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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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»Die sinkende Sonne« – riß jetzt der Mönch uns alle aus unserer süßen Betäubung – »ziehe ihre letzten Strahlen als Krone über dies große gemeinschaftliche Fest. Fräulein von St. Aignan, Herr von St. Sauveur – ich rufe – als Priester dieses Heiligtums – rufe ich Sie beide Verlobte, und in gleicher Eigenschaft auch Sie auf, Herr von St. Aignan, Prinzessin von Montbasson, mir an die Stätte unsrer Anbetung des Allsehenden, Unerforschlichen und Gnädigen zum Empfang der heiligen Weihe Ihrer Verbindung zu folgen.« Er schwieg – ein wehmütig zärtliches Lächeln durchflog die errötenden Wangen der Aufgerufenen. Ihre feuchten Augen, zitternden Hände und gleichgestimmten Seelen begegneten sich, und in geschlossener Reihe traten sie dem ehrwürdigen Priester nach. Und als er nun vor dem Altare stand, beugte er dreimal sein graues Haupt über die gefalteten Hände, wendete sich darauf in dem Glanze seines Alters gegen die frommen, gehorsamen Kinder, sprach in rührendem Ton über jedes Paar das Gebet der Trauung, legte seine beiden Hände auf ihre Stirne und segnete sie. Und die zur Ehe Geweihten fielen auf ihre Knie und erhoben in sprachloser Andacht ihre Blicke zu der Madonna, dem Sinnbilde hoher weiblicher Würde, das von dem Schimmer der Abendsonne gerötet auf die Gruppe der Betenden herrlich zurückglänzte. Eine Stufe niedriger waren Klarens Vater und ihre Erzieherin, und an der Seite Agathens auch ich niedergefallen. Mein stilles Gebet schwebte in seliger Seelenvereinigung mit dem ihrigen empor. Ich erhob, wie sie, – o Eduard, wie würde ich mich gestern zu Cotignac dessen geschämt haben – Augen und Hände zu der unbefleckten Jungfrau, und hoffte unter heißen Tränen – nenne es Verirrung, nenne es Schwäche meines Verstandes – aber hingerissen von unwiderstehlichen Empfindungen hoffte ich ihre Fürbitte bei Gott für den Besitz des lieben Kindes neben mir zu erflehen, dessen schmachtende Augen, in Betrachtung vertieft, der Seelengröße nachzueifern schienen, die Guido seinem göttlichen Ideal angeprägt hatte. Freude und Wünsche umrauschten die Vermählten, als sie von den Stufen des Altars herabstiegen, und ach! ich wähnte die Umarmung zweier Verklärter zu sehen, als Agathe Klaren an ihre Brust drückte. Der Mönch, nach einigen leisen Worten mit dem Vater, grüßte uns alle und entfernte sich. Der Kirchner öffnete eine Seitentür der Kapelle. Eine Wendeltreppe leitete uns nach einem gewölbten Gange, in welchen wir Paar für Paar eintraten. Zu einer andern Zeit würden seine gotischen Fenster von farbigem Glas meine volle Aufmerksamkeit angezogen haben; aber ich führte Agathen, und wäre der Boden mit meiner Scheiben-Sammlung belegt gewesen, ihre Zertrümmerung hätte mich doch, glaube ich, nicht aus dem stolzen Takt meiner Tritte gebracht. Als wir an das Portal kamen, hob Klara die Hand ihres Befreiers an die Stirn und blickte, wie wir, mit Wohlbehagen noch einmal auf das düstere Gemäuer zurück, das wir verließen, indem die beiden Flügel der Klosterpforte aufflogen – und wie ich mir denke, daß es sein wird, wenn am Tage der Auferstehung die Gräber sich öffnen – wir aus ihrer Finsternis hervor hinüber in die Verklärung treten und einander zujauchzen: Wo bin ich? Wo bin ich? – so, Eduard, war uns in dem Augenblicke des Austritts zumute – denn wir standen – und unsere Gedanken verloren – unsere Begriffe vermengten, und alle unsre Sinne empörten sich – wie durch Gottes Finger berührt und in das innere Heiligtum seiner Größe versetzt, standen wir mit hinstrebenden Augen, wankenden Füßen und aufgehobenen betenden Händen vor dem überwältigenden Schauspiele, das ich dir letzthin mit ebenso schwachen Worten, als diese, zu versinnlichen suchte, vor dem hinunterwallenden brennenden Balle der Sonne, sahen erstaunend jenes Tal der Unschuld und Freude, unter dem dunkelblauen Überhange des Abends, wie ein Kind der Liebe der mütterlichen Natur in dem Schoß liegen. Das Wunder dieser Erscheinung wirkte gleich einem heftigen Fieber auf diejenigen, die es zum erstenmal erblickten. Fest aneinandergedrängt flammten ihre Augen, klopften ihre Herzen im Einklang – und jede Brust schmiegte sich an die andere, aber sie alle genossen des Erstaunens wie Kinder, ohne zu fragen. Mich allein belehrte die Erinnerung. Ich erkannte die Sonne . . . das Tal, dem ich schon so viele Freuden verdanke – den Landsitz meines Freundes – den Felsen meiner Wiedergeburt, und ward bald überzeugt, daß der Balkon, von dem wir herabsahen, über dem Eingange des Steinbruchs schwebe, an dem, wie du weißt, meine Baukunst so erbärmlich scheiterte – aber, Gott im Himmel! durch welche Rätsel hängt dies alles mit dem Kloster – den Urselinerinnen und der Feengeschichte Klarens und ihres Bruders zusammen? O du Schöpfer unnennbarer Empfindungen, teurer romantischer Saint-Sauveur! welche Kräfte standen hier deinem Systeme zu Gebote, und wie unwiderleglich hast du nicht heute seine ganze Schönheit entfaltet! Seine Augen hatten schon lange in stillem Seelengenusse an den süßen begeisterten Blicken des holden Kindes gesaugt, das in sich selbst vertieft mit schwellendem Busen in das magische Spiel des schwindenden Tages hinstaunte, ehe er dem noch größern Entzücken nachgab, das teuer errungene Geschöpf in die Arme schloß und sein volles Herz sprechen ließ: »Hier, Klara – hier in diesem Prachttempel der Natur wollen wir, fern von Klöstern und ihren Frömmlern, ein tätiges – und dem, der uns einander geschenkt hat – wohlgefälliges Leben genießen. Alles, was du heute gesehen, gefürchtet und erfahren hast, war Täuschung – nur die erhörten Wünsche deiner sterbenden Mutter – der Auftrag des redlichen Mönchs – nur meine Liebe, meine langgenährte unaussprechliche Liebe waren es nicht. Was du als verloren dahingabst, ist dein Eigentum geworden. Nur für den Einklang, für den Austausch unserer Herzen habe ich diesen Felsen gehöhlt, und der erste Segen Gottes, der in dieser Halle von seinem Diener gesprochen ward, fiel auf dein Haupt. Unter allen Altären zur Ehre Gottes, wo in der weiten Welt ward ihm, als in dieser Kluft, einer errichtet, der seiner würdiger wäre? Wo ist je einer geschmückter gewesen, als dieser durch die Blüten deines kindlich-gehorsamen, frommen und edlen Herzens? Ewigen Dank, teures Weib, für das Wort der Liebe und Weihe, das ihm entquoll. Es müsse mich einst vor dem Throne Gottes verklagen, wenn ich je des Wohlklangs vergessen könnte, mit dem es an das meinige anschlug. Ich habe dich errungen. Kann ich wohl seliger werden?