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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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Es ist doch gewiß, Eduard, daß die Hoffnungen der Liebe auch der gemeinsten Sache einen eigenen Reiz geben! Ich glaube, mein Herz hätte noch eine Stunde mit seinem kleinen Abgotte so forttändeln können, ohne es müde zu werden, hätte nicht der belobte Wein, der nun aufgesetzt war, mich an meine Gäste erinnert. Mit allen den verborgenen Kräften, die der Geist der Natur in ihn gelegt hat, stand er freundlich in unserm Kreise, und wurde nun – – – Ja freilich, wenn ich es mir bequem machen wollte, dürfte ich dir jetzt nur in zwei Zeilen sagen, wie viel Flaschen davon getrunken wurden, und du müßtest wohl damit zufrieden sein. Mancher andere würde glauben, sich an der Präzision zu versündigen, wenn er ein Wort mehr darüber verlöre. In seinem Tagebuche kann er auch wohl recht haben – das will ich ihm nicht abstreiten. In dem meinigen aber ist es, glaube ich, schon notwendiger, daß ich die Mühe der Pünktlichkeit, die ich bis jetzt nicht gescheut habe, am wenigsten bei dieser Gelegenheit aus der Acht lasse, und jedes einzelne Glas, das meine Gäste tranken, mit Anmerkungen begleite, um dir den Stufengang der Empfindungen auf das genaueste zu schildern, die es in ihren Seelen erregte, da es doch sicher und gewiß ist, daß für einen Beobachter auf dem Grund einer Flasche ganz andere Erscheinungen liegen, als in der Nähe des Stöpsels, und daß man sehr übel tun würde, sie untereinander zu mengen. Aus dem Schaume des ersten Glases – wenn ich anders richtig gesehen habe – breitete sich ein Schimmer natürlicher Fröhlichkeit aus, der, nach meinem Urteile, den beredtesten Dank für die Wohltaten Gottes enthielt. Klärchen sah dabei allerliebst aus. Das zweite entwickelte zu meinem Vergnügen jene Lebhaftigkeit des Geistes, die uns zu witzigen, verwegenen Scherzreden oft herzhafter macht als es gut ist. Der Prälat brachte zuerst eine hervor, die für diejenigen, die den kühnen Schwung davon einsahen, viel Salz hatte. Die fromme Bertilia selbst wurde ganz munter darüber; für ihre unschuldige Nichte freilich war das feine Rätsel so gut wie verloren, und mir ward schon angst, wie ich auf eine gute Art dem fröhlichen Drange ihres Bluts einen Ausgang verschaffen sollte, als ihm glücklicherweise der Epilogus Luft machte. Er reichte ihr zwar nur einen Teller – aber wenn das Gemüt einmal zur Freude gestimmt ist, bedarf es auch nur einer Kleinigkeit, um ihr Spiel in Bewegung zu setzen. Es fiel ihr, wie sie uns zur Entschuldigung sagte; seine komische Figur vor ihrem Bette zu Cavaillon, und ihr kindisches Schrecken ein, das ihrem Bedürfnisse zu lachen jetzt ungleich besser zustatten kam, als damals ihrem Bedürfnisse zu schlafen. Ich kann dir nicht sagen, Eduard, wie gut ihr diese kleine körperliche Erschütterung stand! Es war das erstemal, daß ich die Perlen ihrer Zähne, wie an eine Schnur gereiht, zu sehen bekam, und es war zu verwundern, wie, nach so vielen Entdeckungen in dem Gebiete ihrer Schönheit, mich diese noch so angenehm überraschen konnte. Diesen hübschen Anblick, dachte ich, willst du dir oft verschaffen; und um ihn mir auch jetzt noch eine Weile zu erhalten – schenkte ich geschwind – Reihe herum noch einmal ein, und gewann dadurch – zwar nicht gerade was ich hoffte – aber dafür einen Anblick von einer – wenn es möglich ist – noch lieblicheren Art. – Die funkelnden Augen meines Klärchens und des Domherrn gerieten an einander. – Das alte Mißverständnis des geistlichen Herrn, der bis jetzt noch immer ein wenig vornehm und zurückhaltend gegen seine schöne Nachbarin geblieben war, schien schnell dem holden Gedanken der Vergebung zu weichen. Er schlürfte seinen Wein mit bedächtigerm Hinblick auf das sanfte Spiel der Wellen hinunter, die den heiligen Nicaise höchst malerisch schaukelten, und geriet dabei, wie mir vorkam, in jenes gutmütige Erstaunen, das unserm großen Friedrich so oft in die Augen steigt, wenn er eine beim Antritte seiner Regierung magere und kahle Gegend – angebaut und in blühendem Zustande wieder sieht. Er reichte seiner ehemaligen Pflegetochter die Hand, die, äußerst gerührt, mir sogar die ihrige entzog, die ich zärtlich in der meinen gefangen hielt, um ihm mit beiden für die Wiederkehr seiner väterlichen Liebe dankbar zu schmeicheln.

