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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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Aber, o Ihr, die Ihr mich bis zu dieser Zeile geduldig auf meinen Spazier- und Irrgängen begleitet habt, euch, meine vortrefflichen Leser, muß ich jetzt einige Augenblicke still zu stehen bitten, denn ich selbst stehe zum erstenmal in meinen Wanderungen vor einem Oha, über das ich nicht wegzukommen weiß. Ein heimtückischer Zufall hat mir die meisterhafte Zeichnung meines russischen Freundes entrissen und den lustigsten Text von der Welt durch eine Lücke unterbrochen, die ich leider jetzt nur mit einer kläglichen Note auszufüllen imstande bin.

Diese Verlegenheit tut mir doppelt wehe, weil sie mich zugleich nötigt, ein Geheimnis auszuplaudern, das ich mit mir ins Grab zu nehmen gedachte. Das Schicksal, scheint es, will mir nicht vergönnen, das Geringste vor euch auf dem Herzen zu behalten. Es liegt, ich weiß es, manches Rätselhafte noch in meinem Tagebuche, das eurer Aufmerksamkeit wohl schon oft anstößig gewesen sein mag; doch davor darf mir nicht Angst sein, denn in einigen Tagen, hoffe ich, wird euch auch das Widersprechendste unzweideutig und klar, wie die Wahrheit, vor Augen stehen.

Ob aber die kräftige Schilderung des Unbekannten je wieder an das Licht kommen werde, das sie so sehr verdient, muß ich, ohne es ganz zu bezweifeln, allein der künftigen Zeit überlassen, denn die meinige ist, – und das eben war, wie ihr alleweile hören sollt, mein Autorgeheimnis, – verlaufen.

War es ein Anfall von Eitelkeit, falsche Scham eines jungen flüchtigen Gesellen, oder Nachahmungssucht – ich lasse es unentschieden, die mich, nach meiner Zurückkunft in Berlin, auf den tollen Einfall brachte, meine Selbstbekenntnisse, wie Jean Jacques die seinigen, unter Schloß und Siegel zu legen, und, gleich ihm, zu verordnen, daß mein Erbe ihnen erst zwanzig Jahre nach meinem Ableben Luft mache.

Ein Augenblick Überlegung brachte mich, wie ich denke, auf einen klügern Entschluß. Wärest du, sagte ich mir, auch notdürftig zu entschuldigen, Possenspiele mit deinen Zeitgenossen zu treiben, die es nicht nur längst an dich gebracht, sondern auch das Wiedervergeltungsrecht noch immer in Händen haben, so sähe es doch einer Poltronnerie sehr ähnlich, wenn du dich erst aus dem Staube machen und der Nachwelt gleichsam hinterrücks deine Schneebälle aus einer Entfernung in das Gesicht werfen wolltest, in der sie dich nicht mehr erreichen kann. Und ist es denn nicht, fuhr ich ernsthafter fort, mehr als zu bekannt, wie pflichtvergessen der Freund, dem der große Mann die Herausgabe seiner Konfessionen übertrug, die strenge Frist verkürzt hat, die Rousseau der Neugier seiner Hinterbliebenen auslegte? Aber auch gesetzt, eine solche Untreue wäre mit den deinigen nicht zu befürchten, bleibt es denn nicht noch immer die Frage, ob die klugen Leute, denen du die Vollstreckung deines letzten Willens in einer Zeitperiode zuwälztest, die sich wahrscheinlich von der gegenwärtigen durch den geläutertsten Geschmack auszeichnen wird, ob sie, sage ich, dein Testament nicht als inept erklären und deinen armen entsiegelten Papieren, statt ihnen den kostbaren Weg in das Gebiet der Makulatur zu eröffnen, den weit kürzern hinter den Herd anweisen würden? Solche vornehme Wagstücke, gestand ich mir offenherzig, sind nicht für einen Schriftsteller, wie du bist.

Diese vielseitigen Ansichten der Sache brachten mich endlich auf einen Ausweg, bei dem ich stehen blieb. Wäre es denn nicht sicherer, zischelte ich mir ins Ohr, gemächlicher für dich und ehrlicher gegen deine Mitbürger gehandelt, wenn du ihnen, während du noch auf ebenem Boden mit ihnen wandelst, die offenherzigen Berichte von der übeln Wirtschaft ablegtest, die du, jedoch zum Glück nur wenige Monate, in einem sittenlosen Lande mit deiner Zeit getrieben hast? und um sie nicht auf einmal zu erschrecken, die zwanzig Hungerjahre, zu denen Rousseau im Laufe seiner Unsterblichkeit das lesende Publikum verdammte, auf das jugendliche Spielwerk ausdehntest, das du ihm preiszugeben gesonnen bist? Dadurch bekommen deine Begleiter nicht nur Zeit zu verschnaufen, sondern der Stern deiner Autorschaft zugleich einen hübschen Spielraum, den Kometen, die inzwischen an dem literarischen Himmel aufbrausen, und ihn leicht in ihren Schweif verwickeln könnten, ehrfurchtsvoll und solange aus dem Wege zu treten, bis sie ihre blendende Laufbahn durchschritten haben. Wirklich habe ich durch diese kluge Wendung seinen völligen Untergang aufgehalten. Wie viele prächtige Meteore sind nicht in diesem langen Zeitraum durch den Äther gezogen, verschwunden und vergessen, und das meinige blinkt noch in der zwanzigsten Leipziger Messe, tritt noch einmal aus dem Nebel hervor, in welchen es sich oft hüllte, und lächelt noch hier und da einem alten Bekannten so freundlich ins Auge, als ehemals meinem nun längst verewigten Freunde Eduard, dem seine ersten Strahlen gewidmet waren.

