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Reise um den Mond

Jules Verne: Reise um den Mond - Kapitel 3
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typefiction
authorJules Verne
titleReise um den Mond
publisherA. Hartleben's Verlag
year1874
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Zweites Capitel

Die erste halbe Stunde.

Was war erfolgt? Welche Wirkung hatte diese fürchterliche Erschütterung gehabt? Hatte das Genie der Verfertiger des Projectils ein glückliches Resultat erzielt? Wurde der Stoß vermittelst der Sprungfedern, Zapfen, Wasserkissen, zerbrechlichen Verschläge abgeschwächt? War man der erschrecklichen Kraft jener Anfangsgeschwindigkeit von elftausend Meter, welche in einer Secunde durch ganz Paris oder New-York fahren konnte, Meister geworden? Diese Fragen drängten sich offenbar den tausend Zeugen jener erschütternden Scene auf. Ueber dem Gedanken an die Reisenden vergaß man den Zweck der Reise! Und wenn einer von ihnen, – J.T. Maston z.B. – hätte einen Blick in das Projectil werfen können, was würde er gesehen haben?

Nichts damals, denn es war völlig dunkel drinnen. Aber seine cylinderconischen Wände hatten trefflich Widerstand geleistet. Kein Riß, keine Biegung, keine Entstellung. Das staunenswerthe Projectil hatte unter der ungeheuren Hitze der Pulververbrennung nicht gelitten, war nicht, wie man zu befürchten schien, zu einem Aluminiumregen zerschmolzen.

Im Innern wenig Unordnung, im Ganzen genommen. Einige Gegenstände waren nach der Decke geschleudert worden; aber die bedeutendsten schienen nicht von dem Stoß gelitten zu haben. Die Befestigungsriemen waren unverletzt. Auf der beweglichen Scheibe, die nach Zertrümmerung der Scheidewände und dem Entweichen des Wassers bis zum Boden herabgesunken war, lagen drei Körper regungslos.

Waren Barbicane, Nicholl und Michel Ardan noch bei Leben? War das Projectil etwas mehr, als ein metallener Sarg, der drei Leichen in den Weltraum trug? ...

Einige Minuten nach der Abfahrt fing einer der Körper an, sich zu regen; seine Arme bewegten sich, sein Kopf richtete sich auf, und es gelang ihm, auf die Kniee zu kommen. Es war Michel Ardan. Er betastete sich, stieß ein lautes »He!« aus, dann sprach er:

»Michel Ardan unversehrt. Sehen wir die Andern!«

Der muthige Franzose wollte aufstehen; aber er konnte sich nicht auf den Beinen halten. Sein Kopf wankte, das stark eingedrungene Blut machte ihn blind, er war wie trunken.

»Brr!« machte er. »Das hat auf mich gewirkt, wie zwei Flaschen Cortona, nur daß dieser wohl angenehmer zu trinken ist!«

Darauf strich er mehrmals mit der Hand seine Stirn, rieb sich die Schläfen, und rief mit fester Stimme:

»Nicholl! Barbicane!«

Er wartete ängstlich. Keine Antwort. Nicht ein Athemzug, welcher kundgab, daß seinen Kameraden das Herz noch schlug. Er rief abermals. Dieselbe Stille.

»Teufel! Sie verhalten sich, als seien sie von einem fünften Stock herab auf den Kopf gefallen! Bah!« fuhr er mit der unverwüstlichen Zuversicht, die sich durch nichts stören ließ, fort, »wenn ein Franzose sich auf die Kniee zu richten vermochte, so sollten zwei Amerikaner keinen Anstand nehmen, sich wieder auf die Beine zu helfen. Aber vor Allem, klären wir die Sache auf.«

Ardan fühlte, wie ihm das Leben wieder zuströmte. Sein Blut wurde ruhiger und kam wieder in den gewöhnten Umlauf. Wiederholte Anstrengungen brachten ihn in's Gleichgewicht. Es gelang ihm aufzustehen, er zog ein Streichhölzchen aus der Tasche, rieb den Phosphor, daß er zündete, näherte sich dem Gashahnen und machte Licht. Der Behälter hatte nicht gelitten, kein Gas war entwichen. Das hätte schon der Geruch angezeigt, und dann hätte Michel Ardan es nicht wagen dürfen, in dem mit Gas angefüllten Raum eine Flamme anzuzünden. Denn es wäre dann eine Explosion entstanden, welche vielleicht vollendet hätte, was die Erschütterung begann.

