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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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Da der Mann, ich wußte selbst nicht wie, mein Herz in seine Hände bekommen hatte, – da meine Gedanken jetzt mit ihm auf seinen Gebirgen, seinen Wiesen und unter den Horden seiner frohen Naturmenschen herumirrten, und das Gemälde eines bald ganz Glücklichen – eines von einem traurigen Hofe Geretteten meine Seele sympathetisch an sich zog: so erschreckte mich sein Aufbruch wie ein Donnerschlag, der uns aus süßen Träumen, aus der Vergessenheit unsers leidenden Daseins erweckt. – Ich stand auf, machte eine unwillkürliche Bewegung nach ihm zu, als wenn ich ihn bitten wollte, mich nicht zu verlassen – und als er an der Hand seines Freundes aus dem Zimmer verschwand, als sein Wagen davon rollte – Gott wie ward mir zumute! Die Blicke seiner empörten Menschenliebe – das schwarze Bild des Fürsten schwebten mir lange noch vor den Augen. – Sinnreich eignete sich mein Gefühl einige entfernte Ähnlichkeiten seiner Krankheit mit der meinigen zu, und dieser unholde Gedanke demütigte mich so sehr, daß ich, kleinmütig und schwach, mich in meinen Lehnstuhl zurückwarf und um ein gutes Wort würde geweint haben. –

Als bald nachher der Wirt hereintrat, suchte ich die freundlichsten Mienen hervor, die mir zu Gebote stehn wollten. – »Seine Suppe«, sagte ich, »hätte mich recht gelabt.« – Ich bat ihn, meinem Bedienten eine Flasche seines besten Weins zu geben, da ich selbst keinen trinken dürfe, und ich bat ihn auch, für meinen guten Mops zu sorgen. – »Wenn ich wieder zurückkomme, lieber Herr Wirt,« sagte ich zu ihm mit schmeichelnder Stimme und legte meine Hand dabei vertraulich auf seine Schulter, »so will ich gewiß mehrere Tage in dieser schönen Stadt verweilen und in keinem andern Hotel absteigen als in dem Ihrigen.« – Mit einem Worte, ich ging nicht eher in mein heimliches, artiges Stübchen, wie ich es jetzt nannte, als bis ich hoffen durfte, den widrigen Eindruck meines unfreundlichen Bezeigens wieder gut gemacht zu haben. – Die Strafpredigt des Fremden über die unerkannte Sünde der übeln Laune hatte mich so gerührt, daß wenig fehlte, so hätte ich mich für schuldig gehalten, den Einnehmern am Tore das Trinkgeld zu vergüten, das ihnen mein Hartherzigkeit entzog.

Sobald ich mich aber allein sah, verfiel ich erst in die ausschweifenden Betrachtungen über das Übel, das jetzt in den höhern Ständen so viele Verwüstungen anrichtet – über den Krebsschaden der übeln Laune. Da ich zu ehrlich war, mich ganz davon frei zu sprechen, so dankte ich nur Gott, daß ich nicht Beherrscher eines Landes – und dankte Gott, daß ich noch ohne Gattin und nicht in naher Gefahr wäre, meinen Nachkommen zu schaden. Wer weiß, wohin mich noch der Schweizer und sein System würde gebracht haben, da ich schon anfing, Findel- und Waisenhäuser als Magazine menschlicher Würde und vorzüglicher Genies anzusehen, da alle groß gewordene Bastarde, Erasmus, la Chapelle und d'Alembert, an der Spitze der Marschall von Sachsen, sich zur Verteidigung meines Grundsatzes in Reihe und Gliedern um mich herstellten, da ich die arme unschuldige Generation zu beklagen begann, die, wie ich, den Vorzug ehelicher Geburt so teuer mit Mangel an Kraft und Freude bezahlen müsse, – wenn mir nicht zum Glück mein dienstfertiger versöhnter Wirt zu Hülfe gekommen wäre!

