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Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782

Karl Philipp Moritz: Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782 - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
booktitleReisen eines Deutschen in England
authorKarl Philipp Moritz
year2000
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-34341-5
titleReisen eines Deutschen in England im Jahre 1782
pages7-176
created20010518
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1783
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London, den 17ten Juni.

Ich habe nun London alle Tage nach verschiednen Richtungen durchstrichen, und bin jetzt, nach meinem Grundriß zu urteilen, mit diesen Wanderungen beinahe fertig. Dann solls weiter ins Land gehn, und das, wills Gott! in ein paar Tagen, denn schon lange bin ich des immerwährenden Kohlendampfes müde, und sehr begierig, einmal eine reinere Luft wieder einzuatmen.

Es ist wohl wahr, daß London, im Ganzen genommen, nicht so schön wie Berlin gebaut ist, aber es hat mehrere und schönere große Plätze, die sogenannten Squares, deren eine ziemliche Anzahl sind, und die denn doch unsern Gens d'armes-Markt, Dehnofschen, und Wilhelmsplatz an Pracht und Regelmäßigkeit zu übertreffen scheinen. Diese Squares oder viereckigten Plätze enthalten die prächtigsten Gebäude von London, und innerhalb derselben ist ein runder grüner Rasenplatz mit einem Geländer eingefaßt, in dessen Mittelpunkt gemeiniglich eine Statüe errichtet ist, wovon die, welche ich gesehen habe, zu Pferde und vergoldet waren. In Großvenorsquare ist statt dieses Rasenplatzes sogar ein kleines Wäldchen in der Ründung angelegt. Einer der längsten aber auch angenehmsten Wege, die ich gemacht habe, ist von Paddington nach Islington, wo man zur linken Seite eine schöne Aussicht auf die nahegelegnen Hügel, und vorzüglich nach dem Dorfe Hampstead, das an einem dieser Hügel erbauet ist, und zur rechten Seite die Straßen der Stadt London in einem abwechselnd schönen Prospekte hat. Freilich ist es gefährlich, hier, besonders in den Mittags- und Abendstunden allein zu gehen: denn noch vergangene Woche ist auf eben diesem Wege ein Mensch beraubt und erschlagen worden. Doch nun von etwas andern!

Das brittische Museum.

Ich habe auch Herrn Pastor Woide kennen lernen, der mit dem brittischen Museum in Verbindung steht, und mir Gelegenheit verschafft hat, dasselbe, noch am Tage vorher, ehe es geschlossen wurde, zu sehen; da man sich sonst vierzehn Tage vorher melden muß, ehe man zugelassen wird. Eigentlich habe ich aber freilich nur die Zimmer und Glasschränke, und Bücherrepositoria im brittischen Museum, und nicht das brittische Museum selbst gesehn, so schnell wurden wir durch die Zimmer geführt. Die Gesellschaft bestand aus allerlei, auch ganz niedrigen Personen, beiderlei Geschlechts: denn weil es ein Eigentum der Nation ist, so muß einem jedweden der Zutritt dazu verstattet werden. Ich hatte Herrn Wendeborns Beiträge bei mir, wodurch ich wenigstens auf einiges Specielle, als die ägyptischen Mumien, einen Homerskopf, und einige andre Dinge aufmerksam gemacht wurde. Sobald das die übrige Gesellschaft von Engländern bemerkte, versammelten sie sich um mich, und ich unterrichtete sie aus Herrn Wendeborns deutschem Buche, was hier zu sehen sei. Der Trustee oder Aufseher, welcher uns herumführte, bezeigte eine spöttische Verwunderung, da er erfuhr, daß ich eine deutsche Beschreibung vom brittischen Museum bei mir habe. Man ist in einer Art von Betäubung, wenn man binnen einer Stunde durch alle diese Zimmer geht, und die ungeheuren Schätze von Naturmerkwürdigkeiten, Altertümern und Gelehrsamkeit anstaunt, woran man wenigstens ein Jahr aufmerksam zu betrachten, und eine Lebenszeit zu studieren haben würde. Teilweise soll die Sammlung von andern weit übertroffen werden, aber im Ganzen genommen, und an Vollständigkeit dieser keine gleich kommen. Durchreisende Theologen pflegen sich gern den Alexandrinischen Kodex zeigen zu lassen, um sich mit ihren Augen zu überzeugen, ob die Stelle: Drei sind die da zeugen, u. s. w. darin steht, oder nicht.

