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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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Schon hatte ich seine ersten zehn Stufen hastig erstiegen, als mir einfiel, daß ich sie nicht zählte. Erforderlich, wie dieses war, um die mir angewiesene mystische Zahl der zwo Neunen zu erfüllen, ging ich wieder zurück und trat nun meine sonderbare Pilgerschaft mit aller der Bedachtsamkeit an, deren ich nur bei meinem hochpochenden Herzen fähig war.

Was für mancherlei unbekannte Dinge beherbergen wir nicht in uns, liebster Eduard, die uns bei aller unsrer belobten Selbsterkenntnis in Erstaunen setzen, wenn sie ein Zufall aus ihrem Winkel hervorzieht! Kannst Du wohl glauben, was ich Dir sagen werde? und doch ist es gewiß: So lange meine gespannten Kräfte anhielten, verlor das Wort des Propheten nicht das geringste von seinem Werte in meiner Vorstellung; je schwerer mir aber im Fortgange der Atem ward, je langsamer ich stieg, desto vernehmlicher schien sich ein Gedanke in mir zu entwickeln, der das Gefühl meines Glaubens immer mehr und mehr schwächte. »Was«, sagte ich zu mir selbst, »würden deine Freunde in Berlin von dir denken, wenn sie dich in dieser mühseligen Wanderung erblickten – und zu welcher wichtigen Absicht? Um auf der Spitze eines Turms, der täglich von Hunderten bestiegen wird, einen Schatz zu suchen!« – Zum ersten Male ward es mir höchst verdrießlich, an euch zu denken, und doch wollte es mir nicht gelingen, der Vorstellung, die mich so sehr demütigte, wieder los zu werden. Ich fing an, mich vor mir selbst zu schämen. – Das heilige Zutrauen zu den Wortendes Propheten nahm merklich ab, je näher ich dem Beweise kam – dennoch stieg ich fort, und mit der letzten Neune, die ich zu zählen hatte, sah ich mich, bis zum Umfallen ermüdet und so schwach am Glauben als möglich, auf der berühmten Plattforme des Turms. Ich warf mich auf den ersten steinernen Ruhesitz, den ich erreichen konnte, doch so entkräftet, daß ich Mühe hatte, mich sogleich der Ursache meines Hierseins zu erinnern. Mein zurückkommendes Bewußtsein war nichts weniger als angenehm; kaum wußte ich, ob ich dem Propheten noch die Ehre erweisen sollte, mich umzusehen. Ich zwang mich indessen und sah, außer einem jungen Manne, der der schönen Aussicht genoß, auf diesem weiten, offenen Platze – was Dir gewiß auch schon geahndet hat – mit einem Worte, Freund, ich sah – nichts.

Ein bitteres Lächeln überzog nun mein Gesicht. Es machte mir – ich will es nicht leugnen – eine boshafte Freude, einen Propheten auf der Lüge zu ertappen, und nun, ohne aufgehalten zu werden, zu meinen gewohnten Grundsätzen zurückgehen zu können. Ich rückte meinen Hut tiefer in die Augen, schlug hastig meinen Mantel um mich und setzte mich mit dem Entschlusse in die Ecke, mich erst recht auszuschämen und auszuzanken, ehe ich meinen lächerlichen Rückzug anträte. Doch wie gewöhnlich ging ich lange um mich herum, ehe ich Mut genug faßte, mein Vorhaben auszuführen; und auch dann noch spielte ich mit meinem Herzen die Rolle einer schwachen Mutter gegen ihr strafbares Kind, die mitten in ihren ernsten Vorwürfen ihm die Tränen abtrocknet und, indem sie es zu verstoßen droht, das erste Zuckerbrot reichet, das sie bei der Hand hat. Wirklich gingen in mir die sonderbarsten Bewegungen vor, sobald ich auf der Spur zu sein glaubte – angeführt zu sein . . .

Ich kam nun bald in volles Gefecht mit dem Betrüger, der sich unterstehen konnte, einen Berliner – einen Freund und Zeitgenossen Mendelssohns – zum besten zu halten, und mein innerer Streit ward endlich auch äußerlich so sichtbar, daß der junge Mann, auf den ich die ganze Zeit meines Selbstgesprächs über nicht geachtet hatte, sein Fernglas einsteckte und sich voller Verwunderung und Neugier mir näherte.

»Sie scheinen sich übergangen zu haben, mein Herr,« redete er mich an. – »Hintergangen,« fiel ich ihm ins Wort, – »hintergangen habe ich mich, indem ich, jedoch zu meiner Ehre nur einige Stunden, einem Betrüger geglaubt habe. – Doch ist es mir immer lieb, daß ich hier bin. Ich kann wenigstens meiner Galle Luft machen, kann über die Stadt rufen, die unter mir liegt, daß sie mit Blindheit geschlagen sei – daß ihre Einwohner betrogen und wert sind, von Toren gelenkt zu werden – – –«

»Sie sind«, nahm der Fremde das Wort, »in einer gewaltsamen Bewegung, mein Herr. Was für ein Unglück ist Ihnen begegnet, und auf wen beziehen sich Ihre beschimpfenden Ausfälle?«

»Auf wen?« erwiderte ich mit Hitze. – »Auf wen anders, als auf den Marktschreier, der Ihre Stadt in Verwirrung setzt, auf Ihren großen Magnetiseur, Schlafredner, Propheten oder wie Sie ihn sonst nennen wollen.«

»So erlauben Sie mir,« antwortete der Fremde zu meinem großen Erstaunen, »daß ich Ihnen geradezu widersprechen muß. So lange wir diesen Mann besitzen, ist keine Unwahrheit über seine Lippen gegangen.«

»Wohl!« rufte ich aus, »so kann ich Ihnen wenigstens seine erste ankündigen, die er mir, mir, wie Sie mich hier sehen, vor ungefähr zwo Stunden gesagt hat. – Wissen Sie wohl, mein Herr, was er mir hier zu finden verhieß? Nichts geringeres als einen Schatz und den lautesten Ausbruch der Freude. Und ich einfältiger Tropf! ließ mich so anführen und erstieg auf sein törichtes Wort diesen mühseligen Turm. – Lassen Sie sich nicht abhalten, mein Herr, lachen Sie so laut, als Sie Lust haben! Ich verdiene den Spott aller Vernünftigen.«