Es war, wenn du mir nachrechnen willst, das zwölfte und letzte Glas der einen Bouteille – (hier, mußt du wissen, ist in allem größer Gemäß als zu Berlin) – das mir zu dieser höchst rührenden Szene verhalf. Gott sei gelobt und gepriesen, daß es nicht auch die letzte Flasche war! In der zweiten, die ich mir zur Fortsetzung meiner stillen Bemerkungen geben ließ, lagen noch ganz andere Erscheinungen verborgen. Der gelüftete Pfropf flog mit einem Knalle – der in der Welt schon manches Mädchen erschreckt hat, und dem Ohre eines Kenners so wohl tut – an die Decke, und der Wein hielt, was sein Herold ankündigte; denn zweimal mußte ich geschwind hinter einander die Flötengläser Reihe herum füllen, um dem tobenden Schaume seinen Willen zu tun, ohne in diesen teuern Minuten Zeit zu haben, auf meine Gäste zu achten. Desto mehr überraschten sie mich, als ich meine Flasche neben mir setzte und mich nach ihnen umsah. Ach, mein Gott! wie hoch waren inzwischen nicht ihre Empfindungen gestiegen! – Ich erstaunte über die unglaubliche Veränderung, die ich antraf. Ist das mein Klärchen, fragte ich still vor mich hin, die so freundlich den unzähligen Küssen zusieht, die der entzückte Prälat ihren Händchen aufdrückt? – Sind das die Augen eines Kindes, das sich gegen seinen Vater entschuldigt? Sind das die Blicke eines beleidigten Wohltäters, der seiner Pflegetochter verzeiht? Hurtig, sagte ich zu mir selbst, schüttelte meine Bouteille, und füllte aufs neue die Gläser bis an den Rand; und nun sah ich noch deutlicher, wie weit das Geschäft ihrer Versöhnung gediehen war. Sie konnten schon nicht mehr das Glas mit Vergnügen trinken, wenn es nicht unter ihnen ausgewechselt und von den Lippen des andern berührt war. Erst alsdann stürzten sie es – mit buhlerischem Gelächter, sage ich dir, stürzten sie es hinunter, und der Traum – ach Gott, wie soll ich meine Schamröte verbergen? – der Traum meiner häuslichen Glückseligkeit war dahin! Die Wiedervereinigten achteten nicht mehr der Augen, die sie belauschten, noch der aufmerksamen Ohren, die ihnen zuhörten. Sie verhandelten ihre Angelegenheiten so offen, daß der Prologus und sein Bruder mich anlächelten, und mir fragend zuwinkten, ob sie nicht recht gehabt hätten? – O ja! ihr guten Leute, dachte ich, ihr habt nur mehr als zu wahr gesprochen. Und da ich sah, daß der Domherr nicht aufhörte, dem lachenden Mädchen in die Ohren zu flüstern – die Perlen ihrer Zähne immer näher betrachtete, und mir sogar für die Sicherheit des Orts [Angst] ward, der die heiligen Steine verwahrte, so fing ich – nicht mehr für mich, das wirst du mir zutrauen – aber für die armen Puppenspieler fing ich zu fürchten an. Wenn er, sagte ich heimlich zu mir, das Glas noch trinkt, bei dem ich eben im Einschenken war, so bist du um dein gutes Werk, und deine Hofakteurs sind auch noch um ihren Abschied betrogen, wie sie es schon um ihr neues Theater sind. Ich faßte Herz – zog das Glas zurück, und, – »Sie dürfen es wahrlich nicht eher trinken, lieber Mann,« sagte ich, »bis Sie meinen Grenadieren ihre Entlassung zur Stelle gebracht haben. – Alsdann aber trage ich Ihnen auch dafür noch zwei – drei Bouteillen von diesem guten Weine auf, der Ihnen nur desto besser schmecken wird, wenn Ihnen kein anderes Geschäft mehr abzutun bleibt, als Ihr eigenes.« – Diese kurze, unversehene Anrede brachte ihn auf die Beine. – »Gut, gut,« sagte er, »davon will ich bald genug wieder zurück sein. Hüten Sie mir indes das Glas, liebes Klärchen, das ich stehen lasse,« – und so küßte er noch einmal ihre Hand, nahm seinen Hut und ging.

Jetzt, dachte ich, wird sich das Mädchen besinnen, und vor Scham vor deinen Augen vergehen. – Aber ich dachte nicht klüger als vor drei Stunden, als ich mit ihr in der Bibliothek war – »Das ist heute«, drehte sie sich zu mir, »ein glücklicher Tag. Der gute würdige Herr! Wir haben uns über das Vergangene besprochen. – Er hat mich tausendmal um Verzeihung gebeten, und wir sind nun bessere Freunde als jemals. Und wissen Sie wohl,« wendete sie sich gegen ihre Tante, »ich ziehe noch diesen Abend zu ihm! – Er verlangt es durchaus. – Wenn Sie also, meine Beste, so gut sein wollten, mir mein Paket zusammen zu schnüren – –« – »Siehst du wohl,« fiel ihr die Tante ins Wort, »daß ich recht hatte, wenn ich dir manchmal Behutsamkeit anriet und dir die Rückkehr deines alten Freundes wahrsagte? Ich verstehe, Gottlob! den Rummel.« »Ganz gut!« antwortete ihre unbefangene Nichte! »aber ohne die Vermittlung dieses fremden Herrn,« oh, wie gab mir ihr Lob einen Stich in das Herz! »wer weiß, wie lange Ihre Prophezeiung nach außen geblieben wäre!« – »Übrigens,« fuhr die Alte fort, »wüßte ich nichts, was ich lieber zuschnürte, als dein Paket; denn der Propst schien heute grausam aufgebracht über dich wegzugehn, und ganz sicher müßte ich wieder in das Spital wandern, wenn du meine einzige Nichte wärest.« – Mit diesen Worten, die ich mit einer Verschämtheit anhörte, die du einem Menschen wohl zutrauen darfst, der weder in Berlin noch anderwärts – und auch hier ganz unschuldig, in so ein Haus gekommen, stand das scheußliche Weib auf, wodurch sie meinen Augen gewiß keinen Possen tat. Indes beunruhigte mich ihre Entfernung auf einer andern Seite, da ihre schöne Nichte, die ich vor Abscheu nicht mehr ansehn konnte, wieder mit mir allein blieb. Doch mein Freund, der Zufall, schlug sich auch diesmal ins Mittel. Indem die Alte zur Tür hinaustrat, war Bastian im Hereintreten – »Herr Fez,« rief er mir zu, »bittet sich die Erlaubnis – – –« – »Geschwind laß ihn ein,« fiel ich ihm ins Wort; und der wackere Mann näherte sich mit einer tiefen Verbeugung. Wir haben uns immer, wie du weißt, mit halben Worten verstanden – so auch jetzt. – »Ich habe nicht versäumen wollen, an diesem frohen Tage – –« – »Jawohl, jawohl, lieber Herr Fez! Glücklicher habe ich in meinem Leben noch keinen – –« – »Könnte ich denn nicht, mein Herr, das unverbrennliche – –« – »O, das Wunderblatt! das sollen Sie gewiß – – Aber jetzt nehmen Sie nur Platz, lieber Herr Fez, – hier, neben Klärchen – und Sie, liebes Kind, bringen Sie doch dem Herrn das Glas zu, das vor Ihnen steht!« – Ohne sich zu besinnen, reichte sie es ihm, sowie es ihr der Domherr zu hüten gegeben hatte – und mit der sichtbarsten Freude nahm er es aus ihrer Hand. Und ich, Eduard, freue dich, bekam dabei einen Einfall, der, wenn er auch sonst nichts wert ist, dich doch wenigstens über meine aufrichtige Verachtung für dieses Geschöpf vollkommen, wie ich hoffe, beruhigen soll. – »Sie haben«, redete ich den Buchhändler an, »immer so viele Achtung und Liebe gegen das fromme Kind gezeigt, das Sie unter Ihren Augen aufwachsen sahen, daß es Ihnen gewiß eine herzliche Freude machen wird, zu erfahren, wie hoch zu Ehren – – – Doch liebe Kleine!« unterbrach ich mich selbst, »es fällt mir schwer aufs Herz, daß ich vor meiner Abreise noch vieles zu berechnen habe. – Sie könnten mir ja wohl die Erzählung abnehmen, die dem Herrn Fez aus Ihrem Munde viel lieblicher klingen wird, als aus dem meinigen. Zeigen Sie doch dem wackern Manne den Ort, wo das berühmte Buch stand – und seien Sie – – trinken Sie aber noch erst jedes ein Glas von meinem freundlichen Weine – ein wenig gefällig gegen seine Neugier. Ich habe – Sie wissen wohl, liebes Klärchen, noch mancherlei kleine Ansprüche an Sie – und kann sie wirklich nur gern an einen Mann abtreten – dem ich so vielen Dank schuldig bin, als dem Herrn Fez. – Hauptsächlich aber, bitte ich Sie, in Erwägung zu ziehen, daß zur Ausbreitung eines Wunders die Freundschaft eines Buchhändlers der sicherste Weg sei.« Meine Vorstellung machte Eindruck bei ihr, wie bei einem Gelehrten. Sie dachte jetzt nur an ihre Legende, stürzte ihren Wein hinunter, und trat voller Begeisterung der wartenden Nachwelt entgegen.

