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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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Montpellier ist bei allen seinen unleugbaren Vorzügen doch eine sonderbar ängstliche Stadt, lieber Eduard. – Gassen, die so schmal sind, daß die Inwohner der gegenüberstehenden hohen Häuser einander die Hände reichen können, und ein Liebhaber, der so gute Gelegenheit hat, seiner Schönen den Tag über in die Fenster zu sehen, nichts weiter als ein Brett braucht, um des Abends einzusteigen. Wenn die Hitze zunimmt, spannt man, aus Furcht vor dem Sonnenstich, Tücher über sie her. Dann sieht jede ohnehin wie ein Himmelbette aus, und kann füglich dazu benutzt werden. Die Schilder der Wirtshäuser sind alle aus der Botanik genommen. – Da hört man von keinem römischen Kaiser oder Kurfürsten, wie in Frankfurt und andern deutschen Städten, sondern nur Namen aus dem Linnée. Ich fragte nach dem besten. Mein Lohnlakai nannte mir die Rhabarber-Pflanze und die Chinawurzel. – Ich wählte das letztere und hätte es nicht besser treffen können; denn an der Haustüre lehnte ein Bedienter, dessen mir nur allzubekannte Livree mich sogleich verständigte, daß er dem Herrn angehöre, den ich suchte. Er bestätigte es und war so flink in seinem Dienste, daß er dem Baron die Ankunft der Schreibtafel schon gemeldet hatte, als ich noch auf der Treppe war. Kaum hatte ich meinen Staubmantel abgeworfen, so trat dieser auch schon in mein Zimmer – eine Figur von dem edelsten Anstande, ein offenes, liebreiches, verständiges Gesicht, so einnehmend und munter in seiner Unterhaltung, wie es nur ein Deutscher sein kann, den gute Gesellschaften und Reisen gebildet haben. Ich wußte nicht gleich, nach was ich zuerst greifen sollte, um ihm eine bessere Meinung von mir beizubringen, als ich selbst hatte, machte Entschuldigungen über den Aufzug, in dem er mich träfe, hätte zwo Nächte nicht geschlafen und käm' – das war es eigentlich, wodurch ich mir ein Ansehen bei ihm erbetteln wollte – von der Bastide meines vertrautesten Freundes, des Marquis von St. Sauveur, dessen Vermählung ich als der einzige Gast beigewohnt hatte.

