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Reise nach dem Mittelpunkt der Erde

Jules Verne: Reise nach dem Mittelpunkt der Erde - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
year1874
publisherA. Hartleben
volume3
seriesBekannte und unbekannte Welten
addressPest, Leipzig
titleReise nach dem Mittelpunkt der Erde
senderhille@abc.de
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Dreiundvierzigstes Capitel.

Ausgeworfen aus dem Krater.

Ja, irre! Die Nadel sprang von einem Pole zum andern in grellen Stößen, durchlief die ganze Zeigerscheibe und dann rückwärts, als sei sie von Schwindel befallen.

Ich wußte wohl, daß, nach den verbreitetsten Theorien die minerale Erdrinde nie im Zustand völliger Ruhe ist; die von der Zersetzung der inneren Stoffe veranlaßten Modificationen, die von den großen Strömungen herrührende Erschütterung, die Einwirkung des Magnetismus trachten sie unablässig zu erschüttern, selbst dann, wenn die auf ihrer Oberfläche verbreiteten Geschöpfe keine Ahnung von seiner Thätigkeit haben. Diese Erscheinung hätte mich daher nicht weiter erschreckt, oder hätte wenigstens nicht in meinem Geiste eine schreckliche Idee aufkommen lassen.

Aber andere Thatsachen, gewisse Details eigenthümlicher Art, konnten mich nicht länger täuschen. Mit erschreckender Heftigkeit wiederholte sich häufiges Getöse. Ich konnte es nur mit dem Lärm vergleichen, welchen eine große Anzahl Karren, die reißend schnell über's Pflaster fahren, verursachen. Es war ein ununterbrochenes Donnergeroll.

Sodann die durch elektrische Erscheinungen aus der Ordnung gebrachte Magnetnadel bestätigte meine Vermuthung, die minerale Rinde drohte zu bersten, der granitene Grundbau sich zusammenzufügen, die Spalten fest zu schließen, die leeren Räume sich auszufüllen, und wir arme Atome würden dann jämmerlich zerdrückt.

– »Oheim, lieber Oheim! wir sind verloren! rief ich aus.

– Was für ein neuer Schrecken? erwiderte er mit auffallender Ruhe. Was hast Du denn vor?

– Sehen Sie doch, wie diese Wände wanken, der Grundbau aus den Fugen geht, diese glühende Hitze, dies siedende Wasser, diese sich verdichtenden Dünste, die irre Magnetnadel, lauter Anzeigen eines Erdbebens!«

Mein Oheim schüttelte sanft den Kopf.

»Ein Erdbeben? sagte er.

– Ja!

– Lieber Junge, ich glaube, Du irrst!

– Wie? Erkennen Sie diese Voranzeichen nicht? ...

– Eines Erdbebens? nein! Ich bin auf Besseres gefaßt!

– Was meinen Sie damit?

– Einen Ausbruch, Axel.

– Einen Ausbruch! sagte ich. Wir befinden uns im Schlund eines thätigen Vulkans!

– Ich denke, sagte der Professor lächelnd, und das ist ja das Glücklichste, was uns treffen kann!«

Das Glücklichste! War mein Oheim ein Narr geworden? Was wollte das bedeuten? Und dabei die Gemüthsruhe und das Lächeln?

»Wie! rief ich aus, wir sind in einem Ausbruch begriffen! Das Verhängniß hat uns zur glühenden Lava verschlagen, den Felsen im Feuer, dem siedenden Wasser, allem Auswurfstoff! Wir werden hinausgestoßen, weggeworfen, ausgespieen, in die Lüfte geschleudert mit den Felsblöcken, dem Aschenregen, den Schlacken, in einem Flammenstrudel, und dies ist das Glücklichste, was uns begegnen kann!

– Ja, versetzte der Professor, und sah mich durch seine Brille an, denn es liegt darin die einzige Aussicht, wieder auf die Oberfläche der Erde zu kommen!«

Tausend Ideen kreuzten sich in meinem Gehirn. Mein Oheim hatte Recht, unbedingt Recht, und nie ist er mir kühner, nie überzeugter vorgekommen, als in dem Moment, wo er auf einen Ausbruch gefaßt, die Aussichten dabei mit Seelenruhe erwog.

