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Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782

Karl Philipp Moritz: Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782 - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
booktitleReisen eines Deutschen in England
authorKarl Philipp Moritz
year2000
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-34341-5
titleReisen eines Deutschen in England im Jahre 1782
pages7-176
created20010518
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1783
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London, den 13ten Juni.

So oft ich von Ranelagh gehört hatte, machte ich mir doch keine deutliche Vorstellung davon. Ich dachte mir darunter einen Garten, etwa von andrer Einrichtung wie Vauxhall, und wer weiß was. Gestern Abend ging ich zu Fuße hinaus, um diesen Ort des Vergnügens zu besuchen, verirrte mich aber nach Chelsea, wo ich einen Karrenschieber traf, der mich nicht nur sehr höflich zurechtwies, sondern mich auch die Strecke, die wir miteinander gingen, unterhielt, und sich von mir sehr viel von unserm King of Prussia erzählen ließ, nach welchem er sich sehr eifrig erkundigte, sobald er auf Befragen, was für ein Landsmann ich wäre, von mir hörte, daß ich ein Königlich Preußischer Untertan sei.

Ich langte also in Ranelagh an, und nachdem ich beim Eingange meine halbe Krone erlegt hatte, fragte ich nach der Tür zum Garten, man zeigte mir diese, und zu meiner großen Verwunderung trat ich in einen ziemlich unansehnlichen, schwach erleuchteten Garten, wo ich nur wenige Personen antraf. Es währte auch nicht lange, so wurde ich von einer jungen Lady, die da spazieren ging, und mir ohne Umstände ihren Arm bot, gefragt: warum ich hier so einsam ginge? Ich schloß nun, dies könne unmöglich das prächtige, gepriesne Ranelagh sein, als ich nicht weit von mir verschiedne Leute in eine Türe gehen sahe, denen ich folgte, um etwa dadurch wieder ins Freie zu kommen, oder die Scene zu verändern.

Aber welch ein Anblick, als ich auf einmal aus der Dunkelheit des Gartens in ein von vielen hundert Lampen erleuchtetes rundes Gebäude trat, das an Pracht und Schönheit alles übertraf, was ich noch dergleichen gesehen hatte! Alles war hier Cirkelförmig: oben eine Galerie mit abgeteilten Logen, und auf einem Teil derselben eine Orgel mit einem schöngebauten Chore, von welchem Instrumental- und Vokalmusik herunterschallte; unter dieser Galerie rund umher schön ausgemalte Nischen für diejenigen, welche Erfrischungen zu sich nehmen wollen; der Fußboden mit Teppichen belegt, in der Mitte desselben vier hohe schwarze Pfeiler, innerhalb welcher zierliche Kamine zur Zubereitung von Kaffee, Tee und Punsch angebracht sind, und um welche in der Rundung mit allerlei Erfrischungen besetzte Tische stehen. Um diese vier Pfeiler drehet sich nun die ganze schöne Welt von London, im dicksten Gedränge spazieren gehend, wie eine bunte Spindel herum.

In dies Gedränge mischte ich mich zuerst. Und ich muß gestehen, daß die mannigfaltig abwechselnden Gesichter, wovon wirklich bei weitem die größte Anzahl von blendender Schönheit ist, nebst der Erleuchtung, und der Größe, Majestät und Pracht des Orts, und der beständig dabei forttönenden Musik, einen unbeschreiblich angenehmen Eindruck auf die Phantasie macht, und daß einem, der dies zum erstenmal siehet, ohngefähr so dabei zu Mute ist, wie bei den Feenmärchen, die er in seiner Kindheit gelesen hat.

Als ich des Gedränges und Herumgehens im Cirkel müde war, setzte ich mich in eine der Nischen, um einige Erfrischungen zu nehmen, und sahe aus dieser nun mit Muße, diesem Spiele und Gedränge der fröhlichen sorgenfreien Welt zu, als ein Aufwärter mich sehr höflich fragte, was ich für Erfrischungen verlangte, und mir das Verlangte in wenig Minuten brachte. Zu meiner Verwunderung wollte dieser für die Erfrischungen kein Geld von mir annehmen, welches ich mir nicht erklären konnte, bis er mir sagte, daß alles schon mit der halben Krone beim Eingange bezahlt sei, und daß ich nur befehlen dürfte, wenn ich noch etwas genießen wollte, ihm aber, wenn es mir gefiele, ein kleines Trinkgeld geben möchte. Dies gab ich ihm sehr gerne, weil ich für meine halbe Krone nicht so viel Höflichkeit und gute Bewirtung erwartet hatte.