Der Herr Pastor Woide wohnt nicht weit von Paddington, ganz am Ende der Stadt, in einer sehr angenehmen Gegend, wo man schon eine weit freiere und reinere Luft einatmet, als mitten in der Stadt. Seine Verdienste um die orientalische Literatur sind bekannt. Er ist aber auch ein sehr umgänglicher und dienstfertiger Mann.

Das Theater zu Haymarket.

Vergangene Woche bin ich denn auch zweimal in der Englischen Komödie gewesen. Das erstemal wurde der Nabob aufgeführt, wovon der verstorbene Foot Verfasser ist, und zum Nachspiel wurde ein komisches Singspiel The Agreeable Surprise, die angenehme Überraschung gegeben; das andremal aber der Englische Kaufmann, welches Stück ins Deutsche übersetzt, und unter dem Titel: die Schottländerin oder das Kaffeehaus, bekannt ist.

Das Theater zu Koventgarden und Drurylane habe ich nicht gesehen, weil auf denselben im Sommer nicht gespielt wurde. Auch reisen die besten Schauspieler vom Mai bis zum Oktober aufs Land, und spielen nur im Winter. Die Schauspieler, welche ich gesehen habe, waren, einige wenige ausgenommen, eben nicht sonderlich.

In den Logen bezahlt man fünf, im Parterre drei, in der ersten Galerie zwei, und in der letzten oder Obergalerie einen Schilling. Und gerade diese Obergalerie macht für ihren einen Schilling das meiste Lärm. Ich war im Parterre, welches bis an das Orchester schräg hinuntergeht, und von oben bis unten mit Bänken versehen ist. Und alle Augenblicke kam eine faule Apfelsine bei mir oder meinem Nachbar vorbei, mir auch wohl auf den Hut geflogen, ohne daß ich es wagen durfte, mich umzusehen, wenn mir nicht auch eine ins Gesicht geflogen kommen sollte.

Beiläufig werden diese Äpfelsinen sehr häufig in London gegessen, und man verkauft sie um einen ziemlich wohlfeilen Preis, zuweilen eine oder gar zwei für einen Halfpenny, oder einen Dreier nach unserm Gelde. In der Komödie hingegen foderte man mir für eine einen Sixpence ab.

Außer diesem Werfen von der Galerie hat das Schreien und Stampfen mit den Stöcken kein Ende bis der Vorhang aufgezogen ist. Ich sahe einen großen Müller oder Bäckerjungen mit seinem Stocke über das Geländer reichen, und immer auswendig mit aller Gewalt daran schlagen, so daß ihn jedermann sehen konnte, ohne daß er sich gescheuet oder geschämt hätte. Zuweilen hörte ich auch, daß Leute aus der untern Galerie mit der obern zankten.

Hinter mir im Parterre saß ein junger Geck, der um seine prächtigen Steinschnallen brillieren zu lassen, immer seinen Fuß auf meine Bank, und auch wohl auf meinen Rockschoß setzte, wenn ich seinen Schnallen nicht Platz machte.

In den Logen saßen die Bedienten der Herrschaften, die nicht da waren, ganz in einem Winkel; denn wenn es einer wagt, sich darin blicken zu lassen oder hinaus zu sehen, soll er gleich mit einer ganzen Ladung Apfelsinenschalen von der Galerie begrüßt werden.

In dem Nabob von Foot sind lokal und persönliche Anzüglichkeiten, die für einen Fremden verloren gehen. Der Nabob, welchen ein Mr. Palmer mit alle dem vornehmseinwollenden affektierten Air eines plötzlich zu ungeheuren Reichtümern gelangten Geckes, spielte, wurde von einer Gesellschaft naturforschender Freunde, von Quäkern, und wer weiß von wem sonst, zum Mitgliede gesucht und aufgenommen, und eine höchst einfältige Rede, die er spottweise in dem naturforschenden Klubb hielt, mit Bewunderung angehört. Die beiden Scenen mit den Quäkern, und mit der Gesellschaft Naturforscher, die mit den wichtigsten Mienen, ihren Präses in der Mitten, an einem grünen Tische saßen, indes der Sekretär die lächerlichen Geschenke des Nabobs sehr sorgfältig aufzeichnete, waren höchst komisch. Eine der letzten Scenen nahm sich noch am besten aus, wo des Nabobs alter Freund und Spielkamerad ihn besucht, der ihn ohne Umstände bei seinem Taufnamen anredet, aber auf alle seine Fragen: ob er ihn denn nicht mehr kenne, sich nicht noch jenes Spiels, jener Schlägerei, die sie als Kinder gehabt, u. s. w. zu erinnern wisse, mit einem kalten und spöttischen: no Sir! und vornehmen Achselzucken zurückgewiesen wird, das äußerst karakteristisch war.