Er trat herein, um sich zu erkundigen, ob ich nicht dem Konzerte eines Virtuosen beiwohnen möchte, der diesen Abend in dem untern Saale viele Liebhaber herbeiziehen würde? Nun war meine erste Antwort so abschläglich, als mir der Gedanke an Musik und Gesellschaft zuwider war. – »Er spielte die Laute,« fuhr der Wirt fort, »und wie man sagt, zum Entzücken.« – Die Laute! Wenn sie der Mann mit Gefühl zu spielen versteht, dachte ich, – die Laute könnte vielleicht noch am ersten mit der Stimmung des deinigen zusammentreffen, und ohne längeres Besinnen widerrufte ich meinen Entschluß und machte mir ein Kompliment über die fortdauernde Besserung meines Humors.

Ich stieg zur gesetzten Stunde in den Saal, fand ihn aber zu voll und zu erleuchtet und versteckte mich hinter einige noch unbesetzte Stühle, die sich aber bald nachher eine Gesellschaft junger Damen unter dem gewöhnlichen Geräusche ihrer seidenen Stoffe und geläufigen Zungen zueignete, und deren Nachbarschaft, ich kann es wohl sagen, ich in meiner ruhigen Lage gern entbehrt hätte. – Und doch, o wie viel hatte ich nicht ihrer schwatzhaften Vertraulichkeit zu danken! – »Wird er wohl länger hier bleiben?« – »Fürchten Sie nicht, daß ihn der Kaiser oder unser König einladen wird?« – »Wie oft sind Sie bei ihm gewesen?« – »Wollen wir ihn nicht morgen früh besuchen?« – So drängte eine Frage die andere, ohne daß eine Antwort dazwischen Raum fand. – Von was für einem seltenen Manne, dachte ich, müssen sie doch wohl sprechen? – Ich schärfte mein Ohr, um das Rätsel zu begreifen, wie das Lob so vieler Schönen von einem gemeinschaftlichen Lieblinge so einstimmig sein könne!

Die eine schrie: »die feine Lebensart«,
Die andre schrie: »das freundliche Gesicht«,
Die Dritte schrie: »und den Prophetenbart«
Und alle schrien: – »hat ein Betrüger nicht –.«
»Ein Mann,« erkläret die, »der, ohne auszuruhn,«
Und jene fiel ihr ein, – »so fremde Wege geht,« –
»Der«, – rief der ganze Zirkel nun:
»Ist wirklich ein Prophet! –«

Oho! dachte ich – ist hier die Rede von einem Propheten? Das hätte ich armer unwissender Berliner mir freilich nicht träumen lassen. Ich horchte gewaltig.

»Wer«, fuhr noch eine fort, »hat diesen Wundermann
Die seltne Kunst gelehrt,
Daß da, wohin kein Ohr, kein Auge dringen kann,
Er deutlich sieht und hört?«
»Ein Mann,« schrie nun das Chor, »der jede Weiberlist,
Den stillsten Mädchenwunsch versieht,«
»Der ist« – – – »ja!« rief auch ich – – – »der ist
Noch mehr als ein Prophet!«

Dieser Ausruf, der mir beinahe unwillkürlich entfuhr, verursachte, daß ein Dutzend der artigsten Gesichter sich herumdrehten und auf das harmvollste und blasseste im ganzen Saale mitleidig hinblickten.