Es ist mir zwar nicht mehr möglich genau nachzukommen, das wievielte Glas es war, das sie zuletzt trank; aber so viel kann ich, nach der leichten Art, mit der sie mein Vorwort zugunsten des Herrn Fez aufnahm, doch berechnen, daß ein Gemisch darinnen müsse gegoren haben, vor dem schon jedes nicht ganz verlorene Mädchen den stärksten Ekel verraten würde, ehe sie es an den Mund brächte. Und dieses Geschöpf – rief ich ihr nach, wie sie dem armen Fez den Weg wies – konntest du, durch eine Kette von Sophistereien, deinen besten Wünschen so nahe bringen? konntest – ohne betrunken zu sein – das Ideal einer würdigen Gattin in ihr entdecken, und hast es bloß einer Flasche Champagner zu danken, daß du deinen Freunden – daß du dir selbst nicht verächtlich, und das Gelächter des ganzen Comtats wirst? Was wäre aus dir geworden, wenn die Heuchlerin deinen schon gefaßten Entschluß erraten – deine Händedrücke besser verstanden, und dir selbst die Gläser eingeschwatzt hätte, die du ihr zutrankst! – . . .

Während daß die Schöne die Verbindlichkeiten, die mir Herr Fez auferlegt hatte, in dem Maße als sie es wert waren, erwiderte – mich an meinem stolzen Feinde, dem Propst, rächte, und dem heuchlerischen Domherrn den ersten Unterricht vergalt, den er ihr, wie es der nun klar angesponnene Faden seiner Geschichte bewies, in der Kunst zu betrügen gegeben, freute ich mich über das schöne Verhältnis der Belohnungen und Strafen, die hier . . . der Zufall, verteilte, und dankte ihm herzlicher als jemals für das nicht zu berechnende Gute, das er mir . . . in dem päpstlichen Gebiete erwiesen.

Ich sah nach meiner Uhr. Wenn du heute noch über die Grenze willst, sagte ich mir, so hast du keine Zeit mehr zu verlieren, und ich pfiff meinen Leuten. »Dort, Bastian, neben dem schlafenden Engel liegt mein Reisepaß – Trage ihn auf die Post, und bestelle mir sechs tüchtige Pferde, damit ich vom Flecke komme! Und nun ein Wort mit euch beiden andern – In der Hoffnung, daß ihr ehrliche Bursche seid – vielleicht die letzten, die noch hier sind, und die Gott noch aus diesem Sodom zu retten gedenkt, ehe er es unter Feuer und Schwefel begräbt – will ich euch in meine Dienste nehmen. – – Laßt mich ausreden und erspart euern Dank! Nun ist es aber – ohne daß ich weiter mit euch Staat zu machen gesonnen bin – nicht möglich, daß ihr mich in diesen päpstlichen Lumpen begleitet; denn alle Leute müßten glauben, ich hätte den heiligen Vater ärger gelästert, als Doktor Luther, und man führe mich deswegen als Gefangenen nach der Engelsburg oder nach der Inquisition. Ebensowenig ist es meine Gelegenheit, so lange noch hier zu verweilen, bis eine Livree für euch fertig sein kann – ich sehe sonach kein anderes Mittel, als daß ihr euch bei dem ersten besten Schneider in Ordnung bringen laßt, und mir nach Marseille nachkommt.« – »Ach mein gütiger – ach, mein großmütiger Herr!« nahmen hier die beiden Brüder einander das Wort aus dem Munde. »Sollten wir«, fing der Prologus an, »ohne Ihren Schutz nur eine Stunde länger hier bleiben müssen – so ist«, setzte der Epilogus nach, »Ihre gute Absicht so gut wie verloren.« »Müßt ihr denn beide zugleich sprechen?« fragte ich ungeduldig, und nun schwiegen sie aus Höflichkeit beide, bis ich dem ersten befahl, seinem Range nach fortzufahren. – »Wir haben hier von unsern glücklichen Zeiten her«, nahm er das Wort für seinen Bruder mit, den er treuherzig anblickte, »noch einige Schulden – die würden sicherlich aufwachen, und uns aufs neue ins Gefängnis bringen, wenn unser Abschied bekannt würde; denn wenn der Soldatenstand auch sonst zu nichts gut wäre, so ist er es doch darin, daß man seine bürgerlichen Schulden nicht zu bezahlen braucht, so lange man Uniform trägt.« . . .

