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Felix Mendelssohn Bartholdy: Reisebriefe - Kapitel 9
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authorFelix Mendelssohn Bartholdy
titleReisebriefe
publisherVerlag von Hermann Mendelssohn
editorPaul Mendelssohn Bartholdy
year1862
firstpub
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Felix.

An Carl Immermann in Düsseldorf.

Paris, den 11. Januar 1832.

Sie haben mir erlaubt. Ihnen von Zeit zu Zeit Nachricht von mir zu geben, und seit ich hier bin, habe ich es täglich gewollt; man lebt aber in solcher Unruhe, daß ich erst heute dazu kommen kann. Wenn ich dies Treiben hier, unter allem Gewühl, bei tausend Zerstreuungen, im fremden Volk, mit Ihrem Hause im Garten und der warmen Winterstube vergleiche, so muß ich oft daran denken, wie Sie mit mir tauschen, und an meiner Stelle hierher reisen wollten, und ich möchte dann, ich hätte Sie beim Wort genommen. Aber freilich müßten Sie dabei zugleich in der Winterstube geblieben sein; ich müßte im Schneewetter zu Ihnen hinaus kommen, mich in meine Ecke setzen, und den Schwanritter hören; da ist wohl mehr Leben darin, als in aller Unruhe hier. Mit einem Wort, ich freue mich auf meine Rückkehr nach Deutschland; da ist zwar alles klein und kümmerlich, wenn Sie wollen, aber es leben Menschen da, Menschen, die wissen, was Kunst ist, die nicht bewundern, nicht preisen, überhaupt nicht beurtheilen, sondern schaffen. Sie wollen davon nichts wissen, aber das ist nur, weil Sie selbst mitten drunter sind. – Doch glauben Sie nicht, daß ich wie ein deutscher Jüngling mit langen Haaren sehnsüchtig umhergehe, die Franzosen, oberflächlich, und Paris leichtfertig findend; ich sage das Alles nur, weil ich Paris recht von Grund aus genieße, bewundre und kennen lerne, und sage es eben nur, wenn ich an Sie in Düsseldorf schreiben will. Im Gegentheil habe ich mich recht in den Strudel geworfen, thue den ganzen Tag nichts, als Neues sehen, Deputirten- und Pairs-Kammer, Bilder und Theater, Dio-, Neo-, Cosmo- und Panoramas, Gesellschaften u.s.f. Dazu giebt es Musiker hier wie Sand am Meere, hassen sich alle unter einander, da muß man jeden einzeln besuchen, und ein feiner Diplomat sein, denn kleinstädtisch sind sie alle, und was der Eine zum Andern sagt, weiß morgen das ganze Corps. So sind mir bis jetzt die Tage entflohen, als ob sie nur halb so lang wären, und zum Componiren bin ich gar nicht bisher gekommen; in den nächsten Tagen aber soll dies Fremdenleben aufhören; der Kopf brummt mir von allem Sehen und Staunen, und dann will ich mich ein Bißchen wieder sammeln und an's Arbeiten gehen, da wird mir wieder wohl und heimisch zu Muthe werden.