« – – Unter welcher zarten weiblichen Erschütterung folgte nicht das holde Mädchen dem Strome dieser Worte! Nur Seufzer der innigsten Freude unterbrachen seine Rede, und heilige Tränen belohnten den geliebten Schwärmer. Seine Seele brauchte Erholung. Sie ruhte aus auf der Höhe ihres Entzückens, dann stieg sie erleichtert, sanft und freundlich zu dem niedern Zirkel herunter, der im stillen ihrem Auffluge nachblickte. »Vergib mir,« wendete er sich zuerst an Agathen, »die lange Angst, der ich dich am Eingange eines ewigen Kerkers aussetzte. Der heutige Festtag führt dich der freien Luft, der Natur und der treusten Freundschaft zurück. Vater meiner Klara und auch Sie, vortreffliche Frau, die sie nur erzog – habt Dank, ihr guten Menschen, für das große Geschenk, das ihr meiner Liebe aufhobt. – Oh dieser einzige Abend! Welch einen edeln und glücklichen Zirkel umspannt er nicht!« St. Aignan, für jede Teilnahme an anderen – nur in den Blicken seiner Montbasson verloren, bemerkte nicht einmal, mit welchem feinen Gefühl ihn sein freundschaftlicher Schwager überging und seine Hand mir reichte. »Guter, stolzer Berliner,« kam er mir entgegen, »wie kützelt es mich, daß auch du Zeuge des Glücks eines Franzmanns in der schwürigsten Eroberung – und« – setzte er lächelnd hinzu – »auch der Wahrheit seiner Überraschungstheorie sein konntest.« – »Meinen ganzen Beifall,« stammelte ich, und drückte tränend ihn an mein gepreßtes Herz. Seine trauliche Ansprache und Umarmung zog mich, als hätte mir unser Monarch das Band des Verdienstes umgehangen, auf einmal aus meiner Dunkelheit hervor. Klara erinnerte sich unseres nächtlichen Spazierganges mit bedeutenden Winken. Ihre Erzieherin bot mir ihre Dose, und Agathe von selbst ihren Arm, als die Gesellschaft ihren hohen Standpunkt verließ. Während schon die Abendröte zu verblassen anfing, leitete uns der liebe Mann eine versteckte Treppe herab, durch schlängelnde Akaziengänge des Parks, seinem Wohnsitze zu. Ich bemerkte, so für mich, daß wir uns doch ein wenig über die Zeit mit unsern Entzückungen auf dem Balkon verweilt hätten, denn ich konnte kaum Agathens Gesichtchen mehr erkennen – aber wie schnell verstummte meine Kritik, als mir beim Austritt aus dem düstern Gebüsche das Schloß unsers Anführers mit tausend bunten Lampen, wie mit Diamanten behängt, entgegenstrahlte. Ein neuer überraschender Anblick, jedoch nur wenige Minuten. Wir huldigten nur so lange der Pracht und der Kunst, bis sie uns selbst an die schönere Natur und durch eine vortretende Inschrift über dem Eingange an das dreifache Fest der Geburt – der Erlösung und der anbrechenden Vollendung des gefeierten Mädchens erinnerten. Unsre geblendeten Augen, alle zugleich, wie durch den Druck einer Feder, auf die einzige gerichtet, erfaßten, umschlangen und entwickelten nun die schlanke, holde, siebzehnjährige Gestalt. – Die Bebungen des durch die kleinsten Fältchen ihres sittsamen Nonnengewandes spielenden Lichts setzten ihre Schönheit in einen so ätherischen Schimmer und uns alle in eine so optische Täuschung, daß in einer Art taumelnder Erwartung: jetzt werde sie der Erde entschweben, eine Zunge der andern den Ausruf abnahm: Welch ein Mädchen – welch ein überirdisches Mädchen! Ach, sie ist zum Engel geboren. Spotte nicht etwan, guter Freund, meiner enthusiastischen Schilderung! Niemand fühlt die Anstrengung der ohnmächtigen Sprache lebhafter als ich; aber ich kämpfe hier so vergebens mit Worten, wie Raphael bei dem letzten Gemälde seiner Hand mit den Farben: denn welcher Sterbliche vermag das Ideal einer Verklärung zu erreichen? Während dieses Vollgenusses des Gesichts schienen meine vier übrigen Sinne wie in dem tiefsten Schlafe versunken, aber nur zu bald wurden auch sie berührt, erweckt und in die Bezauberung des ersten verflochten; denn als wir auf einen Wink des Gebieters Hand in Hand uns seinem Tempel näherten, die Türen zwischen flammenden Säulen aufflogen, – Rosenduft unseren Geruchsnerven – Töne der Harmonika unserm Gehör entgegenschwammen – zwölf gaukelnde Genien uns zum Hochzeitmahl einluden – da wußte wahrlich kein Sinn mehr, welcher, in dieser allgemeinen Befriedigung, der glücklichste sei. Wir würden uns gern für Geister gehalten haben, hätte nicht der eintretende Hunger, als wenn er von einer langen Reise zurückkäme, seine vergeßlichen Freunde belehrt, daß sie ihm noch untertan und auch heute nichts mehr als sehr glücklich versorgte Menschen wären! Wollte ich dir jetzt erzählen, daß wir uns setzten, aßen und tranken, bis wir satt waren – so könnte meine Beredsamkeit den Stuhl, den ich einnahm, noch so elastisch polstern – die Tafel, die vor mir stand, noch so reich besetzen – meinem Gaumen sogar alle die Gerechtigkeit erweisen, die man ihm unter den Schlemmern zugesteht, und ich würde dir doch nur am Ende nichts als eine alberne Wahrheit gesagt haben. Dafür bewahre mich die Harmonie des Ganzen, die dies hochzeitliche Mahl vor allen und jeden, die mir in meinem Leben Langeweile gemacht haben, auszeichnete. Ich weiß dich besser zu schätzen . . .