Mit welchem wehmütigen Vergnügen sehe ich auf jene Morgenstunden zurück, wo ich ihm das Votivgemälde vorhalten konnte, das ich in der Ferne aus tausend heterogenen Farben für ihn zusammengesetzt hatte. Es war eine freundschaftliche Beschäftigung, eine augenblickliche Zerstreuung in der bänglichsten Zeit, die je über Berlin geschwebt hat – in der Krankheitsepoche unsers großen Monarchen. So saß ich denn auch, gerade vier Wochen vor seinem völligen Verlöschen, nach einem mäßigen Frühstück meinem Freunde gegenüber und langte von den letzten Heften meiner Reise, die hinter meinem Sitze auf einem Ecktischchen lagen, einen nach dem andern mir zu, wie ihn die Reihe traf. Meine Vorlesung war bis auf gegenwärtigen, und bis zu der Zeichnung vorgerückt, die ich kurz vorher meinem Zuhörer, der sich auf dergleichen Malereien besonders verstand, als ein Meisterstück angekündigt hatte; aber kaum waren ihm die ersten Grundlinien davon sichtbar geworden, so erhob sich ein Wirbelwind in dem größten Ungestüm von der Gasse, der Türen und Fenster aufriß, und indem ich eben nach diesem, noch übrigen Abschnitt meines, unserer heutigen Unterhaltung gewidmeten Vortrags greifen wollte, mir ihn unter den Händen wegnahm. Hätte ich nicht zum Glück den Überrest meiner Handschrift zu Hause gelassen, es wäre ihm nicht besser ergangen, und mir nichts übrig geblieben, als meine Butike zu schließen.

Kein spielendes Kind, dem sein papierner Drache entwischt, kann bestürzter ihm nachblicken, als ich meinen fliegenden Blättern. Ich sah sie über die Dächer hin, bald an diesen, bald an jenen Schornstein anprallen, sinken und steigen, und endlich ganz aus meinem Gesichtskreise verschwinden. Während meinem vergeblichen Hinstaunen in den leeren Raum hatte Eduard, tätiger und gefaßter als ich, alle dienstbaren Geister seines Hauses aufgeboten, den politischen Steckbriefen nachzueilen. »Ihr erzeigt allen ehrlichen Leuten den wichtigsten Dienst von der Welt, wenn ihr sie auffangt,« schrie er ihnen nach. Umsonst! Nach einer Stunde kamen die Abgeordneten atemlos, beschmutzt und mit leeren Händen zurück.

Der Wind – entschuldigten alle ihre mißlungene Hetze – wäre zu arg. Dem hätte er die Kappe, jenem den Atem genommen, und allen so viel Staub in den Augen gestreut, daß ihnen Hören und Sehen vergangen sei. Wir schickten sie demohnerachtet, sobald das tobende Wetter vorbei und die Luft rein war, zum zweitenmal aus, ließen überall in den Häusern der Gesandten, in den Trödelbuden, in den Kramläden und in dem königlichen Schlosse den verlornen Papieren nachstellen, aber mit gleich wenigem Erfolg, und ebenso vergebens habe ich in den zwanzig Jahren, die zwischen jenem Tage und dem heutigen liegen, auf den glücklichen Zufall gelauert, der sie mir zeitig genug wieder bringen sollte, um sie meinen guten Lesern noch mitteilen zu können. Welchem staubigen Winkel mögen sie zugeflogen sein? Ach, vielleicht doch verwahrt sie das Pult eines ehrlichen Finders, der sie wohl längst ihrem rechtmäßigen Eigentümer zugestellt hätte, wäre er ihm nur bekannt gewesen. Freilich käme jetzt jedes Einschiebsel zur Vollständigkeit meines armen Tagebuchs zu spät, das, wie ich meinen Lesern schon vertraut habe, mit der diesjährigen Ostermesse sein Ende erreicht.

Da indes diese merkwürdige Zeichnung auch an jedem andern Ort der Ausstellung immer noch wert bleibt, so kann ich um so viel mehr dies Original, das sich selbst mit Hülfe des Windes vogelfrei gemacht hat, allen Journalisten und Sammlern fliegender Blätter, wenn es ihnen vorkommen sollte, zu einem nicht gemeinen Lückenbüßer empfehlen. Die Zeit hat ja schon manches Dokument ans Licht gebracht, was man Jahrhunderte hindurch für verloren erklärte.

Irre ich nicht, so ist ja ein Brief des Cicero ad familiares durch den Pergamentband eines alten Kalenders und eine mangelhafte Stelle in dem Petron durch den Umschlag einer päpstlichen Bulle ergänzt worden, und kann ich mich denn nicht auf meine eigene Erfahrung berufen? Hätte sich der französische Hof wohl träumen lassen, daß die Briefe der Königin Anna an ihren Beichtvater irgendwo noch versteckt lägen, und nach Verlauf eines Säkulums einem Reisenden in die Hände geraten würden, der an sie am allerwenigsten dachte. – – – –

Wenn er nur wüßte, – – – fährt meine Handschrift fort; – – – aber indem fing die Schiffsuhr zu schlagen an. Der Kapitän verließ mich, um seine Befehle für die laufende Stunde auszugeben. Um keiner beschäftigten Hand im Wege zu stehen, setzte ich mich auf das Verdeck, machte mir einen Sitz von Tauen und Segeln zurecht und zog, um mir in Ermangelung besserer Gesellschaft die Zeit mit meiner eigenen zu vertreiben, den gangbaren Heft meines Tagebuchs aus der Tasche. In diesem Portefeuille deiner Erfahrungen, lächelte ich es an und schlug die Hand darauf, hast du nun schon eine ziemliche und mehr als hinlängliche Sammlung medizinischer und philosophischer, theologischer und artistischer Windbeutel niedergelegt. Zu ihrer Vollständigkeit fehlte dir nur noch ein politischer. Den hat dir nun unerwartet ein unparteiischer Mann in die Hände geliefert. So flüchtig auch seine Zeichnung sein mag, (ach, wäre sie nur nicht gar verflogen!), so sticht doch der Dünkel des Porträtierten mit zu vieler Wahrheit vor, um nicht ähnlich zu sein. Warum wolltest du sie nicht in deinem Bilderbuche aufnehmen, das, nach deinen eigenen Menschlichkeiten, nichts so deutlich zur Schau stellt, als die, allen Gauklern gemeine Physiognomie des Hochmuts, die, wie es scheint, meinem vornehmen Kapitän so widerlich ist, als meiner Wenigkeit. Die Nilratze kann unmöglich eine stärkere Antipathie gegen Krokodile haben, als ein natürliches, mit edlem Stolze begabtes Herz gegen aufgeblasne Menschen. Man kann doch gewiß nichts Geringeres sein, als ich jetzt bin, aber auch in mir schlägt ein solches Herz und ich vertauschte es nicht, selbst gegen den Zepter nicht eines königlichen Prahlers. Meinem Kapitän sah man es an der Stirne an, daß er seinem wichtigen Posten ebenso gewachsen war, als er ihm mit Bescheidenheit vorstand. Er wußte nicht nur zu befehlen, sondern auch zu lenken. Dafür aber genoß er auch Achtung und Zutrauen vom Höchsten bis zum Geringsten.

