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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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Nun trat endlich der Visitator schnaufend herein, war ganz betroffen, wie er sagte, von der wilden Wirtschaft, die auf einer Tartane herrsche, und schon über und über schwindlig von der ersten Probe, die seine Füße in dem Schiffsraume gemacht hätten. Seine bekannte Stimme schreckte die beiden Mädchen sogleich auf, wie sie sich hören ließ. Sie traten schlaftrunken neben ihn und fragten, ob ihre Betten auf dem Schiffe schon gemacht wären? – Ja, ja, antwortete er, es ist alles in Ordnung, bis auf den Schlaf, den ich euch wünsche. – »Oh,« dehnte sich die eine, »wir schlafen heute ungewiegt.« – »Ungewiegt?« wiederholte er höhnisch: »das wird sich bald ausweisen – aber kommt nur!«

Ich gab der ältesten Schwester den Arm, die jüngere hing sich an ihren verstörten Vetter. Ein paar Fackeln leuchteten uns. Wir gingen, jedes in seine Gedanken vertieft, einige Gassen durch, bis an den Hafen; denn ob ich gleich dem Mädchen gern einen Auszug aus der Predigt gegönnt hätte, die sie verschlief, so fürchtete ich doch, sie in einem Selbstgespräche zu stören, das, nach den tiefen Seufzern zu schließen, von denen sie sich losmachte, ihr noch zuträglicher schien, als die Warnung eines so frischen Bekannten, der nicht einmal in der unschuldigen Geschichte mit der seidenen Trottel auf ihr Bewußtsein gewirkt hatte.

Eine Barke, mit lustigen Ruderern besetzt, erwartete die Gesellschaft am Ufer. Das neue, große Schauspiel, daß sich hier mit einemmal ihren Augen entdeckte – das unabsehlich ausgebreitete Meer – das Flimmern seiner Welle im Mondschein – der Zuruf vieler tausend Stimmen von den schwankenden Schiffen her, die sich mit dem Getöse am Ufer durchkreuzten – alles das nie Gesehene, nie Gehörte, das sie hier umringte, machte einen so heftigen Eindruck auf die armen Stadtmädchen, daß sie mich zitternd ansahen, mir um den Hals fielen und weinten. Ich war bewegt, und da mich die guten Kinder baten, sie bis auf ihr Schiff zu begleiten, hatte ich den Mut nicht, es ihnen abzuschlagen: ich zog mir noch so viel an meinem Schlaf ab, als etwa nötig sein möchte, um als Landsmann dem Kapitän sie zu empfehlen, und mir durch eine Lokalkenntnis ihrer schwimmenden Wohnung das Andenken an sie während ihrer Reise noch mehr zu versinnlichen.

Meine Nachgiebigkeit durfte mich nicht gereuen. Ihr Empfang auf dem Schiffe war so festlich, als ob es Prinzessinnen wären, die sich zu einer kleinen Lustreise einschifften. Wir traten, statt in eine beräucherte Kajüte, wie ich fürchtete, in einen artigen Salon, der, mit bunten Lampen behängt, eine runde Tafel beleuchtete, die mit den ausgesuchtesten Erfrischungen besetzt war, und fanden einen alten freundlichen Mann an dem Kapitän, der uns bewillkommte. Er blickte den Mädchen mit beifälligem Lächeln in die Augen, indem er mich zugleich fragte, wer ich wäre? Ich legte ihm in der Geschwindigkeit Rechenschaft von unserem kurzen Bekanntwerden ab, und empfahl sie ihm als Landsmann. – »Sein Sie unbesorgt für die guten Kinder«, antwortete er; »ich bin der älteste Freund ihrer Tante, den sie jetzt auf der Insel hat. Vor dreißig Jahren schiffte ich sie ein, wie heute ihre Nichten; und diese sollen gewiß nicht übler fahren als sie, das habe ich der guten Frau versprochen. Ich habe wohl Zeit gehabt – Sie lesen es zur Genüge auf meiner Stirn – mein Handwerk zu lernen. Die Tartane ist mein eigen. – Es ist kein Bettelschiff, wie da viele in dem Hafen auf der Ausbesserung liegen. – Den Tag bringen wir lustig in diesem Raume zu, und des Nachts – – – Kommen Sie, lieben Kinder, ich will Ihnen zeigen, wo Sie schlafen sollen.«

Er führte nun die beiden Schwestern in einen niedlichen Verschlag, der rechter Hand an den Saal anstieß, worin zwei freundliche Bettchen, und dazwischen an der Mittelwand ein Spiegel, der größte vielleicht, den sie noch gesehen hatten, befestigt war. Dieses vollendete ihre Überraschung. – »Nein! das ist allerliebst!« drehten sie sich dem Spiegel zu, und setzten ihre Hütchen zurechte. »Hier, sehen wir schon, wird es uns wohl gehen.« – »Ja! das soll es auch, so Gott will; mein ganzes Schiff steht unter Ihren Befehlen,« antwortete der alte Seemann mit einer Artigkeit, die mich nicht wenig verwunderte. »Auch habe ich weiter keine Passagiere«, fuhr er fort, »an Bord genommen, um Ihnen den Raum nicht zu verengen« und nun nötigte er uns zusammen an den Tisch. Eine Schale Punsch, die wir unter fröhlichen Gesprächen ausleerten, befeuerte uns noch mehr für den guten Mann, der besonders für die beiden Schwestern die zärtlichste und sogar medizinische Sorgfalt zeigte: denn als sie nach schönen Orangen von Malta langten, die eben vor ihnen standen, erklärte er, daß dieses für sie die einzige verbotene Frucht auf seinem Tische sei; die er ihnen jedoch, setzte er freundlich hinzu, aufheben wollte, bis ihnen die Abkühlung nötiger sei als jetzt.