Aber – anstatt zu lachen, weißt Du wohl, was der Mann vorbrachte? Eine so schöne Tirade, wie sie nur in einem Kommentar über den Habakuk stehen kann: daß man Weissagungen nicht buchstäblich verstehen müsse. –

»Mein Herr,« antwortete ich ihm auf das bitterste: »Ihr Prophet hat mir einen Schatz – was man einen Schatz nennt, hat er mir versprochen. – Wo ist nun hier etwas, das in naher oder entfernter Bedeutung diesen Namen verdient? Soll ich etwan den Zugwind dafür annehmen, der mir schon viel zu lange unter die Nase streicht?« – Mit diesen Worten drehte ich mein Gesicht verächtlich von diesem albernen Fremden, ohne mich weiter mit ihm einzulassen; denn ich sah nun zu deutlich, daß er nicht umsonst hier war und wahrscheinlich ein Emissär des falschen Propheten sein mochte.

Diese neue Entdeckung machte mich nur noch mutiger. Ich konnte nicht von der Stelle kommen, bis ich meine ganze Galle erschöpft hatte. – Ich rückte noch einmal meinen Hut in die Augen, hüllte mich noch einmal in meinen philosophischen Mantel und trat, sowie ich nur erst die Meßmers, Lavaters und Puysegürs, auf deren Autorität sich der Fremde bei dem dritten Worte bezog, hinter mir hatte, ebenso geschwind wieder zu den Helden des hartnäckigsten Unglaubens, zu meinen alten Freunden und Lehrern – den Bolingbrokes – Voltairen und den Reimarus über . . .

Meinen Freiheitssinn zu retten,
Wagt' ich einen Todensprung:
Aus des Aberglaubens Ketten
Stürzt' ich auf die Schwanenbetten
Täuschender Beruhigung . . .

Träumender als Alexander,
Drang ich bis zu Lunens Bahn;
Pech und Schwefel ineinander
Steckt' ich wütend wie ein Brander,
Unsers Glaubens Hafen an;

Sah im Ringeltanz der Flammen
Sich die leichten Rätsel drehn,
Da, wo sie vom Quell der Ammen
Kraftlos zu uns überschwammen,
Zu der Nachwelt übergehn;

Förderte im Heldengrimme
Meines Ungestümes Lauf: –
Doch, indem ich weiter klimme,
Hielt mich eine Menschenstimme
Von der Weltzerstörung auf.

Ja, teuerster Eduard, eine Menschenstimme, die aber in diesem für meinen Unglauben entscheidenden Augenblick ein Wunder vor meinen Augen war, schlug mit unbeschreiblicher Sympathie an meine Ohren und an mein Herz. – »So ist denn,« hörte ich in dem Getümmel des Streites, in dem ich mich befand, »so ist denn alle Freude der vorigen Zeit aus deinem Gedächtnisse verloren, Will'm, Will'm?« – Staunend sah ich mich nach dem Fremden um, der mir seine Hände entgegen streckte, – »alle die mit Freundschaft und Weisheit erfüllten Stunden zu Leyden?« fuhr er noch zärtlicher fort – »auch nicht die kleinste Erinnerung mehr an die jugendliche Wallfahrt zu der Bildsäule des Erasmus?« – Himmel, wie zitterte ich! »O Wilhelm! Wer ist wohl falscher – Du? oder unser Prophet? Ach, du kennst deinen redlichen Jerom nicht mehr?« –

Dieser Name, der einst meiner Jugend so teuer war, brachte mich zu mir selbst. – »Gott! ist es möglich?« rufte ich aus: »Mein Jerom?« Und sprachlos vor unnennbarer Empfindung lag ich in seinen Armen. Eine Pause, die ganz dem hohen Gefühle der Freundschaft gewidmet war, ließ einige Augenblicke keinen von uns zur Sprache kommen. – Ich schmiegte mich an die pochende Brust meines Jugendfreundes, der mit liebenden Augen sich an dem zärtlichen Erzittern weidete, das mich übermannt hatte.

Aufs höchste bewegt, fing er endlich mit freudiger Stimme an: »So hat doch wohl der Prophet nicht so ganz unrecht? denn du liebst mich noch, Wilhelm?«

»Nein, Gott segne ihn!« stimmte ich enthusiastisch ein. – »Er hat wahr geredt, der große Mann! Kein Schatz auf Gottes Erdboden würde solche Empfindung von Glück und Freude aus meiner Seele hervorrufen, als es deine unerwartete Erscheinung getan hat. – Alle die süßen Phantasien meiner Jugend, die ich auf ewig verschwunden glaubte – wie scheinen sie mit dem Wohllaut deiner Stimme von deiner Zunge zu strömen! Dein Lächeln, dein flatterndes Haar, deine strahlenden Augen – alles, alles ruft mir ihr süßes Bild wieder zurück – O mein Jerom! Wie war es möglich, daß ich Dich nur Einen Augenblick verkennen konnte? Nicht die siebenzehn, achtzehn Jahre, die darzwischen liegen, taten es: aber alle die schmacklosen Stunden, die mir freundschaftleere Menschen tropfenweis zuzählten. Böse Säfte, die mir Unmut und Krankheit einflößten, haben meine Augen getrübt und das empfänglichste Menschenherz stumpf gemacht. Ist mir doch, als wenn ich all mein verlornes Glück in dieser Umarmung wiederfände. – Siehe dich nur um, mein Jerom. – Nie haben wohl Bilder der Freundschaft auf einem höhern Fußgestelle gestanden. – Aber wir werden hier und überall den Maulwurfsaugen der Menschen zu hoch stehen. – Unter Tausenden, die unter uns leben, ist gewiß kaum Einer, der den ausgedehnten Begriff so eines Händedrucks zu umfassen vermag.