Das Nachspiel the agreeable Surprise, war wirklich eine sehr komische Farce. Und auch hier habe ich denn gesehen, daß die Schulmeister, so wie allenthalben, auf dem Theater lächerlich gemacht werden, welches auch sehr natürlich ist, denn die Pedanterie der Schulmeister in England geht so weit, wie irgendwo. Eben der, welcher in dem vorigen Stücke, mit sehr viel Natur und eigentümlicher Laune den ehemaligen Schulkameraden des Nabob spielte, machte hier den Schulmeister. Er heißt Edwin, und ist gewiß einer der besten unter den Schauspielern die ich hier gesehen habe.

Dieser Schulmeister ist denn in ein gewisses Bauermädchen, Namens Cowslip, verliebt, der er auf eine wunderliche mythologischgrammatikalische Art seine Liebeserklärungen tut, und von der er unter andern einmal in voller Begeisterung folgende Arie singt, wobei er fast vor Zärtlichkeit zerschmilzt, indem er von der Konjugation anfängt und mit der Deklination und dem Genere aufhört:

Amo, amas
I love a Lass,
She is so sweet and tender!
It is sweet Cowslips grace
In the nominative Case
And in the foeminine Gender.

Das in the nominative Case, und in the foeminine Gender singt er insbesondre mit einer unnachahmlichen Zärtlichkeit. Dabei behält dieser Edwin bei seinen komischen Rollen immer etwas gutmütiges im Gesicht, das ich noch bei keinem komischen Schauspieler so bemerkt habe, und welches macht, daß man ihm ohngeachtet aller seiner Lächerlichkeiten gut bleibt, und sich für den Charakter, den er vorstellt, doppelt interessierst. Nichts gleicht dem Ton und der Miene voll Selbstgefälligkeit, womit er einem, der ihn fragt, ob er ein Scholar, (ein Studierter) wäre, zur Antwort gab: Why, I was a Master of Scholars! Eine Mrs.  Webb stellte eine Käsehändlerin vor, und spielte das gemeine Weib so natürlich, wie ich es noch nirgends gesehen habe. Ihr starker Körper und ihr ganzes Äußere schien aber auch dazu gemacht zu sein.

Der arme Edwin mußte als Schulmeister sich fast heiser singen, indem er seine Deklinations- und Konjugations-Arien oft zwei bis dreimal wiederholen mußte, wenn es der Obergalerie beliebte encore! zu rufen, und dann mußte er sich noch dazu mit einem tiefen Reverenz für den hohen Beifall bedanken.

Das stärkste Komische des Stücks liegt übrigens in einer Lüge, die in dem Munde der Wiedererzählenden immer ungeheurer anwächst, so lange das Stück dauert, und die Zuschauer beinahe in einem ununterbrochenen Gelächter erhält. Die Piece ist noch nicht gedruckt, sonst hätte ich Lust, mich an eine Übersetzung oder Nachahmung zu wagen.

Den Englischen Kaufmann, oder die Schottländerin, habe ich bei uns in der Übersetzung weit besser, als hier im Original aufführen sehen. Insbesondre spielte Herr Fleck in Hamburg den Englischen Kaufmann mit weit mehr Interesse, Wahrheit und Biederheit, als hier ein gewisser Aickin, der wenig oder nichts von dem eigentümlichen originellen Wesen des Freeports ausdrückte, sondern ihn beinahe mit seiner abgemeßnen Sprache und Gange in einen galanten Herrn verwandelt hätte.