In der Tat traf ich es hier wieder gut damit . . . Er kannte den Brigadier, wünschte mir Glück zu seiner Freundschaft, und hörte mit innigem Anteil mein enthusiastisches Lob über seine Gemahlin. »Es ist wohl schade,« sagte er, »daß Sie ihm nicht auf sein Stammgut haben folgen können. Dort würden Sie ihn als einen kleinen Fürsten bewundert haben, der alles das leistet, was man oft umsonst von dem größten erwartet.« Ich ging nun nicht ohne Herzklopsen zu dem Hauptgeschäfte über, das ich mit ihm abzutun hatte. – Er machte es mir sehr leicht, nahm alles, was ich über meine hitzige Krankheit, nachherige Erschlaffung und verordnete Zerstreuung zu meiner Rechtfertigung herausstotterte, für gültig an, und foderte, ehe ich ihm noch seinen Verlust einhändigte, Feder und Tinte, um durch ein Billett an den Kriminal-Gerichts-Präsidenten den armen Puppenspielern noch vor Nacht ihre Freiheit zu verschaffen. »Es ist nicht meine Schuld,« sagte er, »daß die guten Leute in Ketten liegen. Sie wurden zwar auf meine Anzeige in den Zeitungen, nach der Livree, die sie trugen, eingezogen; doch ihre eigene Aussage in dem Verhör, das man mit jedem besonders anstellte, machte sie hauptsächlich verdächtig. Sie mußten ganz den Kopf verloren haben. – Daß sich der eine Prologus, der andere Epilogus nannte, ließ man Puppenspielern hingehen; als sie aber den Herrn, der sie gekleidet, angeben und beschreiben sollten, standen beide mit einander in geradem Widerspruch. – Der eine nannte Sie so, der andere so, und ich konnte nur versichern, daß kein Edelmann in ganz Deutschland einen so kauderwelschen Namen führe. Der älteste Bruder sagte aus, Sie wären in Avignon eines Kirchenraubes wegen arretiert worden – der jüngste, Sie hätten die heilige Dreifaltigkeit in einem Kamin entdeckt. – Man fragte nach Ihrem Abschiede, sie hatten keinen aufzuweisen. Ihr Herr wäre durch ein Wunder aus Avignon entkommen, zu Lambesk hätten sie die Schreibtafel in einer verborgenen Tasche gefunden, und dem Herrn sogleich in Verwahrung gegeben, der es vermutlich vergessen, sie dem Eigentümer auszuliefern, und bei ihrem Abgang im Begriff gestanden hätte, in sein Vaterland zu gehen. Diese widersprechenden Aussagen, die alle Stunden einen neuen tollen Zusatz erhielten, erbot sich doch jeder Bruder zu beschwören; dabei sahen sie sich vor Gerichte so scheu um, wie das böse Gewissen. Die Frau, wenn es möglich ist, bezeigte sich noch verwirrter. Sie deklamierte in leeren, nichtssagenden Phrasen ihre Verteidigung, und rief unaufhörlich in dem Gefängnisse und vor dem Tribunal: »Ach, mein Theseus! – wo bist du hin, mein Theseus?« – Doch war sie es, die den Brief an den deutschen Baron in dem heiligen Geist schrieb, ohne Hoffnung zwar ihn anzutreffen, und den ich sogleich durch eine Stafette abschickte. Mir fing selbst an bange für den Ausgang zu werden. Ich hielt sie zwar sehr richtig für Narren, verschob jedoch mein Urteil über den Verdacht, dem sie bloßstanden. Das Tribunal hingegen hielt sie hinlänglich für überwiesen, und ohne meine Gegenvorstellung hätten sie vielleicht schon die Question ordinaire et extraordinaire erlitten. Es tut mir leid, daß den armen Schelmen ihre Ehrlichkeit so übel belohnt worden ist. Daß mich ihre Unschuld jetzt mehr freut, als Schreibtafel, Venus und Brief, die ich eins wie das andere für verloren hielt, können Sie mir wohl zutrauen. Ich bin glücklich, daß meiner über die Zeit verschobenen Abreise nun nichts mehr im Wege steht. Denn vielleicht wissen Sie schon, mein Herr, daß mich in Deutschland eine liebenswürdige Braut mit Sehnsucht erwartet, um so viel mehr, da mein letzter Brief ihr den Tag meiner Ankunft bestimmt, und sie gebeten hat, mir auf ein Gut ihrer Tante sechs Meilen weit entgegenzukommen. Die Ängstlichkeit, mit der sie mir sonach entgegensehen muß, beklemmt mich nicht wenig.« – Brauche ich dir, lieber Eduard, wohl die Stellen in dieser Erzählung anzustreichen, die mir einen Stich nach dem andern ins Herz gaben. Ich erduldete sie ohne Murren, als eine gerechte Züchtigung meines unverantwortlichen Leichtsinns. Kleinmütig zog ich das anvertraute Gut aus der Tasche, aber wie ich es dem Eigentümer einhändigte, brachten mich die Vorklagen, die ich beifügen wollte, in eine neue Verlegenheit. Auch diese schlug er sofort als ein Mann von Welt nieder. Er öffnete die Schreibtafel, besah mit wahren Kenneraugen Klärchens Bild und überlas lächelnd mein Epigramm auf der Hinterseite. Die Gelegenheit war zu gut, um ihm nicht die Veränderung bekannt zu machen, die seitdem mit dem Original vorgegangen sei, und durch welches Ungefähr ich heute ihr Gefolg verstärkt hätte. »Nur heute? das ist glücklich!« sagte er ein wenig ironisch (vermutlich hat der Pro- und Epilogus eins und das andere zu Protokoll gegeben, was er Anstand nahm, mir gerade in das Gesicht zu sagen.) »Also an Lord Baltimore verheiratet? Nun, da ist sie in den rechten Händen,« schlug er ein lautes Lachen auf, »ich kenne den alten Schwärmer und seine abgeschmackten Versuche für einen Text, über den unser kluges und erfahrenes Klärchen ihn in einer Stunde mehr lehren würde, als alle die abgesetzten Ladys, die ihren Triumphwagen begleiten. Wer weiß, ob sie ihn nicht wieder zum Glauben an weibliche Tugend bekehrt und seine Erfahrungs- und Seelenkunde mit einem Phänomen bereichert, dem er bis jetzt umsonst nachgeforscht hat. Wie wird sie die Unbefangene spielen, ihn schon von weitem kommen sehen, während er seine Experimente für die ersten hält, denen sie bloßsteht. Die Reise nach Spanien ist gewiß ihr Werk. – Dort, wo keine Seele sie kennt, wird sie ihm noch lange, ehe sie in den hintersten Wagen versetzt wird, für den Stein der Weisen gelten, den er sucht.« – Ich erwähnte des Mundkochs. – »Den allein«, sagte er, »wünschte ich von der saubern Gesellschaft zu sprechen. Der Ehrenmann hatte mich vor einiger Zeit, wie mir mein Kammerdiener vertraut hat, in einem schimpflichen Verdacht, und seine liebe Nichte, der er damals alles Böse an den Hals wünschte, in einem noch schimpflichern.« – »Diese Ungerechtigkeit«, fiel ich dem Baron ins Wort, »bereut er jetzt gegen beide von Herzen, seitdem er einen unverwerflichen Zeugen Ihrer bloß artistischen Verhältnisse mit seiner Nichte, den Herren Le Sauve gesprochen hat, der die Schöne so oft unter Ihren Augen und in der Lage gemalt hat, die Sie dem Modell gaben.« – Der Baron verfiel in ein kleines Nachdenken, das ihn glücklicherweise verhinderte, die brennende Schamröte zu sehen, die mir in das Gesicht trat – denn siehe nur, ehe ich mich dessen versah, fiel mir der verfluchte Stimmhammer, bei dem meine Kunst scheiterte, und die geweihte Farbe ein, die ich verschüttete. – »Oh, hätte ich,« erwachte der Baron wie aus einem Traum, »das schöne Geschöpf noch so unmündig an Kenntnissen und Jahren gefunden, als da Herr Ducliquet ihre Bekanntschaft machte, keine Seele würde jetzt gegen die Wahl des Lords etwas Gegründetes einwenden können. So aber war sie schon ganz verloren, als ich sie kennen lernte, nur für die Kunst des Malers nicht. Ihre trügerische Außenseite konnte schon keinen mehr betrügen, dem es nicht ganz an sittlichem Gefühl und gesunden Augen fehlte, wenn er nicht, wie Baltimore, für sein freigeistiges System mit Blindheit gestraft war – am wenigsten ein Herz, wie das meinige, das einem fast ebenso reizenden, zugleich aber auch dem reinsten und tugendhaftesten weiblichen Wesen angehört. Oh, meine Karoline, mit welchem Wohlbehagen unverletzter Treue werde ich dir nun bald unter die Augen treten! Wie belohnend, mein Herr, ist dieses Bewußtsein am Ende einer Reise, sie mag einen Weltteil oder das Leben umfassen!« – Lieber Eduard, wenn du mir die glühenden Zangen der Beschämung, die mich bei jedem dieser Worte zwickten, nachfühlen müßtest, ich würde dich herzlich bedauern. Da mochte ich mich doch auf eine oder die andere Seite des Prangers stellen, den der Baron Klärchens Liebhabern anwies, so hatte ich keine Ehre davon. Ich bekam eine recht kleine Idee von mir, die noch nicht vergehen will. Besonders tat es meiner Eigenliebe weh, daß hier zwei Deutsche in so verschiedenem Lichte einander gegenübersaßen. Ich konnte mir nicht verbergen, daß diesem jungen, blühenden, artigen Manne das Reisen viel besser zugeschlagen sei, als mir. Mich, glaube ich, hat er auf den ersten Blick weggehabt. Sagte er nicht oben, ich wisse vielleicht schon, daß er eine Braut habe – und würde er wohl mit der Huldigung seiner Karoline so laut gewesen sein, wenn er mir nicht schon angesehen hätte, daß mir der Inhalt des Briefs in der Schreibtafel so bekannt wäre, als ihm selbst? Was konnt' ich in dieser Überzeugung klügeres tun, als den Vorwürfen, denen ich nicht auszuweichen vermochte, offen entgegen zu gehen? »Ich merke, Herr Baron,« stoppelte ich meine verschämten Worte zusammen, »daß Sie voraussetzen, ich habe mich von dem Geheimnisse Ihres Herzens auf eine Art unterrichtet, die große Entschuldigung bedarf. Was mir eigentlich nötig war, um den Eigentümer des Gefundenen aufzusuchen, konnte mir schon die Adresse sagen – das seh' ich jetzt recht gut ein – und dennoch . . .« »Wenn der Brief meines Freundes« – unterbrach er mich – »Ihnen die Zeit verkürzt hat, so hat er seine Absicht doppelt erfüllt, und es ist mir lieb, daß Sie ihn lasen« – »Und auch abschrieben?« fragte ich. – »Ja, auch das!« antwortete er lächelnd. »Hätte er ihn im Ernst geschrieben, so viel er übrigens auch Wahres enthält, so dürfte ich wohl hoffen, ihn bald genug zu überführen, wie unrecht er mir und dem guten Geschmack getan . . . Ich schmeichle mir,« fuhr der Baron mit sichtbarer innerer Zufriedenheit fort, »daß ich die Zeit meiner Abwesenheit in fremden Ländern nicht so gar übel für meinen künftigen Aufenthalt im Vaterlande und für das Glück meiner Erwählten angelegt habe. Die Kenntnis der großen Welt muß vorausgehen, um durch Vergleichung sein häusliches Glück desto schmackhafter zu machen – so wie man nach einigem Genuß sehr feiner Gerichte gern wieder zu einer kräftigen Hausmannskost zurückkehrt. – Auch mein Kunstgefühl soll mir hoffentlich so viele Freude gewähren, als meinen Nachbarn ihre ruhige Ignoranz. Die Leuchter – die Vasen von griechischer Form, denke ich, sollen mir so wenig im Wege stehen als ehemals den Griechen – eine Venus von Tizian wird meinem Auge immer einen so angenehmen Ruhepunkt verschaffen, als das freundlichste Gesicht einer Dorfnymphe, und Lady Baltimore in ihrer schönen Nacktheit, wo mich jeder Pinselstrich an das Original erinnert, besser noch als jene Göttin, der man außer ihrem Reiz auch nicht viel Gutes nachsagen kann. Da Sie Klärchen, wie ich gehört habe, persönlich kennen, müssen Sie nicht eingestehen, mein Herr, daß ihr Anblick minder noch wollüstige Begierden erweckt, als edle und erhabene Gedanken, die nur durch die Ungestalt der Seele zurückgestoßen werden, die den herrlichen Bau, wie die Kröte einen Tempel, bewohnt. Haben Sie wohl je Nevisans Gedichte und die dreißig Bedingungen gelesen, die er zu einer vollkommenen Schönheit fodert?« – »Ja,« antwortete ich, »ich habe diese Stelle erst kürzlich für einen meiner Freunde abgeschrieben.« – »Und ich«, erwiderte der Baron, »habe noch mehr getan – habe sie, das Buch in der Hand, durch Klärchens Vermittelung mit der Natur selbst – jedes rohe Wort des Dichters mit dem seinen Reiz verglichen, den es anzeigt – sie alle an dem schönen Mädchen beisammen, aber durch das lebendige Kolorit, durch die Abstufung des Schattens und Lichts, durch die Schlangenlinien, die sie vereinigen, ungleich anziehender, und hier den Ausdruck der Natur unendlich poetischer gefunden, als den Dichter. Hauchen Sie nun einer so sinnlich vollkommenen Gestalt Selbstschätzung und Tugend ein, und Sie haben das anbetungswürdigste Ideal weiblicher Schönheit und Würde. Ich will Ihnen aus meinem Portefeuille ein Blatt holen, worauf ich die Physiognomie dieses Mädchens nach verschiedenen Ansichten, als Nonne, Heilige, Betende, Entzückte und als ein Engel geätzt habe. Wäre die Zeichnung – wie sie es freilich nicht ist – von einer Meisterhand – von der Hand eines Raphael oder Battoni, Sie würden nicht leugnen können, daß dieses zur Venus so geschickte Modell unter allen Gestalten denselben Eindruck machen würde. Was kann uns aber einen höhern Begriff von der Allgewalt der Unschuld und Tugend auf das menschliche Herz geben, als daß es selbst in seiner Verdorbenheit durch nichts so stark als durch eine Bildung angezogen wird, in welcher die Anlagen dazu gezeichnet sind, und selbst die größte Verführerin, wenn sie am unwiderstehlichsten zu verlocken trachtet, wider Willen zu dieser Maske ihre Zuflucht nehmen muß.«