»Ist denn«, mußte ich schreien, weil eben mit allen Glocken in die Vesper geläutet wurde, »keine Trödelbude hier?« – »Oh, mehr als eine!« antwortete er. – »Nun,« sagte ich, »so geht denn gleich hin und stoppelt euch in der Geschwindigkeit etwas zusammen, das einigermaßen zu meinen Farben paßt. – Ein grauer Rock, eine rote Weste – das ist vor der Hand genug, wenn auch übrigens keine Achselbänder dabei sind.« – Ich gab ihnen Geld zu dem Handel, und die beiden Brüder sprangen fort, als wenn ihnen das Unglück nachsetzte. . . .

Doch ich vergesse . . . den guten Herrn Fez, Klärchen und ihren Domherrn. – Wären nur meine Pferde da und meine Leute beisammen! ich wollte gern die Rückkunft jener nicht abwarten, und weiter ihre Namen in meinem Tagebuche nicht nennen, möchte doch aus ihnen werden was wollte. Meine gegenwärtige Lage fängt an mir recht ernsthaft schlecht vorzukommen, und macht mich ungeduldig und wild. – Tue nur einen einzigen Blick her, Eduard, und sprich, ob ich mir unter solchen Aussichten, als mich alleweile umringen, gefallen kann? – Hier vor der Nase ein unterbrochenes Bacchanal, das nächstens wieder angehen wird – dort, hinter der einen Wand das Betzimmer der Alten, die ihre Nichten berechnet, und hinter der andern meine ehrliche Schlafkammer, die schon seit einer Viertelstunde entweiht wird. Wahrlich, ich komme mir vor wie der heilige Antonius unter den Teufeln. – Holla! da kommen doch endlich die Figuren aus der Bibliothek! – Auf das Mädchen ist es mir unmöglich einen Blick zu werfen, aber den armen Fez. der sacht zu meinem Schreibtische herschleicht – muß ich doch wohl zur Komplettierung meiner Akten noch abhören.

Der gute buckelige Mann. Ich merkte es ihm nur zu sehr an, daß er für alle Höflichkeit, die er mir erwiesen, mehr als zur Genüge bezahlt war. Er drückte mir dreimal hintereinander stillschweigend die Hand, wie man sie in Golconda den Mäklern drückt, die Diamanten verkaufen. – Das war doch gewiß kein schlechtes Gebot, Eduard, und auch verständlich genug. – Aber nein! meiner Eigenliebe war es zu wenig. Ich hätte gern umständlichere Nachrichten von meiner Zeichnung gehabt – hätte gern gehört, daß sie richtig – ähnlich – von großer Kraft und ein Meisterstück der ewigen Kunst sei. . . . . Ich ging so lange mit meinen immer näher tretenden Fragen um den blöden lakonischen Mann herum, bis ich ihn endlich auf meinen Stimmhammer brachte und gewiß erfuhr, daß er ihn gesehen und bewundert hatte . . . . »Oh,« sagte Herr Fez, »ich – – auf meine Ehre. versichere ich Sie, daß mich zeitlebens kein Kabinettsstück so entzückt hat.« – »Also haben Sie wirklich einige Ähnlichkeit gefunden, lieber Herr Fez?« schmunzelte ich ihm zu. – »Da müßte man«, erwiderte er, »doch mehr als blind sein, wenn man sich irren könnte. Es ist so viel Leben, Ausdruck, Wärme, Kolorit, und eine so sanfte Haltung in diesem Bilde, daß ich es, ohne Schmeichelei, für eins der schönsten und kräftigsten unsers Jahrhunderts halte.« – »Dieser Ausspruch, würdiger Mann«, antwortete ich, »kann mir von einem solchen Kenner gewiß nicht gleichgültig sein. Ich wünschte nur, daß alle diejenigen, die mir gern abstreiten möchten, daß ich malen kann, meine Zeichnung mit so guter Laune und so verständigen Augen betrachteten, als Sie, lieber Herr Fez!« – »Ihnen abstreiten, daß Sie malen können?« fragte er voller Verwunderung. »Wäre es möglich, daß es so gefühl- und geschmacklose Menschen gäbe?«

Indem hörten wir den Domherrn auf der Treppe, und der rechtschaffene Mann machte sich aus dem Staube. Ich sah mit Vergnügen von meinem Schreibtische, daß Klärchen eilig das Glas wieder füllte, das ihr Freund ihrer Bewachung empfahl, und fand nach Deiner Einsicht in dieser kleinen Handlung so viel reife Überlegung und weibliche Klugheit, daß ich ihres künftigen Schicksals wegen ganz außer Sorgen bin. Ich stand, wie der Prälat atemlos hereintrat, einen Augenblick auf, berichtigte in möglichster Eil meine Rechnung mit ihm, die er mir zugleich mit dem Abschiede der beiden Soldaten einhändigte, und begleitete ihn unter seinem beständigen Geschwätz, auf das ich nicht hörte, bis an das Ziel seiner Wünsche – an seinen Stuhl. Er übernahm sein Glas, wie ein Maurer seine Kelle, die er als Zeichen da ließ, daß er fortarbeiten wolle, und schlürfte es mit sichtbarem Wohlgeschmack und dem zärtlichsten Hinblicke auf Klärchen hinunter. O des menschlichen Glücks! Wie hängt es fast immer von unserer Unwissenheit und Einbildung ab! Hätte dem guten Manne nur das mindeste von dem geahndet, was sich Herr Fez, in seiner Abwesenheit, mit seinem Glase und seiner Geliebten heraus nahm, wie würde es ihm nicht alles verbittert haben, was jetzt seinen Lippen und seiner Vorstellung so süß dünkte! Er hätte darauf geschworen, daß es derselbe Wein sei, den er stehen ließ, fand ihn, auf meine leichtfertige Frage, weder frischer noch matter als er sein sollte, und behauptete mit der Miene des Kenners, seine Zunge sei fein genug, um immer zu wissen, das wievielste Glas aus einer Bouteille es sei, das er trinke. Es würde bei dem Bewußtsein, das mich drückte, schlecht zu Gesichte gestanden haben, über die so zuverlässige Unterscheidungskraft seines Geschmacks zu spotten. Klärchen fand noch weniger Beruf dazu, und war so gefällig, mir das Amt seines Mundschenken abzunehmen, da sie sah, daß ich von ihr weg nach meiner Schreiberei schielte. Ich kann also die letzte Seite, der ich noch mächtig bin, ruhig hinausschreiben, da nun alles für mich hier abgetan ist. Meine beiden komischen – oder willst du lieber burlesken – – Bedienten, sind, leidlich genug gekleidet, vom Trödel zurück, und tragen meine Sachen in den Wagen – und meine sechs Pferde sind auch da. Auf die beiden Bacchanten gebe ich selbst weniger acht als auf die gelbsüchtige Bertilia, die ihrer schönen Nichte das Nachtpaket gebracht, und sich nun leider, Gott erbarm es! nicht weit von mir auf ihren früheren Gerichtsstuhl gestreckt hat, um ihren Rausch zu verschnarchen. Diese Harmonie, wenn es möglich ist, verstärkt noch mehr die Ungeduld, die ich habe, aus diesem Sumpfe an Gottes freie Luft zu kommen. Da es zu spät ist, noch vor Nachts Aix zu erreichen, so soll es meine Abendbeschäftigung sein, diesem Bogen den Beschluß meines heutigen reichhaltigen Tages in dem Wirtshause noch anzuhängen, wo ich etwan übernachten werde, und mit dir den Austritt aus dem päpstlichen Gebiete und aus einer Woche zu feiern, die den Anfang des Jahrs höchst niederschlagend für den prahlenden Stolz meiner Tugend eröffnet, und das erste Blatt meines neuen Kalenders gewaltig beschmutzt hat . . . .