Sein Schutz gab mir Zuversicht, seine Herablassung erhielt mich in Demut, seine Freundschaft erhob mich. Er, ein Sprosse des edlen Geschlechts von Kosodawlew, das dem Staate schon manchen klugen Kopf und brauchbaren Diener gezogen, flößte mir eine so große Liebe zu seiner Nation, so tiefe Ehrfurcht für seine Monarchin ein, daß, hätte ich nicht gehörige Rücksicht auf mich genommen, mir auch wohl der Schwindel über meinen neuen unverdienten Titel hätte zu Kopf steigen können.

Als ich jenes Bild in meine Galerie aufgehängt hatte, blieb mir für heute nichts zu besorgen übrig, als Abschied von der großen Nation zu nehmen. Ich steckte mein Patent ein, setzte mich auf einen Fischerkahn, und stieg mit festem Mut ans Land. Eine der schönsten Städte Frankreichs breitete sich nun vor meinen Blicken aus, ich gab aber weniger auf ihre Häuser und Plätze, als mit heimlichem Lächeln auf die Huldigung acht, die alle Vorübergehenden meiner Uniform erzeigten. In meinem Leben ist der Hut nicht so oft vor mir gezogen worden. Die allgemeine Verbeugung vor der großen Frau, der ich zu dienen den Anschein hatte, machte mir es begreiflich, wie manche ihrer wirklichen Diener, wenn sie andere Höfe und Länder besuchen, auf Stelzen einhertreten, und ich möchte sie beinahe entschuldigen, wenn es mir möglich wäre, der Schwachheit des Stolzes das Wort zu reden, oder sein Vordrängen auf meinen geraden einfachen Lebensgang mit Gleichmut zu ertragen.

Ich gehöre, wie sich das so ziemlich aus meinem lachenden Hinstaunen in die Welt ergibt, gewiß nicht zu der Klasse der Friedensstörer; wer mich aber aus Ursache seines Eigendünkels beleidigt, jede andere kann ich eher vergeben, mir, um mich zu hänseln, Wasser in meinen Wein mischt, darf sich nicht wundern, wenn ich, ohne lange daran zu schlucken, den unreinen Trank ihm in das Fratzengesicht sprudele. Nicht etwan erst als russischer Titular-Schiffsleutnant, sondern schon längst habe ich in meinen häuslichen, politischen und literarischen Verhältnissen das System angenommen, das meine anscheinende Gebieterin zur Sicherung der ihrigen erfunden hat, das System der bewaffneten Neutralität. Es ist von allen, die ich kenne, gewiß das beste. Wir sind beide, wenn ich meine Kleinheit neben ihre Größe setzen darf, zu gutmütig, um nicht jedem seine Sturmhaube, oder seine Schellenkappe zu gönnen, so lange er seinen eigenen Spaß damit treibt; aber niemand in der großen Welt darf seine Lanze gegen sie, und in der kleinen seine Peitsche gegen mich aufheben, wenn ihm seine Haut lieb ist.

Du siehst, Eduard, daß ich in dieser Rücksicht meinem Offiziershute so viel Ehre mache als sie ihrer Krone.

Während ich mich aus einer Gasse in die andre drehte, als wenn ich sie der Länge und Breite nach ausschreiten wollte, die Weinhändler, die hier jeden Fremden schon von weitem als einen Einkäufer anlächeln, durch mein Gesicht voll Würde in ihre Kellerstuben zurückschreckte, und den Polizeidienern, ohne daß sie es ahndeten, in Gedanken Trotz bot, besorgte Bastian meine letzten Geschäfte mit vieler Einsicht.

Er kaufte für mein Bedürfnis, wie er glaubte, Lord Ansons Reise um die Welt, und ein paar englische Halbstiefeln, und verhandelte meine gepriesene Berline, als unnötig zur See, an den Mietkutscher des preußischen Konsuls, unter der Bedingung, meine Habseligkeiten noch umsonst bis an das Ufer zu fahren. Er selbst ging mit meinem Puderbeutel in der Hand voran, den ich seiner besondern Sorgfalt um deswillen empfohlen hatte, weil er, wie ich dir wohl jetzt vertrauen kann, einen Schatz für mich, die Schnittlinge nämlich meines in der Übereilung der Furcht kastrierten Tagebuchs enthält. Sonach verlasse ich nicht nur um vieles leichter, als ich gekommen bin, sondern auch ungleich einiger mit mir selbst, ein Land, von dem, genau besehen, ich nichts mitnehmen möchte, als das Sonnental und Agathen. – Die Dämmerung erinnerte mich zur rechten Zeit an den Vergang meines militärischen Urlaubs. Ich schüttelte, wie ein Apostel, mir den Staub von den Schuhen, wendete beim Eingang des Hafens noch einmal mein zufriedenes freies Gesicht nach der größten der unzähligen Trompeten dieses, in allen Dingen hochtrabenden Reichs, nach der Festung der Stadt, als nach dem letzten Grenz- und Markstein, den ich nicht sowohl zwischen mir und dem prahlerischen Gallien, als vielmehr in stiller Hinsicht auf mein künftiges Leben, zwischen dem französischen Leichtsinn und dem deutschen Ernst setzte. Ach, welche reuige Empfindungen, gutmütige Gefühle und meines Vaterlands würdige Vorsätze bewegten mein Herz, indem ich über die auf dem kräuselnden Strom gebrochenen Strahlen des Abendsterns, den ich reiner und freundlicher nirgends erblickt habe, zurück nach meiner Garnison fuhr.

Es war mir, wie einem, der seiner Besinnung lange beraubt, ihrer nun seit kurzem mächtig geworden, und mit freudigem Zittern, in der Hoffnung, nie wieder zu kommen, dem Tollhause entschleicht.

