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Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782

Karl Philipp Moritz: Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782 - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
booktitleReisen eines Deutschen in England
authorKarl Philipp Moritz
year2000
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-34341-5
titleReisen eines Deutschen in England im Jahre 1782
pages7-176
created20010518
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1783
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Richmond, den 21sten Juni.

Gestern Nachmittag bin ich denn zum erstenmale in einer sogenannten Stage oder Postkutsche gefahren. Diese Kutschen sind sehr elegant, inwendig ausgeschlagen, und zweisitzig, für sechs Personen eingerichtet, die sich denn freilich, wenn die Zahl voll ist, etwas einschränken müssen.

Bei dem weißen Hirsch, wo die Kutsche abfuhr, stieg zuerst nur eine etwas ältliche Dame mit hinein; so wie wir aber weiter fuhren, ward sie ganz und gar, größtenteils, mit Frauenzimmern, und nur noch einer Mannsperson, besetzt. Die Gespräche der Frauenzimmer unter einander, die sich teils kannten, waren ziemlich fade und langweilig. ich zog meinen Wegweiser heraus, und sahe nach, welchen Weg wir fuhren.

Ehe man weiß wie man aus London gekommen ist, ist man schon in Hammersmith, Kensington, u. s. w., weil die einzelnen Häuser von London an beiden Seiten noch immer fortdauren, wenn die Stadt schon aufgehört hat; es ist beinahe so, als wenn man von Berlin nach Schöneberg fährt, obgleich in Ansehung der Aussicht, Häuser, und Straßen, ein himmelweiter Unterschied ist.

Es war ein schöner Tag, und die herrlichsten Aussichten von beiden Seiten, auf denen das Auge gern länger verweilt hätte, wenn unser Wagen nicht so neidisch vorbeigerollt wäre. Etwas sonderbar sah es mir aus, als ich einige Meilen von London, ein prächtiges weißes Haus in der Ferne, und an der Heerstraße wo wir fuhren, einen Handweiser erblickte, worauf die Worte standen; jenes große weiße Haus in der Ferne ist eine Boardingschool!

Der Mann, welcher mit im Wagen saß, zeigte uns die Landhäuser der Lords und Großen, vor welchen wir vorbeifuhren, und unterhielt uns mit allerlei Geschichten von Räubereien, die in dieser Gegend an Reisenden verübt worden waren, so daß dem Frauenzimmer anfing, etwas bange zu werden. Drauf fing er an, die Ehre der Englischen Straßenräuber gegen die französischen zu retten: diese raubten doch nur, sagte er, aber jene mordeten zugleich.

Demohngeachtet gibt es in England eine Art Spitzbuben, welche ebenfalls morden, und das zwar oft um eine Kleinigkeit, die sie dem Ermordeten abnehmen. Diese heißen Footpads, und sind freilich die allerniedrigste Klasse von den Englischen Spitzbuben, unter denen eine gewisse Rangordnung herrscht.

Die vornehmste Klasse sind die Pickpockets oder Beutelschneider, die man allenthalben oft in den besten Gesellschaften findet, welche gemeiniglich sehr fein und sauber gekleidet sind, so daß man sie für Leute von Stande hält, welches sie denn auch zuweilen wirklich sein mögen, indem sie durch unzählige Ausschweifungen in Dürftigkeit geraten, und endlich sich genötigt finden, zu diesem Mittel ihre Zuflucht zu nehmen.

Nach ihnen kommen die Highwaymen, oder Straßenräuber, die zu Pferde sitzen, und oft mit einer Pistole, die nicht geladen ist, die Reisenden in Schrecken setzen, um ihrer Börsen habhaft zu werden, welche aber auch zuweilen großmütig einen Teil ihres Raubes wieder zurückgeben, und nicht leicht eine Mordtat begehen.

Dann kommt die dritte, und niedrigste aber auch schändlichste Klasse der Footpads, welche zu Fuße sind, und oft um ein Paar Schillinge willen, arme Leute, die ihnen in den Weg kommen, jämmerlich ermorden, wovon in den Englischen Zeitungen fast täglich traurige Beispiele zu lesen sind. Wahrscheinlich morden sie deswegen, weil sie nicht, so wie die Highwaymen mit ihren Pferden, die Flucht nehmen können, und man ihnen also leichter nachsetzen, und ihrer habhaft werden kann, wenn der Beraubte sie angeben sollte.

Doch wieder auf unsre Postkutsche zu kommen, muß ich erinnern, daß es noch eine sonderbare Art nicht in, sondern auf derselben zu fahren gibt. Es sitzen nehmlich Personen von niedrigem Stande, oder die nicht viel bezahlen können, anstatt inwendig, oben auf der Kutsche, ohne daß ein Geländer oder Sitze oben angebracht wären, sondern sie sitzen ganz frei, und lassen die Beine herunterhängen.

