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Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1

Balduin Möllhausen: Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1 - Kapitel 14
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authorBalduin Möllhausen
titleReisen in die Felsengebirge Nordamerikas ? Band 1
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Dreizehntes Kapitel

Der Mohave-Cañon – Fahrt durch denselben – Erzählung aus meinem Jagdleben in Illinois – Ende des Mohave-Cañons – Das Mohave-Tal – Die Mohave-Indianer – Erstes Lager im Mohave-Tal – Tauschhandel mit den Eingeborenen – Die Eingeborenen als Naturaliensammler – Handel mit Naturalien

Den Landweg durch die Nadelfelsen hatte ich schon früher kennengelernt, und ich habe diesen auch in meinem ersten Reisewerk»Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 389. ausführlich beschrieben. Ich war schon damals hingerissen von den prachtvollen Formationen, die ich zeitweise tief unter mir erblickte; doch der Umstand, daß ich mich auf den Höhen befand, der Strom selbst größtenteils meinen Blicken verborgen blieb und daß ich vorsichtig auf jeden meiner Schritte achten mußte, um nicht von dem gefährlichen Pfad hinab in die Tiefe zu stürzen, schwächte den Eindruck, den eine erhabene Naturumgebung auf den beobachtenden Reisenden zurücklassen muß. Jetzt aber, an Bord des Dampfers, wo ich meine ungeteilte Aufmerksamkeit der so überaus schönen Szenerie ungestört zuwenden konnte, war es anders; und laut bedauerte ich es, daß wir gerade hier von gutem Fahrwasser begünstigt wurden und nicht einige Hindernisse uns längere Zeit aufhielten.

Als wir in das Felsentor einbogen, verschwanden plötzlich die sandigen Uferstreifen mit ihrer spärlichen Vegetation, und unmittelbar aus dem heftig strömenden Wasser erhoben sich die schwarzen Massen der lavaartigen Basaltfelsen. Anfangs erschienen diese in Bergform, um die der Fluß sich in kurzen Windungen seinen Weg herumsuchte, doch bald rückten sie näher zusammen, und als klippenreiche Wände bildeten sie hohe, senkrechte Ufer. Hinter diesen nun lugten kastellähnliche Kuppen entfernter Berge hervor, die ihre phantastischen Außenlinien in dem Maße, in dem unser Standpunkt durch den eilenden Dampfer verändert wurde, auf wunderliche Weise verwandelten. Bogenfenster öffneten sich und ließen den sonnigen Abendhimmel durchblicken; Brücken wurden entstellt durch die hinter diese rückenden Mauern; scheinbare Tore rissen auseinander und zeigten sich als zwei abgesonderte Pfeiler, die sich weit überneigten oder, sich in entgegengesetzter Richtung aneinander vorschiebend, auf kurze Zeit die Form eines Kreuzes bildeten.

Endlich erreichten die kurzen Windungen des Stroms ihr Ende, und vor uns lag, wie ein Gang von riesenhaftestem Umfang, der Mittelpunkt des Cañons in seiner ganzen Erhabenheit, in seiner ganzen Pracht. Über eine Meile dehnte sich der breite Spiegel des Stroms in gerader Richtung vor uns aus; senkrecht erhoben sich mächtige, übereinanderliegende rote Sandsteinlagen bis zu einer Höhe von 500 Fuß, und dadurch, daß sich diese langen, zusammenhängenden Mauern gegen Norden senkten und näher zusammenrückten, war man geneigt, die Schlucht für doppelt so lang zu halten, als sie eigentlich war. Überhaupt schienen alle Dimensionen zu wachsen, denn die Spiegelbilder in dem ruhigen Wasser glichen vollständig einer Fortsetzung des überhängenden Gesteins, und da der wolkenlose Himmel die Mitte des Stroms mit einem transparenten Lichtblau überzog, glaubte man über einem unendlichen Abgrund zu schweben.

Wir glitten in die Schlucht hinein; die Sonne hatte sich schon tief gesenkt, in duftigem, nebelgleichem Schatten lag vor uns der Colorado, und während die Sonne noch einzelne Blicke zwischen den Felszacken hindurch auf die westliche Uferwand sandte und die grellfarbigen Kuppen und Gipfel der Höhen mit rotem Licht übergoß, fühlten wir unten schon die nächtliche Kühle, als wenn wir in ein dem Licht verschlossenes Gewölbe hineingefahren wären.

Unvergeßlich ist mir dieser Abend geblieben. Laut und regelmäßig stöhnte die schwer arbeitende Maschine, lauter noch und hundertfach antwortete in derselben Weise das Echo in den Klüften und Nebenschluchten, und doch wie klein und winzig erschien die »Explorer« mit ihrer ganzen Kraft und ihrer ganzen Bemannung gegenüber einer so majestätischen Naturumgebung!

Weiße Reiher, die in großer Anzahl auf den unzugänglichen Felsen horsteten, die als abgesonderte Pfeiler aus den Fluten hoch emporragten, verließen bei dem ungewöhnlichen Geräusch in allen Richtungen ihre Ruheorte; ängstlich schwebten sie wie schutzsuchend von der einen Seite nach der anderen hinüber; und doch waren sie vor uns bevorzugt, denn eine einzige verborgene Klippe konnte den Untergang von uns allen herbeiführen, und Schwingen wären nötig gewesen, um in einem solchen Fall einem Ort zu entrinnen, wo das Wasser tiefe Abgründe deckte und die starren Felsen keinen Haltepunkt für die Hand und keine Rast für den Fuß boten.

Wir fuhren vorbei an dunklen Höhlen und unzugänglichen Nebenschluchten, an turmähnlichen Klippen und schön geäderten Felswänden; der Fluß sah so ruhig und friedlich aus, doch weiße Schaumstreifen an den Vorsprüngen des Gesteins verrieten den heftigen Andrang der Strömung, und spielende Wirbel auf der Oberfläche des Wassers warnten das kundige Auge des Steuermanns vor verstecktem Unheil. Gegen Norden wurde die oben beschriebene Schlucht wieder durch vulkanische Berge abgeschlossen, und es erschien für längere Zeit, als ob das Wasser den Felsen entfließe. Selbst als wir uns schon in der Nähe dieses Punktes befanden, vermochten wir nicht genau zu unterscheiden, nach welcher Seite unsere Straße uns hinführen würde. Endlich schossen wir an einem Felsvorsprung vorbei und befanden uns gleich darauf dicht am rechten Ufer des Stroms, der dort in einem scharfen Winkel gegen Osten abbog. Auch die »Explorer« änderte sogleich ihre Richtung unter der lenkenden Hand des Kapitäns, die Schlucht hinter uns schloß sich, eine andere, weniger bedeutende, öffnete sich vor uns, und als wir das östliche Ende derselben erreichten, gewannen wir bei einer kurzen Biegung gegen Norden einen Blick auf offenes, niederes Land. Die Aussicht dauerte nur lange genug, um das Ende der Felskette zu erkennen, und nackte Gebirgsmassen umgaben uns dann wieder von allen Seiten.

Ein schmaler Streifen sandiges Uferland, der sich am Rand des Wassers hinzog und wo wir einige versengte Bäume und Buschwerk entdeckten, wurde alsbald zur Lagerstelle bestimmt; das Dampfboot legte bei, und einer nach dem andern sprang ans Ufer.

