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Reise um den Mond

Jules Verne: Reise um den Mond - Kapitel 4
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typefiction
authorJules Verne
titleReise um den Mond
publisherA. Hartleben's Verlag
year1874
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Drittes Capitel

Man richtet sich ein.

Nach dieser merkwürdigen, aber gewiß richtigen Erklärung versanken die drei Freunde wieder in tiefen Schlummer. Wo hätten sie auch einen stilleren Ort, eine friedlichere Umgebung finden können? Auf der Erde haben die Häuser in den Städten, die Hütten auf dem Lande alle Erschütterungen zu empfinden, welche die Oberfläche derselben treffen. Auf dem Meere hat das von den Wogen umher geschaukelte Schiff nur Stoß auf Stoß zu dulden. In der Luft schwankt der Ballon unablässig auf den Luftschichten. Nur dies Projectil im absolut leeren Raum bot seinen Bewohnern in absoluter Stille die absolute Ruhe dar.

Daher würde auch der Schlaf der drei wagehalsigen Reisenden vielleicht unendlich lange gedauert haben, wären sie nicht acht Stunden nach ihrer Abfahrt, gegen sieben Uhr am 2. December, durch ein unerwartetes Geräusch geweckt worden.

Ein ganz eigenthümliches Bellen ließ sich vernehmen. »Die Hunde! Das sind unsere Hunde!« rief Michel Ardan, und sprang unverzüglich auf.

– Sie haben Hunger, sagte Nicholl.

– Wahrhaftig! wir haben sie vergessen! versetzte Michel.

– Wo sind sie? fragte Barbicane.

Man suchte, und fand das eine der Thiere unter dem Divan kauernd. Verstört, vernichtet von dem Stoß war es bis zu dem Moment, da mit der Pein des Hungers die Stimme ihm wiederkehrte, in diesem Winkel geblieben.

Es war die liebenswürdige Diana. Ziemlich verdutzt noch kroch sie aus ihrem Winkel hervor, nicht ohne sich bitten zu lassen. Doch Michel Ardan sprach ihr mit zärtlichen Worten zu.

»Komm, Diana«, sagte er, »komm', mein Kind! Dein Geschick wird in den Annalen der Hundezüchtung Epoche machen! Die Heiden hätten Dich dem Gott Anubis zur Lebensgefährtin gegeben, und die Christen dem heiligen Rochus zur Freundin! Du verdienst von dem König der Unterwelt in Erz getrieben zu werden, wie jener, den Jupiter der schönen Europa für einen Kuß hingab! Du wirst berühmter werden, als die Helden zu Montargis und auf dem St. Bernhard! In die Weltenräume geschleudert wirst Du vielleicht zur Stammmutter der Selenitenhunde! Dort oben wirst Du vielleicht Toussenel's Ausspruch rechtfertigen: ›Im Anfang schuf Gott den Menschen, und da er ihn so schwach sah, gab er ihm zum Gefährten den Hund!‹ Komm, Diana, komm her!«

Diana, geschmeichelt oder auch nicht, kam gemach herbei und jammerte kläglich.

»Gut!« sagte Barbicane, »hier ist Eva, aber wo ist Adam?«

– Adam! erwiderte Michel, Adam kann nicht weit sein! Irgendwo ist er! Man muß rufen! Trabant! hier! Trabant!

Aber Trabant kam nicht zum Vorschein. Diana fuhr fort zu jammern. Man überzeugte sich jedoch, daß sie nicht verwundet war, und gab ihr zur Stillung ihrer Klagen einen leckeren Brocken.

Trabant schien gar nicht mehr vorhanden. Man mußte lange suchen, bis man ihn endlich in einem der oberen Gefächer des Projectils fand, wohin der Gegenstoß in kaum erklärlicher Weise ihn gewaltsam geschleudert hatte. Das arme Thier, arg beschädigt, befand sich in jämmerlichem Zustand.

Man hob ihn behutsam herunter. Es war ihm an der Decke der Kopf zerschlagen, und er schien schwerlich davon zu kommen. Doch ließ man ihn sich bequem auf einem Kissen strecken, und da ließ er einen Seufzer hören.

»Wir pflegen Dich«, sagte Michel. »Wir sind für Dein Leben verantwortlich. Ich würde lieber einen Arm verlieren, als eine Pfote meines armen Trabanten!«

Mit diesen Worten reichte er dem Patienten einige Schluck Wasser, welches er gierig schlürfte.