Dies nennt man on the Outside (auf der Außenseite) fahren, wofür nur halb so viel bezahlt wird, als wenn man on the Inside (inwendig in der Kutsche) fährt. Wir hatten also sechs Passagier über unsern Köpfen, welche oft beim Auf- und Absteigen ein erschütterndes Geräusch über uns verursachten. Wer sich auf dieser Außenseite der Kutsche gehörig im Gleichgewicht erhalten kann, der sitzt da recht gut, und fährt im Sommer bei heitern Tagen, wegen der freien Aussicht, fast angenehmer, als inwendig, nur taugt die Gesellschaft gemeiniglich nicht viel, und der Staub ist ebenfalls beschwerlicher, als inwendig, wo man doch die Fenster nach Belieben zumachen kann.

Zu Kensington, wo wir anhielten, wollte ein Jude gern mitfahren, da aber inwendig kein Platz mehr war, so wollte er nicht an der Outside fahren, welches ihm mein Reisegefährte in der Kutsche sehr übel nahm, und sich gar nicht darüber zufrieden geben konnte, daß ein Jude sich schäme an der Outside zu sitzen, da er doch nichts weiter, als ein Jude wäre. Dieses Vorurteil und Verachtung gegen die Juden habe ich überhaupt hier in England weit häufiger, als bei uns bemerkt.

Von den prächtigen Landhäusern und Lustschlössern, vor welchen wir nun vorbeifuhren, konnte ich, aus den Fenstern unsrer Kutsche immer nur stückweise und abgebrochen einen Prospekt haben, welches mich wünschen ließ, bald aus diesem rollenden Kerker befreit zu sein.

Gegen Abend kamen wir denn auch in Richmond an. In London hatte ich vor meiner Abfahrt einen Schilling bezahlt, hier auch einen, und also von London bis Richmond nicht mehr als zwei Schilling.

Sobald ich in einem Gasthofe abgetreten war, und ein Abendessen bestellt hatte, ging ich sogleich aus, um die Stadt und die Gegend umher zu besehen.

Die Stadt sieht schon weit ländlicher, angenehmer und heitrer aus, wie London, und die Häuser scheinen auch nicht so sehr vom Kohlendampf geschwärzt zu sein. Auch kam mir es hier schon weit geselliger und wirtbarer vor. Die Leute saßen auf Bänken vor den Türen ihrer Häuser, um der kühlen Abendluft zu genießen. Auf einem schönen grünen Rasenplatze mitten in der Stadt ergötzte sich eine große Anzahl Knaben und auch erwachsene junge Leute mit Ballspielen. Auf den Straßen herrschte gegen das Geräusch von London eine angenehme ländliche Stille; und man atmete hier eine reinere und freiere Luft ein.

Nun ging ich aus der Stadt, über eine Brücke, die über die Themse geht, und wo man allemal einen Penny bezahlen muß, so oft man hinüber und herüber geht. Die Brücke war sehr hoch und bogenförmig gebaut, und von ihr stieg ich sogleich in ein reizendes Tal, am Ufer der Themse, hinunter.

Es war Abend, die Sonne schoß ihre letzten Strahlen das Tal hinunter. Aber diesen Abend und dieses Tal werde ich nie vergessen! Dies war in seiner Art der reinste Anblick der schönen Natur, den ich in meinem Leben gehabt habe. Was ich dabei empfand, wird kein Federstrich schildern können.

Tage und Stunden fingen mich an zu gereuen, die ich in London zugebracht hatte, und ich machte mir tausend Vorwürfe wegen meiner Unentschlossenheit, daß ich nicht schon längst jenen großen Kerker verlassen hatte, um mich in einem Paradiese zu verweilen.

Ja, wie die Einbildungskraft sich nur ein Paradies erschaffen will, dazu findet sie Stoff in diesen herrlichen Gegenden. Hier war es, wo Thomson und Pope die reizenden Bilder sammleten, woraus ihre unnachahmlichen Gemälde der schönen Natur zusammengesetzt sind.

Statt des wilden Geräusches in und um London, sahe ich in der Ferne wenige einzelne Familien, am Ufer der Themse Hand in Hand spazieren gehen. Alles atmete hier eine sanfte Stille, die mein Herz dem reinsten Genuß eröffnete.

Unter meinen Füßen das weiche Grün, das nur auf diesem Boden wächst, an der einen Seite ein Wald, den die Natur nicht schöner hervorbringen kann, und an der andern die Themse, mit ihrem jenseitigen Ufer, das sich wie ein Amphitheater empor hob, und seine hohen weißen Schlösser durch das dunkle Grün der Bäume in das Tal hinunter schimmern ließ.