Mir aber, als die Glücklichen verschwunden waren, als ich, statt eines Sylphen, von einem gemeinen Diener geleitet in das Zimmer trat, das mir seine Fackel anwies, und ich über mein einsames Bett hinblickte – mir war, als hörte ich alle Tore des Lebens und der Freude hinter mir zufallen. Ich erschrak, hob den Vorhang des Fensters, riß die Flügel auf, und meine feuchten Augen flogen über die Milchstraße hinaus, dem entgegen, der in seinem Gewühl leuchtender Welten jeden Wurm mit Liebe umfaßt – dachte an Agathen – und oh, rief ich –

    Du, der von Ewigkeit her den Busen reizender Frauen
    Zum besten Spielraum der Männer erwog,
Der diese Stunde gelenkt, die durch ein süßes Vertrauen
An Lieb' und Wahrheit, zwei fromme Kinder den Klauen
            Der Klosterhyder entzog!
    Wie wollt' ich deiner Erbarmung
    Nicht danken, führtest auch du
        Der Andacht meiner Umarmung
            Die dritte Heilige zu!

Achtete auch der Allweise die törichten Gebete nicht, die uns in dem Rausche der Sinne entsteigen; so haben sie doch das gute, den Verarmtesten die zwei schönsten Blumen des irdischen Lebens, Hoffnung und Geduld, in den Schoß zu legen. Auch ich kam von meinem Ausblicke in die obere Region um ein Merkliches beruhigt zurück. Meine sinnlichen Wünsche verloren ihre Heftigkeit, als ob sie erreicht wären, und ich fühlte mich abgekühlt genug, über Agathens Schleier hinweg, nach manchen andern Rätseln zu greifen, die mir der verlaufene Tag eben so unentwickelt zurückgelassen hatte.

Denn, wenn ich gleich jetzt ohngefähr erraten konnte, in was für Betrachtungen Saint-Sauveur auf unserm Wege nach Toulon so vertieft war, daß er sich wenig um meine Verzückung in den Himmel und um meine Hymne an das Gestirn des Tages bekümmerte – es mir auch ebenso begreiflich ward, warum er mich im Gasthofe zum silbernen Anker mit meiner Scheibensammlung allein ließ, und es ihm so sehr zur Unzeit kam, daß mein verlorenes Einlaßbillett einem Spieler, zur Nachfolge für andere, seinen Weg wies – wenn gleich die Seufzer, die damals Klaren entstiegen, als ich ihr meinen Arm bot, und ihre stillen Tränen in den Kelch einer Passionsblume, so wenig als die Erschütterung, die ihr die Gebetglocke des nahen Klosters – der Mönch auf der Galeere und das Mitleiden mit Agathen verursachte, jetzt noch einer nähern Erklärung bedurften – ich auch meine vorgestrige Verwunderung über das Geschäft meines Freundes in dem Steinbruche herzlich belachen mußte, und nicht mehr auf ihn böse sein konnte, daß er während der Veranstaltung seiner heutigen Überraschung mich auf ein Schiff bannte und gewaltsam nötigte, Voltaires Geburtstag zu feiern: – so blieben mir doch genug neugierige Fragen über den Zusammenhang der heutigen seltsamen Ereignisse übrig, die ich mir schlechterdings nicht zu beantworten vermochte. Diese schwierige Aufgabe würde mein Nachdenken noch lange beschäftigt haben, wenn es nicht ein Umstand unterbrochen hätte, der für mich keine Kleinigkeit war. Ich hörte die Seitentür öffnen, die nach dem Park führt – Das ist Agathe, sprang ich von meinem Stuhl auf, die vermutlich, so unruhig als ich, nach Luft schnappt – trat ans Fenster – hörte sie – sah ihren Schleier zwischen den Akazien wehen, und nun war vollends meines Bleibens nicht mehr. Ich eilte aus meinem Zimmer durch das Portal, an dessen Säulen noch einige verlöschende Lampen zitterten. Zu einer andern Zeit würde ich sie als ein treues Sinnbild der Vergänglichkeit aller menschlichen Freuden, in Vergleichung mit den ewigen Lichtern am Himmel, vielleicht länger betrachtet haben; aber in diesem Augenblicke dachte ich weder an Zeit noch Ewigkeit, sondern – solltest du es wohl glauben? an die kleine zarte Mignonne unseres Nachtisches. Großer Gott, und ich suchte Agathen! Ich hatte die längste Weile die lispelnden Sträuche durchirrt, ohne sie zu entdecken, und ich fing schon an zu fürchten, daß es mir hier noch einmal mit meiner Stirne ergehen möchte, wie vor einigen Monaten zu Caverac, als glücklicherweise ein Fünkchen, das mir in einiger Entfernung entgegenblinkte, meiner gesunkenen Hoffnung wieder aufhalf. Dort – ja dort sitzt das liebe Kind, ihr kleines Laternchen neben sich, auf einer Rasenbank, und so geschwind, als dieser Gedanke, war auch der Zaun, der den Grasplatz von dem Park abschnitt, überstiegen. Ich will sie nicht erschrecken, nahm ich mir vor, glaubte auch, ich ginge langsam, kam aber bei allem dem bald genug meinem Gegenstande so nahe, daß ich, bestrahlt vom Lichte, zwar nicht Agathen, aber eine andere menschliche Figur unterscheiden konnte, die sich langsam an einer Urne in die Höhe richtete und mir kein geringes Grausen erregte, ehe ich bemerkte, daß es der Spender des heutigen Segens – der fromme Mönch war, der mir entgegentrat . . .