»Sie sind gewiß krank, mein Herr?« fragte mich die Nächste mit teilnehmender Güte, und die ernstliche Freundlichkeit auf den Gesichtern der andern bestätigte mich in dem großen Begriffe, den ich von jeher von diesem Geschlechte gefaßt habe, daß kein Leidender ihm gleichgültig sei. –

»Jawohl, meine schönen Damen,« antwortete ich, »ich bin sehr krank und mache eben eine Reise, um meine Gesundheit wieder zu suchen.«

»So wünschen wir Ihnen,« ruften sie mit Einer Stimme – »von Herzen Glück, daß Sie jetzt Ihrer Genesung so nahe sind.«

»Jetzt?« wiederholte ich erstaunt und sah rund umher einer um der andern in die glänzenden Augen – »Ach! meine gütigen Damen, ich Armer bin zu gedemütigt, um eines so beißenden Epigramms wert zu sein.«

»Warum das?« fuhren sie lächelnd und lebhaft fort, da sie mein Mißverständnis merkten. – »Haben Sie nur Zutrauen: – er wird Sie gewiß in weniger Zeit so ganz wieder herstellen, daß Sie über alle Epigramme erhaben sein werden.«

»Um des Himmels willen!« unterbrach ich den Ausfluß ihrer Weissagungen, »von welchem wohltätigen Wesen sprechen Sie denn?«

»Von welchem?« – fragten die schönen Kinder auf ihrer Seite mit vieler Verwunderung: »Sicher von keinem andern als von dem großen Propheten, in dessen Lob Sie ja selbst eingestimmt haben – von dem Manne, der uns von Gott zugesandt ist und hier seit ein paar Monaten recht apostolische Wunder tut.«

Starr sah ich die schönen Schwätzerinnen nach der Reihe an – und schwieg – weil ich nichts klügeres zu tun wußte: doch das kümmerte sie auch nicht. – Sie schienen mir es Dank zu wissen, daß sie mich belehren konnten und freuten sich über mein Erstaunen. »Er wird sich,« nahm eine der andern das Wort aus dem Munde, – »mit Ihnen in Rapport setzen – wird Sie durch und durch schauen – wird Ihre geheimsten Gedanken, Ihr Vergangenes und Zukünftiges, die verstecktesten Abweichungen von dem Wahren und Guten – in Ihrem Körper wie in Ihrer Seele wird er entdecken – alle Ihre Zweifel wird er heben, und was Ihnen jemals dunkel war, Ihnen erklären.«

»Das sollte mir«, rief ich mit Enthusiasmus aus, »für mich und meine Berliner Freunde sehr lieb sein.«

»Er desorganisiert die Nerven, die zu gespannt sind.«

»Das ist mein Fall nicht,« antwortete ich mit schwacher Stimme.

»Er exaltiert die Köpfe, die Mangel an Kraft fühlen.«

»Ach Gott,« versetzte ich, »wenn er das könnte!«

»Zweifeln Sie keinen Augenblick daran,« antwortete mir das jüngste und artigste dieser holden Geschöpfe, zog dabei ein Portefeuille aus der Tasche, auf welchem die mit Lorbeer umgebene Silhouette dieses großen Nothelfers gemalt war, zeigte mir sie mit funkelnden Augen und überreichte mir eine Karte mit seiner Adresse.

Zugleich fing der Lautenist sein Spiel an, und das Dutzend schöner Köpfchen drehte sich wieder zurechte. Auch ich wollte Achtung geben, aber vergebens. Ich konnte mein Gehör nicht finden. Das sonderbare Gespräch mit meinen Nachbarinnen hatte mein Gemüt in einen Strudel gegenseitiger Bewegung geworfen, der alles von der Oberfläche verschlang. Die widersprechendsten Gedanken durchkreuzten sich, und da ich kein besseres Mittel vor mir sah, um mir Luft zu schaffen, so erhob ich mich in der Stille von meinem Sitze und schlüpfte zum Saal hinaus, ohne mich weiter um die sympathisierenden Töne des Lautenisten zu bekümmern.