Während der Baron in seinem Zimmer die edeln Gesichtszüge der jetzigen Lady Baltimore aufsuchte, kam sein Bursche mit der Nachricht zurück, daß meine ehemaligen Bedienten . . . Nein – fuhr es mir so wütend durch den Kopf, daß ich vom Stuhle aufsprang, ohne weiter auf ihn zu hören – der Prologus, der ihr als Teufel erschien – der Epilogus, in dessen Bette sie flüchtete – die beiden Grenadiere, die sie mir boshafter Weise in Avignon vor die Tür stellte – die armen Unglücklichen, die in Ketten lagen, während der Probst sie in integrum restituierte – Ducliquet sie einsegnete – diese Unschuldigen sind es, die in derselben Nacht erfroren aus einem feuchten Kerker kriechen, in der, wenig Schritte von ihnen, jener Sünderin alle Freuden der Natur zu Befehl stehen, und ein Lord in schwärmender Andacht den unheiligen Busen küßt, an den von Ewigkeit her das böse Schicksal zweier gutmütiger Puppenspieler gebunden war! Diese Betrachtungen jagten mich die Stube auf und ab, und ich konnte mich nicht eher wieder fassen, bis der Baron hereintrat und nun – der Bediente seinem Herrn viele Grüße von dem Kriminal-Gerichts-Präsidenten ausrichtete und die frohe Nachricht wiederholte, daß die beiden Brüder und ihre Gesellschafterin des Gefängnisses entlassen wären. Wir wünschten gegenseitig zum Ausgange dieses verworrenen Handels einander Glück, setzten uns zusammen an einen Tisch und fingen nun an, nach allen Regeln Lavaters gemeinschaftlich die schönen, offenen, unschuldigen und rührenden Liniamente zu entwickeln, hinter welche die Mutter Natur ein so häßliches, heuchlerisches, freches und verbuhltes Herz verborgen hatte, als Herr Ducliquet zu seiner Bearbeitung nur eins verlangen konnte. Ich lege dir zwei von den radierten Exemplaren bei, die mir der Verfertiger zum Verteilen unter meine Freunde verehrt hat. Ewig schade, daß meine geheime Nachrichten von ihr in der Asche liegen. – Wie würden sie nicht den Kupferstich unterstützt haben! Indes ist es doch gut, daß ich allen denen, die etwa von meinen Torheiten hören sollten – (denn was verschwatzt sich nicht!) diese betrügende Physiognomie vorhalten kann, mit der Bitte, sich zum vollständigeren Beweis meiner Rechtfertigung vel quasi noch die jugendlichste Farbe, die rührendste Karnation, die sonorischste Stimme und jenen lebhaften Frohsinn hinzuzudenken, der dem Original eigen ist. Wer alsdann noch anstehen kann, mich loszusprechen, muß entweder die Enthaltsamkeit eines Patriarchen – eine Braut zu Hause – oder ein versteintes Herz haben.

