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Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782

Karl Philipp Moritz: Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782 - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
booktitleReisen eines Deutschen in England
authorKarl Philipp Moritz
year2000
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-34341-5
titleReisen eines Deutschen in England im Jahre 1782
pages7-176
created20010518
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1783
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Den 9ten Juni 1782.

Heute habe ich in der deutschen Kirche in Ludgatehill für Herrn Pastor Wendeborn gepredigt. Er ist der Verfasser der statistischen Beiträge zur nähern Kenntnis Großbrittanniens. Dieses schätzbare Buch hat mir schon außerordentliche Dienste geleistet, und ich möchte einem jeden raten, der nach England reist, sich dieses Buch anzuschaffen, das um desto brauchbarer wird, weil man es bequem in der Tasche tragen, und sich allenthalben daraus Rats erholen kann. Natürlicher Weise hat Herr Wendeborn, der nun schon eine geraume Zeit in England lebt, mehr und besser beobachten können, als alle diejenigen, welche durchreisen oder sich nur eine kurze Zeit dort aufhalten können. Wer dieses Buch beständig bei der Hand hat, dem wird schwerlich etwas Bemerkenswertes in und um London und überhaupt in der Verfassung des Landes, entwischen.

Herr Wendeborn lebt in New-Inn bei Templebar, in einer philosophischen aber nicht untätigen Ruhe. Er ist beinahe nationalisiert, und seine Bibliothek besteht größtenteils aus Englischen Büchern. Beiläufig muß ich erwähnen, daß er in dem großen Gebäude, welches New-Inn heißt, seine Wohnung nicht gemietet, sondern gekauft hat: so ist es auch mit allen übrigen Wohnungen dieses Hauses, und ein solcher Käufer von einigen Stuben und Kammern, wird wie ein Eigentümer betrachtet, der Haus und Hof hat, und besitzt das Recht, bei Parlamentswahlen seine Stimme zu geben, wenn er kein Ausländer ist, welches bei Herrn Wendeborn der Fall war, der demohngeachtet auch vom Herrn Fox besucht wurde, als dieser zum Parlamentsgliede für Westminster gewählt werden wollte.

Eine sehr nützliche Maschine, welche in Deutschland noch nicht sehr bekannt ist, wenigstens nicht viel gebraucht wird, habe ich zuerst bei Herrn Wendeborn gesehen. Es ist dieses eine Presse, wodurch, vermöge sehr starker Stahlfedern, ein beschriebnes Blatt Papier auf ein andres unbeschriebnes abgedruckt werden kann, und man sich also die Mühe des Abschreibens erspart, und zugleich seine eigentümliche Hand vervielfältigen kann. Herr Wendeborn bedient sich derselben, so oft er Manuscript verschickt, wovon er eine Abschrift zurückbehalten will. Die Maschine war von Mahagoniholz und kömmt ziemlich teuer zu stehen.

Vermutlich wegen des späten Aufstehens der Einwohner von London, nimmt der Gottesdienst erst um halb eilf seinen Anfang. Ich hatte heute Morgen Herrn Wendeborn verfehlt, und mußte mich bei dem Türsteher vor der Paulskirche nach der deutschen Kirche erkundigen, worin ich predigen sollte; dieser wußte es nicht, ich erkundigte mich also in einer andern Kirche nicht weit davon, wo ich endlich zurechtgewiesen wurde, und nachdem ich durch eine Tür mit eisernen Stangen und einen langen Gang hinten hinaus gegangen war, endlich noch gerade zu rechter Zeit in die Kirche kam, wo ich nach der Predigt eine Danksagung für die glückliche Ankunft unsers Schiffes in London ablesen mußte. Die deutschen Prediger gehen hier völlig wie die Englischen gekleidet, in großen Priesterröcken mit weiten Ärmeln, worein ich mich ebenfalls einhüllen mußte. Herr Wendeborn trägt sein eignes von Natur krauses Haar, nach englischer Weise das Toupe vorn heruntergekämmt. Die andern deutschen Prediger, die ich gesehen habe, tragen Perücken, so wie auch viele Englische Geistliche.

