche Gesinnungen zu beweisen wünscht, so erfreut man ihn durch kleine Geschenke, daher beeilte ich mich denn auch, einige Perlen und vor allen Dingen etwas Tabak in die Hand Iretébas zu legen und ihm danach meine brennende Pfeife darzureichen. Mit unbeschreiblichem Wohlbehagen sog der braune Krieger den Rauch in seine Lungen und ließ ihn dann in langen Zwischenräumen seinen weitgeöffneten Nasenlöchern in Wolken entströmen. Das Rauchen machte ihn übrigens mitteilsamer, denn mehrmals wies er mit der ausgestreckten Hand nach den westlichen Gebirgen hinüber, als ob er mich an die Zeit erinnern wollte, in der wir vereint in jeder Richtung reisten; er verdeutlichte mir ferner, daß er gesonnen sei, sich dieser Expedition wieder als Führer anzuschließen. Eine herzliche Freude gewährte es mir, wahrzunehmen, daß ich nicht der einzige blieb, der sich zu dem braven Indianer hingezogen fühlte; von allen Seiten, selbst von den Soldaten, wurde er mit Freundlichkeit behandelt, und je länger er mit uns verkehrte, desto größer wurde das Vertrauen, das jeder einzelne unserer Expedition in seine Redlichkeit setzte.

Es war gleich nach Mittag, als auf dem jenseitigen Ufer ein neuer Trupp Eingeborener eintraf und uns mitgeteilt wurde, daß Kairook und der schon bekannte José im Anzug seien. Bald darauf schoben die ankommenden jungen Leute ein Binsenfloß in den Strom, und auf dieses stellten sich die beiden Häuptlinge, während die übrige Gesellschaft in die Fluten stieg und teils schwimmend, teils watend das Floß mit seiner Last durch den Fluß zu uns herüberlenkte. Es gewährte einen überaus interessanten Anblick, als diese Wilden unter durchdringendem Jubelgeheul wie im Triumph durch das Wasser arbeiteten und Kairook und José, wie ihrer Würde und ihres Ansehens bewußt, mit gespreizten Beinen und verschränkten Armen auf dem zerbrechlichen Binsenfahrzeug standen. José erschien in seiner gewöhnlichen Kleidung, die aus dem bunten, wollenen Schal und dem weißen Schurz bestand; Kairook dagegen prangte in einem roten Flanellhemd, das mittels eines breiten Lederriemens um seine Hüften zusammengehalten wurde. Als Zeichen seines Ranges trug er auf dem Bauch an seinem Gürtel eine große Glocke, wie man sie den Leittieren starker Viehherden wohl umzuhängen pflegt, und im Nasenknorpel einen Riemen, an dem eine große, weiße Perle und ein blauer Türkisstein befestigt waren. Kairook hatte ebenfalls eine mächtige, kraftvolle Gestalt, dabei waren aber seine Bewegungen doch leicht und ungezwungen, und auf seinen Zügen spielte ein beständiges Lachen, der Ausdruck eines angeborenen Frohsinns.

Die Häuptlinge, von ihren wilden Untergebenen gezogen, erreichten endlich das Ufer, und bald darauf befanden wir uns bei ihnen, um sie zu begrüßen. Ich kann wohl sagen, daß es einen mehr wie angenehmen Eindruck auf mich machte, als ich bemerkte, daß Kairook mich wiedererkannte. Mit beiden Händen faßte er mich an den Schultern und drückte seine Nägel so tief ein, daß am folgenden Tag noch die Spuren davon auf meiner Haut sichtbar waren. Ich glaubte daher meine Freude des Wiedersehens nicht besser darlegen zu können, als daß ich ihn auf dieselbe Weise liebkoste, und ich preßte die Muskeln seiner Oberarme so lange und so fest, bis er sich sanft dem herzlichen Griff entzog und mir durch Streicheln der Brust und Schultern seine große Freude bewies. Er wandte sich dann zu seinen Leuten, und wie ich aus seinen Mienen und Bewegungen schloß, erzählte er ihnen von unserer ersten Bekanntschaft und von dem bösen Weg, den wir zusammen gewandert waren.

