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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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Zweiter Teil

Gesegnet sei der Mann, der das Reisen erfand, und dreimal gesegnet der trefflichste meiner Freunde, der mich aus dem tötenden Staube meiner Bücher hervorzog und meine kleinsten Tugenden in Bewegung und in die glückliche Lage setzte, sie anzuwenden! Ich flog leicht wie ein Zugvogel über die Echellen. – Einige Stunden Schlaf, die ich zu Lyon im Vorbeigehen mitnahm, stärkten mich zu einer Rastlosigkeit, deren ich mich nie fähig geglaubt hätte, und die, mit dem herrlichsten Wege und der Tätigkeit der Posten verbunden, mich die folgende Nacht nach Palu, und den Morgen darauf – aber welch ein Morgen! – nach Nimes brachten, wo ich den artigen Pavillon bezog, den ich nun, nebst seinem daran stoßenden Gärtchen, schon einige Wochen bewohne, ohne daß ich mich nach einem andern, als dem Dir gewidmeten Geschäfte umsah, mit meinem Tagebuch in Gang zu kommen.

Ich bin es nun, teuerster Freund, und schreibe Dir in diesem Augenblicke unter der kleinen Wölbung zweier sich umarmenden, fruchtvollen Granatenbäume, die mich doch kaum vor dem Eindringen der Sonne schützen. Aber wo soll ich Worte, ohne sie an allen Ecken zusammenzusuchen, hernehmen, Dir das ganze Glück meiner bis jetzt gefühlten Existenz anschaulich zu machen? Welche Reize der Neuheit für einen Deutschen umflossen den lachenden Wintermorgen, an dem ich Besitz von meiner heimlichen Wohnung nahm. Sie schwebten den Mittag um die Kost meines kleinen Karthäuser-Tischchens, um die jungen Erbsen, Erdbeeren und Feigen her, mit denen er besetzt wurde. Ein wolkenloser Abend, von dem Du keinen Begriff haben kannst, voller Hoffnung eines gleich schönen Morgens, zauberte mich in den friedlichsten Schlaf; und diesem Tage glichen alle die folgenden, die ich bis heute in diesem Lande verlebt habe. – Indes nun meine Seele während dieses körperlichen Wohlbehagens sich von dem Glücke ihrer teilnehmenden Empfindung belastet fühlt, sage, woher soll bei diesem Zusammenströmen geistigen und leiblichen Lebens, das vielleicht nie ein Gelehrteren dieser Verbindung gekannt hat, woher sollte unsere, für den Hausbedarf zwar notdürftig gebildete – für höhere Gefühle aber immer noch arme Sprache zu einem Kraftworte kommen, das die Seligkeit dieses Zustandes bezeichnet? Die Metallurgie hat eins für den Schimmer, den das durchglühte, kochende Erz auf eine Sekunde von sich wirft, wenn es, von allen beigemischten fremden Teilen gereinigt, den höchsten Grad der vollendeten Scheidung erreicht hat – ein Wort, das ich ihr mit Vergunst der Obern entlehne. Diesen Tag also mit seinem Anhange erlaube mir, lieber Eduard, den Silberblick meines Lebens zu nennen! Möchte er nicht auch, wie bei den edeln Metallen, nur ein Schimmer – und der Übergang zur Verkühlung – nicht auch schon der Anfang seiner Verdunklung sein! Aber wie kann hienieden Reinigkeit mit Brauchbarkeit für die Welt bestehen? Werden nicht Metalle und Seelen nur desto mehr an innerm Gehalte verlieren, je geschwinder sie unter den Händen des Künstlers eine nützliche Form erhalten, und unter dem Gepräge eines Fürsten in Umlauf gesetzt und verdammt werden, Handel und Wandel auf ihren Märkten zu fördern? –

Aber Jerom winkt mir – ich schweige. Ich respektiere seine Warnung, seitdem es mir wahrscheinlich wird, daß seine Weissagungen nicht so ganz unerfüllt bleiben werden, als es mein Starrsinn des vorigen Monats gegen ihn behauptete. Freude, Lachen, Müßiggang und Mutwillen scheinen über meinem Schreibtische zu schweben, mir die Feder zu führen und mir die Worte unvermerkt zu vertauschen; ja, hätte mich nicht das heilige Versprechen, das Du mir abnahmest, an mein Tagebuch gefesselt, oh sie würden mich schon gern weit von ihm hinweg, in andere Irrgänge verlockt haben, als die sich um die Blumenbeete meines kleinen Gartens schlängeln . . .

*

Den 7. Dezember

Seit vier Tagen schon, mein Eduard, habe ich einen größern Zirkel um mich geschlagen, den ich nach und nach, wie es sich für einen Genesenden schickt, immer mehr erweitern werde. Da habe ich nun, ohne es zu ahnden, Dinge hinein gezogen, die es wohl verdienen, daß ich sie abzeichne. Ich hatte mich zum ersten Male, und nicht viel über hundert Schritte, von meinem Pavillon entfernt, als ich auf ein Menschenwerk stieß, das – wie soll ich sagen? – den Anstand einer Königin unter dem Flitterstaat einer gemeinen Buhlerin verriet; ein vollkommen erhaltenes römisches Bad, frisch übertüncht, mit neuern Bildsäulen und einem Garten voll Hecken umgeben.