Dieses zuvorkommende Betragen des alten Mannes gegen die Mädchen mußte mir doch wohl auffallen, Eduard? Sollte denn, dachte ich, ihre Schönheit den Greis so sehr bestochen haben, daß er in ihnen die Nichten eines Visitators übersieht und sie behandelt, als ob sie aus dem Schaume des Meers gestiegen wären und St. Domingo beherrschen sollten? Oder hat ihm die Tante ein so reiches Fährlohn ausgesetzt, wenn er sie gesund überliefert? Nun, ich gönne den armen Waisen alles mögliche Glück, mag es doch herkommen woher es will.

Du kannst denken, in welch einem vergnügten Erstaunen sich erst die beiden Schwestern befanden. Sie schlürften ein Gläschen Punsch nach dem andern ein, und lächelten einander an. Über den vielen Artigkeiten, die ihnen gesagt wurden, hatten sie – das liegt nun einmal in ihrem Geschlechte – alle Furcht verloren. Dann und wann, wenn sich das Schiff bewegte, schien es ihnen zwar einzufallen, daß zu viele Herzhaftigkeit ein junges Mädchen nicht kleide – dann taten sie wohl einen angenehmen Schrei, und baten nachher in vollem Lachen den Kapitän um Verzeihung. Du kennst ja lieber Eduard, die Ziererei der Weiber. Sie verläßt sie nicht, so wenig auf der See wie auf dem Lande, auf dem Schiffe wie auf dem Sofa – sie mögen eine Spinne oder einen Walfisch, einen Zwerg sehen oder einen Riesen. Der Kapitän war Weltmann genug, um zu tun, als ob er an ihr Schrecken glaube. – »Mein Gott!« sagte er, »bei einer ersten Seereise sind solche kleine Erschütterungen wohl zu vergeben, zumal jungen Damen. – Machten es doch meine beiden Buben nicht besser, als ich vor zehn Wochen mit ihnen auslief. Sie waren auch noch auf kein Schiff gekommen; denn bis dahin steckten sie in der Schule. Jetzt sind sie der Wirtschaft schon gewohnt, und werden Ihnen jede Ihrer Herzensbewegungen auf das genaueste vorhersagen können, da sie seit kurzem erst selbst die Erfahrung gemacht haben. – Klammern Sie sich nur getrost an diese Helden, wenn Sie die Furcht überfällt – Holla! wo sind sie denn?«

Jetzt traten ein paar starke, blühende Jünglinge herein, die in kurzen Verbeugungen sich der Gesellschaft näherten, und die beiden Mädchen mit ihren feurigen Blicken zu verschlingen drohten. Diese konnten mit ihren Gegenreverenzen nicht aufhören, bis der Kapitän seinen Söhnen lächelnd befahl, sich zwischen die jungen Damen zu setzen.

Auf einmal war mir nun das Rätsel ihrer festlichen Aufnahme gelöst, und der alte Schiffer zeigte sich mir in einem nur desto bessern Lichte; denn ungezwungener, klüger und väterlicher, dachte ich, kann man doch kaum einen geheimen Liebesplan anlegen, als ich mir an den Fingern abzählte, daß hier der Vater für seine Söhne, mit oder ohne Vorwissen der Tante, getan hat. Ich möchte das Mädchen sehen, das, in einer solchen Lage, solchen Werbern entlaufen konnte! Denke nur selbst nach, Eduard! Abgeschnitten von der ganzen Welt samt ihren Zerstreuungen – eingeschränkt auf einen einzigen Gegenstand der Begierde – so nahe dem Tode in dem Schweben des schönsten Lebensgenusses – jedes Gefäß des Herzens durch die stärkende Seeluft erweitert – jeder durchströmende Blutstropfen tausendfach erwärmt, die ganze Maschine in beständigem Schaukeln, und immer die größte Operndekoration der Welt, den Auf- und Untergang der Sonne vor Augen – in welche Stimmung von Wohlbehagen, Sehnsucht und Zärtlichkeit muß das nicht eine weibliche Seele versetzen, und in welchem magischen Lichte muß ihr nicht der Jüngling erscheinen, der über ihrem Haupte, nur für ihre Sicherheit und Ruhe besorgt, Wache hält, ihr mutvoll und lächelnd den herannahenden Sturm ankündiget, sie, wenn er einbricht, in die Arme schließt und an das Herz drückt, und, wenn sich der Aufruhr gelegt hat, mit glänzenden Augen ihre zitternde Hand küßt! Welche süßen Vorgefühle müssen sich nicht bei solchen von der Natur selbst beigeführten Auftritten in der Brust eines Mädchens entwickeln, – und wie armselig kommen mir dagegen die Situationen vor, die sich in jedem Romane wiederholen, den wir unter uns spielen sehen! Denke dir den seligen Augenblick, wo ein junges Paar, nach solchen Prüfungen und Vorbereitungen, endlich an das Land – und endlich dahin steigt, wo es die Liebe erwartet. Hätte ich Töchter zu verheuraten, wahrlich ich würde sie einige Monate mit ihren Liebhabern, und unter der Leitung eines solchen Menschenkenners von Kapitän, auf ein Schiff setzen und den Wellen überlassen, wäre es auch nur, um ihnen den schleppenden Gang zu ersparen, den in unserm Zirkel, ein Mädchen wie das andere, aus der Kinderstube gähnend in Gesellschaftszimmer und gähnend in das Brautbette nimmt.