»Auf dieses Tempels Höh, den deutscher Männer Mut
Dem Himmel näherte; von den Begeisterungen
Des süßesten Gefühls durchdrungen:
Natur, in deiner Mittagsglut
Von eines Lieblings Arm umschlungen – –
Ein Tropfen Zeit – o Gott! – gewährt mir den Ersatz
So vieler freudenleerer Stunden! –
Gelobt sei der Prophet, durch den ich einen Schatz,
Durch den ich einen Freund gefunden!«

Je schwächer unsere Nerven sind, liebster Eduard, desto geschickter fühlen wir uns zur Schwärmerei. Damals schien mir das Hochtönende meines Enthusiasmus die natürliche Sprache des Herzens zu sein, und Gott weiß, wie lange ich noch auf der Zinne dieses altdeutschen Turmes in einer seit seiner Erbauung nicht so erhörten Sprache würde fortdeklamiert haben, hätte nicht der gesündere Jerom den Strom meiner Rede gehemmt und mir lächelnd vorgeschlagen, ihn nach seiner Wohnung zu begleiten. »Wohin du willst!« sagte ich und schwankte wie ein Trunkener hinter ihm her. Immer nur ihn anlächelnd, waren alle andre Menschengesichter, die uns auf der Straße begegneten, für mich verloren, und ich hielt so gleichen Schritt mit ihm, als wenn ich auch ihn zu verlieren gefürchtet hätte.

Mit dem Bewußtsein, einen redlichen Freund an seiner Seite zu haben, fühlt man sich in der Fremde so einheimisch, als man sich, ohne diesen Umstand, in seiner Vaterstadt fremd fühlen kann. Wie schüchtern schlich ich nicht noch diesen Morgen über die Gasse! und jetzt kam es mir vor, als wäre ich, wo ich nur hinsah, zu Hause. Ich stieg die Treppe zu der Wohnung meines Freundes so bekannt hinauf, als ob ich sie schon mehrmal erstiegen hätte und machte den guten Jerom laut auflachen, als ich ihm treuherzig erzählte, wie mir zumute war. Wie ungleich wurde ich mir aber vollends bei dem freundschaftlichen Mahl, zu dem wir uns jetzt niedersetzten! Ich aß und trank, scherzte und lachte wie ein Gesunder; die lebhafteste Erinnerung, das lieblichste Geschwätz packte alle die farbigen Gewänder aus und staubte die bunten Federbüsche ab, in denen einst unsere unbefangene Jugend, so zufrieden mit sich selbst, einhertrat. Nichts durfte sich in unser herzliches Gespräch mischen, was nicht Bezug auf jene bilderreiche Zeit hatte. Jeder andern Idee, die sich zudringen wollte waren wir so verschlossen, wie das Zimmer, das keinem von den Anklopfenden geöffnet wurde.

So beschlich uns der Abend; und da wir in unserm Gespräche nach und nach immer weiter vorwärts gerückt waren, so stand ich jetzt auf einmal an dem Zeitpunkte meiner geschwächten – meiner verlorenen Gesundheit, den ich in der ersten Hitze unserer freundschaftlichen Ergießungen ganz aus dem Gesichtskreise verloren hatte. Einige milzsüchtige Klagen auf meiner Seite, Hoffnung und Trost auf der seinigen, bahnten uns endlich den Weg zu folgendem ernsthaften Gespräche, das mir die deutlichsten Begriffe über die Würde unseres Zeitalters gab, und das ich Dir, so wörtlich als ich kann, auch zu Deiner Erbauung hersetzen will.

»Hätten wir,« hub ich mit einem Seufzer an, »hätten wir es denken sollen, lieber Jerom, als wir in Leyden zu den Füßen unserer Lehrer Wahrheit von Vorurteilen scheiden lernten, daß wir Körner mit unter die Spreu würfen, die mehr wert waren als unsre so rein gesäuberte Frucht? – Hätten wir es argwohnen können, daß Kräfte in dem animalischen Leben lägen, metaphysische Rätsel aufzulösen, woran die Bayle, die Leibnitze, die Rochester umsonst die Arbeit ihres Geistes verschwendeten? Und welchen Köpfen, großer Gott! wurden endlich diese Geheimnisse anvertraut! – Wie viele Jahrtausende haben dazu gehört, ehe der Misthaufen der Welt so durchgearbeitet werden konnte, um das echte unbenutzte Samenkorn ans Licht zu bringen, und welche Mechanik des Zufalls, daß es zuletzt von einer blinden Henne gefunden werden mußte! – Ist ein hellsehender Schläfer der leidenden und irrenden Menschheit nicht mehr wert, als die ganze Summe von Verstand, der den leiblich und geistigen Ärzten aller Zeiten einzeln zugeteilt war; und wirft so eine einzige Tatsache, als ich seit heute erlebt habe, nicht alle ihre herrlichen Systeme über den Haufen? Du bist nicht allein selbst ein berühmter Arzt, lieber Jerom, du bist auch ein tiefdenkender, gelehrter Mann. – Weißt du mir denn nicht eine befriedigende Erklärung von dieser unbegreiflichen Demütigung der menschlichen Vernunft zu geben? Ich will es als ein Almosen in meiner Armut annehmen, ich will es – – –«

»Guter Wilhelm,« unterbrach Jerom meinen rednerischen Ausfall, – »ich teile dir gern die Hälfte meines Reichtums mit, so viel du ungefähr nötig haben wirst, dir weiter fortzuhelfen. Aber warte, erst will ich zusehen, ob mein Vorsaal fest genug verschlossen ist, und nun setze dich, und höre mir aufmerksam zu:

Ich bin ein Arzt, Freund, und habe bisher die Pflichten meines Standes in dem Vaterlande des unsterblichen Boerhav's mit gleicher Treue, wenn auch nicht mit gleicher Geschicklichkeit, ausgeübt. Glück in meinen Kuren schaffte mir indes das Zutrauen meiner Landsleute. Meine Erfahrung nahm täglich zu, und ich lebte mit einer Anhänglichkeit an meine Kranken, die mir meine mißliche Kunst ehrwürdig, angenehm und schätzbar machte. Da störte mich nun auf einmal der vielzüngige Ruf von den neuen Erfindungen der Meßmer, der Puysegür und wie die großen Männer alle heißen, in meinem tätigen Leben. Haufenweis drängten sich die Wunder, die geschahen, in meine einsame Studierstube, löschten alle Aphorismen meiner Lehrer aus, als verlorene Worte und machten mich in der Behandlung meiner Kranken furchtsam und kleinmütig.