Ich wußte lange nicht, woran ich war, bis mir das glücklichste Ungefähr einen Tagelöhner herbeiführte, der selbst Hand an die Entdeckung dieses herrlichen Werks gelegt hatte. Der ausgemachteste Antiquar hätte mir schwerlich mehr Genüge tun können als dieser Mann. So sehr er Franzos war, so gestand er doch treuherzig, daß ihm das Gebäude, als es noch einige Zeit nach der Entdeckung in seinem ehrwürdigen Altertum da stand, weit besser gefallen habe als jetzt. Sein Urteil kam mir sehr glaubhaft vor. Dieses machte ihn so beredt, daß ich unterrichtet genug wäre, Dir die ganze Begebenheit, an der er so wichtigen Anteil nahm, bis auf den letzten Schaufelwurf seiner Hände darzustellen. Vor dieser Epoche wurden weiße Wäsche und reine Teller für den größten Luxus eines hiesigen Einwohners gehalten. Seit vierzig Jahren ist diesem Mangel durch das wieder aufgefundene Geschenk, das die prächtigen Römer dieser Provinz machten, gänzlich abgeholfen. Du kannst Dir also einen Begriff von der Freude des schmutzigen Volks machen, als der Schutt nun weggeräumt war, der so einen Reichtum verbarg, und nun aus einmal der verhaltne Strom mit Getöse hervorbrach . . .

*

Den 8. Dezember

So viele Reize dieser Spaziergang für mich hat, so muß man ihn doch in der Abendzeit besuchen, um ihn in seiner ganzen Schönheit zu sehen; nicht nur deswegen, weil die malerische Dämmerung die frischen Farben ein wenig bleicht, mit denen dieses Denkmal verunstaltet ist, und es dem Auge in dem gräulichen Anstriche wiedergibt, das seinem Alter so wohl ansteht: nein, es rufen einen wieder auflebenden Jüngling, wie ich mich fühle, noch andere, ihm nähere Lockungen in diese ausgezeichnete Gegend. Ein Tempel der Göttin der Keuschheit, der nicht weit vom Bade, von düsterm Gebüsch umschattet, in seinen Ruinen liegt, trägt am meisten zu dem Pittoresken des Ganzen bei. Zahlreiche Wallfahrten strömen dem Tempel zu, sobald sich der Abendstern am Himmel zeigt. Du fühlest, daß du auf heiliger Erde wandelst, wie du dich ihm näherst. Schauer der Vorwelt ergreifen dich, und nicht leicht wirst du irgendwo ein gemächlicher Plätzchen finden, dem Gedanken nachzuhängen, in welchem ich und Du, Salomon Lucian und die Propheten einstimmig zusammentreffen: »Wie doch alles hienieden so eitel ist!«

Ich bin hier einige Abende nacheinander hinter dem Mondscheine hergeschlichen, und meine Einbildungskraft kehrte nie unbefriedigt zurück. Oh, daß Du, von Deinen tobenden Winterlustbarkeiten geborgen, Arm in Arm mit mir dieses Gebüsch durchirren und mit eigenen Augen sehen könntest, wie holdselig hier, auch in einer Dezembernacht, Cynthia die säuselnden Blätter der Silberpappeln und des Efeus durchzittert, der die gehaltenen Mauern ihres Tempels umflochten hält! . . .

*

Den 12. Dezember

Ich habe die letzten Tage der vergangenen Woche, wider das Verbot des guten Jerom, meine Berge und Täler, in denen ich verwickelt war, und meine eigene stille Gesellschaft verlassen, um mich in eine zu werfen, die man hier und überall die gute nennt. Ein Besuch bei dem Eveque, einer bei dem Intendanten – das hätte so hingehen mögen, wenn es dabei geblieben wäre. – Doch wie kann es das? Die ersten Leute an einem Orte sind immer mit einem Zirkel umringt, daran ein jeder Punkt die nämliche Aufmerksamkeit von einem Fremden verlangt, wenn die Reihe an ihn kömmt; und keiner, so klein er ist, will überhüpft sein. Nun treten ihre Höflichkeiten in derselben Ordnung um unser Individuum her, bis es endlich müde und matt auf seinen eigenen Schwerpunkt zurückfällt. Mich verwickelt immer diese hergebrachte Sitte der großen Welt in Schwierigkeiten, aus denen ich mich nie recht zu ziehen weiß. Spiel und Souper sind gegenwärtig die ersten Morgenbegrüßungen, von denen ich höre, und die mich endlich auch von hier verjagen werden, wie von Berlin. Ich habe nun einmal keinen Sinn, keinen Magen und keine Zeit für diese Art gesellschaftlichen Vergnügens, um das sich doch leider! groß und klein herumdreht.

Bei dem Eveque lernte ich indes eine seiner Verwandten kennen, die ich auch nachher oft und gern wiedersah: die Marquise d'Antremont. Durch die Musenalmanachs sind einige ihrer weiblichen Arbeiten bis nach Deutschland gekommen; die größere Anzahl ist aber auf dem Grund und Boden gesunken, wo sie entstanden, und halten ein strenges Inkognito. Das Gefühl für die Dichtkunst ist eine Art Freimaurergeheimnis, das seine Anhänger in allen Himmelsstrichen ebensobald vertraulich aneinander bindet, als jenes die seinigen. Wir erkannten uns in der ersten Viertelstunde und wechselten, wo nicht unsere Herzen, doch unser gegenseitiges Zutrauen aus, und ich danke ihr schon jetzt mehrere vergnügte Stunden . . .