Am liebsten gehe ich Abends in die kleinen Theater, weil sich in denen das ganze französische Leben und Volk abspiegelt, namentlich habe ich das Gymnase dramatique gern, wo man nur kleine Vaudevilles giebt. Es ist merkwürdig, wie jetzt in allen diesen Lustspielen eine so gründliche Bitterkeit, ein so tiefer Überdruß liegt, der mit den hübschesten Wendungen, und dem lebendigsten Spiel bemäntelt wird, aber nur desto stärker hervortritt. Die Politik spielt überall die Hauptrolle, und die hätte mir das Theater verleiden können, denn man hat außerdem genug davon; aber es ist eine leichtsinnige, spöttische Politik im Gymnase, die alle Vorfälle des Tags und alle Zeitungen benutzt, um lachen und applaudiren zu machen, und da muß man am Ende mitlachen und mitklatschen. Politik und Lüsternheit sind die beiden Hauptinteressen, um die sich alles dreht, und so viel Stücke ich noch gesehen habe, so fehlt eine Verführungsscene, und ein Ausfall auf die Minister nirgends. Schon die ganze Art des Vaudeville, daß gewisse conventionelle Musik zu allen Stücken am Ende der Scene eintritt, zu der die Schauspieler einige Couplets mit einer witzigen Pointe halb singen, halb sprechen, ist so sehr französisch; wir werden das nie lernen können und wollen, denn diese Art der Verbindung von stehendem Refrain und neuem Witz fehlt in unsrer Conversation, und unsern Ideen; es ist so effectvoll und schlagend, und so sehr prosaisch, wie ich mir nur etwas denken kann. Sehr viel Aufsehen macht jetzt ein neues Stück im Gymnase: Le Luthier de Lisbonne; das ist die Wonne des Publikums. Auf dem Zettel steht ein Unbekannter angekündigt; kaum tritt er aber auf, so klatschen und lachen alle Leute, und man erfährt, daß der Schauspieler in Geberden, Tracht und Mienen den Don Miguel täuschend nachahmt; zum Überfluß giebt er sich noch gleich als König zu erkennen, nun ist das Stück gemacht. Je barbarischer, dummer, und schlechter sich der Unbekannte nun benimmt, desto größer ist die Freude des Publikums, das keine seiner Geberden und Äußerungen unbeachtet vorübergehen läßt. Er ist vor einem Auflauf in das Haus dieses Instrumentenmachers geflohen, der der treueste Royalist von der Welt, aber leider der Mann einer sehr hübschen Frau ist; einer der Günstlinge von Don Miguel hat sich von ihr ein Rendezvous für die nächste Nacht erzwungen, und bittet den König der dazu kommt, ihm doch dazu zu helfen, und den Mann etwa köpfen zu lassen. Don Miguel antwortet: très volontiers, und während der Luthier ihn erkennt, ihm zu Füßen fällt, und außer sich über sein Glück ist, unterzeichnet er das Todesurtheil für ihn, aber zugleich auch ein andres für seinen Günstling, an dessen Stelle er nun zur hübschen Frau kommen will. Bei jeder Gräuelthat, die er unternimmt, klatschen und lachen wir, und freuen uns unendlich über den dummen Don Miguel auf der Bühne. So schließt der erste Akt. Im zweiten ist es Mitternacht, die hübsche Frau allein, ängstlich, Don Miguel steigt durch's Fenster hinein, giebt sich alle mögliche Mühe, ihre Liebe auf dem Theater zu gewinnen, läßt sich vortanzen, und vorsingen von ihr; sie kann ihn aber nicht ausstehen, bittet fußfällig um Schonung, drauf packt er sie, schleppt und trägt sie einigemal auf der Bühne hin und her, und wenn sie nicht ein Messer erwischte, und es zugleich draußen klopfte, könnte es schlimm endigen; zum Schluß rettet noch der gute Luthier den König aus den Händen der französischen Soldaten, die eben angekommen sind, und vor deren Tapferkeit und Freiheitsliebe er sich schrecklich fürchtet; so schließt das Stück befriedigend. Dann kommt ein Lustspiel, wo die Frau dem Manne untreu ist, und sich einen Liebhaber hält; dann ein anderes, wo der Mann der Frau untreu ist, und sich von einer Liebhaberin erhalten läßt; dann eine Satyre auf die neuen Bauten in den Tuilerien, und auf's ganze Ministerium, so geht es fort. Wie es mit der französischen Oper ist, weiß ich nicht; sie hat banquerott gemacht, und seit ich hier bin, wird nicht drin gespielt; bei der Académie royale giebt man aber fortwährend Meyerbeer's Robert le diable mit sehr großem Erfolg; das Haus ist immer gefüllt, und die Musik hat allgemein gefallen. Es ist ein Aufwand aller möglichen Vorstellungsmittel, wie ich es nie auf der Bühne gesehen habe; wer in Paris singen, tanzen, spielen kann, singt, spielt und tanzt mit. Das sujet ist romantisch, d. h. der Teufel kommt darin vor (das genügt den Parisern zu Romantik und Phantasie). Es ist aber doch sehr schlecht, und wenn nicht zwei brillante Verführungsscenen vorkämen, würde nicht einmal Effect darin sein. Der Teufel ist ein armer Teufel, erscheint in Rittertracht, um seinen Sohn Robert, einen Normannischen Ritter, der eine Sicilianische Prinzeß liebt, zu verführen; bringt ihn auch richtig dazu, all sein Geld und sein Immobiliarvermögen, d.h. sein Schwert, beim Würfeln zu verspielen, läßt ihn dann einen sacrilège begehen, giebt ihm einen Zauberzweig, der ihn in's Schlafzimmer besagter Prinzeß versetzt, und ihn unwiderstehlich macht. Der Sohn thut das auch alles sehr gern; wie er aber am Ende sich selbst seinem Vater verschreiben soll, der ihm erklärt, er liebe ihn, und könne ohne ihn nicht leben, da führt der Teufel, oder vielmehr der Dichter Scribe eine Bäuerin herbei, die ein Testament von Roberts seliger Mutter besitzt, es ihm vorliest, und ihn dadurch so zweifelhaft macht, daß der Teufel um Mitternacht unverrichteter Sache in die Versenkung fahren muß; darauf heirathet Robert die Prinzeß, und die Bäuerin ist das gute Prinzip gewesen. Der Teufel heißt Bertram. Auf solch eine kalte berechnete Phantasieanstalt kann ich mir nun keine Musik denken, und so befriedigt mich auch die Oper nicht; es ist immer kalt und herzlos, und dabei empfinde ich nun einmal keinen Effect. Die Leute loben die Musik, aber wo mir die Wärme und die Wahrheit fehlt, da fehlt mir der Maßstab. Michael Beer ist heut nach dem Havre abgereist; er scheint dort dichten zu wollen, und dabei fällt mir ein, daß ich den ersten Abend, als ich Sie bei Schadows sah, behauptete, der sei kein Dichter, und daß Sie mir antworteten, es sei Geschmackssache. Heine sehe ich selten, weil er ganz und gar in die liberalen Ideen, oder in die Politik versenkt ist; er hat vor einiger Zeit 60 Frühlingslieder herausgegeben; mir scheinen nur wenige davon lebendig und wahr gefühlt zu sein, aber die wenigen sind auch prächtig. Haben Sie sie schon gelesen? Sie stehen in dem 2ten Bande Reisebilder. Börne will noch einige Bände Briefe folgen lassen; wir schwärmen zusammen für die Malibran und die Taglioni; alle die Herren schimpfen und toben auf Deutschland und alles Deutsche, können aber nicht ordentlich französisch sprechen; das will mir gar nicht behagen. – Verzeihen Sie nur, daß ich so in's Plaudern gerathe, und jetzt hier auf den unehrerbietigen Rand schreiben muß; wie ich Sie aber eine Zeitlang täglich sehen konnte, und jetzt so lange gar nicht, da ist es mir Bedürfniß geworden, und Sie müssen es mir nicht übel nehmen. Sie hatten mir auch einmal versprochen, mir ein Paar Zeilen zu antworten, ich weiß nicht, ob ich Sie daran erinnern darf, aber wissen möchte ich gar zu gern, wie Sie leben, und was der Schrank in der Ecke Neues enthält, wie weit der Merlin ist, und mein Schwanenritter, dessen Klang mir noch immer wie liebe Musik in die Ohren tönt, und ob Sie auch zuweilen meiner, und des nächsten Mai's, und an den Sturm gedacht haben. Es ist wohl viel erwartet, wenn ich mir auf einen Brief gleich eine Antwort von Ihnen erbitte; aber ich fürchte, daß Sie schon am ersten genug haben, und lieber keinen zweiten bekommen wollen, und darum fasse ich mir ein Herz und bitte darum. Eigentlich brauchte ich es gar nicht zu sagen, denn Sie pflegten meine Anliegen zu wissen, ehe ich sie hatte herausbringen können, und wenn Sie mir noch so freundlich sind, wie damals, so werden Sie es auch schon erfüllen, wie alle die andern. Nun leben Sie mir wohl.

