Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Reise um den Mond

Jules Verne: Reise um den Mond - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/verne/ummond/ummond.xml
typefiction
authorJules Verne
titleReise um den Mond
publisherA. Hartleben's Verlag
year1874
correctorreuters@abc.de
senderreuters@abc.de
created20130522
Schließen

Navigation:

Sechstes Capitel

Fragen und Antworten.

Am 4. December wiesen die Chronometer auf fünf Uhr früh Morgens nach irdischer Berechnung, als die Reisenden nach vierundfünfzigstündiger Fahrt erwachten. Der Zeit nach waren sie erst um fünf Stunden und vierzig Minuten über die Hälfte der für die Fahrt angezeigten Dauer hinaus; von dieser Fahrt aber hatten sie schon beinahe sieben Zehntel zurückgelegt. Dieser eigenthümliche Umstand war der regelmäßigen Abnahme ihrer Geschwindigkeit zuzuschreiben.

Wenn sie die Erde von ihrem Fußbodenfenster aus beobachteten, erschien sie ihnen nur noch wie ein dunkler Flecken in einem Meer von Sonnenstrahlen. Keine Sichelform, kein aschfarbenes Licht mehr. Am folgenden Tag um Mitternacht, gerade zur Zeit des Vollmonds, mußte die Erde Neulicht haben. Oben näherte sich der Mond mehr und mehr der Linie ihrer Fahrt, so daß das Projectil zu der festgesetzten Stunde mit ihm zusammentreffen mußte. Ringsumher war das schwarze Himmelsgewölbe mit glänzenden Punkten besäet, welche langsam ihre Stelle zu ändern schienen. Aber bei der bedeutenden Entfernung schien ihre verhältnißmäßige Größe nicht geändert. Sonne und Sterne erschienen gerade so, wie man sie von der Erde aus schaut. Der Mond zeigte sich um ein Beträchtliches größer; aber mit ihren Fernröhren, welche überhaupt nicht weit reichten, vermochten die Reisenden noch nicht auf seiner Oberfläche ausgiebige Beobachtungen anzustellen, topographische oder geologische Eigenthümlichkeiten zu erkennen.

So verfloß denn auch die Zeit in fortgesetzten Unterhaltungen. Man plauderte vom Mond überhaupt, wobei jeder zum Besten gab, was er an Kenntnissen Besonderes hatte, Barbicane und Nicholl stets ernst, Michel Ardan stets phantastisch. Das Projectil, seine Lage und Richtung, die Zwischenfälle, welche eintreten konnten, die Vorsichtsmaßregeln, welche ein bevorstehender Fall auf den Mond erforderlich machte – dies alles bot unerschöpflichen Stoff zu Muthmaßungen.

Eben beim Frühstück rief eine auf das Projectil bezügliche Frage Michel's eine merkwürdige Beantwortung von Seiten Barbicane's hervor.

Michel, in Voraussetzung, das Geschoß werde, während es mit seiner furchtbaren Geschwindigkeit in voller Bewegung war, zu einem plötzlichen Innehalten veranlaßt, wünschte zu wissen, welche Folgen ein solcher Anhalt haben würde.

»Aber«, erwiderte Barbicane, »ich sehe nicht ein, wie das Projectil zu einem Innehalten veranlaßt werden könnte.«

– Nehmen wir den Fall an, erwiderte Michel.

– Ein solcher Fall könnte nicht wirklich werden, versetzte der praktische Barbicane, sofern nicht die treibende Kraft in Abgang kommen sollte. Allein dann würde seine Geschwindigkeit allmälig abnehmen, ein plötzlicher Stillestand würde nicht eintreten.

– Angenommen, es stoße wider einen Körper an.

– Was für einen Körper?

– So ein Bolide, welchem wir begegnet sind.

– Dann, sagte Nicholl, würde das Projectil in tausend Stücke zersplittert, und wir mit.

– Noch besser, versetzte Barbicane, wir würden lebendig verbrannt.

– Verbrannt! rief Michel. Wahrhaftig! Ich bedauere, daß der Fall nicht eingetreten ist, »um es mit anzusehen«.

– »Und Du würdest es erlebt haben, erwiderte Barbicane. Man weiß jetzt, daß die Wärme nur eine Modification der Bewegung ist. Wenn man Wasser siedet, d.h. wenn man seine Wärme vermehrt, so bedeutet das, man vermehrt die Bewegung seiner Elementartheilchen.

– Nun! sagte Michel, das ist ja eine geniale Theorie!