*

Es war auch noch ein Dichter, und mich wundert, daß es nur einer war, in dieser Gesellschaft; ein reicher, stattlicher Mann, der eine Revolution von Portugal geschrieben hat, ohne eine in der Dichtkunst zu machen. Er tat mir die Ehre, noch ehe wir beide unsere Namen wußten, mich mit der dritten Auflage seines Trauerspiels zu beschenken. Dies gab mir Anlaß, mich näher nach ihm zu erkundigen, und man machte mir eine beneidenswürdige Schilderung von seinem glücklichen Genie. – Der Mann tut in allem Wunder, was er unternimmt! Sein Vater war ein gemeiner Krämer, und er? Er ist Baron und Besitzer einer großen Domäne, von der er den Namen führt. – Er wünschte die reizendste Frau im Lande und erhielt sie; – den besten Koch, ein prächtiges Haus und Freunde die Menge – der Himmel gewährte ihm das eine, und das andere konnte ihm nicht fehlen. Keine Phantasie stößt ihm auf, er kann sie befriedigen. – Nur bei guten Versen geht es ihm wie Pharaos Zauberern bei den Läusen; er kann sie nicht nachmachen und muß sagen: »Das ist Gottes Finger.« Ich habe sein Werkchen gelesen; das ist alles, was ich für ihn tun kann.

Den 13. Dezember

Es wird wohl nichts für mich übrig bleiben, als krank zu werden, wenn ich wieder in mein voriges Gleis kommen will, aus dem mich meine neuen höflichen Bekanntschaften drängen.

Ich kam eben nach Hause, von dem schönsten Morgen erheitert, voller Friede und Freude, und in keiner andern Absicht, als meinen Hunger geschwind abzutun, um bald wieder zu der Natur zurückzueilen. Da kommt mir Johann mit einer Einladung zum Spiel und Abendessen und mit einem Befehl der Marquise d'Antremont entgegen, sie auf der Esplanade aufzusuchen und in das Schauspiel zu begleiten. Man gibt den Honnête Criminel, ein Lieblingsstück der hiesigen Einwohner, weil es über eine wahre einheimische Geschichte gemodelt ist. – Sie will mir vorher noch den braven Menschen kennen lernen, der durch seine tugendhafte Handlung der Held dieses Dramas geworden ist, Fabré heißt, und nicht weit von hier sein Handwerk als Strumpfwirker treibt.

Die Tugend hat auch ihre Genies! Vielleicht hat sie deren mehrere noch als die Wissenschaften – nur bemerkt man sie seltener, weil es schon nicht mehr Tugend sein würde, wenn sie, wie jene vorzüglichen Lieblinge der Musen, nur darauf ausging, Lärm in der Welt zu machen, um, nach einem gewöhnlichen feinen Mißverstande einer guten Lehre, ihr Licht leuchten zu lassen vor den Leuten. Das ist jedoch nicht der Fall des ehrlichen Fabré – er ist unschuldig an seinem Rufe. Die prahlende Menschenliebe des Ministers Choiseul entzog ihn der despotischen Strafe, die er freiwillig seinem Vater abgenommen hatte, und seine Mitbürger, die ziemlich gleichgültig gegen sein Schicksal waren, ehe noch am Hofe davon gesprochen wurde, brüsten sich jetzt mit seiner Tugend, als einer Seltenheit ihres Landes – seitdem sie Aufsehen gemacht hat, und auf dem Theater gespielt wird.

*

Dachte ich's doch, daß es so gehen würde! Ich habe in der Gesellschaft, mit der ich den Abend zubrachte, den Artigen so gut gemacht, als es mir möglich war: dafür büße ich jetzt in der Nachtmütze, meinem Samtrocke gegenüber, nur desto empfindlicher den Zwang, den ich meiner Natur antat. Mißmütig sitze ich da, und suche die widersprechenden Gefühle zu vereinigen, mit denen mich die feine Welt entließ. Meine Augen verlangen Schlaf, und mein wohlgenährter Körper verlangt Bewegung – ich habe viele witzige Sachen gehört, und doch schleicht sich eine häßliche Migräne um meine Stirne umher, von der ich jeden Augenblick befürchte, daß sie ihn ergreifen wird.

In solchen Umständen finde ich bei meinem Tagebuche noch die beste Erleichterung. Es ist mir in deiner Entfernung der trauliche Freund, dem ich mein Herz ausschütte; es zieht meine Gedanken von den unnützen Nachforschungen ab, die ich außerdem auf meine schwierige Verdauung heften würde, und läßt den Schlag nicht eher zu, als bis sich Seele und Körper die Hand bieten. Ich habe also diesmal einen Beruf mehr, dir die Vorfälle meines heutigen Tages zu schildern.

Du kannst nicht denken, liebster Freund, was für einem albernen Auftritte ich diesen Nachmittag entgegen ging. – Ich fand die Marquise mit dem redlichen Fabré auf der Esplanade, und seine Geschichte ward, nach unserer geschwind gemachten Bekanntschaft, der Hauptinhalt unsers Gesprächs. – Er mußte mir erzählen, wie lange er die Stelle seines Vaters auf den Galeeren vertreten hätte. Er freute sich mit uns, daß seit seiner Befreiung protestantische Prediger keine Strafe mehr zu befürchten hätten, wenn sie, wie sein Vater, im stillen ihre Pflicht täten; malte mir in natürlichen Ausdrücken den Zustand seiner Seele, während sein Körper in Ketten lag, und wie ihn der Gedanke an seinen guten Vater und an seine Geliebte, die den Wert seiner Tat erkannte, gestärkt, und wie ihn das Bewußtsein, rechtschaffen zu handeln, mitten in seiner Mühseligkeit überreichlich belohnt hätte, und rührte mich durch seine ungezwungene Erzählung bis zu Tränen.