Ihr Felix Mendelssohn Bartholdy.

Notre Dame in Paris-Stahlstich von 1837

Paris, den 14. Januar 1832.

Jetzt fange ich erst an, mich hier einzuwohnen, und Paris zu kennen; freilich ist es das tollste, lustigste Nest, das man sich denken kann, aber für Einen, der kein Politiker ist, hat's nur halbes Interesse. Deshalb habe ich mich zum doctrinair gemacht, lese meine Zeitung Morgens, habe meine Meinung über Krieg und Frieden, und gestehe nur unter Freunden, daß ich nichts davon weiß. Das geht aber mit F. nicht, der hier ganz in diesen Strudel von Dilettantismus und Absprecherei gerathen ist, und sich wirklich zum Minister geeignet glaubt. Es ist sehr Schade um ihn, denn was Rechtes wird wohl nie daraus werden. Er hat genug Verstand, um immer beschäftigt zu sein, und nicht genug, um ein Geschäft zu haben, – dilettirt in Allem, und kann auch Alles gut beurtheilen, aber er macht nichts. So sind wir stets auf demselben Fuß der Vertraulichkeit, sehen uns fast täglich, sind gern mit einander, bleiben uns aber innerlich gänzlich fremd. Er scheint für öffentliche Blätter zu schreiben, ist sehr viel mit Heine, und schimpft auf Deutschland wie ein Rohrsperling; alles das kann ich einmal nicht billigen, und da ich ihn eigentlich sehr lieb habe, macht's mich unbehaglich. Man muß sich schon daran gewöhnen, aber es ist gar zu traurig zu wissen, wo es Einem fehlt, und nicht helfen zu können. Dazu wird er sichtlich älter, und da taugt dies regellose, unbeschäftigte Leben immer weniger. – A .. ist aus dem Hause seiner Eltern in die rue MonsignyDamaliger Sitz der Saint-Simonianer. gezogen, und lebt nun mit Leib und Seele dort. Ich habe einen Aufruf an alle Menschen von P., worin dieser sein Glaubensbekenntniß ablegt, und alle auffordert einen Theil ihres Vermögens, und sei er so klein er wolle, den St.-Simonianern zu geben; auch an die Künstler ergeht der Aufruf, ihre Kunst künftig für diese Religion zu verwenden, bessere Musik zu machen, als Rossini und Beethoven; Friedenstempel zu bauen; zu malen wie Raphael und David. Diesen Aufruf habe ich in 20 Exemplaren, die ich Dir, lieber Vater, zuschicken soll, wie P.. mir auftrug. Ich werde es bei einem bewenden lassen, und Du wirst genug davon haben; auch das eine nur bei Gelegenheit, versteht sich. Es ist ein schlimmes Zeichen für den Zustand der Gemüther hier, daß eine solche monströse Idee, in ihrer abschreckenden Prosa, entstehen und einigermaßen um sich greifen konnte, so daß z.B. von den Schülern der polytechnischen Anstalt sehr viele Theil nahmen. Man versteht nicht, wo es hin soll, wenn sie die Sache so von außen anpacken: dem Einen Ehre, dem Andern Ruhm, mir ein Publikum und Beifall, den Armen Geld versprechen, – wenn sie alles Streben, alles weiter Wollen vernichten durch ihre kalte Beurtheilung der Fähigkeit. Und dann nun gar ihre Ideen von allgemeiner Menschenliebe, von Unglauben an Hölle, Teufel und Verdammung, von Zerstörung des Egoismus, – lauter Ideen, die man bei uns von Natur hat, und im Christenthum überall findet, – ohne die ich mir das Leben nicht wünschte, – die sie aber wie eine neue Erfindung und Entdeckung ansehen, und daher sich jeden Augenblick wiederholen, wie sie die Welt umgestalten, und die Menschen glücklich machen wollen. Wenn A.. mir ganz ruhig sagt, an sich selbst brauche er nicht zu bessern, sondern an den Andern, denn er sei gar nicht unvollkommen, sondern vollkommen, – wenn sie sich selbst, und jedem den sie gewinnen wollen, nichts als Complimente und Lobpreisungen machen, die Fähigkeit und Macht die man hat, bewundern, und bedauern, daß so große Kräfte nun verloren gehen sollten durch alle die abgebrauchten Begriffe von Pflicht, Beruf und Thätigkeit, wie man sie sonst verstand: – so will es Einen wie eine traurige Mystifikation bedünken. Ich habe vorigen Sonntag einer Versammlung beigewohnt, wo die Väter im Kreise saßen; dann kam der oberste Vater, forderte ihnen Rechenschaft ab, belobte und tadelte sie, redete zum versammelten Volk, und gab Befehle; – mir war es fast schauerlich! Auch er hat sich von seinen Eltern losgesagt, lebt bei den Vätern, seinen Untergebenen, und versucht eine Anleihe für sie zu machen. Genug davon! Nächste Woche ist ein Concert eines Polen; in dem muß ich ein sechspersönliches Stück mit Kalkbrenner, Hiller und Comp. spielen; erschreckt also nicht, wenn Ihr irgendwo meinen Namen geradebrecht seht, wie im Messager neulich, wo man aus Berlin den Tod des Professor Flegel anzeigte; es haben es alle Journale wiederholt. Ich arbeite jetzt wieder, und lebe vergnügt. Von den Theatern habe ich Euch immer noch nicht schreiben können, obwohl sie mich sehr beschäftigen! Wie aber Bitterkeit und Aufregung selbst in den kleinsten Lustspielen unverkennbar ist, wie alles auf Politik Beziehung hat, wie die sogenannte Romantik alle Pariser angesteckt hat, daß sie an nichts als Pest, Galgen, Teufel und Wochenbette auf dem Theater denken, wie Einer den Andern in Greueln oder Liberalismus überbietet, und wie in der Mitte von all diesen Miseren und Rasereien ein Talent wie Leontine Fay steht, die Grazie und Liebenswürdigkeit selbst, unangefochten von all dem Unsinn, den sie sprechen und spielen muß, und wie sehr sonderbar alle diese Contraste sind, davon ein andermal!