Hierauf beobachteten die Reisenden achtsam die Erde und den Mond. Die Erde zeigte sich nur noch als düster beleuchtete Scheibe mit einer noch schmäleren Sichel am Rande, wie Abends zuvor; doch war ihre Größe noch enorm in Vergleichung mit der des Mondes, der mehr und mehr in vollständiger Kreisform erschien.

»Wahrhaftig!« sagte Michel Ardan, »es thut mir ernstlich leid, daß wir nicht abfuhren, als die Erde in vollem Licht war, d.h. als sie in Opposition zur Sonne stand.«

– Weshalb? fragte Nicholl.

– Weil wir unser Festland und Meere in neuer Beleuchtung gesehen hätten, diese im Glanz der darauf fallenden Sonnenstrahlen, jene düsterer, so wie man sie auf manchen Landkarten darstellt! Ich hätte die Erdpole sehen mögen, wohin des Menschen Blicke noch nicht zu dringen vermochten!

– Allerdings, erwiderte Barbicane, allein war die Erde in vollem Licht, so mußte es Neumond sein, d.h. der Mond in der Umstrahlung von der Sonne nicht sichtbar. Nun ist's aber doch besser, das Ziel, wohin wir gelangen wollen, in's Auge zu fassen, als den Punkt, wovon wir ausgingen.

– Sie haben Recht, Barbicane, erwiderte der Kapitän Nicholl, und übrigens, wenn wir auf dem Mond angelangt sind, werden wir in den langen Mondnächten noch Zeit genug haben, gemächlich die Kugel zu besehen, worauf unseres Gleichen wimmeln!

– Unseres Gleichen! rief Michel Ardan, aber jetzt sind sie das nicht mehr, so wenig wie die Seleniten. Wir bewohnen eine neue Welt, das Projectil, dessen einzige Bevölkerung wir ausmachen. Wir Drei sind allein unseres Gleichen; draußen, droben keine Menschen weiter. Wir allein bewohnen diesen Mikrokosmus, bis wir Seleniten werden!

– In achtundachtzig Stunden etwa, versetzte der Kapitän.

– Das heißt? ... fragte Michel Ardan.

– Es ist jetzt halb neun Uhr, erwiderte Nicholl.

– Nun, fuhr Michel fort, so sehe ich durchaus keinen Grund, weshalb wir nicht unverzüglich frühstücken.

In der That, ohne zu essen, konnten die Bewohner des neuen Gestirns nicht leben, und die Gesetze des Hungers machten sich damals gebieterisch geltend. Michel Ardan als Franzose erklärte sich als Küchenmeister, und Niemand konnte in dieser Stelle mit ihm wetteifern. Das Gas gab den hinreichenden Grad Hitze für die Zubereitung, und das Vorrathsbehälter lieferte den Stoff zur ersten Mahlzeit.

Das Frühstück begann mit drei Tassen vortrefflicher Bouillon, welche durch Auflösung jenes köstlichen Liebig'schen Fleischextracts gewonnen wurde, der aus den besten Stücken des Rindviehs der Pampas bereitet wird. Hierauf folgten einige Schnitten mit hydraulischer Presse comprimirten Beefsteaks, so zart und saftig, wie man sie im Café anglais zu Paris bekommt. Michel Ardan versicherte sogar, seiner Phantasie gemäß, sie seien »blutig«. Auf das Fleischgericht folgte conservirtes Gemüse, das, wie ebenfalls der liebenswürdige Michel versicherte, »frischer als das natürliche« war, und dann gab's noch einige Tassen Thee mit amerikanischen Butterbemmen. Dies ausgesuchte Getränk war ein Aufguß auf Blätter ersten Ranges, welche der Kaiser von Rußland den Reisenden hatte zukommen lassen.

Endlich, das Mahl zu krönen, holte Ardan eine seine Flasche Nuits herbei, die sich »zufällig« im Vorrathsfach fand; und die drei Freunde leerten sie auf die Verbindung der Erde mit ihrem Trabanten.

Und als begnüge sich die Sonne nicht, das köstliche Product auf den Burgunder Rebhügeln destillirt zu haben, wollte sie auch Gesellschaft leisten. In diesem Augenblick verließ das Projectil den Bereich des Schattenkegels, welchen der Erdball wirst, und glänzende Strahlen fielen gerade auf den Boden des Geschosses in Gemäßheit des Winkels, welchen die Mondbahn mit der der Erde macht.