Während dieser Unterredung, und da wir eben eine Seitenallee einschlugen, sahen wir am Ende derselben einen dunkeln Rock, der sich durch einen blinkenden Stern schon in der Entfernung auszeichnete. – Wir sprachen ungestört fort, ohne auf diesen Stempel des Verdienstes weiter zu achten, und das war eben mein Unglück.

Die Figur war immer näher gerückt, und ehe ich ausweichen konnte, fand ich mich schon von den Armen des unerträglichen Ritters der Annonciade, des Grafen von ** umschlungen. Ich beantwortete sein Fragen, seine Umarmungen und sein Erstaunen so verlegen, wie zu Berlin, und stotterte in der Angst den Namen der Marquise, an die er sich nun mit seiner zwoten Verbeugung wendete. Ich hätte voraussehen können, wie geschwind er dies für eine Aufforderung halten würde, sich in seiner Stärke zu zeigen – Gott weiß, ob er's tat! Der entscheidende Ton, der ihm eigen ist, seine verunglückte Diskantstimme, sein musiver Witz, sein Elsterlachen, vertrieben nur zu bald jedes Merkmal voriger Zufriedenheit aus unser aller Gesichtern.

Um seiner los zu werden, verfiel ich auf das einzige Mittel, das uns bei einem Schwätzer übrig bleibt: – ihn selbst zu verlassen. Ich sah nach meiner Uhr und fragte die Marquise: ob es nicht Zeit sei in die Komödie zu gehen?

Kaum war diese Frage entwischt, so tat er den Sprung der Verwunderung zurück. »Bei dem Gotte des guten Geschmacks!« quäkte er: »was wollen Sie in der Komödie machen? Doch« . . . erholte er sich wieder: »meinetwegen sollen Sie sich nicht abhalten lassen. Das heutige Stück ist zwar, nach dem Zettel, auf den ich dort an der Ecke im Vorbeigehen einen Blick warf, in der Tat keines der ersten. Die Szenen sind matt, und das ganze Sujet ist unter der tragischen Würde. Indes – dergleichen Mißgeburten gehören ja zur herrschenden Mode! Vor vielen Jahren wurde es sogar in der Hauptstadt aufgeführt. – Doch das beweist freilich nichts für seine Güte!«

Der Kenner klagt auch dort, die Bühne sei, zum Schimpfe
Des heutigen Geschmacks, bei'm Tode Cäsars leer.
Allein was schadet das? Weint etwa das Parterr
Beim Centfall einer Bauernnymphe
Um einen Tropfen weniger?
Sonst hatten wir mit Kronen nur Verkehr,
Dies ist vorbei – Kein Mensch, wenn ich die Nase rümpfe,
Gibt Acht darauf. Jetzt trabt kein Ritterheer,
Kein König in Triumph auf unsern Bühnen mehr,
Denn unser Modeheld – wirkt Strümpfe.«

Das Blut stieg dem ehrlichen Fabré in das Gesicht. Die Marquise erschrak, und ich, der ich mich als die erste Ursache dieses groben Ausfalls meines witzigen Landmannes ansah, mir vorwarf, daß ich unsern ehrlichen Begleiter nicht zur rechten Zeit dem Grafen vorstellte – was ich in diesem Augenblicke empfand, das wirst Du Dir selbst sagen. Ein Fehler folgte in dieser unseligen Stunde aus dem andern.

»Lieber Graf,« sagte ich, um die Sache gut zu machen, »vergeben Sie mir, daß ich Ihnen diesen Herrn noch nicht bekannt gemacht habe. Es ist eben der rechtschaffene Herr Fabré, dessen rührende Geschichte der Inhalt des heutigen Stücks ist. Ihr Epigramm kann in Absicht der Ausführung dieses Schauspiels sehr wahr sein: das wird Sie aber gewiß nicht abhalten, der Tat selbst, die zum Grunde liegt, und den Verdiensten dieses edeln Bürgers Ihre schuldige Achtung zu schenken.«

Ich Unbesonnener! Was für ein Gewitter erregte ich!

Ein edler Bürger! Welch ein Schrecken
Ergriff sein deutsches Ohr bei dieser Dissonanz!
Ihm stieg der Kamm, sein Auge schwamm im Glanz
Und ausgeschmückt mit Panzer, Helm und Decken,
Trabt' er einher auf seinem alten Schecken
Gerade los auf Fabers Eichenkranz.
Doch ich, dem jetzt der Retter seines Vaters
Und deutsche Ritterschaft gleich nah' am Herzen lag,
Fand noch, so schwer es war, ein Mittel zum Vertrag:
Sprach mit dem festen Mann von der Entree des Praters
Und von dem neusten Ritterschlag,
Mit Fabern vom Getös des bunten Welttheaters
Voll Helden, die doch nur der letzte Probetag,
Der alle Masken hebt, zu würdigen vermag.
So mischt' ich schlau mit Ernst und Spotte
Die Karten so, daß mein verdecktes Spiel,
Mit zwei Gesichtern, gleich dem Kriegesgotte
Den beiden nach verschiednem Ziel
Hinstrebenden gleich wohl gefiel,
Und so wurd' ich kraft jener Menschenkunde,
Die mich der Hof, die Welt und mein Gefühl gelehrt,
Von Freund und Feind mit einem Munde
Als Kenner des Verdiensts geehrt.