»Was sagen Sie zu dem Cañon?« fragte ich Kapitän Robinson, als ich mein Gewehr zu einem Spaziergang zu dem nahen Berg ergriff.

»Der Cañon?« fragte er zurück. »Ich sah nur Wasser und gefahrdrohende Wirbel und schätze mich glücklich, den Weg bis hierher gefunden zu haben, ohne daß die ›Explorer‹ sich dabei die Nase an irgendeinem unsichtbaren Felsblock gestoßen hat.«

Dreizehn Meilen hatten wir an diesem Tag auf dem Colorado durchlaufen und uns während der letzten fünf Meilen unausgesetzt in der Felsenwildnis befunden. Ungefähr zwei Meilen weiter erstreckte sich die Schlucht noch, welcher der Name »Mohave-Cañon« beigelegt wurde, und wir rechneten auf diese Weise die ganze Länge des Cañons – oder vielmehr die Breite der Needles auf dem Wasserweg – sechs bis sieben Meilen.

Ich erstieg noch vor Einbruch der Nacht die nächsten Höhen, von wo aus ich einen Teil des Mohave-Tals zu übersehen vermochte, das sich scheinbar endlos gegen Norden erstreckte. Nach allen übrigen Richtungen hin haftete der Blick auf den schlanken Berggipfeln, nach denen die Nadelfelsen benannt waren und die in ihrer Höhe zwischen dreihundert und tausend Fuß wechselten. An der Stelle, wo ich die steilen Abhänge hinaufkletterte, nahm ich ungeordnete Schichten von basaltischen Mandelsteinen (Amygdaloid) wahr, auf denen Lagen von Konglomerat ruhten; auch erblickte ich wieder den roten Sandstein, den ich bei der Beschreibung des Cañons erwähnte, sowie kalkartigen Lehm, roten Porphyr, Trapp, Gneis und Granit.

Wie bei einer früheren Gelegenheit fand ich die Sprünge und Borsten in dem harten Gestein ebenfalls von zahlreichen Ratten und Mäusen bewohnt. Ich versuchte einige derselben aus ihrem Versteck zu treiben, indem ich Feuer an die trockenen Reiser legte, die vor den Öffnungen angehäuft waren, und erzeugte darauf durch das Verbrennen von grünen Artemisien und Talgholzzweigen übelriechenden Qualm, der wie in einem Windofen polternd von den hellen Flammen in die Röhren hineingetrieben wurde. Soviel Rauch in die unterirdischen Gänge auch eindrang und so aufmerksam ich die nächsten Öffnungen beobachtete, so bemerkte ich doch nicht, daß ein lebendes Wesen denselben entschlüpfte; und was mich am meisten überraschte, war, daß selbst der Rauch seinen Weg nicht wieder hinauszufinden schien. Ich gab daher diese Art von Jagd auf, und als ich um den Hügel herumkletterte, erblickte ich plötzlich den gegenüberliegenden Abhang desselben in Rauch gehüllt; leicht erkannte ich dann, daß die Gänge und Röhren in dem lavaartigen Gestein über die ganze Breite des Hügels reichten und daß, während ich auf der einen Seite den Brand schürte, die Tiere ihre Wohnungen ungestört auf der anderen Seite verlassen hatten.

Wie gewöhnlich fand uns der Abend um unser Lagerfeuer versammelt, der schöne Cañon, in dessen nördlicher Mündung wir uns befanden, war hauptsächlich ein Gegenstand unserer Unterhaltung, doch schweiften wir auch ab nach dem felsumsäumten Tal des majestätischen Hudson und den rebenbekränzten Bergen des alten Vater Rhein; wir sprachen von den weißen Häuserreihen, die sich in Amerikas Flüssen spiegeln, von den grauen Burgen des alten Kontinents, die von den eilenden Wolken begrüßt werden, und von den steinernen Schlössern am Colorado; wir gedachten auch der stillen Blockhäuser und ihrer Bewohner, und fast unwillkürlich begann ich meinen Erinnerungen, die durch letztere angeregt waren, Worte zu geben:

»Ehe ich den Herzog Paul von Württemberg auf seiner kühnen Forschungsreise nach den Rocky Mountains begleitete und ehe ich dann das gefährliche Handwerk eines Pelzjägers ergriff, lebte ich als Wildschütz in Illinois, in dem paradiesischen Landstrich, der sich östlich von St. Louis über Belleville, Massacontah und weit über den Kaskaskia-Fluß hinaus erstreckt. Es waren nur Monate, die ich auf diese Weise verbrachte, doch knüpfen sich so reiche Erinnerungen an diese Zeit, daß ich mich oft gern in diese versenke, über einzelne Erlebnisse lächle, in anderen dagegen eine ernste und weise Fügung erkenne. Wenn ich jetzt hier, wo wir von undurchdringlichen Wüsten umgeben sind, mir in Gedanken die lieblichen Prärien ausmale, die, mit hohen Baumgruppen anmutig geschmückt und von klaren Flüßchen und Bächen vielfach durchschnitten, dem Menschen alles bieten, was in den Grenzen eines zufriedenen Gemüts liegt, dann erscheinen mir dieselben doppelt schön, und es regt sich auch wohl der Wunsch, diese Wildnis noch einmal mit solchen Gegenden vertauschen zu können.

In der Nähe des Kaskaskia-Flusses, dessen Name das letzte ist, was von einem einst mächtigen Indianerstamm übrigblieb, dehnte ich also meine Jagdzüge nach allen Richtungen hin aus. Wild war reichlich vorhanden, es wurde mir daher nicht schwer, selbst bei geringer Mühe mehr zu erwerben, als zu meinem Unterhalt notwendig war, und da ich allein und unabhängig dastand, also auch niemandem über mein Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen brauchte, so entsprach diese Lebensweise vollkommen meinen Neigungen und meiner Lage. Auch wenn ich auf der Jagd nicht glücklich war, fand ich doch stets reichen Genuß auf meinen Streifereien, einen Genuß, den mir die gleichsam im Festkleid prangende Natur gewährte und der mich nie fühlen ließ, daß sich niemand um mich gekümmert haben würde, wenn ich irgendwo mein Ende gefunden hätte; denn ich nannte ja außer meiner Büchse nur sehr wenig mein Eigentum.

Es war im Spätsommer und ein Tag so schön und sonnig, wie sie nur in jenen Breiten während dieser Jahreszeit vorkommen. Meine Jagd hatte ich beendet, einige Präriehühner beschwerten meine Tasche, und mein Stückchen Brot und geröstetes Fleisch während des Gehens verzehrend, schritt ich langsam am Kaskaskia hinauf. Oft wurde mein Pfad durch umgefallene, morsche Baumstämme unterbrochen, doch kleine Umwege beschreibend, gelangte ich immer wieder an den Fluß, dessen glatter Spiegel mich erfreute, dessen malerische Einfassung und zahlreiche Holzklippen ich immer mit neuem Wohlgefallen betrachtete und zuweilen auch in meinem Taschenbuch – meinem beständigen Gefährten – skizzierte. Unmerklich hatte sich der Abend eingestellt; in der Hoffnung, auf eine Farm zu stoßen, verfolgte ich so lange die eingeschlagene Richtung, bis die dichter werdende Dunkelheit mich zwang, den Schatten des unwegsamen Waldes zu verlassen und mich der Prärie zuzuwenden, die sich in geringer Entfernung vom Fluß hinzog.