Ich ging nun auf die Galerie, und setzte mich in eine der Logen, wo ich, wie ein ernster Weltbeschauer, auf das beständig im Cirkel sich umher drehende Gewühl hinunterblickte, und Sterne, und Ordensbänder, französische Frisuren, und ehrwürdige Perücken, das Alter, und die Jugend, die Hoheit und den simpeln Mittelstand im bunten Gewimmel sich einander durchkreuzen sahe. Ein Engländer, welcher sich zu mir gesellte, zeigte mir da auf mein Befragen, Prinzen und Lords mit ungeheuren Sternen, womit sie die übrige unansehnlichere Menge verdunkelten.

Hier drehten sich andre im ewigen Cirkel herum, um zu sehen und gesehen zu werden; dort versammlete sich ein Trupp eifriger Dilettanten in der Tonkunst vor dem Orchester und schmauste mit den Ohren, indes andre bei den wohlbedienten Tischen auf eine reellere Art ihren lechzenden Gaumen erfrischten, und noch andre, so wie ich, einsam auf der Galerie in dem Winkel einer Loge saßen, um über dies alles ihre Betrachtungen anzustellen.

Nun machte ich mir noch einigemal das Vergnügen, allen diesen Glanz und Pracht auf wenige Augenblicke mit der Dunkelheit des Gartens zu vertauschen, und mir die angenehme Überraschung zu erneuern, die mir mein erster Eintritt in das Gebäude verursachte. So brachte ich hier unter beständiger Abwechselung von Vergnügen einige Stunden in die Nacht zu, wo das Gedränge allmählich sich verminderte, und ich dann auch eine Kutsche nahm und nach Hause fuhr.

In Ranelagh schien mir die Gesellschaft ausgesuchter und feiner als in Vauxhall zu sein; denn von geringem Stande geht niemand hin, der nicht seinen besten Schmuck anlegt, und es dadurch der feinen Welt gleich zu tun sucht, wenigstens sah ich unter der ganzen Menge keinen, der nicht seidene Strümpfe getragen hätte. Die ärmsten Familien machen wenigstens jährlich einmal den Aufwand, sich nach Ranelagh fahren zu lassen, wie meine Wirtin versicherte, daß sie selbst einen Tag im Jahre festzusetzen pflegte, an dem sie ohnfehlbar nach Ranelagh führe. Übrigens ist der Aufwand in Ranelagh nicht so groß, wie in Vauxhall, wenn man auf die Erfrischungen siehet, denn wer im Vauxhall zu Abend essen will, wie es die meisten tun, dem kann leicht eine sehr spärliche Mahlzeit eine halbe Guinee kosten.

Das Parlament.

Bald hätte ich vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich schon im Parlament gewesen bin, und doch ist dies das Wichtigste. Und wenn ich in England auch sonst nichts als dies gesehen hätte, so würde ich mich für meine Reise schon hinlänglich belohnt halten.

So wenig ich mich auch sonst um die politische Welt bekümmert habe, weil es bei uns wirklich nicht der Mühe wert ist, war ich doch sehr begierig, einer Parlamentssitzung mit beizuwohnen, und dieser Wunsch wurde mir sehr bald gewährt.

An einem Nachmittage um drei Uhr, wo gemeiniglich die Sitzung anhebt, erkundigte ich mich nach Westminsterhall, und wurde von einem Engländer sehr höflich zurechtgewiesen, wie denn dies überhaupt geschiehet, man mag fragen, wen man wolle, so daß man sich, wenn man nur einigermaßen der Sprache mächtig ist, mit leichter Mühe durch ganz London finden kann.

Westminsterhall ist ein ungeheures Gotisches Gebäude, dessen Gewölbe nicht von Pfeilern unterstützt wird; statt deren sind aber an beiden Seiten des Gewölbes große und unförmliche aus Holz geschnittene Engelsköpfe angebracht, die dasselbe zu tragen scheinen.