»Aber schnell und als ein ehrlicher Mann entriß ich mich diesem peinlichen Zustande. Ich verließ Bücher und Kranke. Keine Reise schien mir zu groß und beschwerlich, um die Ehre der Wahrheit zu retten und meinen Glauben wie meine Kenntnisse zu berichtigen. Ich kam in Straßburg an, und schon den Morgen darauf stand ich vor dem Stuhle der damals berühmtesten Somnambüle und Clairvoyante, von der du, erinnere mich daran, nachher noch mehr erfahren sollst. In einem Zirkel von gelehrten Männern, die indes die tiefsinnigsten Bemerkungen über diesen übernatürlichen Zustand der Verzückten anstellten, erteilte sie einem jungen Offizier, dessen sonore Stimme besondern Eindruck auf ihre schlafenden Sinne zu machen schien, die richtigsten Antworten auf die verwickeltsten Fragen. Alle Kräfte meiner Vernunft gerieten in einen Stillstand bei dieser augenscheinlichen Tatsache. Lange quälte ich mich umsonst, eine nur leidliche Erklärung dieses Wunders und besonders des auffallenden Umstandes zu entdecken, warum die Eingebungen einer Somnambüle immer nur auf die Medizin, nie etwa auf die Politik, die Landwirtschaft, die Mineralogie, die Naturgeschichte oder die Rechtsgelehrsamkeit gerichtet seien; soviel Nützliches auch in diesen Wissenschaften zu entdecken und Irrtümer zu berichtigen wären, und so sehr oft einem armen Teufel ein Gefalle geschehen würde, zu erfahren, wie er seinen Prozeß gewinnen oder sein Korn säen solle.«

»Endlich, lieber Wilhelm, glaubte ich einigermaßen der Sache auf die Spur zu kommen und den wahren Zusammenhang davon einzusehen. Da ich immer alle Arten von Entzückungen mir als Wollust erklärt habe, zu der ein überirdisches Wesen ein sterbliches verleitet, da man in Tollhäusern nur zu häufig Symptome dergleichen heterogener Vermischungen gewahr wird, so kann es wohl sein, denke ich, daß eben jetzt ein medizinischer Geist der obern Region seinen verliebten Ausschweifungen auf unserer Erde nachgeht, und die armen, unbefangenen Geschöpfe, die er zu seinem Willen bringt, mit Kräften schwäng– – – Doch es ist wahrlich schwer, lieber Freund, Geheimnisse der Art deutlich zu machen, ohne eine Albernheit zu sagen. Genug, alle mannbare Mädchen, so viel ich deren nachher noch gesehen habe, die zum Schlafreden, zur Desorganisation, zum tierischen Magnetismus geschickt waren, bestärkten mich in dieser gewagten Vermutung. Sie teilen die medizinische Kraft, die sie durchdringt, sogar, wie den Schnupfen, auch Männern mit, die mit ihnen in genaue Verbindung kommen, wie wir dieses an dem belobten Propheten sehen, der dich heute kuriert hat. Mein System, lieber Wilhelm, macht wirklich alle andern Erklärungen überflüssig . . .

»An die vier Monate,« fuhr Jerom fort, »lebe ich nun schon in Straßburg, sehe die unglaublichen Fortschritte der neu entdeckten Naturkraft und verliere mich täglich mehr in meinem Erstaunen. Doch, was brauche ich dir alle Resultate meiner Erfahrung vorzulegen? Hast du nicht genug an deiner eigenen heutigen Geschichte? Beleuchte sie noch einmal mit aller Anstrengung deines Verstandes. Du hast doch deutlich gesehen und gehört, hast die Weissagungen des Schlafsehers wahr befunden und bist überzeugt?«

»Ja, bei Gott,« erklärte ich meinem Freunde, »das bin ich. Ich erlaube mir von nun an kein Mißtrauen mehr, als gegen das unbegreifliche Menschenherz, das in mir pocht. Zum Glücke, daß ich seit heute morgen aus dem Munde des Propheten weiß, welch eine Seele in mir wütet. Noch sind keine zwo Stunden verlaufen, als mich dein Zuruf an dem Abgrunde des Unglaubens zurück hielt. Wie unüberwindlich kam ich mir nicht in dem Augenblicke vor, da ich meiner Niederlage am nächsten war. Ich Armseliger! Ein geweihtes Schwert in der Hand, glaubte ich allen Erfahrungen des Glaubens die Spitze bieten zu können. Aber desto ernstlicher verabscheue ich jetzt die Sünden meines Unmuts. Ich lege in deinen Schoß, lieber Jerom, meine feierliche Abbitte an den mächtigen Gesandten der Zukunft, gegen den sich meine Vernunft empörte, und an alle die großen Männer nieder, die ihm anhangen, und oh, daß die ganze Welt meinen Widerruf hören könnte. Zu was haben mir die Waffen der prahlenden Vernunft geholfen? Da liegen sie als unnütze Werkzeuge ihres Stolzes . . .«

Nichts kann rührender und eindringlicher sein als die Stimme der Überzeugung, zumal wenn schon zuvor ein gemeinschaftliches Glas Wein Redner und Zuhörer zu einander gestimmt hat. Ich stand, die Hand auf die Brust gelegt, mit freier Stirn und in einer begeisterten Stellung vor meinem Freunde, der durch die Überströmung meines Herzens so hingerissen ward, daß er, während meine Augen sich mit Tränen der höchsten Empfindsamkeit füllten, sein Gesicht hinter seinen Händen verbergen mußte. Er ermannte sich am ersten, schob klüglich Flaschen und Gläser beiseite, und so wie Boileau, als er einst zween seiner Freunde, von Burgunder befeuert, antraf, wie sie den Tod des großen Homer beweinten und nicht eher zu trösten waren, bis es ihm gelang, sie aus dem Wirtshause in die freie Luft zu bringen; so glaubte jetzt Jerom vermutlich, auch dieselbe Vorsicht bei mir nötig zu haben, damit ich nicht ganz in Tränen der Begeisterung zerfließen möchte.