»Die Sonne!« rief Michel Ardan.

– Allerdings, erwiderte Barbicane. So dacht' ich mir's.

– Doch erstreckt sich nicht, sagte Michel, der Schattenkegel hinter der Erde noch über den Mond hinaus?

– Weit darüber hinaus, wenn man die Brechung in der Atmosphäre nicht in Anschlag bringt. Wann aber der Mond ganz von diesem Schatten umhüllt ist, dann befinden sich die Centren der drei Gestirne, Sonne, Erde und Mond, in einer geraden Linie. Dann treffen die Knoten mit den Phasen des Vollmonds zusammen, und es entsteht eine Verfinsterung. Wären wir im Moment einer Mondfinsterniß abgefahren, so wäre unsere ganze Fahrt im Dunkel vorgegangen, was unangenehm gewesen wäre.

– Weshalb?

Weil, obwohl wir im leeren Raum uns bewegen, unser Projectil, in der Mitte von Sonnenstrahlen getroffen, Licht und Wärme von ihr erhalten wird, so daß man also Gas spart, eine in jeder Hinsicht kostbare Sparsamkeit.

In der That, durch die Einwirkung dieser Strahlen, deren Wärmegrad und Glanz nicht durch eine Atmosphäre gemildert war, wurde das Projectil sowohl erleuchtet, als erwärmt, als wäre es plötzlich aus dem Winter in den Sommer übergegangen. Von oben der Mond, von unten die Sonne spendeten ihm Licht und Wärme.

»Man kann sich hier wohl befinden«, sagte Nicholl.

– Das glaub' ich gerne! rief Michel Ardan. Hätten wir ein wenig fruchtbaren Erdgrund auf unserem Aluminplaneten, so könnten wir binnen vierundzwanzig Stunden Erbsen zum Wachsen bringen. Ich habe nur die eine Besorgniß, es möchten die Wände unserer Kugel schmelzen!

– Beruhige Dich, würdiger Freund, erwiderte Barbicane. Das Projectil hatte, während es durch die atmosphärischen Luftschichten glitt, eine weit höhere Temperatur auszustehen. Ich wäre nicht einmal erstaunt, wenn es in den Augen der Floridaner als wie ein feuriger Bolide erschienen wäre.

– Aber dann müßte J.T. Maston meinen, wir seien gebraten.

– Daß wir's nicht wurden, erwiderte Barbicane, nimmt mich Wunder. Diese Gefahr hatten wir nicht vorausgesehen.

– Ich habe die Befürchtung gehabt, sagte Nicholl.

– Und hast uns nichts davon gesagt, hochherziger Kapitän! rief Michel Ardan, und drückte seinem Gefährten die Hand.

Indessen verfuhr Barbicane bei seiner Einrichtung im Projectil, als sollte er's nimmer verlassen.

Wir erinnern uns, daß dieser Luftwaggon einen Fußboden von vierundfünfzig Quadratfuß hatte und bis zur Spitze der gewölbten Decke zwölf Fuß hoch war; bei geschickter Benutzung des Raums, ohne Ueberladung mit Instrumenten und Reisegeräthen, welche sämmtlich ihre besondere Stelle hatten, blieb den drei Bewohnern noch eine gewisse Freiheit der Bewegung. Das dicke Glasfenster, welches in einen Theil des Bodens eingelassen war, konnte ein beträchtliches Gewicht tragen, so daß Barbicane und seine Gefährten auf demselben wie auf festem Zimmerboden herum spazierten; aber die Sonne, welche ihre Strahlen direct darauf warf und das Innere des Projectils von unten beleuchtete, veranlaßte eigenthümliche Lichteffecte.

Man begann damit, den Zustand der Behälter für Wasser und Lebensmittel in Augenschein zu nehmen. Dieselben hatten in Folge der gegen den Stoß getroffenen Vorkehrungen durchaus nicht gelitten. Lebensmittel waren reichlich für ein volles Jahr vorhanden. Barbicane wollte sich für den Fall vorsehen, daß das Projectil an einem durchaus unfruchtbaren Theile des Mondes anlangen würde. Wasser und Branntwein hatte man nur für zwei Monat mitgenommen. Aber nach den neuesten astronomischen Beobachtungen hat der Mond eine niedrige, dichte Atmosphäre von Gehalt, wenigstens in den Thalgründen, so daß es da an Bächen und Quellen nicht mangeln konnte. Daher sollten die abenteuerlichen Forscher während der Fahrt und des ersten Jahres ihrer Einrichtung auf dem Mondcontinent weder Hunger noch Durst zu leiden haben.