Sie alle wissen aus Erfahrung, wie auf den müden Wanderer, der ein Obdach sucht, das Gebell eines wachsamen Hundes aufmunternd wirkt. Ich fühlte dies so recht an jenem Abend, als ich fast die Hoffnung schon aufgegeben hatte, irgendwoanders als unter einem grünen Laubdach übernachten zu können, denn kaum vernahm ich in weiter Ferne die gedämpften Laute, welche mir die Nähe eines Gehöfts verrieten, als ich den lieblichen Gesang eines Spottvogels, dessen sanften Melodien ich aufmerksam gelauscht hatte, nicht mehr beachtete, schleunigst meine Richtung änderte und rüstig dahineilte, wo ich ohne Zweifel mit Menschen zusammentreffen mußte.

Nach einem kurzen Marsch über grasreiche Wiesen versperrte eine rohe Einfriedung mir endlich den Weg; ich kletterte hinüber, und auf der anderen Seite auf einem abgeernteten Stoppelfeld hinschreitend, erreichte ich eine zweite Einfriedung, die einen Garten abschloß. Am entgegengesetzten Ende desselben erblickte ich, halb versteckt von dunklen Laubmassen, ein Blockhaus, durch dessen geöffnete Tür mir auf das einladendste Licht entgegenschimmerte.

Ich war im Begriff, über den Gartenzaun hinwegzusetzen, als einige Hunde sich mir mit wütendem Gebell entgegenstellten und mir standhaft den Eintritt verweigerten. Zugleich verdunkelte aber auch die Gestalt eines Mannes die erleuchtete Türöffnung, und ich vernahm die barsche Frage: ›Wer ist da?‹

›Ein Fremder, der Obdach sucht!‹ gab ich zur Antwort, und im nächsten Augenblick wurden die Hunde zurückgerufen. Ohne Zögern sprang ich in den Garten, und wenige Augenblicke darauf stand ich in der Tür, wo ich von einem alten Mann willkommen geheißen, von zwei jungen Burschen mittels brennender Holzscheite von oben bis unten beleuchtet und von einem allerliebsten jungen Mädchen neugierig betrachtet wurde. Mit wenigen Worten berichtete ich, was mich eigentlich dorthin geführt hatte und knüpfte dann die Bitte um ein Nachtlager.

›Ein Nachtlager sollt Ihr haben, Fremder‹, antwortete mir der Ansiedler, ›doch nicht eher, als bis Ihr gehörig gespeist und danach etwas von dem erzählt habt, was da draußen in der Welt vorgeht.‹

Glückliche Menschen, die eine zehn Meilen entfernte Stadt schon ›draußen in der Welt‹ nennen! dachte ich und trat in das von einem schwachen Kaminfeuer erhellte Gemach.

Außer den eben genannten Personen erblickte ich in diesem auch noch eine ältliche Frau; sie war die Gattin des alten Farmers und zugleich die Mutter des jungen Mädchens und des einen jungen Burschen, während der andere als gemieteter Arbeiter dort in Dienst stand. Mit einer wahren Herzlichkeit wurde ich von allen Seiten wie ein alter Bekannter begrüßt, man drückte mir die Hand, man nötigte mich zum Sitzen, doch nach meinem Namen fragte niemand. Aber auch ich erkundigte mich nicht, von wem mir so freundliche Aufnahme zuteil wurde; ich nahm alles an, wie es gegeben wurde, und nur, als die Mutter bald darauf dem jungen Mädchen einige Anweisungen hinsichtlich eines schnell zu bereitenden Mahls erteilte, erfuhr ich, daß dieses Susanna hieß.

Die übrigen Namen lernte ich auch noch im Laufe des Abends kennen, doch habe ich sie längst wieder vergessen. Ich warf also meine Präriehühner in die Ecke neben dem Kamin, der zugleich als Küche diente, setzte mich zu den beiden Alten und befand mich bald mit ihnen in der lebhaftesten Unterhaltung, die ich durch unschuldige Scherze so würzte, daß der Hausmutter vor Lachen die Tränen über die Wangen rollten, der Vater wohlgefällig mit dem Kopf nickte, die jungen Burschen näher rückten und die fröhliche Tochter mehrmals den bratenden Speck in Flammen geraten ließ.

Bei Ansiedlern, die so abgesondert leben, daß ihnen der gesellige Verkehr mit anderen Menschen fast gänzlich abgeschnitten ist, sind Reisende und Fremde immer gern gesehen; gelingt es aber einem solchen, einen guten Eindruck auf seine Gastfreunde zu machen, dann wissen diese nicht, was sie ihrem Besuch Gutes und Liebes erweisen sollen. So erging es auch mir in jenem Blockhaus, denn noch keine Viertelstunde hatte ich mich dort befunden, als die Frau aufstand, ein kleines Schränkchen öffnete und aus demselben der schönen Susanna sechs Eier mit der Weisung überreichte, diese für den Fremden sorgfältig zu backen. Der Farmer blieb übrigens nicht hinter seiner Frau zurück, denn er nahm von einem Brett die bekannte große Korbflasche herunter und goß erst für sich und dann für mich ein Gläschen Branntwein ein, während von den jungen Leuten der eine mir die gefüllte Tonpfeife und der andere den brennenden Span hinhielt.

Wie glücklich und zufrieden leben doch diese einfachen Leute, dachte ich, als ich beides annahm und zugleich nach der schönen Susanna hinüberblickte, die mit ihrem von der Glut geröteten Gesicht ein überaus liebliches Bild zeigte. Ihre großen blauen Augen hatten einen so fröhlichen und doch so milden Ausdruck, ihr Mund und ihre Nase waren so edel geformt, ihre Haut so weiß, ihre Wangen so frisch, und wie ein dicker Turban legte sich das starke braune Haar um ihre blaugeäderten Schläfen; die kleinen Hände und Füße, die schlanke Gestalt, kurz alles schien hier vereinigt zu einem schönen Ganzen.«

»Sie beschreiben ja das junge Mädchen merkwürdig genau«, unterbrach brach mich hier Mr. Carrol.

»Warum sollte ich auch nicht?« fragte ich zurück. »In der Erinnerung erscheint mir alles, was ich hier erzähle, wie ein schönes Bild, in dem Susanna den Mittelpunkt bildete und das mich damals um so mehr ansprach, als ich mich erst seit kaum einem Jahr gewissermaßen als heimatloser Fremdling auf eurem Kontinent befand. Ja, ich wiederhole es noch einmal: Susanna war sehr schön, und mit doppeltem Appetit setzte ich mich an den gedeckten Tisch, als das junge Mädchen mich freundlich zum Essen nötigte. Es gab, wie gewöhnlich auf den Ansiedlungen, Kaffee und Maisbrot, gebratenen Speck, Sirup und dann noch zum Schluß die Eier, die ich für ganz besonders meisterhaft zubereitet erklärte; und zur größten Genugtuung meiner Gastfreunde aß ich wie ein hungriger Jäger.

Nachdem ich meine Abendmahlzeit beendet hatte, wurde die Unterhaltung wieder aufgenommen, und da die guten Leute unerschöpflich im Fragen und unersättlich im Zuhören waren, so erzählte ich bis tief in die Nacht hinein und sprach besonders viel über mein schönes Heimatland und über meine Reisen, die in den Augen der gutmütigen Menschen ans Wunderbare grenzten. Kurz vor Aufbruch der Gesellschaft wandte ich mich noch mit der Frage an den alten Mann, in welcher Richtung er mir am folgenden Tag meine Jagd fortzusetzen rate.

