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Reise um den Mond

Jules Verne: Reise um den Mond - Kapitel 23
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typefiction
authorJules Verne
titleReise um den Mond
publisherA. Hartleben's Verlag
year1874
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Zweiundzwanzigstes Capitel

Rettung.

Die Stelle, wo das Projectil versunken, war genau bekannt. Es fehlte noch an Instrumenten, um es zu fassen und an die Meeresoberfläche herauszuholen. Die mußte man erst ausdenken, dann verfertigen. Das war für amerikanische Ingenieure nur eine Kleinigkeit. Waren einmal Haken fertig und Dampfkraft zu Hilfe, so konnten sie sicher sein, das Projectil wieder herauf zu heben, trotz seiner Schwere, die übrigens durch die Dichtheit der umgebenden Flüssigkeit gemindert war.

Aber das Herausholen genügte nicht, man mußte rasch verfahren. Dann konnte man hoffen, sie noch bei Leben zu finden.

»Ja! wiederholte Maston unablässig mit einem Vertrauen, das sich Jedem mittheilte; unsere Freunde sind Leute von Geschick; unmöglich sind sie als Dummköpfe gefallen. Sie sind wohl noch am Leben, aber Eile thut noth, um sie noch so zu finden. Um Lebensmittel und Wasser bin ich nicht besorgt! Sie sind für lange Zeit damit versehen! Aber die Luft! Die Luft wird ihnen bald ausgehen. Darum rasch! rasch!«

Und man verfuhr rasch. Die Susquehanna wurde für die neue Bestimmung zurecht gemacht, und ihre Maschinen für den vorliegenden Zweck zur Verwendung gerichtet. Das Projectil wog nur neunzehntausendzweihundertundfünfzig Pfund, ein Gewicht, das geringer war, als das des transatlantischen Kabels, welches unter ähnlichen Verhältnissen herausgeschafft wurde. Die einzige Schwierigkeit bestand darin, daß die glatten Wände desselben es schwierig machten, um es mit Haken zu fassen.

Zu diesem Zweck ließ der Ingenieur Murchison, der eilends nach S. Francisco kam, ungeheure Haken nach einem automatischen System fertigen, welche das Projectil, wenn sie's einmal mit ihren starken Zangen faßten, nicht mehr los lassen würden. Er ließ auch Korkkleider fertigen, welche den Tauchern gestatten sollten, den Meeresgrund zu durchforschen. Desgleichen ließ er an Bord der Susquehanna einen Apparat mit zusammengepreßter Luft bringen, der sehr sinnreich ausgedacht war. Es waren Behälter mit Luken, welche man vermittelst Wasser in gewissen Gefächern bis in große Tiefen hinabbringen konnte. Solche Apparate befanden sich gerade zu S. Francisco, wo man sie zur Anlegung eines unterseeischen Dammes gebraucht hatte. Und dies war ein Glück, denn sie zu fertigen hätte es an Zeit gemangelt.

Doch war, trotz dieses vortrefflichen Apparats, trotz des Genies der damit beauftragten Gelehrten der Erfolg der Operation keineswegs gesichert. Wie viele unsichere Zufälle gab's bei dem Bemühen, das Projectil zwanzigtausend Fuß tief aus dem Wasser emporzuheben! Sodann, selbst auch wenn es an die Oberfläche herausgeschafft wurde, wie würden wohl seine Passagiere den fürchterlichen Stoß überstanden haben, der durch die Gewässer von zwanzigtausend Fuß Tiefe vielleicht nicht hinreichend abgeschwächt wurde?

Endlich, es war so rasch wie möglich zu verfahren. J.T. Maston drängte Tag und Nacht. Er hatte Luft, selbst das Taucherkleid anzulegen, und den Luftapparat zu probiren, um die Lage seiner muthigen Freunde zu erforschen.