Eine Bekanntschaft, wie die meine mit dem Baron war – und von so kurzer Zeit her, daß inzwischen die Sonne weder einmal auf- noch untergegangen ist – sollte man denken, müsse sich ebenso kurz abbrechen; aber wir beide machten eine seltsame Ausnahme von diesem gewöhnlichen Falle. Er sah es mir an, wie sein Händedruck zum Abschiede mir an das Herz trat, und Er – »Wartete unterweges,« sagte er, »nicht eine Geliebte auf mich, so wollte ich auf Sie warten, um Ihnen zu beweisen, das jedes Land gleichen Wert für mich hat, das mir die Aussicht gibt, einen Freund mehr zu gewinnen. Ich reise als ein Liebhaber, Tag und Nacht, dem Gegenstande meiner Wünsche entgegen. – Sie, als ein Neugieriger, der in seinem Vaterlande nichts zu versäumen hat, dem kein Umweg etwas kostet, Ihnen darf ich bei solchen Verhältnissen ja wohl, über der französischen Grenze, noch einen vorschlagen, der vielleicht so viel wert ist, als jeder andere, den Sie gemacht haben. Sie sind Zeuge von der gegenseitigen Überraschung zweier Liebenden gewesen, denen für einander bange war, und die wir nun in diesem Reiche unstreitig für die glücklichsten halten können. Wäre es aber nicht, schon der Vergleichung wegen, Ihrer Mühe wert, nun auch ein paar gute deutsche Herzen aufzusuchen und zu beobachten, die längst mit einander einig, sich doch trennten, nur um durch eine von Posttag zu Posttag immer höher steigende Erwartung, der Magie der Liebe einen Reiz mehr zu geben. Ich will das System unseres gemeinschaftlichen Freundes nicht tadeln; aber ich halte mich an das meinige. Die Seligkeit ist gleich, obschon die verschiedenen Wege dahin ihre eigenen Vorzüge haben.« Ich nahm seine Einladung mit Vergnügen an. Er nannte mir den zu seiner Verbindung mit Karolinen bestimmten Tag. Während ich ihn in meinem Musenalmanach anstrich, und seufzend überlegte, wenn doch einmal mein Glücksstern ein solches Kalenderzeichen erhalten würde, hatte sich der Baron fortgeschlichen.