Der alte treue Bediente, welcher für seinen Herrn das Leben lassen will, hatte einen gravitätischen Gang, wie ein Minister. Den Zeitungsschreiber Spatter machte eben der Herr Palmer, welcher den Nabob gespielt hatte; jedermann sagte aber er mache ihn zu Gentlemanlike, das ist zu sehr mit dem Air und Wesen eines Gentleman oder feinen Mannes: auch war seine Person zu ansehnlich dazu.

Die Amalia wurde von einer Schauspielerin gemacht, die zum erstenmal hier auftrat, und daher aus Furchtsamkeit noch etwas leise sprach, so daß man sie nicht allenthalben hören konnte: speak louder, o speak louder! fing ein Kerl auf der Obergalerie an, und sie bequemte sich den Augenblick lauter zu sprechen.

Neben mir im Parterre, war man oft mit seinem Beifall sehr verschwenderisch, bei der kleinsten oft unbedeutendsten Rede, die mit einigen Affekt gesagt ward, riefen immer einige Stimmen, very well! als wenn sie, wer weiß was für einen Meisterzug der Schauspielkunst bemerkt hätten. Daher ist denn dies very well auch von wenigem Nachdruck.

The agreeable Surprise wurde wiederholt, und ich sahe es zum zweitenmale mit Vergnügen. Es ist auch ein Lieblingsstück geworden, und wird immer mit dem Zusatz: the favourite musical Farce angekündigt. Das Theater schien mir etwas größer wie das Hamburger zu sein, und das Haus war beidemal sehr voll. So viel von der Englischen Komödie!

Englische Sitten und Erziehung.

Nun noch etwas die Pädagogik betreffend. Ich habe die Einrichtung einer hiesigen sogenannten Akademie gesehen, deren es in London eine ungeheure Menge gibt, die aber im Grunde weiter nichts, als kleine von Privatleuten errichtete Pensionsanstalten für Kinder und junge Leute sind.

Der eine von den beiden Engländern, die meine Reisegefährten waren, machte mich dem Herrn Green bekannt, der in der Gegend von Paddington wohnet, und ein Erziehungsinstitut für zwölf junge Leute hat, deren Anzahl er, so wie bei uns Herr Kampe, nicht überschreitet, welches dort auch mehrere tun.

Beim Eintritt erblickte ich über der Tür des Hauses ein großes Schild mit der Inschrift: Mr. Greens Academy. Herr Green nahm mich als einen Fremden sehr freundschaftlich auf, und zeigte mir seine Lehrstube, welche völlig so wie die Klassen in unsern öffentlichen Schulen, mit Bänken und einem Katheder versehen war.

Der Unterlehrer des Herrn Green war ein junger Geistlicher der die Knaben vom Katheder in der lateinischen und griechischen Sprache unterrichtete. Ein solcher Unterlehrer heißt ein Usher, und ist gemeiniglich ein geplagtes Geschöpf, gerade so, wie er einmal im Landprediger von Wakefield beschrieben wird. Indem wir in die Klasse traten, ließ er gerade die Knaben ganz nach dem alten Schlendrian lateinisch deklinieren, und es klingt einem sehr sonderbar, wenn man z. B. anstatt viri, nach der Englischen Aussprache, weirei, des Mannes, weiro, dem Manne, u. s. w. deklinieren hört. Eben so ging es nachher auch mit dem Griechischen.

Den Mittag lud uns Herr Green zu Tische, wo ich seine Frau, ein sehr artiges junges Weib, kennen lernte, die mit den Kindern auf eine solche Art umging, daß sie unter den Erziehern an diesem kleinen Institut vielleicht das meiste leistete. Die Kinder bekamen bloß Wasser zu trinken. Für jeden Pensionär erhält Herr Green nicht mehr, als jährlich dreißig Pfund Sterling, beklagte sich aber auch darüber, daß dieses zu wenig sei: vierzig bis funfzig Pfund soll beinahe das Höchste sein, was bezahlt wird.

Ich erzählte ihm von unsern Fortschritten in der Erziehungskunst, und sprach mit ihm von der Würde des Erziehers, und dergleichen: er hörte sehr aufmerksam zu, schien aber selbst wenig an dergleichen gedacht zu haben. Vor und nach Tische ward das Vaterunser französisch gebetet, welches an mehrern Orten geschiehet, damit man, wie es scheint, auch diese Gelegenheit zu einer Übung in der französischen Sprache nutzen, und also einen doppelten Endzweck erreichen möge. Ich sagte ihm nachher meine Meinung über diese Art zu beten, welche er mir doch nicht übel zu nehmen schien.