Gestern habe ich unserm Gesandten dem Grafen Lucy meine Aufwartung gemacht, und die Simplicität in seiner Lebensart setzte mich in eine angenehme Verwunderung. Er wohnt in einem ganz gewöhnlichen schmalen Hause. Sein Sekretär wohnt oben, bei welchem ich auch den Preußischen Konsul sprach, der ihn gerade besuchte. Unten an der Erde rechter Hand ward ich unmittelbar in das Zimmer seiner Excellenz geführt, ohne daß ich durch eine Antichambre gehen durfte. Er trug ein blaues Kleid mit rotem Aufschlag und Kragen. Bei einer Tasse Kaffee unterredete er sich mit mir über allerlei wissenschaftliche Gegenstände, und da ich ihm von dem großen Streit über den ηtacismus und Itacismus erzählte, erklärte er sich, als ein geborner Grieche für den Itacismus. Verlangte darauf von mir, ihn ohne Umstände, wenn ich wollte, zu besuchen, ich würde ihm willkommen sein.

Herr Leonhardi, der einige bekannte Stücke, als die Lästerschule und andre aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt hat, lebt hier, als Privatmann, und gibt Deutschen im Englischen und Engländern im Deutschen mit vieler Geschicklichkeit Unterricht, auch verfertigt er gegen ein jährliches Gehalt, den Artikel von England, in der Hamburgischen neuen Zeitung, und ist Logenmeister einer deutschen Loge in London, und Repräsentant aller deutschen Logen in England, welches Geschäft ihm mehr Mühe verursacht, als es ihm einträglich ist: denn alles wendet sich an ihn. Auch ich ward von Hamburg aus an ihn empfohlen. Er ist ein sehr dienstfertiger Mann, und hat mir schon manche Gefälligkeit erzeigt. Er weiß sehr gut Englische Verse zu deklamieren, und redet die Sprache beinahe wie seine Muttersprache, auch ist er mit einer liebenswürdigen Engländerin verheiratet. Ich wünschte ihm das beste Schicksal von der Welt!

Nun hören Sie denn auch etwas von dem berühmten und an so vielen Orten nachgeahmten

Vauxhall.

Gestern habe ich Vauxhall zum erstenmale besucht. Aus meinem Logis in Adelphi-Buildings hatte ich nicht weit zur Westminsterbrücke, wo immer eine große Anzahl von Böten auf der Themse befindlich ist, die jedem auf einen Wink zu Gebote stehen, der sich für einen Schilling oder Sixpence fahren lassen will.

Von hier fuhr ich also die Themse hinauf nach Vauxhall, wo man im Vorbeifahren zur linken Seite Lambeth und den alten Palast des Bischofs von Canterbury liegen siehet.

Vauxhall ist eigentlich der Name eines kleinen Dorfs, worin der Garten eben dieses Namens befindlich ist. Man zahlt beim Eingange einen Schilling.

Ich fand beim Eintritt wirklich einige Ähnlichkeit mit unserm Berliner Vauxhall, in sofern man kleines mit größerm vergleichen kann, wenigstens waren die Gänge, nebst den Malereien am Ende, und den hohen Bäumen, die zuweilen an der Seite derselben einen Wald ausmachen, denen zu Berlin so ähnlich, daß ich mich oft im Spazierengehen auf eine angenehme Art täuschte, und vergaß, daß ich so weit von dieser Stadt entfernt war; insbesondere, da ich einige geborne Berliner, als den Herrn Kaufmann Splittgerber, nebst mehrern hier antraf, mit denen ich den Abend sehr angenehm zubrachte.

Hin und wieder, besonders in einem der künstlichen Wälder in diesem Garten, wird man durch den plötzlichen Anblick der Bildsäulen von berühmten Englischen Dichtern und Philosophen, als z. B. Miltons, Thomsons und anderer angenehm überrascht. Was mich am meisten freute, war die Statue des deutschen Tonkünstlers Hendel, welche vorn beim Eingange in den Garten nicht weit vom Orchester befindlich ist.