Erst durch die zudringlichsten Fragen und durch Zusammenstellen seiner kurzen Antworten konnte ich mir über seine Würde – seinen Anteil an den frohen Begebenheiten des heutigen Tages und den geheimen Zusammenhang derselben Licht verschaffen. Saint-Sauveur, dessen hohe, tätige, romantische Tugend er mir nicht beredt genug schildern konnte, brachte ihn in die Bekanntschaft von Klarens Mutter, die zwar eine religiöse Schwärmerin, aber zum Glück für die Tochter eine ebenso rechtschaffene, verständige und lenksame Frau war. Sie hatte bei der schmerzhaften Geburt derselben der Maria das Gelübde getan, sie der Entsagung des Ehestandes und dem Klosterleben zu weihen und durch ein feierliches Testament ihr alle Mittel benommen, ein anderes zu führen. In einer solchen Lage fand der Dominikaner diese Gewissenssache, als er in dem Hause des Gouverneurs bekannt und von seiner Gemahlin zum Beichtvater gewählt wurde. Der rechtschaffene Mann nahm sich sogleich auf das heiligste vor, die Mutter von ihrer Verblendung zu heilen und das unschuldige Kind zu retten. Er bemächtigte sich der Freundschaft und des Vertrauens der Marquise und stieg endlich in demselben so hoch, daß er es wagen konnte, ihr seine bessern Grundsätze vorzulegen; aber welche Gewandtheit, welche sanfte Beredsamkeit mußte er nicht anwenden, um die fromme Frau nur erst bis zum Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihres Gelübdes – und welche List der Tugend, um sie bis zur Bereuung desselben zu bringen! Endlich gelang es seinem standhaften Eifer, den schwachen Grund insoweit zu untergraben, daß die Säule ihres Aberglaubens – wo nicht ganz einstürzte, doch um ein Merkliches sank. Als er eines Morgens das kleine liebe Mädchen auf den Arm nahm, sich an ihren Schmeicheleien ergötzte, ihre großen blauen Augen, ihre zum Küssen einladenden Lippen und die herrlichen Züge betrachtete, die schon damals ihr Gesichtchen zum Verwundern erhoben, rief er bewegt: Und alle diese Kleinodien der Natur, diese Geschenke Gottes sollen dem menschlichen Glücke entzogen und lebendig vergraben werden, bis sie unter dem peinlichsten Gefühle zu Reliquien verschrumpfen! Diese Worte und die männliche Träne, die dabei über seinen schneeweißen Bart rollte, erschütterten das mütterliche Herz. – Nun, so zeigt mir, grausamer Mann, schluchzte sie, einen Ausweg aus diesem Labyrinthe, ohne meinen Eid zu brechen, und Ihr mögt es bei Gott und seiner heiligen Mutter verantworten. Ja, das will ich, rief er ernst und feierlich, und brachte nun einige Tage nachher das Kodizill zustande, das er mit ihr verabredete, selbst aufsetzte und mit einem Eide übernahm, es unter keiner andern als den festgesetzten Bedingungen geltend zu machen, die aber immer noch schwärmerisch und durch die Möglichkeit, daß Klara auf ihrer Seite sie nicht erfüllen würde, furchtbar genug waren. Denn hätte das gute Kind, in der angeordneten Betäubung, den Wurm, der ihr Herz nagte, aus weiblicher Schwäche verhehlt – vor ihrer feierlichen Entsagung, nicht unter den Augen des Mutterbilds der Maria den Mann genannt, der ihr den Übertritt ins klösterliche Leben so schwer mache – alle Mühe des redlichen Mönchs, das Kodizill – Brief – Ring – und die Erbschaft wären für sie verloren, und dem Kloster, in das sie aus jener ländlichen Kapelle versetzt zu werden in Gefahr stand, verfallen gewesen. Daher kam die angstvolle, erschütternde Beschwörung des Mönchs, daher das Schweben zwischen Furcht und Hoffnung des armen Brigadiers, der hinter dem verhängten Gitter mit gleicher Bangigkeit wie der Flügelmann, den er vor einigen Tagen überraschte, Leben oder Tod von den Lippen seiner Geliebten erwartete. Daher ärgerte ich mich ganz umsonst über die zweideutige Voraussetzung des Dominikaners in Ansehung des Schenkungsbriefes. Die entlassene Novize wagte nichts, ihn zu bestätigen; denn er lag ja in den Domänen ihres Bräutigams und konnte nun nicht mehr in unrechte Hände fallen. Und ach! wie manche andere Dinge, die ich heute morgen ganz der Quere nahm, setzte mir diese nächtliche Unterhaltung erst ins klare. Doch, ich habe dir noch lange nicht die Geistesgröße dieses seltenen Mönchs in ihrem ganzen Umfange dargelegt. Nach dem Tode seiner schwärmerischen Freundin widmete er alle seine Sorgfalt der verwaisten Tochter, deren gutes oder böses Schicksal in seinen Händen lag. Er sah die Rettung aus der Gefahr, die ihre Zukunft bedrohte, als den Zweck seines Daseins an. Aber welch ein Mann! rufe ich mit der höchsten Bewunderung aus, der sich durch den langen Zeitraum, der sein Ziel verbarg, so geschickt zu winden wußte, daß der Preis seiner Anstrengung nicht verloren ging, – der so viele Menschenkenntnis besaß, um die Kräfte der verschiedenen Federn so zu berechnen und zu spannen, daß sie die beabsichtigte Wirkung hervorbrachten – der bei den Schwierigkeiten, die ihm entgegentraten, nie in der Wahl der Hülfsmittel fehl griff – und Herzen in Flammen sogar mit solcher Behutsamkeit zu lenken verstand, daß sie, ohne seine Absicht zu ahnden, den glücklichen Ausgang seines geheimen Spiels befördern mußten. Daß er dieses alles in seiner Kutte geleistet hat, wird dir der Verfolg meiner Erzählung beurkunden. Den Gouverneur schien das Testament seiner Gemahlin nicht weiter zu beunruhigen, sobald er hörte, daß die Vollstreckung seinem würdigen Hausfreunde übertragen war; er kannte seine Grundsätze und merkte bald, daß es nicht ein Kloster sein konnte, wohin er seine Pflegbefohlene