Wie stand's nun mit der Luft im Innern des Projectils. Auch in dieser Hinsicht konnte man völlig ruhig sein. Der Apparat Reiset und Regnaut, welcher Sauerstoff zu bereiten hatte, war auf zwei Monat mit chlorsaurem Kali versehen. Es verzehrte nothwendig eine gewisse Quantität Gas; aber man war auch in dieser Hinsicht versorgt. Der Apparat bedurfte übrigens nur wenig Ueberwachung, er arbeitete automatisch. Bei dieser hohen Temperatur gab das chlorsaure Kali bei seiner Verwandlung in salzsaures Kali allen Sauerstoff, welchen es enthielt, frei. Und was ergaben achtzehn Pfund chlorsaures Kali? Die sieben Pfund Sauerstoff, welche zum täglichen Verbrauch der Bewohner des Projectils nöthig waren.

Aber es war nicht genug, den verbrauchten Sauerstoff zu erneuern, man mußte auch die durch das Ausathmen erzeugte Kohlensäure vernichten. Nun war seit zwölf Stunden die Atmosphäre in der Kugel mit diesem durchaus schädlichen Gas, welches aus dem Verbrennen der Blutelemente durch eingeathmeten Sauerstoff sich erzeugt, bereits erfüllt. Nicholl erkannte diesen Zustand der Luft, als er gewahrte, wie Diana mühselig keuchte.

In der That, die Kohlensäure – eine Erscheinung gleich der in der berühmten Hundsgrotte – verdichtete sich in Folge ihrer Schwere am Boden des Projectils. Die arme Diana mit ihrem herabgesenkten Kopf mußte also früher, als ihre Herren, das schlimme Gas spüren. Aber der Kapitän Nicholl beeilte sich, abzuhelfen. Er stellte auf den Boden des Projectils einige Gefäße mit kaustischem Kali, schüttelte es ein wenig, und dieser die Kohlensäure gierig aufsaugende Stoff reinigte die Luft im Inneren vollständig.

Darauf wurden die Instrumente gemustert. Die Thermometer und Barometer waren gut erhalten, nur bei einem kleinen Thermometer war das Glas zerbrochen. Ein vortreffliches Instrument wurde aus seinem Futteral gezogen und an der Wand aufgehängt. Natürlich zeigte es nur den Luftdruck im Inneren des Projectils an; aber auch die Quantität wässeriger Dünste, welche dasselbe enthielt. In diesem Augenblick schwankte seine Nadel zwischen 765 und 760 Millimeter. Das bedeutete »schönes Wetter«.

Auch einige Compasse, die Barbicane mitgenommen hatte, waren unversehrt geblieben. Begreiflich wies unter den gegebenen Bedingungen ihre Nadel nicht richtig, d.h. ohne bleibende Richtung. In der That konnte bei der Entfernung der Kugel von der Erde der magnetische Pol keine merkliche Wirkung auf die Vorrichtung äußern. Aber diese Bussolen konnten, auf der Mondscheibe angelangt, vielleicht dort eigenthümliche Erscheinungen constatiren. Jedenfalls war es interessant, zu untersuchen, ob der Trabant der Erde gleich ihr dem magnetischen Einfluß unterworfen sei.

Ein Hypsometer, um die Höhe der Mondberge zu messen, ein Sextant, um die Höhe der Sterne aufzunehmen, ein Theodolit, der beim Feldmessen und zur Bestimmung der Winkel am Horizont gebraucht wird, Fernröhre, die bei Annäherung an den Mond sehr schätzbar für den Gebrauch waren, alle diese Instrumente wurden bei sorgfältiger Besichtigung als gut befunden, trotz der Heftigkeit des erlittenen Stoßes.