Wenn man durch diese lange Halle geht, so steigt man am Ende ein Paar Stufen hinauf, und kömmt zur linken Seite durch einen dunkeln Gang, ins Haus der Gemeinen, das unten eine große doppelte Tür hat, und auf einer kleinen Treppe kömmt man zu der Galerie für die Zuschauer.

Als ich das erstemal diese Treppe hinaufging, und an das Geländer kam, sah ich hier einen sehr feinen Mann in einem schwarzen Kleide stehen: den ich fragte, ob ich auf die Galerie kommen dürfe? Er antwortete mir, ich müsse von einem Parlamentsgliede heraufgebracht werden, sonst könne es nicht geschehen. Da ich nun nicht die Ehre hatte, ein Parlamentsglied zu kennen, und also mißvergnügt wieder die Treppe hinunter ging, hörte ich mir etwas von bottle of wine nachschallen, das ich mir schlechterdings nicht erklären konnte, bis ich zu Hause kam, und von meiner Wirtin hörte, ich hätte dem feingekleideten Manne eine halbe Krone oder zwei Schillinge zu einer Bouteille Wein in die Hand drücken sollen. Dies tat ich den folgenden Tag, wo mir derselbe Mann, der mich vorher abgewiesen hatte, nachdem ich ihm nur zwei Schillinge in die Hand gedrückt, sehr höflich die Tür öffnete, und mir selber einen Platz auf der Galerie anwies.

Und nun sah ich also zum erstenmale in einem ziemlich unansehnlichen Gebäude, das einer Kapelle sehr ähnlich sieht, die ganze Englische Nation in ihren Repräsentanten versammelt: der Sprecher, ein ältlicher Mann, mit einer ungeheuren Allongenperücke, in einem schwarzen Mantel, den Hut auf dem Kopfe, mir gerade gegenüber auf einem erhabenen Stuhle, der mit einer kleinen Kanzel viel Ähnlichkeit hat, nur daß vorn das Pulpet daran fehlt; vor diesem Stuhle ein Tisch, der wie ein Altar aussieht, vor welchem wiederum zwei Männer, welche Clerks heißen, schwarz gekleidet und in schwarzen Mänteln sitzen, und auf welchem neben den pergamentnen Akten, ein großer vergoldeter Scepter liegt, der allemal weggenommen, und in ein Behältnis unter den Tisch gelegt wird, sobald der Sprecher von seinem Stuhle herabsteigt, welches geschieht so oft sich das Haus in eine sogenannte Kommittee oder bloße Untersuchung verwandelt, während welcher es seine Würde, als gesetzgebende Macht gewissermaßen ablegt. Sobald dies vorbei ist, sagt jemand zu dem Sprecher: nun könnt ihr euch wieder hinsetzen! und sobald der Sprecher seinen Stuhl besteigt, wird auch der Scepter wieder vor ihm auf den Tisch gelegt.

An den Seiten des Hauses rund umher unter der Galerie sind die Bänke für die Parlamentsglieder, mit grünem Tuch ausgeschlagen, immer eine höher, als die andre, wie unsre Chöre in den Kirchen, damit derjenige, welcher redet, immer über die vor ihm sitzenden wegsehen kann. Eben so sind auch die Bänke auf der Galerie. Die Parlamentsglieder behalten ihre Hüte auf, aber die Zuschauer auf der Galerie sind unbedeckt.

Die Parlamentsglieder im Unterhause haben nichts Unterscheidendes in ihrer Kleidung; sie kommen im Oberrock und mit Stiefeln und Sporen herein. Es ist nichts ungewöhnliches, ein Parlamentsglied auf einer von den Bänken ausgestreckt liegen zu sehen, indes die andern debattieren. Einige knacken Nüsse, andre essen Äpfelsinen, oder was sonst die Jahrszeit mit sich bringt. Das Ein- und Ausgehen dauert fast beständig, und so oft jemand hinausgehen will, stellt er sich erst vor den Sprecher, und macht ihm seinen Reverenz, gleichsam als ob er ihn, wie ein Schulknabe seinen Präceptor, um Erlaubnis bittet.

Das Reden geschiehet ohne alle Feierlichkeit: einer steht bloß von seinem Sitze auf, nimmt seinen Hut ab, wendet sich gegen den Sprecher, an den alle Reden gerichtet sind, behält Hut und Stock in einer Hand, und mit der andern macht er seine Gesten.