Als gegessen war, hatten die Knaben auf einem sehr engen Hofe, Freiheit zu spielen, welches denn in den meisten Akademien in der Stadt London das non plus ultra ihres Spielraums in den Erholungsstunden ist. Herr Green aber hat auch einen Garten am Ende der Stadt, wohin er sie zuweilen spazieren führt.

Des Nachmittags gab der Master Herr Green selber, im Schreiben, Rechnen und Französischen Unterricht, welches die Kinder bei ihm recht gut lernten; besonders Schreiben, worin die Englische Jugend die unsrige gewiß weit übertrifft, vielleicht, weil sie nur einerlei Buchstaben zu lernen brauchen. Weil die Hundstagsferien bald angehen sollten, wo die Kinder aus den Akademien allemal vier Wochen zu Hause gehen, so mußte jeder mit der äußersten Sorgfalt eine Vorschrift nachschreiben, um diese seinen Eltern zu zeigen, weil darauf am meisten gesehen wird. Alle Regeln des Syntax wußten die Knaben auswendig.

Sonst heißen alle diese Akademien eigentlich nur Boardingschools, (Schulen, worin man zugleich speiset) einige haben auch diesen Namen noch beibehalten, welche oft mehr als die sogenannten Akademien zu bedeuten haben. Größtenteils sind Geistliche mit einem geringen Gehalt die Unternehmer solcher Erziehungsinstitute, sowohl in der Stadt als auf dem Lande, und es können sich auch fremde erwachsene Personen darin aufnehmen lassen, um die Sprache zu lernen. Herr Green nahm für Wohnung, Tisch und Unterricht im Englischen, wöchentlich zwei Guineen. Wer sich aber in der Englischen Sprache ganz vollkommen machen will, der tut am besten, wenn er weit ins Land geht und sich dort bei einem Geistlichen, der Pensionärs hält, in die Kost verdingt, wo er weiter nichts als Englisch reden hört, und es von jung und alt bei jeder Gelegenheit lernen kann.

Es gibt in England, außer den beiden Universitäten, nur wenige große Schulen und Gymnasien. So sind in London bloß die St. Pauls- und Westminsterschule. Die übrigen sind fast lauter Privatanstalten, worin eine Art von Familienerziehung herrscht, die freilich wohl die natürlichste ist, wenn sie nur so wäre wie sie sein sollte. Einige sogenannte Grammarschools oder lateinische Schulen gibt es demohngeachtet hin und wieder, wo der Lehrer außer dem Schulgelde noch eine fixe Besoldung erhält.

Man sieht immer auf den Straßen in London kleine und große Knaben mit langen blauen Röcken, die wie ein Talar bis auf die Füße heruntergehen, und mit einem weißen Krägelchen, wie die Prediger tragen, herumlaufen. Diese sind aus einer Armenanstalt, die von den blauen Röcken den Namen führt. Das Singen der Chorschüler auf den Straßen, wie es gewöhnlich bei uns geschieht, ist hier gar nicht gebräuchlich. Es ist auch wegen des beständigen Gehens, Reitens und Fahrens auf den Straßen nicht wohl tunlich. Die Eltern, auch von geringem Stande, scheinen hier gegen ihre Kinder sehr gütig und nachsichtsvoll zu sein, und nicht so sehr, wie bei uns der Pöbel, mit Schlägen und Scheltworten ihren Geist zu unterdrücken. Die Kinder müssen schon früh sich selber schätzen lernen, statt daß bei uns die Eltern vom Pöbelstande ihre Kinder wieder zu eben der Sklaverei erziehen, worunter sie selber seufzen.