Da die jungen Herren nur gebrochenes Deutsch, die beiden Mädchen kein besseres Französisch sprachen, so suchten sie, unter vielem Gelächter, Hülfe in der Gebärdensprache, die zu ihrer Unterhaltung mehr als hinreichend war. Der alte Seemann beobachtete die jungen Passagiere mit innigem Vergnügen, und ich sah aus allen Anstalten, daß es ihm mit der zeitigern Abfahrt wohl kein sonderlicher Ernst mochte gewesen sein; denn eine muntere Stunde vertrieb die andere, und es fing schon der Tag an zu grauen, ehe der gute Vater sich entschließen konnte, die frohen Seelen zu trennen. Jetzt aber befahl er seinen Söhnen, auf ihre Posten zu gehen und auf das Signal Achtung zu geben; den beiden Mädchen aber mit hochroten Wangen und flimmernden Augen legte er nun selbst die Orangen vor, und gab jeder noch eine mit in die Kammer. – »Ich werde«, sagte er, »die Segel nicht eher ausspannen lassen, als bis Sie fest schlafen, und ich hoffe schon funfzig Meilen von Marseille zu sein, ehe Sie aufwachen.«

Es war kein Wunder, daß den guten Kindern alles, was ihnen heute begegnete, wie ein Feenmärchen vorkam. Sie freuten sich, als sie von mir Abschied nahmen, daß ich Zeuge davon gewesen sei, und schrieben mir die Namen einiger ihrer Freundinnen auf, denen ich es erzählen sollte, wenn ich nach Berlin käme. Ich versprach es, und gedenke es zu halten, sollte mir es auch noch so viele Mühe kosten, sie in den kleinen Gassen aufzusuchen, wo sie wohnen mögen.

Der Visitator schien es auch genug zu haben, da die Punschschale ausgeleert vor uns stand, und stolperte seiner Kammer zu, die ihm der Kapitän an dem andern Ende des Zimmers, seinen Nichten gegenüber, anwies. Ich umarmte ihn und den braven Seemann mit unbeschreiblicher Herzlichkeit, stieg nun auch in meine Barke, und beruhigte bald die Matrosen, die mich über die Länge meines Außenbleibens etwas mürrisch empfingen, mit dem Versprechen eines dreifachen Fährgeldes, wenn sie mich glücklich an das Ufer brächten.

Mit dem Schlafe für diese Nacht war es nun vorbei, – und ich entschloß mich, in einer der Kaffeebuden, deren eine Menge um den Hafen stehen, die Abfahrt des Schiffs zu erwarten. Während ich nun, das Gesicht dahin gerichtet, neben einem Teller mit Orangen saß, die ich, dem Rezepte des Kapitäns gemäß, zur Abkühlung meines Bluts nach und nach aussaugte – den ewigen Streit des ungetreuen Elements, das vor mir lag, mit den Kräften der Menschen, die ihm entgegen arbeiten, und den Vorteil der Schiffahrt mit ihrem Nachteil für unsere Sitten, unsere Ruhe und Gesundheit verglich, machte mir mein Gedächtnis die Freude, mich an die schöne Ode zu erinnern, die Horaz an das Schiff richtete, das seinen Freund Virgil nach Athen brachte.Ode 3 lib. 1. Sic te diva potens Cypri –

Das erhabene Vorbild reizte meine Phantasie, ihm von weitem nachzufliegen; und wenn ich auch meinen Landsmann mit seinen Nichten eben nicht animae dimidium meae nennen möchte, so sah sich doch meine Muse gern noch einmal in den Augenblicken nach ihnen um, wo sie mir der Wind – wahrscheinlich auf ewig – entführen sollte.

Ich war eben mit meinem Abschiedsliede fertig, als ich, von der Glastüre aus, die Segel aufziehen sah. – Jetzt schlafen nun die lieben Mädchen, dachte ich. Der Himmel beschütze sie! Und mit klopfendem Herzen trat ich aus meiner Bude an den Strand, und sang – obschon mit etwas heiserer Stimme – meine Wünsche dem Schiffe nach, das ganz aufgeblasen den Hafen verließ und in den Strahlen der Morgenröte dahinflog . . .

Meine tierischen Kräfte waren so erschöpft, wie meine poetischen. Ich fühlte die Schlummerkörner, die ich heute so reichlich ausgesät hatte, wurzeln und keimen, und war froh, als ich den heiligen Geist erreichte, wo ich sie bald in meinem Bette zur Reife brachte.

So endigte sich der erste halbe Tag meines Aufenthalts in Marseille, den ich aus Drang von Selbstzufriedenheit, dergleichen ich lange nicht empfand, dir, lieber Eduard, als eine augenscheinliche Probe meiner angehenden Besserung, hoffentlich so überzeugend dargestellt habe, als du nur verlangen kannst. Was wolltest du mit Grund dagegen einwenden? . . .