Doch verliefen, trotz allem Eifer bei Fertigung der Maschinen, trotz den bedeutenden Summen, welche die Regierung dem Gun-Club zur Verfügung stellte, fünf lange Tage, fünf Jahrhunderte! ehe diese Vorrichtungen fertig wurden. Während dieser Zeit war die öffentliche Theilnahme auf's Höchste gespannt, Telegramme drängten sich beständig in der ganzen Welt. Die Rettung Barbicane's, Nicholl's und Michel Ardan's war eine internationale Angelegenheit. Alle Völker, die sich an den Subscriptionen für das Darlehen des Gun-Clubs betheiligt hatten, nahmen directen Antheil an dem Heil der Reisenden.

Endlich wurden die Ketten, die Luftbehälter, die automatischen Haken an Bord der Susquehanna gebracht. Maston, Murchison und die Abgeordneten des Gun-Clubs befanden sich in ihrer Cabine. Alles war zur Abfahrt fertig.

Am 21. December um acht Uhr Abends, bei stiller See, lebhafter Kälte und Nordostwind stach die Corvette in See. Die ganze Bevölkerung von S. Francisco drängte sich auf den Quais, voll Rührung, doch stumm, die Hurrahs auf die Rückkehr versparend.

Die Dampfkraft wurde auf den höchsten Punkt gespannt, die Schraube brachte das Fahrzeug mit reißender Schnelligkeit aus der Bai hinaus.

Von den Gesprächen an Bord unter Officieren, Matrosen, Passagieren brauch' ich nicht zu reden: nur ein Gedanke belebte Alle, alle Herzen schlugen mit gleicher Theilnahme. Während man so zu Hilfe eilte, was trieben Barbicane und Genossen? wie war es ihnen ergangen? Waren sie im Stande, einen kühnen Versuch zu ihrer Befreiung zu machen? Niemand konnte das sagen. In Wahrheit war ihnen jedes Mittel versagt. Zwei Lieues tief im Ocean versenkt trotzte der metallene Kerker allen Bemühungen von Seiten der Gefangenen.

Am 23. December um acht Uhr früh, nach rascher Fahrt, mußte die Susquehanna an der Unglücksstelle ankommen. Man mußte noch bis zwölf Uhr warten, um eine genaue Aufnahme machen zu können. Man hatte die Boje, woran die Schnur der Sonde befestigt war, noch nicht aufgefunden.

Um zwölf Uhr machte der Kapitän Blomsberry mit Hilfe seiner Officiere seine Berechnung in Gegenwart der Abgeordneten des Gun-Clubs. Einen Augenblick war man in ängstlicher Spannung. Nach genauer Bestimmung befand sich die Susquehanna westlich einige Minuten von der Stelle entfernt, wo das Projectil unter den Wogen verschwunden war.

Die Fahrt der Corvette wurde also genau auf diesen Punkt gerichtet.

Siebenundvierzig Minuten nach zwölf gewahrte man die Boje. Sie war unversehrt und mochte wenig ihren Platz geändert haben.

»Endlich! rief J.T. Maston.

– Fangen wir jetzt an? fragte der Kapitän Blomsberry.

– Ohne eine Secunde zu verlieren«, erwiderte Maston.

Es wurden alle Vorkehrungen getroffen, daß die Corvette sich möglichst unbeweglich hielt.

Bevor man das Projectil zu fassen trachtete, wollte der Ingenieur Murchison erst seine Lage auf dem Meeresgrund recognosciren. Die unterseeischen Apparate, welche für diesen Zweck bestimmt waren, wurden mit Luft versehen. Das Verfahren mit diesen Maschinen ist nicht gefahrlos. Denn in einer Tiefe von zwanzigtausend Fuß unter der Oberfläche und bei einem so enormen Druck kann ein Zerreißen, ein Zerspringen eintreten, welches erschreckliche Folgen haben würde.

J.T. Maston, Blomsberry, der Ingenieur Murchison begaben sich, ohne jene Gefahren zu beachten, in die Luftkammern. Der Commandant auf dem Steg leitete die Arbeit, bereit auf das erste Signal die Ketten inne zu halten oder herauf zu ziehen. Die Schraube war außer Wirkung gesetzt, und die volle Kraft der Maschinen auf das Winden verwendet, war im Stande, rasch den Apparat wieder herauf zu ziehen.

Um ein Uhr fünfundzwanzig Minuten Nachmittags begann das Hinabsteigen, und die Luftkammer, durch ihre Wasserbehälter hinabgezogen, verschwand unter der Meeresoberfläche.