*

Lambesk

Hier bin ich nun schon einige Meilen über der Grenze jenes wurmstichigen und von Mönchen durchwühlten Landes, und befinde mich schon um vieles besser. Unter dem Burgfrieden eines Prinzen, der mit Joseph dem Zweiten verwandt ist, werde ich von seinem abgedankten Haushofmeister bewirtet, der mein Vaterland kennt – dem es dort wohl ging – und der es den Reisenden zu vergelten sucht, die da her sind. So klein diese politische und moralische Verbindung auch sein mag, so kömmt sie mir bei meinem Nachtlager doch sehr wohl zu statten . . . – Jetzt, da ich mich wie ein Erzbischof gesättigt, und mich beinahe ein wenig berauscht habe, wie ein gefürsteter Abt – da sich auch meine allzudienstfertigen Wirtsleute in den unteren Stock zurückgezogen, und meine Bedienten umringt haben, die sich immer, wie ich von weitem höre, einander unterbrechen, um mit dem ehrwürdigen Ansehn ihres Herrn groß zu tun; jetzt könnte ich nun ruhig und lächelnd in das feine, schneeweiße Bette steigen, das mir winkt, wenn mich das Versprechen, das ich dir, lieber Eduard mit meinem letzten Federstriche zu Avignon gab, nicht wie billig, munter erhielt. So höre mich denn ebenso munter an, und höre noch die letzten Merkwürdigkeiten meines heutigen großen Tages, unter welchen ich glücklich bis an das Tintenfaß gekommen bin, das mir, in Wiener Porzellan, ein zweiköpfiger Adler vorhält.

Als ich mit dem Schwure, keinem Kasuisten, keiner Heiligen und keiner milden Stiftung je wieder so nahe zu kommen, die Gruppe, die ich dir oben beschrieb, noch um eine Bouteille betrunkener, unter Rousseaus Aufsicht verließ, und ohne Geräusch meinen Hut und Stock aus der Ecke gezogen hatte, wo die fromme Bertilia ihrer verdienten Ruhe genoß, schlich ich stillschweigend meiner Wege, und war schon bis an die Tür gekommen, als der Domherr meinen Abzug bemerkte. Seine Zunge war jedoch zu schwer, ein deutliches Lebewohl auszusprechen; dafür aber schlug er mir so lange seine Kreuze nach, bis ich ihm aus dem Gesichte kam. Klärchen wischte höflich mir nach bis auf den Vorsaal, wo sie mir aus überströmender Dankbarkeit, im Angesicht des heiligen Nicaise, der unverschämt zusah, noch ein paar Küsse aufdrang, die, so Gott will, die letzten sein sollen, die mir eine Heilige gab. Auf der Treppe hielt mich noch ein anderer widriger Anblick auf. Der schwarzgelbe Prokurator trat mir mit der Verbeugung eines Advokaten entgegen, der, nach einem verlornen Prozesse, seine Expensen sucht, überreichte mir mit der Abschrift seines Protokolls die Beglaubigungs-Urkunde meines getanen Wunders, und zugleich ein Handbriefchen vom Propst. Es tut mir leid, daß ich es nicht für dich aufgehoben, und jetzt statt des Originals, das ich wegwarf, dir nur einen Auszug davon mitteilen kann. Der geschmeidige Mann versicherte mich darin seiner unbegrenzten Hochachtung, und bat mich, wenn ich je wieder diese Domäne des heiligen Vaters besuchte, die Freundschaft zu nähern und zu befestigen, die er, als ein unwürdiger Vorsitzender bei meinem Verhör und während meiner triumphierenden Rede, zu mir gefaßt habe. Er nannte mich einen seltenen Mann, der ganz von Gott ausgerüstet sei, das blinde Volk zu regieren – und empfahl sich mir so zudringlich, als hätte er in mir seinesgleichen gefunden. Ich beantwortete im Heruntersteigen seine Höflichkeit mündlich an den Boten, bedauerte, daß meine Abreise die Freundschaft, die nur ein Wunder unter uns zu stiften vermocht hätte, sobald unterbräche, daß ich aber, wenn ich Avignon jemals wieder mit einem Fuße beträte, mich seiner Leitung ganz überlassen würde, und dann erst das zu werden hoffte, was er allzu gütig schon bei mir voraussetzte. Unter diesen hingeworfenen Komplimenten gelangte ich die Treppe herunter, bis an die Haustür – als mir hier noch ein Umstand auf das Herz fiel, der, wenn du ihn nach deiner gewöhnlichen Flüchtigkeit nicht übersehen hast, dich bis zu dieser Zeile nicht wenig geängstigt, dir den Odem versetzt und deine Lippen und Hände bewegt haben wird, um mich, mit einem jeden Schritte weiter, den ich nach meinem Wagen tat, freundschaftlich noch aufzuhalten – als mir nämlich glücklicherweise noch beifiel, daß ich, aus allzugroßer Eile aus Klärchens Augen zu kommen, – unter Rousseaus Kopfe mein Tagebuch vergessen hatte. Nun wäre es zwar zum Nutzen der Welt vielleicht gut gewesen, wenn es die alte Bertilia beim Auskehren gefunden, und als unnützes Papier verbraucht hätte – vielleicht aber auch nicht; wer kann das wissen? Für mich wäre es doch immer ein, ich hoffe es zu Gott, unersetzlicher Verlust gewesen – da ich dergleichen Tage, als die acht letzten, nie wieder durchleben gedenke, und viel zu vergessen bin, als daß ich hätte hoffen können, mir die Erinnerung davon, die mir doch für mein ganzes Leben sehr dienlich sein wird, bis zum Aufschreiben wieder lebendig zu machen. Ich lief nun wie ein Wiesel die Treppe hinauf, das Zimmer hinein, gerade vor den Kamin.