*

Marseille

Den 10. Januar

Die volle Sonne hatte Mühe, mich zu wecken. Als ich die Augen aufschlug, mußte ich mich einigemal fragen, wo ich wäre und wo ich hinwollte, eh ich es deutlich erfuhr. Das erste, was mir beifiel, war ein Wechsel auf Herrn Frege, einen Sohn des berühmten Bankiers dieses Namens zu Leipzig. Ich lernte einen artigen und gefälligen Mann an ihm kennen. Sein Deutsch war mir beinahe lieber als das, womit ich gestern an der Wirtstafel so angenehm überrascht wurde; denn er zahlte mir Geld, und bat mich auf morgen zu Tische. Mein heutiger Mittag hat nichts für mein Tagebuch abgeworfen. Es wollten keine Berlinerinnen kommen, so sehr ich mich darnach umsah. Unter den Anwesenden fand sich nicht ein Auge, in das ich hätte blicken mögen; und es war eben so gut: denn ich konnte um so viel ruhiger der Erholung pflegen, die mir nach der Nachtwache von gestern sehr nötig war.

Mit diesem Gefühle in allen Gliedern, und einem Pack Zeitungen, die für die Gäste da lagen, schlich ich wohl gesättigt nach meinem Zimmer. Hier pflanzte ich Bastianen, der mir sie vorlesen sollte, meinem Lehnstuhle gegenüber. Es ging schlecht. – Margot, sagte er zu seiner Entschuldigung, lese auch nicht besser. – Ich setzte den Prologus an seine Stelle, einige Zeilen nachher auch den Epilogus; aber der Zeitungstext und ihre Stimmen paßten so widrig zusammen, daß ich vor der Hand für das beste hielt, auf die Bequemlichkeit eines Vorlesers Verzicht zu tun. Es greift doch nichts die Gehörnerven so empfindlich an, als wertlose Neuigkeiten, die uns in einem hochtrabenden Tone verkündiget werden. Der erste deklamierte: daß Ludewig der Vielgeliebte zwei Tage und drei Nächte mit Madam Dubarry auf dem Schlosse zu Meudon zugebracht habe. – Der andere: daß der Herzog von Orleans entschlossen sei, eine Reiherbeize zu halten. – »Das mag er,« unterbrach ich den Epilogus; »trage nur die unnützen Blätter wieder in den Saal, damit nicht etwann gar jemand darauf warte.«

Der gute Kerl hatte indes doch nicht ganz umsonst gelesen. Er erinnerte mich, wie er das Maul so voll nahm, an seine sogenannte arabische Handschrift, die ich jetzt Zeit genug hatte nach Herzenslust zu untersuchen. – Ja, dachte ich, das soll auch geschehen; denn ich will doch noch lieber einen deutschen Landjunker über einen philosophischen Gegenstand schwatzen hören, als einen französischen Nouvellisten, der immer nur das Volk mit dem Zeitvertreibe seines Königs bekannt macht, nie mit seinen Geschäften. Sind sich diese Schmierer aber nicht in allen Staaten gleich? Ist es nicht, als ob sie dafür bezahlt wären, durch alle den Pomp festlichen Müssiggangs, den sie aus der Tagesordnung der Regenten sorgfältig ausheben, und in ihren Wochenblättern für das Publikum auskramen, dem Untertan seine saure Arbeit noch mehr zu verekeln, und ihm seine drückenden Abgaben noch unerträglicher zu machen?

Ich zog nun den Brief aus seiner kostbaren Verwahrung, tat im Vorbeigehen auch nicht einen Blick auf das berüchtigte Bild, und, glaube mir, ich war mit den paar Stunden, die ich verlas, nicht so gar übel zufrieden. War es der sonderbare Kontrast, in welchem mir der Eigentümer der Schreibtafel und des Gemäldes, gegen das gehalten, erschien, was der Brief von ihm sagte, denn es ist klar, daß er an ihn gerichtet ist; – sind es die Wahrheiten, die hier und da darin vorkommen, und mir oft so hell in die Augen leuchteten, daß sie mir übergingen; – oder waren es die Sophistereien der Freundschaft, die mich so anzogen? Ich weiß es nicht. Genug, ich übersah die schwachen Stellen mit Lächeln und Nachsicht, verweilte mit Vergnügen bei andern, die von stärkerm Gehalte waren – verglich die Empfindungen des Schreibers mit der Erfahrung der meinigen, und geriet darüber in ein Gedankenspiel, das mich, in Ermanglung eines bessern Zeitvertreibs, immer leidlich genug beschäftigte. Wäre der Brief nicht so unerträglich lang, ich schriebe dir ihn ab . . . .

*

Den 11. Januar

Ich wüßte nicht wie für die Art von Müssiggang, wie ich ihn am liebsten treibe, irgendwo besser gesorgt sein könnte, als in dieser geschäftvollen Stadt. Alles überzeugt mich, daß durch den Anblick fleißiger Menschen nicht allein die Seele, sondern auch der Körper viel zweckdienlicher in Bewegung erhalten wird, als durch einsame Spaziergänge; gesetzt sogar, daß man auch, wie das doch nicht immer der Fall ist, an sich selbst einen Begleiter fände, dessen Unterhaltung uns für jede andere schadlos hielte. Was die Vorstellungen meines Arztes nicht vermochten, macht hier der Handlungsgeist möglich. Er, der so viele Maschinen belebt, jagt auch die meine mit Tagesanbruch aus den Federn, nötigt mich an das Fenster und öffnet mir Augen und Ohren. Setze ich meinen Fuß aus dem Hause, so zieht die Vorsicht, die ich anwenden muß, daß er nicht überfahren oder durch die Füße eines Lastträgers zerquetscht werde, gewiß manches schlaff gewordene Knötchen meiner Flechsen wieder an, denen unter allen Lagen keine so nachteilig ist, als die bequeme. Nirgends aber wirken die in Tätigkeit gesetzten Kräfte sichtbarer und wohltätiger auf die meinigen zurück, als wenn ich den Hafen besuche. Mein Körper ahmt alsdann, ohne es zu wissen, die schwersten Originale der Arbeitsamkeit, die sich ihm darstellen, auf das treueste nach, und indem ich zum Beispiele die kräftige Äußerung des Wollens und Vollbringens derjenigen beobachte, die an einem seufzenden Krahn ungeheure Lasten in das Schiff heben, beiße auch ich die Zähne zusammen, dehne meine Arme, krümme meinen Rücken, die Adern laufen mir auf, und der Schweiß tritt mir so lange vor die Stirne, bis die Schwierigkeit überwunden ist. – Dann aber erleichtere ich auch meine Brust durch einen behaglichen Seufzer, wie jene Kraftmänner die ihrige. Die stärkende Seeluft kühlt uns ab, und von dem köstlichen Hunger, den sie zu ihrer Mahlzeit errangen, trage ich denn auch so viel nach Hause, als mein schwacher Magen bedarf. Ich werde diesen Versuch, den ich als Vorbereitung zu dem Schmause, der meiner heute erwartet, diesen Morgen mit meinem Körper vornahm, täglich wiederholen, so lange ich hier bin; denn, du glaubst nicht, mit welchem ganz andern Vergnügen ich jetzt an die Einladung des Herrn Frege denke, als gestern . . .