Ich rufte den Wirt, teilte ihm mein Gespräch mit und glaubte ihm etwas sehr Sonderbares zu erzählen. Weit gefehlt! Er verwunderte sich vielmehr über mein eigenes Erstaunen. »Sind Sie denn nicht dieser Kur wegen hier?« fragte er mit großen Augen. Ich schüttelte den Kopf und gestand ihm unverhohlen, daß ich, außer eben in seinem Konzertsaale, noch kein Wort von diesem Wunder gehört hätte. »Sie haben noch nichts davon gehört, sagen Sie? Unmöglich! Wo waren Sie denn unterdessen, mein Herr? Ei, mein Gott! wie krank und abgezogen von der Welt müssen Sie gewesen sein! Wie sonderbar! Gab es je eine Zeit, wo es dem Menschen leicht ward, sich seiner Leibes- und Seelenübel zu entledigen, so ist es die unsrige. Sie lebten darin, und doch, wie ich Ihnen ansehe, waren Sie auf dem Punkt, wie ein blinder Heide aus der Welt zu gehen, ohne von diesen neuen Offenbarungen Gottes eine Silbe zu erfahren. Nun, es ist noch nichts verloren. Danken Sie Ihrem Glücke, daß Sie hier sind. Welchen von unsern Wundertätern wollen Sie denn gebrauchen?«

»Wie meinen Sie das, Herr Wirt? Gibt es denn mehr als einen hier?«

Statt der Antwort, die er vor Lachen nicht hervorbringen konnte, streckte er mir seine zehn Finger entgegen. Denke, wie ich erschrak. Ich zog aus meiner Westentasche in der Angst die Adresse, die ich von der Güte des jungen Frauenzimmers erhielt.

»Der ist,« rufte er aus, sobald er einen Blick darauf warf, »der ist der rechte. Dieser hat eigne Kraft in sich selbst: die andern müssen die ihrige erst aus dem Unterleibe eines hellsehenden, schlafenden Mädchens schöpfen.«

»Ist dieser Mann unsinnig,« sagte ich heimlich zu mir selbst, »oder bist du es?« Er drehte sich inzwischen von mir weg und ließ mich in dieser Ungewißheit stehen. Mein armer Kopf geriet in die größte Verlegenheit. Ich legte meine Hand an die Stirne und wiederholte alle die hochtönenden Kunstwörter, die ich aus dem Saale mitgebracht hatte: aber ihre deutliche Erklärung, wer sollte mir die geben? Wer anders als der Wirt? Mag er doch den Zeitverlust, den ich ihm schuldig werde, mit in Rechnung bringen, dachte ich, und suchte ihn zum zweiten Male auf.

Ein welscher Hahn sang eben sein Sterbelied unter seinen Händen, als ich ihn fand und um die Gefälligkeit bat, mir doch etwas deutlicher den Sinn der Desorganisation zu erklären. Er brachte nur erst noch den Schreier zur Ruhe, ehe er sich mit der gefälligsten Herablassung meiner Unwissenheit erbarmte. Der Mann mußte vielen Umgang mit den hiesigen Gelehrten haben, denn er dachte ebenso gründlich, als er sich deutlich ausdrückte. Wirklich habe ich auch nachher nichts gelesen, was mich über diesen Punkt mehr befriedigt hätte als seine Erklärung. Das Beste war dabei, daß ihm ein schickliches Beispiel einfiel, das seinen Worten Kraft und Deutlichkeit gab. Für Köpfe von schweren Begriffen, wie der meinige, ist das immer eine gefundene Sache.

»Sie kennen doch gewiß,« fragte er mich nach dem vorläufigen Eingange seiner Rede, der mir noch immer zu generell war, »den berühmten Pater Mabillon?« Wie gut ihm diese Frage in seiner Küchenschürze stand, magst Du selbst urteilen.