Redet einer schlecht, oder hat das, was er sagt, für die meisten nicht Interesse genug, so ist oft ein solches Lärmen und Gelächter, daß der Redende kaum sein eignes Wort hören kann, welches für diesen eine sehr ängstliche Lage sein muß; und dann hat es sehr viel Komisches, wenn der Sprecher auf seinem Stuhle, wie ein Präceptor zu wiederholtenmalen Ordnung gebietet, indem er ausruft, to Order, to Order! ohne daß eben viel darauf geachtet wird.

Sobald hingegen einer gut und zweckmäßig redet, so herrscht die äußerste Stille, und einer nach dem andern gibt seinen Beifall dadurch zu erkennen, daß er hear him! hört ihn! ruft, welches denn freilich oft vom ganzen Hause auf einmal geschiehet, und auf die Weise ein solches Geräusch verursacht, daß der Redende wiederum durch eben dieses hear him! oft unterbrochen wird. Demohngeachtet ist dieser Zuruf immer eine große Aufmunterung, und ich habe oft bemerkt, daß einer, der mit einiger Furchtsamkeit oder Kälte zu reden anfängt, am Ende dadurch in ein solches Feuer gesetzt wird, daß er mit einem Strome von Beredsamkeit spricht.

Weil alle Reden an den Sprecher gerichtet sind, so fangen sie sich immer mit Sir an, auf welche Anrede der Sprecher seinen Hut ein klein wenig abnimmt, ihn aber sogleich wieder aufsetzt. Dieses Sir, dient denn auch oftmals, die Übergänge in den Reden zu machen, und ist ein gutes Hülfsmittel, sobald jemanden sein Gedächtnis verläßt. Denn während, daß er Sir sagt, und dabei eine kleine Pause macht, besinnt er sich auf das Folgende. Doch habe ich auch gesehen, daß einer am Ende eine Art von Koncept aus der Tasche ziehen mußte, wie ein Kandidat, der in der Predigt stecken bleibt: sonst werden die Reden nicht abgelesen. Diese Reden haben ebenfalls ihre Gemeinörter, als z. B. worauf in diesem Hause immer vorzüglich Rücksicht genommen werden müsse, und dergleichen.

Gleich am ersten Tage zeigte mir ein Engländer, der neben mir auf der Galerie saß, die vornehmsten Mitglieder des Parlaments, als Fox, Burke, Rigby u. s. w., die ich alle reden hörte. Es wurde debattiert, ob dem Admiral Rodney außer dem Lordstitel noch eine reelle Belohnung sollte gegeben werden; zugleich wurde Fox von dem jungen Lord Fielding vorgeworfen, daß er sich als Minister der Wahl des Admiral Hood zum Parlamentsgliede für Westminster entgegengesetzt habe.

Fox hatte seinen Platz zur rechten Seite des Sprechers, nicht weit von dem Tische, worauf der vergoldete Scepter liegt, nun nahm er seine Stellung so nahe an diesem Tische, daß er ihn mit der Hand erreichen, und manchen herzhaften Schlag darauf tun konnte, nachdem es der Affekt seiner Rede erforderte: Und wie er sich nun gegen den Lord Fielding verteidigte, indem er behauptete, daß er sich nicht als Minister, sondern bloß als Privatmann dieser Wahl entgegengesetzt, und seine Stimme einem andern, nehmlich dem Herrn Cecil Wray, gegeben habe; und daß der König, da er ihn zum Staatssekretär gemacht, keinen Tausch mit ihm eingegangen sei, wodurch er seine Stimme als Privatmann verlöre, welchen Tausch er nicht würde angenommen haben; und mit welchem Feuer und hinreißender Beredsamkeit er sprach, und wie der Sprecher auf dem Stuhle aus seiner Wolkenperücke ihm unaufhörlich Beifall zunickte, und alles hear him! hear him! rief, und Speak yet! wenn es schien, als wollte er aufhören zu reden; und er auf die Weise beinahe zwei Stunden nacheinander sprach, das kann ich Ihnen nicht beschreiben. Rigby hielt darauf noch eine kurze aber sehr launigte Rede, worin er sagte, wie wenig der bloße Lords oder Lady'stitel ohne Geld zu bedeuten habe, und schloß mit der lateinischen Sentenz: infelix paupertas, quia ridiculos miseros facit, nachdem er vorher sehr fein bemerkt hatte, man müsse erst zu erfahren suchen, ob der Admiral Rodney nicht wiederum einige wichtige Prisen gemacht hätte, weil er alsdann eben keiner Belohnung an Gelde mehr bedürftig sein würde. Ich bin nachher fast alle Tage im Parlament gewesen, und ziehe die Unterhaltung, die ich dort finde, den meisten andern Vergnügungen vor.