Warum aber, lieber Eduard, haben denn wir eine solche Scheu vor jeder körperlichen Arbeit? Würden wir denn nicht, da schon die sichtliche Vorstellung derselben so große Wunder tut, unsern Lebensgenuß um vieles erhöhen, wenn wir, nach Lockes Rat, neben unserer standesmäßigen Erziehung auch ein Handwerk – und das trockene Brot wenigstens verdienen lernten, das wir in kleinen Bissen genießen? Ist es recht, daß wir durch das vornehme Zurückziehen unserer Hände dem armen Tagelöhner mehr Hunger aufhalsen, als er befriedigen kann, indes wir uns der Erholungen, die nur den Fleiß belohnen sollten, als Mittel bemächtigt haben, unser unnützes Triebwerk im Gange zu erhalten? Ich dächte, dieser strafende Gedanke müßte jedem in den Weg treten, der, einem Trupp Schnitter vorbei, über Feld reitet, seine müßigen Stunden in einem rollenden Wagen verschnauft, sich auf Bällen und Jagdpartien in Schweiß setzt, und jedes Frühjahr ein Bad besucht, damit ihm nur der Schwamm nicht über den Kopf wachse, der in ihm keimt.

Wir haben alle einen vornehmen Herrn gekannt, dem dies begegnete – der sich endlich ein Faulfieber an den Hals, und mit sich sechs nützliche Menschen in das Grab zog, die ihn während seiner ansteckenden Krankheit bedienten. Wir erzählten einander in unsern Gesellschaften diesen Vorfall als die gleichgültigste Sache. Hätte er aber unser Gefühl nicht eben so sehr empören sollen, als die in Indien hergebrachte Zeremonie, nach welcher die Sklaven zur Begräbnisfeier ihres verstorbenen Herrn geschlachtet werden? Wohl gut, daß es kein Philosoph war, dem die Leichenrede unsers verklärten Freundes übertragen wurde! – Aber wie zum Henker komme ich zu diesen moralischen Grillen? den ungeschicktesten, die ich wohl hätte aufjagen können, um mich zu dem Gastmahl eines reichen Bankiers zu begleiten.

*

. . . Ich habe fünf üppige Stunden verbraucht, um eine Menge neue Bekanntschaften – nicht unter den anwesenden Gästen – sondern unter den Konsumtibilien zu machen; denn gute Gesellschaften sehen sich an jedem großen Ort einander gleich, aber nicht ihre Schüsseln. Der Erziehungskunst, so hoch man sie auch überall getrieben hat, mißlingt ihre Bemühung nur gar zu oft. Sie putzt und spickt und salzt das Wildpret, das sie behandelt, nach verschiedenen Methoden, und bringt doch am Ende nur ein verkünsteltes Gericht, oder höchstens ein Schauessen zuwege, das unter jedem Himmelsstrich einerlei Farbe hat. Sie versteht lange nicht so gut, der Natur nachzuhelfen, als ihre ältere Schwester, die Kochkunst, die immer das Eigentümliche jedes Landes mit der allgemeinen Erfahrung so geschickt zu verbinden weiß, daß jedes Gemüse seinen gehörigen Zusatz, jeder Fisch seine rechte Brühe erhält, und sie unterscheidet viel klüger als jene, welches Stück sie mortifizieren, welches sie dämpfen soll – wie viel Wasser jenes, wie viel dieses Feuer bedarf, um gar zu werden, und weist jedem seinen eigenen Topf an.

Da ich indes immer geglaubt habe, daß nichts mehr zarte Empfindungen, gewürzte Einfälle und neue Wendungen des Geistes hervorbringe, als Gerichte von ähnlichem Gehalte; so nimmt es mich doch Wunder, daß bei den vielen feinen Schüsseln, die Marseille vorzugsweise liefert, die hiesige Akademie der schönen Wissenschaften sich nicht besser auszeichnet. Es waren heute verschiedene ihrer Mitglieder zugegen; aber, so viel ich habe bemerken können, war kein Chaulieu, kein Lafontaine, kein Anakreon darunter, obgleich keiner bei den leckern Bissen, die er zu sich nahm, vergaß, daß seine Zunge auch ein Sprachorgan sei.