Es war ein Glück, daß die alte Bertilia noch schlief. – »Lassen Sie sich nicht stören,« sagte ich zu Klärchen, die dem Domherrn auf dem Schoße saß, und mich mit höchster Verwunderung angaffte: »Ich habe hier sonst nichts – als nur unter dem Gipskopfe ein Paket Belege vergessen, die zu meiner Einnahme und Ausgabe gehören, und die ich selbst nicht der Mühe wert achten würde, wenn sie nicht mit Ihrem Strumpfbande umwickelt wären, das mir, mein gutes Klärchen, viel zu lieb ist, um es im Stiche zu lassen; und nun leben Sie wohl, und grüßen Sie Ihre Tante.« – »Was?« stammelte der Domherr, »was sagten Sie da von Klärchens Strumpfbande?« – »Das wird das liebe Kind Zeit genug haben, Ihnen selbst zu erklären,« antwortete ich, und schlug die Tür hinter mir zu. – Wer war froher als ich, da ich, meine Kriminalakten unter dem Arme, von meinem Schrecken nun wieder zu mir selbst kam! – Non omnis morior, war das wenigste, was ich dabei dachte; und wie dankte ich es nicht dem langsamen Epilogus, daß er mir nicht das erstemal schon die Haustür öffnete, als ich ohne mein Tagebuch davor stand! denn der Anblick, der mich jetzt überraschte, würde mich gewiß ganz um das bißchen Besinnungskraft gebracht haben, von der einzig seine Rettung noch abhing. Der große Platz vor dem Hause, und so weit ich in die Gassen sehen konnte, war von Menschen gestopft, die in der Nähe und Ferne auf die Knie fielen, und mich um meinen Segen anflehten. Ich richtete mich in meiner Chaise gerad in die Höhe und warf der betrogenen Menge, wie von der Kanzel, gutmütig alle die Kreuze wieder zu, die mir der Domherr mit auf den Weg gegeben hatte. Einige von den Andächtigsten drängten sich vor, um die Pferde abzuspannen und meinen Wagen zu ziehen, und es gelang mir durch nichts anderes, sie von dieser Ausschweifung ihrer Ehrfurcht, die mich schwerlich postmäßig würde gefahren haben, abzuhalten, als daß ich ihnen die offene Haustür zeigte, und ihnen sagte, daß sie alle meine Wunder unter den Händen des Domherrn antreffen würden. Haufenweise strömten sie nun in das Haus, und meine Postillons bekamen Raum, ihre Peitschen zu schwenken, und, ohne jemanden umzufahren, vor der Hand wenigstens, ungestört bis an den Buchladen meines Freundes zu kommen. Hier aber mußten sie die Zügel mit Gewalt anziehen; denn der kleine Mann war herausgetreten – schrie und winkte, und hielt uns etwas so Flatterndes entgegen, daß wir alle fürchteten, er möchte die sechs Pferde scheu machen. Es war sein Catalogus, den er mir, wie er sagte, zu weiterer Fortsetzung unserer Freundschaft überreichte, und noch einige abgebrochene Worte seines Entzückens darein gab, die allein schon imstande gewesen wären, einen sechsspännigen Wagen in seinem Laufe zu hemmen; so überspannt waren sie und so holprig. Ich hatte jetzt nicht Zeit, sie ihm anders zu beantworten, als mit einem lauten Gelächter, über das er höchst verwundert zurücktrat und mir freien Weg ließ. So weit ich kam, fand ich alle Bürger in Bewegung, wie an dem Fronleichnamsfeste. Nur den getauften Juden hatte die Revolution meines Wunders nicht von seiner Stelle gebracht. Ich sah ihn, als ich bei seiner Kirche vorbeifuhr, noch an eben dem Pfeiler stehen, an dem ich zuerst seine interessante Bekanntschaft gemacht hatte. So eilig ich auch war, ließ ich doch einen Augenblick halten, und schickte ihm meinen Abschiedsgruß durch den Epilogus zu, der ihm zugleich die verpfändete Maske eigentümlich abtrat, und noch das Glück hatte, einen kleinen Taler von ihm heraus zu bekommen. Ich erhielt auf einem Kartenblatte nachstehende Worte, mit Bleistift geschrieben, von ihm: »Ihr heutiges Wunder«, – du siehst, lieber Eduard, Dohm und seine Anhänger mögen auch sagen, was sie wollen, ein Jude bleibt immer ein Jude, – »ist das größte, wovon ich gehört habe, und das einzige, woran ich glaube. Fahren Sie fort, lieber junger Mann, über die Torheiten Ihrer Zeitgenossen zu spotten. Tun Sie es aber ja, wenn Sie nicht unter Blindgebornen sind, wie hier, lieber heimlich und von weitem, wie ich es selbst hier tue. Das ist der freundschaftliche Rat eines Mannes, der seine Ruhe und Sicherheit liebt.« – Ich bog mich weit aus meinem Wagen hervor und warf ihm lächelnd eines von meinen Kreuzen zu, das er mit einem schelmischen Kopfnicken beantwortete. Es gab mir, so wenig es war, doch hinlängliche Auskunft über den Wert, den er darauf setzte. Oh, des ehrlichen Convertiten! dachte ich, und fuhr weiter . . .