Da ich es so weit gebracht hatte, bot ich der Marquise den Arm und eilte mit ihr aus der Atmosphäre des Schwätzers, um mir in der Loge den Angstschweiß abzutrocknen, in welchen mich dieser Auftritt gesetzt hatte. Der gute Fabré begleitete uns, und ich hoffe, daß ihn die Empfindungen, die ihm während der Vorstellung seiner guten Taten aufsteigen mußten, und der Beifall, den ihm das Parterre zuklatschte, mehr als hinlänglich für das Vorhergegangene entschädigt haben soll. Mir erlaubte mein Verdruß nicht, dem Stücke die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient. Ich schämte mich in die Seele des Grafen, und trug meine Zerstreuung und Laune mit in die Gesellschaft über, von der zu meinem Vergnügen der ehrliche Fabré, trotz seiner Zunftmäßigkeit, nicht ausgeschlossen war. Um den Grafen bekümmerte sich kein Mensch außer mir, dem immer noch seine Narrheit vorschwebte. Ich war froh, als Schauspiel, Kartenspiel und Souper überstanden war, und bin jetzt noch froher, daß ich mich müde geschrieben und nun die nahe Hoffnung habe, meine heutige Ärgernis zu verschlafen.

*

Den 14. Dezember

Meine erste Sorge, als ich erwachte, war, auf die Post zu schicken und Erkundigung einzuziehn, ob der fremde Herr mit dem Sterne fort sei, und verschloß unterdessen meine Türe, bis die Antwort zurückkam, aus Furcht vor seinem Überfalle. Kaum hörte ich, daß er zwar Postpferde, doch erst auf den Nachmittag bestellt habe, so entschloß ich mich ganz kurz, ließ mir ein gutes Frühstück geben, tat Verzicht auf das Mittagsmahl, eilte nach meiner lieben Fontaine, und da ich mich auch da noch nicht für sicher genug hielt, erstieg ich den hohen Berg, der daran stößt. Nun erst schöpfte ich Atem, und sah in der stolzen Sicherheit einer einsamen Gemse auf meinen Verfolger herab, und in kurzem verschwand – Dank sei es der gütigen Natur – jede widrige Empfindung.

Ein unförmliches, uraltes, hohes, zugespitztes Gewölbe auf der Mitte dieses Gebirges, an welchem die Untersuchungen des herzhaftesten Antiquars scheitern, dominirt hier wie eine Bischofsmütze, über das unter ihm ausgebreitete Land. Das gemeine Volk nennt dieses sonderbare Gebäude »den Leuchtturm«, vermutlich um dem Kinde einen Namen zu geben; da der Augenschein lehrt, daß ihm dieses Beiwort so wenig zukömmt, als der Magistertitel einer Schildkröte. Die Römer fanden es schon zu ihrer Zeit in der nämlichen Gestalt. Mir scheint es von Dummköpfen für die Ewigkeit gebaut zu sein, die hier zum ersten Male ihre Absicht erreichten. Nach der leblosen imposanten Ruhe, die diesen Turm umgibt, würde ich zwar noch lieber glauben, daß er von Tauben und Stummen dem Gotte des Stillschweigens zu Ehren errichtet sei, wenn es mir nicht zu wehe täte, einem solchen Gotte einen so barbarischen Tempel anzuweisen.

Die Andacht findet indes überall das höhere Wesen, von dem sie voll ist, und so ging es auch mir. – Ich fühlte mich gestimmt, dem Gotte, dessen Gegenwart ich ahndete, auf allen Fall mein Opfer zu bringen. Ernst und schaudernd blickte ich um mich her; die Knie zitterten mir; gemach sank ich auf ein bemoostes Felsenstück, aus dessen Ritzen hier und da eine Lotusblume hervorsproßte, legte den Finger auf den Mund, und ein stilles Gebet strömte in frommem Entzücken aus dem gerührten Herzen:

»Du Wesen, das zu mir beredter
Als Phöbus und die Musen spricht,
Sei, du bescheidenster der Götter,
So oft mich deiner Ehre Spötter
Umschnattern, meine Zuversicht!

Steh' im Gedräng der Gallatage
Mit deiner Gegenwart mir bei,
Daß ich nur heimlich dir es klage,
Wie unbequem mir jede Lage
Am Hofe eines Fürsten sei.

Errette mich, wenn ich der Toren
Verdecktes Spiel, wenn ich zu nah
Des Midas königliche Ohren,
Wenn ich Nicaisens Kopf beschoren,
Und Meßmern in die Fenster sah!

Verhülle unter einem Kranze
Von Lotus mein empörtes Haar,
Wenn mich aus ihrem Mittagsglanze
Die Göttin schrecket, die im Tanze
Des Abends meine Phryne war!

Beschütze mich vor Fürstenrache,
Den Martern eines Struensee,
Wenn ich nach mancher Ehrenwache
In meines Sohnes Vorgemache
Unkenntlich wie Ulysses steh!

Und führe mich, den Mund verschlossen,
Durch Autor- und Sophistenschlamm;
Versüße meinen Zeitgenossen
Die Bitterkeit von meinen Glossen,
Und werde du mein Epigramm!«

Hoch pochte mir das Herz während dieser feierlichen Mette. Ich blickte wild in die Ferne, und stieg vom Rande des blauen Horizonts mit einem forschenden Blicke in die Zukunft, hörte den Strom der Zeit rauschen, sah mich von seinen brausenden Wellen ergriffen und als ein verwelktes Blatt fortschwemmen. – Ich erschrak, sprang mit sträubendem Haare von meinem harten Sitze auf und verließ mit eilenden Füßen diesen Felsen des Harpokrat. Unachtsam auf den Weg, den ich nahm, kletterte ich von einer Steinstufe zur andern herab und befand mich, ehe ich daran dachte, auf einer Wiese, die der Natur noch nicht abgewonnen, und der Grund eines Kessels von Bergen war.