Bei allem dem kam mir doch den ganzen langen Mittag über auch nicht einen Augenblick das Heimweh an: und wenn es zutrifft, was mir Herr Frege für diesen Abend verspricht, hoffe ich auch den Überrest meines Tages von dieser patriotischen Krankheit befreit zu bleiben; denn er denkt, daß ein Ball, zu dem er mir auf das höflichste sein Einlaßbillett abgetreten hat, mich sichtlich von dem großen Vorzuge überzeugen werde, den die hiesigen Damen vor dem ganzen schönen Geschlechte der Erde ohne Ausnahme behaupten. Ich stutzte, als er mir das sagte, ging in der Geschwindigkeit die berühmten Schönheiten unsers Berlins durch, und schüttelte etwas ungläubig den Kopf. »Nun, Sie sollen es mir wieder sagen,« versetzte Herr Frege; »vergessen Sie nur nicht, Herr Landsmann, eine gute Lorgnette mitzunehmen!« – »Oh, daran soll es nicht fehlen,« erwiderte ich; »ich habe eine der schärfsten, die man finden kann, und die mir zu Caverac, Avignon und Gott weiß wo sonst noch, die vortrefflichsten Dienste geleistet hat.« – »Nun, so wünsche ich Ihnen Glück zu Ihrem heutigen Abend; es tut mir leid, daß mich Geschäfte verhindern, Sie zu begleiten.«

Diese zuversichtliche Behauptung eines wahrheitsliebenden Deutschen, der Leipzig, Dresden, Frankfurt und Berlin inwendig und auswendig kennt, und an einem Orte wohnt, wo täglich alle Nationen der Erde ihre Waren auslegen, kann wohl nicht anders als meine Neugier aufs höchste spannen. Wenn er recht hat, so käme man beinahe in die Versuchung zu glauben, daß jene gepriesenen Nahrungsmittel wohltätiger auf die äußern Organe wirken, als auf die innern. In einer See- und Handelsstadt mag das hingehen; wäre aber Marseille eine hohe Schule, so würde dieses Phänomen mehr Unglück anrichten, als die philosophische Fakultät verhindern könnte. Glaube mir, Eduard, daß ich weniger zu meinem Vergnügen auf den Ball gehe, als um diese Streitfrage zu berichtigen, die wohl eine der wichtigsten in der Naturgeschichte ist.

*

Dieser Tag des Wohllebens und der Entscheidung wäre nun vorüber! Und welcher Nation der Erde, fragst du, gehört denn, unter allen den Schönen, die du sahest, die Mustergestalt an, der du den Apfel reichen würdest? Geduld, Eduard! Ich habe noch Zeit genug übrig, mit dir zu schwatzen; denn ob es gleich schon einige Stunden über Mitternacht ist, so sind doch meine Augen von den Bildern, die bei meinem Fernglase vorüberzogen, noch viel zu gespannt, als daß ich sie so geschwind schließen könnte. Bei den optischen Strahlen der Schönheit, bei den magischen Tönen der Musik, die ich in solcher Menge aufgefangen habe, daß ich Feuer geben und klingen möchte wie ein Büstrich, ist es mir nicht allein gelungen, den wichtigen Streit der Schönen aller Nationen gegeneinander völlig zu schlichten; sondern ich bin auch nebenher auf die sonderbare Entdeckung gestoßen, wie man neue Silbenmaße, an denen es unserer Poesie so sehr mangelt, ohne große Anstrengung finden kann.

Die Operation ist kinderleicht für jeden, dem es während und nach einem Balle so geht wie mir, daß er kein Wort sprechen und denken kann, das nicht Takt hält. Er setze nur die Füße seiner Verse nach eben der Ordnung, Abwechselung und Mensur, die eine tanzende Schöne den ihrigen gibt, und er wird mit Verwunderung sehen, wie sich manches Silbenmaß unter ihren harmonischen Schritten bilden wird, an das vorher noch kein Dichter gedacht hatte. Zur Probe meiner neuen Erfindung will ich dir den ersten Eindruck des Ganzen auf meine überraschten Sinne in keinen andern, als solchen abgestohlenen Versen erzählen. Ich erwischte den Takt dazu bloß in den letzten Schwingungen des Tanzes, der eben zu Ende lief, wie ich in den Saal trat.

Freund! das war ein Ball! So hat je kein andrer
Mich, selbst in fürstlichen Sälen, ergetzt! –
Hat mich denn, dacht' ich, wie Paulus den Wandrer,
Ein Traum in den dritten Himmel versetzt?
Ich sah hier Tänzer in fremden Gewanden,
Und Schönen mit fremden Federn geschmückt,
Als hätten die fernsten Völker Gesandten
Zu diesem Feste der Füße geschickt.
Ich sah – –