Um ihn heute nicht weiter zu stören – da es schon über Mitternacht ist – übertrug ich Bastianen, ihn morgen früh bei seiner Abreise nochmals meiner Hochachtung, Dankbarkeit und besten Wünsche zu versichern. Gott sei Dank für die Gewißheit, mit der ich nun zu Bette gehe, daß keine menschliche Kreatur meinetwegen leidet. So darf ich auch wieder einmal auf eine vollkommen ruhige Nacht rechnen – und ach, auf noch mehrere; denn seit einigen Tagen hat sich doch vieles, was mich insgeheim drückte, gehoben! Mein armer Lehrmeister, für den ich noch immer die alte Anhänglichkeit hatte, ist, wider alles Erwarten, klug und reich geworden. Klärchen – fast noch unbegreiflicher – ist unter die Haube gebracht. Die Puppenspieler sind ihrer tollen Wirtschaft wiedergegeben, und die fatale Sucht, eine Heilige zu entdecken, hat seit Agathens Bekanntschaft sich glücklich bei mir verloren – ist mir sogar zum Ekel geworden, da ich aus Baltimores Beispiel gewahr geworden bin, was solche Studien am Ende abwerfen. Welch ein behagliches Gefühl gewährt doch ein erleichtertes Herz! Bei der Rückkehr ins Vaterland kann man gewiß keinen angenehmern Begleiter haben.

Montpellier, den 27. Februar

Ich erwachte wie eine Unke, der ein Sonnenstrahl in den Rücken fällt. Die beiden Puppenspieler und Elektra knieten vor meinem Bette und benetzten meine herunterhängende Hand mit heißen Tränen. Warum war mir doch ihre Dankbarkeit so überlästig? weil ich – mochte ich mir kaum gestehen – sie so wenig verdient hatte. »Geht, geht, ihr guten Kinder!« – suchte ich sie von mir abzuwehren – »euer gerührtes Herz wirft mir aufs bitterste meinen Leichtsinn vor, der euch in Ketten und Banden gebracht hat. Über Schmerzensgeld und Entschädigung für euern Jahrmarktsverlust will ich mich sogleich mit euch berechnen, und daß mir die Prozeßkosten zufallen, versteht sich ohnehin.« »Diese, mein lieber Herr,« erwiderte der Epilogus, »hat der Herr Baron bereits an einen Bankier gewiesen, der dafür haftet. Wollen Sie dennoch ein Übriges tun, so gewähren Sie uns die Bitte, daß wir heute das Theater mit der Vorstellung unsers tragischen Zufalls eröffnen und daß wir« – »nun?« – fragte ich – »unter dreifacher Beleuchtung in einer glänzenden Apotheose – Sie, teuerster Herr, als den deus ex machina vorstellen – in Ihrem gewöhnlichen Kostüm, wie wir's kennen« – »Seid ihr toll, lieben Kinder?« fuhr ich in die Höhe – »Doch« – nachdem ich mich einige Augenblicke besonnen hatte – »meinetwegen, wenn ihr glaubt, daß es zu euerm Vorteil sein kann, so stellt mich aus, auf welche Art es euch beliebt. Die Leute, mit denen ich hier etwa Bekanntschaft mache, kommen doch schwerlich in eure Butike.« Sie sahen, daß mir angst und bange im Bette ward, und trollten sich fort. Gleich darauf kam Bastian herein, dem die Gesellschaft auf der Treppe begegnet war, und freundschaftlich ein Freibillett verehrte – er bat um Erlaubnis, dieser Pièce larmoyante beizuwohnen, die ich ihm herzlich gern erteilte. Die Nachricht, die er mir von der Abreise des Barons brachte, war mir ungleich interessanter. Sein Bedienter, der mit dem Koffer voraus war, hatte das Portefeuille übersehen, das seit gestern abends auf meinem Stuhle liegen geblieben war. Bastian erbot sich, es ihm nachzutragen. Als sie in dem Posthof ankamen, war eben der Lord im Begriff, mit seinen fünf Equipagen aufzubrechen. Er erkannte den Baron als einen alten guten Bekannten, und glaubte ihm etwas recht Neues in seiner jungen Frau vorzustellen. Die Lady stutzte, als sie den Baron und hinter ihm einen Bedienten mit dem wohlbekannten Portefeuille und der Schreibtafel so nahe bei ihrem Gemahl sah; doch der artige Deutsche freute sich so ungezwungen über die Ehre ihrer Bekanntschaft, und ließ vor ihren Augen Portefeuille und Schreibtafel in die Wagentaschen stecken, daß ihr Mut bald wieder zurückkam; indes beging er doch die kleine Bosheit, in ihrer Gegenwart den Lord zu fragen, ob er endlich das Resultat seiner vieljährigen Studien gefunden hätte? – »Ja,« antwortete der Philosoph mit großer Selbstzufriedenheit und so strahlenden Augen, daß seine junge Gemahlin die ihrigen äußerst verschämt niederschlug, und rot ward bis über die Ohren. Der Lord war viel zu scharfsichtig, als daß ihm das Himmelszeichen hätte entgehen sollen, das jungen, erst kürzlich verheirateten Weibern so gut steht. Hé bien,« klopfte er dem Baron auf die Achsel, » qu'en dites-vous.« Aber die Dame trippelte nach dem Wagen. Triumphierend hob er sie hinein und schwang sich ihr nach. Lieber Gott, vergib mir die Frage! – aber was soll man zu deinen Anstalten sagen, wenn man sieht, daß sogar die Angst des bösen Gewissens eine Frau in den Augen ihres betrogenen Ehemanns noch verschönert? Der Baron nahm jetzt den Prophetenwirt so lange auf die Seite, bis der letzte Wagen vorfuhr, und sprach sehr ernstlich mit ihm. Ehe er in den seinigen stieg, legte er Bastianen in den Mund, was er mir von diesem komischen Auftritt erzählen sollte. Seine geheimen Gedanken dabei wollte er mir aufheben, bis ich zu ihm käme. Alles recht schön, wenn nur der gute Mann es seit einer Stunde nicht ein wenig bei mir verschüttet hätte! Sein Großmut gegen die Puppenspieler ist nicht viel besser als eine Beleidigung für mich. Prozeßkosten soll ihm doch seine Schreibtafel nicht zuziehen, und wenn ich sein Hochzeitgast sein soll, haben wir uns erst darüber zu verständigen. Mußt du mir nicht hierin recht geben, Eduard?