Wie ich mich der Erde näher fühlte, verschwand meine Schwärmerei, aber mein Bewußtsein kehrte desto schreckender zurück. Unwillkürlich hatte ich mich in dem Kreise des Gebirges gedreht, das mich umschloß, und die Spur verloren, die mich hierher führte. In der Höhe, wohin mein starres Auge blickte, umzog mich nur das wolkenlose Gewand des Himmels und keck grünendes Moos polsterte den Zirkel, in den sich vielleicht seit seiner Erschaffung kein menschlicher Fuß verirrt hatte, und in welchem ich jetzt, wie die Bildsäule des Erstaunens, ohne Bewegung stand. Die Sonne und alle himmlischen Zeichen waren für mich verloschen. – Umsonst spannte ich mein Ohr nach einem Laute – nur nach einem einzigen Laute der Schöpfung – und hörte nichts als das Picken meiner Uhr.

Unnennbare Angst, die mich nun ergriff, stärkte endlich meine wankenden Füße zu dem Entschlusse, auf gut Glück den ersten besten Radium dieses Gebirges zu erklimmen. – Mühselig war mein Weg; oft glaubte ich vor Erschlaffung wieder zurück zu stürzen: – aber – wie belohnend war auch endlich der Blick, den ich nun an dem errungenen Ziele in den Abgrund tat! An seinem Rande erholte ich mich wieder von meiner Müdigkeit und Angst, und bald zeigte mir menschliches Gefühl wiederkommender Eitelkeit, daß ich gerettet sei. Ich versuchte zuerst meine erneuerten Kräfte an einem ungeheuern Sandsteine, den ich kaum mit der größten Anstrengung die wenigen Zolle fortbewegen konnte, die er vom Abhange des Felsen entfernt lag. »Du sollst«, sagte ich, »das Monument meines Hierseins werden.« Und nach der Arbeit einer Stunde hatte ich das Vergnügen, ihn rollen, in seinem Falle die Felsenspitze abschlagen, und das tiefe Moos, in das er sich einsenkte, um ihn herum auffahren zu sehen. – Hier wirst du vielleicht noch liegen, sagte mein Stolz, wenn die folgenden Jahrtausende alle gleichzeitigen Monumente größerer Taten und Verirrungen von der Oberfläche der Erde weggespült haben! – und mit gutmütigem Lächeln verließ ich diesen merkwürdigen Ort.

*

Da ich in einer mäßigen Entfernung auf dem Rücken des Gebirges ein großes Gebäude erblickte, war ich außer Sorgen. Dort werden vernünftige Geschöpfe wohnen, dachte ich, und ward meinen kleinen Irrtum nicht eher, als nach einer guten halben Stunde gewahr. Du kannst denken, ob ich jetzt genau auf meinen Weg Achtung gab. – Behutsam stahl ich mich auf die Seite, jeden Abhang vorbei, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, mir noch ein Monument zu setzen, und so kam ich glücklich bis an die Mauern eines Klosters, eben in dem glücklichen Augenblicke, da die Gesellschaft aufbrach, um in die Abendmette zu gehen.

Ich hielt mich in gehöriger Entfernung von ihrem Zuge, der abwärts ging, trat, wie er fortrückte, immer weiter vor, sah mein liebes Nimes unter mir liegen, und die weiß bekleideten Mönche mit gesenkten Häuptern in einen, wo nicht der prächtigsten, doch geschmackvollsten Tempel treten, der, wie an den Fuß des Berges gelehnt, mir in das Gesicht fiel.

So lehnte sich in königlicher Größe,
Als Hirte noch, auf seinen Stab
Isais Sohn, im blökenden Getöse
Der Herde Viehs, die ihn umgab,
Kein Pilger geht vorbei – ihn rühret
Der Weisheit Ernst, dies sprechende Gesicht;
Nur seine Herde, die er führet,
Blökt um ihn her und kennt ihn nicht.

*

Wie ein Wollust atmender Liebhaber aus fein berechneter Sinnlichkeit verweilt, um jeden einzelnen Reiz seiner Geliebten, den eine andere Stellung, eine andere Seite, ein anderes Licht ihm gewähren kann, noch aufzufangen; wie er seinen Heißhunger bis zum Ungestüm wachsen läßt, ehe er sich erlaubt, den letzten Schleier zu heben – so verzögerte auch ich manche Minute auf dem Schlangenwege, der zu diesem Tempel führt, fing die Strahlen seines Glanzes in jeder Wendung auf, und genoß erst jede nach und nach hervortretende Schönheit meines Gemäldes, ehe ich mich dem Eindrucke des Ganzen preisgab.

Meine Augen verirrten sich jetzt bald in dem spielenden Laubwerke, das die Corniche füllte, die, wie eine königliche Binde, den Dom dieses Tempels umwand; bald weidete ich sie an der erhabenen Stellung und den herrlichen Verhältnissen seiner kannelirten Säulen; und die Mannigfaltigkeit der Anmut dieses unversehrten Denkmals römischer Größe würde mich vielleicht noch Stunden hindurch beschäftigt haben, wenn nicht der hastige Durchbruch der Mönche meine weitschweifende Einbildungskraft geschwind wieder in die jetzigen Zeiten versetzt hätte.

Als ihr Haufe beisammen und auf seinem Fortzuge begriffen war, und nun auch der letzte Geweihte heraus trat, der dieses Heiligtum verschließen mußte, wagte ich es, mich ihm in demütiger Stellung zu nähern, und um die Erlaubnis zu bitten, auch das Innere dieses trefflichen Altertums zu bewundern.