– Und eine richtige, mein werther Freund, denn sie erklärt alle Erscheinungen des Wärmestoffs. Die Hitze ist nur eine Bewegung der Elementartheile, eine bloße Schwingung der Theilchen eines Körpers. Wenn man einen Zug zum Stillestehen bringt, so hält der Zug an. Aber was wird aus der Bewegung, welche ihn trieb? Sie verwandelt sich in Wärme, und der hemmende Zügel wird heiß. Warum schmiert man die Achse der Räder mit Fett? Um sie zu hindern, in Hitze zu kommen, in Betracht, daß die durch die Umwandlung verlorene Bewegung zu Hitze wird. Begreifst Du?

– Ob ich's begreife! erwiderte Michel, zum Staunen! So zum Beispiel, wenn ich lange gelaufen und ganz in Schweiß bin, daß mir die Tropfen rinnen, weshalb muß ich inne halten? Ganz einfach, weil meine Bewegung sich in Wärme verwandelt hat!«

Barbicane konnte bei Michel's Erwiderung das Lachen nicht halten. Dann kam er auf seine Theorie zurück und sprach:

»Also im Fall eines Anstoßes wäre es unserem Projectil ergangen, wie einer Kugel, welche, nachdem sie auf eine eiserne Platte getroffen, brennend heiß nieder fällt. Ihre Bewegung hat sich in Hitze verwandelt. Demnach behaupte ich, daß, wäre unsere Kugel mit dem Boliden zusammengestoßen, seine mit einem Male aufgehobene Geschwindigkeit eine Hitze erzeugt hätte, welche es augenblicklich zu verflüchtigen im Stande war.

– Dann, fragte Nicholl, was für eine Folge würde eintreten, wenn die Erde plötzlich in ihrer Umlaufbewegung gehemmt würde?

– Ihre Temperatur würde einen Höhegrad erreichen, erwiderte Barbicane, daß sie unverzüglich in Dünste aufgelöst würde.

– Gut, sagte Michel, da gäb's also ein höchst einfaches Mittel, der Welt ein Ende zu machen.

– Und wenn die Erde auf die Sonne fiele? sagte Nicholl.

– Den Berechnungen nach, erwiderte Barbicane, würde dieser Fall eine Hitze entwickeln gleich der von sechzehnhundert Kohlenkugeln von der Größe des Erdballs.

– Das würde der Sonnenhitze einen hübschen Zuwachs geben, versetzte Michel Ardan, worüber die Bewohner des Uranus und Saturn sich gewiß nicht beklagen würden, denn die müssen auf ihrem Planeten eine entsetzliche Kälte auszustehen haben.

– Also, meine Freunde, fuhr Barbicane fort, jede plötzlich zum Stillstand gebrachte Bewegung erzeugt Wärme. Und diese Theorie gestattet die Annahme, daß die Hitze der Sonnenscheibe durch einen Hagel von Boliden, welche unaufhörlich auf ihre Oberfläche fallen, unterhalten wird. Man hat selbst berechnet ...

– Verlassen wir uns nicht darauf, brummte Michel, das sind Ziffern, die gehen in's Weite.

– Man hat selbst berechnet, sagte Barbicane, ohne sich stören zu lassen, daß das Zusammenstoßen eines jeden Boliden mit der Sonne eine Hitze erzeugen muß, welche der von viertausend Massen Kohlen von demselben Kubikinhalt gleich kommt.

– Und wie stark ist die Sonnenhitze? fragte Michel.

– Sie ist gleich derjenigen, welche durch das Verbrennen einer um die Sonne herumgelegten siebenundzwanzig Kilometer dicken Kohlenschichte erzeugt würde.

– Und diese Hitze? ...

– Sie würde fähig sein, stündlich zwei Milliarden, neunhundert Millionen Kubikmyriameter Wasser siedend zu machen.

– Und sie röstet uns nicht? rief Michel.

– Nein, erwiderte Barbicane, weil die Erdatmosphäre vier Zehntel der Sonnenhitze verzehrt. Uebrigens beträgt die Quantität der von der Erde aufgefangenen Sonnenwärme nur zwei Milliardetheile der Gesammtausstrahlung derselben.

– Ich sehe wohl, daß Alles zum Besten dient, versetzte Michel, und daß diese Atmosphäre eine nützliche Erfindung ist, denn sie vergönnt uns nicht allein zu athmen, sondern verhindert uns auch zu braten.

– Ja, sagte Nicholl, und leider wird's auf dem Mond nicht ebenso sein.