Doch nein, weiter darf ich nicht fortfahren: denn die Musik schweigt, meine Vortänzerinnen verschnaufen, und der Saal nimmt eine prosaische Gestalt an. Ich machte mich sogleich zu meinem Richteramte geschickt, nahm mein doppeltes Fernglas vor die Augen, und wie ein Blumist in den Gärten zu Harlem in stiller Betrachtung von der Aurikel zur Nelke, von der Hyazinthe zur Klatschrose schleicht, mit seinen Bemerkungen von der Krone zum Stängel, und von diesem, mit gewagten Schlußfolgen, bis zu der verborgenen Wurzel herabsteigt, bald in der einen Blume den Umfang ihrer markigten Blätter, bald in der andern die gedrängtern Schönheiten ihres Kelchs bewundert, und sie erst alle mehrmalen beäugelt, ehe ihn der Abschluß seiner Vergleichungen zu derjenigen Blume zurückbringt, die ihn am meisten bezaubert hat; so pünktlich verfuhr auch ich in meiner Untersuchung, konnte des Spiels, das ich immer mit neuem Vergnügen wiederholte, in den vielen Stunden, die es mich in dem bunten Zirkel herumtrieb, nicht satt, und lange nicht über das Urteil mit mir einig werden, das ich über alle Nationen der Erde fällen sollte. Endlich aber, nachdem ich diese herrlichen Gewächse der physischen Welt von allen Seiten besehen, wieder besehen und miteinander verglichen hatte, blieb meiner Unparteilichkeit nichts übrig, als dem Herrn Frege beizustimmen und den einheimischen vor allen den ausländischen, die ich unter sie gemischt sah, den Vorzug der Schönheit zuzugestehen. Ich kann weder euch helfen, ihr feurigen Geschöpfe Italiens, noch euch, ihr schlanken Gestalten Englands, und selbst auch euch nicht, ihr meine lieben blonden Landsmänninnen – euch allen – allen nicht, die Spanien und Polen, Rußland, Schweden und Dänemark vor meinen Richterstuhl schickten. An jeder von euch rührten, blendeten und entzückten mich einzelne Reize genug, die ich aber nirgends so flecken- und tadellos und so offen beisammen fand, als in den ätherischen Gestalten Marseilles. Keine war – wie ging das zu? – der andern gleich, und doch jede vollkommen.

Herr Frege behielt recht. Er behielt recht von acht Uhr des Abends bis eine Stunde nach Mitternacht; aber eben wie es Eins geschlagen hatte, stellte sich eine Griechin seiner Ausforderung entgegen, und nach wenigen Minuten war ich gezwungen, mein schön gefälltes Urteil beschämt wieder zurückzunehmen. Ein guter Wind hatte sie, erst vor einer Stunde, in den Hafen gebracht, unter der Aufsicht und Leitung ihres Oheims, des weltberühmten Ritters von Tott. Er, der lange Jahre die Dardanellen verteidigte und die Ungläubigen siegen gelehrt hatte, eroberte für sich selbst eine schöne Cirkasserin, und flüchtete jetzt seinen Reichtum, seine Frau und ihre Nichte nach Frankreich.

Dieses Wundermädchen hatte nur zu lange auf dem engen Spielraum eines Schiffes den Tribut entbehren müssen, an den ihre Reize gewöhnt waren; nur zu lange hatte sie nicht ihren Schmuck angelegt und getanzt. Man kann denken, wie ungeduldig sie ihrer Landung entgegensah. Gott sei gedankt! rief der Ritter, wie er in den Hafen einlief, jetzt haben wir die reichste Stadt meines Vaterlandes und den besten Zufluchtsort gegen die Langeweile erreicht. Sie haben jetzt nur zu wählen, meine liebe Nichte. Was wünschen Sie zu Ihrer ersten Erholung? – Das Mädchen antwortete: Einen Ball! Und so stieg sie aus der offenen See vor den offenen Spiegel, fand sich da wieder, eilte, vielleicht zu sehr, mit ihrem Putze, und ging nun an dem Horizont unsers glänzenden Festes wie der Morgenstern auf, der eine ganze Milchstraße verdunkelt.

Der weibliche Zirkel geriet bei ihrer Erscheinung in einen sichtbaren und sehr gerechten Unmut; denn unter den Männern blieb auch nicht einer seiner Auserwählten so treu, daß er nicht seine Augen von ihr abwandte und seinen Handkuß aufschob, um dieser Huldgöttin einen beifälligen Blick zu entlocken und in Andacht ihren Einzug zu feiern.

So trat die Nichte – –                        

Doch, eh' ich meine Romanze in dem neuen Versmaße anstimme, das ich unter den flüchtigen Füßen dieser unvergleichlichen Tänzerin wegstahl, und das ich dir zugleich als die zweite Probe meiner glücklichen Erfindung vorlegen will, bitte ich dich, lieber Eduard, zu bemerken, daß in der Reihe der Nichten, die in meinem Tagebuche, und mitunter ziemlich derb auftreten, dieses liebe Mädchen schon die vierte ist.

Als einem Autor von feinem moralischen Gefühl, kann mir dieser zufällige Umstand nicht anders als angenehm sein; denn es würde mir leid tun, wenn ich hier und da das, was ich ohne Bedenken von Nichten erzähle, einer Tochter nachsagen müßte. Ob ich gleich, wie der Leser, mit der einen so wenig in Verwandtschaft stehe, als mit der andern, so ist doch gewiß, daß man an einer Verlegenheit, die Töchtern begegnet, innigern Anteil nimmt, als in die sich, nach Zeit und Umständen, eine Nichte gebracht sieht. Es ist, mit einem Worte, sobald man dabei nur Onkel, Tante, oder Vormund erwähnen hört, als ob man froh wäre, daß nur Vater und Mutter die Abzeichnungen nicht erlebt haben, in denen sich ein Reiseschreiber, wie ich, Cook oder Vaillant, oft genötigt sieht, so reizende Geschöpfe der neugierigen Welt bloßzustellen. Ich täte freilich wohl klüger, ich ließe meine Bleifeder ruhen und suchte mein Bette, wüßte ich nur den verzweifelten Walzer, der mir im Kopfe liegt, auf eine andere Art los zu werden, als daß ich ihn auf Noten setze und dir preisgebe. Aber, ziere ich mich nicht wie ein Kind! Warum sollte ich dir denn etwas verheimlichen, was auf einem öffentlichen Balle geschah, und was morgenden Tags, der schon anbricht, die eine Hälfte der Stadt der andern als eine Neuigkeit ins Ohr raunen wird, selbst auf Gefahr, durch ihr zu lautes Geschwätz die schöne Fremde auf immer und ewig daraus zu vertreiben? Es hatte also eben Eins geschlagen:

              Da trat die Nichte des mutigen Tott
    Mit ihm in den staunenden Saal:
Ein reiner und durch die Gnade von Gott
Gefüllter Busen, und Augen voll Spott
    In einem schneeweißen Oval.