Das erste Wort meines Befehlshabers, als ich in seine Kajüte trat, wo er so tiefsinnig über einer Seekarte schwebte, als ein Denker über einem moralischen Werke, war ein Lob auf den herrlichen Wind. Als Schiffs-Leutnant, glaubte ich, müßte ich ehrenhalber mit einstimmen; es schien aber, der gute Mann erriet mich. Er zeigte mir auf der Karte den Weg nach Petersburg und sprach so gleichgültig davon wie von einer Spazierfahrt, tröstete mich freilich dadurch über meinen Katzensprung nach Holland, aber nur halb, denn es lief mir schon beim Anblick des leergelassenen Papiers der Meeresfläche, das doch gewiß mehr Unfälle bedeckt, als alle angrenzenden Länder, die mir grün und gelb vor den Augen flimmerten, ein kalter Schauer über den Leib. Ich berechnete die entsetzliche Tiefe und daß ich nur waten, aber nicht schwimmen könne. Das große kaiserliche Schiff verkleinerte sich in meinem Gehirne zu einer zerbrechlichen Schachtel, die mich, als wenn es in meinem täglichen Bette viel anders wäre, nur im Schweben zwischen Zeit und Ewigkeit hielte. Denke nur: mitten in diesen ernsten Gedanken fällt mir noch, zu meinem Unglück, der gräßliche Sturm ein, den der ansbachische Theodor in seinem wirbligen Kopf erregt hat. Ein schlechtes, lächerliches Vorbild, ich weiß es, das sich aber dennoch meine Phantasie nicht wehren läßt, so täuschend auszumalen, als es nur ein Stück von Vernet sein kann. Wenn das Schiff stranden sollte – ach, ich fände kein Brett, worauf ich mich, oder meinen Namen retten könnte; denn auf Votivtafeln, den Schutz der Heiligen und auf die Gebete der Mönche darf ich, wie es wohl andere tun, am wenigsten rechnen. Ich habe es nicht um sie verdient. Hat mich nicht schon das bloße Bild des einen zu Cotignac in die Toulouser Händel und in das Wagstück verwickelt, dem ich mich jetzt preisgebe? Mein Gott! wie ich zittere und schwatze; aber setze dich nur, lieber Freund, einen Augenblick an meine Stelle. Ich weiß ja nicht, wie ich mich anders über den ungewohnten Lärm betäuben soll, der auf dem Schiff herrscht. Welcher Unterschied zwischen meinem heutigen Abend und jenem Mittag auf der Fregatte des Voltaire.

Dort hörte ich nur Witz sprudeln und lachte über das denkende Wesen an meiner Seite. Hier hingegen gellen mir die Ohren von nie gehörten Kommando-Wörtern, von Matrosen-Flüchen, Hämmern, Klirren und Poltern, bald über, bald unter mir. Was das alles für Anstalten sind, um bis zu einer holländischen Treckschüte zu gelangen! So muß der arme Mensch überall dulden, harren und mit Unruhen kämpfen, ehe er ein häusliches, langweiliges Glück erreicht.

Sähe ich nur schon die großen Augen meines Jerom, wenn ich ihn in meinem Seekostüm überfalle. Was wird er denken, ehe er erfährt, daß nichts Solides dahinter steckt! Es sind noch nicht fünf Monate, seit er auf dem Münster zu Straßburg meinen Glauben an den tierischen Magnetismus so spöttisch behandelte. Ach, wie viel unglaublichere Charletanerien habe ich nicht in der kurzen Zwischenzeit erfahren! Ich höre im Geiste sein Gelächter, wenn ich sie ihm erzählen werde. Erzählen? Ich ihm? Oh, ich armer, geplünderter, halbverbrannter, halbverschnittener Autor! Woher sollte mir der Stoff – und was meiner Vergeßlichkeit zu Hülfe kommen? Der kleine Rest meines Tagebuchs? die Haarwickel in meinem Puderbeutel? Ist es wohl der Mühe wert, daß sie sich über dem Wasser halten? Ach, mag sie doch meinetwegen der Rachen eines Wallfisches verschlingen, wie den ehrlichen Jonas. Ich verlange nicht einmal, daß er sie wieder ausspeie, sobald sie mich nur nicht nachziehen. Doch eben höre ich den Kapitän befehlen, daß die Mannschaft sich schlafen lege, die nicht angestellt ist.

Das gilt auch mir. Ich gehorche.

*

Am Bord des Schiffs     
Katharina die Zweite, den 8. März

Mein erster Versuch in der Hängematte ist glücklicher abgelaufen, als ich glaubte. Geist und Körper fühlen sich gesund, und mit meinem Wohlbehagen ist auch mein Mut gestiegen.

Der Wind, ich würde ihm zwar nicht trauen, aber mein Kapitän sagt, und das ist mir genug, er wäre so gut als ein Seemann ihn wünschen könne. Schon werden die Segel gespannt, die Anker gehoben und das Steuer-Ruder von der erfahrnen Hand eines Seehelden gefaßt, dessen edle bescheidne Miene schon Ehrfurcht und Vertrauen einflößt, der das Leben und Glück der Menschen zu schätzen weiß, die seiner Leitung überlassen sind, seinem wichtigen Beruf ohne Großsprecherei als ein ehrlicher Mann vorsteht, manchen Sturm mit Festigkeit und Klugheit bekämpft hat, ohne ihn in Journalen zu beschreiben, oder mit so grellen Farben zu schildern, wie der Ansbachische Schmierer hinter seinem Dachfenster das berühmte Revolutions-Gemälde, das zwei Ellen und einen Daumen groß, aber schlecht erfunden und keinen Heller wert war. Oh, welch ganz anderes Kolorit hat die Wahrheit, und wie glücklich ist ein Passagier, der, wie ich, einen scharfsichtigen Kapitän am Kompaß, einen erfahrnen Steuermann am Ruder weiß. Sei es ein Kriegs- oder Kauffahrteischiff, sie bringen es gewiß glücklich in den Hafen. In solchen hoffnungsvollen Gedanken ruhte mein Blick auf dem ehrlichen Gesichte des alten Schiffers, der sie mir eingab, als Kosodawlew bei uns vorbei in seine Kajüte eilte, um das Signal zur Abfahrt zu geben. Er nahm mich bei der Hand mit sich. »Munter, munter, Herr Leutnant.« sagte er scherzend. »Mein dirigirender Minister dort nimmt es mit allen Winden der Erde, und meine große Kaiserin mit allen Schutzheiligen in der Legende auf.« Und ich, während er veranstaltet, daß man ihre Flagge aufstecke, sitze andächtig an meinem schwankenden Schreibpultchen und bete es ihm nach:

Vom Boristhen bis zur Garonne,
Vom Wolgastrom bis an den Belt
Durchschwebt ihr Name wie die Sonne
Wohltuend jeden Teil der Welt,
Und angelacht von Ihrem guten
Gestirn, ruft mir mein Vaterland:
Verlaß ein Reich, das Rauch und Tand,
Um Gott zu blenden – Wünschelruten
Zum Richtscheid der Gesetz' erfand,
Das einen Greis dem Grab' entwand,
Um auf dem Rade zu verbluten.
Schon hebt Aurorens Rosenband
Mein freies Schiff, schon fliegt der Strand,
Wie Cäsar stürz' ich in die Fluten
    Mein liebes Tagbuch in der Hand.