»So, so,« antwortete ich. »Man hält ihn, glaube ich, für den ersten klassischen Autor in der Diplomatik.«

»Recht,« sagte der Wirt, »der nämliche. Was denken Sie nun, mein Herr? Dieser Mann war in seinen Jünglingsjahren der einfältigste Tropf unter der Sonne, hatte kaum Verstand genug, den Katechismus zu begreifen. Aber hören Sie. Eines Tages fiel er aus natürlicher Ungeschicklichkeit die Treppe herunter und gerade auf den Kopf. Nun, das hat noch gefehlt, sagte seine Mutter, als sie ihn aufhob. Man brachte ihn betäubt in das Bette und erwartete nun mit Zittern den ersten Ausbruch seiner Narrheit. Wie betrog man sich. Der Natur seines Falles nach mußte der Junge zwar irre sprechen: aber zu aller Verwunderung waren seine Phantasien tausendmal mehr wert als ehmals sein Menschenverstand. Die Erschütterung, die sein schwacher Kopf erlitten hatte, wirkte die hellsten Ideen in ihm. Die abstrakteste Wissenschaft war jetzt sein Spielwerk. Er enthüllte die dunkelsten und verworrensten Schriften. Mit einem Worte: dieser, so lange er nicht auf den Kopf gefallen war, dumme Junge ward nachher einer der ersten Menschen seines Zeitalters. Sonach, mein Herr, wie dieses Beispiel zeigt, können Mittel, die einen wohl eingerichteten Kopf verwirren, umgekehrt auf einen blödsinnigen die gegenteilige Wirkung tun: und auf diese Analogie und diesen Grund, glaube ich, ist die Lehre der Desorganisation und des tierischen Magnetismus gebaut. Doch, mein Herr, ich muß Sie bitten, einstweilen mit diesem Wenigen zufrieden zu sein. Ich habe zu viel in meiner Haushaltung, in meiner Küche und mit meinen vielen Gästen zu tun, die alle dieser Kur wegen hier sind. Morgen wird Ihnen diese dunkle Sache schon deutlicher werden.«

Ich schlich fast ebenso betäubt wie Mabillon in mein einsames Zimmer und ließ mich kleinmütig auf meinem Lehnstuhl nieder. »Was für eine Revolution«, sagte ich zu mir selbst, »muß nicht, während daß du unter deinen Büchern in einer idealischen Welt lebtest, in der wirklichen vorgegangen sein.« Voller Scham über meine Unwissenheit machte ich mir es zur Pflicht, den nächstfolgenden Tag alles anzuwenden, mich ihr zu entreißen und die Bekanntschaft eines so außerordentlichen Arztes zu suchen, der mir ungleich wundertätiger vorkam als der zu Bruchsal. Mit diesem festen Entschlusse legte ich mich schlafen und erwachte mit ihm. Es ist wahr, in der Zwischenzeit unterstand sich manchmal mein lang gewohnter Unglaube, sein Haupt zu erheben, aber auf so wenige Stunden, als ich noch zur Gewißheit vor mir hatte, war er doch noch so ziemlich leicht zur Ruhe zu weisen.

Mit der Neugier eines Berliners und der ängstlichen Erwartung eines gefährlichen Kranken verließ ich um acht Uhr den Gasthof, ohne mich durch das geringste Frühstück um meine Nüchternheit zu bringen, und meine schriftliche Anweisung brachte mich ohne Mühe in das Haus des Propheten.