Felix.

Paris, den 21. Januar 1832.

Ich bekomme jetzt in jedem Briefe einen kleinen Hieb, weil ich nicht pünktlich im Antworten sei, und da will ich denn gleich Deine Fragen über meine neu herauszugebenden Sachen erledigen, liebe Fanny.

Es ist mir nämlich eingefallen, daß das Octett, und das Quintett recht gut in meinen Werken figuriren könnten, und sogar besser sind, als manches Andere; was schon darin figurirt. Da mir nun das Herausgeben der Stücke nichts kostet, sondern im Gegentheil etwas einbringt, und da ich dennoch die chronologische Folge nicht ganz verwirren will, so habe ich vor, folgende Sachen bis zu Ostern an den Mann zu bringen: Quintett und Octett (das letzte auch vierhändig arrangirt), Sommernachtstraum, sieben Lieder ohne Worte, sechs Lieder mit Worten; bei meiner Rückkunft nach Deutschland sechs Kirchenmusiken, und endlich, wenn ein Verleger sie stechen und honoriren will, die D moll-Symphonie. Sobald ich in meinem Berliner Concert die Meeresstille aufgeführt habe, kommt auch die heraus. Die Hebriden aber kann ich hier nicht geben, weil ich sie, wie ich Dir damals schrieb, noch nicht als fertig betrachte; der Mittelsatz im forte D dur ist sehr dumm, und die ganze sogenannte Durchführung schmeckt mehr nach Contrapunkt, als nach Thran und Möven und Laberdan, und es sollte doch umgekehrt sein. Um das Stück aber unvollkommen aufzuführen, dazu hab' ich's zu lieb, und hoffe mich also bald daran zu machen, um es für England, und die Michaelismesse fertig zu haben. Ferner frägst Du, warum ich die Italienische A dur-Symphonie nicht componire? Weil ich die sächsische A moll-Ouvertüre componire, die vor der Walpurgisnacht stehen soll, damit das Stück in besagtem Berliner Concert, und anderswo mit Ehren gespielt werden kann. Du willst ich soll in den Marais ziehen, und den ganzen Tag schreiben. Mein Kind, das geht nicht; ich habe nur noch drei Monate höchstens vor mir, um Paris zu sehen, und da muß man sich in den Strom werfen: dazu bin ich hergekommen; es ist Alles auch gar zu bunt und anziehend, um es abzuweisen; es rundet mir nun mein liebes Reisebild ganz ab, bildet einen sonderbar colossalen Schlußstein, und da muß ich also Paris jetzt als die Hauptsache zu betrachten suchen. Zugleich stehen von beiden Seiten die Verleger als wahre Satane da, verlangen Claviermusik, und wollen sie bezahlen; bei Gott, ich weiß nicht, ob ich widerstehe, und nicht ein oder das andere Trio schreibe, denn daß ich über die Potpourri-Verführung erhaben bin, traust Du mir hoffentlich zu; aber ein Paar gute Trios componirt' ich gern. Zugleich ist am Donnerstag die erste Probe von meiner Ouvertüre, die im zweiten Concert des Conservatoriums gegeben wird; im dritten soll dann die D moll-Symphonie folgen. Habeneck spricht von sieben bis acht Proben; sie sollen mir willkommen sein. Zugleich soll ich bei Erard im Concert etwas aufführen, und mein Münchner Clavier-Concert spielen; da muß ich sehr üben. Zugleich liegt neben mir ein Billet: le président du conseil, Ministre de l'intérieur, et Mme. Casimir Périer prient etc. auf Montag Abend zum Ball; heut Abend ist Musik bei Habeneck; morgen bei Schlesinger; Dienstag die erste öffentliche Soirée von Baillot; Mittwoch spielt Hiller sein Concert im Hôtel de Ville, – das dauert alles immer bis über die Mitternacht, – da lebe ein Andrer einsam; das sind lauter Dinge, die man nicht abweisen kann. Also wann soll ich componiren? Vormittags! Gestern kam Hiller, dann Kalkbrenner, dann Habeneck. Vorgestern kam Baillot, dann Eichthal, dann Rodrígues. Also Morgens früh! Na ja, – da componir' ich auch. – Du bist also widerlegt. – Gestern war auch P.. bei mir, sprach St.-Simonismus, und machte mir, indem er mich entweder für dumm, oder für klug genug hielt, Eröffnungen, die mich so empörten, daß ich mir vornahm, weder zu ihm, noch zu den andern Complicen wieder hinzugehen. Heut früh nun stürzt Hiller in's Zimmer, und erzählt wie er eben der Arrestation der Saint-Simonianer beigewohnt habe; er wollte ihre Predigt hören; die Päbste kommen nicht. Plötzlich treten Soldaten ein, und man wird gebeten, sich schleunigst fortzubegeben, da Herr Enfantin und die übrigen, in der rue Monsigny arretirt seien. In der rue Monsigny stehen Nationalgarden, und andere Soldaten aufmarschiert; Alles wird versiegelt, und nun wird der Prozeß anfangen. Mein H moll-Quartett ist in der rue Monsigny liegen geblieben, und wird nun auch versiegelt; nur das Adagio ist vom juste milieu, alle anderen Stücke vom mouvement; ich werde es am Ende vor der Jury spielen müssen. – Neulich stand ich beim Abbe Bardin, in einer großen Gesellschaft, und hörte zu, wie sie mein A moll-Quartett verarbeiteten. Im letzten Stück zupfte mich mein Nachbar, und sagte: il a cela dans une de ses sinfonies. – Qui? sagte ich etwas ängstlich. – Beethoven, l'auteur de ce quatuor, sagte er mir wichtig. Es war sauersüß! Aber ist es nicht schön, daß meine Quartetten in den Klassen des Conservatoire gespielt werden, und daß die Schüler sich die Finger zerbrechen müssen, um »ist es wahr« zu spielen? – Ich komme eben aus St. Sulpice, wo mir der Organist die Orgel vorgeritten hat: sie klingt wie ein vollstimmiger Chor von alten Weiberstimmen; aber sie behaupten, es sei die erste Orgel in Europa, wenn man sie reparirte, was 30 000 Francs kosten soll. Wie der Canto fermo mit einem Serpent begleitet klingt, das glaubt Niemand, der es nicht gehört hat, und dazu läuten die dicken Glocken! –

