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Reise nach dem Mittelpunkt der Erde

Jules Verne: Reise nach dem Mittelpunkt der Erde - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
year1874
publisherA. Hartleben
volume3
seriesBekannte und unbekannte Welten
addressPest, Leipzig
titleReise nach dem Mittelpunkt der Erde
senderhille@abc.de
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Neunzehntes Capitel.

Auf dem Irrweg.

Am folgenden Tag, Dienstags, 30. Juni, um sechs Uhr, setzten wir die Reise fort.

Wir folgten stets der Lavagalerie, welche in mäßigem Fall abwärts führte, wie die geneigten Flächen, die noch in manchen alten Häusern sich an Stelle der Treppen finden. So ging's bis zwölf Uhr siebenzehn Minuten, als wir Hans, der stehen geblieben war, einholten.

»Ah! rief mein Oheim aus, da sind wir ja am Ende des Ganges!«

Ich sah mich um. Wir befanden uns mitten auf einem Kreuzweg, wo zwei Wege mündeten, beide düster und enge. Welchen sollten wir einschlagen?

Mein Oheim, welcher vor mir und dem Führer nicht den Anschein haben wollte, als schwanke er, bezeichnete den östlichen Tunnel, und alsbald gingen wir in denselben hinein. Uebrigens würde jede Unschlüssigkeit bezüglich dieses Weges sehr lange gedauert haben, denn es war kein Anzeichen vorhanden, welches die Wahl des einen oder des andern bestimmen konnte; wir mußten uns ganz dem Zufall anheim geben.

Diese neue Galerie hatte kaum merkbaren Fall, und sehr ungleichen Durchschnitt. Mitunter hatten wir eine Reihe von Gewölbebogen vor uns, die dem Nebenschiff einer gothischen Cathedrale glichen. Die Baukünstler des Mittelalters hätten da alle Formen der religiösen Architektur, welche aus dem Spitzbogen sich entwickelt hat, studieren können. Eine Meile weiter hatten wir unter den gedrückten Bogen des romanischen Styls den Kopf zu beugen, und mächtige Pfeiler in den Grundmauern stützten die Gewölbe mit ihren Unterlagen. An manchen Stellen sah man statt ihrer niedrige Unterbauten, die den Werken der Biber glichen, und wir glitten durch enge Gänge kriechend hinab.

Die Wärme hielt sich stets auf einem erträglichen Höhegrad. Unwillkürlich verglich ich damit, wie unendlich stark dieselbe gewesen, als die vom Snäfields ausgeworfenen Lavaströme auf diesem jetzt so ruhigen Weg durchbrachen. Ich dachte mir, wie an den Ecken der Galerie die Feuerströme sich brachen, und in diesem engen Raum die übermäßig heißen Dämpfe sich häuften.

»Wenn es nur, dachte ich, dem alten Vulkan nicht wieder einfällt, loszubrechen!«

Gegen meinen Oheim sprach ich diesen Gedanken nicht aus; er hätte ihn nicht begriffen. Sein einziger Gedanke war: Vorwärtsdringen. Er ging, rutschte, purzelte mit einer Ueberzeugung, die man doch bewundern mußte.

Um sechs Uhr Abends waren wir, wenig ermüdet, 2 Meilen südlich vorwärts gekommen, aber in die Tiefe kaum eine Viertelmeile.

Mein Oheim gab das Zeichen zum Ausruhen. Wir aßen, ohne viel zu reden, und schliefen, ohne uns allzuviel Gedanken zu machen.

Unsere Einrichtung für die Nacht war sehr einfach; unser ganzes Bett bestand in einer Reisedecke, womit man sich umhüllte. Wir hatten weder Kälte, noch Belästigung durch einen Besuch zu fürchten. In den Wüsten Afrika's, in den Waldungen der neuen Welt sind die Reisenden genöthigt, während des Schlafs sich einander Wache zu halten. Hier dagegen vollständige Einsamkeit, vollkommene Sicherheit. Weder Wilde, noch reißende Thiere waren zu fürchten.

Den andern Morgen setzten wir frisch und rüstig die Reise fort. Wir hatten denselben Lavagrund, wie Tags zuvor; die Beschaffenheit des Erdreichs, welches sie umgab, war unmöglich zu erkennen. Der Tunnel aber zog sich nicht mehr tiefer hinab, sondern ward allmälig ganz horizontal; ja ich glaubte zu bemerken, er führe wieder aufwärts, der Erdoberfläche zu. Gegen zehn Uhr Vormittags zeigte sich dies ganz offenbar; das Gehen wurde ermüdend, und ich mußte schon meinen Schritt mäßigen.

»Nun, Axel? sagte der Professor ungeduldig.

– Nun, ich kann nicht rascher, erwiderte ich.

– Wie? Nach drei Stunden auf einem so leichten Weg!

– Leicht, will ich nicht in Abrede stellen, aber doch ermüdend.

– Wie? Wir gehen ja nur abwärts!

– Aufwärts, erlauben Sie!

– Aufwärts! sagte mein Oheim, und zuckte die Achseln.

– Allerdings. Seit einer halben Stunde hat sich die Neigung des Weges geändert, und wenn's so fortgeht, kommen wir sicherlich wieder auf die Oberfläche.«

Der Professor schüttelte den Kopf, da er sich nicht überzeugen lassen wollte. Ich brachte von Neuem die Rede darauf, er gab mir aber keine Antwort. Ich sah wohl, daß sein Schweigen nur von übler Laune herrührte.

