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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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Sobald ich mich mit meinem Erretter, dem Domherrn, und meinen beiden frommen Nachbarinnen allein sah – mir die Ehre ihrer Gegenwart bei meinem letzten Mittagsmahle ausgebeten, und meinen Bastian eingeschärft hatte, es mit verständiger Rücksicht auf meine vornehmen Gäste zu besorgen, ging ich nun, als der obsiegende Teil, ohne weitere Umstände an ein Geschäft, das oft selbst bei einem gewonnenen Prozesse noch seine großen Schwierigkeiten hat, ich meine den Ersatz der Schäden und Kosten. Ohnerachtet ich gestern mich selbst dazu erbot, fühlte ich mich doch heute verwegen genug, mein Wort wieder zurück zu nehmen; so sehr hatten sich seitdem die Umstände geändert. Ich fand es meiner moralischen Denkungsart ganz zuwider, jenes Schlachtvieh, das ich der unreinen Herde der Kasuisten entführt hatte, um es dem Andenken Rousseaus zu opfern, in der Nähe von schwachen Menschen wieder auszustellen – fand es viel edler, diesen Gewinn meiner Börse einer guten Handlung zu widmen, und machte mir nicht das geringste Bedenken, es auf Kosten der milden Stiftung zu tun. Sonach wendete ich mich an den Domherrn: »Ich begreife, wie weh es den hiesigen gläubigen Seelen tun würde, wenn ich das Dokument der Dreieinigkeit dem Lande entziehen wollte, in welchem es die Vorsehung ausgefertigt hat – – –« – »Nein beileibe,« unterbrach mich der erschrockene Domherr, »das darf nicht geschehen!« – »Zumal da niemand«, fuhr ich fort, »dafür stehen kann, daß nicht das Volk, dem ich die Ausstellung dieses Wunderblattes schon halb und halb versprochen habe, über dessen Verlust in Aufruhr geraten könne – –« – »Freilich, freilich!« schrie der Domherr darein, »es würde alles drunter und drüber gehen.« – »Und doch«, fuhr ich jetzt schon um vieles herzhafter fort, »können mir Ihro Weisheit nicht absprechen, daß mir dieser Schatz ohne Widerrede zusteht, sobald ich den Scheiterhaufen der Kasuisten vergüten soll, der hier nur als ein Vehikel dieses Wunderblattes zu betrachten ist, so wie dem Scheidekünstler das Gold gehört, der das Erz, worin es lag, erkauft hat.« – »Lieber Freund und Gönner,« fiel mir hier der Prälat wieder in das Wort, »sollte denn nicht ein Ausweg zu finden sein? Ich bitte Sie bei allem, was heilig ist, denken Sie doch auf einen Ausweg!«– »Das habe ich schon getan,« versetzte ich, und schlug ohne Respekt für seinen Purpur meine Arme kreuzweis ineinander. »Wäre es mir gegeben, mit heiligen Sachen zu wuchern – wäre der Ersatz der Kosten nicht gemeiniglich schon ein halber Beweis unrechter Handlung, und machte es mir nicht eine geheime Freude, diejenigen mit Großmut zu bestrafen, die mich zu verfolgen gedachten; so würde ich, unter uns gesagt, teuerster Freund, etwas geiziger handeln – würde die verbrannte Sammlung für ihren geringen Ladenpreis wieder herstellen, und mich und mein Vaterland mit einem Blatte bereichern, das einem wohldenkenden Herzen mehr wert sein muß, als alle Bibliotheken der Welt.– Aber ich entsage gern meinem Eigentume daran – – –« – »Das ist schön und groß gedacht,« tönte hier Klärchen – und: »Ach es fällt mir ein Stein vom Herzen,« krähte die Alte darein, die bis jetzt in ängstlicher Erwartung des Ausgangs von weitem mit ihrer Nichte mir stillschweigend zugehört hatte. – »Dagegen«, fuhr ich sehr anmaßlich fort, »verlange ich die Befreiung von allen niedrigen Unkosten als Bedingung, und nebenbei das Versprechen von Ihnen allen, bei Ihren künftigen Nachforschung gen nach jenem großen Geheimnisse des Mannes in Segen zu gedenken, der sich um die dunkle Ehre der Dreieinigkeit vielleicht verdienter gemacht hat, als alle Gottesgelehrten, die bis jetzt, ohne sonderlichen Erfolg, daran gearbeitet haben.«

