Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Reise nach dem Mittelpunkt der Erde

Jules Verne: Reise nach dem Mittelpunkt der Erde - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
year1874
publisherA. Hartleben
volume3
seriesBekannte und unbekannte Welten
addressPest, Leipzig
titleReise nach dem Mittelpunkt der Erde
senderhille@abc.de
Schließen

Navigation:

Vierzigstes Capitel.

Cap Saknussemm.

Seit Anfang der Reise habe ich viel Erstaunliches erlebt, und ich durfte glauben nun vor Ueberraschungen sicher und gegen Verwunderung abgestumpft zu sein. Doch beim Anblick dieser beiden seit dreihundert Jahren hier eingegrabenen Buchstaben erstaunte ich ganz über die Maßen. Nicht nur die Handschrift des gelehrten Alchymisten stand auf dem Felsen, sondern auch das Stilet, womit er sie eingegraben hatte, war in meinen Händen. Wollte ich nicht ganz allen Glauben verleugnen, so konnte ich die Existenz des Reisenden und die Wirklichkeit seiner Reise nicht mehr in Zweifel stellen.

Während diese Gedanken meinen Kopf in Bewegung setzten, gab sich der Professor Lidenbrock einem Schwung der Begeisterung gegen Arne Saknussemm hin, indem er das Vorgebirge, wo er dieses Meer entdeckt hatte, nach seinem Namen Cap Saknussemm benannte.

Diese Begeisterung zündete in mir ein gleiches Feuer. Ich vergaß alle Gefahren der Reise und der Rückkehr; was Andere vollbracht, wollte ich auch fertig bringen, und nichts, was menschlich ist, schien mir unmöglich.

»Vorwärts, vorwärts!« rief ich aus.

Ich stürzte schon auf den dunkeln Gang zu, als der Professor mich hemmte, und der ungestüme Mann rieth mir Geduld und Gemüthsruhe an.

»Erst wollen wir zu Hans zurück und das Floß herbeiholen.«

Ich folgte der Weisung nicht ohne Mißbehagen, und schlüpfte rasch zwischen den Felsen des Ufers hin.

»Wissen Sie, Oheim, sagte ich beim Fortgehen, daß wir bisher viel Glück gehabt haben!

– So, Du meinst, Axel?

– Allerdings, und sogar der Sturm hat uns glücklich auf den rechten Weg geführt; gutes Wetter hätte uns davon entfernt. Dann wäre uns Saknussemm's Name nicht zu Gesicht gekommen, und wir befänden uns jetzt verlassen ohne Ausweg.

– Ja, Axel, es ist eine Art göttlicher Fügung, daß wir, südwärts schiffend, nach dem Norden verschlagen wurden zum Cap Saknussemm. Diese Thatsache enthält wirklich etwas Unerklärliches.

– Nun, gleichviel! Es gilt hier nicht die Thatsachen zu erklären, sondern zu benutzen.

– Allerdings, lieber Junge, aber ...

– Aber wir wollen uns jetzt wieder nach dem Norden wenden, unsern Weg unter Schweden, Rußland, Sibirien und was es sonst für Nordländer Europas giebt, einschlagen, anstatt unter den Wüsten Afrikas oder den Fluthen des Oceans.

– Ja, Axel, Du hast Recht, und das Alles ist ganz gut, weil wir jetzt das horizontale Meer verlassen, welches zu nichts führen konnte. Wir werden jetzt abwärts dringen, immer abwärts! Weißt Du, daß wir bis zum Centrum nur noch fünfzehnhundert Meilen zurückzulegen haben!

– Bah! rief ich aus, das ist wahrhaftig nicht der Rede werth! Also vorwärts! auf den Weg!«

Solche unsinnige Reden führten wir noch, bis wir zu dem Jäger kamen. Alles war zur sofortigen Abfahrt gerüstet, wir bestiegen das Floß, das Segel wurde aufgespannt, und Hans steuerte längs der Küste nach dem Cap Saknussemm.

Der Wind war für ein solches Fahrzeug nicht günstig. Wir mußten daher an manchen Stellen unsere Stöcke zu Hilfe nehmen, um vorwärts zu kommen. Oft waren wir durch Felsen, die bis an die Oberfläche des Wassers strichen, genöthigt, einen weiten Umweg zu nehmen. Endlich, nach drei Stunden, gegen sechs Uhr Abends, kamen wir an einen günstigen Landungsplatz.

Ich sprang an's Land, hinter mir mein Oheim und der Isländer. Diese Ueberfahrt hatte mich nicht ruhiger gemacht. Ich schlug sogar vor, »unsere Schiffe zu verbrennen«, um uns die Rückkehr abzuschneiden. Aber mein Oheim war dagegen; ich fand ihn äußerst lau.

»Wenigstens, sagte ich, wollen wir unverzüglich uns auf den Weg machen.