*

Leyden

Den 25. März

Oh, wie hat die große Frau meinen Glauben an ihr glückliches Gestirn und Kosodawlew mein Vertrauen zu ihm und seiner Kenntnis gerechtfertigt, die noch weit über Kompaß und Seekarte hinausreicht! War es doch, als ob Wind und Wetter ihm so gehorsam als die Matrosen, und die Wellen des Meeres nur Stahlfedern wären, die auf weichen Polstern uns hüben und forttrügen. In welcher Glorie ist mir die Natur erschienen, und wie freuten sich meine Augen an jedem wiederkommenden Morgen, daß sie noch nicht, verloren für die Anbetung Gottes, in des Grabes Moder versunken waren! Ich glaubte in jenem Blumental, das Agathen umschließt, den Sonnenkörper in seiner größten ätherischen Pracht besungen zu haben, ach, ungleich poetischer sah ich ihn in der feierlichen Geburtsstunde des Tages über den Horizont hervorwallen, und mein Erstaunen verstummte. Wer den Mond und die Sterne nur über dem Dunstkreise des Erdballs funkeln sah, denke ja nicht, daß er ihren wahren Glanz kenne, und niemand behaupte, sein eigenes Herz zu verstehen, der seinen Freund oder seine Geliebte noch nicht zwischen Wasser und Himmel umarmt hat. Breitete sich das eine immer so sanft und geschmeidig unter uns, der andere über unsere Häupter ebenso wolkenlos aus, als auf dieser meiner ersten Seereise, ich wüßte wohl, welchem Elemente ich mein irdisches Glück anvertrauen würde, denn nirgends fühlt man das kostbare Geschenk des Lebens dankbarer und inniger, als auf diesen schwimmenden Brettern, und nirgends reicht uns der Tod näher, schmerzloser und gaukelnder die Hand, als bei der Punschschale, die unsere Abende begeistert und von der wir nicht eher, als mit dem letzten Tropfen, in süßer Betäubung nach unserer Hangmatte taumeln, ohne darauf zu achten, wie sehr sie einem Leichentuche ähnlich sieht. Wer möchte nicht lieber in dem freien Weltmeere begraben sein, als in einem verschlossenen Sarge unter einer drückenden Erde, – dem Spielplatz aller bösen Neigungen, künstlicher Bedürfnisse und Laster. Wie verächtlich erscheint einem Beschiffer des Ozeans die übrige Welt mit ihren Eitelkeiten und Freuden.

Der glücklichste Monarch kann nicht zufriedener von seinem glänzenden Throne gen Himmel blicken, als ein Seemann von dem Verdecke seines Schiffs. Die stärkende Seeluft, die physische Abgezogenheit von dem Beginnen der Menschen, entwickelt die schönste moralische in seiner Seele. Großherzig und neidlos belächelt er in seiner philosophischen Kajüte das Wettrennen des Hochmuts nach Rang, Ehrentiteln und nach den Gängelbändern widersinniger Orden, und ärgert sich über gelehrte Flugschriften, lügenhafte Zeitungen und das summende Geschmeiß, das seine faulen Eier hineinlegt, nicht eher, als bis er gelandet hat.

Dann erst, in der Nähe geistiger und leiblicher Apotheken, von einem Sprach- oder Spielzimmer, von einem Tanz- oder Spiegelsaal in den andern getrieben, und verfolgt von dem Zungengeräusch der guten Gesellschaft, verläßt ihn sein glücklicher Gleichmut. Er sehnt sich ermattet zurück in seine schwebende Klause, und will lieber um verdiente heitere Tage und vorwurfsfreie sternhelle Nächte mit Sturm und wilden Fluten kämpfen, als mit den schmeichelnden Zephiren und den glatten Herzensergießungen der großen Welt um die Zerrbilder ihrer erdichteten Empfindungen, mit denen sie gegen die verwahrlosten Naturkinder, die ohne Anspruch auf Glanz edel nur denken und handeln, so gern groß tut. Ich schwöre dir bei allen Winden, die uns von dem Hafen zu Bordeaux aus bis an die holländische Küste trieben, daß während meinem Hinüberschweben mir nicht eine unmutige Stunde, kein trüber Augenblick in den Flug kam, außer da ich mit Anbruch des letzten Morgens meines Volontair-Dienstes, von dem Hurra des Schiffsvolks geweckt, ein Land aus dem Nebel hervorleuchten sah, das ich beim Schlafengehen noch hundert Meilen entfernt glaubte, und da bald nachher ich, indes mein Koffer, Tagebuch und Puderbeutel in ein kleineres Fahrzeug geladen ward, das wie ein Sarg auf mein Hineinsteigen wartete, tränend an der Brust meines guten Kapitäns, vor Schmerz kaum ein abgebrochnes Lebewohl stammeln konnte. Ich atmete noch schwer, als ich schon am Ufer stand, wußte vor Betäubung nicht, wie viel oder wie wenig ich den beiden Matrosen, die mich herüber gerudert hatten, als Beitrag zur allgemeinen Trinkkasse aus meiner Geldbörse in den Hut warf, und winkte mit dem meinen so lange noch dem lieben Schiffspatron zu, bis mich ein anderer Führer sehr verschiedenen Ansehens in einen räderlosen Wagen nötigte, und wie einen armen Sünder zum Richtplatz, von Scheveningen nach Haag und von da mit einem untergelegten Pferde nach der Leydener Treckschüte hinschleifte . . .

*

Den 28. März

Zwei Tage habe ich nun schon in der süßesten Träumerei an der Seite meines geliebten Jerom verlauscht. Ein Glück für dich, daß sie zu reichhaltig an unbeschreibbar schönen Empfindungen des Wiedersehens waren, als daß ich mich nur einen Augenblick nach meinem schwatzhaften Tagebuche hätte umsehen mögen. Heute verschafft mir bloß die Bleikolik eines Mäklers einige Muße, mit dem entfernten Freunde so lange zu plaudern, bis der nähere mich vom Schreibtisch abruft.