Die Post geht, ich muß zu plaudern aufhören, sonst dauerte es noch bis übermorgen. Ich habe noch gar nicht einmal erzählt, daß zu Ostern die Bach'sche Passion in der italienischen Oper zu London angekündigt ist.

Euer
Felix.

Paris, den 4. Februar 1832.

Ihr werdet es mir wohl verzeihen, wenn ich Euch heute nur ein Paar Worte schreibe. Ich weiß erst seit gestern meinen unvergeßlichen Verlust.Den Tod seines Freundes des Violinspielers Eduard Rietz. Es ist eine schöne, liebe Zeit meines Lebens, und viele Hoffnungen damit vorbei, und macht mich für immer weniger glücklich. Nun muß ich sehn, mir neue Pläne und neue Luftschlösser zu bauen; die vorigen sind verloren, denn er war immer mit hinein verflochten, und wie ich mir meine ganze Knabenzeit, und die darauf folgende, nie werde ohne ihn denken können, so dachte ich mir bis jetzt auch die Zukunft nicht anders. Daran muß ich mich nun gewöhnen; aber eben, daß ich an nichts denken kann, ohne eine Erinnerung an ihn, – daß ich nie Musik hören konnte, ohne das, und nichts schreiben, ohne an ihn dabei zu denken, – das macht mir den Lebensabschnitt doppelt fühlbar. Denn jetzt ist die vorige Zeit wirklich vergangen. Aber das verliere ich nicht allein, sondern einen Menschen, den ich liebte; hätte ich auch gar keinen Grund gehabt, oder alle Gründe verloren, so hätte ich ihn doch geliebt, ohne Grund, und er hatte mich auch lieb, und das Bewußtsein, daß solch ein Mensch in der Welt sei, bei dem man ausruhen konnte, und der Einem zu Liebe lebte, und der nichts wollte, als eben blos dasselbe, das ist nun vorbei. Es ist der härteste Verlust, der mich bis jetzt hat treffen sollen, und ich werde ihn niemals vergessen.

Das war meine gestrige Geburtstagsfeier. Schon wie ich am Dienstag Baillot hörte, und zu Hiller sagte, für mich spiele doch einmal nur Einer die Musik, die ich liebte, da schon stand L. neben mir, und wußte es, und gab mir den Brief nicht. Er wußte freilich nicht, daß gestern mein Geburtstag war; aber gestern früh erfuhr ich es nach und nach durch ihn, und da konnte ich mich nun an die vorigen Jahrestage erinnern, und mit der Vergangenheit ein wenig abschließen, wie man es wohl immer am Geburtstag sollte, und mir denken, wie er sonst an dem Tage immer mit irgend etwas Besonderem kam, das er sich lange ausgedacht hatte, und das so nett und erfreulich und liebenswürdig war, wie er selbst. Der Tag war sehr traurig; ich konnte nichts anderes denken und thun, als dasselbe.

Heute habe ich mich zum Arbeiten gezwungen, und es ist gegangen. Meine A moll-Ouvertüre ist beendigt; ich denke nun einige Sachen zu schreiben, die man hier gut bezahlen will.

Sagt mir, bitte, noch recht viel über ihn, und alle möglichen Kleinigkeiten; es thut mir wohl, noch einmal über ihn zu hören. Vor mir liegen seine zierlichen Octett-Stimmen, und gucken mich an. Ich werde wohl bald wieder meine gewöhnliche Stimmung haben, und Euch munter und ausführlich schreiben können, aber der neue Abschnitt ist angefangen, und Überschriften giebt es nicht.

Euer
Felix.

Paris, den 18. Februar 1832.