Und an dem Haus des Erleuchteten hing,
Als Klopfer des Tors, ein symbolischer Ring
Der Ewigkeit, gleich einer sich krümmenden Schlange.
Kaum schlug ich mit Zittern daran, so sprang es auf, so empfing
Mich eine Menschengestalt von Diener, die führte mich flink,
Doch stumm wie der Tod, von einem ägyptischen Gange
Zum andern, treppauf und treppab: doch sieh! auf einmal
Stand ich, berufen zum Geisterempfange,
Am Bett des Propheten, in einem erleuchteten Saal.
Der Saal war zwar nicht um große Augen zu machen
Verziert. Nach einem fast göttlichen Plan
Schien alles, was da war, für deine Freude zu wachen,
Und in gefälligen Farben sich deinen Augen zu nahn:
Des Deckenstücks Höhe war nicht mit fliegenden Drachen
Verbrämt – dich schreckt aus keiner Ecke der Rachen
Des Haifischs, dich blökt hier kein Totenkopf an:
Was braucht's auch der Wunder, die wir auf Märkten beschauen?
Hier zeigt, vom Tage bescheiden erhellt,
Ein magisches Bett, das unter elektrischen, blauen
Gardinen sich bläht, dem aufgeklärten Vertrauen
Des kindlichen Glaubens das erste Wunder der Welt.
Ihr, die ihr nichts glaubt, als was euch mit Händen
Zu greifen vergönnt ist, ihr Starken an Geist!
Vermögen die Schönen der Stadt nicht eure Herzen zu wenden,
Wenn der Erforscher der Nieren und Lenden
In ihrer Schwachheit sich mächtig beweist:
So kommt und hört, was, meine Leiden zu enden,
Für herrliche Dinge mir sein Gesandter verheißt.

Der Diener des Propheten nötigte mich auf den Armstuhl, der so gestellt war, daß in der Entfernung einer Mannslänge mein Gesicht gerade auf das seinige traf. So kam ich, ohne daß ich es selbst wußte, in Rapport mit ihm, und das merkwürdige Gespräch begann. Da es das erstemal in meinem Leben war, daß ich mit einem Schlafredner zu sprechen hatte, so benahm ich mich sehr ungeschickt dabei und stockte und errötete einmal ums andere bei den unschuldigsten Worten.

Zu der Zeit, da ich noch meine weißen Zähne beisammen, ungetrübte Augen, blühende Wangen und ein klügeres Ansehen hatte als jetzt, habe ich dreist mit Königen und Fürsten gesprochen, ohne mich weder durch die langweilige Rolle, die ihr Stand gegen den meinigen spielen mußte, noch durch die Außenseite ihrer Größe irre machen zu lassen . . . Sie konnten mir also nicht verwehren, daß ich in Gedanken ihnen den Szepter aus der Hand und den Hermelin von der Achsel nahm und nachsah, ob ihre Carcasse nicht rostiger wäre als die meinige. Diesen erhabenen Sterblichen hingegen, zu dessen Füßen ich saß, mochte ich entkleiden, wie ich wollte, immer schien er mir, wenn er nicht ein Betrüger war, ein Gott zu sein, und meine Alltagsseele zitterte vor der seinigen.

»Mein Herr,« fing ich stotternd an, »Sie sehen hier – –« und hielt inne, weil sich, wie ich das Wort aussprach, der Begriff von Sehen und der Begriff von Schlafen so gegeneinander stießen, daß nach gewöhnlicher Rechnung ein Unsinn zum Vorschein kommen mußte.

Der Schlafseher ließ mich indes nicht lange in dieser Verlegenheit. »Ich kenne Sie!« fiel er mir vernehmlich ins Wort, und wahrlich, er nannte meinen Tauf- und Zunamen. Nun wußte ich gewiß, daß ich weder am Tore noch im Gasthofe so umständlich mit mir gewesen war, und fühlte mich also schon nicht wenig über diesen Beweis seiner Kenntnis betroffen. Als er aber auf die zwote stotternde Frage, die ich vorbrachte, mit derselbigen Deutlichkeit fortfuhr: »Sie verließen Ihre Studierstube in dem ungläubigen Berlin und haben wohl getan. Die mittägliche Sonne von Frankreich wird Sie erwärmen und stärken,« so sträubte sich mir das Haar: doch ermannte ich mich, um auf eine Frage zu sinnen, die dem ungläubigen Berlin keine Schande brächte. Meiner tiefliegenden Augen und meines abgefallenen Gesichts bewußt, so dachte ich, muß derjenige sehr klar sehen, der dein Alter erraten will. Ich fragte ihn also nach dem Tag und der Stunde meiner Geburt, und – ach, er bezeichnete beides auf das bestimmteste und setzte noch einen Umstand hinzu, der mir selbst bisher fremd geblieben war und nur Geistern bekannt sein kann, die den feinsten Zusammenhang des Universums mit einem Blicke übersehen.