Sobald die Gasflamme leuchtete, bog sich Ardan über die Körper seiner Gefährten, welche wie leblose Massen übereinander lagen, Nicholl oben, Barbicane unten.

Ardan hob den Kapitän auf, stützte ihn wider einen Divan und rieb ihn kräftig. Dieses mit Verstand geübte Kneten brachte Nicholl wieder zum Bewußtsein; er schlug die Augen auf, bekam sogleich seine Kaltblütigkeit wieder und faßte Ardan's Hand. Dann, umherblickend, fragte er:

»Und Barbicane?«

– Er kommt auch an die Reihe, erwiderte Michel Ardan. Mit Dir fing ich an, weil Du oben lagst. Jetzt machen wir uns an Barbicane.

Hierauf hoben Ardan und Nicholl den Präsidenten des Gun-Clubs auf und legten ihn auf den Divan. Barbicane schien mehr als seine Genossen gelitten zu haben. Er hatte geblutet, aber Nicholl beruhigte sich, als er sich überzeugte, daß dieser Blutverlust nur von einer leichten Verwundung an der Schulter herrührte. Blos eine Schramme, die er sorgfältig zusammendrückte.

Doch dauerte es geraume Zeit, bis Barbicane wieder zu sich kam, worüber seine beiden Freunde, die ihn unablässig rieben, in Schrecken geriethen.

»Er athmet jedoch«, sagte Nicholl, das lauschende Ohr an der Brust des Verwundeten.

– »Ja, versetzte Ardan, er athmet, wie ein Mensch, der diese Thätigkeit täglich zu üben gewohnt war. Reiben, kneten wir, Nicholl, kräftig!«

Und die beiden improvisirten Aerzte machten's so gut, daß Barbicane wieder zum Gebrauch seiner Sinne kam. Er schlug die Augen auf, richtete sich empor, ergriff die Hand seiner Freunde, und sein erstes Wort war:

»Nicholl, sind wir in Bewegung?«

Nicholl und Barbicane sahen sich einander an. Um's Projectil hatten sie sich noch nicht bekümmert. Ihre erste Sorge galt den Reisenden, nicht dem Waggon.

»Wirklich sind wir in Bewegung?« wiederholte Michel Ardan.

– Oder befinden wir uns ruhig auf dem Boden Florida's? fragte Nicholl.

– Oder auf dem Grund des mexikanischen Golf? fügte Michel Ardan bei.

– Das wäre! rief der Präsident Barbicane.

Und diese doppelte Vermuthung, welche seine Gegner aufstellten, wirkte unmittelbar, ihn wieder zu völligem Bewußtsein zu bringen.

Wie dem auch sein mochte, man konnte über die Lage, worin sich das Geschoß befand, sich noch nicht bestimmt aussprechen. Seine scheinbare Unbeweglichkeit, der Mangel an Verbindung mit der Außenwelt, gestatteten nicht, die Frage zu beantworten. Vielleicht war das Projectil auf seiner Fahrt durch den Raum begriffen? Vielleicht war es auch nach kurzem Aufflug wieder auf die Erde gefallen, oder auch in den mexikanischen Golf, was bei der geringen Breite von Florida leicht möglich war.

Der Fall war ernst, das Problem interessant. Es mußte baldmöglichst gelöst werden. Barbicane, dem bei seiner Aufregung die moralische Energie seine physische Schwäche überwinden half, stand auf und horchte. Außen tiefe Stille. Aber das dichte Futter mußte alles Geräusch von Seiten der Erde unvernehmlich machen. Doch ein Umstand fiel Barbicane auf. Die Temperatur innerhalb des Projectils war außerordentlich hoch. Der Präsident zog ein Thermometer aus seiner Scheide und befragte das Instrument; es zeigte fünfundvierzig hunderttheilige Grad.

»Ja!« rief er aus, »ja! wir sind in Bewegung! Diese erstickende Hitze, welche durch die Wände des Projectils eindringt, kommt von seiner Reibung in den Schichten der Atmosphäre. Sie wird bald abnehmen, weil wir schon in den luftleeren Raum übergehen, und nachdem wir fast erstickt wären, werden wir starke Kälte zu empfinden haben.«

– Wie? fragte Michel Ardan, nach Deiner Ansicht, Barbicane, befänden wir uns schon über der Grenze der Erdatmosphäre?