Der Domherr, in der Freude seines Herzens, bestätigte nicht allein auf das höflichste die Komplimente, die ich mir selbst machte, sondern er dankte mir auch im Namen aller Gemeinden der christlichen Kirche – deren er doch keiner einzigen vorstand – für mein großmütiges Erbieten. – Er zweifle nicht, sagte er, daß es auch der Legat im Namen des heiligen Vaters tun, und mit dankbarer Freude meine so billigen Bedingungen genehmigen werde. – Er eile jetzt zu ihm, um unser aller Angelegenheit in Ordnung zu bringen, denn mit Kanzelei-Geschäften müsse man einem geistlichen Herrn früh kommen. Er hoffe in einigen Stunden damit fertig zu sein, und alsdann – hier küßte er mich mit der freundschaftlichsten Wärme – den schriftlichen Erlaß meines Haus- und Stadtarrests und aller Schäden und Unkosten, so viel ihrer auch sein möchten – gegen ein gutes Glas Wein an meinem Tische auszuwechseln. – Er ging, und, nach einigem Fispern mit ihrer Nichte, verließ auch die alte Bertilia das Zimmer, um, wie sie sagte, in das ihrige beten zu gehen. Klärchen, die sich nun auf einmal mit mir wieder so allein sah, als an dem Namenstage ihrer Tante, ward rot bis über die Augen, und wie man nur zu oft, in der Absicht sich aus einer kleinen Verlegenheit zu ziehen, in eine noch größere fällt, so bat sie mich, sie aus der einsamen Stube in die bewußte Bibliothek zu führen, die doch sicher der geheimste und einsamste Winkel im ganzen Hause war. »Sie wollte noch einmal,« gab sie vor, »in meiner Gegenwart den merkwürdigen Platz aufsuchen und bezeichnen, wo die Legende ihrer verklärten Namensschwester, bis zu ihrem Hingange in den Kamin, verweilt hätte.« Ohne mich lange über ihr geschwindes Vergessen des Lokals zu verwundern, reichte ich ihr den Arm. – Sobald wir aber beide vor dem Bücherschranke ankamen, überraschte sie mich – nein, es ist nicht auszusprechen wie? Du könntest Jahre darauf sinnen, ohne es zu erraten.

Als wenn sie mir in das Herz geblickt – als wenn sie die ganz unbeschreibliche Erniedrigung gekannt hätte, in der mir ihr Bildnis erschien – unternahm sie, zu meinem Erstaunen, sich aus dieser tiefen Herabsetzung zu erheben, und meinem Menschenverstand zum Trotz alle die gründlichen Versuche umzustoßen, die mir über ihre Heiligkeit, Unschuld und Sittsamkeit die Augen nur zu sehr geöffnet hatten. – »Nun, das gestehe ich,« sagte ich bei mir selbst, sobald ich ihre Absicht merkte, »dieser äußerste Grad der Unverschämtheit hat noch gefehlt, um die Mißgestalt ihres Charakters vollends auszumalen!« Aber es währte nicht lange – solltest du es glauben, Eduard? – so fingen mir an meine gewissen Erfahrungen von ihr problematisch zu werden – meine Versuche kamen mir einseitig, und die Schlüsse, die ich daher folgerte, willkürlich und übereilt vor. – Ich vergebe dir, wenn du über diese Nachricht lachst. Ich bin der erste, der eingesteht, daß, nach allem dem, was unter uns vorgegangen, mir von ihr zu Ohren gekommen, und noch heute meinem Geiste so gegenwärtig war als gestern meinen Augen – es etwas höchst Unerwartetes sei, daß mich dasselbe Mädchen, so kurz vor meiner Abreise, eines Bessern von ihr überzeugen solle. – Aber genug! es gelang ihr. – Das Kind erschien mir heiliger und unbefangener als jemals, und so sehr ich mich anfangs auch sträubte, trat ich doch zuletzt freiwillig den sublimen Vorstellungen bei, die sich Herr Fez – ein braver, gescheiter Mann, von ihr macht, der sie von Jugend auf in den Augen gehabt, und sie wohl richtiger als ich zu beurteilen Gelegenheit hatte.