Ohngeachtet aller zunehmenden Modesucht bleibt man hier denn doch der Natur noch treu bis in gewisse Jahre. Welch ein Kontrast, wenn ich mir unsre sechsjährigen, blassen, verzärtelten Berlinerknaben mit einem großen Haarbeutel und dem ganzen Staate eines Erwachsenen, wohl gar in einem verbrämten Kleide denke, und dagegen hier lauter blühende, schlanke, rüstige Knaben, mit offner Brust und abgeschnittnem Haar erblicken das sich von selber in natürliche Locken rollt. Hier ist es etwas sehr seltnes bei einem Knaben oder jungen Menschen eine blasse Gesichtsfarbe, entstellte Züge, und schlechtproportionierte Gliedmaßen anzutreffen. Bei uns ist wirklich das Gegenteil etwas seltnes, sonst würden die schönen Menschen nicht so auffallen.

Diese freie natürliche Tracht dauert doch bis ins achtzehnte auch wohl ins zwanzigste Jahr. Dann hört sie freilich bei den feinern Ständen auf, und dauert nur noch bei dem Pöbel fort. Dann fängt man an sich frisieren zu lassen, die Haare mit Brenneisen zu kräuseln, einen dicken Zopf zu tragen, und den halben Rücken mit Puder zu bestreuen. Unter den Händen meines Englischen Friseurs habe ich länger als unter den Händen eines Deutschen aushalten, und unter seinem heißen Eisen schwitzen müssen, womit er mir die Haare von unten bis oben kräuselte, damit ich mich unter Engländern (o Zeiten!) producieren könnte. Hierbei bemerke ich, daß die Englischen Friseur zugleich Barbier sind, welches sie denn herzlich schlecht verrichten, ob ich gleich diese Beschäftigung ihnen für anständiger, als den Wundärzten halte, die sich bei uns damit abgeben. Es ist unglaublich, wie die Engländer in den jetzigen Zeiten französieren; was noch fehlet sind die Haarbeutel und die Degen, womit ich wenigstens niemanden auf öffentlicher Straße habe gehen sehen, aber demohngeachtet fährt man damit zur Cour.

Des Morgens pflegt man in einer Art Negligee (Morningdress) mit unfrisiertem bloß aufgewickeltem Haar, und im Frack und Stiefeln auszugehen. In Westminster dauert der Morgen bis Nachmittags um vier bis fünf Uhr, wo man erst zu Mittage speiset, nach welchem Verhältnis sich denn auch die Zeit des Abendessens und zu Bettegehens richtet. Um zehn Uhr wird gemeiniglich erst gefrühstückt. Je weiter man von der Gegend des Hofes wiederum in die Stadt kömmt, desto bürgerlicher wird es auch, und man speist wohl zu Mittage um drei Uhr, sobald nehmlich die Geschäfte auf der Börse geendigt sind.

Besetzte Kleider werden denn doch nicht getragen, und die gewöhnlichste Art, sich im Sommer zu kleiden, ist eine kurze weiße Weste, schwarze Beinkleider, weiße seidne Strümpfe, und ein Frack, gemeiniglich von sehr dunkelblauem Tuche, das beinahe wie schwarz aussieht, wenigstens bedient man sich immer der dunklern Farben. Will man Galla machen, so trägt man schwarz. Officiere gehen nicht in Uniform, sondern kleiden sich bürgerlich, und zeichnen sich bloß durch eine Kokarde am Hute aus.

Sobald die Engländer frisiert sind und Halsbinden tragen scheinen sie auch weichlicher zu werden, und warnen einen bei jeder Gelegenheit daß man sich nicht erkälten solle. You'll catch cold! heißt es, wenn man sich nur ein wenig dem Zuge oder der Luft aussetzt, oder nicht warm genug angezogen ist.

Die gewöhnliche Konversation dreht sich im Sommer fast immer um den wichtigen Gegenstand, ob dieser oder jener Bekannte in the Country, (auf dem Lande) oder in Town (in der Stadt) sei. Freilich ist dies sehr natürlich, da beinahe die Hälfte von den Einwohnern der Stadt im Sommer aufs Land hinauszieht, wohin ich auch bald wandern werde, ob ich gleich kein Einwohner von London bin.

Die Elektricität ist das Puppenspiel der Engländer. Wer damit Wind machen kann, ist eines glücklichen Erfolgs gewiß. Dies kann denn ein gewisser Herr Katterfello, der sich für einen Preußischen Husarenobristen ausgibt, schlecht Englisch spricht, und außer den gewöhnlichen elektrischen und andern physikalischen Versuchen noch einige Taschenspielerkünste versteht, womit er, wenigstens den Zeitungen nach, das ganze Publikum in Bewunderung und Erstaunen setzt. Denn fast in jedem Zeitungsbogen, der erscheint, stehen Gedichte auf den großen Katterfello gedruckt, die irgend einer von seinen Zuhörern ex tempore gemacht hat.