– Ohne Zweifel, Michel. Höre nur. Es ist jetzt zehn Uhr fünfundfünfzig Minuten. Seit etwa acht Minuten sind wir unterwegs. Wäre nun unsere anfängliche Geschwindigkeit nicht durch die Reibung vermindert worden, so wären wir schon binnen sechs Secunden über die sechzehn Lieues hinausgekommen, soweit sich die Atmosphäre um den Erdball herum erstreckt.

– Ganz richtig, erwiderte Nicholl, aber wie hoch schlagen Sie diese Verminderung der Geschwindigkeit durch die Reibung an?

– Zu einem Drittheil, Nicholl, versetzte Barbicane. Das ist beträchtlich, aber meiner Rechnung nach beträgt sie soviel. Hätten wir nun Anfangs eine Geschwindigkeit von zwölftausend Meter gehabt, so wird dieselbe beim Verlassen der Atmosphäre auf siebentausenddreihundertzweiunddreißig Meter herabgemindert sein. Wie dem auch sei, wir haben bereits diesen Raum durchschritten und ...

– Und dann hat Freund Nicholl seine beiden Wetten verloren; viertausend Dollars, weil die Columbiade nicht zersprungen ist; fünftausend, weil das Projectil über sechs Meilen emporgekommen ist. Also, Nicholl, leiste Deine Verbindlichkeit.

– Stellen wir zuerst die Thatsache fest, dann soll die Bezahlung nicht fehlen. Leicht möglich, daß Barbicane's Folgerungen richtig sind, und daß ich meine neuntausend Dollars verloren habe. Aber es kommt mir noch eine andere Vermuthung, ein Fall, wodurch die Wette zu nichte würde.

– Welche? fragte lebhaft Barbicane.

– Es wäre möglich, daß wir, weil aus irgend einem Grunde das Feuer nicht zum Pulver gelangte, gar nicht abgefahren wären.

– Wahrhaftig, Kapitän, rief Michel Ardan, das ist eine Hypothese, die begreiflich ist! Sie ist nicht ernstlich gemeint! Sind wir nicht alle von dem Stoß fast zum Tode erschüttert worden? Hab' ich Dich nicht wieder in's Leben zurückgerufen? Blutet nicht noch die Schulter des Präsidenten vom Gegenstoß?

– Einverstanden, Michel, wiederholte Nicholl, aber nur eine Frage.

– Die wäre?

– Hast Du etwas von dem Knall gehört, der doch gewiß ganz entsetzlich stark war?

– Nein, erwiderte Ardan sehr betroffen, ich habe wirklich nichts davon gehört.

– Und Sie, Barbicane?

– Ich auch nicht.

– Nun denn? sagte Nicholl.

– In der That! murmelte der Präsident, warum haben wir keinen Knall gehört?

Die drei Freunde sahen sich einander etwas verlegen an. Die Erscheinung war ihnen unerklärlich. Doch war das Projectil abgeschossen worden, und folglich mußte ein Knall stattgefunden haben.

»Ueberzeugen wir uns zuerst, wo wir uns befinden«, sagte Barbicane, »und lassen wir die Luckendeckel hinab.«

Diese höchst einfache Verrichtung wurde sogleich bei der Lucke rechts vorgenommen. An den außen angebrachten Platten befanden sich Bolzen, welche durch die Wand dringend, innen vermittelst Mutterschrauben festgehalten wurden. Diese entfernte man mit einem englischen Schlüssel, die Bolzen wurden hinausgestoßen, und die Löcher, wodurch sie gegangen, durch Schließklappen, die mit Kautschuk gefüttert waren, verstopft. Nun senkte sich die Außenplatte an einem Charnier, wie bei einem Luckendeckel eines Kriegsschiffs hinab, und das Linsenglas an der Mündung der Lucke kam zum Vorschein. Eine ganz gleiche Ausgucklucke befand sich auf der entgegengesetzten Seite in der Wand des Projectils, eine andere an der Spitze desselben, und eine vierte in der Mitte seines Bodens. So konnte man also in vier entgegengesetzten Richtungen Beobachtungen anstellen, am Firmament durch die Seitenlucken und direct nach der Erde oder dem Mond hin durch die untere und obere.