Ich sehe, du bist nach diesem Geständnisse im Begriff, mir deine Freundschaft aufzukündigen, schiltst mich einen Schwachkopf, und magst nichts weiter mit mir zu tun haben. – Aber warte nur noch einen Augenblick und höre! –

Anstatt das Fach zu bezeichnen, wo die Legende der heiligen Klara kürzlich noch stand, wendete sie sich sogleich, als wir vor den Schrank traten, mit unbeschreiblicher Anmut nach mir, ohne es anzublicken, und legte mit kindlicher Gutherzigkeit ihre beiden Händchen in die meinen.–»Ich habe Sie in keiner andern Absicht in dies abgelegene Kabinett gelockt,« sagte sie, »als mein Herz, das mir zu voll ist, ungestört vor Ihnen auszuschütten. – Halten Sie mir meinen kleinen Betrug zugute, mein bester Herr! Wie viel,« fuhr sie äußerst gerührt fort, »habe ich Ihnen nicht seit der vergangenen Stunde zu danken! Es haben sich seit meiner Geburt manche gute Menschen meiner angenommen – haben in Unschuld und Tugend für mich gesorgt – mir über vieles Rat und Trost erteilt, und meinen Verstand erweitert – aber, dennoch bin ich bis heute mir selbst immer noch unbekannt geblieben. – Ihnen war es vorbehalten, mir diese Kenntnis zu geben. Sie, mein Herr, sind der Erste, der mich über meinen innern Wert belehrt, und mich in meinen eigenen Augen zu einer Würde erhoben hat, mit der ich kaum weiß, was ich anfangen soll. Das süße Bewußtsein, die heiligen Steine in mir zu tragen, die bis jetzt allen menschlichen Nachforschungen entgangen sind – o, daß es mich nicht übermütig und stolz – und nur nicht der Erbschaft meiner höchst seligen Schwester unwürdig mache!« – »Wie? Klärchen!« sagte ich höhnisch: »Hatten Sie denn vor meiner Rede nie einige Ahndung davon? – fühlten nie ein sanftes Drücken in der heiligen Gegend, wo sie liegen?« – »Auch nicht das geringste!« antwortete sie mir mit einer Unbefangenheit, die allerliebst war. – »Hat Sie denn«, fuhr ich schalkhaft fort, und ich dachte, sie würde über und über rot werden, »auch Herr Ducliquet nicht auf die Spur gebracht?« – – »Oh!« sagte sie, ohne im mindesten aus der Fassung zu kommen, »vor einigen Jahren zwar hat mir dieser gute würdige Mann die Lebensgeschichte meiner verklärten Namensschwester zur Erbauung und Nachahmung vorgestellt. – Es war sogar sein erstes Gespräch mit mir. – Aber ich war damals ein Kind – hatte keine Acht darauf, und schlief über seinem Unterricht ein. Lange fand ich keine Gelegenheit, meine Unachtsamkeit wieder gut zu machen. – Vorgestern erst glückte es mir. Erinnern Sie sich wohl noch, wie begierig ich in einem Buche las, das ich Ihnen nicht sehen ließ? – Jetzt kann ich es Ihnen sagen; aber legen Sie mir es nicht als Stolz aus! Es war die Legende dieser Heiligen – war eben das Blatt, das Gott im Feuer erhalten hat.« – »So?« sagte ich, »aber wie kam es denn, daß Sie das erstemal dabei einschliefen?« – »Weil es sehr spät war,« antwortete sie. »Sehen Sie – es war Mitternacht – –« – »Aber um des Himmels willen, Klärchen,« fiel ich ihr ein, »wie trafen Sie denn so spät mit dem Domherrn zusammen?« – »Oh,« antwortete sie, »das hängt ganz natürlich aneinander. Soll ich es Ihnen erzählen?« – »Wenn ich bitten darf, liebes Kind,« lächelte ich sie an, »so tun Sie es so genau als möglich und mit allen Umständen.