– Ja, lieber Junge; aber zuvor müssen wir diese neue Galerie untersuchen, um zu wissen, ob wir unsere Leitern dazu bereit machen müssen.«

Mein Oheim setzte seinen Rühmkorff'schen Apparat in Thätigkeit; das Floß wurde am Ufer angebunden; übrigens war die Mündung der Galerie kaum zwanzig Schritte von da, und wir begaben uns, ich voran, unverzüglich dahin.

Die fast kreisrunde Oeffnung hatte etwa fünf Fuß Durchmesser; der dunkle Tunnel war in lebendig Gestein gebrochen und durch Auswurf-Material, welches durch denselben seinen Weg gefunden, geglättet; unten reichte sie an den Boden, so daß man ohne Schwierigkeit hinein konnte.

Wir gingen erst ganz horizontal, als uns nach sechs Schritten der Weg durch einen ungeheuren Felsblock versperrt war.

»Verdammter Block!« rief ich zornig, als ich mich plötzlich durch ein unübersteigliches Hinderniß gehemmt sah.

Wir mochten suchen, wie wir wollten, rechts und links, oben und unten, es fand sich kein Zugang, keine Spaltung. Ich fühlte mich sehr herabgestimmt und wollte die Wirklichkeit des Hindernisses nicht gelten lassen. Ich bückte mich nieder, schaute oben über den Felsblock. Kein Zwischenraum, überall dieselbe Schranke von Granit. Hans beleuchtete mit der Lampe die Wand allerwärts, aber sie zeigte nirgends eine Lücke. Man mußte darauf verzichten, hier weiter zu kommen.

Ich hatte mich auf den Boden gesetzt; mein Oheim ging mit großen Schritten auf und ab.

»Aber wie ging's denn Saknussemm? rief ich.

– Ja, sagte mein Oheim, ist er durch diesen Felsen gehemmt gewesen?

– Nein, nein, fuhr ich lebhaft fort. Dieses Felsstück hat, sei's in Folge eines Erdbebens oder einer magnetischen Einwirkung, den Gang plötzlich versperrt. Offenbar hat diese Galerie früher der Lava einen Weg zum Abfluß gegeben, und die Auswurfgegenstände hatten darin Spielraum. Sehen Sie, es sind frische Ritzen da an der Granitdecke; diese sind durch ungeheure Steine, die sich durchzwängten, entstanden, als wenn Riesen daran gearbeitet hätten; eines Tages hat ein stärkerer Druck diesen Block hineingedrängt, und mit demselben, wie mit einem Gewölbeverschluß, den ganzen Weg versperrt. Dieses Hinderniß, welches Saknussemm nicht vorfand, ist später dahin gekommen. Wir müssen es beseitigen, sonst verdienen wir nicht das Ziel des Mittelpunkts zu erreichen!«

So sprach ich; des Professors Seele war ganz in mich eingedrungen. Der Entdeckungstrieb beseelte mich; ich vergaß darüber die Vergangenheit, verachtete die Zukunft. Es existirte für mich nichts mehr auf der Erdoberfläche; Städte und Land, Hamburg und die Königsstraße zogen mich nicht mehr an, und mein armes Gretchen mußte glauben, ich sei im Schoße der Erde für immer vergraben!

»Nun! fuhr mein Oheim fort, wir wollen mit Spitzhaue und Steinbrecher uns Bahn machen! die Wand sprengen!

– Sie ist zu hart dafür und zu dick!

– Aber ...

– Wir haben ja Pulver! Machen wir eine Mine und zersprengen den Block!

– Ja Pulver!

– Es handelt sich nur darum, ein Loch in den Fels zu hauen!

– Hans! an's Werk!« rief mein Oheim.

Der Isländer holte alsbald von dem Floß eine Spitzhaue, womit er das Loch für die Mine aushauen konnte. Es war das keine geringe Arbeit. Es handelte sich um eine Oeffnung, die fünfzig Pfund Schießbaumwolle fassen konnte, deren Treibkraft viermal so stark ist, als die des Kanonenpulvers.

Ich war erstaunlich aufgeregt. Während Hans die Arbeit verrichtete, war ich meinem Oheim behilflich, eine lange Lunte zu fertigen.

»Wir werden durchdringen! sagte ich.

– Ja durchdringen«, wiederholte mein Oheim.

Zu Mitternacht war unsere Minenarbeit fertig, die Ladung mit Baumwolle in die Höhlung gebracht, und die durch die Galerie laufende Lunte endigte außen.

Ein Funke war im Stande, die fürchterliche Vorrichtung in Thätigkeit zu versetzen.

»Auf Morgen«, sagte der Professor.

Ich mußte mich wohl fügen, und noch fünf volle Stunden warten!

 << Kapitel 39  Kapitel 41 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.