Die Geräthe, Hacken und Schaufeln, die verschiedenen Werkzeuge, welche Nicholl sorgfältig ausgewählt hatte, die Säcke voll allerlei Körner, die jungen Bäume, welche Michel Ardan auf den Selenitenlandgütern anzupflanzen gedachte, befanden sich in den oberen Räumen an ihrer Stelle. Dort war eine Art Speicher angebracht voll Gegenstände, die der Franzose daselbst mit vollen Händen aufgeschichtet hatte. Was es für Gegenstände waren, wußte man nicht recht, und der heitere Geselle sprach sich nicht darüber aus. Von Zeit zu Zeit stieg er über Kloben, die in den Wänden festgenietet waren, zu dieser Vorrathskammer hinauf, deren Besichtigung er sich vorbehalten hatte. Er räumte auf und ordnete, und that gierige Griffe in gewisse geheimnißvolle Kisten, und sang dabei mit Falsettstimme einen alten französischen Vers, welcher heiter stimmte.

Barbicane bemerkte mit Vergnügen, daß seine Raketen und Kunstfeuerwerke nicht beschädigt waren. Diese wichtigen Gegenstände mit starker Ladung hatten die Bestimmung, das Herabfallen des Projectils zu mäßigen, wenn es nach Ueberschreitung der neutralen Linie der Anziehungskraft des Mondes anheim gegeben auf die Mondoberfläche fallen würde. Dieser Fall mußte indessen sechsmal minder rasch erfolgen, als auf der Erde, nach Verhältniß der Masse dieser beiden Weltkörper.

Die Musterung fiel also zu allgemeiner Befriedigung aus. Darauf begab sich Jeder wieder an die Fensterlucken an den Seiten und im Boden, um in den Weltraum hinaus zu blicken.

Stets der nämliche Anblick. Das ganze weite Feld der Himmelssphäre, von Sternen und Sternbildern in wunderbar reinem Glanze wimmelnd, konnte einen Astronomen zum Narren machen. Auf der einen Seite die Sonne, gleich der Mündung eines Gluthofens, eine blendende Scheibe ohne Lichtring, hob sich ab auf dem dunkeln Hintergrund des Himmels. Auf der anderen der Mond, seine Gluthstrahlen ihm zurückwerfend, und wie unbeweglich inmitten der Sternenwelt. Sodann ein ziemlich starker Flecken, der im Firmament ein Loch zu bilden schien und noch zur Hälfte am Rande mit silbernem Saum umgeben war: das war die Erde. Hier und da gehäufte Nebelflecken gleich dicken Flocken Sternenschnees, und vom Zenith bis zum Nadir ein unfaßbarer Ring von Sternenstaub, jene Milchstraße, in deren Mitte die Sonne nur als Stern vierter Größe gerechnet wird!

Die Beobachter konnten von diesem noch nicht gekannten Schauspiel, wovon keine Schilderung einen Begriff geben konnte, ihren Blick nicht wegwenden. Welche Gedanken regte es an! Welche unbekannten Gefühle weckte es in der Seele! Barbicane entschloß sich, von diesen Eindrücken beherrscht, seinen Reisebericht zu beginnen, und zeichnete Stunde für Stunde alle die Thatsachen auf, welche den Anfang der Unternehmung bezeichneten. Er schrieb ruhig mit seiner starken fetten Handschrift und in einem etwas handelsmäßigen Styl.

Während dessen warf der Rechner Nicholl einen Rückblick auf seine Formeln der Bahnen und verfuhr mit den Ziffern so gewandt, daß er seines Gleichen nicht hatte. Michel Ardan plauderte bald mit Barbicane, der ihm nicht antwortete, bald mit Nicholl, der ihn nicht anhörte, mit Diana, die von seinen Theorien nichts verstand, mit sich selber endlich, warf Fragen auf und beantwortete sie, ging hin und her und beschäftigte sich mit tausend Kleinigkeiten, bald zum unteren Fenster hinabgebeugt, bald im Oberraum hockend, und stets mit halblautem Gesang. In dieser kleinen Welt repräsentirte er die Beweglichkeit und französische Geschwätzigkeit, und man möge versichert sein, daß sie würdig vertreten war.

Der Tag oder vielmehr – denn dieser Ausdruck paßt nicht mehr – der Zeitraum von zwölf Stunden, welcher auf der Erde einen Tag ausmacht, endigte mit einem reichlichen Abendessen, das sein zubereitet war. Es war noch nichts vorgefallen, was den Reisenden die Zuversicht schwächen konnte. Daher schliefen sie auch voll Hoffnung, ihres Erfolges versichert, ruhig ein, indeß das Projectil mit gleichmäßig abnehmender Geschwindigkeit die Himmelsbahnen durchschnitt.

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