« – »Nun gut,« fing sie schwatzhaft an. »Meines Vaters Schwester zu Cavaillon – die Wirtin in dem Propheten, hatte uns hier besucht und nahm mich mit sich, als sie zurückging. Wir trafen das ganze Wirtshaus übersetzt an, da wir ankamen – Es war schon spät, und ich konnte vor Müdigkeit kein Auge mehr aufhalten. – Das gute Weib machte auch alle Anstalt, um mich bald zur Ruhe zu bringen – führte mich in eine große leere Stube und wies mir ein Bett an. Ich hatte mich noch nicht ganz aus meinen Reisekleidern geworfen – so brachte mein Vetter einen Passagier in dieselbe Kammer. – Es war Herr Ducliquet. – Er erkundigte sich, was das für ein Kind wäre. – Mein Vetter nannte mich, und wünschte uns eine gute Nacht. Der liebe fromme Herr, wie Sie ihn kennen, nahm sogleich Gelegenheit, mir recht Viel Erbauliches über meinen Namen und meine Patronin zu sagen. – Aber, wie Kinder sind – ich hörte die Sache nur halb und schlief darüber ein. Bald nachher – – doch das ist eine Geschichte, die weiter nicht hieher gehört – –« – »Oh das tut nichts, Klärchen,« sagte ich: »erzählen Sie nur immer fort – ich könnte Ihnen einen ganzen Tag zuhören.« – »Nun denn, mein Herr,« erwiderte sie, »so ist es Ihre eigene Schuld, wenn ich Ihnen Langeweile mache. Ich schlief also, wie Sie wissen – aber es währte nicht lange, so erweckte mich ein Getös von der andern Welt. – Ich fahre schlaftrunken in die Höhe – und sehe – stellen Sie sich das Erschrecken eines Kindes vor – den Teufel vor meinem Bette.« – »Gott sei bei uns!« unterbrach ich die Schwätzerin. – »Ach! fürchten Sie nichts,« fiel sie mir hastig ins Wort: »Er war es nicht leibhaftig – es war nur ein Komödiant, der ihn den Abend vorgestellt hatte, und jetzt sein Bette suchte – und, was Sie erst recht verwundern wird, mein Herr – es war einer von den Soldaten, die Sie bewacht haben!« –»Unmöglich!« rief ich aus. – »Oh, verlassen Sie sich darauf!«versetzte sie: »Sie können ihn selbst darum befragen. Das Schrecken«, fuhr sie fort, »war nicht geringe; aber die Folgen davon waren doch gut. Ich lag die ganze Nacht durch in einem Fieber, und war so in Furcht gesetzt, daß ich den Morgen darauf nicht länger in Cavaillon aufzuhalten war. – Ich weinte so lange und so jämmerlich, daß endlich meine Verwandten sich herausnahmen, den Herrn Ducliquet, der wieder nach Avignon reiste, um einen Platz für mich in seinem Wagen zu bitten. Er bewilligte ihn auf das gütigste – und dieser Zufall, mein Herr, dieses Schrecken und diese Reise machten mein Glück. – Unterweges examinierte mich der würdige Mann über meine Glaubenslehren, ließ mich ein Morgenlied singen, und meine Stimme gefiel ihm. – Als wir hier ankamen, überlieferte er mich meinem Vater – denn keine Mutter hatte ich mehr – und suchte ihn zu bereden, mich die Noten und das Singen lernen zu lassen. Der hätte es auch gern getan; aber er war zu arm, um etwas auf meine Erziehung verwenden zu können. Da schlug sich der wohltätige Herr ins Mittel – und, wie manchmal ein geringer Umstand in unser ganzes Leben eingreift, erbot sich nicht allein, mir auf seine Kosten im Singen einen Lehrmeister zu halten, sondern auch in allen andern nützlichen Dingen Sorge für meine Bildung zu tragen. – So kam ich in das Domstift, wo er mich der Aufsicht seiner Haushälterin übergab, die wie eine Mutter für mich gesorgt hat. – Ach! ich wäre gewiß noch in dem Hause dieses guten Herrn, wenn ich nicht selbst mein Glück verscherzt hätte.