Inzwischen kamen wir stets aufwärts; die Nacht verlief unter dieser Bewegung nach oben; das Getöse umher verdoppelte sich; ich war am Ersticken, glaubte, meine letzte Stunde sei gekommen, und doch, die Phantasie ist so wunderlich, daß ich mich einer wahrhaft kindischen Untersuchung hingab. Ich war nicht Herr meiner Gedanken, sondern von ihnen fortgerissen.

Offenbar wurden wir von einem Drängen zum Ausbruch fortgeschoben; unter dem Floß befand sich siedendes Wasser, und unter diesem Wasser eine Lavateig-Masse, eine Anhäufung von Felsstücken, die auf dem Kratergipfel in alle Richtungen zerstreut werden sollten. Wir befanden uns also in dem Schlund eines Vulkans; daran war nicht zu zweifeln.

Aber diesesmal handelte sich's, anstatt des erloschenen Snäfields um einen solchen in voller Thätigkeit. Ich stellte mir also die Frage, was dies für ein Berg sein könne, und an welcher Stelle der Welt wir sollten ausgeworfen werden.

In den Nordgegenden, daran war nicht zu zweifeln. Von dem Cap Saknussemm an waren wir einige hundert Meilen weit gerade nördlich fortgerissen worden. Befanden wir uns unter Island? Sollten wir durch den Krater des Hekla oder einen der andern sieben feuerspeienden Berge der Insel ausgeworfen werden? In einem Umkreis von fünfhundert Meilen sah ich westwärts unter diesem Breitegrad nur die wenig bekannten Vulkane der Nordwestküste von Amerika. Ostwärts gab's nur einen unterm achtzigsten Grad, den Esk auf der Insel Mayen unweit Spitzbergen! Allerdings an Kratern fehlte es nicht, und zwar die geräumig genug waren, um eine ganze Armee auszuspeien! Aber welcher uns dienen sollte, um herauszukommen, das bemühte ich mich zu errathen.

Gegen Morgen beschleunigte sich die aufsteigende Bewegung. Nahm die Hitze zu, anstatt bei Annäherung an die Erdoberfläche abzunehmen, so war die Ursache eine locale unter Einfluß eines Vulkans. Ueber die Art unserer Fortbewegung hatte ich nicht den geringsten Zweifel mehr. Eine ungeheure Gewalt, die Kraft von mehreren hundert Atmosphären, welche im Schoße der Erde aufgehäufte Dünste erzeugt hatten, drängte uns unwiderstehlich. Aber welchen unzähligen Gefahren setzte sie uns aus!

Bald drangen gelbe Reflexe in die Galerie, welche nun weiter wurde; ich bemerkte rechts und links tiefe Gänge gleich ungeheuren Tunnels, woraus dichte Dünste entwichen; Flammenzungen beleckten knisternd ihre Wände.

»Sehen Sie! Sehen Sie, lieber Oheim, rief ich.

– Nun, das sind Schwefelflammen. Das ist bei einem Ausbruch ganz natürlich.

– Aber wenn sie uns umgeben?

– Sie werden uns nicht umgeben.

– Aber wenn sie uns ersticken?

– Sie werden uns nicht ersticken. Die Galerie wird weiter, und nöthigenfalls verlassen wir das Floß, und flüchten uns in eine Kluft.

– Und das Wasser! das steigende Wasser?

– Es ist kein Wasser mehr, Axel, sondern eine Art Lavateig, die uns bis zur Mündung des Kraters emporschiebt.«

An Stelle der Wassersäule waren in der That jetzt ziemlich dichte, obwohl siedende Auswurfstoffe getreten. Die Temperatur ward unerträglich, und ein Thermometer würde über siebenzig Grad gezeigt haben! Der Schweiß rann mir aus allen Poren. Nur das rasche Aufwärtsfahren bewahrte uns vor Ersticken.