»Mäßige dich, bester Wilhelm,« sagte er bittend, »solche Szenen sind für deine schwachen Nerven zu angreifend. Laß uns unsern Wein auf einige Augenblicke verlassen. Vielleicht beruhigest du dich in der kühlern Nebenstube über alles, was dir heute das Herz erschüttert hat.«

Freundschaftlich nahm er mich bei der Hand, öffnete eine Seitentüre, und, o ihr Mächte des Himmels, wie ward mir! Kaum wirst Du es glauben, Eduard, aber so wahr ich lebe, ich befand mich mit Leib und Seele in demselbigen Zimmer des Vormittags, sah dasselbige Bette und vor ihm denselbigen Stuhl stehen, auf welchem ich diesen Morgen die Orakelsprüche aus jenem erschallen hörte. Versteinert stand ich davor, und Jerom fuhr mit schalkhaftem Lächeln fort: »Was sagst du zu meiner Art abzukühlen, mein philosophischer Freund? Soll ich dir hier noch einmal deinen Namen und die Abenteuer deiner Seele entdecken? Dich noch einmal auf den Münsterturm schicken, oder bist du vorderhand zufrieden?«

»Also warest du,« – erwiderte ich mit wiederkommendem Bewußtsein – »Du warest der große Prophet, den mir die Damen verkündigten? – Du warest es, der mich diesen Morgen beinahe um mein bißchen Verstand brachte?«

»Kein anderer,« sagte Jerom mit zunehmendem Lachen.

»Komm, ich beschwöre dich,« fuhr ich fort, »bei allem, was heilig ist! komm meinem Erstaunen geschwind zu Hülfe! Woher,« – und ich schlug mich dabei mit der geballten Faust vor die Stirne – »woher wußtest du denn, daß ich bei Karlsruh ein Mädchen den Wölfen übergab?« –

Hier stemmte mein boshafter Freund vor Lachen die Hände in die Seite. – »Weil auch ich«, rief er, »derjenige war, der neben deinem Wagen hielt, sie deinen Händen anvertrauen wollte und deine abschlägliche Antwort hörte. – Dies artige Kind – eben dasselbige, das bei meiner Ankunft in Straßburg in der Krise lag und mir die erste Gelegenheit gab, das Wunder des tierischen Magnetismus zu sehen, hatte seit fünf Monaten für eine gute Belohnung die Somnambüle gespielt, war darüber mit einem jungen Offizier – eben demselbigen, der sie damals ausfragte – ein wenig zu sehr in Rapport gekommen und wurde darüber die letzte Zeit – wie soll ich sagen – vorderhand unbrauchbar – – –«

»Das, deucht mir, habe ich ihr selbst abgemerkt,« fiel ich ihm hitzig ins Wort.

»Ich rettete sie nach Karlsruh, wo unsre Gesellschaft gute Freunde hat, traf dich, wie du weißt, auf meinem Wege, erkannte dich ohne Mühe und erfuhr alles aus deinem eigenen Munde, was ich, kraft meines Divinationsvermögens, dir diesen Vormittag wieder erzählte. Es gehörte übrigens nicht viel darzu, vorauszusehen, daß mein Ruf dich armen Kranken gewiß vor mein Bette führen würde. Meine Rolle war diesmal die leichteste von der Welt; und sonach, guter Wilhelm, ist alles, was dir begegnet ist, nichts mehr und weniger als der Scherz eines alten Freundes, der, wie du siehest, einen recht guten Ausgang genommen hat.« –

Die Decke fiel mir nun zwar von dem Gesichte – aber zu geschwind. – Eine brennende Schamröte überzog meine Wangen, sobald das große Geheimnis in seiner armseligen Blöße vor mir lag. Ich sah mich in Gedanken in meiner ganzen Albernheit auf dem Lehnstuhle sitzen und hatte kaum Mut, meine Augen gegen den falschen Propheten aufzuschlagen.

Mein Zustand erbarmte den gutmütigen Jerom. Er nahm mich traulich bei der Hand, hielt allen Spott zurück und führte mich aus dem magischen Zimmer, das mir je länger desto verhaßter wurde. Ich blieb noch eine Weile nachher in sichtbarer Verlegenheit; endlich kam ich der Frage näher, die mir vorschwebte, und gewann Kraft, sie hervorzubringen. »Ich war ein Tor, lieber Jerom – – –«

»Kein größerer«, fiel er mir ins Wort, »als wir alle sind, wenn ängstliche Wünsche mit einiger Hoffnung verbunden auf uns wirken.«

»Ich war ein Tor,« fuhr ich fort, ohne mich stören zu lassen; »aber – vergib mir – was bist denn du in dem Lichte, in welchem du dich mir heute gezeigt hast? Was für ein Handwerk treibst denn du, alter ehrlicher Freund?«

»Das Handwerk eines Brutus,« antwortete Jerom, »der Rom von dem Tyrannen der Unschuld befreite – das Handwerk eines Pascals, der unter der Maske der Einfalt sich des heillosen Geheimnisses der Gesellschaft Jesu bemeisterte. Ohne Verleugnung meines Mutes wäre ich nicht so mächtig geworden, als ich bin. Aber die Zeit meiner Erniedrigung ist verlaufen, bald werde ich zu meinen Kranken zurückgehen, und meine Erfahrung bis auf deine heutige Geschichte soll der Welt offenbar werden.« –

Diese Erklärung meines Freundes gab mir einen Stich in das Herz. – »Nein, mein lieber Jerom,« rief ich, »ich will meinen Gönnern in Berlin nicht als ein einfältiger Tropf zur Schau gestellt werden; mein Name werde nie in den Jahrbüchern dieser Schwärmer, Betrüger und Betrogenen genannt.«

»Ist das deine Weisheit?« fragte Jerom mit ernsthafter Stimme. – »Verdient die Wahrheit nicht mehr um dich, als daß du sie hinter der großen Vormauer des Irrtums, hinter einer falschen Scham verstecken und geruhig zugeben willst, daß die Zahl der schuldlosen Betrogenen sich vermehre? Die Leichtgläubigkeit eines Kranken ist der verzeihlichste Glaube . . . Für was sollen wir die Stifter der neuen Sekten ansehen, die solche Schriften in alle Welt schicken, als ich dir hier vorlege?« – Ein ungeheurer Haufe! – Ich wählte einige aus, die mit berühmten Namen in dem Reiche der Gelehrsamkeit gestempelt waren, und Jerom störte mich nicht in der Aufmerksamkeit, die ich ihren widersinnigen Behauptungen, ihren erlogenen Erfahrungen und ihren anstößigen Mutmaßungen länger als eine halbe Stunde schenkte. – Seufzend legte ich endlich den ganzen Wust beiseite und wendete mich an meinen kaltblütigen Freund. »Lieber Jerom,« sagte ich, »erlaube ja auch diesen braven Männern, krank zu sein: denn sonst bleibt keine Entschuldigung für sie übrig.«