Durch unsere Dolmetscher ließ Lieutenant Ives nun auch Kairook den Zweck unserer Reise auseinandersetzen und forderte ihn schließlich auf, seinem Stamm und überhaupt allen Bewohnern des Coloradotals mitzuteilen, daß die Amerikaner die Freundschaft aller Eingeborenen wünschten und jedem abrieten, sich an dem bevorstehenden Krieg zwischen ersteren und den Mormonen in irgendeiner Weise zu beteiligen, woran sich noch die gewöhnlichen Beteuerungen schlossen, welch reichen Segen die Eingeborenen von der sich Bahn brechenden Zivilisation zu erwarten hätten.

Kairook trat sodann als Redner auf, und vermutlich hielt er eine Rede, die gut aufgenommen wurde, denn nach allen Richtungen hin beobachteten wir beifälliges Nicken und zustimmende Ausrufe unter den buntbemalten Zuhörern; selbst wir, die wir kein Wort verstanden, konnten nicht umhin, uns über den natürlichen Anstand und das Fließende seiner Sprache zu wundern. Nach Kairook hielt Maruatscha eine Ansprache an die fröhlichen Mohaves, wobei er es, wie uns Mariando versicherte, nicht an Ermahnungen zur Ehrlichkeit fehlen ließ. Lieutenant Ives befand sich während der ganzen Verhandlung mitten im dichtesten Gewühl, und obgleich er auf die freundlichste Weise mit seiner Umgebung verkehrte, so konnten wir in seinen Mienen zu unserer größten Belustigung doch zuweilen den Ausdruck des Mißbehagens entdecken, das er notwendigerweise in dem stark ausdünstenden Haufen empfinden mußte.

Nach Beendigung der Reden wurde Kairook aufs freigebigste durch Lieutenant Ives mit Geschenken vom »Großen Großvater in Washington« bedacht, und wir waren darauf abermals Zeugen, wie der Häuptling nichts für sich behielt, sondern alles bis auf die letzte Kleinigkeit an seine Untertanen verteilte. Kairook behauptete indessen keinen so feierlichen Ernst wie Häuptling José, sondern begleitete jeden Streifen Zeug und jede Schnur Perlen, wie er diese hinwarf, mit einigen Scherzworten; ich glaubte dies nämlich daraus schließen zu können, daß seinen Bemerkungen stets ein unauslöschliches Gelächter folgte, an die sie gerichtet waren.

Die Zusammenkunft schloß damit, daß eine Aufforderung an alle erging, sich am folgenden Morgen mit Lebensmitteln, besonders aber mit Mehl, zum Tauschhandel im Lager einzustellen. Manche führten schon dergleichen bei sich, und in solchen Fällen wurde immer dafür gesorgt, daß ein für beide Teile befriedigender Tausch zustande kam. An Naturalien und an Fischen fehlte es auch nicht, und besonders letztere trugen dazu bei, daß wir mit größerer Bereitwilligkeit Folge leisteten, als wir zum Abendessen gerufen wurden. Und so blieb denn unser Lager während des ganzen Tages der Sammelplatz handelnder, spielender und lärmender Indianer.

Bei Einbruch der Nacht entfernte sich gemäß unseren Anordnungen die ganze wilde Gesellschaft. Kairook versprach, am folgenden Tag wieder bei uns zu sein; Iretéba erklärte, einen Freund aufsuchen und gemeinsam mit diesem die Rolle als Führer auf der späteren Landreise übernehmen zu wollen; Maruatscha verließ uns ebenfalls, um, wie Mariando uns mitteilte, einem Gesangsfest der Mohaves beizuwohnen. Er war nämlich berühmt als Sänger und wurde seines Talents wegen von denen, die ihn zu dem Fest eingeladen hatten, mit ganz besonderer Achtung behandelt. So war denn unser alter verständiger Diegeno der einzige Indianer, der an diesem Abend bei uns am Feuer saß und sich mit uns der stillen Ruhe erfreute, die auf das wirre Treiben des Tages gefolgt war.

»Wie wär' es«, redete mich Carrol an, indem er mir wie zur Aufmunterung einen Pappkasten mit feingeschnittenem Tabak hinreichte, »wie wär' es, wenn Sie heute abend Ihr Garn von der schönen Susanna weiterspännen?«

»Ich denke, das wär' nicht so übel«, gab ich zur Antwort, ergriff den dargereichten Tabakskasten, füllte mein Tonpfeifchen bis an den Rand voll, rückte und schob dann so lange auf dem Rasen hin und her, bis ich eine bequeme Stelle gefunden hatte, ließ gleich meinen Kameraden die kräuselnden Dampfwolken in der milden Nachtluft emporsteigen und – begann.

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