›Wenn Ihr Enten schießen wollt‹, antwortete er mir, ›so braucht Ihr gar nicht so sehr weit zu gehen; es befindet sich nämlich in der Entfernung von zwei bis drei Meilen von hier ein See, der stets mit Vogelwild bedeckt ist . . .‹

›. . . von dem Ihr aber nichts erbeuten werdet‹, schaltete sich Susanna hier ein. ›Mein Bruder und noch mehrere andere Jäger haben dort oft genug gejagt, sind aber stets ohne Wild zurückgekehrt.‹

›Schießen mögt Ihr wohl etwas‹, bemerkte der erwähnte junge Mann, ›doch die sumpfigen Ufer und das tiefe Wasser des Sees gestatten Euch nicht, Eure Beute zu holen.‹

›Und dann‹, fiel der Alte wieder ein, ›scheint es mir, als ob Euer kurzes Gewehr, das halb Büchse, halb Vogelflinte ist und eigentlich keines von beiden sein kann, nicht dazu geschaffen wäre, das Blei bis nach der Mitte des Sees hinzutragen.‹

›Wenn nur Enten dort sind, bringe ich auch welche trotz des Sumpfes und trotz des kurzen Gewehrs‹, erwiderte ich, etwas verletzt durch den Zweifel an meiner Flinte.

›Ich wette nein!‹ rief mir Susanna lachend zu.

›Ich wette ja!‹ antwortete ich.

›Was gilt die Wette?‹ fragte das fröhliche Mädchen.

›Ich werde es morgen bestimmen!‹

›Nein jetzt!‹ rief sie wiederum, indem sie mir herausfordernd ihre kleine Hand entgegenhielt.

Natürlich gab ich nach, indem ich meine Hand in die ihrige legte und scherzend die Hälfte der Wette sogleich und die andere Hälfte am folgenden Tag festzustellen versprach.

Alle erklärten sich damit einverstanden, und ich begann: ›Erbeute ich eine oder mehrere Enten, so kehre ich morgen abend wieder hierher zurück und genieße noch auf einen Tag Eure Gastfreundschaft, gehe ich aber leer aus, so lasse ich mich nicht mehr blicken, und in Eurem Andenken mag ich dann als ein schlechter Jäger fortleben, was für mich gewiß keine geringe Strafe ist.‹

›Angenommen!‹ hieß es von allen Seiten.

Wir wünschten uns gegenseitig gute Nacht, ich drückte allen die Hand, der schönen Susanna aber, wohl aus Versehen, zweimal, und folgte dann den beiden Burschen auf der Leiter nach, die uns auf den Hausboden führte.

Ein hartes, aber sonst bequemes Bett nahm meine müden Glieder auf, doch lange noch, als die jungen Leute schon laut schnarchten, lag ich schlaflos; ich grübelte und dachte hin und her; der Gedanke, mir eine Heimat zu gründen, wollte mich gar nicht wieder verlassen, und immer beneidenswerter erschien mir das Los eines Ansiedlers. Dazwischen tauchte dann vor mir das freundliche Bild der offenen, ehrlichen Tochter des Hauses, in dem ich mich als Gast befand, auf. Mit dem Gedanken an diese schlief ich ein; ich träumte auch von ihr . . .«

»Mit einem Wort, Sie waren verliebt«, unterbrach mich abermals Mr. Carrol.

»Das gerade nicht«, antwortete ich, »denn meine Träume waren nur die Fortsetzung der wirren Bilder einer aufgeregten Phantasie, die mich schon vor dem Einschlafen beschäftigt hatten.

Als ich mich am folgenden Morgen von meinem Lager erhob, hatten die männlichen Bewohner des Hauses sich schon in den Wald an ihre Arbeit begeben, wo sie Bäume fällten und zu ihren Einfriedungen zurichteten. Ich stieg hinab und wurde alsbald von Mutter und Tochter auf eine unbeschreiblich einfache und dabei herzliche Weise begrüßt und zum Frühstück eingeladen. Ich saß zwischen beiden und teilte meine Zeit zwischen Essen und Plaudern, und lange würde ich noch dagesessen haben, wenn die Wette nicht gewesen wäre. Als ich im Begriff stand, das Haus zu verlassen, schob mir die Mutter noch Lebensmittel in die Tasche, worauf ich Susanna bat, mir den Weg nach dem See zu beschreiben, und nach einigen freundlichen Abschiedsworten, die ich an die alte Frau richtete, schritt ich in Gesellschaft des jungen Mädchens der Gartenpforte zu, von wo aus sie mir die Richtung nach dem See anzugeben beabsichtigte.

›Und nun zum zweiten Teil unseres Wettpreises‹, wandte ich mich zu Susanna, als wir an der Pforte angekommen waren.

›Das hätte ich beinahe vergessen‹, antwortete das Mädchen, indem es mich fragend mit ihren schönen Augen anschaute; ›nun, was ist es?‹

›Wenn ich keine Ente schieße‹, hob ich an, ›dann seht Ihr mich nicht wieder; gelingt es mir aber, einige hierherzubringen, dann bitte ich, als Strafe für Euer Zweifeln an meiner Erfahrenheit als Jäger, für jede Ente um einen Kuß von Euren schönen Lippen.‹«

»Dacht' ich's doch«, unterbrach mich abermals der unverbesserliche Carrol.

»Kann wohl ein junger, sorgloser Mann, der kaum vierundzwanzig Jahre alt ist, ein junges Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren, das obendrein noch schön ist, um etwas Geeigneteres bitten?« fragte ich.

»Nein, gewiß nicht«, antwortete mit Enthusiasmus Carrol, der selbst ungefähr vierundzwanzig Winter zählen mochte; »doch was sagte Susanna zu Ihrem Vorschlag?«

»Nun, sie benahm sich auf eine Weise, die mancher vornehmen, empfindsamen Lady Ehre gemacht haben würde. Weit davon entfernt, Entrüstung zu zeigen oder zu heucheln, brach sie zuerst in ein herzliches Gelächter aus, besann sich dann einen Augenblick und reichte mir demnächst zum Zeichen des Einverständnisses ihre Hand, indem sie neckend sagte: ›Ja, das gehe ich ruhig ein, denn Enten bekommt Ihr doch nicht.‹

Sie bezeichnete mir darauf die Richtung, die ich einzuschlagen hatte, ich bat um die Vorauszahlung für eine Ente, was mir aber abgeschlagen wurde, wir drückten uns zum Abschied die Hand, und ich wandte mich um, um zu gehen. ›Werden Taucher mit zu den Enten gerechnet?‹ rief ich zurück.

›Gewiß soll das geschehen, wenn Ihr versprecht, auch ohne Wild heute abend wieder bei uns einzukehren‹ antwortete Susanna, als sie fröhlich dem Blockhaus zueilte.

Was ich alles dachte, als ich dem Waldsaum zuschritt, wo sich der See befand, weiß ich jetzt nicht mehr, ich glaube, es waren Gedanken, welche die schöne Susanna ebensoviel betrafen wie mich – Gedanken, die meinem Alter und meiner Lage ganz angemessen waren; jedenfalls mußten sie sehr interessant sein, denn ehe ich es noch gewahrte, befand ich mich am See und sah auf den ersten Blick, daß der junge Mann in seiner Beschreibung vollkommen recht gehabt hatte, daß es keine geringe Mühe kosten würde, über den moorigen Boden bis ans Wasser zu gelangen, und daß es alsdann, nach Erlegung einiger Enten, meiner ganzen Fertigkeit als Schwimmer bedurfte, um meine Beute von dem mit rankigen Wasserpflanzen reich bedeckten Spiegel des Sees herunterzuholen.