« – »Wie denn so?« fragte ich lächelnd, und glaubte nun gewiß, das Mädchen auf einer Unwahrheit zu ertappen, die ich mir schon vornahm, ihr recht fühlen zu lassen, aber es war nicht möglich. – »Sehen Sie,« fuhr sie fort, »Herr Ducliquet hatte ausgewirkt, daß die gefährlichen Menschen, die mir so ein Todesschrecken eingejagt hatten, der Folgen wegen, nicht weiter mit lebendigen Personen spielen durften. Da legten sie nun ein Puppenspiel an. – Einmal, da ich ausgeschickt war, um Semmel zu holen, ging ich eben vorbei, als sie ein geistliches Stück aufführten. Ich glaubte nicht unrecht zu tun – wendete einige Sous daran und ging hinein. Man wies mich auf die hinterste Bank, wo ich weder etwas hörte noch sah. Gern wäre ich wieder herausgewesen; aber das war bei dem Gedränge schon nicht mehr möglich. Ich kam neben einem Offizier zu sitzen und saß wie auf Kohlen. – Er hatte die Barmherzigkeit, mir den Arm zu geben und durch das Volk zu helfen, als das Spiel vorbei war. – Aber mein Gott! wie war die Zeit vergangen! Es war ganz dunkel, wie ich zurückkam, und vor Angst hatte ich die Semmel vergessen. – Ach, wie teuer mußte ich diesen kindischen Einfall und diese Vergessenheit büßen! Meiner Pflegemutter war das Ragout verdorben, und der Herr, der den Koch nach mir geschickt hatte, mußte hungrig zu Bette gehn. – Meine Entschuldigungen halfen nichts; denn sie waren beide keine Liebhaber vom Schauspiele. – Sie sagten sich von mir los, und ich mußte noch diesen Abend aus ihrem Hause. Was sollte ich anfangen? Seit acht Wochen war ich eine Waise. Es blieb mir nur die einzige Verwandte übrig, zu der ich flüchtete, und die mich mit Erlaubnis des Herrn Propsts aufnahm. Nun geht es mir zwar ganz gut hier – aber was ich kann, das kann ich – denn mit meinen schönen Lehrstunden hat es ein Ende.«

Ich wurde über die natürliche Erzählung des armen Kindes, die der Sache ein ganz anderes Licht gab, schon etwas nachdenkend. – »Klärchen,« sagte ich, und sah ihr scharf in die Augen, ohne daß ich, Gott weiß, die geringste Verlegenheit darin erblickte, »damals waren Sie ein Kind; das entschuldigt viel; aber wie sind Sie denn nachher – –« und ich hielt inne, weil ich selbst nicht recht wußte, was ich ihr zuerst vorwerfen sollte. – »Was denn, mein lieber Herr?« fragte sie hastig, und starrte mich dabei mit ihren großen unschuldigen Augen an – und ich fuhr, selbst und allein außer Fassung gesetzt, stotternd fort – »zu den Kreuzen gekommen, die – –« – »Das,« fiel sie mir ganz verwundert in das Wort, »das wissen Sie ja! die malt mir der Herr Propst meistens einen Tag um den andern.« – »Aber um Gottes willen,« erwiderte ich und schüttelte den Kopf, »wie mag ein so frommes, blühendes Mädchen so etwas erlauben?« – »Wie so?« fragte sie erstaunt; »es geschieht ja zu meinem Besten, um mich, wie der Herr Propst und meine Tante sagen, die immer dabei steht, vor allem zu bewahren, was mir die Stimme verderben kann; und finden Sie denn nicht, mein Herr, daß es geholfen hat? – Ach, diese heiligen Zeichen – Sie mögen sagen, was Sie wollen – sind von erstaunlicher Wirkung.«