Fox ist immer noch bei dem Volke sehr beliebt, ob man gleich unzufrieden darüber ist, daß auf seine Veranstaltung der Admiral Rodney zurückgerufen wird, auf den ich ihn doch selbst die stärkste Lobrede habe halten hören. Charles Fox ist schwärzlich, klein, untersetzt, gemeinhin schlecht frisiert, hat ein etwas jüdisches Ansehen, ist übrigens wohlgebildet, und die Politik sieht ihm aus den Augen: Mr. Fox is cunning like a Fox habe ich hier oft sagen hören. Burke ist ein wohlgewachsener langer gerader Mann, der schon etwas ältlich aussieht. Rigby ist sehr korpulent, und hat ein rotes starkes Gesicht.

Sehr auffallend waren mir die offenbaren Beleidigungen und Grobheiten, welche sich oft die Parlamentsglieder einander sagten, indem der eine z. B. aufhörte zu reden, und der andre unmittelbar darauf anfing: it is quite absurd u. s. w. Es ist höchst ungereimt, was der right honourable Gentleman, mit diesem Titel beehren sich die Parlamentsglieder vom Unterhause, eben jetzt vorgetragen hat. Niemals aber sagt, der Einrichtung gemäß, jemand dem andern ins Gesicht, daß er z. B. einfältig gesprochen habe, sondern er wendet sich, wie gewöhnlich, zu dem Sprecher, und sagt, indem er diesen anredet, der right honourable Gentleman habe sehr einfältig gesprochen.

Sehr komisch sieht es aus, wenn zuweilen einer spricht, und der andre die Gestus dazu macht: wie ich dies einmal bei einem alten ehrlichen Bürger bemerkte, der sich selbst nicht zu reden getraute, aber indes sein Nachbar sprach, jede nachdrückliche Sentenz desselben mit einer eben so nachdrücklichen Gestikulation, wobei sein ganzer Körper in Bewegung geriet, bezeichnete.

Oft verirret sich der Gang der Debatten in einen Privatwortwechsel und Mißverständnisse untereinander, wenn dies zu lange dauert, und man zu sehr von der Hauptsache abkömmt, so wird man endlich des Dings überdrüssig, und es entstehet ein allgemeines Rufen: The question! The question! Dies muß zuweilen öfter wiederholt werden, weil immer einer gegen den andern noch gern das letzte Wort haben will. Endlich aber kömmt es denn doch zum Stimmen, und der Sprecher sagt: wer für die Sache ist, der sage ay, und wer darwieder ist, sage no! Dann hört man ein verwirrtes Geschrei von ay und no untereinander. Und der Sprecher sagt entweder: mir deucht, es sind mehr ay's als no's, oder, es sind mehr no's als ay's. Denn müssen aber alle Zuschauer von der Galerie gehen, und das eigentliche Stimmen nimmt erst seinen Anfang. Die Parlamentsglieder schreien alsdann zu der Galerie hinauf withdraw! withdraw! bis alle Zuschauer entfernt sind. Diese werden solange in ein Zimmer unten an der Treppe eingesperrt, und wenn das Stimmen vorbei ist, wieder hinaufgelassen. Hier habe ich mich über den Mutwillen, selbst bei gesitteten Engländern wundern müssen, mit welcher Gewalt sie sich wieder aus der Stube hinausdrängten, sobald nur die Türe geöffnet wurde, um die ersten zu sein, die wieder auf der Galerie ankamen. Auf die Weise sind wir zuweilen zwei bis dreimal von der Galerie fortgeschickt, und wieder hinaufgelassen worden.