»Bei einigen,« antwortete mein gutdenkender Arzt, »aber gewiß nur wenigen kann deine entschuldigende Vermutung wohl wahr sein . . . Aber, glaube mir, der größte Teil unserer Schriftsteller schreibt nicht aus Liebe zur Wahrheit, aus Drang der Überzeugung oder aus Eifer für das Gute und Nützliche, sondern aus jenem gelehrten Stolze, der, gleich dem Kerkerfieber in England, nur in den engen, finstern Studierstuben herum schleicht und dann und wann die glänzenden Bewohner der feinen Welt zu Mitleiden und Almosen bewegt. – Ich kenne viele dieser schreibsüchtigen Gespenster. Der Gedanke, Aufsehn zu machen, die Augen auf sich zu ziehen, die sich eben nach einem andern umdrehen wollen, das ist der Dämon, der sie treibt und drängt! . . . In Ansehung der Mittel? Oh, da denken sie nicht feiner als jene Wirtin ›Zum schwarzen Bocke‹ in Harlem.«

»Und was begann denn diese, lieber Jerom?«

»Das will ich dir bei einem Glase Wein erzählen und dir die Anwendung überlassen.«

*

»Es war in dem Jahre achtundvierzig, als ihr Mann«, fuhr Jerom fort, »ihr den Gasthof »Zum schwarzen Bocke« hinterließ, der noch jetzt nicht weit von dem Leidener Tore zu Harlem zu sehen ist und noch jetzt, glaube ich, einem aus ihrer Verwandtschaft gehört. Das Weib war artig, gesprächig und von ebenso guter als billiger Bewirtung, besonders nachdem, durch den Tod ihres Mannes, ihre wohltätigen Neigungen von ihr allein abhingen. Der Gasthof kam auch gar bald in die größte Aufnahme. Da war keine Schute, die von Leiden kam, keine, die abging, die ihr nicht stündlich zu verdienen gab. Zur Zeit der berühmten Messe war eine Wagenburg um ihr Haus geschlagen. Es geschah oft, daß über dem Zulauf Mangel an Raum in der Herberge entstand; und dennoch lagerte man sich lieber unter freiem Himmel vor ihrer Haustüre oder in dem Hofraum, als daß man seine Pfeife in einem andern Gasthofe geraucht hätte. –

Diese Vorliebe eines, seinen Freunden so anhänglichen Volkes dauerte viele Jahre zugunsten der Frau. Sie hatte ihre Bewirtung in ein gewisses sicheres System gebracht, von dem sie zu keiner Zeit abging, und es war also mehr als wahrscheinlich, daß ihre Gäste sich eher vermehren als vermindern würden. Dem ohnerachtet, lieber Wilhelm, so unerklärlich es auch sein mag, wußte der Gasthof »Zum Patrioten«, der noch dazu viel entlegener vom Haupttore war, nach und nach alle ihre Kunden an sich zu ziehen, und es ward Mode, bei ihr vorbei zu gehen. Viele hatten sogar die Unhöflichkeit, sie zu grüßen, wenn sie eben vor ihrem Hause stand; aber keine Seele fragte übrigens nach ihrem Portwein, nach ihren schwarzen Augen und nach ihrem Salm.

Ein ganzes Jahr beinahe ging so hin, ohne Verdienst und Genuß. – Noch immer schmeichelte sie sich mit der Hoffnung des gewöhnlichen Wechsels der Dinge. – Als aber die Kirmse einfiel, und auch da noch ihr Gasthof unbesucht blieb, ungeachtet sie den verbleichten Bock hatte auffrischen lassen und die weißesten Vorhänge hinter den Fenstern durchblinkten, da ward sie durch ihr unverdientes Schicksal zu heißen Tränen bewegt. – Es tut mir leid, daß ich es sagen muß, aber sie sprach mit Bitterkeit über die Menschen und schimpfte mit den ausgesuchtesten Worten auf den schelmischen Wirt »Zum Patrioten«. Doch war sie zu klug, dabei stehen zu bleiben. Sie kannte die Menschen, und mit dieser Kenntnis verhungert man nie. Sie schwur, sich an ihrer Untreue zu rächen »Morgen«, sagte sie, »will ich dem »Patrioten« zeigen, was ein entschlossenes Weib vermag! Ist euch guten Leuten mein Gesicht zu alltäglich geworden? – Oh, dafür will ich Rat schaffen. Morgen sollt ihr mir vierfach bezahlen und doch bei mir einkehren.«

Der Morgen kam. – Was tat unsere kluge Frau? Eine Kleinigkeit; sie nahm nur eine ungewöhnliche Wendung in der Ordnung der Natur vor. – »Non erubescit«, dachte sie – ließ ein Paar große blaue Augen und eine Nase darauf malen, und steckte, sobald es lebhaft auf den Gassen ward, diese wunderliche Figur, neben der zum Überfluß rechts und links ein paar blasende Trompeter gestellt waren, zum offnen Fenster hinaus.« –

Von diesem Augenblicke an war es um den Wirt »Zum Patrioten« geschehen. Kein Mensch dachte weiter an ihn. Der unerwartete witzige Einfall der Frau entschied ihr Schicksal auf immer. Sie hatte noch keine zehn Minuten in dieser gezwungenen Stellung verlebt, so wimmelte Haus, Hof, Garten und Stall von immer mehr zuströmenden Gästen und Pferden, und seit undenklichen Zeiten war nicht so viel in Holland gelacht worden als heute. – Ein alter Offizier, der ein Zirkular vom Erbstatthalter in der Tasche hatte, verzögerte noch um eine ganze Stunde den schwerfälligen Umlauf dieser Staatsschrift und hielt gravitätisch mit seinem dürren Pferde unter dieser Figur. – Ein Matrosenjunge, der noch jüngst erst von Indien zurück gekommen war, erkletterte eine nahe Linde, um näher und ungestörter diese Seltenheit betrachten zu können. – Ein Quaker und seine Matrone von Frau, die Gebetbücher noch in der Hand, hatten sich hier niedergesetzt und tranken ihr Doppelbier, ehe sie weiter zu ihrer Versammlung schlichen; und man sagt sogar, daß die dortige Akademie einige ihrer Mitglieder abgeschickt habe, dies Phänomen in Untersuchung zu nehmen. – Der berühmte Trost, der Hogarth der Holländer, wurde aus einem andern Weinhause herbeigeholt, um diesen Auftritt, wie ich ihn dir hier beschrieben habe, nach der Natur zu malen. Es gelang ihm vortrefflich. Das Gemälde wurde aufs teuerste verkauft, kam in das berühmte Kabinett von Brancam, und A. Delfos hat es unter der Unterschrift Les Abusés in Kupfer gebracht. Solltest du es nicht selbst in deiner Sammlung besitzen?«