– Bah! sagte Michel, stets voll Zuversicht. Wenn's dort Bewohner giebt, so athmen sie auch. Giebt's keine mehr, so werden sie wohl Sauerstoff übrig gelassen haben, der für drei Personen ausreicht, sei's auch im Grund der Schluchten, wo er durch seine Schwere sich ansammelte! Nun! Die Berge werden wir nicht erklettern können! Das ist Alles.«

Michel stand auf und betrachtete die Mondscheibe, deren Glanz so stark war, daß man nicht hineinschauen konnte.

»Sacrement!« sagte er, »es muß doch warm da oben sein.«

– »Nicht zu rechnen, erwiderte Nicholl, daß der Tag dort dreihundertundsechzig Stunden dauert!

– Zur Ausgleichung, sagte Barbicane, sind die Nächte da eben so lang, und da die Wärme durch Strahlen erneuert wird, so dürfte ihre Temperatur nicht anders sein, als die der Planetenräume.

– Ein hübsches Land! sagte Michel. Gleichviel! Ich möchte schon dort sein! Nicht wahr, liebe Kameraden, es wird recht merkwürdig sein, wenn man die Erde zum Mond hat, sie am Horizont aufgehen sieht, die Gestaltung ihrer Continente erkennt und sich sagt: hier ist Amerika, hier Europa! dann ihr mit den Blicken folgt, wenn sie sich in den Sonnenstrahlen verliert! – Ei, Barbicane, giebt's denn Finsternisse für die Seleniten?

– Ja, Sonnenfinsternisse, erwiderte Barbicane, wann sich die Centren der drei Gestirne in der nämlichen Linie befinden, die Erde in der Mitte.

Aber sie sind nur ringförmig, indem die Erde gleich einem vor die Sonnenscheibe gestellten Schirm, den größeren Theil derselben unbedeckt läßt.

– Und warum, fragte Nicholl, giebt's keine totale Verfinsterung? Reicht nicht der von der Erde geworfene Schattenkegel über den Mond hinaus?

– Ja, wenn man die von der Erdatmosphäre bewirkte Brechung der Strahlen nicht berücksichtigt. Nein, wenn man dieselbe in Betracht zieht. Also sei d 1 die horizontale Parallaxe und r 1 er halbe scheinbare Durchmesser.

– O! sagte Michel, ein halb v Null Quadrat ...! Sprich doch, daß es Jedermann versteht, Algebramensch!

– Nun denn in gewöhnlicher Sprache, erwiderte Barbicane. Da die mittlere Entfernung des Mondes von der Erde sechzig Erdradien beträgt, so beschränkt sich die Länge des Schattenkegels in Folge der Strahlenbrechung auf nicht ganz zweiundvierzig Radien. Daraus ergiebt sich, daß zur Zeit der Verfinsterungen der Mond sich außerhalb des reinen Schattenkegels befindet, und daß die Sonne ihm nicht allein die Strahlen ihres Randes, sondern auch die ihres Centrums zusendet.

– Dann, sagte Michel spöttisch, weshalb giebt's denn eine Finsterniß, da ja keine stattfinden soll?

– Blos deshalb, weil die Sonnenstrahlen durch die Lichtbrechung geschwächt sind, indem die Atmosphäre, durch welche sie dringen, den größeren Theil derselben verschlingt!

– Dieser Grund ist befriedigend, erwiderte Michel. Uebrigens, wir werden's wohl zu sehen bekommen, wenn wir dort sind. – Jetzt sag' mir, Barbicane, glaubst Du, daß der Mond ein vormaliger Komet sei?

– Das ist einmal wieder eine Idee!

– Ja, versetzte Michel mit liebenswürdiger Albernheit, ich habe manchmal Ideen der Art.

– Aber diese Idee rührt nicht von Michel her, erwiderte Nicholl.

– Gut! So bin ich ein Ideendieb!

– Allerdings, entgegnete Nicholl. Nach dem Zeugniß der Alten behaupteten die Arkadier, ihre Vorfahren hätten bereits auf der Erde gewohnt, als sie noch nicht den Mond zum Trabanten hatte. Von dieser Thatsache ausgehend haben manche Gelehrte den Mond für einen Kometen gehalten, den seine Bahn einmal der Erde so nahe brachte, daß er von ihrer Anziehungskraft festgehalten wurde.

– Und was ist denn Wahres an dieser Annahme? fragte Michel.

– Nichts, erwiderte Barbicane, und es läßt sich dies durch den Umstand beweisen, daß der Mond keine Spur von der gashaften Umhüllung bewahrt hat, die sich bei den Kometen stets findet.

– Aber, fuhr Nicholl fort, war es nicht möglich, daß der Mond, bevor er Trabant der Erde ward, bei seiner Sonnennähe so nahe an dieselbe herankam, daß er alle diese Gassubstanzen durch Verdünstung verlor?