Unter den Zuschauern gibt es Leute von allerlei Stande, auch sind beständig Damen darunter. Ein Paar Geschwindschreiber haben zuweilen nicht weit von mir gesessen, die auf eine etwas verstohlne Weise, die Worte des Redenden nachzuschreiben suchten, welche denn gemeiniglich noch denselben Abend gedruckt zu lesen sind. Vermutlich werden diese Leute von den Verlegern der Zeitungen besoldet. Einige Personen gibt es, die beständige Zuschauer im Parlament sind, und für eine ganze Sitzung eine Guinee an den Türsteher pränumerieren. Von den Parlamentsgliedern habe ich gesehen, daß einige ihre Söhne, als junge Knaben schon mit in dies Haus und auf ihre Sitze nahmen.

Es ist im Vorschlage gewesen, daß im Oberhause auch eine Galerie für Zuschauer errichtet werden solle. Dies ist aber nicht zu Stande gekommen. Auch geht es im Oberhause schon sittsamer und hofmäßiger zu. Wer aber Menschen beobachten, und die abstechendsten Charaktere in ihren stärksten Äußerungen betrachten will, der gehe ins Unterhaus!

Vergangnen Dienstag war Hängetag; es war aber auch zugleich eine Parlamentswahl: eins von beiden konnte ich nur mit ansehen, ich zog denn, wie natürlich, das letztre vor, indem ich nur in der Ferne die Totenglocke jener Opfer der Gerechtigkeit läuten hörte. Jetzt beschreibe ich Ihnen also

Eine Parlamentswahl.

Die Städte London und Westminster schicken jede zwei Mitglieder ins Parlament. Fox ist eins von den beiden Mitgliedern für Westminster; die erledigte Stelle des zweiten sollte besetzt werden. Und eben der Cäcil Wray, welchen Fox, statt des Admiral Hood, dem er entgegen war, vorgeschlagen hatte, wurde nun öffentlich gewählt. Zuweilen soll es bei solchen Wahlen, wenn eine Oppositionspartei da ist, blutige Köpfe setzen; hier war aber die Wahl schon so gut wie geschehen, weil diejenigen, die sich für den Admiral Hood beworben hatten, schon von freien Stücken zurückgetreten waren, da sie sahen, daß ihr Vorhaben nicht durchging.

Die Wahl geschahe in Koventgarden, einem großen Marktplatze, unter freiem Himmel. Es war nehmlich vor dem Eingange einer Kirche, die auch die Paulskirche heißt, aber nicht mit der Kathedrale zu verwechseln ist, ein Gerüst für die Wählenden gebauet, die in roten Mänteln und mit weißen Stäben auf übereinander errichteten Bänken saßen: ganz oben war ein Stuhl für den Präses: alles aber war nur von Holz und Brettern zusammengeschlagen. Vorn auf dem Gerüste, wo die Bänke aufhörten, waren Matten gelegt, und hier standen diejenigen, welche zu dem Volke redeten. Auf dem Platze vor dem Gerüste hatte sich eine Menge Volks und größtenteils der niedrigste Pöbel versammlet. Die Redner bückten sich tief vor diesem Haufen, und redeten ihn allezeit mit dem Titel Gentlemen (edle Bürger!) an. Herr Cäcil Wray mußte vortreten und diesen Gentlemen mit Hand und Mund versprechen, seine Pflichten, als ihr Repräsentant im Parlament auf das getreuste zu erfüllen. Auch entschuldigte er sich mit seiner Reise und Kränklichkeit, daß er nicht einem jeden unter ihnen, wie es sich gebühre, seine Aufwartung gemacht habe. Sobald er anfing zu reden, war die ganze Menge so still wie das tobende Meer, wenn der Sturm sich gelegt hat, und alles rief, wie im Parlamente, hear him! hear him! und sobald er aufgehört hatte zu reden, erschallte ein allgemeines Hurrah aus jedem Munde, und jeder schwenkte seinen Hut, und der schmutzigste Kohlenträger seine Mütze um den Kopf.

Er ward nun von den Deputierten auf der Bühne förmlich gewählt, und dem Volke in seiner neuen Würde von einem Manne vorgestellt, der in einer wohlgesetzten Rede ihm und dem Volke Glück wünschte. Dieser Mann hatte eine gute Ausrede: he speaks very well! sagte ein Kartenschieber der neben mir stand.