»Sie sind, lieber Fremder,« sprach er, »nach unserer irrigen Zeitrechnung, den funfzehntendes letzten Monats des Jahres 1747 in der Stunde und Minute geboren, als viele Dolche, durch das Verhängnis geleitet, die grausame Seele Schach Nadirs aus seinem Riesenkörper in das enge, baufällige Behältnis des Ihrigen verwiesen, wo sie genug für alle ihre Übeltaten büßet.«

Pythagoras selbst hätte mich schwerlich von der Seelenwanderung vernünftiger und überzeugender belehren können als diese Tatsache, die weder mein Geburtsschein noch meine Empfindung widerlegen konnte. »Ach, mein Gott!« rufte ich mit kläglicher Stimme aus: »Die Seele eines Tyrannen des Orients in dem ausgemergelten Körper eines preußischen Untertanen? Aus so einer widersinnigen Zusammensetzung kann freilich kein glückliches Geschöpf entstehen. Auf allen Fall ist es nicht meine Schuld. Hat sie vormals Böses getan, so büße sie dafür. Strafe genug, daß sie jetzt einen schwindsüchtigen Körper lenken, und, belastet von ihm, die Vorzimmer von Leuten durchkriechen muß, denen sie einst vielleicht kaum die Aufsicht des Serails anvertraut hätte.«

Nach einigem Nachdenken erholte ich mich jedoch insoweit von dieser niederschlagenden Nachricht, daß ich auf die vielen glücklichen Tage zurücksehen konnte, die ich, ohnerachtet meiner mißlichen Zusammensetzung, dennoch gewiß erlebt hatte. Es mußte mich notwendig befremden, wie einer so gerecht bestraften Seele Gefühle vergönnt wurden, die nur Belohnung der Tugend sein sollten. Über diesen wichtigen Einwurf nahm ich mir vor, ein andermal nachzudenken, da es mir jetzt mehr um die Wiedererlangung jener Empfindungen als um die Ursache ihres vorigen Daseins und ihres Verlusts zu tun war. »Würdiger, lieber Herr,« fuhr ich also fort, »durch was für Mittel kann ich diese ernste Strafe, wo nicht aufheben, doch mildern?« und wußte in diesem Augenblicke selbst nicht, ob die asiatische Seele oder der preußische Körper sprach. »Nur ein herzliches Lachen,« war seine orakelmäßige Antwort, »kann dir Hülfe verschaffen.«

Nie ist wohl eine täuschendere Antwort auf eine höhere Erwartung gefallen. Ich war wie versteinert, daß er mir ein so gemeines Hausmittel empfahl, da ich nichts weniger als ein überirdisches Spezifikum mir vermutend war. Sobald ich meine Sinne ein wenig gefaßt hatte, kam die natürlich folgende Frage von selbst: »Aber, mein gütiger Herr, da nichts in der Natur mehr die wohltätige Wirkung auf mein unreizbares Zwerchfell hervorbringt, wie und wo soll ein so armes, niedergeschlagenes Geschöpf diese Bewegung der Freude, die Sie ihm verordnen, aufsuchen und finden?« Und nun sprach der wahre Geist eines Propheten aus ihm:

»Dein harrt ein Schatz – Scherz und Gelächter rufen
Trost dem Bedrängten zu, den Nadirs Geist belebt,
Wenn Gottes Mittagsstrahl auf neunundneunzig Stufen
Ihn über unsre Stadt erhebt.« –