Sinnend schritt ich mehrmals um die trübe Pfütze, verlangend schaute ich nach den zahlreichen Enten hinüber, die, sich vollständig sicher wähnend, ihre harmlosen Spiele trieben, ausgelassen untertauchten, das Wasser mit ihren Schwingen peitschten oder kleine Strecken dicht über der glatten Fläche hinflatterten. Auch nach der Richtung, wo sich die schöne Susanna befand, blickte ich gelegentlich, und so verging denn wohl eine Stunde, ohne daß ich den Enten um einen Schritt näher gerückt wäre. Endlich kam ich zum Entschluß, ich legte das Gewehr zur Seite und begann mit meinem Jagdmesser Zweige von den nächsten Bäumen zu hauen, worauf ich diese nach einer Stelle hintrug, wo hohe Binsen und dichtes Schilf mich den scharfen Augen der Enten verbargen. Dort nun baute ich von den laubreichen Ästen über den moorigen Boden hinweg, nach der Mitte des Sees zu, eine Art Brücke, die stark genug war, daß ich bei einiger Vorsicht, ohne Gefahr, durchzubrechen, auf dieser hinschreiten konnte. Es war eine mühsame und langwierige Arbeit, doch nach Verlauf von einer bis zwei Stunden, und nachdem ich einige Male bis über die Hüften im Sumpf gesteckt hatte, war sie so weit gediehen, daß ich zwischen den Binsen hindurch den Wasserspiegel nach allen Richtungen hin zu übersehen vermochte. Dort errichtete ich, ebenfalls aus Zweigen, ein floßähnliches Gerüst, auf dem ich mich, ohne mit dem Wasser in Berührung zu kommen, hinstrecken konnte. Meine Arbeit war jetzt beendet, doch glaube ich kaum, daß ich bei derselben so standhaft geblieben wäre, wenn mir das Bild des jungen Mädchens nicht vorgeschwebt hätte.

Es mochte um die Mittagszeit sein, als ich mich auf meinen Posten begab. Zu meinem größten Leidwesen nahm ich aber wahr, daß alles Wild, mit Ausnahme einiger Taucher, wahrscheinlich infolge der Bewegung, die ich während meiner Arbeit im Schilf erzeugte, sich nach dem jenseitigen Ufer hinübergezogen hatte; es blieb mir also nur noch übrig, ruhig auf meinem Posten auszuharren und auf eine günstigere Wendung der Dinge zu hoffen. Zum Glück war es sehr warm, meine Kleider, die ich mir dem Bau der Brücke durchnäßt hatte, trockneten allmählich wieder, und durchaus nicht unzufrieden mit meiner Lage, beobachtete ich die Enten, welche keine Lust zu hegen schienen, sich den Binsen zu nähern, in denen ich verborgen war.

Stunde auf Stunde verstrich, es wurde vier Uhr, und noch hatte ich keinen Schuß getan; mißmutig gedachte ich des kommenden Abends und beabsichtigte schon, einen Taucher, der harmlos in meiner Nähe herumschwamm, zum Ziel für meine Büchse zu machen, als ich den eigentümlich pfeifenden Flügelschlag in der Luft vernahm und gleich darauf zwei kleine, blau geflügelte Enten sich in geringer Entfernung vor mir auf dem See niederließen. Meine Freude war unbeschreiblich; da ich indessen nur das eine Rohr meines Gewehrs mit Schrot geladen hatte, so übereilte ich mich nicht, sondern regungslos im Anschlag liegenbleibend, harrte ich wachsam auf den Zeitpunkt, zu dem ich beide auf einen Schuß würde erlegen können.

Zufällig blinzelte ich nach dem jenseitigen Ufer hinüber und glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen, als ich die ganze geflügelte Gesellschaft, aus mehr als hundert Mitgliedern der verschiedensten Arten bestehend, in gerader Linie auf mich zuschwimmen sah. Es war ein Schauspiel, wie ich es in jener Zeit zu häufig sah, als daß es mich hätte besonders aufregen können; daß hier aber mehr als Enten auf dem Spiel stand, das merkte ich an dem ungestümen Kreisen des Blutes in meinen Adern. Atemlos wartete ich auf den Augenblick, in dem sich die vordersten der Schar, die ein stattlicher Erpel anführte, in meinem Bereich befinden würden, und schaute zugleich nach den beiden ersten Ankömmlingen hinüber, die verlegen ihre Hälse ausreckten und verkürzten, gleichsam unentschlossen, ob sie die Ankunft des zahlreichen Besuchs abwarten oder davoneilen sollten. Endlich schwammen die eiligsten Enten schon in Schußweite, und immer neue Scharen rückten heran, als die beiden Blauflügel sich plötzlich aus dem Wasser hoben und davonflogen.

Diesen Augenblick hatte ich zu meinem Angriff gewählt; ich richtete mich auf, schoß meine Büchse ab und veranlaßte dadurch ein gleichzeitiges Heben der erschreckten Vögel, und als sich der dicht flatternde Haufen ungefähr zwei Fuß über der Wasserfläche befand, schickte ich die tödliche Ladung des Flintenrohrs in denselben. Sonst gewiß kein Freund von dem Anblick der Todeszuckungen selbst der kleinsten Tiere, beobachtete ich doch mit innigem Behagen die mörderische Wirkung meines Schusses, denn wie ein Regen prasselte es aufs Wasser nieder, und nachdem sich die leicht Verwundeten und Flügellahmen entfernt hatten, erblickte ich noch acht Enten, die regungslos dalagen.

Vollkommen zufrieden mit dem Erfolg meiner Jagd, handelte es sich jetzt zunächst darum, auch in den Besitz meiner Beute zu gelangen. Es blieb mir nur ein Weg offen, und der war, selbst hinzuschwimmen und wie ein abgerichteter Hund die Enten zu apportieren. Ich entschloß mich schnell, traf meine Vorbereitungen und kroch dann, um nicht im Sumpf steckenzubleiben, ähnlich einer Schlange ins offene Wasser; kaum befand ich mich aber darin, als ich meinen voreiligen Schritt fast bereute, denn anstatt in tiefer Flut zu schwimmen, wie ich erwartet hatte, fühlte ich mich nur schwach getragen von seichtem, warmem Wasser, und unmittelbar unter mir war halb flüssiger Schlamm, der die Bewegung meiner Glieder auf erschreckende Weise hemmte.

Zu diesem Übelstand gesellte sich noch, daß sich die rankenähnlichen Stengel von Sumpfpflanzen um meine Hände und Füße legten und mich so fesselten, daß ich kaum von der Stelle rücken konnte.