Die unzähligen Abwechslungen des heutigen Tages – von dem Anfange meines Verhörs an, bis auf den Segen, den ich dem getauften Juden zuwarf, hatten indes meine Kräfte so erschöpft, daß mir, mitten in meinem Nachdenken, die Augen zufielen. Ich glaube, ich würde in einem weg, bis vor mein Wirtshaus, geschlafen haben, wenn es, auf der Station, die mich an die Grenze des Komtats brachte, meinen Begleitern beliebt hätte, ohne Zuziehung meiner die Post wechseln und frische Pferde vorhängen zu lassen. Aber das Nachdenken hatten meine klugen Schauspieler nicht. – »Mein Herr,« rief mir, ich weiß nicht welcher von den beiden Brüdern, in den Wagen, »haben Sie denn nicht Lust auszusteigen?« – »Und warum das?« fragte ich schlaftrunken. –»Hier ist«, antworteten sie, »der letzte Ort in dem Gebiete des Papsts.« – »Desto besser!« gähnte ich, und legte mich an die andere Ecke. – »Aber,« schrien sie fort, »es ist ja Cavaillon, mein Herr.« – »Meinetwegen!« versetzte ich ärgerlich, »was liegt mir daran?« – »Nehmen Sie es nicht ungütig,« erwiderte der unausstehliche Kerl, »wir glaubten, es würde Ihnen lieb sein, den Propheten kennen zu lernen.« – »Was denn, zum Henker! für einen Propheten?« fuhr ich jetzt auf. – »Der unser Glück«, unterbrachen sie sich beide, »und unser Unglück gemacht hat. Er liegt nur wenige Schritte hier von der Post.« – Jetzt ermunterte ich mich erst. – »Ihr guten Leute,« sagte ich, indem ich ausstieg, »habt nichts als euer zerstörtes Theater in dem Kopfe. Das müßt ihr euch abgewöhnen und mir nicht immer damit in den Ohren liegen, zumal wenn ich schlafe. Aber sagt mir einmal – lebt denn der Onkel von Klärchen noch?« – »Oh, jawohl,« antworteten sie. – Nun! dachte ich, da du einmal um deinen Schlaf bist, willst du doch wundershalben sehen, was für eine Respektsperson von Verwandten du heute drauf und dran warest, dir auf den Hals zu laden – kannst dir auch nebenbei das Bette zeigen lassen, wo dem Mädchen der Teufel zuerst erschien. An fremden Orten nimmt man ja oft wohl noch geringere Merkwürdigkeiten in Augenschein. Habe ich nicht selbst einmal in Erfurt einen Turm mit Mühe und Gefahr für einen Dukaten erstiegen, weil es zwei Tage vorher der König von Schweden getan hatte, um die große Susanna zu sehen, vor der, wie mich der Glöckner versicherte, alle Teufel ausreißen. – Und so trat ich denn auch hier, meinen Wegweisern nach, in die Garküche des Propheten, und fand an meinem Onkel einen sehr gesprächigen Mann.