»Ja wohl besitze ich es, lieber Jerom,« antwortete ich, »ohne bis jetzt gewußt zu haben, was ich dabei denken sollte, wie mir das mit manchem andern Porträt berühmter Leute geht, in denen man ebensowenig Physiognomie entdeckt als in diesem. – Aber fahre nur in deiner interessanten Geschichte fort.« –

»Da der Zulauf zu diesem Wirtshause« – fuhr Jerom fort, »nicht aufhörte, der Beifall immer lärmender ward, so gelangte endlich ein ernstlicher Befehl des Magistrats an die Wirtin, ihr bedenkliches Zeichen einzuziehen, ein geehrtes Publikum nicht länger zu äffen und ihr Blendwerk für sich zu behalten. Aber die Herren hatten vergessen, die Volksstimme dabei zu Rate zu ziehen. Man widersetzte sich im Tumult diesem Befehle, schrie über Beeinträchtigung der republikanischen Rechte; berufte sich auf die Preßfreiheit, Toleranz und Publizität; und Vornehme und Geringe behaupteten sich in dem ungestörten Anschauen dieses verbotenen Gesichts. – Hatte der erste Tag Leute herbeigezogen, so tat es der zweite, dritte nebst den folgenden noch mehr. In kurzem verbreitete sich der Ruf dieses Wunderwerks durch alle sieben Provinzen. Man machte Lustreisen von den entlegensten Flecken und Eilanden hierher. – Die Neugierigsten blieben über Nacht da, und diese Nächte wurden teuer bezahlt. Kein fremder Prinz, kein Gesandter reiste durch Holland, ohne das Wirtshaus »Zum schwarzen Bocke« zu besuchen. Die Stadt kam in bessere Nahrung. Die Zölle an den Barrieren erhöhten sich ungewöhnlich, und da die Obrigkeit ihren Vorteil so augenscheinlich sah, schwieg auch sie, und die Witwe – Gott habe sie selig! – sah sich, ehe ein Jahr verging, zu ihrem eigenen Erstaunen, berühmter, besuchter und reicher, als sie jemals im Traume gewesen war. – Indes erzählte mir doch ein dortiger würdiger Gelehrter, daß eben die Frau, die vor ihren Zeitgenossen nicht errötete, als noch die blasenden Trompeter neben ihr standen, sich nachher, als der allgemeine Enthusiasmus verraucht war, nicht habe der Schamröte erwehren können, wenn sie auf dem Trostischen Kupfer die Hauptfigur erblickte, die ihr Andenken auf die Nachwelt bringen würde. –

Nun frage ich dich, lieber Wilhelm, ob die Geschichte meiner Harlemer Wirtin – mit der Geschichte unserer meisten neuern Schriftsteller nicht ganz von einem Schlage ist? – In beiden einerlei Triebfedern und Räder – Unverschämtheit aus Ruhmsucht, und Ruhmsucht aus Gewinn. – Das ist die Progression, nach welcher sie handeln, denken und schreiben – und du siehst, ob es ihnen gelingt! Schlage alle unsere gelehrten Zeitungen und Journale nach! Welche Namen sind es, die am meisten darinnen flimmern? – Die Namen der Schwärmer, der Lügner, der Mitglieder geheimer Gesellschaften, und die sich's etwas kosten lassen, gelobt zu werden . . .«

*

Ungern trennte ich mich zwar von meinem Freunde; aber ich nahm doch eine Ruhe, eine Sicherheit der Seele und ein so voll zugemessenes Vergnügen mit, das ich nicht beredt genug bin, Dir zu beschreiben. Die Nacht – sagt das Sprichwort – ist keines Menschen Freund! Aber nach dem Schlusse eines solchen Tages ist sie's, und sie war es mir heute mehr als jemals . . .

*

Ich lächelte aus dem Gefühle der innigsten Zufriedenheit, als ich mein Deckbette über mich warf, wie ein Mensch, der einen verwickelten Prozeß gewonnen; und dies Lächeln schwebte mir noch um den Mund, als mich, nach genossener Ruhe, die Ankunft meines Freundes und Ratgebers weckte.

Ich hebe Dir von dem süßen Geschwätze, das mit ihm kam und den Morgen ausfüllte, dasjenige auf, womit er mich als Arzt abfertigte. – »Du hast«, sagte er ernstlich, »viele Umwege genommen, um dich von der Natur zu entfernen: jetzt nimmt sie – und es kann dich wundern? – eben so viele, ehe sie sich wieder zu dir findet. Du hast, über dein eigenes Selbst hinweg, starr auf die Menschen gesehen, bis es dir vor den Augen flimmerte. Du hast gelesen, gelesen, bis du dich selbst nicht mehr verstanden hast. – Du hast so viel über das Leben und Weben des Erschaffenen nachgedacht, bis du am Ende nicht wußtest, dich in dein eigenes Dasein zu finden – hast Schlüsse an Schlüsse gekettet und so fest um dich her geschlungen, daß du keinen Schlupfwinkel mehr vor dir siehst, durch den du ungedrängt und unbeschädigt dich retten könntest. Törichter, törichter Freund! – Und um so hohe Vollkommenheiten zu erlangen – was hast du von dem deinigen darauf verwendet? Das größte Gut, das die Natur geben kann – Gesundheit! – In ihr liegt die wahre Weisheit. Dein Kopf ist geschwächt, dein Magen verdorben, deine Brust ausgetrocknet, dein Eingeweide zusammengezogen und dein Puls in Unordnung. – Und du verlangst mit dieser knarrenden, verstopften, schwerfälligen Maschine menschliche Pflichten erfüllen zu können? Wie will ein so elendes Geschöpf ein nützlicher Bürger, ein tätiger Freund, ein gütiger Hausherr, ein zärtlicher Ehemann und ein Vater munterer und gesunder Kinder sein? Zu welcher Rolle auf dem Theater der Welt ist so eine verrostete Puppe geschickt? Gehöhnet, geflohn, gemißbraucht zu werden, unbedauert und unvermißt ins Grab zu schleichen: das ist ihr Los, und oh! daß ich es sagen muß – ist das deinige!« –

