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Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782

Karl Philipp Moritz: Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782 - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
booktitleReisen eines Deutschen in England
authorKarl Philipp Moritz
year2000
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-34341-5
titleReisen eines Deutschen in England im Jahre 1782
pages7-176
created20010518
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1783
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London, den 14ten Juli.

Die Reise von Northhampton bis London kann ich wiederum keine Reise, sondern nur eine Bewegung von einem Orte zum andern in einem zugemachten Kasten, nennen, wobei man etwa mit ein Paar Leuten, die sich auf eben die Art fortbewegen lassen, wenn das Glück gut ist, konversieren kann.

Bei mir war das Glück so gut nicht, denn meine drei Reisegefährten waren Pächter, die so fest schliefen, daß sie durch die herzhaftesten Kopfstöße, womit sie sich einander begrüßten, nicht aufgerüttelt wurden.

Ihre von Bier und Branntwein aufgedunsenen Gesichter lagen wie dicke, tote Fleischmassen vor mir. – Und wenn sie einmal erwachten, so waren Schafe, womit sie handelten, ihr erstes und ihr letztes Wort.

Der eine unter ihnen aber war von den übrigen beiden sehr verschieden: sein Gesicht war gelb und hager, seine Augen tief eingefallen, seine langen gelben Finger schlotterten an seinen Händen, er sahe aus wie Geiz und Menschenhaß.

Das erstre war er, denn er weigerte sich auf jeder Station, dem Kutscher das gewöhnliche Trinkgeld zu geben, was doch alle gaben, und jeder Heller, den er bezahlen mußte, preßte ihm ein God damm! aus dem Herzen.

Wenn er im Wagen saß, scheute er das Licht, und machte, wo er nur konnte, alle Fenster zu, wenn ich nicht zuweilen eins wieder aufriß, um gleichsam nur einen Anblick von den reizenden Gegenden zu haschen, vor denen wir im Fluge vorbeifuhren.

Unser Weg ging über Newport Pagnel, Dunstable, St. Albans, Barnet, bis Islington oder vielmehr London selbst, Aber die Namen sind auch nun alles, was ich von diesen Örtern zu sagen weiß.

In Dunstable, wo mir recht ist, frühstückten wir, und es ward hier alles, wie es auch bei uns auf den Postwagen gebräuchlich ist, von den Passagiers gemeinschaftlich bezahlt. Ich hatte mir, weil ich dies nicht wußte, besonders Kaffee bestellt; allein weil er einmal da war, tranken die drei Pächter mit, und ließen mich wieder von ihrem Tee mittrinken.

Sie fragten mich, aus welchem Teile der Welt ich sei, anstatt daß man bei uns frägt, was für ein Landsmann einer ist.

Da wir nun gefrühstückt hatten, und wieder in dem Wagen saßen, schienen die Pächter, den hagern ausgenommen, ordentlich aufzuleben, und fingen Religions- und politische Discourse an.

Der eine brachte die Geschichte von Simson aufs Tapet, welche sein Pfarrer neulich erklärt hatte, und machte sich doch selbst allerlei Zweifel gegen das große Tor, was Simson getragen, und die Füchse mit den Feuerbränden zwischen den Schwänzen, ob er gleich sonst in seinem Glauben fest war.

Sie erzählten sich darauf allerlei Geschichtchen aus der Bibel, nicht als ob sie dieselben schon als bekannt voraussetzten, sondern sie irgendwo als angenehme Historien hätten erzählen hören. Das meiste hatten sie auch von ihrem Pfarrer gehört, und nicht selbst gelesen.

Der eine fing darauf von den Juden im alten Testament an, und daß die jetzigen davon abstammten. –

Sie sind in Ewigkeit verdammt! – sagte der andre so kaltblütig und zuversichtlich, als ob er sie schon lichterloh brennen sähe.