Ob ich gleich keiner Braut nachzurennen habe, werde ich es doch nicht lange hier aushalten. Die Merkwürdigkeiten in den Ringmauern der Stadt haben nicht sehr viel Anziehendes für mich, ob ich ihnen gleich ihr großes Verdienst nicht ableugnen will . . .

»Laß uns ausfahren, Bastian,« rief ich, »und die umliegende Gegend besehen! – »Ach!« seufzte er, »lieber Herr, da hätte ich wohl einen bessern Vorschlag.« – »Nun, so laß hören!« – »Als wir gestern so schnell dem Wagen der Mylady Klärchen nach, durch Lünel fuhren, dachte ich in meinem Sinn: Jetzt eilst du mit deinem Herrn so gerade fort nach Deutschland, und nur drei Viertelstunden von dem Dörfchen vorbei, wo deine Mutter und Schwester wohnt, die du vielleicht in deinem Leben nicht wieder zu Gesicht bekommst. – Wenn Ew. Gnaden nun, anstatt . . .« »Ja, du hast recht, Bastian,« fiel ich ihm ins Wort – »Wir wollen nach Lünel. – Dort kannst du deine Verwandten besuchen; ich gebe dir Urlaub bis morgen gegen Mittag, Deine Schwester aber und meinen alten Johann möchte ich selbst auch gerne wieder sehen. Den kurzen Weg sind sie mir wohl schuldig, da ich ihnen noch einmal so weit entgegen fahre. Lauf auf die Post voraus, bestelle eine leichte Chaise, damit ich schon angespannt finde, wenn ich nachkomme.« Bastian war wie ein Pfeil die Treppe hinunter . . .

Der Hausknecht mußte mich den nächsten Weg nach dem Posthofe führen. – Ich fand eine Chaise mit vier Pferden, setzte mich mit Margots Bruder ein, und ehe zwei Stunden vergingen, befanden wir uns vor einem recht artigen Wirtshause zu Lünel. Bastian, so wie ich abstieg, machte sich auf die Beine. – Ich bestellte sogleich ein ausgesuchtes Abendessen für mich und meine Gäste – und täuschte unterdes meine Ungeduld mit Besichtigung des Orts und seiner Weinberge – kam aber immer noch zu früh zurück, und wußte jetzt ebensowenig, als vorher, was ich mit mir anfangen sollte. Der nächste Weg vom Weinberge, dachte ich, geht zum Fasse, um das Gewächs zu versuchen. Mit diesem Vorsatz trat ich, vorbeigehend, in die Stube des Wirts. – Es war ein verständiger Mann, der mir sehr gern ein paar Flaschen von den beiden vorzüglichsten Sorten auftrug. An demselben Tische saß außer mir noch ein Narr von Reisenden aus Arles, der mich sogleich in Untersuchung nahm, und sich als einen Antiquarius ankündigte. Ich muß dir doch etwas von seiner Unterhaltung mitteilen. Der Herr kommen gewiß über die via Aureliana

»Ich komme gerade von Montpellier.«

» Mons puellarum, wie einige alte Autoren es nennen – und gedenken also wohl von hier die Antiquitäten von Arles zu besuchen?«

»Nichts weniger!« – Hier schenkte ich mir und ihm ein Glas ein. »Der Ort«, fuhr er mit belehrender Miene fort, »verdiente es doch vor vielen andern. Die alten Römer haben ihn, in dem unfruchtbarsten Landstrich zwar, den man sich denken kann, erbaut; denn die Wege von allen Seiten dahin, muß man zugeben, sind die schlechtesten in der Monarchie. Der ältere Plinius nennt schon die dortige Fläche sehr artig Campi lapidei.« – »Da hat,« fiel ich ihm in die Rede, »der ältere Plinius; nach meiner Einsicht, nichts Artigeres gesagt, als was, wenn ich dahin ginge, mein Postknecht auch sagen würde. – Dergleichen Wege aber, sie mögen modern oder antik sein. suche ich nicht gern ohne Not auf.« »Ohne Not? Das glaube ich wohl,« antwortete er spitzig, »aber hoffentlich spreche ich mit einem Verehrer der Alten, und für einen solchen sind keine Beschwerlichkeiten zu groß, um die Spuren ihrer Größe aufzusuchen. Dergleichen Schätze des grauen Altertums, als unsere Thelina, oder, wenn Sie es lieber hören, unsere Mammilliaria aufzuweisen hat, treffen Sie nirgends in so einer Menge beisammen an. Der Obelisk, das Amphitheater, die verfallene Wasserleitung können allein schon einem vernünftigen Manne des längste Leben erheitern, und nun vollends die elysäischen Felder – die sind, ich gestehe es Ihnen, mein einziger liebster Spaziergang. Wenn ich dort manchmal, in Gedanken vertieft, vor einem Aschenkruge stehe, die Denkschriften, die Beweise jener ruhmvollen Zeiten lese, so ergreift mich eine Empfindung, die sich nicht beschreiben läßt. Was für ein Volk muß das gewesen sein, das solche Männer hervorbringen konnte, als jene Inskriptionen besagen. Strabo und Pomponius Mela haben . . .« Mir lief hier ein kalter Schauer über die Haut. Ich wartete seinen angefangenen Perioden nicht ab, schob ihm für seinen Unterricht die Flasche zu, die mir in Vergleichung der andern nicht schmecken wollte, setzte den Überrest der bessern, die ich schon halb im Kopfe hatte, in den meines Huts – nahm ihn unter den Arm und taumelte in mein Zimmer; denn von allen Schwätzern, lieber Eduard, ist mir keiner so zuwider, als der mit Gelehrsamkeit auskramt, während ich eine Trüffel schäle, an dem Bein eines Haselhuhns klaube, oder, wie hier der Fall war, vortrefflichen Wein schlürfe . . .