zu leiten suchte. Er verabredete den Plan ihrer Erziehung mit jener trefflichen Frau, die ihre treue Begleiterin bis vor dem Altare blieb, wo auch sie durch den Preis überrascht wurde, den ihr Liebling erhielt. Er gab ihr an der Prinzessin von Montbasson und Agathen zwei liebenswürdige Gespielinnen zu, und verbarg dies reizende Trio der Neugier und der Verführung unter die Schatten eines frohen, ländlichen Wohnsitzes, wo ihnen nur die Natur zuflüsterte und ihre Herzen und Augen unbefangen blieben. Hier tränkte er ihre Seelen mit großen, erhabenen, freundschaftlichen Empfindungen, bereicherte ihren Verstand mit den schönsten Kenntnissen, übte ihre Hände in den geschätztesten Talenten, und sorgte gleich der zärtlichsten Mutter für das Gedeihen ihrer aufblühenden Reize. Mit allen diesen, Klosterfrauen unnützen, Vollkommenheiten, brachte er Klaren in ihrem funfzehnten Jahre dem erstaunten Vater zurück und in Saint-Sauveurs Bekanntschaft, den er schon längst als ihren Retter ausersehen hatte. »Oh, der Freude, die ich damals empfand,« strömte es ihm von der begeisterten Zunge, »als ich den tiefen Eindruck bemerkte, den das schöne herrliche Kind auf sein Herz machte. Ich hatte gewonnen – ihre gegenseitige Zuneigung stieg mit jedem Tage höher – endlich so hoch, daß sie nach meinem Wunsche einander unentbehrlich wurden. Jetzt erst, da das holde Mädchen der gebenedeiten Jungfrau schon zu weit aus den Augen war, um ihren Ruf zu hören, trat ich mit dem furchtbaren mütterlichen Testamente auf. Da ich, seitdem sie unter meiner Aufsicht stand, dessen nie mit einer Silbe erwähnt hatte, so erschreckte sie mein unerwarteter Vortrag – ungefähr wie ein aufgefundener Wechselbrief, den man längst für verloren gehalten und vergessen hat, ob man gleich, wenn die Zahlung gefodert wird, die Schuld nicht ableugnen kann. Jeden andern aber, der davon hörte, erschütterte diese Neuigkeit, und ich mußte sogar die gehässigsten Nachreden über mich ergehen lassen. Nur sie, die fromme Tochter, benahm sich groß und edel, sobald der erste Schrecken vorbei war. Sie kämpfte zwar, aber nur wenig Minuten, mit der Notwendigkeit ihres kindlichen Gehorsams – empfahl sich der Barmherzigkeit Gottes, und unter einigen zärtlichen Tränen, die sie dem Andenken ihrer würdigen Mutter darzubringen glaubte, wählte sie das Kloster der Ursulinerinnen, von denen ich einigemal rühmlich gesprochen hatte. – Ja, einige Stunden nachher konnte sie sich selbst über den Zuwachs an Vermögen freuen, den ihr guter Bruder durch ihre Annahme des Schleiers erhalten, und mit ihrer geliebten Montbasson in glücklicher Zufriedenheit genießen würde. Der Marquis, der diese Nachricht durch einen Brief erfahren hatte, schickte mir einen Wagen mit sechs rauchenden Pferden, die mich abholen und auf seinen Landsitz bringen mußten. Ich fand ihn – diesen sonst so mutvollen Mann, niedergeschlagener als ein Kind, und der hohe Grad von Wehmut, der über sein ganzes Wesen verbreitet war, hätte wohl jedes andere Herz als das meinige, das so freundschaftlich für ihn schlägt, zum tiefsten Mitleiden bewegen müssen. – Mein Freund, wimmerte er mir tränend entgegen: – aber es war mir nicht möglich, ihn weiter fortjammern zu lassen. – Ich unterbrach ihn mit einer so gelassenen Miene – mit einem so viel versprechenden beruhigenden Händedruck – daß ihn sogleich aus der Dunkelheit meines Auftrags ein Strahl der Hoffnung überschimmerte. – Kleinlaut fragte er mich: Darf ich den Engel noch fortlieben? Ich bejahte es. Darf auch sie? Ich schwieg; aber ich bat ihn um einen Platz zur Errichtung einer Kapelle. – Er bewilligte es mit einem starren Blick. – Ich hatte schon längst seinen Steinbruch umgangen und gemessen, und überreichte ihm jetzt meinen Plan zur Einrichtung. – Er billigte alles, sobald er auf der Waldseite den Eingang in die Kapelle, auf der andern den Balkon mit der Treppe in seinen Park erblickte. Er umarmte mich einmal über das andere – hielt sich eine ganze Weile die Hände vor die Augen – überrechnete die Zeit bis zum Geburtstage des Fräuleins, kritzelte in der Geschwindigkeit einen Brief an den berühmtesten Baumeister in Marseille – riß mir meinen Plan aus den Händen, und befahl dem Haufen seiner Bedienten, alle mögliche Maurer und Zimmerleute, die sie auftreiben könnten, für doppeltes Tagelohn anzuwerben. Wie schlug mir das Herz bei dieser leidenschaftlichen Heftigkeit, indem ich daran dachte, wie es zwar nicht wahrscheinlich, aber doch möglich sei, daß Klara in dem entscheidenden Augenblicke verstummte; und auch bei ihm trat bald nachher die Furcht der Ungewißheit an die Stelle der kleinen Hoffnung, die ihm mein Händedruck mitgeteilt hatte. Ich konnte und durfte ihn nur mit halben Worten trösten, und verließ ihn endlich mit der ernstlichen Bitte, Klaren in ihrem jetzigen Traume nicht zu stören, nie mit ihr von seiner Liebe zu sprechen, sie weniger zu sehen, und das übrige der Zeit und der Hand Gottes anheim zu geben. Eine viel größere Sorge hat mir die edle Montbasson durch ihren schnellen Entschluß gemacht, der Freundschaft das große Opfer ihrer Liebe zu bringen. Sie bekam auf einmal eine Abneigung gegen den Bruder, der sich durch das Unglück seiner Schwester, wofür sie es ansah, bereichern sollte. Durfte ich ihr wohl entdecken, wie großmütig er gehandelt hatte, sobald er die Klausel in dem Testamente erfuhr? Mußte ich nicht fürchten, daß die heroische Tat einer Jugendfreundin einen nachteiligen Eindruck für Saint-Sauveurs