Barbicane und seine Genossen waren unverzüglich an die geöffnete Lucke gestürzt. Kein Lichtstrahl zeigte sich, das Projectil war von tiefem Dunkel umfangen. Demunerachtet rief der Präsident Barbicane aus:

»Nein, meine Freunde, wir sind nicht wieder auf die Erde gefallen! Wir sind nicht in den Meeresgrund des mexikanischen Golfs versenkt! Ja! wir fahren aufwärts im Weltraum! Sehen Sie da die in der Nacht schimmernden Sterne und diese undurchdringliche Dunkelheit zwischen uns und der Erde!«

»Hurrah! Hurrah!« riefen zugleich Michel Ardan und Nicholl. In der That bewies diese dichte Finsterniß, daß das Projectil sich von der Erde entfernt hatte. Denn die damalige helle Beleuchtung des Erdbodens durch den Mondschein wäre den Reisenden sichtbar gewesen, wenn sie sich noch im Bereich seiner Oberfläche befunden hätten. Diese Dunkelheit lieferte auch den Beweis, daß das Projectil bereits über die Grenze der atmosphärischen Luftschichte gelangt war, denn das in derselben verbreitete zerstreute Licht hätte auf seine Metallwände eine Rückstrahlung ausgeübt, welche ebenfalls mangelte. Dieses Licht hätte die Linse des Gucklochs bestrahlt, und dieses Glas war unbeleuchtet. Es war also gar kein Zweifel mehr, daß die Reisenden sich von der Erde entfernt hatten.

»Ich habe verloren«, sagte Nicholl.

– Und ich gratulire dazu! erwiderte Ardan.

– Hier meine neuntausend Dollars, sagte der Kapitän, und zog einen Pack Papierdollars aus seiner Tasche.

– Wollen Sie Quittung? fragte Barbicane bei der Empfangnahme.

– Wenn Sie so freundlich sein wollen, erwiderte Nicholl. So ist's der Regel gemäß.

Und ernst, phlegmatisch, als befände er sich bei seiner Casse, zog der Präsident Barbicane sein Notizbuch, riß ein weißes Blatt heraus, schrieb darauf eine regelrechte Quittung mit Datum und Unterschrift, und überreichte sie dem Kapitän, der sie sorgfältig in seiner Brieftasche aufhob.

Michel Ardan zog seine Mütze ab, und verneigte sich, ohne ein Wort zu seinen Kameraden zu reden. Soviel Förmlichkeit unter solchen Umständen – dafür hatte er keine Worte. Nie war ihm etwas so »Amerikanisches« vorgekommen.

Als Barbicane und Nicholl ihr Geschäft beendigt hatten, begaben sie sich wieder vor das Fenster und betrachteten die Sternbilder. Auf dem dunkeln Hintergrund des Himmels hoben sich die Sterne sehr lebhaft ab. Aber von dieser Seite konnte man den Mond nicht wahrnehmen, weil er in der Richtung von Osten nach Westen allmälig zum Zenith emporstieg. Seine Abwesenheit veranlaßte Ardan zu einer Bemerkung.

»Und der Mond?« sagte er. »Sollte er zufällig unser Rendezvous verfehlen.«

– Beruhige Dich, versetzte Barbicane. Unser künftiger Wohnball ist auf seinem Posten, aber auf dieser Seite können wir ihn nicht sehen. Oeffnen wir das andere Seitenfenster.

Im Augenblick, als Barbicane eben im Begriff war, das Fenster zu verlassen, um die Gucklöcher der entgegengesetzten Seite von ihrem Deckel zu befreien, ward seine Aufmerksamkeit durch die Annäherung eines glänzenden Gegenstandes angezogen. Es war eine enorme Scheibe, deren kolossale Verhältnisse sich nicht schätzen ließen. Seine der Erde zugekehrte Seite war lebhaft beleuchtet. Man hätte es einen kleinen Mond nennen können, der das Licht des großen zurückstrahlte. Es bewegte sich mit erstaunlicher Schnelligkeit voran, und schien um die Erde eine Bahn zu beschreiben, welche die Linie des Projectils durchschnitt. Zu der Bewegung um die Erde kam eine Achsenbewegung um sich selbst. Es verhielt sich also wie alle im Raum sich selbst überlassene Himmelskörper.