Dies Orchester ist unter einer Menge Bäume, wie in einem Wäldchen, sehr schön errichtet, und gleich beim Eintritt in den Garten schallt einem die Vokal- und Instrumentalmusik entgegen. Es lassen sich hier beständig weibliche Sängerinnen hören.

In der Nähe des Orchesters sind an den Seiten des Gartens kleine Nischen, mit Tischen und Bänken, worinnen gespeist wird. Die Gänge vor denselben, so wie überhaupt im Garten, sind beständig gedrängt voll von Menschen aus den allerverschiedensten Ständen. Ich speiste hier mit dem Preußischen Legationssekretär und Herrn Splittgerber, nebst noch einigen gebornen Berlinern, und was mich am meisten wunderte, war die Frechheit der hiesigen unzüchtigen Weibspersonen, die zu halben Dutzenden mit ihren Kupplerinnen ankamen, welche sich für sich selber und für ihr Gefolge, auf die unverschämteste Weise ein Glas Wein nach dem andern ausbaten, das man ihnen nicht gut abschlagen durfte.

Ein Engländer eilte sehr schnell vor unsrer Nische vorbei, und als ihn einer seiner Bekannten fragte, wo er hinwolle, sagte er auf eine so komisch-wichtige Art, die uns alle zu Lachen machte: I have lost my Girl! Mein Mädchen ist mir aus dem Gesicht gekommen! Es schien, als ob er es suchte, wie man einen Handschuh oder Stock sucht, den man irgendwo hat stehen lassen.

Etwas spät in die Nacht sahen wir noch ein prächtiges Schauspiel in einem Teile des Gartens, wo nach aufgezognem Vorhange durch eine künstliche Maschine Auge und Ohr so getäuscht wurde, daß man einen wirklichen Wasserfall von einem hohen Felsen herab, zu sehen und zu hören glaubte. Als alles im Gedränge hier hinrannte, entstand ein groß Geschrei, take care of your Pockets, nehmt eure Taschen in Acht! welches ein Zeichen war, daß einige Beutelschneider unter dem Haufen glückliche Handgriffe gemacht hatten.

Vorzüglich gefiel es mir in der sogenannten Rotunde, einem prächtigen runden Gebäude im Garten, welches vermittelst schöner Kronleuchter und großer Spiegel auf das schönste erleuchtet war, und rund umher mit vortrefflichen Gemälden und Bildsäulen prangte, mit deren Betrachtung man sich Stundenlang auf die angenehmste Art beschäftigen kann, wenn man des Gewühls und Gedränges von Menschen in den Lustgängen des Gartens müde ist.

Unter den Gemälden stellt eins die Übergabe einer belagerten Stadt vor. Wenn man dies Gemälde lange ansieht, so wird man bis zu Tränen dadurch gerührt; denn der Ausdruck des höchsten Elends, der an Verzweiflung grenzt, bei den Belagerten, nebst der ängstlichen Erwartung des ungewissen Ausgangs, und was der Sieger über die Unglücklichen beschließen wird, ist in dem Gesicht der um Gnade flehenden Einwohner vom Greise bis auf den Säugling, den seine Mutter emporhält, so wahr und natürlich zu lesen, daß man sich ganz vergißt, und am Ende beinahe kein Gemälde mehr zu sehen glaubt.

Auch hier findet man die Büsten vorzüglicher englischer Schriftsteller rund umher an den Seiten aufgestellt. So findet der Britte seinen Schackspear, Lokke, Milton, Dryden auch an den Plätzen des öffentlichen Vergnügens wieder, und ehret da ihr Andenken. Selbst das Volk lernt diese Namen kennen, und nennt sie mit Ehrfurcht. In dieser Rotunde ist auch ein Orchester, worin bei regnigten Abenden die Musik aufgeführt wird. Doch genug von Vauxhall!

Ausgemacht ist es, daß die Englischen klassischen Schriftsteller, ohne alle Vergleichung, häufiger gelesen werden, als die Deutschen, die höchstens, außer den Gelehrten, der Mittelstand, und kaum dieser liest. Die Englischen Nationalschriftsteller liest das Volk, wie unter andern die unzähligen Auflagen beweisen.