Die Officiere und Matrosen an Bord waren nun doppelt in Besorgniß, um die im Projectil und in dem unterseeischen Apparat Eingeschlossenen. Die Letzteren vergaßen sich selbst, und beobachteten, an die Fenster der Luken gebannt, achtsam die Gewässer.

Es ging sehr rasch hinab. Um zwei Uhr siebzehn Minuten befand sich Maston mit seinen Genossen auf dem Meeresgrunde. Aber sie sahen nichts, als die Wüste, die weder von der Fauna noch der Flora des Meeres belebt war. Beim Schein ihrer mit starken Reflectoren versehenen Lampen waren sie im Stande, in ziemlich weitem Umfang die Wasserschichten zu beobachten. Aber das Projectil war nicht zu finden und zu sehen.

Unbeschreiblich war die Ungeduld der kühnen Taucher. Da ihr Apparat in elektrischer Verbindung mit der Corvette stand, so gaben sie ein verabredetes Zeichen, und die Susquehanna fuhr um eine Meile weiter, mit der Luftkammer einige Meter über dem Boden.

So durchforschten sie die ganze Ebene des Meeresgrundes, häufig durch optische Täuschungen irre geführt, die ihnen das Herz brachen. Hier ein Felsen, dort eine Bodenerhöhung kamen ihnen vor wie das mit Sehnsucht gesuchte Projectil. Dann, als sie ihren Irrthum gewahrten, sank ihnen der Muth.

»Aber wo sind sie? wo sind sie?« rief Maston.

Und der arme Mensch rief laut: Nicholl, Barbicane, Michel Ardan, als wenn seine unglücklichen Freunde ihn durch die undurchdringliche Umgebung hätten hören können!

Die Untersuchung dauerte unter diesen Umständen so lange, bis die verdorbene Luft die Taucher nöthigte, wieder empor zu steigen.

Gegen sechs Uhr Abends begann das Hinaufwinden und dauerte bis zu Mitternacht.

»Morgen fahren wir fort, sagte J.T. Maston, als er das Verdeck der Corvette betrat.

– Ja, erwiderte der Kapitän Blomsberry.

– An einer anderen Stelle.

– Ja.«

J.T. Maston zweifelte noch nicht am Erfolg, aber seine Genossen, die nicht mehr von der Belebung der ersten Stunden beseelt waren, begriffen bereits die ganze Schwierigkeit des Unternehmens. Was zu S. Francisco leicht schien, zeigte sich auf der Höhe des Oceans als unausführbar. Die Aussicht auf Gelingen verminderte sich in steigendem Maße, und man konnte nur noch von einem glücklichen Zufall ein Zusammentreffen mit dem Projectil erwarten.

Am folgenden Tag, 24. December, wurde trotz der Beschwerden des vorigen Tages die Operation von Neuem vorgenommen.

Der ganze Tag verstrich mit erfolglosem Suchen. Das Bett des Meeres war leer. Auch der 25. December brachte kein Resultat. Ebensowenig der 26.

Das war zum Verzweifeln, wenn man an die unglücklichen, nun seit sechsundzwanzig Tagen Eingeschlossenen dachte! Vielleicht empfanden sie eben bereits die ersten Zufälle des Erstickens, wenn sie über die Gefahren des Herabsturzes glücklich hinausgekommen waren! Die Luft war ausgegangen, und damit zugleich ohne Zweifel Muth und Hoffnung.

»Die Luft, wohl möglich, erwiderte J.T. Maston stets, aber niemals der Muth.«

Nach zwei weiteren Tagen, am 28., war alle Hoffnung verloren. In dem unermeßlichen Meer war das Projectil ein Atom! Man mußte darauf verzichten, es aufzufinden.

Doch wollte J.T. Maston nichts davon hören. Er wollte nicht die Stelle verlassen, ohne wenigstens das Grab seiner Freunde zu sehen. Aber der Commandant Blomsberry konnte nicht länger dabei beharren, und mußte trotz aller Einreden des würdigen Secretärs den Befehl zur Abfahrt geben.