»Was ist das?« rief Michel Ardan. »Noch ein Projectil?«

Barbicane erwiderte nichts. Die Erscheinung dieses enormen Körpers überraschte und beunruhigte ihn. Es war ein Zusammenstoß möglich, der schlimme Folgen haben konnte, sei es, daß das Projectil aus seiner Fahrt gedrängt oder zur Erde hinabgestoßen, oder durch überwältigende Anziehungskraft desselben unwiderstehlich mit fortgerissen würde.

Der Präsident Barbicane begriff augenblicklich die Folgen dieser drei Fälle, welche auf die eine oder andere Art das Unternehmen zum Scheitern bringen würden. Seine Gefährten blickten stumm in den Raum hinaus. Der Gegenstand nahm, sowie er näher kam, erstaunlich an Größe zu, und durch eine optische Täuschung schien das Projectil ihm geradezu entgegen zu fahren.

»Herr Gott!« rief Michel Ardan, »es wird gleich ein Zusammenstoß eintreten.«

Instinctmäßig traten die Reisenden zurück. Ihr Schrecken war ungeheuer, dauerte jedoch nicht lange, kaum einige Secunden. Der Asteroide fuhr einige hundert Meter neben dem Projectil vorbei und verschwand, nicht durch seine Schnelligkeit, sondern weil seine dem Mond zugekehrte Seite sich plötzlich in der absoluten Dunkelheit des Raums verlor.

»Glück zur Fahrt!« rief Michel Ardan, indem er wieder frei aufathmete. »Wie? Ist der unendliche Raum nicht groß genug, daß eine armselige kleine Kugel nicht ohne Besorgniß sich darin ergehen könnte! Aber was hat's mit der anmaßenden Kugel, die uns beinahe gestoßen hätte, für eine Bewandtniß?«

– Ich weiß es, erwiderte Barbicane.

– Potz tausend! Du weißt ja Alles.

– Es ist, sagte Barbicane, ein bloßer Bolide, aber von enormer Größe, den die Anziehungskraft der Erde wie einen Trabanten gefesselt hat.

– Ist's möglich?! rief Michel Ardan. Also hat die Erde zwei Monde, wie Neptun?

– Ja, Freund, zwei Monde, obschon man im Allgemeinen glaubt, sie habe nur einen. Aber dieser zweite Mond ist so klein, und seine Schnelligkeit so groß, daß die Erdbewohner ihn nicht gewahren können. Ein französischer Astronom, Petit, hat durch Beachtung gewisser Bahnstörungen die Existenz dieses zweiten Trabanten zu bestimmen und seine Elemente zu berechnen gewußt. Nach seinen Beobachtungen würde dieser Bolide seinen Umlauf um die Erde in nur drei Stunden und zwanzig Minuten vollenden, was eine erstaunliche Geschwindigkeit voraussetzt.

– Geben alle Astronomen, fragte Nicholl, die Existenz dieses Trabanten zu?

– Nein, erwiderte Barbicane; aber wenn sie, wie wir, ihm begegnet wären, könnten sie nicht mehr zweifeln. In der That, denk' ich, macht dieser Bolide, der uns durch ein Anstoßen sehr in Verlegenheit gebracht hätte, es möglich, genau anzugeben, wo wir uns befinden.

– Wie so? fragte Ardan.

– Weil seine Entfernung bekannt ist, so befanden wir uns im Moment des Begegnens gerade achttausendeinhundertundvierzig Kilometer von der Erdoberfläche entfernt.

– Ueber zweitausend Lieues! rief Michel Ardan. Das überbietet ja die Expreßfahrten dieses armseligen Erdballs!

– Ich glaub's wohl, erwiderte Nicholl, und sah auf seinen Chronometer, es ist elf Uhr, und wir haben erst seit dreizehn Minuten Amerika verlassen.

– Erst dreizehn Minuten? sagte Barbicane.

– Ja, erwiderte Nicholl, und wenn unsere anfängliche Geschwindigkeit von elf Kilometer fort bestände, so würden wir in der Stunde etwa zehntausend Lieues zurücklegen!

– Das ist Alles wohl recht, meine Freunde, sagte der Präsident, aber immer noch ist die Frage zu lösen: Weshalb haben wir den Knall der Columbiade nicht gehört?