Ich behielt indessen mein Ziel im Auge und arbeitete unter Aufbietung meiner ganzen Kräfte, bis ich endlich, nach Zurücklegung von ungefähr dreißig Schritt, die erste Ente erreichte; ich ergriff diese und schleuderte sie dem Ufer zu, worauf ich mich zur zweiten hinarbeitete und diese der ersten nachsandte, eine dritte, vierte und fünfte erreichte ich noch, als ich meine Kräfte so abnehmen fühlte, daß ich die übrigen aufgeben und den Rückweg einschlagen mußte. Mehr als einmal verwünschte ich mein Unternehmen, als ich in dem durch meine ersten Bewegungen verdickten schleimigen Wasser das Ufer wieder zu erreichen versuchte. Ich befand mich eigentlich nicht mehr im Wasser, sondern steckte in einem beweglichen Schlamm, der eisig kalt und übelriechend aus der Tiefe hervorzuquellen schien. Wie eine Schnecke kroch ich dahin, die Sehnen an den Knien und Armen begannen zu erschlaffen, ich fühlte ein krampfhaftes Zittern meines Körpers, und unerreichbar erschien mir das Ufer, von dem ich doch nur wenige Fuß entfernt war.

Ich kann nicht leugnen, daß ich etwas von Todesangst empfand, doch trotz dieser vergaß ich nicht meine Enten. Bis auf eine, die ich aus meiner Richtung geworfen hatte, schleuderte ich diese, sooft ich sie erreichte, von neuem dem Ufer zu, und seufzend dachte ich dabei jedesmal: Wenn doch auch mich jemand so durch die Luft befördern wollte. Als meine Beute dann auf dem Trockenen lag und ich fast ohnmächtig noch mit Schlamm und Schlingpflanzen kämpfte, wie beneidete ich da die toten Tiere um ihren sicheren Platz. Glücklicherweise hatte ich beim Hineinkriechen ins Wasser einige lange Binsen umgeknickt und in meinen Weg hineingeschleppt; diese nun erreichte ich, als ich schon an meiner Rettung zu zweifeln begann; Zoll für Zoll an den zähen Halmen mit den Händen weiterfassend, gelang es mir endlich nach unsäglicher Mühe, meinen Körper auf den schwankenden Boden zu schleppen, wo sich mein Laublager befand. Ich warf mich auf dasselbe hin und lag wohl eine halbe Stunde, ehe ich mich soweit erholt hatte, daß ich wieder ruhig an die schöne Susanna, an die Enten und die Wette denken konnte. Ich entfernte dann die Spuren des Schlammbades von meinem Körper, rüstete mich zur Heimkehr, befestigte meine vier erbeuteten Enten an der Jagdtasche, warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf die zurückbleibenden, und als ich endlich meinen Fuß wieder auf trockenen, festen Boden setzte, verschwand die Sonne hinter den hohen Bäumen des nahen Waldes. Rüstig und fröhlich schritt ich dem bekannten Blockhaus zu, die Beschwerden des Tages hatte ich vergessen, dafür dachte ich aber um so lebhafter an meine gewonnene Wette und die frischen, roten Lippen der schönen Susanna. –

Fortsetzung folgt«, sagte ich jetzt zu meinen Zuhörern, indem ich mich von der Erde erhob; auch meine Gefährten verließen das niedergebrannte Feuer, und eine halbe Stunde später lagen wir alle im tiefsten Schlaf zwischen unseren Büffelhäuten und Decken.

Prächtig beleuchtete am Morgen des 10. Februar die aufgehende Sonne die stolzen Gipfel der Needles. Im Schatten lag die »Explorer«, leise sang das kochende Wasser in dem schweren Kessel; mit ernster Kennermiene prüfte Carrol die Kraft des Dampfes, und als er diese hinreichend fand, lockte er mittels der schrillen Pfeife die ganze Bemannung an Bord; Kapitän Robinson ergriff das Steuer; das Kommando zum Aufbruch erschallte, und dahin zog das Dampfboot im Schatten der Felsen; aber die Luft war voll Sonnenschein, und prächtig beleuchtete die emporsteigende Sonne die Gipfel der Needles.

Auf einer Strecke von zwei Meilen befanden wir uns noch in der Schlucht, doch begannen die Felsen an Umfang zu verlieren, der Fluß erweiterte sich, die Berge traten ganz zurück, und vor uns öffnete sich das weite Tal der Mohave-Indianer.

Die Eingeborenen schienen uns schon erwartet zu haben, denn auf dem letzten Felsvorsprung, der gleichsam das Tor zu der Ebene bildete, wurden wir mit gellendem Ruf von einem Haufen Mohaves begrüßt, die, als sich das Boot gegenüber befand, ihren erhöhten Standpunkt verließen und, in langer Reihe einem gewundenen Pfad folgend, gleichen Schritt mit uns hielten. Auf beiden Ufern drängten sich aus dem dichten Weidengebüsch zahlreiche Weiber und Kinder, die sich in Gruppen aufstellten und bewunderungsvoll zu dem Dampfer herüberschauten; die Männer dagegen schlossen sich der Reihe ihrer Gefährten an und verlängerten diese so sehr, daß wieder die Ähnlichkeit mit einer mächtigen Schlange hergestellt wurde, die in vielfachen Windungen durch hohes, dürres Gras und niederes Gebüsch glitt. Einen überaus schönen Anblick gewährten die unbekleideten, kriegerischen Gestalten, die mit aufrechter Haltung und regelmäßiger Bewegung ihrer kraftvollen Glieder dahineilten. Durch den vollständig gleichmäßigen Schnitt ihrer schwarzen Haare, die tief aufs Kreuz herabfielen, ferner durch den weißen Schurz, der die einzige Bekleidung jedes einzelnen ausmachte, und durch die fast gleiche Bemalung der bronzefarbenen Glieder wurde man lebhaft an uniformiertes Militär erinnert, und ich weiß, daß Egloffstein die Bemerkung fallenließ, daß diese riesenhaften Männer gewiß eine stattliche Gardekompanie bilden würden. Ich konnte mich nur einverstanden mit der Ansicht des früheren preußischen Offiziers erklären, denn schwer würde es halten, auf irgendeinem Teil der Erde wohlgeformtere Figuren zu finden, als sie die Nation der Mohave-Indianer aufzuweisen hat.

Mit den niedrigen Ufern begannen wieder die Sandbänke und das zeitraubende Winden des Bootes über diese, doch schneller als früher flog uns die Zeit dahin, denn reiche Unterhaltung boten die Ufer, wo sich die Eingeborenen bald zu Hunderten versammelten und durch ihr ausgelassenes, harmloses Benehmen aufs deutlichste darlegten, wie friedlich ihre Stimmung gegen uns war und wie sehr sie unsere Anwesenheit erfreute und ergötzte. Schauten wir dann zurück, so hatten wir die ganze Kette der Nadelfelsen mit ihren spitzen Türmen und scharfen Zacken vor Augen, während vor uns Cottonwood-Bäume und Weiden sich in Wälder zusammendrängten und weithin die Breite des fruchtbaren Teils der Ebene erkennen ließen. Rauchsäulen entstiegen in allen Richtungen den Waldstreifen und verrieten eine verhältnismäßig starke Bevölkerung des schönen Tals, das, von allen Seiten durch schreckliche Wüsten von der übrigen Welt getrennt, gleichsam dazu bestimmt scheint, vor den Eingriffen des anmaßenden Teils der Zivilisation bewahrt zu bleiben. Doch was sind Wüsten, Gebirge und Meere im Weg des forschenden Reisenden anderes als neue Aufmunterungen zum mutigen Verfolgen seines Zieles; und was sind sie in den Augen der goldwitternden Habsucht anderes als Hindernisse, die den Gewinn größer und den Genuß süßer erscheinen lassen; gleichviel, ob der Weg über die Gräber von Nationen oder durch einen Pfuhl von Lastern führt, die von ihr selbst ausgesät und mit Vorbedacht genährt wurden!