Ich sah das Mädchen mit stiller Verwunderung an. Wäre es möglich! dachte ich, faßte Herz – und tat ihr noch eine Frage. – Aber die war umsonst – denn sie verstand sie nicht. Ich sann und sann, und konnte so wenig aus diesem sonderbaren Geschöpfe als aus mir selbst klug werden. – »Es ist doch,« sagte ich in stiller Überlegung, »nicht so ganz platterdings unmöglich, daß ihr der Propst entweder so etwas weiß macht, oder es auch wohl selbst glaubt – denn was glaubt man nicht alles in dieser Religion! – und daß beide nichts weiter dabei denken, als ein anderes das Handschuh anzieht, um sich vor der Luft zu bewahren. Indes – – – wundershalber will ich sehen, was sie mir darauf antworten wird!« – »Klärchen,« erwiderte ich mit zunehmendem Interesse an ihren naiven Antworten, setzte mich dabei auf den nächsten Stuhl und zog sie wieder, wie das letztemal nach Auswechselung unserer Bänder, an meine Knie, mit denen ich sie traulich umfaßte.– »Nehmen Sie mir nicht übel, Klärchen, daß ich auf eine alte vergessene Geschichte zurück komme. – Gestern, Kind – ich kann nicht ohne Entzücken daran denken – was dachten Sie denn gestern, als ich mir die Erlaubnis des Pater Lessau und Bauny so gut zunutze machte?« – »Oh, da,« antwortete sie, »war mir nicht wohl zumute – das gestehe ich Ihnen. Ich dächte, Sie hätten gesehen, wie angst mir um meinen heiligen Nicaise war. – Ich erwartete immer, Sie würden ihn noch in tausend kleine Bißchen zerstückeln.« – »Weiter, liebes Klärchen!« indem ich sie sanft mit meinen Knien drückte. –»Ja – und als sie mir,« fuhr sie mit einem Blicke fort, der gar drollig war, »das Kreuz der Cäcilia verlöschten, war mir noch weniger wohl um das Herz; doch verließ ich mich noch auf die Wiederherstellung und auf meinen hübschen Vorrat von geweihter Farbe. – Als Sie aber auch diese verschütteten – nein! ich leugne es nicht – da war ich so toll und böse auf Sie, als ich noch in meinem Leben auf niemanden gewesen bin. Ich dachte gewiß, es wäre nun um meinen Diskant geschehen – und ich würde nicht einen Psalmen mehr zur Naht bringen – das Schmählen des Propstes und meiner Tante ungerechnet, das ich voraussah. Heute mache ich mir freilich weniger daraus, da ich nichts wüßte, was Sie mir nicht durch die heiligen Steine zehnfach ersetzt hätten.«

Diese unbegreiflich unschuldige Erzählung, durch die das liebe Kind, so als wenn es nichts auf sich hätte, meine Einbildungskraft entflammte und in die reizendste Gegend zurückbrachte, die ich wohl behaupten kann in meinem Leben gesehen zu haben, setzte mich erst ganz außer mir, als sie schwieg; denn jetzt sprach die gefährliche Stille, die uns umgab, nur desto vernehmlicher. – Ich sprang wie verwirrt von meinem Stuhle auf, und mit dem Gefühl eines Wundertäters war ich eben im Begriffe, den Riegel an der Kammertür vorzuschieben – als sie Bastian mit der einfältigen Frage halb öffnete: was für Wein er diesen Mittag aufsetzen solle?– Wie er seinen Kopf so vorstreckte, hätte ich ihm lieber in diesem Augenblicke seinen Abschied gegeben; denn die vermaledeite Ähnlichkeit mit seiner Schwester verjagte mir wieder alle die mutigen Gedanken, die mir Klärchen eingab. Ob ich nun gleich kurz nachher darüber froh war, so kam mir doch jetzt diese Unterbrechung meiner Ideen zu unerwartet, um mir nicht weh zu tun. Ich blickte einige Minuten schweigend gen Himmel – wendete dann mit Ernst und Mitleiden meine Augen gegen das liebliche Mädchen – »Hier ist,« sagte ich heimlich zu mir, »tausend-, ja millionenmal mehr als Margot!