Liebe auf Klarens Herz machen würde? Ich bat Gott inbrünstig um Weisheit zur Leitung dieses so verwickelten Geschäfts – teilte meine ganze Aufmerksamkeit zwischen beide Freundinnen, belauschte das in zärtlich-freundschaftlicher Wehmut dahinschmelzende Herz der einen, und rief Saint-Sauveur zu Hülfe, wenn es sich ganz für ihn verlaufen wollte, und half der gewaltsam unterdrückten Liebe der andern, ohne daß sie es ahnden konnte, wieder in die Höh, und da sie dennoch auf ihrer religiösen Schwärmerei blieb, setzte ich meine ganze Hoffnung auf den Ausgang des heutigen Festes, dem sie selbst den eifrigsten Wunsch äußerte, als Choristin beizuwohnen – als sie hörte, daß ich eine Kapelle der heiligen Ursula durch Klarens Eintritt in das Noviziat einweihen würde. Sie erbat sich von der Äbtissin die Erlaubnis dazu, in der gewissen Hoffnung, gleich nach der Zeremonie mit ihrer Busenfreundin zurückzukehren und sie bei den Klosterschwestern einzuführen. Oh, wie unendlich hat mich Gott für die Sorge belohnt, die ich für diese herrlichen Geschöpfe getragen habe! Die vielen bänglichen Jahre, die vorangingen, liegen jetzt so vergessen hinter mir, als wenn sie nie dagewesen wären, und meine Seligkeit, scheint es mir, hat mit dem heutigen Tage ihren Anfang genommen.« »O lieber, biederer, großmütiger Mann,« rief ich aus, als er schwieg, »möge Gott doch noch lange Euer ehrwürdiges Leben fristen und Euch noch oft auf die Spur bringen, arme Verirrte und Verlockte zu ihrem wahren Beruf zurückzuführen!« Ich fiel ihm, als wir an das Gartentor kamen, um den Hals, bat um seinen Segen – schlug aber, statt ihn hinaus zu begleiten, aus einem eigenen Gefühl, den Feldweg ein, den ich gekommen war. Nach dem Kapuziner auf der Galeere war er der zweite Mönch, den ich umarmte, und ich kann wohl sagen, herzlicher noch als jenen. Sie verdienen beide die Bewunderung fühlbarer Seelen – aber welcher verdient sie wohl mehr? Jener, der Unglückliche bei dem Bewußtsein ihrer Schuld vor Verzweiflung bewahrt, oder dieser, der Unschuldige von einem moralischen Tode rettet? Gott mag entscheiden, ich kann es nicht. Ach, mit welchen herzerhebenden ganz andern Empfindungen – selbst der glückliche Saint-Sauveur, dächte ich, müßte mich darum beneiden – überstieg ich jetzt zum zweitenmal den Gartenzaun! Oh, der Mensch ist nicht so bösartig, als man ihn gewöhnlich ausschreit, oder er sich oft selbst hält! Er sucht zwar nicht gern die Szenen auf, die sein Herz rühren und bessern könnten, aber führt ihn der Zufall dahin, so hängt er sich leidenschaftlicher daran, als an seine strafbaren Irrtümer. Schon traten, als ich mich dem Park näherte, die verbleichten Bilder der Natur hinter dem grauen Vorhang, der sie verbarg, farbig wieder hervor. Das Säuseln des Erwachens – der Gesang des Lebens – die Freude des Wiedersehens – die Auferstehung eines neuen Tags begann. Wie möchtest du jetzt an dein Bette denken, sagte ich zu mir selbst, und wenn es Agathens Reize umschlösse, ich würde mein Herz zuvor durch den Anblick der aufgehenden Sonne erwärmen, ehe sich meine Augen in den ihrigen berauschten; und wäre es der fröhlichste Bürger der Erde, der ungeduldig anklopfte, er müßte warten, bis ich seinen Schöpfer begrüßt und in dem Meere seines Lichts meinen Bildungstrieb gereinigt hätte. Ich lagerte mich an den Stamm einer Balsamfichte und erwartete das große Schauspiel mit dem Entzücken, das ich schon kannte. Die Wolken zerflossen, der Mond verblich, die Sterne verloschen, und nun schwenkte sich das gebietende Gestirn aus der Unterwelt über unsern Erdball herüber, ergoß seinen Lichtstrahl und wirkte. Mein Auge spiegelte sich in den Tautropfen, die, wie reine Herzen, wenn sie brechen wollen, noch einmal aufschimmerten und verdunsteten. Unwillkürlich streckten sich meine Arme dem Wunderballe entgegen, der an den Bergsaum heraufrollte, und der Drang hoher Empfindung suchte einen Ausweg über die lallenden Lippen: Ach wo, rief ich in meinem Entzücken – wo gäb' es in der Natur einen Gegenstand, der rührender an das menschliche Herz spräche? und hörte hinter mir rufen: Hier! Betroffen sah ich mich um, und Saint-Sauveur und Klara, an seine Brust gelehnt, waren es, die mich behorcht hatten. – »Oh, ihr habt recht,« sprang ich von meinem Sitze auf, »ihr trefflichen Menschen! Eure Liebe ist rührender, ist edler noch, als der Glanz der Sonne.« Sanft lächelnd gaben sie sich meiner Betrachtung preis, und mein Blick weidete sich an dem für ein unschuldiges Herz erstaunlichen Bewußtsein, das in den Augen des jungen Weibes lag. Wer hätte in Anschauung ihrer nicht alles vergessen – welcher Firnis seliger Gefühle überglänzte nicht ihr verschämtes Gesicht – wie sanft verlor sich nicht ihr Nachdenken in der Glorie des ersten anbrechenden Tages ihrer großen Errettung – wie freundlich spielte nicht sein Strahl um ihren in frohlockenden Dankgebeten schwellenden Busen, der unter blaßroten Schleifen eines weißen Gewandes sich allen Blicken noch ebenso schüchtern als gestern unter dem Nonnenschleier verbarg. So verschließt die Nachtviole jedem Lichtstrahle ihren duftenden Kelch – hüllt sich in den Instinkt ihrer angebornen Würde, und öffnet ihren Wohlgeruch nur den verschwiegenen Schatten. Doch in welches poetische Labyrinth verlockt mich nicht dieses herrliche Weib! Ich könnte alle Blumenbeete durchstöbern, und würde doch die schönste nicht bedeutend genug finden, um dir ihre – so weit von berlinischem Prunk abstehende Grazie zu versinnlichen. Saint-Sauveur fühlte sein Glück und mit Recht unendlich stärker als ich – senkte schweigend sein gerührtes Auge auf die holde Gestalt, die zu ihm auflächelte, und schien sich in dem ruhigen Stolze seines Gelingens für einen Gott zu halten, dem ein seliger Engel in dem Arm liegt. Wie die Sonne höher trat und blendete, wand sich das reizende junge Weib, wie ein bittendes Kind, aus den zögernden Händen ihres tändelnden Freundes. – Er träumte ihr einige Augenblicke nach, dann nahm er mich bei der Hand. »Ich bin nun diesen Morgen ganz dein, Wilhelm!