Die Zeit, während der das Dampfboot auf einer Sandbank hielt, benutzten unsere Dolmetscher zu Gesprächen mit den Eingeborenen, und wir erfuhren auf diese Weise, daß sich schon viele mit ihren Bodenerzeugnissen eingestellt hatten und diese zum Tausch anboten. Natürlich wurden sie nicht zurückgewiesen, doch erging der Rat an alle, sich weiter oberhalb gegen Abend in unserem Lager einzustellen, was die Eingeborenen gern annahmen, denn sehr wohl sahen sie ein, daß wir jede Stunde des Tages zu unserer Reise verwenden mußten.

Wir waren an diesem Tag wieder außergewöhnlich glücklich, denn als wir am Abend auf dem linken Ufer nahe einem indianischen Dorf unsere Zelte aufschlugen, hatten wir nach Egloffsteins genauer Rechnung neun Meilen zurückgelegt und befanden uns daher sieben Meilen oberhalb der nördlichen Mündung des Mohave-Cañons. Die Stelle, wo wir landeten, gehörte mit zu dem fruchtbarsten Teil der Niederungen, die in jener Breite den Colorado einfassen, doch nahm ich keine Spuren wahr, die auf eine neuere Benutzung derselben hingedeutet hätten. Der fette, schlammige Boden, der zu jener Zeit etwa vierzehn Fuß hoch über dem Spiegel des Stroms lag – mithin nur einer zeitweisen, kurzen Überschwemmung ausgesetzt sein konnte –, war dicht mit verworrenem Gestrüpp bewachsen, und über dasselbe empor ragten vereinzelte runde Mesquitebüsche und zahlreiche stattliche Cottonwood-Bäume – es war mithin alles vorhanden, was die Gründung einer indianischen Ansiedlung hätte veranlassen können. Doch gerade diese Nichtbenutzung des bei weitem größten Teils des guten, kulturfähigen Bodens ließ mich den Schluß ziehen, daß der Stamm der Mohave-Indianer nicht so zahlreich ist, wie man allgemein vermutet, und daß eine Vermehrung desselben weniger bemerkbar ist, als man beim Anblick der kräftigen und gesunden Menschen glauben würde.

Es erscheint fast wunderbar, daß eine Nation, die seit Jahrhunderten im ungestörten Besitz eines in jeder Beziehung begünstigten Landstrichs lebte, gegen die Eingriffe der weißen Rasse durch endlose Wildnisse und gegen räuberische Einfälle von Nachbarstämmen durch die eigene überwiegende Stärke geschützt blieb, dennoch nicht die Grenzen eines Tals ausfüllte, das keineswegs einen so sehr großen kulturfähigen Flächenraum bietet.

Nach den eigenen Beobachtungen, die ich während meiner Reise durch die Mohave-Länder unausgesetzt anstellte, kann ich nur der Ansicht von Captain Whipple beipflichten, der die ganze Kopfzahl der Mohave-Nation auf 4000 und die Zahl der Krieger auf 600 angibt. Die Stärke der Chimehwhuebes wird auf 1500 Seelen mit 300 Kriegern, die der Yumas auf 3000 mit 500 Kriegern angeschlagen, was, mit Hinzurechnung von 3000 Cocopas (an der Mündung des Colorado) und 2000 Yampais (nördlich von den Mohaves), die ganze Bevölkerung des Coloradotals auf 13 500 Köpfe bringen würde. Gemäß eines alten spanischen Manuskripts vom Jahre 1799 von Don José Cortes belief sich die Bevölkerung des Coloradotals zu jener Zeit auf 17 000 Eingeborene, nach welchen Angaben die Zahl der Bewohner im letzten halben Jahrhundert bedeutend abgenommen haben müßte. Jedenfalls beruhen alle diese Angaben nur auf oberflächlichen Schätzungen, doch kann wohl kein Zweifel darüber herrschen, daß in dem genannten Zeitraum wenigstens keine Vermehrung der Colorado-Indianer stattgefunden hat.

Die Wohnungen der Eingeborenen befanden sich etwa eine halbe Meile von unserem Lager, und zwar nicht unmittelbar am Fluß, sondern einige hundert Schritt von demselben entfernt, an einer Stelle, wo sich ein Ansteigen des Bodens bemerklich machte. Wir erhielten daher auch Besuch von zahlreichen Männern, Weibern und Kindern, und da die meisten von ihren Waren mitgebracht hatten, so wurde bald nach unserem Landen der Markt eröffnet, der wie immer die buntesten und lebhaftesten Szenen bot. Lieutenant Ives befand sich mit seinen Artikeln an Bord der »Explorer«, die durch ein schmales Brett mit dem Ufer in Verbindung stand, über dieses schritten die Indianer einzeln der Reihe nach mit ihren Körben und Säckchen und kehrten auf dieselbe Weise nach Beendigung des Geschäfts ans Ufer zurück. Nur für weiße Porzellanperlen und weißes Baumwollzeug wollten sie ihren Mais und ihre Bohnen hergeben, und es erschien mir merkwürdig, daß die grellfarbigsten und glänzendsten Gegenstände durchaus nicht ihrem Geschmack entsprachen; sie weigerten sich sogar, diese auf dem Weg des Handels anzunehmen, obgleich sie dabei erklärten, daß sie ihnen als Geschenke willkommen sein würden.

Bis zum Einbruch der Nacht dauerte dieser Verkehr, bei dem die Eingeborenen soviel ausgelassenen Humor und wirkliche Gutmütigkeit entwickelten; wir sahen nur fröhliche Gesichter unter ihnen, und gellendes Lachen erschütterte die Luft, wenn es einem wilden Burschen gelungen war, einige seiner Stammesgenossen und -genossinnen unvermutet von der sandigen Uferbank hinabzustoßen oder ihnen auch andere hinterlistige Streiche zu spielen.

Gleich als wir ans Ufer sprangen, waren wir zu unserer größten Verwunderung von einem jungen Indianer in geläufigem Englisch angeredet worden; dieser stellte sich uns als »Captain Jack« vor, und zwar mit einer Miene, als ob er der Befehlshaber des ganzen Mohave-Tals sei. Als er die Soldaten erblickte, begrüßte er dieselben als alte Bekannte; auch einzelne von diesen erkannten ihn wieder und teilten uns mit, daß »Captain Jack« einige Jahre auf Fort Yuma in Gesellschaft der Besatzungsmannschaften zugebracht habe und daß von dieser Zeit sein Beiname sowie auch seine Kenntnisse der englischen Sprache herrührten. In welchen Zirkeln der Indianer seine Ausbildung genossen hatte, erkannte man sogleich an seiner Rede, die beständig von den widerwärtigsten und wirklich erniedrigendsten Ausdrücken begleitet war; und daß er in moralischer Beziehung von seinen Lehrern nicht die besten Eindrücke empfangen hatte, das bewies sein späteres verräterisches Benehmen, das uns beinahe in einen Kampf mit der ganzen Mohave-Nation verwickelte. Welch eigentümliche Erscheinung! –

»Captain Jack« war dort der einzige Indianer, der die Sprache eines zivilisierten Volkes verstand, aber auch der einzige unter Tausenden, der wirklich böswillige Absichten gegen uns hegte und auch teilweise in Ausführung brachte.