Kleine Knaben hingen sich an Geländer und Laternenpfähle, und als ob sie überzeugt wären, daß auch sie schon mit angeredet würden, hörten sie aufmerksam dem Redner zu, und bezeugten am Ende auf gleiche Weise durch ein freudiges Hurrah ihren Beifall, indem sie, wie die Erwachsenen, ihre Hüte um den Kopf schwenkten.

Hier wachten alle Bilder von Rom, Koriolan, Julius Cäsar und Antonius in meiner Seele auf. Und mag dies immer nur ein Gaukelspiel sein, so kann doch selbst eine solche Chimäre das Herz und den Geist erheben.

O lieber Freund, wenn man hier siehet, wie der geringste Karrenschieber an dem was vorgeht seine Teilnehmung bezeigt, wie die kleinsten Kinder schon in den Geist des Volks mit einstimmen, kurz, wie ein jeder sein Gefühl zu erkennen gibt, daß er auch ein Mensch und ein Engländer sei, so gut wie sein König und sein Minister, dabei wird einem doch ganz anders zu Mute, als wenn wir bei uns in Berlin die Soldaten exercieren sehen.

Als Fox, der mit unter den Wählenden war, gleich anfänglich in seinem Wagen angefahren kam, ward er mit einem allgemeinen Freudengeschrei empfangen; zuletzt nachdem der Aktus beinah vorbei war, fiel es dem Volke ein, ihn reden zu hören, und alles schrie: Fox! Fox! ich rief selber mit, und er mußte auftreten und reden, weil wir ihn hören wollten. Er trat denn auf und bekräftigte nochmals vor dem Volke, daß er schlechterdings nicht als Staatsminister, sondern nur als Privatmann bei dieser Wahl Einfluß gehabt habe.

Nachdem nun alles vorbei war, so zeigte sich der Mutwille des Englischen Pöbels im höchsten Grade. Binnen wenigen Minuten war das ganze bretterne Gerüste mit Bänken und Stühlen abgebrochen, und die Matten, womit es bedeckt war, in tausend lange Streifen zerrissen, womit der Pöbel einen Cirkel schloß, in welchem Vornehme und Geringe gefangen wurden, was nur in den Weg kam, und so zog das Volk im Triumph durch die Straßen.

Hier führt doch ein jeder, bis auf den Geringsten, den Namen Vaterland im Munde, den man bei uns nur von Dichtern nennen hört. For my country I'll shed every Drop of my Blood! sagt der kleine Jacky in unserm Hause, ein Knabe, der kaum zwölf Jahr alt ist. Vaterlandsliebe und kriegrische Tapferkeit ist gemeiniglich der Inhalt der Balladen und Volkslieder, welche auf den Straßen von Weibern abgesungen und für wenige Pfennige verkauft werden. Noch kürzlich brachte unser Jacky eins mit zu Hause, worin die Geschichte eines Admirals erzählt wurde, der noch tapfer kommandierte, als ihm schon beide Beine abgeschossen waren, und er sich mußte emporhalten lassen. Die Verachtung des Volks gegen den König geht erstaunlich weit. Our King is a Blockhead! hab' ich wer weiß wie oft sagen hören; indem man zu gleicher Zeit den König von Preußen mit Lobsprüchen bis an den Himmel erhob. Dieser habe einen kleinen Kopf, hieß es, aber hundertmal so viel Verstand darin, [als] der König von England in seinem ziemlich dicken Kopfe. Ja bei einigen ging die Verehrung gegen unsern Monarchen so weit, daß sie sich ihn im Ernst zum Könige wünschten. Nur wunderten sie sich über die große Menge Soldaten, die er hält, und daß allein in Berlin eine so große Anzahl davon einquartiert sind, da sich in London, oder der eigentlichen City, nicht einmal ein Trupp Soldaten von des Königs Garde darf blicken lassen.

Vor einigen Tagen habe ich auch den Zug des Lordmayors in London, in einem ungeheuer großen, vergoldeten Wagen gesehen, welchem eine erstaunliche Menge von Kutschen folgten, in denen die übrigen Magistratspersonen oder sogenannten Aldermänner von London sitzen. Doch genug für diesesmal!

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