Wenn ich mich kurz fasse, kann ich dir viel erzählen. Der gute friedsame Holländer! Er konnte mich durchaus nicht länger in meiner militärischen Maske ausstehen, sobald das erste Schrecken vorbei war. Ich nahm so geschwind als ein Chamäleon die Lieblingsfarbe des Landes durch einen schwarzen Rock an, den ich nach Ablegung meines unschuldigen Ehrenkleides anzog.

Jetzt erst stand ich mit dem philosophischen Arzte wieder auf dem sonnigen vertraulichen Fuß. Er nahm mich nun schon etwas herkömmlicher und beinahe neugieriger, als ein Pater seine Beichttochter, in Untersuchung. So willig ich auch zu dem aufrichtigsten Bekenntnisse war, so wollte es doch nicht recht damit fort.

Ich stockte alle Minuten und warf das hinterste zu vorderst. Man ist nun einmal mündlich nicht nur weniger bestimmt, als schriftlich, sondern auch viel scheuer in seinem Vortrag; und da der Teil meinem Reise bis Marseille dort verbrannt und mein Gedächtnis viel zu ohnmächtig war, den Staub jener Ereignisse aufs neue zu beleben, so mußten besonders die zu Avignon notwendig an Klarheit verlieren; dennoch schüttelte mein Zuhörer mehr als einmal den Kopf zu meiner Erzählung. Als ich mir endlich, so gut es gehen wollte, bis zu meiner gefährlichen Krankheit fortgeholfen hatte, und nun aufstand, um die nachher niedergeschriebenen und ziemlich gut erhaltenen Protokolle meines weiteren Verhaltens beizuholen, glaubte er, daß nun die Reihe an ihm sei zu sprechen. »Bleiben wir für heute, lieber Wil'm, bei deinem Krankenlager stehen, was du, wie ich nun selbst von dir gehört habe, durch mutwillige Bestürmung der Natur, um den Ausdruck zu mäßigen, nur zu wohl verdient hast.« »Wie, Jerom?« fiel ich ihm in die Rede, »du nennst meine Lebensversuche Bestürmung der Natur, um nicht etwas Ärgeres zu sagen? Warst du es denn nicht, der mir zuerst eine leichtsinnigere Behandlung des moralischen Menschen gegen den Hypochonder empfahl, als er mich von meiner Berliner Studierstube aus schon eine ganze Strecke über den Rhein gejagt hatte? Waren es nicht Scherz und Liebe, die du mir in dem Gasthofe zu Straßburg als die besten Hülfsmittel gegen meinen drückenden Ernst vorschriebst?« »Großer Gott!« schlug er seine Augen in die Höhe, »wir armen, so oft mißverstandenen Ärzte! Verordnen wir einem Schlaflosen zwei Tropfen Opium, so nimmt er den folgenden Abend das Doppelte, freut sich des angenehmen Traums, in den er verfällt, leert zuletzt das ganze Glas und taumelt in die ewige Nacht!«

»Hätte nicht schon Sabathier, von dem ich den traurigen Ausgang deiner Lebensweise nur zu umständlich erfahren habe, dir das Verständnis über die unglaublichen Mißdeutungen eröffnet, mit denen du meinen gutgemeinten Rat verunstaltet hast, du würdest jetzt eine viel derbere Lektion von mir bekommen. Der liebe Mann, der dir in der höchsten Not zu Hülfe kam, überbrachte mir, auf seiner Hinreise nach Edinburg, deinen kurzen Empfehlungsbrief, der für ihn ganz unnötig war, und verweilte einige Tage bei mir. Da ward denn deiner und deiner Vergehungen gegen körperliche und geistige Diät mit aller der Mißbilligung gedacht, die sie verdienen. Ich will wünschen, daß die gemachten Erfahrungen dich vor künftigen Rückfällen besser schützen mögen, als das Packt Rezepte, das er mir für dich zurückließ. Ich dächte, ein größeres könnte ich nicht in Jahr und Tag in unserm Hospital zusammenschnüren. Ich habe es deinem Kammerdiener zugestellt, um es zu deinen übrigen Kostbarkeiten zu packen, denn hier bin ich dir Arztes genug. Daß Sabathier dir, nach seiner Entfernung, nicht mehr zur Seite sein konnte, machte mich anfangs sehr um dich besorgt; denn, hatte ich nicht alle Ursache zu fürchten, daß deine Wiederkehr in die gesunden Tage so keck und ungestüm sein würde, als es bei schlaffen Seelen nur zu gewöhnlich und von den schrecklichsten Folgen ist? Zu meiner Beruhigung aber hörte ich, er habe deine Unbedachtsamkeit in die strenge Aufsicht eines andern rechtschaffenen Freundes gegeben, der« – – – »Ach, damit«, unterbrach ich ihn, »hat er den edlen St. Sauveur gemeint. Ja, teurer Jerom, diesen Mann kann ich zum Glück dir in seiner ganzen Vortrefflichkeit aus dem Überreste meines Tagebuchs kennen lernen, ohne daß ich die Schnittlinge in meinem Puderbeutel dazu ziehe, denn diese betreffen bloß die Genealogie Ludwigs des Vierzehnten.« »Was in aller Welt willst du damit sagen?« fragte er. »Hast du denn bei deiner Unordnung ein Tagebuch gehalten? und welche Gemeinschaft hat es mit deinem Puderbeutel?« Aber kaum erteilte ich ihm notdürftige Erläuterung über die beiden unterstrichenen Worte, so drang er in mich, die abgerissenen Glieder zur Ergänzung meines Skelets aus ihrer jetzt unnötig gewordenen Verborgenheit zu ziehen, schlug alle meine Einwendungen nieder und lief in die Nebenstube. »So höre doch nur, ungeduldiger Mensch.« rief ich ihm nach; er aber ebenso geschwind nach Bastian, der auf seine Anweisung bald darauf mit meinem Portefeuille zu mir hereintrat und den diplomatischen Puderbeutel neben mir auf den Schreibtisch setzte. Was blieb mir übrig, als meinem Wirt zu gehorchen, ob es schon keine leichte Aufgabe ist, eine so zerrüttete Biographie wieder in einen klugen Zusammenhang zu bringen. Das erste Blatt ward mir blutsauer, ehe es, in Ordnung geschoben, zum Abschreiben vor mir lag. Ich mußte den Atem an mich halten, um die oft winzigen Zerstückelungen der Toulouser Schere nicht auch noch auf dem Stubenboden auflesen zu müssen, oder eine aus ihrer Lage zu verrücken; dafür bin ich aber nun sicher, daß ich der Königin Anna nicht um einen Buchstaben Unrecht getan habe.