Doch führte der Professor den Vorschlag, das Floß zu verlassen, nicht aus, und that wohl daran. So schlecht diese Balken zusammengefügt waren, boten sie doch eine feste Oberfläche, einen Stützpunkt, der uns sonst überall gefehlt hätte.

Gegen acht Uhr Morgens ergab sich zum ersten Mal ein neuer Zwischenfall. Die aufsteigende Bewegung hörte plötzlich auf. Das Floß hielt durchaus unbeweglich an.

»Was ist das? fragte ich, durch das plötzliche Anhalten wie durch einen Stoß gerüttelt.

– Ein Halt, erwiderte mein Oheim.

– Hält der Ausbruch inne?

– Ich hoffe nicht.«

Ich stand auf, versuchte umher zu schauen. Vielleicht verursachte das Floß, indem es durch einen Felsvorsprung aufgehalten wurde, einen vorübergehenden Widerstand gegen die ausbrechende Masse. In diesem Falle mußte man sich beeilen, es so schnell wie möglich frei zu machen.

Dies war nicht der Fall. Die Masse von Asche, Schlacken und Steingerölle hatte selbst zu steigen aufgehört.

»Wird der Ausbruch inne halten? rief ich.

– Ah! sagte mein Oheim, Du fürchtest es, lieber Junge; aber beruhige Dich, diese Pause kann nicht lange dauern; bereits fünf Minuten sind vorüber, und bald werden wir unser Emporsteigen zur Mündung des Kraters fortsetzen.«

Der Professor beobachtete, während er sprach, unablässig seinen Chronometer, und er sollte nochmals Recht haben in seinen Vorausvermuthungen. Bald wurde das Floß wieder von einer raschen unordentlichen Bewegung ergriffen, die etwa zwei Minuten dauerte.

»Gut, sagte mein Oheim, und sah dabei auf die Uhr, in zehn Minuten wird es sich wieder in Bewegung setzen.

– Zehn Minuten?

– Ja. Wir haben's mit einem Vulkan zu thun, dessen Ausbrüche mit Unterbrechungen vor sich gehen. Er läßt uns ausruhen.«

Dies war völlig richtig. Auf die angesagte Minute wurden wir von Neuem mit äußerster Schnelligkeit fortgestoßen. Wir mußten uns an die Balken festklammern, um nicht von dem Floß weggeschleudert zu werden. Dann hielt der Stoß wieder ein.

Seitdem hab' ich über diese auffallende Erscheinung nachgedacht, ohne eine befriedigende Erklärung zu finden. Doch scheint es mir klar, daß wir uns nicht in dem Hauptschlund des Vulkans befanden, sondern etwa in einem Nebengang, wo in der That ein Gegenschlag sich fühlbar machte.

Wie oft sich solch ein Ruck wiederholte, kann ich nicht sagen. Nur das kann ich angeben, daß wir bei jeder Erneuerung der Bewegung mit zunehmender Gewalt, und wie von einem Projectil fortgerissen, emporgeschoben wurden. Während der Pausen war's zum Ersticken; während des Fortschiebens machte mir die glühende Luft das Athmen unmöglich. Allmälig übrigens, durch die wiederholten Erschütterungen erschöpft, verlor ich die Besinnung. Ohne unsers Hans Arme hätte ich mehr wie einmal mir den Schädel an der Granitwand zerschmettert.

Ich habe daher keine genaue Erinnerung von dem, was in den folgenden Stunden vorging, behalten. Ich habe das unklare Bewußtsein von unaufhörlichem donnerartigen Getöse, von der Erschütterung des Grundbaues, von einer kreiselartigen Bewegung, welche das Floß ergriff. Es schaukelte über Lavawogen inmitten eines Aschenregens, umgeben von schnaufenden Flammen. Ein Orkan, als käme er von einem ungeheuren Blasebalg, fachte die unterirdischen Feuer an. Zum letzten Male sah ich unsers Hans Antlitz im Widerschein einer Feuersbrunst, und ich hatte kein anderes Gefühl, als das unselige Entsetzen der Unglücklichen, welche vor die Mündung einer Kanone gebunden sind, im Moment wo der Schuß losgeht, um ihre Glieder in die Lüfte zu zerstreuen.

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