Meine Verlegenheit war jetzt auf das höchste gestiegen. Ich faltete die Hände und rufte äußerst bewegt: »Göttlicher Mann, siehe an die Fesseln meines irdischen Leibes! Wie sollte ich mich über den Nebel dieser Stadt erheben können?« Denn nimmermehr hätte ich in diesem Augenblicke geglaubt, daß die Auflösung dieser Schwierigkeit so leicht wäre, als ich es doch nach seiner erklärenden Antwort: »Auf den neunundneunzig Stufen ihres stolzen Turmes« finden mußte. Das ist doch nun, dachte ich, so bestimmt gesprochen, als man nur von einem Propheten erwarten kann, und was noch mehr diese Weissagung von allen andern unterscheidet: der Mittag, die Zeit ihrer Erfüllung, ist nahe. Tief bückte ich mich gegen meinen Helfer und warf noch die, meinen Begriffen nach, unbedeutende Frage hin: »Ob er sonst noch etwas in mir entdecke, das mir unbekannt sei?«

Zusehends entflammte sich sein Gesicht und blickte verächtlich auf die Kenntnisse meiner selbst herab, mit denen mich mein geheimer Stolz zu täuschen suchte. »Ja,« sagte er, »ich sehe einen Flecken in dem Gewebe deines geistigen Daseins, einen schwarzen, hervortretenden Zug aus der Seele Schach Nadirs.« Meine zitternden Lippen suchten zu sprechen; aber das Schreckliche dieser Ankündigung erstickte den Laut meiner Frage. Er beantwortete sie dennoch: »Fluche deinem Unmute. Du hast in der Abendstunde des Ruhetags dieser Woche ein armes, verirrtes Mädchen den Wölfen preisgegeben. Hast du es nicht? Nur die Seele eines Tyrannen konnte so einen menschenfeindlichen Gedanken fassen. Nur die Zunge eines Impotenten konnte ihn aussprechen.«

Dieser harte Vorwurf kränkte meinen Stolz über die Maßen. »Heiliger Prophet!« rufte ich mit männlicher Stimme, »ist das arme Geschöpf ein Raub der Wölfe geworden, so war es doch nicht meine Absicht. Das Schicksal hat unschuldige Worte mißverstanden.« Indem aber regte sich mein Gewissen. Sind das unschuldige Worte, die Unmut und Hartherzigkeit eingibt? Versagte ich nicht der Bedrängten den Schutz, den sie bei mir suchte, ohne mich um die Folgen meiner Verweigerung zu bekümmern? Ach, es ahndete mir nicht, daß sie von so trauriger Art sein würden.

Während dieses trüben Gedankens, in welchen ich mich stillschweigend verlor, verliefen die wichtigen Minuten, die mir noch vergönnt waren, in Rapport mit dem großen Seher zu sein, und die ich, ach, zu meinem ewigen Kummer, so ungenutzt vorbeistreichen ließ. Ich hörte nur noch ein Wort aus seinem Munde: »Ich will aufwachen,« sagt er, und zugleich öffnete der Bediente die Tür und entließ mich, nicht auch ohne ein kleines Wunder auf seiner Seite zu tun, denn er schlug einen Dukaten aus, den ich ihm als eine Erkenntlichkeit in die Hand drücken wollte . . .

Mit glühendem Gesichte trat ich in meinen Gasthof, konnte dem Wirt, der mir neugierig entgegenkam, nur stillschweigend die Hand drücken, winkte meinem Johann, der meiner an der Treppe erwartete, auf mein Zimmer, winkte ihn wieder hinaus, und warf mich, wie vom Schlage gerührt, in meinen Armstuhl. Unvermögend Dir zu sagen, was indes in meinem Innern vorging, erinnere ich mich nur, daß mein Herz in schweren Träumen und mein Verstand in hohen Phantasien lag, als mich die Glocke der Mittagsstunde wie zu einem Urteilsspruche weckte. Ich sprang von meinem Sitze auf, ergriff Stock und Hut und eilte dem Wunder zu, das meiner auf dem Münster erwartete.

*

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