Je mehr sich die Anzahl der kleinen Bruchstückchen in dem Puder verminderten, je geschwinder ging es mir von der Hand. Ich kam nach Maßgabe der Schwierigkeit mit meiner musiven Arbeit immer noch bald genug zustande, wenn du überlegen willst, daß ich oft ein Blatt, das du jetzt in einer Viertelsekunde umwendest, stückweise vielleicht zweihundertmal umwenden mußte, um auf die andere Seite zu kommen. Oh, wie würde unsern Autoren das Schreiben verleidet werden, wenn sie sich, oder andere, so abschreiben müßten. Meine große Geduld muß mir bei jedermann zur Ehre gereichen, der das Handwerk versteht.

Der holprige Weg lag nun glatt und eben wieder vor mir, und freudig pochte ich an Jeroms Türe. Zu hastig im Hereintreten, flogen ihm alle die aufgehäuften Originalschnittchen meiner Handschrift wie Mücken und Sommervögel um den Kopf und schüttelten ihren weißen Staub ab.

Er blies sich einen Weg durch die Wolke, trat aus ihr heraus, wie ein Apoll, setzte sich mir gegenüber und hörte nun der Vorlesung meiner mannigfaltigen Abenteuer mit gutmütiger Aufmerksamkeit zu. In meiner Krankheitsgeschichte, die ich, wie du weißt, nach Bastians Anzeige niederschrieb, kam ihm nichts so merkwürdig vor und beschäftigte sein Nachdenken mehr, als der stärkende ruhige Schlaf nach dem Delirio, in welchem ich die Hälfte meines Tagebuchs zerriß und zum Kaminfeuer beförderte. »Du nahmst,« sagte er, »ohne dir es deutlich bewußt zu sein, Gerechtigkeit an dir selbst, und die nachfolgende wohltätige Krise läßt sich ganz wohl erklären.« Über den Wahrsagergeist des heiligen Fiacres, neun Monate vor der Entbindung der Königin Anna, spottete er wie ein medizinischer Freigeist, lachte aus vollem Herzen über mein Verhör zu Toulouse, sowie über die Furcht, die mich auf die See trieb, und fing nun selbst an zu bedauern, daß die erste Abteilung meiner Reise in der Asche lag.

Oh! es wird allen Lesern der zweiten so gehen, dachte ich.

*

Den 26. März

Sei aufmerksam, Eduard, ich bitte dich. Als ich gestern abends mit dem heisern Hals eines Fastnachtspredigers in mein Zimmer trat, fiel mir das mächtig große Paket in die Augen, das Sabathier für mich bei Jerom niedergelegt hatte. Nun, Gott erbarme sich deiner! stemmte ich beide Arme in die Seite, wenn der gute Mann dir so viele Krankheiten zuteilt, als dieser Haufen Rezepte voraussetzt. Mein Körper, das gebe ich zu, bedarf freilich mancherlei Nachhülfe, aber Jerom hat recht mit dem Hospital.

Nein, das sind sicher, besann ich mich, die zwei Quartanten mit Kupfertafeln, die der gelehrte Arzt vor kurzem über die Anatomie herausgegeben, und sollen wahrscheinlich ein Geschenk für deine Bibliothek sein. Sehr artig von ihm! Nur ist das keine Lektüre im Bette. Die Ansicht eines Menschengewebes befördert unter keinerlei Umständen den Schlaf, und vollends zergliedert, verursacht es mir allemal Krampf. Bleibt mir vom Leibe, sagte ich, indem mich ein Schauer überlief, stieg schnell zu Bette und weiß nun meiner Vorsicht nicht genug zu danken. Denn, als ich heute früh, beim Hin- und Wiedergehen am Teetisch, den Bündel nicht länger so vor mir sehen konnte, ohne zu wissen, was er unter seinem Siegel verbarg, hätte mir wohl kein anatomischeres Werk in die Hände fallen und keins mich mehr erschüttern können, als das ich eben auspackte.

Die fabelhafte Wiedergeburt des Vogel Phönix versinnlichte sich hier vor meinen Augen. Freudiger könnte er wohl nicht aus seiner Asche aufflattern, als das klopfende Herz in meiner Brust. – Erstaunter könnte er schwerlich sein neu entwickeltes Gefieder lüften, als ich einen Heft nach dem andern meines, bis jetzt zerrissen und verbrannt geglaubten Tagebuchs an das Licht hob. Ich zählte diese bunten Federn meiner Flügel durch, es fehlte nicht eine, und mein Aufschwung zur Unsterblichkeit war nun nicht mehr zweifelhaft. Lange blieb ich, stumm wie eine Bildsäule, vor ihnen stehen, ehe ich zur Besinnung kam, mich nach dem mächtigen Schutzgeist umzuschauen, dem ich ihre wunderbare Erhaltung zu verdanken hätte.