Wir bekamen nun sehr oft neue Passagier, die zuweilen nur eine Strecke mitfuhren, und dann wieder abstiegen. Unter andern eine Branntweinbrennerin aus London, die uns mit einer Erzählung aller der schrecklichen Auftritte, bei dem letzten Aufruhr in London unterhielt. Besonders auffallend war mir, wie ein Kerl ihrem Hause gegenüber so wütend war, daß er auf der Mauer eines schon halbabgebrannten Hauses stand, und noch mit eigenen Händen die Steine loszureißen suchte, welche das Feuer hatte stehen lassen, bis er erschossen ward, und rücklings in die Flamme fiel.

Endlich kamen wir denn im vollen Regen ohngefähr um ein Uhr in London an. Ich hatte in Northhampton für die sechs und sechzig Meilen bis London, sechzehn Schillinge vorausbezahlen müssen. Dies schien der Kutscher nicht gewiß zu wissen, und fragte mich daher, ob ich schon bezahlt habe, welches er mir doch nun auf mein Wort glauben mußte.

Ich sahe aus, wie ein halber Wilder, da ich in London wieder ankam; demohngeachtet nahm mich Herr Pointer, bei dem mein Koffer stand, sehr freundschaftlich auf, und ließ sich über Tische meine Abenteuer von mir erzählen.

Ich besuchte den Abend noch Herrn Leonhardi, welcher mich, weil ich wegen der Paar Tage, die ich etwa noch auf guten Wind warten mußte, kein Logis mieten wollte, bis dahin in Freemasons Tavern unterbrachte.

Allein hier in Freemasons Tavern warte ich nun schon acht Tage, und der Wind weht noch beständig von Hamburg her, statt daß er hinwehen sollte, welches ich nun herzlich wünsche, weil ich doch den hiesigen Aufenthalt fast gar nicht mehr nützen kann, indem ich mich beständig bereit halten muß, zu Schiffe zu gehen, sobald der Wind umschlägt, und mich also nicht weit versteigen darf.

Alles ist jetzt voll von Rockinghams Tode, und der darauf erfolgten Veränderung des Ministeriums. Daß Fox seine Stelle niedergelegt hat, darüber ist jedermann aufgebracht, und doch ist es sonderbar, alles nimmt Teil an ihm, und interessiert sich für ihn, wie für jemanden, von dem es einem leid tut, wenn man schlecht von ihm denken soll.

Am Dienstage war eine der wichtigsten Debatten im Parlamente. Fox war aufgefordert, seine Gründe der Nation darzulegen, warum er resigniert habe. Um eilf Uhr war das Haus von Zuschauern schon so voll, daß niemand mehr darin Platz finden konnte; und um drei Uhr gehen doch erst die Debatten an, die diesmal bis den Abend um zehn Uhr dauerten.

Gegen vier Uhr kam Fox. Alles war voll Erwartung. Er sprach mit großer Heftigkeit, ließ es aber dennoch merken, wie sehr er diese Heftigkeit mäßige, und als er nun den Schritt den er getan, mit allen Gründen verteidigt hatte, und nun sagte: now I stand here again, poor as I was. &c. nun stehe ich hier wieder, arm wie ich war! u.s.w. so war dies wirklich für den Zuhörer rührend und erschütternd.

Der General Conway sagte darauf seine Gründe, warum er nicht abdankte, ob er gleich mit Herrn Fox und Burke einerlei politische Grundsätze habe: er sei nehmlich in Ansehung der Independenz von Amerika, der bessern Repräsentation des Volkes im Parlamente, und der Irrländischen Angelegenheiten, mit ihnen einerlei Meinung, glaube aber nicht, daß der jetzige Minister, Graf Schelburn, gegen diese Grundsätze handeln werde, sobald er dies tun würde, resignierte er ebenfalls, aber nicht eher.

Nun stand Burke auf, und redete in sehr blumenreichen Ausdrücken zum Lobe des verstorbenen Marquis von Rockingham. Als er kein hinlängliches Gehör fand, und viel um sich plaudern und murmeln hörte, sagte er mit großer Heftigkeit, und Gefühl beleidigter innerer Würde: Das ist keine Behandlung für ein so altes Parlamentsglied, als ich bin, und ich will gehört sein! – worauf sogleich eine allgemeine Stille herrschte.