Jeder Vernünftige hält diesen Katterfello für einen Windbeutel, demohngeachtet hat er Zulauf die Menge. Er hat den Leuten demonstriert, daß die Influenza von einer Art kleiner Insekten herrühre, welche die Luft vergiften, und ein Arkanum, das er dagegen zu haben vorgibt, wird ihm reißend abgekauft. Seit einigen Tagen hat er in die Zeitung setzen lassen: Herr Katterfello habe zwar immer sehr gewünscht, daß kaltes und regnigtes Wetter einfallen möge, um die kleinen schädlichen Insekten in der Luft zu töten, jetzt wünsche er aber nichts eifriger als heitres Wetter, weil seine Majestät und die ganze Königliche Familie beschlossen hätten, sobald einmal ein schöner Tag sein würde, die großen Wunder in Augenschein zu nehmen, welche ihnen dieser erhabne Philosoph darstellen würde, und die königliche Familie soll noch nicht daran gedacht haben, die Wunder des Herrn Katterfello zu sehen. Dergleichen Aufschneidereien werden im Englischen sehr schön durch das Wort, Puff ausgedrückt, welches in seiner ersten Bedeutung, das Schnauben oder Blasen eines starken Windes, und in der zweiten oder metaphorischen eine Prahlerei oder Aufschneiderei bedeutet.

Von solchen Puffs sind nun die Englischen Zeitungen tagtäglich voll. Besonders von Quacksalbereien und Arkanis womit sich hier schon mancher, und unter andern auch ein Deutscher, der unter dem Namen the German Doctor bekannt ist, bereichert hat. Eine Ankündigung von einer Lotterie in den Zeitungen fängt sich mit großgedruckten Buchstaben also an: »Zehntausend Pfund für einen Sixpence! –

Ja, es mag so erstaunlich scheinen wie es wolle, so ist es doch ungezweifelt wahr, daß für den kleinen Einsatz von einem Sixpence zehntausend Pfund, und andre Hauptgewinste, die sich bis auf 50000 Pfund belaufen, gewonnen werden können u. s. w.« Genug für diesmal von den Windbeuteleien der Engländer!

Gestern habe ich bei dem Herrn Pastor Schrader, einem Schwiegersohne des Herrn Professor Forster in Halle gespeist. Er steht als Prediger an der St. James Kapelle, nebst einem Kollegen und einem Lektor, der auch ordiniert ist, aber jährlich nur 50 Pfund Einkünfte hat. Herr Pastor Schrader gibt zugleich den jungen Prinzen und Prinzessinnen von der Königlichen Familie Religionsunterricht. Bei ihm sprach ich auch die beiden Besatzungsprediger, Herrn Lindemann und Herrn Kritter, welche mit den Hannövrischen Truppen nach Minorka gegangen, und jetzt mit der Besatzung wieder zurückgekehrt waren. Sie sind aller Gefahr mit ausgesetzt gewesen. Auch die deutschen Prediger, so wie alle in öffentlichen Bedienungen stehenden Personen in England, müssen von ihren Besoldungen eine gewisse sehr beträchtliche Taxe bezahlen.

Die Englischen Geistlichen, besonders in London zeichnen sich durch eine sehr freie und zügellose Lebensart aus. Seit meiner Anwesenheit hat sich einer in Hidepark duelliert, und seinen Gegner erschossen. Er ward von der Jury oder den zwölf Geschwornen gerichtet, und sie erklärten ihn für guilty of Manslaughter, oder des unvorsätzlichen Todschlages schuldig, worauf er mit einem kalten Eisen in die Hand gebrandmarkt wurde, welches Recht der Adel und die Geistlichkeit vor andern Mördern voraus hat.