« sagte er. »Laß uns das Tal durchstreichen, und hilf mir einen Menschen in der weiten Welt entdecken, der glücklicher ist als ich, damit sich nicht Übermut meiner bemeistere.« Unvermerkt leitet ihn der Hang seines Herzens zuerst auf unserm Spaziergange nach dem Janustempel, der ihm seit gestern nach seinem Brautbette wohl der liebste Fleck der Erde geworden ist. Während er nun unter der zierlichen Wölbung nur die einzelnen Stellen aufzusuchen schien, über die Klarens Füße geschwebt hatten, wo sie saß, zitterte, weinte und ohnmächtig ward, verbreitete sich meine Bewunderung über das einfache schöne Ganze. »Ich sehe wohl,« rief ich endlich lachend meinem Freunde zu, »daß du über die Benutzung dieses Juwels von Felsen nicht nötig hattest, weder mich noch meinen alten Lehrer der Baukunst, den ehrlichen Sperling, zu Rate zu ziehen.« – »Wie?« unterbrach er mich ganz betroffen, »heißt denn der alte Gurkenmaler so, der an dem Hafen wohnt?« »Jawohl,« sagte ich, »aber er hat seinen deutschen Namen ins Italienische übersetzt, seitdem er hier ist.« – »Das tut mir sehr leid,« versetzte Saint-Sauveur, »denn, wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz betrügt, so habe ich schon mehrmalen nach demselben Manne Steckbriefe in den Berliner Zeitungen gelesen, die ich bloß eures Königs wegen noch halte.« – »Nach Theodor Sperling?« – »Ja, gerade nach diesem.« – »Unmöglich,« fuhr ich fort, »dieser, zwar als Künstler sehr unbedeutend, ist jedoch die ehrlichste Haut, die ich kenne, und wahrlich auch nicht verschmitzt genug, der preußischen Polizei zu entwischen – du irrst dich, lieber Mann!« – »Nun, das ist leicht zu erörtern,« antwortete er sehr bestimmt, und befahl dem Bedienten, der uns von weitem nachgetreten war, nur die zwei letzten Monate der deutschen Zeitung bei seinem Kutscher zu holen, der sie aus Vaterlandsliebe sammelt. Mittlerweile gerieten wir in ein Gespräch, das mir mit jeder Minute wichtiger ward. Saint-Sauveur zeigte mir von weitem in seiner magischen Laterne den Plan, den er angelegt hatte, um den ohnehin glücklichsten Sommer seines Lebens durch Hülfe der Kunst, der Natur und seines Überraschungssystems noch mehr zu erhöhen. »Die nächsten acht Tage«, sagte er, »bleiben wir in diesem Freudentale beisammen – dann schwinge ich mich mit Klaren – wie Vertumnus und Pomona, auf das erfrischende Hochgebürg meines Stammguts. Mein Ahnherr, der diese romantische Burg erbaut und mit unserm Geschlechtsnamen beehrt hat, muß die Gabe besessen haben, in die fernste Zukunft zu blicken, und mich unter seinen Nachkommen seines Schutzes am würdigsten zu halten, so genau paßt das Ideal, das ihn beim Anbau jener Gegend leitete, zu meinen glücklichen Verhältnissen . . .

»Meine dortigen Besitzungen« . . . »gehören in allem Ernst zu den angenehmsten in Frankreich. Sie sind mit Wäldern durchflochten, wie du sie liebst, das Klima ist ganz deutsch, die Luft gesund, die Natur groß, fruchtbar, heiter und wohltätig, und mit meinen romantischen Anlagen wirst du zufrieden sein.« Das mag wohl alles seinen Wert haben, dachte ich, aber treffe ich es denn nicht auch in Deutschland wieder an? Es ist eine eigene Sache mit dem Heimweh – ich überhörte nochmals seine freundschaftliche Einladung und blieb unerschütterlich bei meinem Vorsatze – aber jetzt rückte er mir das Zuckerbrot unter die Augen. »Auch Agathe wird uns begleiten,« warf er noch am Schluß seiner Rede so hin – – – und nun verriet sich das Kind mit seiner ganzen Schwäche auf einmal. Ich stutzte – doch länger nicht, als ich Zeit zu dem pfeilschnellen Gedanken brauchte, welche Lust es sein müßte, in den dortigen herrlichen Wäldern, Agathen am Arme, zu wandeln [und] der Vorzeit in den alten Rittersälen mit ihr nachzuspüren . . . Mag doch aus meinem Vaterlande werden was Gott will! – dort komme ich immer noch zeitig genug an, und ohne mich länger zu besinnen, gab ich mein Jawort zweimal hintereinander. Indem brachte der Bediente das Paket Zeitungen, ich schob es in die Tasche, ohne es anzusehen. Mein Freund hatte mich in eine Gegend verzaubert, aus der ich mich nicht wieder wegbringen konnte. Er mußte mir alles auf das genaueste vormalen und beschreiben. – Alle Winkel in seiner Burg waren mir lieb geworden, und ich hätte mich mit Agathen finden wollen wie zu Hause. Wäre ich in diesem Momente vom Schlage gerührt worden, o Gott, wie viele köstliche Aussichten des Lebens – welche süße Erwartungen hätte ich verloren! Das geschah nun zwar nicht, dafür traf mich aber eine andere Widerwärtigkeit, die jener nichts nachgab. Man händigte mir – und die Rede blieb mir im Munde stecken – einen Brief ein, den eben eine Stafette gebracht habe. »Gib Acht,« erschreckte mich Saint-Sauveur, »die Unwissenheit der berlinischen Ärzte hat gesiegt – euer großer Friedrich wird dahin sein, und dann erbarme sich Gott deines Vaterlandes!