Nachdem er nun noch sehr vieles zu Rockinghams Lobe gesagt hatte, fing er an: was den General Conway anbeträfe, daß dieser im Ministerium bleiben wolle, so erinnere er sich dabei einer Fabel aus seiner Kindheit, wo der Wolf vorgestellt wird, wie er die Gestalt eines Schafes annimmt, und von einem Lamme in den Stall gelassen wird, welches zwar zu ihm sagt: Mama, wo habt ihr die großen Nägel und die scharfen Zähne her? Demohngeachtet aber ihn hineinläßt, worauf er die ganze Herde erwürgt. Was nun den General Conway anbeträfe, so käme es ihm gerade so vor, als ob das Schaf zwar die Nägel und Zähne des Wolfes bemerkte, demohngeachtet aber, so gutmütig wäre, zu glauben, der Wolf werde wohl seine Natur ändern, und ein Lamm werden. Er wolle damit gar nicht auf den Graf von Schelburn zielen, nur so viel sei gewiß, daß die jetzige Administration, noch tausendmal schlechter sei, als sie unter dem Lord North (der hier gegenwärtig saß) gewesen wäre.

Als ich Herrn Pitt zum erstenmal reden hörte, erstaunte ich, daß ein Mann von so jugendlichem Ansehen auftrat, und indem er sprach, so viel Aufmerksamkeit auf sich erregte. Er scheint nicht über ein und zwanzig Jahr zu sein. Eben dieser Pitt ist nun Minister, und zwar Chancellor of the Exchequer geworden.

Es ist erschrecklich, was in den Zeitungen, wovon hier täglich zwölf und mehrere herauskommen, die es teils mit der Ministerial teils mit der Antiministerialpartei halten, bei dieser Gelegenheit, für Anzüglichkeiten gesagt werden.

Noch in der gestrigen stand, daß Fox, nachdem er gefallen, und Pitt, ein so junger Mann, Minister sei, er mit Satan, welcher in Miltons verlornem Paradiese, den von Gott begünstigten Menschen erblickt, ausrufe: O hatefull Sight.

Am Donnerstage hat der König das Parlament mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten auf eine bestimmte Zeit entlassen. Ich übergehe dies, weil es schon genug beschrieben ist.

Ich habe auch noch in diesen Tagen den Herrn Baron Grothaus, diesen berühmten Fußgänger kennen gelernt, an den ich von dem Herrn Baron Groote von Hamburg aus ein Empfehlungsschreiben hatte. Er wohnt in Chesterfield Hause, nicht weit vom General Paoli, mit dem er mich bekannt zu machen versprochen hat, wenn ich Zeit habe, ihn noch einmal zu besuchen.

Übrigens habe ich diese Woche sehr von dem bösen Husten gelitten, den ich mit aus der Höhle gebracht habe, so daß ich einige Tage nicht habe ausgehen dürfen, wo mich die Herrn Schönborn und Leonhardi fleißig besucht, und zu meiner Aufmunterung sehr viel beigetragen haben.

Ich habe hier von meiner Reise außerhalb London so viel zu erzählen gehabt, als ich wahrscheinlich in Deutschland von England überhaupt werde erzählen müssen. – Den meisten Leuten, denen ich hier in London von meiner Reise erzähle, ist das, was ich gesehen habe, ganz etwas neues.

Einiges muß ich doch nun noch nachholen, was ich in Ansehung der hiesigen Deklamation, Aussprache, und Dialekt, bemerkt, und Ihnen zu schreiben vergessen habe.

Die Englische Deklamation scheint mir lange nicht so vieler Abwechselungen fähig zu sein, als die unsrige. In den Parlamentsreden, Predigten, Theaterreden, ja selbst im gemeinen Leben, werden die Perioden am Ende immer mit einem gewissen sonderbaren, eintönigen Fall der Stimme begleitet, der bei aller seiner Monotonie, doch etwas solides und nachdrückliches hat, und den ein Ausländer schwerlich nachahmen lernt. Herr Leonhardi schien mir in einigen Stellen, die er aus dem Hamlet deklamierte, diesen Fall der Stimme sehr gut zu treffen. Ferner wird der Accent fast mehr auf die Epytheta als auf die eigentlichen Substantive gesetzt, die man oft weit dunkler, als ihre Beiwörter nachklingen läßt. – Auf dem Theater drückt man die Sylben und Wörter außerordentlich deutlich aus, so daß man hier immer, in Ansehung der Englischen Aussprache und Deklamation, wohl am meisten lernen kann.