Gestern vor acht Tagen, da ich für Herrn Wendeborn gepredigt hatte, kamen wir vor einer Englischen Kirche vorbei, worin noch gepredigt wurde, wir gingen hinein, und es sprach ein junger Mensch, ob er gleich ablas, mit ziemlich guter Deklamation, die freilich bei den Engländern immer eintönig bleibt. Wir gingen darauf der Kirche gegenüber in ein Kaffeehaus, wo wir zu Mittag aßen. Es währte nicht lange, so kam auch der Geistliche, den wir hatten predigen hören. Er forderte sich Feder und Dinte, schrieb in großer Eile einige Blätter voll, die er wie ein Koncept in die Tasche steckte, darauf ließ er sich zu essen geben, und ging unmittelbar darauf wieder in dieselbe Kirche. Wir folgten ihm, und er trat auf die Kanzel, nahm sein Geschriebnes aus der Tasche, und hielt wahrscheinlich die Predigt, die er in unsrer Gegenwart im Kaffeehause verfertigt hatte.

In diesen Kaffeehäusern herrscht aber auch eine große Stille, ein jeder redet leise mit seinem Nachbar, die meisten lesen Zeitungen und keiner stört den andern. Das Zimmer ist gleich draußen auf dem Flur, und man tritt in dasselbe, so wie man in die Haustüre tritt, die Sitze sind durch bretterne Verschläge abgeteilt. Viele Briefe und Aufsätze werden hier geschrieben, auch solche, die man in den Zeitungen gedruckt liest, sind gemeiniglich aus irgend einem Kaffeehause datiert. Es läßt sich also schon denken, daß jemand hier eine Predigt verfertigen könne, die er im Begriff ist, sogleich in einer naheliegenden Kirche zu halten.

Noch eine weite Tour habe ich ziemlich oft gemacht, über Hannoversquare, und Kavendischsquare, nach Bullstroatstreet, bei Paddington, wo der Dänische Gesandte wohnt, und wo ich den Dänischen Legationssekretär Herrn Schönborn zu verschiednenmalen besucht habe. Er ist aus einer Probe einer Übersetzung vom Pindar und auch sonst als Philosoph und schöner Geist in Deutschland bekannt. Mit ihm habe ich sehr angenehme Stunden zugebracht. Empyrische Psychologie und die tiefste Philosophie der Sprache ist sein Lieblingsstudium, und er hat darüber vortreffliche Sachen in seinem Pulte ausgearbeitet liegen, von denen zu wünschen wäre, daß er sie der Welt mitteilen möchte. Auch ist die erhabne Poesie, besonders die Ode, sein Fach: Überdem besitzt er eine ausgebreitete Gelehrsamkeit und Belesenheit in den Schriften der Griechen und Römer. Und alles, was er treibt, treibt er gewiß aus Liebe zur Sache und nicht aus Ruhmsucht. Man möchte sagen, es sei Schade, daß ein so vortrefflicher Mann sich so in sich zurückzieht, wenn sich nicht die vortrefflichsten Menschen gemeiniglich in sich zurückzuziehen pflegten. Was ihn aber über dies alles schätzbar macht, ist seine reine offne Seele, und sein vortrefflicher Charakter, der ihm die Liebe und das Zutrauen aller seiner Freunde erworben hat. Er ist schon als Gesandtschaftssekretär in Algier gewesen, und lebt jetzt hier, wenn seine Amtsgeschäfte ihn nicht binden, ganz sich selber und den Wissenschaften. So angenehm mir diese Bekanntschaft ist, so schwer wird es mir werden, den freundschaftlichen und lehrreichen Umgang dieses Mannes sobald wieder zu verlieren.

Ich habe denn auch den hiesigen großen Freimäurersaal in Free Masons Tavern gesehen. Dieser Saal ist von einer ganz erstaunlichen Höhe, und Breite, beinahe wie eine Kirche. Das Orchester für die Musikanten ist in der Höhe angebracht, und man hat von demselben eine Übersicht des ganzen Saals, der sich sehr majestätisch ausnimmt. Seine Erbauung hat große Summen gekostet, wozu auch die Logen in Deutschland mit beigetragen haben. Die Freimäurerei wird hier übrigens nicht viel mehr geachtet, weil die meisten Zusammenkünfte einmal zu Trinkgesellschaften herabgewürdigt sind, ob es gleichwohl noch Logen geben mag, die sich zu einem edlern und wesentlichern Zweck vereinigen. Der Herzog von Kumberland ist jetzt Landesgroßmeister.

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