Er stemmte seine beiden Hände in die Seite, so bald er den Doktor und den Teufel erkannte. –»Je, meine Herren,« rief er voll Verwunderung aus, – »Sie treten ja da in einem Aufzuge einher, der wahres Wohlleben verkündiget! – Das freut mich von ganzem Herzen; denn ewig werde ich Ihnen danken, daß Sie mir über meine gottlose Nichte die Augen geöffnet haben. Ich ließ mir zwar damals meinen ganzen Kummer nicht gegen Sie merken, meine lieben Herren; aber, ohne jene Nacht, kann ich nun wohl sagen, wo Sie ihr erschienen, wäre einmal mein schönes Vermögen in ihre Hände gefallen. – Aber das ist nun damit vorbei, und ich habe es bereits der Magdalenen-Kirche verschrieben.« – So wenig ich nun auch Ursache hatte, mich dieses Geschöpfs anzunehmen, so schien es mir doch ungerecht von ihrem Verwandten, ihr eine Erbschaft zu entziehen, woran sie, bei allen ihren Fehlern, doch immer mehr Anspruch hatte als die heilige Magdalena. Sie kann sich ja wohl auch noch, dachte ich, mit der Zeit bekehren, wie jene, zumal wenn sie nicht mehr nötig hat, der Gnade der Domherren und Pröpste zu leben. Ich nahm mir also vor, ihm den Einfall aus dem Kopfe zu bringen; aber es schlug mir fehl. Als ich mit gehöriger Behutsamkeit des Wunders erwähnte, und ihm erzählte, wie der Domherr aus Achtung für ihre Namensschwester sie wieder in das Haus nähme, geriet der Mann in einen Zorn, den ich weiter nicht zu stillen vermochte. – »Das mag er,« antwortete er mir; »in das meinige soll sie keinen Fuß wieder setzen, so wenig als ihr Verführer. Wollen Sie sehen, wo das erste Unglück geschehen ist? so kommen Sie!« – Er führte mich nun in die große Stube – zeigte mir das Bette, und mit Tränen im Auge fing er gerührt an: – »Hier, mein Herr, ist das schönste, beste, unschuldigste Mädchen dem bösen Feinde geopfert worden; aber ohne mein Verschulden. Wie hätte sich eine Christenseele einbilden können, daß ein Kind neben einem Geistlichen, der in der Nacht, von der Reise ermüdet, um eine Herberge bat, so etwas zu besorgen hätte? – ein Kind, das damals noch nicht – – – Doch ich will keine Sottise sagen – aber Sie verstehen mich, mein Herr – – – O, du barmherziger Gott! was hast du uns für Seelenhirten gegeben! Ich war stolz auf das Mädchen – denn reizender – sehen Sie, und niedlicher gebaut, war weit und breit keine andere zu finden.« – »Ach, ich kenne sie, besser vielleicht als Sie selbst, mein guter Mann,« antwortete ich seufzend. – »Ich habe ganzer acht Tage neben ihr an gewacht und geschlafen – –« –»Und reisen nun – ist es nicht so?« fiel er mir kleinlaut in die Rede, »nach Montpellier? – –« – »Nichts weniger,« gab ich mit großen Augen zur Antwort, »ich gehe jetzt nach Marseille, wo ich den Winter über – –« – »Nun, da nehmen Sie mir nicht übel,« unterbrach er mich, »da kennen Sie meine Nichte schwerlich besser als ich. Sein Sie froh, mein guter Herr! Sie sind der erste Passagier, der von dort her zu mir kam – in der Nähe dieser Virtuosin gewohnt hat – und noch so gleichgültig von ihr sprechen, und gar ein gutes Wort für sie einlegen kann.« – »Heilige Cäcilia!« entfuhr mir der Ausruf. – »Ja, ja!« spöttelte er mir zu, »traue nur einer der heiligen Cäcilia und ihrem Kreuze! Sie sehen doch nun wohl, daß meine Nachrichten echt sind. Ich habe sie von guten Händen. In der Tat war es der artigste Herr, von dem feinsten Geschmacke, den ich jemals gesehen – ein junger Baron aus der Neumark, der auf Ihrer Route, und fünf Tage gezwungen war, von den Beschwerden der Reise – Sie wissen wohl – bei mir auszuruhen. Da ich mir nichts anders denken konnte, als daß Sie auch nach Montpellier müßten, so freute ich mich recht, meinen Gruß an ihn bestellen zu können – denn vermutlich ist er noch dort. Alles erinnert mich an ihn, bis auf die Livree sogar, die er ebenso gab wie Sie. – Es war ein heller, vortrefflicher Kopf! Hätte er sich nur besser vor meiner Nichte gehütet!« – »Aus der Neumark war er, sagen Sie?« griff ich endlich dem Schwätzer ins Wort, »und er gab«, indem ich den Epilogus bei dem Fittich nahm, »dieselbe Livree?« – »Akkurat so,« antwortete der Wirt, »und mit ebensolchen Quasten und Knöpfen.« – »Und der Name?« fiel ich ihm ein, »wie war denn sein Name?« – »Aussprechen kann ich ihn nicht,« sagte er, »das habe ich schon mehrmalen versucht; zum Glücke aber habe ich mein vorjähriges Rechnungsbuch noch nicht zerrissen, dort können Sie ihn unterm Monat November selbst lesen – Bemühen Sie sich nur in meine Unterstube.« – Ich ging ihm voller Neugier nach, bis an seinen Schrank, aus dem er mir sein Rechnungsbuch zulangte. Er schlug mir das Blatt auf. Ich las mit Bedauern den Namen eines Mannes, den ich – hier nicht gesucht hätte, las, wie viel er – für Brühen von jungen Hühnern schuldig geworden war, und sah, daß seine beiden Bedienten – vermutlich bessern Appetits wegen – fünfmal soviel verzehrt hatten als ihr Herr. Das ist, was ich aus seinem Konto herauslas. Sein Name soll übrigens nicht über meine Zunge kommen – darauf kann der junge Herr sich – wenn er ungefähr mein Tagebuch zu sehen bekäme – auf Kavalier-Parole verlassen; und treffe ich ihn, wenn ich durch Montpellier komme, noch an, so könnten wir wohl gar unsere Nachhausereise zusammenmachen. – Nicht, daß ich etwan wünschte, noch mehr von unserer Nachbarin zu erfahren – von der weiß ich in dieser Zeitlichkeit nun genug. Nein! ich wünschte es bloß, weil der Wirt von ihm rühmt, daß er ein artiger Mann, von dem feinsten Geschmacke, und ein vortrefflicher Kopf sei. – Wahrlich, Eigenschaften, die man sich an einem Reisegesellschafter nicht besser wünschen kann! – – »Sie haben voriges Jahr eine hübsche Einnahme gehabt, Herr Wirt,« sagte ich, indem ich ihm sein verräterisches Buch wieder zurückgab. »Ich sehe, Sie sind ein ordentlicher Mann, der sein Vermögen gut zu verwalten weiß: destoweniger, um wieder darauf zu kommen, kann ich es billigen, daß Sie es einer Heiligen vermachen wollen, deren größte Sünde wohl ist, daß sie sich bekehrt hat.« – »Das ist mir – wahrlich, das ist mir zu hoch,« antwortete der Wirt, »und ich wende ein Flasche Wein an Ihre blasenden Postillons, damit sie Ihnen Zeit gönnen, es mir zu erklären.« – »Oh, dazu gehört nur eine Minute, lieber Mann,« erwiderte ich. »Sie können wohl glauben, ich habe nicht das geringste Interesse bei der Sache – und ebensowenig habe ich etwas wider die heilige Magdalena – aber das Aufsehn, das sie überall macht – die Kirchen, die ihr geweiht sind – das Lob, das ihre Wiederkehr von allen Kanzeln erhält, und die Ehre, die man ihren Tränen erweist, –haben, seit ihrem Evangelio – glauben Sie mir – mehr schöne und gute Mädchen um ihre Unschuld gebracht, als alle Domherrn zusammen; und das ist doch, Gott weiß, viel gesagt! Denn, wie das menschliche Herz ist, um eine reuige Sünderin zu werden gleich der heilig belobten Magdalena, denken die meisten, muß ich ja doch erst meine Jugend nützen wie sie. Lieber wollte ich an Ihrer Stelle, Herr Wirt, meinen sauern Erwerb, auf den Fall meines Todes, den Armen schenken.« – »Den Armen, mein Herr?« wiederholte er höhnisch. »In diesem schönen, fruchtbaren, unbebauten Lande sollte es Arme geben, die Unterstützung verdienten? Sind denn nicht schon genug Spitäler voll von Müßiggängern und Faulen? . . . Aber da sie mir wegen der Magdalena einen Floh ins Ohr gesetzt haben, so kann es wohl sein, daß ich mein Testament ändere – und ein gutes, frommes und schönes Mädchen an Kindesstatt aufnehme, die einmal einem rechtschaffenen Manne wieder mein erworbenes Vermögen zubringt . . .« – »Tun Sie das, lieber Onkel, sagte ich ihm also beim Einsteigen in den Wagen: »bemühen Sie sich um ein hübsches Kind, das Sie der Verführung Ihrer Domherren entreißen, und das Ihnen und der Tugend den großen Verlust von Klärchen, wenn es möglich ist, ganz wieder ersetzt. Mir ist es sehr lieb, daß ich wenigstens doch beim Austritte aus diesem Lande einen ehrlichen Mann habe kennen lernen! – Gott erhalte Sie! Leben Sie wohl!« Ich faßte noch mit gerührtem Herzen den Segen auf, den er mir nachrief. Von einem so ungeweihten Speisewirte er auch herkam, hoffe ich doch, soll er mich besser entsündigen als die Kreuze jenes betrunkenen Herrn.

Wie ich vor das Stadttor kam, bemerkte ich erst, daß ich auf einer Insel gewesen war, und begriff nun leichter, wie sich hier – abgesondert vom festen Lande – noch einige Ehrlichkeit erhalten konnte . . .

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