– Möglich wohl, Freund Nicholl, aber nicht wahrscheinlich.

– Warum?

– Weil ... Meiner Treu', ich weiß nicht.

– Ei! rief Michel, wie viele Hundert Bücher lassen sich davon schreiben, was man nicht weiß!

– Laß das! Wie viel Uhr ist's? fragte Barbicane.

– Drei Uhr, erwiderte Nicholl.

– Wie doch bei der Unterhaltung so gelehrter Leute, wie wir sind, die Zeit hingeht! Sicherlich, ich merke, daß ich zu viel lerne! ich fühle, daß ich zu einem Brunnen werde!«

Mit diesen Worten schwang sich Michel zur Decke des Projectils empor, »um den Mond besser zu schauen«, wie er angab. Während dessen schauten seine Gefährten durch das untere Fenster in den Raum hinaus. Nichts Neues zu melden.

Als Michel wieder herabstieg, kam er bei der einen Seitenlucke vorüber, und stieß plötzlich einen Schrei der Verwunderung aus.

»Was giebt's denn?« fragte Barbicane.

Der Präsident trat an das Fenster und gewahrte eine Art von plattem Sack, der einige Meter vom Projectil entfernt schwebte. Der Gegenstand schien unbeweglich, wie die Kugel, folglich war er von derselben Bewegung aufwärts getrieben.

»Was ist das für eine Maschine? fragte Michel Ardan wiederholt. Ist's ein im Weltraum schwebender kleiner Körper, den unser Projectil im Bereich seiner Anziehung festhält und es bis zum Mond begleiten will?«

– »Ich staune nur, erwiderte Nicholl, daß die specifische Schwere dieses Körpers, welche gewiß weit geringer ist, als die der Kugel, ihm gestattet, sich so strenge in ihrem Niveau zu halten!

– Nicholl, erwiderte Barbicane nach kurzem Besinnen, ich weiß nicht, was es für ein Gegenstand ist, aber ich weiß doch, weshalb er sich dem Projectil quer gegenüber hält.

– Und weshalb?

– Weil wir uns im luftleeren Raum bewegen, lieber Kapitän, und in einem solchen leeren Raum fallen oder bewegen sich – was einerlei ist – die Körper mit gleicher Geschwindigkeit, ohne Rücksicht auf ihre Schwere oder Gestalt. Der Widerstand der Luft verursacht die Verschiedenheit des Gewichts. Wenn man mit einer Luftpumpe eine Röhre entleert, so fallen die hineingeworfenen Gegenstände, Staub- oder Bleikörner, mit gleicher Schnelligkeit hinein. Hier im leeren Weltraum erzeugt dieselbe Ursache gleiche Wirkung.

– Sehr richtig, sagte Nicholl, und Alles, was wir aus dem Projectil hinauswerfen, wird uns auf der ganzen Fahrt bis zum Mond unablässig begleiten.

– Ach was sind wir für Dummköpfe! rief Michel.

– Wir hätten das Projectil mit nützlichen Gegenständen, Büchern, Instrumenten, Werkzeugen etc. ganz füllen sollen. Dann hätten wir alles hinausgeworfen, und ›Alles‹ würde in einem Zug mit gefahren sein! Aber ich denke weiter: Weshalb begeben wir uns nicht hinaus, wie dieser Bolid? Warum springen wir nicht aus den Fenstern in den Raum hinaus? Was wäre das für eine Luft, so im Aether zu schweben, ohne daß wir, wie der Vogel mit Flügeln zu schlagen brauchten.

– Einverstanden, sagte Barbicane, aber wie sollten wir athmen?

– Daß auch die verdammte Luft so zur Unzeit fehlt!

– Aber, wenn sie auch nicht fehlte, Michel, da Dein Körper weniger dicht ist, als der des Projectils, so würdest Du sehr bald zurückbleiben.

– Dann ist's ein verkehrter Zirkel.

– Das Verkehrteste, was es giebt.

– So müssen wir im Waggon eingeschlossen bleiben?

– Ja wohl.

– Unmöglich! rief Michel mit fürchterlichem Ton.

– Was ist Dir? fragte Nicholl.

– Ich weiß, ich rathe, was es mit dem vermeintlichen Boliden für eine Bewandtniß hat! Nicht ein Asteroïd begleitet uns, nicht ein Planetenstückchen.

– Nun, was ist's denn? fragte Barbicane.

– Unser verendeter Hund! Diana's Gatte!«

Wirklich, dieser mißgestaltete, unkenntliche, zu Nichts gewordene Gegenstand war Trabant's Leichnam, platt wie ein nicht aufgeblasener Dudelsack, in steter Bewegung aufwärts.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.