Ich lebe jetzt hier sehr angenehm und still. Zu Gesellschaften treibt mich weder meine Stimmung, noch das Vergnügen, das sie darbieten. Sie sind hier, wie überall, trocken und nicht fördernd, und wegen der späten Stunden doppelte Zeit kostend. Dagegen versäume ich nicht, wo es gute Musik giebt; über das erste Concert des Conservatoire schreibe ich an Zelter das Nähere. Die Leute spielen ganz vortrefflich, und so gebildet, daß es eine Freude ist; sie haben selbst Lust daran, geben sich jeder die größte Mühe; der Chef ist ein tüchtiger, gewandter Musiker, da muß es gut zusammen gehen. Morgen wird mein A moll-Quartett öffentlich gespielt. Cherubini sagt von Beethovens neuer Musik » ca me fait éternuer«, und so glaube ich, das ganze Publikum wird morgen niesen. Die Spieler sind Baillot, Sauzay, Urhan und Norblin, die besten hier. Meine A moll-Ouvertüre ist fertig; sie stellt schlechtes Wetter vor. Eine Einleitung, in der es thaut und Frühling wird, ist auch vor ein Paar Tagen beendigt, und so habe ich denn die Bogen der Walpurgisnacht gezählt, die sieben Nummern noch ein wenig ausgeputzt, und dann getrost unten: Mailand im Juli – Paris im Februar – hingeschrieben. Ich denke es soll Euch gefallen. Vor allen Dingen muß ich jetzt ein Adagio für mein Quintett machen; die Spieler schreien darnach, und ich finde sie haben Recht. – Ich wollte Ihr könntet einmal eine Probe meines Sommernachtstraums im Conservatoire hören; sie spielen es wunderhübsch. – Es ist noch nicht gewiß, ob es schon nächsten Sonntag losgelassen wird; es sind nur noch zwei Proben bis dahin, und zweimal ist es erst gespielt worden; aber ich denke es wird gehen, und es wäre mir lieb, wenn es Sonntag, und nicht im 3ten Concert wäre, weil ich am 26sten für die Armen spielen soll (irgend einen Weber), am 27sten im Concert bei Erard (mein Münchener Concert) und sonst noch, und weil ich zuerst gern im Conservatoire aufträte. Ich werde auch im Conservatoire spielen, und zwar wollen die Herren gern eine Claviersonate von Beethoven; es wäre toll, aber ich stimme für sein G dur-Concert, das hier kein Mensch kennt. Am meisten freue ich mich aber auf die D moll-Symphonie, die sie nächste Woche vornehmen; das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß ich die in Paris zuerst hören sollte. – Außerdem gehe ich oft in die Theater, und sehe die große Gewandtheit, den Verstand, und die unglaubliche Sittenlosigkeit, die sie darin verbrauchen ; ins Gymnase darf eigentlich keine Dame gehen; – sie gehen aber doch hin. Wenn Ihr nun nehmt, daß ich Notre Dame lese, daß ich Mittags immer bei meinen Bekannten hier oder dort esse, und nach 3 Uhr das liebe, schöne Frühlingswetter benutze, um spazieren zu gehen, hie und da eine Visite zu machen, und in den prachtvollen Tuilerien die bunten Herren und Damen zu sehen, so habt Ihr meinen Pariser Tag. Nun lebt wohl.

Felix.

Paris, den 21. Februar 1832.

Es bezeichnet jetzt fast jeder Eurer Briefe, der zu mir ankommt, einen bittern Verlust. Gestern erhielt ich den mit der Nachricht von der lieben U., die ich nicht mehr bei Euch finde – da ist zum Mittheilen und Plaudern keine Zeit; man muß arbeiten, und sich weiter zu bringen suchen. Ich habe ein großes Adagio componirt, in das Quintett hinein, als ein Intermezzo. Es heißt Nachruf, und ist mir eingefallen, wie ich eben etwas für Baillot componiren mußte, der so schön spielt, und mir so gut ist, und der es öffentlich spielen will vor den Leuten, und der mir doch so fremd ist. Vorgestern ist im Concert des Conservatoire zum ersten Male meine Ouvertüre zum Sommernachtstraum gegeben worden. Sie hat mir großes Vergnügen gemacht, denn sie ging ganz vortrefflich, und schien auch den Leuten zu gefallen. In einem der nächsten Concerte wird sie noch einmal aufgeführt, und meine Symphonie, die deswegen ein wenig verzögert worden ist, soll Freitag oder Sonnabend vorgenommen weiden. Auch werde ich im 4ten oder 5ten Concert Beethovens G dur-Concert spielen. Die Musiker kreuzigen und segnen sich über all die Ehre, die mir das Conservatoire anthut. Das A moll-Quartett haben sie am Dienstag wundervoll gespielt, mit einem Feuer, und alle so einig, daß es eine Freude war, und da ich Rietz nicht mehr hören kann, so werde ich es wohl so bald nicht besser haben. Es schien den Leuten vielen Eindruck zu machen, und beim Scherzo wurden sie ganz toll.

Es ist nun aber einmal wieder Zeit, daß ich Dir, lieber Vater, über meinen Reiseplan ein Paar Worte schreibe, und zwar dieses mal aus vielen Gründen ernster als gewöhnlich. Da möchte ich denn erst einmal das Allgemeine zusammen fassen, und an das denken, was Du mir vor meiner Abreise als meine Zwecke hingestellt hast, und fest zu halten befahlst: ich solle mir nämlich die verschiedenen Länder genau betrachten, um mir das auszusuchen, wo ich wohnen und wirken wolle; – ich solle ferner meinen Namen, und das was ich kann, bekannt machen, damit die Menschen mich da, wo ich bleiben wolle, gern aufnehmen, und ihnen mein Treiben nicht fremd sei; und endlich, ich solle mein Glück und Deine Güte benutzen, um meinem späteren Wirken vorzuarbeiten. Es ist mir ein freudiges Gefühl, Dir nun sagen zu können, ich glaube das sei geschehen. Die Fehler abgerechnet, die man zu spät einsieht, denke ich diese Deine hingestellten Zwecke erfüllt zu haben. Die Leute wissen jetzt, daß ich lebe, und daß ich etwas will; und was ich Gutes leiste, werden sie wohl gut annehmen. Sie sind mir hier entgegen gekommen, und haben von meinen Sachen verlangt, was sie sonst nie gethan haben, da sich alle andern, sogar Onslow, darum haben melden müssen. Von London aus hat mich das Philharmonic zum 10. März einladen lassen, um etwas Neues von mir aufzuführen; meinen Münchener Auftrag habe ich ebenfalls bekommen, ohne den geringsten ersten Schritt zu thun, und zwar erst nach meinem Concert. Nun will ich noch hier (wenn es sich macht), und gewiß in London, falls die Cholera mich nicht an dem Hinreisen im April verhindert, ein Concert für meine Rechnung geben, und mir etwas Geld verdienen, damit ich mich auch darin versucht habe, ehe ich zu Euch zurückkomme, sodaß ich hoffe den Theil Deiner Absicht, mich den Leuten bekannt zu machen, erfüllt nennen zu können. Aber auch die andere Absicht, daß ich mir ein Land aussuchen solle, wo ich leben möge, ist mir, wenigstens im Allgemeinen, gelungen. Das Land ist Deutschland; darüber bin ich jetzt in mir ganz sicher geworden. Die Stadt aber wüßte ich nicht zu sagen, denn die wichtigste, zu der es mich aus so vielen Gründen hinzieht, kenne ich noch nicht in dieser Beziehung, – ich meine Berlin; ich muß also erst bei meiner Rückkunft prüfen, ob ich da werde bleiben und stehen können, wie ich mir es denke und wünsche, nachdem ich alles andere gesehen und genossen habe. – Das ist auch der Grund, warum ich mich hier um keine Oper bewerbe. Wenn ich eine recht gute Musik mache, wie sie heut sein muß, so wird sie in Deutschland auch schon verstanden und geliebt werden (es ist mit allen ihren guten Opern so gewesen). Wenn ich eine mittelmäßige Musik mache, so wird sie in Deutschland vergessen; hier aber würde sie doch oft gegeben, gelobt, nach Deutschland geschickt, und dort auf die Pariser Autorität hin gegeben, wie wir es täglich sehen; das will ich aber nicht, und wenn ich keine gute Musik habe machen können, so will ich auch nicht dafür gelobt sein. Drum will ich es erst in Deutschland anfangen, und geht es da so arg, daß ich nicht mehr dort leben kann, so bleibt mir die Fremde noch immer. Zudem ist die opéra comique hier so verfallen und schlecht, wie wenig deutsche Theater, und sie fällt von einem Banquerott in den andern. Wenn man Cherubini fragt, warum er seine Opern nicht dort zu geben erlaubt, so antwortet er: je ne fais pas donner des opéras sans choeur, sans orchestre, sans chanteurs et sans décorations. Die große Oper aber hat schon auf Jahre hinaus bestellt, und man könnte nur auf drei bis vier Jahre hin einen Auftrag erhalten. – So will ich denn fürs erste zu Euch zurückkehren, meinen Sturm schreiben, und sehen, wie er geräth. Der Plan also, den ich Dir vorlegen wollte, lieber Vater, ist der, hier bis Ende März oder Anfang April zu bleiben (das Philharmonic für den 10. März habe ich natürlich abgeschrieben, und mir's vorbehalten), dann nach London auf ein Paar Monate zu gehen, dann, wenn das Rheinische Musikfest zu Stande kommt, zu dem sie mich haben rufen wollen, über Düsseldorf, wo nicht, auf dem kürzesten Wege zu Euch zurück zu kehren, und bald nach Pfingsten bei Euch zu sein im Garten.