Stieg ich schon die Treppe unter solchen belebenden Gedanken hinauf, so rieb ich mir erst vor ausgelassenem Mutwillen die Hände, als ich mich mit meiner halben Bouteille ungestört allein sah, leerte sie vollends aus, und klingelte nach einer frischen. Je leichter auch diese ward, desto begeisterter fühlte ich mich, diesen herrlichen Wein zu besingen. Ein Lächeln innerer Zufriedenheit, ein sanfter Trieb allgemeinen Wohlwollens, besonders gegen das gute freundliche Geschlecht, das mir immer im Sinne liegt, durchwärmte mein Blut, und in der süßesten Schwärmerei stimmte ich das erste Trinklied an, das mir je über die Zunge gekommen ist. Oh, rief ich, indem ich mein volles Glas gegen das Licht hielt:

Oh, daß mir Bacchus nie den Quell
Von diesem Wein verstopfe,
Und immerdar so rein und hell,
Dein Gold, o geistiger Lünel,
In meinen Becher tropfe!

Perlt nicht in deinem Wundersaft,
Gleich einem Salbungsöle,
Ein Opium der Leidenschaft,
Ein Elixier – der Lebenskraft,
Ein Labetrunk der Seele? . . .

Denn Mitleid schleicht bei dem sich ein,
Den deine Trauben tränken;
Es schäumt der Wunsch in deinem Wein,
Freund seiner und der Welt zu sein,
Und kein Geschöpf zu kränken.

Euch, die mit mir ein Punkt der Zeit
Nach einem Zwecke neiget,
Ihr Grazien der Weiblichkeit,
Euch sei der süße Duft geweiht,
Der meinem Glas entsteiget.

Mein liebes künftiges Geschlecht,
Dem nur in diesem Wein bezecht
Ich froh entgegen gehe,
Stoß an – Gott fülle mir so echt
Einst den Pokal der Ehe.

Indem flog die Tür auf, und Margot mir in die Arme. Ich hätte wohl gewünscht, daß sie eine Strophe eher gekommen wäre. Sprachlos hielt sie mich fest umschlungen, und ich, ebenso sprachlos sie umschlingend, bedeckte das rührende Gesicht mit Küssen von dem zärtlichen Gehalt. Wir vergaßen uns in dieser Szene des Wiedersehens so sehr, daß keins den guten Johann, der weniger geschwind zugeflogen kam, als seine leichtfüßige Frau, eher bemerkte, bis er mich tränend bat, daß ich auch ihm eine Hand reichen möchte. Nun kam sie zur Sprache, nun erzählte sie mir, welche unverhoffte Freude ihr Bastians Besuch, noch mehr aber die Nachricht von meinem Hiersein in ihrer nächsten Marktstadt gemacht, und wie sie mit eigenen Händen geholfen hätte, die Esel zu satteln, damit wir nur recht bald zu unserm so gar guten Herrn kämen. Ach Gott! unterbrach nun eins das andere, wie unaussprechlich glücklich haben Sie uns gemacht! Eben noch so unbefangen in ihren Tändeleien, als heute vor acht Wochen, machte sie mir wieder ganz warm ums Herz. Mit welchem hellen Gelächter erinnerte sie sich nicht unserer Wirtschaft zu Caverac, und gern hätte sie mich noch einmal, wäre ich ihr nicht auf dem Dache gewesen, über den Strauchdieb auf dem Fichtenberge abgehört. Doch konnte ich ihren beiden lieben Händchen nicht schnell genug wehren, daß sie mir nicht ein paar Runzeln von der Stirn glättete, um nachzusehen, ob mir nicht eine Narbe geblieben wäre. »Johann,« rief sie, »sieh nur her, was mein Kräuterumschlag für Wunder getan hat! Da ist auch nicht die geringste Spur mehr von dem Kopfstoße zu finden.«

Ein fröhliches Abendessen, das sich durch drei Flaschen des belobten Weins bis weit über die Mitternacht ausdehnte, vermehrte unsere Zufriedenheit. Keine Redoute kann eine Stadtdame so munter erhalten, als er die kleine Margot während unsers lieblichen Banketts war. Erst bei der dritten Bouteille, die ich und Johann allein übernahmen, wurden ihre naiven Einfalle einzelner, ihre Worte abgebrochener, und die zwanglose Natur wiegte sie endlich neben uns ein.