Keine Antwort. Die Unterhaltung stockte, und Barbicane, fortwährend nachdenkend, machte sich daran, den Deckel der anderen Seitenlucke herabzulassen. Seine Bemühung gelang, und durch das frei gemachte Fenster fiel das glänzendste Mondlicht in's Innere des Projectils. Nicholl löschte als ein sparsamer Mann das Gaslicht, denn es war unnöthig, und war zudem bei Beobachtung der Planetenwelträume hinderlich. Das Mondlicht glänzte in unvergleichlicher Reinheit. Seine Strahlen, nicht mehr durch die Dunstatmosphäre der Erde gedämpft, drangen hell durch das Fenster, und erfüllten das Innere des Projectils reichlich mit silbernem Widerschein. Sein Glanz, obwohl durch den schwarzen Vorhang des Firmaments gehoben, doch in dem leeren Aetherraum nicht fähig sich zu verbreiten, verdunkelte nicht die benachbarten Sterne. So gewährte der Himmel einen ganz ungewöhnlichen Anblick, wie ihn das menschliche Auge nicht ahnen konnte.

Das Interesse der kühnen Reisenden an der Betrachtung des Nachtgestirns, dem höchsten Zweck ihrer Reise, ist begreiflich. Der Trabant der Erde kam auf seiner Bahn dem Zenith immer näher, dem mathematischen Punkt, welchen er etwa sechsundneunzig Stunden später erreichen sollte. Seine Gebirge und Ebenen, das ganze Bild seiner Oberfläche stellte sich ihren Augen nicht klarer dar, als wenn sie's irgend von einem Punkt der Erde aus betrachtet hätten; aber sein Licht entwickelte sich in dem leeren Raum mit unvergleichlicher Stärke. Die Scheibe glänzte wie ein Spiegel von Platina. Von der Erde, die unter ihren Füßen entschwand, hatten sie schon fast keine Erinnerung mehr.

Der Kapitän Nicholl lenkte zuerst wieder die Aufmerksamkeit auf den verschwundenen Erdball.

»Ja!« erwiderte Michel Ardan, »seien wir nicht undankbar gegen ihn. Weil wir unsere Heimat verlassen, so gebühren ihm unsere letzten Blicke. Ich will die Erde noch einmal sehen, bevor sie gänzlich meinen Blicken entschwindet!«

Um dem Wunsch seines Gefährten zu entsprechen, machte sich Barbicane daran, das Fenster im Boden des Projectils, welches direct die Betrachtung der Erde gestattete, frei zu machen. Es kostete Mühe, die Scheibe, welche durch die Kraft der Wurfbewegung bis auf den Boden gedrängt worden war, herauszunehmen. Die Stücke derselben wurden sorgfältig an der Wand aufgestellt, um nöthigenfalls benutzt werden zu können. Hierauf zeigte sich eine kreisrunde, fünfzig Centimeter breite Oeffnung, welche in dem Boden des Geschosses ausgeschnitten war. Dieselbe war mit einem fünfzehn Centimeter dicken, mit einem kupfernen Beschlag versehenen Glas geschlossen. Darunter war eine Aluminiumplatte angebracht, die vermittelst Bolzen befestigt war. Es wurde die Schraubenmutter losgedreht, die Bolzen frei gemacht, die Platte senkte sich und so war der Verkehr mit der Außenwelt für das Gesicht hergestellt.

Michel Ardan kniete auf das Fenster nieder, es war düster, wie im Schatten.

»Nun!« rief er, »und die Erde?«

– Die Erde? sagte Barbicane, da ist sie.

– Wie? sagte Ardan, dieser schmale Streifen, die silberne Sichel?

– Allerdings, Michel. In vier Tagen, wenn's Vollmond ist, eben wenn wir dort anlangen, wird die Erde im Neulicht sein. Sie wird uns nur noch in Gestalt einer dünnen Sichel sichtbar sein, die bald verschwinden wird, und dann werden wir sie einige Tage lang in undurchdringliches Dunkel gehüllt finden.

– Dies die Erde! sagte Michel Ardan wiederholt, indem er mit gesperrten Augen den schmalen Schnitt seines Geburtsplaneten ansah.