Lebt wohl.
Felix.

Paris, den 15. März 1832.

Liebe Mutter!

Das ist der 15. März 1832. Geh' es Dir heute wohl und fröhlich. Du willst lieber, daß die Briefe am Geburtstage ankommen, als daß sie an dem Tage geschrieben werden; aber nimm es mir nicht übel, ich kann mich nicht daran gewöhnen. Vater sagte, man könne nicht wissen, wie es später aussehe, drum müsse der Brief zum Tage ankommen; aber dies Gefühl habe ich dann doppelt, denn ich weiß nicht, wie Ihr den Tag leben werdet, und weiß es von mir noch dazu auch nicht. Ist aber das Fest herangekommen, dann ist mir, als wäre ich beinahe bei Euch, und Ihr könntet meinen Glückwunsch eben nur nicht hören; dann kann ich ihn ohne andere Sorge bringen, als die Sorge der Entfernung. Die aber wird bald vorüber sein, so Gott will, und er erhalte Dich, und Euch alle mir zu meinem Glück. –

Jetzt habe ich angefangen, mich recht in's Musikleben zu werfen, und da Euch das freut, so will ich auch etwas davon schreiben, denn ein Brief, den ich sammt einem Zeichenbuch vor einigen Tagen durch den Adjutanten von Mortier zu Euch schicken wollte, wartet noch immer, sowie ganz Paris auf die Abreise des Marschalls, die aber nicht erfolgt. Sollte aber doch der Brief mit dem Buch durch den Mann in Eure Hände gelangen, so nehmt die ganze Sendung, besonders aber den Mann (einen Grafen Perthuis) freundlich auf, denn er ist einer der freundlichsten, liebenswürdigsten Menschen, die mir begegnet sind. Ich hatte Euch darin schon geschrieben, daß ich übermorgen im Conservatoire das G dur-Concert von Beethoven spiele, und daß der ganze Hof zum erstenmale in's Concert kommt. K. möchte mich todt beißen vor Neid; er wollte mich erst durch tausend Intriguen nicht zum Spielen kommen lassen, und als er nun gar erfuhr, daß die Königin komme, so hat er alles Mögliche gethan, um mich aus dem Wege zu schaffen. Zum Glück sind alle andern vom Conservatoire, namentlich der allmächtige Habeneck, meine wahren Freunde, und so hat's ihm nichts geholfen. Er ist der einzige Musiker hier, der sich wirklich mißgünstig und falsch gegen mich nimmt; und obwohl ich ihm nie getraut habe, so ist es doch immer ein beängstigendes Gefühl, Jemand gegenüber zu stehen, der Einen haßt, und es nicht zeigen will.

Den 17ten.