Meine Wirtin, die nur eine Schneiderwitwe ist, liest ihren Milton, und erzählt mir, daß ihr verstorbner Mann, sie eben wegen der guten Deklamation, womit sie den Milton las, zuerst liebgewonnen habe. Dieser einzelne Fall würde nichts beweisen, allein ich habe schon mehrere Leute von geringeren Stande gesprochen, die alle ihre Nationalschriftsteller kannten und teils gelesen hatten. Dies veredelt die niedern Stände und bringt sie den Höhern näher. Es gibt dort beinahe keinen Gegenstand der gewöhnlichen Unterredung im höhern Stande, worüber der niedre nicht auch mitsprechen könnte. In Deutschland ist seit Gellerten noch kein Dichtername eigentlich wieder im Munde des Volks gewesen.

Aber es wird auch mehr für den Vertrieb der klassischen Schriftsteller, für wohlfeile und bequeme Ausgaben gesorgt. Man hat sie alle gebunden, in einer Folge in Taschenformat, und in welchem Format sie einer haben will. Ich habe mir für zwei Schillinge einen Milton in Duodez in niedlichem Franzband gekauft, der sich äußerst bequem in der Tasche tragen läßt. Auch scheinet es mir eine gute Einrichtung zu sein, daß die Bücher, welche am häufigsten gelesen werden, größtenteils schon sehr sauber gebunden sind, wenn man sie kauft.

Allenthalben auf den Straßen trifft man Antiquarien, die einzelne Stücke von Schakespear, und andre Kleinigkeiten für einen Penny, ja zuweilen für einen Halfpenny, (einen Dreier nach unserm Gelde) verkaufen. Von einem solchen Antiquarius habe ich beide Teile vom Vikar von Wakefield für einen Sixpence oder halben Schilling (vier Groschen ohngefähr) gekauft.

Wie aber unsre deutsche Literatur noch in England geschätzt wird, habe ich unter andern aus dem vorgedruckten Avertissement von einem Buche gesehen, das unter dem Titel the Entertaining Museum oder Complete Circulating Library, sowohl eine Reihe aller klassischen Englischen Schriftsteller, als auch Übersetzungen von den berühmtesten französischen, spanischen, italienischen und selbst deutschen (even german) Romanen enthalten soll.

Bei diesem Buche ist auch der wohlfeile Preis merkwürdig, wodurch die Bücher in England mehr unters Volk kommen. Damit, heißt es in dem Avertissement, jedermann im Stande sein möge, dies Werk zu kaufen, und sich allmählich eine sehr schätzbare Bibliothek anzuschaffen, ohne die Kosten gewahr zu werden, so wird wöchentlich ein Bändchen herauskommen, welches geheftet einen Sixpence (vier Groschen,) und gebunden, mit dem Titel auf dem Rücken, neun Pence (6 Groschen) kostet. Der 25ste und 26ste Band von diesem Werke enthalten den ersten und zweiten Teil vom Landprediger von Wakefield, den ich eben von einem Antiquarius gekauft habe.

Die einzige Übersetzung aus dem Deutschen, welche in England vorzüglich Glück gemacht hat, ist wohl Geßners Tod Abels. Die Übersetzung ist dort weit öfter aufgelegt, wie in Deutschland das Original. Man hat schon die achtzehnte Edition davon, und sie schreibt sich der Vorrede nach, von einem Frauenzimmer her. Klopstocks Messias ist, wie bekannt, äußerst schlecht aufgenommen worden; freilich soll auch die Übersetzung darnach sein, ich kann sie hier nicht zu Gesicht bekommen. Herr Pastor Wendeborn hat eine deutsche Sprachlehre für die Engländer, in Englischer Sprache geschrieben, die gut aufgenommen ist. Nicht zu vergessen ist, daß die Schriften unsers Jakob Böhme sämtlich ins Englische übersetzt sind.

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