Die vom Präsidenten Barbicane gegebene Erklärung war richtig. Die Erde trat im Verhältniß zum Projectil in ihre letzte Phase. Sie befand sich in ihrem Achtel, und zeigte auf dem dunkeln Hintergrund des Himmels eine sein gezogene Sichel. Ihr Licht, welches durch die dichte Schichte atmosphärischer Luft einen bläulichen Schein bekam, war minder stark, als das der Mondsichel. Dieser Ausschnitt zeigte bedeutende Dimensionen; man hätte ihn einen enormen, am Himmel gespannten Bogen nennen können. Einige hell erleuchtete Punkte, zumal auf seiner concaven Seite, bezeichneten hohe Gebirge; aber sie verschwanden zuweilen unter dichten Flecken, wie man sie bei der Oberfläche der Mondscheibe nie gewahrt. Es waren Ringe von Gewölk, die sich concentrisch um die Erdkugel herum bilden.

Jedoch war man, in Folge einer Naturerscheinung, gleich der, wie sie beim Mond vorkommt, wenn er in seinen Achteln sich befindet, im Stande die vollständige Umfangslinie der Erdkugel wahrzunehmen. Die ganze Scheibe kam ziemlich deutlich zum Vorschein durch die Wirkung des aschfarbenen Lichts, welches geringer als das bei dem Mond anzuschlagen ist. Der Grund dieser geringeren Stärke ist sehr begreiflich. Der Reflex auf dem Mond kommt von den Sonnenstrahlen, welche die Erde auf ihren Trabanten zurückwirft; hier sind's umgekehrt die vom Mond auf die Erde zurückgeworfenen Sonnenstrahlen. Nun ist das Erdlicht ungefähr dreizehnmal stärker als das Mondlicht, in Gemäßheit der verschiedenen Größe der beiden Körper. Daraus folgt denn, daß bei der Erscheinung des aschfarbenen Lichtes der dunkle Theil der Erdscheibe minder klar gezeichnet ist, wie bei der Mondscheibe, weil die Stärke der Erscheinung im Verhältniß zur Leuchtkraft der beiden Gestirne steht. Es ist weiter zu bemerken, daß bei der Sichel der Erde die krumme Linie weitläufiger gezogen zu sein schien, als beim Mond; was lediglich Wirkung der Ausstrahlung ist.

Während die Reisenden das dichte Dunkel des Raums zu durchdringen suchten, entfaltete sich vor ihren Blicken ein funkelnder Strauß von Sternschnuppen. Hunderte von Boliden, die bei der Berührung mit der Atmosphäre sich entzündeten, durchzogen das Dunkel mit Lichtstreifen, und funkelten mit feurigem Schimmer in dem aschfarbenen Theile des Mondes. Die Erde befand sich damals in ihrer Sonnennähe, und der December ist der Erscheinung der Sternschnuppen so günstig, daß die Astronomen deren vierundzwanzigtausend während einer Stunde aufzählten. Aber Michel Ardan, der wissenschaftliches Urtheil gering achtete, gab lieber dem Glauben Raum, die Erde feiere mit ihren glänzendsten Kunstfeuern die Abfahrt ihrer drei Kinder.

Kurz, dies war Alles, was sie von dem im Dunkel verschwundenen Erdball sahen, als einem untergeordneten Stern in der Sonnenwelt, der den großen Planeten wie ein bloßer Morgen- oder Abendstern unter- oder aufgeht! ein nicht mehr zu erkennender Punkt im Raum, nur eine schwindende Sichel noch war die Erdkugel, auf welcher sie Alles, was ihnen lieb und theuer war, zurückgelassen hatten!

Lange blickten die drei Freunde sprachlos, aber im Herzen einig, sich einander an, während das Projectil sich in unverändert abnehmender Geschwindigkeit entfernte. Hierauf befiel ihr Gehirn eine unwiderstehliche Schlaftrunkenheit, wohl aus erschöpfender Ermüdung des Körpers und Geistes, denn auf die Ueberreizung der letzten auf der Erde verbrachten Stunden mußte wohl unvermeidlich eine Reaction erfolgen.

»Nun«, sagte Michel, »da man doch schlafen muß, so wollen wir schlafen.«

Und auf ihre Polster gestreckt, sanken die Drei bald in tiefen Schlaf.

Aber sie waren noch nicht eine Viertelstunde eingeschlummert, als Barbicane sich plötzlich aufrichtete und mit erschreckender Stimme seinen Gefährten zu rief:

»Gesunden!«

– Was hast Du gefunden? fragte Michel Ardan, von seinem Lager aufspringend.

– Den Grund, weshalb wir den Knall der Columbiade nicht gehört haben!

– Und der ist? rief Nicholl.

– Weil unser Projectil schneller fuhr, als der Ton!

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