Der Brief hat nicht fertig werden können, weil besagtes Musiktreiben diese Tage so toll geworden ist, daß ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Ein bloßer Catalog von dem, was ich zu thun habe und hatte, muß also für heute genügen, und mich zugleich entschuldigen. Eben komme ich aus der Probe vom Conservatoire. Wir haben ordentlich probirt; gestern zwei mal, und heut auch beinahe alles wiederholt; nun geht es aber auch wie geschmiert. Wenn die Leute morgen halb so entzückt sind, wie das Orchester, so ist es gut; das hat gestern das Adagio wüthend da capo gerufen, und heut hat Habeneck eine kleine Rede halten müssen, um anzuzeigen, daß am Ende noch ein Takt Solo wäre, den sie doch gütigst abwarten möchten. Es würde Euch freuen, all die Freundlichkeiten und kleinen Artigkeiten zu sehen, die Der für mich hat; nach jedem Symphoniestück frägt er mich, ob mir irgend etwas nicht recht sei, und so habe ich einige Lieblingsnüancen hier, im französischen Orchester, zuerst durchsetzen können. Nach der Probe hat Baillot in seiner Classe mein Octett gespielt, und wenn es auf der Welt ein Mensch noch spielen kann, so ist er es. Er war so außerordentlich, wie ich ihn nie gehört habe, und eben so auch Urhan, Norblin, und die andern, die alle wüthend und rasend hineinhieben. – Außerdem muß ich nun die Ouvertüre und das Octett fertig arrangiren, muß das Quintett in Ordnung bringen, da Simrock es gekauft hat, muß Lieder aufschreiben, und erlebe die Autorfreude, mein H moll-Quartett etwas umarbeiten zu können, da es hier bei zwei verschiedenen Verlegern herauskommt, die mich um nachträgliche Änderungen gefragt haben, ehe sie es publicirten; endlich alle Abend Soirées; heut Bohrers; morgen eine Fête mit allen Geigen-Gamins des Conservatoire; übermorgen Rothschild; Dienstag die société des beaux arts, Mittwoch mein Octett beim Abbé Bardin; Donnerstag mein Octett bei Mde. Kiéné; Freitag Concert bei Erard; Sonntag Concert bei Leo, und endlich Montag, lache, wer lachen kann, wird zu Beethovens Sterbefeier in einer Kirche mein Octett gespielt; dies ist das Dümmste, was die Welt gesehen hat; aber es war nicht abzuschlagen, und ich freue mich einigermaßen es zu erleben, daß während des Scherzo eine stille Messe gelesen werden soll. Man kann es sich nicht toller erdenken, als einen Priester am Altar, und mein Scherzo dazu – man reist eigentlich inkognito. Endlich giebt Baillot am 7. April ein großes Concert, und ich habe ihm versprochen, bis dahin noch hier zu bleiben, und darin ein Concert von Mozart, und noch etwas zu spielen. Den 8ten sitze ich dann auf der Post und fahre nach London, habe vorher noch meine Symphonie im Conservatoire gehört, und einige Stücke verkauft, und freue mich dann über die freundliche Aufnahme, die mir die Musiker hier gemacht haben. –

Lebt wohl!
Felix.

Paris, den 31. März 1832.

Verzeiht mein langes Stillschweigen, ich wußte Euch nichts Erfreuliches mitzutheilen, und verstimmte Briefe schreibe ich ungern. So hätte ich auch jetzt lieber noch schweigen sollen, denn mir ist nicht gar lustig zu Muthe. – Aber seit wir das GespenstDie Cholera. hier haben, will ich Euch nun regelmäßig schreiben, damit Ihr wisset, ich sei wohlauf und arbeite weiter. Nur Goethe's Verlust ist eine Nachricht, die Einen wieder so arm macht! Wie anders sieht das Land aus! Es ist so eine von den Botschaften, deren ich manche schon hier bekommen habe, die mir nun beim Namen Paris immer einfallen werden, und deren Eindruck mir durch alle Freundlichkeit, alles Sausen und Brausen, und das ganze lustige Leben hier nicht verlöschen wird. Möge mich Gott nur vor noch schlimmeren Nachrichten bewahren, und mich zu Euch Allen zur fröhlichen Wiederkunft bringen; das ist die Hauptsache! Durch mehrere Umstände bin ich bewogen worden, meinen Aufenthalt hier wenigstens noch um 14 Tage, also bis Mitte April zu verlängern, und die Concertidee hat sogar wieder zu spuken angefangen; ich werde sie auch ausführen, wenn die Cholera nicht die Leute von musikalischen und sonstigen Vereinigungen abhält. Das zeigt sich in 8 Tagen, die ich auf jeden Fall noch hier bleibe; ich glaube aber, es wird alles seinen ruhigen Gang fortgehen, und der Figaro Recht behalten, der einen Artikel schreibt, der »enfoncé le Cholera« heißt, in dem er behauptet, Paris sei das Grab aller Reputationen; man hätte da vor nichts Achtung; man gähne bei Paganini (er gefällt diesmal sehr wenig), man sehe sich nach einem Kaiser oder Dey auf der Straße nicht um, und so würde die Krankheit ihren sauer erworbenen schlechten Namen hier auch verlieren. – Von meinem Spielen im Conservatoire wird Euch der Graf Perthuis wohl erzählt haben; die Franzosen sagen, es sei ein beau succès gewesen, und es hat den Leuten Plaisir gemacht. Auch hat mir die Königin alles mögliche Schöne darüber sagen lassen. Am Sonnabend muß ich wieder zwei mal öffentlich spielen. Mein Octett am Montag in der Kirche hat aber an Absurdität Alles übertroffen, was die Welt bis jetzt gesehen und gehört hat. – Wie der Priester während des Scherzo am Altar fungirte, da klang es wirklich ganz wie »Fliegenschnauz und Mückennas, verfluchte Dilettanten«, die Leute fanden es aber wer weiß wie kirchlich, und sehr schön.

Das Dir mein H moll-Quartett gefallen hat, lieber Vater, erfreut mich gar zu sehr; es ist ein Ding, das mir lieb ist, und das ich sehr gern spiele, obwohl das Adagio viel zu süß gerathen ist; das Scherzo thut dann desto besser darauf. Du scheinst Dich aber etwas über mein A moll-Quartett zu moquiren, wenn Du von einer andern Instrumentalmusik sagst, sie koste Kopfzerbrechen, um herauszukriegen, was der Verfasser gedacht habe, der aber nichts gedacht habe. – Das Stück müßte ich denn vertheidigen, denn es ist mir auch lieb; aber es kommt nur gar zu viel auf die Ausführung an, und ein Einziger dabei, der mit Eifer und Liebe spielt, wie es Taubert gethan haben soll, macht einen großen Unterschied.

Euer
Felix.

Ansicht von London mit Parlament und Westminsterabtei wie Mendelssohn es sah.

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