Inzwischen hatte ich meinen Bündel wieder auf den Rücken genommen, und folgte eilig Hans nach, der vor meinem Oheim her ging. Es war mir darum zu thun, daß ich nicht zurück blieb; und meine Hauptsorge war, daß ich meine Gefährten nicht aus den Augen verlöre. Ich schauderte bei dem Gedanken, daß ich mich in den Tiefen dieses Labyrinths verirren könne.

Uebrigens, wenn der nun aufwärts führende Weg ermüdender war, so tröstete ich mich darüber mit dem Gedanken, daß uns derselbe der Erdoberfläche näher brachte. Darin lag eine Hoffnung. Jeder Schritt bestätigte es, und ich erquickte mich schon bei dem Gedanken, mein liebes Gretchen wieder zu sehen.

Zur Mittagszeit gewährten die Wände der Galerie einen andern Anblick. Ich merkte es an der schwächeren Rückstrahlung des elektrischen Lichts. An Stelle der Lavaverkleidung trat jetzt das lebendige Gestein. Der Grundstock bestand aus geneigten, oft vertical geordneten Schichten. Wir befanden uns mitten in der Uebergangsepoche, in der silurischen Periode.

»Es ist augenscheinlich klar, rief ich aus, der Schiefer, der Kalk- und der Sandstein entstanden in der zweiten Epoche der Erdbildung aus dem Niederschlag der Gewässer! Wir kehren jetzt dem Granitkern den Rücken! Wir machen's jetzt wie die Hamburger, welche über Hannover nach Lübeck reisen wollen.«

Ich hätte meine Beobachtungen für mich behalten sollen. Aber meine Anlage zum Geologen überwog die Klugheit, und Onkel Lidenbrock hörte meine Ausrufungen.

»Was hast Du denn vor? sprach er.

– Sehen Sie! erwiderte ich, und zeigte ihm die abwechselnde Reihe des Sand- und Kalksteins, und der ersten Spuren des Schieferbodens.

– Nun?

– Wir sind in die Periode gekommen, in welcher die ersten Pflanzen und Thiere zum Vorschein kamen.

– So! meinst Du?

– Aber schauen Sie nur, untersuchen, beobachten Sie!«

Ich nöthigte den Professor, seine Lampe an die Wände der Galerie zu halten. Ich versah mich seinerseits eines Ausrufs. Aber er sagte kein Wort, ging schweigend seines Weges weiter.

Hatte er mich verstanden, oder nicht? Wollte er, aus Eigenliebe des Oheims und des Gelehrten, nicht zugeben, daß er sich geirrt habe, indem er den östlichen Tunnel wählte, oder hatte er sich vorgenommen, diesen Gang bis an sein Ende zu verfolgen? Es lag klar, daß wir aus dem durch die Laven ziehenden Weg heraus gekommen waren, und daß dieser Weg unmöglich zum Herd des Snäfields führen konnte.

Doch fragte ich mich, ob ich nicht dieser Aenderung des Bodens eine zu große Bedeutung beigelegt habe. Hab' ich mich nicht selbst geirrt? Wandern wir wirklich durch diese Schichten von Gestein, welches über dem Granitgerippe liegt?

»Habe ich Recht, dacht' ich, so muß ich einige Trümmer von Urpflanzen finden, und man hat sich wohl an den Augenschein zu wenden. So wollen wir suchen.«

Ehe ich hundert Schritte machte, boten sich meinen Augen unverwerfliche Beweise dar. Das mußte wohl der Fall sein, denn in der silurischen Epoche befanden sich in den Meeren über fünfzehnhundert Arten von Pflanzen oder Thieren. Meine Füße, die bisher harten Lavaboden unter sich gehabt, traten nun plötzlich auf einen Staub aus Pflanzenresten und Muscheln. An den Wänden sah man deutlich Abdrücke von Meergräsern und Lykopodien. Der Professor Lidenbrock konnte nun unmöglich mehr irren; aber er schloß die Augen, denk' ich, und schritt unabänderlich weiter.

Es war das ein Eigensinn über alle Grenzen. Jetzt hielt ich mich nicht länger zurück. Ich nahm eine vollkommen wohl erhaltene Muschel, die einem Thier angehört hatte, das ungefähr einer jetzigen Assel glich; darauf ging ich zu meinem Oheim und sagte zu ihm:

»Sehen Sie!

– Nun! erwiderte er ruhig, es ist die Muschel eines Thiers von der jetzt verschwundenen Gattung der Trilobiten. Weiter nichts.

– Aber folgern Sie nicht daraus? ...

– Was Du folgerst? Ja wohl. Wir sind aus der Schichte des Granits und der Lava herausgekommen. Möglich, daß ich irre; aber ich bin nicht eher von meinem Irrthum überzeugt, als bis wir an's Ende dieser Galerie gekommen sind.

– Sie verfahren mit Recht so, lieber Oheim, und ich würde Ihnen Beifall geben, hätten wir nicht eine immer mehr drohende Gefahr zu fürchten gehabt.

– Und welche?

– Wassermangel.

– Nun! Wir werden uns auf Rationen setzen, Axel.«

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