Am. 29. December, um neun Uhr Vormittags, fuhr die Susquehanna in nordöstlicher Richtung nach der Bai S. Francisco zurück.

Um zehn Uhr, als die Corvette mit wenig Dampf und gleichsam wider Willen von der Unglücksstätte sich entfernte, hörte man den Matrosen, der, um das Meer zu beobachten, auf die Flaggenstangen gestiegen war, plötzlich ausrufen:

»Eine Boje quer vor uns unterm Wind.«

Die Officiere schauten in der angegebenen Richtung. Sie erkannten mit ihren Fernrohren, daß der signalisirte Gegenstand wirklich den Bojen glich, womit man das Fahrwasser der Baien oder Flüsse kenntlich macht. Aber, seltsamer Umstand, auf der fünf bis sechs Fuß hervorragenden Spitze flatterte eine Flagge. Diese Boje glänzte in den Sonnenstrahlen, als sei sie aus Silberplatten gefertigt.

Der Commandant Blomsberry, J.T. Maston, die Abgeordneten des Gun-Clubs stiegen auf den Steg, und untersuchten den auf den Wellen treibenden Gegenstand.

Alle schauten mit fieberhafter Angst, aber schweigend. Keiner wagte den Gedanken auszusprechen, der Allen in den Sinn kam.

Die Corvette näherte sich dem Gegenstand auf zwei Kabel.

Die ganze Mannschaft ergriff ein Schauer.

Es war die amerikanische Flagge!

In diesem Augenblick vernahm man ein wahres Löwengebrüll. Der wackere J.T. Maston war wie ein Klumpen zu Boden gefallen. Gänzlich vergessend, daß er statt eines Armes nur einen eisernen Haken hatte, statt eines Hirnschädels nur eine Plattmütze von Guttapercha sein Haupt deckte – hatte er sich einen entsetzlichen Schlag vor die Stirne gegeben.

Man eilte hin, hob ihn auf, brachte ihn wieder zu Besinnung. Seine ersten Worte waren:

»Aber, dreifaches Rindvieh! vierfache Dummköpfe! fünffache Tölpel sind wir doch!

– Was giebt's? schrie man auf allen Seiten.

– Was es giebt? ...

– So reden Sie doch!

– Dummköpfe, brüllte der fürchterliche Secretär, daß das Projectil nur neunzehntausendzweihundertundfünfzig Pfund wiegt, das giebt's!

– Nun!

– Und daß es den Raum von sechsundfünfzigtausend Pfund Wasser einnimmt, daß es also nothwendig › obenauf schwimmt‹!«

Und wie betonte der würdige Mann den Ausdruck » obenauf schwimmt«! Und er hatte Recht. Alle, ja! alle diese gelehrten Leute hatten nicht an dieses Grundgesetz gedacht; daß nämlich in Folge seines geringen specifischen Gewichts das Projectil, nachdem es durch seinen Fall in die größte Tiefe des Oceans geschleudert worden, naturgesetzlich wieder auf die Oberfläche kommen mußte! Und nun schwamm es ruhig oben, wohin die Wogen es trieben ...

Man hatte die Boote hinabgelassen. J.T. Maston und seine Freunde stürzten hinein. Die Spannung war auf ihrem Höhepunkt. Alle Herzen klopften, während die Boote dem Projectil zu fuhren. Enthielt es Lebende oder Todte? Lebende ja! sofern nicht Barbicane und seine Freunde seit Aufpflanzen der Flagge gestorben waren!

Tiefes Schweigen herrschte auf den Booten. Alle Herzen waren beklommen. Die Augen hatten die Sehkraft verloren. Eine der Fensterluken des Projectils stand offen. Einige in dem Rahmen steckende Scheibenstücke zeigten, daß das Fenster entzwei geschlagen worden war. Diese Luke war gegenwärtig fünf Fuß über dem Wasser.

Ein Boot legte an. J.T. Maston stürzte eilig auf das zerbrochene Fenster ...

In dem Augenblick hörte man eine lustige, laute Stimme. Michel Ardan rief triumphirend:

»Auf beiden Seiten weiß, Barbicane!«

Barbicane, Michel Ardan und Nicholl – spielten Domino!

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