Dieses Indianers bediente ich mich also auch an jenem Abend, um den Eingeborenen meine Wünsche und Versprechungen hinsichtlich des Sammelns von Naturalien mitzuteilen, und ich erhielt von ihnen die Gegenversicherung, schon am folgenden Morgen reichlich damit versehen zu werden. Auch übersetzte »Captain Jack« mir die Rede eines alten, ergrauten Kriegers, der auf dem hohen Ufer stand und mit schreiender Stimme und wilden Handbewegungen zu den Seinigen sprach.

Der Inhalt der Rede war ungefähr folgender: »Die Amerikaner sind einmal hier gewesen, sie haben uns für Korn ihre Perlen und Decken gegeben und sind als Brüder der Mohaves fortgezogen. Jetzt sind sie wieder hier und bringen viel Perlen und viel Decken; die Mohaves sollen ihnen viel Korn bringen, nichts stehlen und Brüder der Amerikaner sein. Die Amerikaner werden als Brüder der Mohaves fortziehen und als Brüder der Mohaves wiederkehren!«

So fuhr der Alte fort zu schreien, bis ihm die Stimme fast versagte. Wie mir »Captain Jack« erzählte, beabsichtigte der Redner durch seine Bemühungen Geschenke zu erzielen; ich nahm auch wahr, daß kein einziger der Eingeborenen auf den alten Mann achtete und daher die Rede nur uns allein gelten konnte. Ich ging deshalb an Bord und holte einige Perlen, mittels derer es mir gelang, das unleidliche Geschrei zu Ende zu bringen.

Durch unsere Dolmetscher wurde den Indianern mitgeteilt, daß die Amerikaner gewohnt seien, des Abends auf einem Horn zu blasen, und daß dies das Zeichen zur Entfernung aller Fremden aus dem Lager sei. Als daher der Hornist das Signal gab, erhoben sich die Indianer, die sich um unsere Feuer gedrängt hatten, und verschwanden unter lauten Scherzen nach allen Richtungen in der Dunkelheit. Selbst »Captain Jack«, den Mr. Ives als dritten Dolmetscher angenommen hatte, verließ uns mit dem Versprechen, sich am folgenden Morgen wieder einzustellen.

Obgleich die Eingeborenen sich als freundliche, friedliebende Menschen gezeigt hatten, so wurde doch keine Vorsichtsmaßregel verabsäumt, die zur Sicherheit der Expedition beitragen konnte. Die Büchsen der Arbeiter, die solange immer an Bord des Dampfbootes – wenn auch zum augenblicklichen Gebrauch bereit – geblieben waren, wurden den Leuten nebst Munition übergeben, und der Befehl wurde erteilt, daß jeder seine Waffe stets bei sich behalten solle; doppelte Wachtposten wurden ausgestellt, die besonders die Verbindung zwischen dem Boot und den Zelten zu überwachen hatten, und so verfügten wir uns denn mit dem Gefühl einer behaglichen Sicherheit auf unsere Feldbetten. Der Himmel war bewölkt, die Luft mild, große Regentropfen schlugen prasselnd auf die straffen Zeltwände und erzeugten das eigentümliche einschläfernde Geräusch, bei dem man, wenn nicht durch die Pflicht gebunden, beim besten Willen nicht imstande ist, die Augen lange offenzuhalten.

Kaum verkündete am 11. Februar das erste Morgenrot an dem wieder klaren Himmel das Herannahen des neuen Tages, als die Eingeborenen gleichsam aus der Erde zu wachsen schienen und in kurzer Zeit das Lager und die nächste Umgebung dicht anfüllten. Fast alle führten statt der Waffen die bekannten kleinen Säckchen und Körbchen bei sich, in denen sie uns Lebensmittel zutrugen. Auch einige Ratten, Mäuse und Eidechsen bemerkte ich in ihren Händen, und mir die Taschen voll Perlen steckend, machte ich mich nun ebenfalls bereit, meine Ernte zu halten. Nach Beendigung des Frühmahls begann also wieder das Tauschen, und mit der größten Geduld unterwarf sich Lieutenant Ives dieser ermüdenden Arbeit. Jeden Vorrat, der ihm angeboten wurde, auch wenn er noch so gering war, tauschte er ein, freilich in vielen Fällen nur, um die Handelslustigen nicht zu entmutigen. Dabei bemerkte ich, daß einige Indianer einen größeren Korb mit Bohnen oder Mais auf dem Ufer stehen hatten, das Ganze aber nicht auf einmal anboten, sondern nach Verkauf eines kleinen Säckchens voll immer wieder zurückeilten, um dasselbe von neuem anzufüllen und demnächst den bestimmten Preis, »drei Perlenschnüre«, dafür in Empfang zu nehmen. Wahrscheinlich handelten sie in dieser Weise, um gewiß zu sein, daß sie nicht übervorteilt würden, vielleicht aber auch, um einen höheren Preis zu erzielen. Wir lachten herzlich über die kaufmännischen Anlagen dieser Urwilden, mehr aber noch über die wichtige, echt kaufmännische Miene, die sie aufzusetzen verstanden.

Dr. Newberry und ich hatten unseren Laden oben auf der Plattform aufgeschlagen; dort saßen wir vor den geöffneten Spiritusbehältern und nahmen an Tieren in Empfang, was nur immer heraufgebracht wurde. Auch wir hatten unsere festen Preise gestellt, je nachdem uns die Exemplare wichtig oder selten erschienen. Ratten, besonders Springratten mit Backentaschen, Känguruhratten genannt; und Buschratten wurden für sechs Perlenschnüre das Stück gekauft. Für Mäuse, Feldmäuse oder California-Mäuse bezahlten wir willig das Exemplar mit drei Perlenschnüren. Hornfrösche und Eidechsen galten zwei Perlenschnüre das Stück, doch stiegen letztere, je nach ihrer Größe, auch im Preis, und wir gaben mehrmals für uns ganz unbekannte Exemplare bis zu zehn Schnüre der beliebten Ware. Allgemeines Gelächter erregte es, als ich für eine schöne Eidechse, der aber der Schwanz fehlte, nur eine halbe Perlenschnur verabreichte, doch diente es dazu, die eifrigen Jäger etwas vorsichtiger im Ergreifen dieser flinken Tiere zu machen.

Solange die »Explorer« am Ufer lag, wurden wir auch beschäftigt gehalten, denn die Eingeborenen, von dem lebhaften Wunsch beseelt, soviel Perlen wie nur immer möglich zu verdienen, wühlten mit ihren Händen weite Strecken des sandigen Bodens auf, und es erschien mir merkwürdig, daß in diesem eine so große Anzahl von lebenden Wesen verborgen war.

Das letzte Körbchen Mais war endlich in den bereitstehenden Kasten ausgeleert worden, die letzte Eidechse in den Spiritusbehälter gewandert, als auch sogleich das Zeichen zum Aufbruch gegeben wurde. Die Dampfpfeife erschreckte im ersten Augenblick zwar die wilde Gesellschaft, doch gewöhnte sie sich leicht an den schrillen Ton, denn wir vernahmen bald darauf die ohrenzerreißenden Versuche der mutwilligen Menschen, das durchdringende Geräusch nachzuahmen, was sie noch lange fortsetzten, als sie in gleicher Höhe mit uns am Ufer hinschritten.

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