Als sie mit Anstand die Reihen durchzog,
    Ward Mißgunst und Lüsternheit wach –
Ein summender Schwarm von Jünglingen flog,
Als sie mit Anstand die Reihen durchzog,
    Der Blume des Orients nach.

Die Fächer rauschten! doch Mangel an Mut
    Entfernte das feindliche Heer;
Der Handschuh lag still, es winkte kein Hut,
Die Tänzer weilten aus Mangel an Mut,
    Und keiner noch trat ins Gewehr.

Doch endlich naht sich ihr bittend und dreist –
    Und Oberon stieß in sein Horn –
Ein flinker Ritter vom heiligen Geist –
Und endlich naht sich ihr bittend und dreist
    Ein Ritter vom päpstlichen Sporn.

Sie blickt auf keinen, und reicht ohne Wahl
    Dem Ritter des Sporns ihre Hand.
Er, wie ein Sturmwind, durchbraust nun den Saal,
Und dreht und walzt sie, verunglückte Wahl!
    Bis ihre Besinnung verschwand.

Sie fiel – zwar, leider! so ehrbar nicht, als
    Einst Cäsar, doch schöner gewiß.
Was Er verhüllte, war freilich kein Hals
Von solcher griechischen Federkraft, als
    Hier einer sein Schnürband zerriß.

Von Wien bis China, von Osten bis West
    War nie ein Schwindel so frei –
Denk dir, was sich beschreiben nicht läßt,
Von Wien bis China, von Osten bis West –
    Und nun die Beleuchtung dabei!

Die Nymphen des Balls flohn wider Gebühr
    Und lachten – doch Männer, wie ich,
Verstummten sittsam, und rückten dafür
Dem Ziele näher, das wider Gebühr
    Ihr freundliches Fernglas beschlich.

Mich hatte die Lust, ins Weite zu sehn,
    Wie Boden und Herscheln berauscht;
Hier sah ich Sparta, dort sah ich Athen
Nicht dunkler, als ich das Füßchen gesehn,
    An das ich mein Strumpfband vertauscht.

Nun Er nahm, der selbst in Stambuls Gebiet
    Nie Mut und Bewußtsein verlor,
Kaum wahr, was seine Nichte verriet;
So warf er, als ständ' er in Stambuls Gebiet
    Noch Wache, sein Schnupftuch davor.

Was half's dem Neider? Ich hatt', eh' er warf,
    Mich längst nach dem Lichte gedreht,
Und dreimal erblickt – – Wie wenig bedarf
Der Mensch zum Frohsein! ich schwör' es, er warf
    Sein türkisches Schnupftuch zu spät.

Sein schwarzes Auge voll blitzenden Zorns
    Verjagte die andern. Es floh
Der Ritter des Geistes, der Ritter des Sporns;
Sie wurden unter dem Blitz seines Zorns
    Des reizenden Anblicks nicht froh.

Kaum floh der Schwindel, so bot er den Arm
    Der Schönen. Errötend verließ
Sie nun im Fluge den männlichen Schwarm,
Der jetzt im Einklang – er bot ihr den Arm –
    Die Reichtümer Griechenlands pries.

Ich braucht' als Richter das Fernglas nicht mehr
    Seit mein Objekt mir verschwand;
Mir schien der Rangstreit der andern so leer
An Rechtsbehelfen, sobald ich nicht mehr
    Den Urteilsspruch zweifelhaft fand.

Vernehmt den Ausspruch, der ihrem Beweis
    Und der ihren Zeugen gebührt:
Mehr als ein Apfel versichre den Preis
Dem holden Kinde, das seinen Beweis
    Selbst offner als Venus geführt.

In griechischer Luft, wie Winckelmann schreibt,
    Gedeihen die Grazien nur,
Und Griechenland ist und Griechenland bleibt –
Sie hat bestätigt, was Winckelmann schreibt –
    Die Werkstatt der schönen Natur.

Dies sei so lange gesprochen zu Recht,
    Bis es das Schicksal verhängt,
Daß mich ein Anwalt von Evens Geschlecht
Des bessern belehrt, und jene mit Recht
    Aus dem Besitzstand verdrängt.

Die Männer klatschten; doch minder gelind
    Verfuhren die Mädchen und Frau'n:
Die schalt mich, die schwur, mein Fernglas sei blind,
Die droht', und die bat mich minder gelind,
    Auch ihr Dokument zu beschaun.

Die Alten fragten mit bitterem Stolz:
    Gilt die Verjährung hier nichts?
Die Jüngern schrieen: ich wäre von Holz,
Und dächt', es bedürf' nichts weiter als Stolz
    Zum Gang eines solchen Gerichts.

Mir blieb kein Ausweg, als den einst Ovid
    Am Pontus Euxinus ergriff:
Ich ging und spielte dies einsame Lied,
Mein Blut zu kühlen, wie weiland Ovid
    Die Schuld seiner Augen verpfiff.

*

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