»Sehr gern,« antwortete der dicke, kurz atmende Mönch. »Ich will Ihnen alles zeigen – alles erklären.«

Wir traten ein. Ein Blick schon überzeugte mich, daß hier für meine Art Schwärmerei nichts weiter zu tun sei, und die Erzählung, mit der mich mein Begleiter, während daß wir zum Hochaltare hin, und zur Halle zurück kamen, beschenkte, ließ mich ohnehin auf nichts anderes achten.

»Welch ein Ideal!« fing ich an – das einzige Wort, das er mir erlaubte: denn sogleich legte sich seine asthmatische Stimme darein, die unter ihrer Last von abgebrochenen Sätzen und zerquetschten Silben immer auszubleiben drohte, und ich kenne keine Muse so grotesk-komisch, deren Beihülfe mir die Nachäffung dieses Vorbildes erleichtern könnte. Hier hast du indes, mein nachsichtsvoller Freund, einen gewagten Versuch. Hilf Deiner Einbildungkraft damit, so gut du kannst! Lies ihn aber, wenn du nicht allen Schatten der Wahrheit davon verlieren willst, nicht eher als nach einer guten Mahlzeit, und in einer Weste, die dir zu eng ist. – So möchte es noch am ersten gehen!

Traulich verschlang der Mönch meine dürre Hand mit einer fleischigten Tatze, und fiel mir, wie folget, in die Rede:

»Das Ideal
Zu dem Gebäude
Erfand einmal
Ein blinder Heide:
Ein Mönch vor Zeit
Hat es erhandelt
Und Dunkelheit
In Licht verwandelt.
Doch lange stritt,
Sich hier zu setzen,
Maria mit
Der Heiden Götzen.
Der Gott des Weins
Saß viele Jahre
Vor Anno Eins
Am Hochaltare.
Ihm war das Glas
Und seine Venus
Sein Gratias
Und sein Oremus:
Der Göttin nur
Aux belles fesses
Las Epikur
Zuweilen Messe.
Auch sang zur Ehr
Dem stolzem Kaiser
Sich Flaccus mehr
Als einmal heiser.
Doch einst verhob
Ein schneller Husten
Sein Morgen-Lob-
Lied auf Augusten,
Und aus dem Hals
Fuhr dem Cantori
Nun nichts mehr als
Memento mori.
Mein Kamerad,
Auf alle Fälle
Gefaßt, vertrat
Sogleich die Stelle,
Ging hin – verband
Sich mit Marien
Das Mesgewand
Ihm auszuziehen.
Er tat's; da fiel
Tot auf den Boden
Der große Spiel-
Mann süßer Oden.
Der Tempel roch
Nach Pech und Schwefel
Und zeugte noch
Von seinem Frevel;
Und plötzlich sah
Man Gottes Scharen
In Gloria
Vom Himmel fahren:
Ja, Freund, ein Schwarm
Schneeweißer Engel,
In jedem Arm
Ein Lilienstengel,
Umzog – erstieg
Der Götter Felsen.
Sieg! schrien wir, Sieg!
Aus vollen Hälsen,
Und steckten bald
Die Siegesfahne
Der Mönchsgewalt
Zum Wetterhahne –
Seitdem verziehn
Hier funfzig brave
Geweihte Schafe,
Sankt Augustin
Geweihet, zu
Mariens Füßen,
Des Lebens Ruh
Ganz zu genießen.
Sie schenkt uns Most
Aus fremden Kellern,
Und Laien-Kost
Auf Kloster-Tellern.
Drum bleibt der Zweck
Von unsrer Lehre
Der unbefleck-
Ten Jungfrau Ehre.
Nun, Fremdling, geh
Und sag es weiter –
Gott aus der Höh
Sei dein Wegleiter!«

Mit diesen Worten drehte er seinen schweren Schlüssel herum, nahm sein Käppchen ab, watschelte nun ruhig seinen Mitgehülfen an dem Dienste der Maria nach, und ließ mich in Erstaunen und in der wohltätigsten Erschütterung meines Zwerchfells stehen, die so lange anhielt, bis ich den Berg völlig von ihm erstiegen, und ihn seinem Kloster sicher wieder überliefert sah.

Gehab dich wohl, fromme gutmütige Einfalt! wünschte ich ihm hinterher. Dein Futter schmecke dir (ich habe nichts darwider) so lange wohl, als es Gott will! Und da du einmal so weit bist, so müsse dich nie Zweifel, Wissenschaft und Aufklärung um die beruhigende Finsternis deiner frommen Maulwurfsseele bringen! – Der Weg, den du bis nach Sabinum zurück gehen müßtest, würde für dich zu ermüdend sein. Was kannst du dafür, daß deine Begriffe nicht in dem Ideenhandel eines Diderot, Büffon und d'Alembert gewonnen sind? Und was kannst du endlich dafür, daß du nicht so mager bist als ich?

Spät und erschöpft kam ich in meine Wohnung; ich zeichnete nur noch die Bilder meines heutigen Tages in mein Buch, ohne die Einladungszettel, die auf meinem Tische liegen, eines Blickes zu würdigen, trinke noch an einem erfrischenden Glase Wassers aus meinem benachbarten römischen Quell, und sehe dem stärkenden Schlafe mit jenem frohen Lächeln entgegen, wozu eine gute gesunde Seele sich bei menschlichen Torheiten immer geneigter fühlt, als zu Tränen.