« – Ich riß den Umschlag auf – las – erblaßte, als ob er es erraten hätte – und nun reichte ich ihm das elende Geschreibe zu seiner Beruhigung hin. – Mit der meinigen war es vorbei. Ich setzte mich auf eine Altarstufe und hing den Kopf. »Was zum Henker hast du da für eine Korrespondentin,« fragte Saint-Sauveur, als er die Unterschrift zuerst an sah – »Elektra? – dermalen auf dem Jahrmarkt zu Montpellier?« – Ich gab ihm Aufschluß, so gut ich konnte – aber jede Zeile, die er weiter las, nötigte ihn zu einer neuen Frage, die endlich, zusammengenommen, ein Verhör bildeten, wobei ich nur zu sehr fühlte, wie albern ich aussah – »Du hast also deine Livreen auf dem Trödel gekauft? Schmuck von Wert darin gefunden? und ihn seinem Eigentümer nicht wieder gegeben? und darüber, wie ich sehe, zwei ehrliche Kerle – als Mörder der entlaufenen Bursche, die vorher die Kleider trugen, in Ketten und Banden gebracht? – Die Frau meldet, das Gericht bedrohe beide Brüder mit der Tortur – und – es ist schrecklich, gäbe ihnen nur drei Tage Zeit, ihre Unschuld entweder darzutun, oder sich auf den Galgen gefaßt zu machen. Welchen fatalen Handel hast du dir da zugezogen, lieber Wilhelm, und was gedenkst du nun anzufangen?« Ich huckte vor dem Marquis wie ein armer Sünder – gab ihm kleinlaut über alles Bescheid – gestand ihm aufrichtig die Schuld meines unverzeihlichen Leichtsinns, und bat um seinen guten Rat. Er tat mancherlei Vorschläge, die er aber ihrer Weitläufigkeit, Unsicherheit oder möglicher Zufälle halber, eben so bald wieder zurücknahm. Nach langen Hin- und Herreden blieb mir nichts übrig, als um seine Pferde und Wagen bis Marseille zu bitten, von wo ich Post nach Montpellier nehmen wollte, um die Sache durch meine eigene Gegenwart ins rechte Gleis zu bringen. Der menschenfreundliche Mann war selbst zu betroffen, zwei Unschuldige, meiner Torheit wegen, in der Todesangst schwitzen zu sehen, und kannte die Geschwindigkeit der französischen Justiz viel zu gut, als daß ihm sein Gewissen erlaubt hätte, mich aufzuhalten. »Willst du nicht wenigstens vorher in unserer Gesellschaft frühstücken?« fragte er zuletzt. »In euer vortrefflichen Gesellschaft?« jammerte ich; »ach, erinnere mich nicht daran, was ich alles hier verliere – wo sollte mir die Eßlust herkommen? Muß ich nicht eilen, um fortzukommen, da es die Ruhe und das Leben zweier schuldlosen Menschen gilt?« Hierauf ließ sich nichts erwidern. Er bestellte sogleich die Pferde und wünsche nur, daß meine Reise glücklich sein und ich bald von Montpellier zurückkommen möchte. – »Freund,« fiel ich ihm ernst ins Wort, »alle die frohen Tage, um die ich mich bringe, sind mir eine harte – aber wohlverdiente Strafe. Sei gerecht und suche sie nicht zu mäßigen! Von Montpellier habe ich fast ebenso weit nach deiner Burg als zu der deutschen Grenze. Laß mich also immer den Weg, auf den mich meine einfältigen Streiche gebracht haben, nach der Heimat fortsetzen! Aber höre noch, was dir mein Herz vorzutragen hat – die Zeit ist zu edel, um es mit Umschweifen zu tun. Versprich mir, lieber Saint-Sauveur« – und ich flog ihm an den Hals – »daß du Agathen für mich aufheben willst – und gewiß umarme ich dich eher wieder, als du denkst – Frankreich soll mir alsdann von Berlin nur ein Katzensprung sein – dort bleibe ich nur so lange, als Not ist, um meine Bücher – Kupferstiche und andere Kleinigkeiten zu verkaufen – dem besten meiner deutschen Freunde schenke ich meinen Gipskopf und meine Scheibensammlung – und wenn ich mich so leicht gemacht habe, wie ein Vogel, fliege ich fort und bin der Eurige auf ewig. Oh, daß ich dir die Lücke deines Grammont ersetzen möchte! – Glaubst du nicht, lieber Saint-Sauveur, daß mir Agathe ein wenig gut werden könnte, wenn ich erst um sie bin?« »Darüber«, antwortete der behutsame Mann, »behalte ich mir vor, dir zu schreiben; traue übrigens in deiner Herzensangelegenheit meiner Freundschaft und dem Wunsche, einen solchen Sonderling, wie du bist, in meiner Nähe zu haben.« Indem kam der Wagen vor das Portal des Janustempels angefahren. Hochbewegt umarmte ich meinen teuern Freund. »In der Hoffnung des baldigsten und glücklichsten Wiedersehens,« schluchzte ich ihm vor, »vergiß um Gottes willen meinen Auftrag nicht! Sage deiner lieben Gesellschaft guten Morgen von mir und lebe – lebe wohl!« Ich warf mich unter einem Erguß zärtlicher Tränen von einer ganz eigenen Mischung in die Chaise . . . Ich äußerte gegen meinen Landsmann den Wunsch, wenn es möglich wäre, noch vor neun Uhr in der Stadt zu sein – »Möglich?« drehte er sich zu mir, »ich verspreche es Ihnen um eine ganze Stunde früher.« Er teilte seinen Diensteifer durch ein paar tüchtige Peitschenhiebe seinen vier Rappen mit, und hielt so gut Wort, daß er mich sogar einige Minuten eher, als er versprochen hatte, vor den heiligen Geist brachte. Es traf sich alles nach Wunsch. Bastian war zu Hause und Passerino bei ihm zum Frühstücke. Kaum waren sie von meiner ernsthaften Angelegenheit unterrichtet, so traten beide zu meinem Dienste zusammen – der Maler besorgte die Postpferde – Bastian das Einpacken, inzwischen ich die freien Augenblicke benutzt und dir erzählt habe, durch welche sonderbare Verkettung der Umstände – um nur das Geringste zu erwähnen – die vergangene Nacht mit einem Teile des heutigen Morgens so verschmelzt wurde, daß sich sogar darüber zum erstenmal in meinem chronologischen Tagebuche der gewöhnliche Abschnitt der Zeit verrückt hat . . .

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