Welcher könnte es wohl anders sein, als der Retter meines Lebens, der verständige Sabathier. Er versteckte dem Wickelkinde das spitzige Spielwerk, um es ihm, wenn es größer und klüger sein würde, väterlich lächelnd zurückzugeben. Unter diesen Gedanken öffnete ich seinen Brief, aber wie heftig war auch nun der Gegenstoß, den meine Erwartung erhielt, als ich folgendes las: »Lernen Sie endlich, an der Grenze Ihrer Gesundheitsreise, den barmherzigen Bruder kennen, der mich mit sechs Pferden von Montpellier abholen ließ, als Sie zu Marseille mit dem Tode rangen, mich mit rührender Beredsamkeit beschwor, Ihnen beizustehen, und mir das zufällige Glück Ihrer Herstellung fürstlich belohnte. Er war es, der Ihre Handschrift der Vernichtung entriß, indem er statt derselben Ihnen aus einer alten Postille, die nach einem gewöhnlichen Schicksal, das Sie vielleicht nie treffen wird, zu Makulatur geworden, in der Nähe lag, die Anzahl Bogen zureichte, die Sie in der Fieberhitze verlangten. Sie zerschlitzten mit sichtbarem Wohlgefallen einen nach dem andern, und bezeigten, da sie im Kamin aufloderten, so viel Freude, als bei einer guten Handlung. Diese glückliche Täuschung hat nicht nur Ihr Tagebuch, sondern auch ebenso gewiß den Erkrankten gerettet, der es schrieb. Sie kühlte sein Blut, beruhigte seine aufgeschreckte Phantasie und verschaffte ihm jenen erquickenden Schlaf, den alle meine Opiate nicht bewirken konnten, und der die Heftigkeit seines Fiebers brach. In der Anlage wird er sich Ihnen selbst, und zwar nicht bloß als den seltensten Menschenfreund, sondern als den strengsten Beurteiler Ihrer Selbstbekenntnisse zu erkennen geben. Er las sie mit Tränen hinter dem Vorhang Ihres Bettes, indem er bei jeder, vergeben Sie mir den Ausdruck, leichtsinnigen Äußerung mitleidige Blicke auf Ihr Krankenlager warf, und Ihre verlaufenen und verschleuderten Tage mit den gegenwärtigen trostlosen Stunden verglich, die, wie wir uns beide nicht verhehlen konnten, von jenen nur zu gewiß abstammten.« Dieser Vorbericht benahm mir beinahe die Lust, mit dem barmherzigen Bruder, auf dessen geweihtes Haupt ich übrigens allen Segen vom Himmel erbitte, in nähere Bekanntschaft zu treten. Wie es scheint, hat er meinen vorliegenden Text nur deswegen aus dem Feuer gerettet, um eine Strafpredigt darüber zu spannen, die vermutlich an Erbaulichkeit die alte Postille übertreffen sollte, die er mir zum Zerreißen preisgab; denn welcher geistliche Redner traut sich nicht mehr Beredsamkeit und Salbung zu, als seinem Konfrater. Ich kratzte mich lange hinter den Ohren, ehe ich mich entschließen konnte, sie meinem frömmelnden Tadler zu öffnen; aber kaum, daß ich seinen dickleibigen Brief entsiegelt und den ersten Blick auf die Unterschrift geworfen hatte, so fiel er mir auch vor Herzklopfen aus der Hand. Oh diese letzte, schrie ich laut auf, ist auch deine schönste Überraschung, mein, mehr als alle barmherzigen Brüder, mein teuerster St. Sauveur. Nur mit zitternden Händen konnte ich den Brief wieder aufheben, küßte und legte ihn mehrmal in seine alten Brüche, ehe ich ihn auseinander schlug und mich andächtig genug gestimmt fühlte, ihn zu lesen.

Welche Bewunderung hat er mir nicht seitdem schon abgenötigt, in welches Entzücken mich versetzt und wieviel süße Tränen der Dankbarkeit meinen Augen entlockt. Ich schreibe dir ihn nicht ab, lieber Eduard, nicht bloß deshalb, weil er für die Kürze der mir zugemessenen Zeit zu lang, sondern auch, weil dies Meisterstück an Schönheit des Vortrags, wahrer und doch schonender Freundschaft, mein armes Tagebuch gar zu sehr in Schatten stellen würde.

Wenn wir nach unserer frohen Zusammenkunft uns erst einige Abende hindurch an diesem matt gelesen – der leidenschaftlichen Sophistereien – der bösen Beispiele und der schlüpfrigen Bilder, die es hier und da enthält, genug haben und unsere Herzen welk fühlen; dann wollen wir uns der Ergießungen dieser reinen Quelle, dieser edeln, großen und fühlenden Seele, als eines stärkenden Labetrunks nach vielen erschlaffenden schwülen Tagen, mit desto innigerer Wollust freuen und ohne den Schreiber, der jene nur allzutreuen Gemälde einer unsittlichen Welt abstahl, in die Hölle zu verdammen, dem frohen, festen Sinn seines gutmütigen Tadlers für Tugend und Menschenwürde, vorzüglich aber den geheimen verschlungenen Wegen nachspüren, die ihn zu dem Gipfel, von dem er nun auf uns herabsieht, erhoben und die wir, trotz unserer Scharfsichtigkeit, lieber Eduard, beide noch nicht entdeckt haben. Oh, warum kann ich ihm nicht in diesem Augenblick für den hohen Genuß seiner sanften Belehrung dankend zu Füßen fallen! Wie, um Gottes willen, ging es zu, daß ich nicht schon aus der zarten Behandlung meiner bis zum Zerbrechen gesunkenen Maschine, den Freund erriet, der allein Menschenkenntnis genug besaß, sie wieder in ihre physischen und moralischen Fugen zu zwingen. Mußte mir erst sein Brief den Retter meines Tagebuchs kennen lernen?

Wen, außer ihm, hätte ein so feiner Takt leiten können, die Nachwehen eines sich selbst vernichtenden Autors zu fassen, das Unglück, das er seinen Geisteskindern drohte, abzuwenden und seine lebenslängliche Trauer über aufgeopferten Nachruhm in ein wahres Auferstehungsfest zu verwandeln? Wie konnte ich zu Marseille, und auch hier noch, fuhr ich immer staunender zu fragen fort, einem unbekannten Mönche jene Ehrfurcht für einen Weltmann, die brüderliche Sorgfalt an meinem Krankenbette, die uneigennützige Verzichtleistung auf Kostenersatz, Belohnung und Dank, wie konnte ich ihm einen Augenblick zutrauen, daß er an einen sterbenden Ketzer wichtigere Geschenke wagen würde, als einen geruchlosen Rosenkranz und die letzte Ölung.

Wie ging es zu, – schlug ich mich zuletzt noch vor die Stirne, daß keiner meiner Wächter und Wärter mir das Geheimnis verriet? Bastian half mir aus dem Traum. »Wir,« sagte er, »so viel wir unser waren, sahen diesen Abgesandten des Himmels nur schwarz gekleidet vor Ihrem Bette und nach seiner Verschwindung kein einzigmal wieder.« Jetzt begriff ich, warum der Schlaue, aller französischen Höflichkeit entgegen, mich nie mit einem Gegenbesuche beehrte, – nie zu einer gemeinschaftlichen Spazierfahrt abholte, und so fremd mit meiner Haushaltung tat, als habe er in seinem Leben kein Wort von dem alten Maler Sperling und den beiden Puppenspielern gehört, ob ihm schon ersterer eine fast verlorne Erbschaft und die andern ihre Befreiung von Tortur und Galgen zu verdanken hatten.

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