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Den 19. Dezember

Zwischen meinem letzten großen Spaziergange und heute liegen vier traurig verlebte Tage, die unmittelbar hinter jenem herfolgten, in der Mitte. Ein böser Wind, den man la Bise nennt, durchschneidender und gefährlicher als keiner auf unserm Riesengebirge, hat diese Lücke meines Tagebuchs verursacht und mich zu einem Stillstande in der Laufbahn meines Vergnügens und zu mancher harten Buße für das kaum genossene verdammt. Ich bin wieder von Ärzten besucht und mit Arzneien genährt worden – habe die dürren Reiser eines ganzen Weinbergs verbrannt und mich doch nur mit Mühe von der Menschendruse heilen können, die mich unter dem Namen la Grippe überraschte und von Haus zu Hause ging. Wie hätte ich diesem freundlichen Lande so eine Hinterlist zutrauen können? – Aber die Sonne scheint wieder, und jeder Strahl von ihr bringt neues Leben, Freude und Gesundheit zurück.

Es ist wohl schade um die acht ungenießbaren Tage, die ich verhustet habe, und die ich leicht besser hätte benutzen können. Das übelste dabei ist, daß mir keine Zeit übrig bleibt, meinen Verlust einzubringen; denn da ich gern auch die übrigen Teile von Languedoc und die benachbarte, nicht minder schöne Provence durchstreifen und in Bourdeau einen Vorsprung vor der heißen Witterung gewinnen will, die mit Anfange des Märzes schon drückend wird, so bleibt mir für Nimes nicht viel mehr als eine Woche übrig, und auch diese ist mir außer dieser guten Stadt angewiesen. Mein kluger Arzt hat mir geraten, sie auf dem Lande zuzubringen, um meine Erholung durch jene einfache Lebensart – das einzige, was in Städten nicht zu erkaufen ist – desto sicherer zu befördern.

Diese Kur geht mir lange nicht so bitter ein, als sich der gute Mann wohl vorstellen mochte. Ich habe ohne Schwierigkeiten Anstalten zu meinem Abzuge gemacht, und meinen Johann schon heute auf die umliegenden Dörfer geschickt, mir eine Wohnung auszusuchen. Er weiß sehr gut, was mir behagt. – Morgen will ich Abschied von der Stadt nehmen; bei dem Eveque und seiner Nichte persönlich; bei meinen übrigen im Flug gemachten Bekanntschaften durch Karten, wodurch die meisten erst, ehe sie das Blatt in den Kamin werfen, erfahren werden, wie ich heiße.

Johann ist zurück, doch ich bin mit seinen Verrichtungen nur halb zufrieden. Er hat mir, glaube ich, das unbequemste Quartier gemietet, das in der Gegend zu finden war. Freilich hat es nach seiner Versicherung so vieles andere Gute, daß ich, um billig zu sein, die Eingeschränktheit nicht achten darf, in der ich hausen soll. –

»Sie müssen«, sagte er so trocken, als ob es Verordnung des Arztes wäre, »mit Wirt und Wirtin in einem Stübchen wohnen, das nicht allzu groß ist; müssen an einem Tische mit ihnen vorlieb mit der Kost nehmen, die die Küche eines Bauern vermag, und müssen dem Ehebette gegenüber schlafen.«

»Kerl,« fuhr ich auf, »glaubst du, daß ich ein Dragoner bin?«

Aber Johann ließ sich nicht stören. – »Mit solchen Menschen,« fuhr er fort, »wie diese sind, ich weiß es im voraus, treten Sie gern in alle Verbindungen, wie sie möglich sein wollen. – Reine, unverdorbene Natur, die glückseligste Häuslichkeit, und ein . . .«

»Laß es damit gut sein,« fiel ich ihm ins Wort und schüttelte den Kopf: »Erzähle nur ganz einfältig und gerade, warum es eben ein so enges Stübchen sein mußte?« –

»Ich hätte Ihnen zwar ebenso leicht«, antwortete Johann, »ein großes, prächtiges, leer stehendes Haus, das dem Herrn des Dorfes gehört, mieten können, und es steht Ihnen noch frei, es zu tun. – Doch es wird keine Not haben. – Ich kenne Ihre Bedürfnisse, und mehr Fröhlichkeit, Reinlichkeit und Dienstfertigkeit, als Sie in dieser Hütte antreffen, würden Sie sogar in den schönsten Palästen Berlins vergebens suchen. Ich habe in einigen davon gedient, ehe ich zu Ihnen kam: aber, aber . . .

»Gut, mein lieber Johann,« sagte ich etwas beruhigt: »Morgen mit dem frühesten trage meinen Namen in der Stadt herum, und übermorgen mit Tagesanbruche wollen wir uns auf den Weg machen.«

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Den 20. Dezember

Von dem heutigen Tage nichts, was sich der Mühe verlohnt! – Es ist alles abgetan, was die leidige Höflichkeit verlangt, und sogar von meiner poetischen Freundin ist mir der Abschied nicht schwer geworden. Meine Koffer habe ich meiner Hauswirtin bis zur völligen Abreise aus dieser Provinz übergeben und bezahle ihr das Quartier auf den ganzen Monat. Sie wimmert, daß ich ihren Pavillon so bald verlasse, und schimpft auf die häßliche Grippe, die ihr schon manchen guten Fremden verjagt hätte . . .

Da die Winde hier einmal wie das andere ihren Strich halten, und nicht wie Salomons Winde blasen, wohin sie wollen, so hat man eine bequeme Karte, auf der man leicht übersehen kann, welche Örter ihrem Durchzuge unterworfen sind. Wäre Nimes eine Meile seitwärts auf der Stelle des Dörfchens gebaut, das ich morgen beziehe, so würden die Ärzte wenig hier zu tun finden, und ich hätte meinen Pavillon schwerlich so bald verlassen. Was würde aus Nimes geworden sein, wären die Römer so empfindlich gegen den Schnupfen gewesen als ich!

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