Es gibt in London auch eine Art von besonderen Dialekt: so sagt man z. B. it a'nt, anstatt it is not, es ist nicht; I do know, anstatt I do not know, oder 1 do'nt know, ich weiß nicht; I do know him, ich kenne ihn nicht; welches letztere mich oft getäuscht hat, indem ich eine Verneinung für eine Bejahung nahm.

Das Wort Sir, (Herr) hat im Englischen einen gar mannigfaltigen Gebrauch. Mit Sir redet der Engländer seinen König, seinen Freund, seinen Feind, seinen Bedienten, und seinen Hund an; er bedient sich desselben, auf eine höfliche Weise zu fragen; und der Redner im Parlament, den Übergang damit zu machen, wenn er nicht weiter kann.

So heißt also Sir? in einem fragenden Tone: was befehlen Sie? – Sir! in einem demütigen Tone: gnädigster König! – Sir! in einem trotzigen Tone: es stehen ein Paar Ohrfeigen zu Dienste! – zu einem Hunde gesagt, bedeutet es eine Tracht Prügel – und in den Parlamentsreden mit einer Pause begleitet, heißt es: ich kann mich nicht sogleich besinnen.

Nichts habe ich häufiger hier gehört, als den Ausdruck: never mind it! Laßt das gut sein! – Ein Träger stürzte, und fiel sich auf dem Pflaster den Kopf entzwei: never mind it! sagte ein Engländer, der vorbei ging. Als ich vom Schiffe meinen Koffer auf einem Boote abholen ließ, ruderte der Schiffer zwischen die Kähne, und sein Junge der vorn stand, bekam die entsetzlichsten Prügel, weil die andern ihn nicht durchlassen wollten: Never mind it! sagte der Alte, und ruderte immer zu.

Die Deutschen, welche lange hier gewesen sind, reden fast in lauter Anglicismen, als: es will nicht tun, anstatt, es ist nicht hinlänglich, und dergleichen. Ja einige sagen sogar: ich habe es nicht geminded, ich habe mich nicht daran erinnert, oder daran gedacht.

Engländer, die Deutsch sprechen, kennt man bald an der Aussprache des w nach Englischer Art; anstatt: ich befinde mich wohl, sagen sie, ich befinde mich u ohl, indem das w fast so weich, wie ein schnell ausgesprochnes u klingt.

Beim Zurechtweisen auf den Straßen habe ich hier sehr oft eine Art von Formel gehört: go down the Street, as far as ever you can go, and ask any Body, geht die Straße hinunter, so weit ihr kommen könnt, und fragt, wen ihr wollt! – so wie wir bei uns zu sagen pflegen: jedes Kind kann Euch da zurechtweisen.

Ich habe schon bemerkt, daß man in England weit schöner schreiben lernt, als bei uns, wahrscheinlich rührt dieses auch mit daher, weil in ganz England nur einerlei Hand gebräuchlich ist, worin sich die Buchstaben so ähnlich sehen, daß man sie für gedruckt halten sollte.

Überhaupt scheint Rede, Schrift, Ausdruck und Schreibart, in England weit mehr fixiert zu sein, als bei uns. Der gemeinste Mensch drückt sich in richtigen Phrasen aus, und wer ein Buch schreibt, schreibt doch wenigstens korrekt, wenn die Sachen auch noch so schlecht sind. Denn über den guten Stil scheint man doch in England einig geworden zu sein.

Das erbärmlichste Gewäsch habe ich auf den Kanzeln gehört. Ich bin heute in einigen Kirchen gewesen, wo die Predigten aus dogmatischen Heften genommen zu sein schienen. Es soll hier ein Jude wohnen, von dem sich hiesige Geistliche ihre Predigten für Geld verfertigen lassen.

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