Ich winkte ihrem Mann, und half ihm sein müdes Weibchen in das Himmelbett tragen, das dem Schlafstuhle, der mir nun übrig blieb, ungefähr so nahe stand, wie zu Caverac ihr Strohlager dem meinen. Mein alter Kammerdiener konnte nun, ohne ihre Bescheidenheit zu beleidigen, so viel zum Lobe seiner Lebensgefährtin vorbringen, als ihm sein Herz eingab. Ich mochte wohl noch eine halbe Stunde Teil an seinen Empfindungen genommen haben, als auch mir die Augen zufielen, und Johann so leise als möglich, um mich nicht zu stören, die angebrochene Bouteille unter den Arm nahm, und zum Zimmer hinaus seiner Lagerstätte nachschlich. Das Opium des öligen Weins wirkte so stark, daß der helle Morgen schon lange über unsern Häuptern schweben mochte, ehe nur eins von uns dreien erwachte, und das war ich. Nun bitte ich dich für einen Augenblick, lieber Eduard, um ein freundliches Gehör! Sage mir, was würdest du von einem Maler halten, der aus Furcht, mehr zu sehen, als sein Pinsel wieder zu geben vermag, sein Gesicht von einer paradiesischen Gegend in dem Augenblicke wegwenden wollte, wo die Nebel fallen, die Sonne hervortritt, Berg und Tal überschimmert, und sich ihm die schönste Perspektive der Natur eröffnet? Deine Antwort mag ausfallen, wie sie will, genug, ich genoß lange, auf Gefahr geblendet zu werden, diese ebenso glückliche als kritische Lage auf meinem Lehnstuhl. Endlich wünschte ich mir die Schönheiten der Ferne um einige Schritte näher, erhob mich leise von meinem Sitz, und wollte eben meine süßen Betrachtungen fortsetzen, als ein Blick auf die Wanduhr, die anschlug, mich, wie vom Donner gerührt, neben Margots Bette niederstürzte. – Jetzt, dachte ich, und Tränen löschten schnell die Flammen meiner Augen, jetzt tritt jene tugendhafte Dulderin vor ihr Gitter, blickt wehmütig gen Himmel, und flehet zu Gott um die Wohltat einer ZähreAnspielung auf die Heldin einer in unserer Ausgabe gestrichenen Episode, die infolge des jähen Todes ihres geliebten Gemahls gemütskrank geworden ist und sich in einem Irrenhaus aufhält. Anm. d. Hrsg. . Segen über den Mann, der zuerst der Zeit eine Stimme gab! Mit Betrübnis überblickte ich mein zagendes Herz, mit Errötung die in aller Unschuld Schlummernde, erhob mich von meinen Knien, deckte mit dem Ernste eines väterlichen Freundes, was zu decken war, und nun erst weckte ich sie. Sie flog mir mit liebkosendem Frohsinn entgegen, und auch ich freute mich, daß ich nicht ganz unwert war, ihren Morgenkuß zu erwidern. »Willst du nicht deinen Mann aufsuchen, Margot, und unser Frühstück bestellen?« Voll jugendlicher Heiterkeit hüpfte sie mir sogleich aus dem Gesichte, und ehe ich noch ganz die meinige wieder erlangt hatte, kam sie mit dem glücklichen Sterblichen zurück, der ihre Liebe besaß. – Er trug eine Schale mit Milch herbei, sie ein Körbchen mit Obst. – Es waren auch Pfirsichen von den besten Sorten, jedoch meiner jetzigen gesündern Einbildungskraft ohne Gefahr, darunter. Bald nachher traf auch Bastian ein. Ich zog ihn aus Achtung für die Schwester mit an unsere runde Tafel. Margot blieb freilich die Perle von der Gesellschaft. Doch gehörten die beiden andern Gäste auch nicht unter die schlechten Feldsteine. Jeder hat seinen Wert, ob die Natur gleich keinen so begünstigt hat, wie jene, die der Politur nicht bedarf, um in den Schmuck einer Königin aufgenommen zu werden. Ich wollte indes doch nicht, daß du es in Berlin herumbrächtest, wie gemein ich mich wieder einmal gemacht habe. Ich trug noch der Kleinen viele Freundschaftsversicherungen an meine guten Wirtsleute zu Caverac auf. – Gott lasse es ihnen wohl gehen! Johann erbot sich, mir von Zeit zu Zeit Lieferungen von dem hiesigen vortrefflichen Muskatenwein nach Berlin zu besorgen. – »Und ehe der Sommer verläuft,« fiel ihm seine Frau in die Rede, »erfüllen wir das Versprechen, Sie selbst in Ihrer großen Stadt zu besuchen.« »Eins wie das andere,« erklärte ich ihnen dagegen, »bitte ich euch, anstehen zu lassen, bis ihr Nachricht von mir erhaltet, denn wahrscheinlich komme ich in kurzem wieder in diese Gegend, und lasse mich vielleicht gar, wie es Johann gemacht hat, häuslich hier herum nieder.« Sie machten große fragende Augen, ich hütete mich aber, so schwatzhafte Leutchen tiefer in jenes Geheimnis sehen zu lassen, das ich vor dem Altar des Janustempels in den Schoß meines St. Sauveur niedergelegt habe. Sie zerflossen beide in Tränen, als ich Abschied nahm, und ich und Bastian stiegen auch nicht mit trockenen Augen in den Wagen. Ich kam glücklich in den Posthof vor Montpellier, und, was mir ebenso lieb war, zeitig genug an, um diese medizinische Mördergrube heute noch verlassen zu können, und wenigstens ein paar Stationen auf meinem Wege weiter fortzurücken. Was sollte ich noch einmal zu Fuß in die Chinawurzel wandern? Ich bedurfte keines Gasthofs, mein Frühstück hatte mich hinlänglich gestärkt. Ich schickte also Bastian ab, um mit dem Wirte Richtigkeit zu machen, und setzte mich so lange unter den schattigen Überhang meiner Chaise, bis er von seinem Geschäfte zurückkam . . .

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