O Richmond! Richmond! nie werde ich den Abend vergessen, wo du von deinen Hügeln so sanft auf mich herablächeltest, und mich allen Kummer vergessen ließest, da ich an dem blumigten Ufer der Themse voll Entzückung auf und nieder ging.

Wohl mir, daß ich jenem melancholischen Gemäuer noch zu rechter Zeit entflohen bin!

O ihr blühenden jugendlichen Wangen, ihr grünen Wiesen, und ihr Ströme, in diesem glückseligen Lande, wie habt ihr mich bezaubert! Allein dies soll mich nicht abhalten, auf jene dürren, mit Sand bestäubten Fluren wieder zurückzukehren, wo mein Schicksal mir den Fleck meiner Tätigkeit angewiesen hat. Aber die Erinnerung an diese Scene soll mir noch manche heitre Stunde gewähren!

So dachte ich, liebster Freund, bei meinem einsamen Spaziergange, und wirklich ist der gestrige Abend einer der angenehmsten meines Lebens gewesen.

Ich nahm mir fest vor am Morgen früh aufzustehen, und diesen Spaziergang wieder zu besuchen. Jetzt dachte ich, habe ich diese sanften Ebnen nur im Mondschein dämmern sehen, wie werden sie blitzen im Morgentau! Allein diese Hoffnung schlug mir fehl.

Und wie man sich denn gemeiniglich bei einem großen Vergnügen immer auf einen kleinen verdrießlichen Umstand gefaßt machen sollte, so ging es mir auch hier, da ich mich etwas verspätet, und indem ich nach Richmond zurückkehrte, den Namen und das Schild des Gasthofs vergessen hatte, in welchem ich eingekehrt war, so daß ich ihn erst mit vieler Mühe wiederfand, nachdem ich beinahe die ganze Stadt durchlaufen war.

Da ich zu Hause kam, erzählte ich von meinem Spaziergange, und man machte mir sehr viel Rühmens von der Aussicht von einem Hügel bei Richmond, der unter dem Namen Richmondhill bekannt ist, und eben der war, von welchem ich die weißen Häuser hatte in das Tal hinunter schimmern sehen. Von diesem Hügel nahm ich mir also vor, den künftigen Morgen die Sonne aufgehen zu sehen.

Die Frau im Hause zankte darauf noch mit dem Gesinde, worüber ich erst ziemlich spät einschlief, aber doch den Morgen um drei Uhr schon wieder aufgestanden war. Und nun fühlte ich sehr lebhaft den üblen Mißbrauch des späten Aufstehens in England; denn weil kein Mensch wach war, so konnte ich nicht aus dem Hause kommen, und hatte drei Stunden lang bis um sechs Uhr die entsetzlichste Langeweile, weil ich meinen Zweck nicht erreichen konnte.

Um sechs Uhr eröffnete denn endlich ein Hausknecht die Türe, und ich stieg nun Richmondhill hinauf. Zu meinem größten Mißvergnügen aber hatte sich seit einer Stunde der Himmel umzogen, und es war so trübe geworden, daß ich nicht die Hälfte von der herrlichsten Aussicht, die ich hier hatte, genießen konnte.

Oben auf dem Hügel ist eine Allee von Kastanienbäumen, unter welchen hin und wieder Kanapees zum Sitzen stehen. Hinter den Alleen ist eine Reihe sehr schöngebauter Landhäuser, die gewiß, wegen der reinen Luft, die man hier einatmet, einen gesunden Wohnsitz gewähren müssen.

Der Abhang des Hügels bis an die Themse hinunter ist grün bewachsen. Die Themse macht unten beinahe einen halben Cirkel, in welchem sie waldigte Ebnen, mit Wiesen und Lustschlössern, wie in ihren Busen einschließt. An der einen Seite sieht man die Stadt mit ihrer hohen Brücke, und an der andern liegt ein dunkler Wald.

In der Ferne schimmerten aus dem Grunde der Wiesen und Wälder allenthalben kleine Dörfer hervor, so daß diese Aussicht, ohngeachtet des trüben Wetters, noch immer eine der schönsten war, die ich in meinem Leben gehabt habe.

Aber wie kömmt es? gestern Abend waren meine Empfindungen weit lebhafter, und der Eindruck weit stärker und romantischer, da ich aus dem Tale diesen Hügel hinauf blickte, und mir da allerlei herrliches dachte, als heute Morgen, da ich von dem Hügel selbst das Tal überschaute, und nun wußte, was da war.

Jetzt habe ich mein Frühstück verzehrt, ergreife meinen Stab, und werde nun zu Fuße meine Reise antreten. Aus Windsor sollen Sie mehr von mir hören!

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