»Höre auf, lieber Jerom,« unterbrach ich den Fluß seiner Rede mit bebenden Lippen, »du tötest mich sonst mit deiner gräßlichen Vorstellung! Hätte ich doch nicht geglaubt, daß man so gesund sein müsse, um nur die Achtung eines Arztes zu verdienen? Aber setze den Arzt beiseite! rate mir als ein schonender Freund oder nimm nur soviel von jenem darzu, als nötig ist, diese knarrende, ungelenke Maschine wieder in Stand zu setzen!«

Mit mitleidiger Freundlichkeit drückte mir der gutmütige Mann die Hand. – »Höre meinen Rat,« fuhr er traulicher fort, »lieber Wilhelm – und es kann sich noch ändern. Du gehst zu deinem Glücke in das Land des Leichtsinns: nutze diesen Umstand zu deiner geistigen und körperlichen Genesung, wie ihn andere zu ihrem Verderben mißbrauchen. Suche den Scherz und das Lachen auf, wo du es antriffst. Die Wahl unter ihrer Sippschaft lasse ich geruhig dir frei. Meide alle und jede, die man dir als große Männer ankündigt – alle Schriftsteller – die Wunderdoktoren aller Fakultäten – und fliehe besonders jene Magazine der Vielwisserei, die Bibliotheken, die jetzt fast alle Städte verengen, die Mieten teurer und die besten Säle unbrauchbar machen – die, wenn die Wut, sie zu sammeln, noch tausend Jahre so fortgeht, endlich die weite Welt einnehmen und das Menschengeschlecht daraus verdrängen werden, ohne es um einen Grad glücklicher zu machen . . .«

»Suche nirgends Erbauung als in den Wäldern unter dem Gesange der Vögel und an dem rieselnden Bache! So lange das Blöken der Lämmer dir nicht näher ans Herz tritt als das Blöken der Menschen, so sage noch nicht, daß du gesund bist und werde noch wachsamer über dich selbst! Überlasse dich auf einige Zeit ganz jener glücklichen Art von Müßiggange, die mehr Tätigkeit in sich enthält als manches Ämtchen im Staate . . .

Hüte dich, so viel du auch Kohlenstaub von deinem Herde zutragen könntest, an dem großen Prozesse der Aufklärung mitzuarbeiten; und hüte dich vor dem Laster der übeln Laune, damit du, wenn deine Hütte brennt, nicht mit Ferngläsern suchest, wo der Rauch herkomme. – Deine Weisheit lehre dich, mit den Torheiten und Schwachheiten der Menschen zu spielen und ihnen dieselbige Freiheit bei den deinigen zu lassen, ohne Mißtrauen, ohne Strenge . . . Weise auch nicht gleich jede schalkhafte Leidenschaft, die bei dir anklopft, wie einen Bettler von dir! Der herrliche Wein, der jenes Land bekränzt, sei deine Arznei, das flammende Gesicht des braunen Mädchens dein Arzt und das Spielwerk der Liebe deine Philosophie!« –

Länger konnte ich vor Ungeduld nicht zuhören. – »Deinen medizinischen Rat in Ehren und der Moral unbeschadet, lieber Jerom,« brach ich mit Unwillen gegen ihn los, »wohin könnten mich deine epikurischen Verordnungen nicht bringen? Doch es hat keinen Anschein, daß ich sie mißbrauchen werde. Das Spielwerk der Liebe? – Sehr wohl! Eben so leicht könntest du mir die Trommel und das Steckenpferd meiner Kindheit empfehlen. Wüßtest du, mit welcher neidlosen Gleichgültigkeit ich auf jene Berauschung der Sinne herabsehe – wüßtest du, daß mein Nachdenken mich noch um einige Grade weiter gebracht hat als den großen Büffon das seinige – daß ich nicht nur, so gut wie er, auf der geistigen Seite der Liebe nichts finde, was der Mühe eines Mannes lohne, sondern auch selbst für das Gute keinen Sinn habe, was er ihrer physischen zugesteht: – gewiß, lieber Jerom, du würdest dein Rezept ändern! Wenn nur von den Reizen eines Mädchensgesichts, von den Küssen ihres Mundes – wenn nur von Wein und Scherz, Müßiggang und Liebe meine Genesung abhängt – Freund! Freund! so bin ich verloren.«

»O ihr weisen Geschöpfe!« rufte Jerom aus, »habt ihr denn noch nicht einsehen gelernt, daß andere Verhältnisse auch andere Menschen, und ein ander Klima auch andere Empfindungen erzeugen? Wenn mein Rat für einen flatternden Jüngling Schierling in unverständigen Händen sein würde, so ist er dir hingegen ein wohltätiger Balsam auf dein erstarrendes Haupt. Ziehe, wenn du nicht anders willst, den weitern Weg nach diesem freundlichen Lande dem kürzern vor! Behandle dich meinetwegen noch eine Weile als einen Klumpen, von dem der Rost sich erst abschleifen muß, ehe seine wahren Bestandteile hervortreten! Übrigens lache ich zu deiner trotzigen, noch über Büffon erhabenen Stärke. Wie geschwind wird deine dickblütige Moral verdunsten, wenn dich erst die auflösende Sonne jenes Landes durchwärmt haben wird! . . .«

So trennten wir uns zwar bänglich und zärtlich; aber doch durch ein gegenseitiges heiliges Versprechen beruhigter, uns einander nicht wieder so weit aus dem Gesichte zu verlieren. Bald nachher nahm ich Abschied von einem Orte, der mir einen Jugendfreund in die Arme geführt, meine Kenntnisse so erstaunlich bereichert, und mich, welches Dir zu Haus und Hof kommt, so geschwätzig gemacht hat . . .

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