« und halb betäubt führte ich sie nun in die Stube zurück, wo der Tisch schon gedeckt stand. Ich zog, nachdenkend, die Hände auf den Rücken gelegt, ein paarmal meine Zirkellinie um ihn, ehe ich einen herzdrückenden Seufzer, an dem ich arbeitete, los werden konnte, der aber auch dafür mehr Erleichterung nachließ, als keiner, der bis jetzt in meinem Tagebuche vorkommt; und indem ich mich mit diesem Bogen zur Aufnahme meiner Beichte an einen Nebentisch setzte, fertigte ich auch Bastian ab, der immer noch keine Antwort auf seine ungelegene Frage erhalten hatte. – »Rechne auf die Person, wir sind unserer Viere,« sagte ich ihm, »eine Flasche Burgunder, und ebensoviel Champagner – kann doch jedes seinem Nachbar abgeben, was es daran zu viel hat. – Aber von der besten Sorte,« rief ich ihm nach, »denn wir haben einen Domherrn bei Tische.« – Ich habe, kann ich mit Wahrheit sagen, noch nie in besserer Laune ein berauschendes Getränk bestellt. Indes nun das arme Kind da mir ungewiß gegenüber sitzt – auf jeden Zug meiner Feder schielt, und in meinen Augen vergebens zu lesen sucht, was in mir vorgeht, bittet mein gerührtes Herz, so oft ich hinblicke, ihr alle die Beleidigungen ab, die ich ihr antat, und empfiehlt in stiller Andacht die schöne nackende Seele dem Schutze Gottes und aller Heiligen. Ach! nie ist eine, bei dieser namenlosen Einfalt, in einer so verdorbenen Welt als die unsere ist, dieses Schutzes so bedürftig gewesen!

Es ist mir für meine Schreiberei lieb, daß ich noch eine Weile der albernen Gespräche, die ich mit der Zurückkunft des Domherrn erwarte, entübrigt und unter der stillen Aufsicht Klärchens so gut wie allein bin – denn so habe ich doch noch Zeit, die mancherlei wider einander laufenden Gedanken für dich noch durchzufegen die von allen Seiten her sich immer mehr anhäufen . . .

Das Vorgeben unserer großen Menschenkenner, daß jedes Mädchen – unschuldig oder nicht – in ihren eigenen Angelegenheiten dem scharfsichtigsten Manne eine Nase drehe – ist aus der Luft gegriffen, wie viele solcher Sentenzen. Versteht nur erst, ihr guten Leute, ein weibliches Herz – ohne Einmischung eures eigenen – zu entfalten, so wird euch auch keins so leicht über seinen Wert oder Unwert betrügen! – Freilich ist es eine kitzlige Sache damit; das kann ich nicht leugnen, denn mein Beispiel beweist es zu klar. War ich nicht drauf und dran, das schuldloseste Geschöpf zu verdammen, das vielleicht in unserm Weltteile zu finden ist? – und wer hätte mich einer Übereilung darbei zeihen können? – Traten nicht so viele Anzeigen wider sie auf, die mein Urteil vor jedermann rechtfertigen mußten? – Und doch war ich in Irrtum, und wäre es auch, ohne das letzte zufällige Gespräch mit ihr, immer und ewig geblieben. Das mag wohl nicht selten der Fall bei unsern systematischen Grillen sein. Wenn wir uns mit vieler Mühe die Augen verkleistert haben, öffnet sie uns ganz unerwartet das Geschwätz eines Kindes. Ist die Schamlosigkeit, die ich der guten Seele, nach der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, vorwarf – ist sie bei ihr wohl etwas anders als der höchste Grad paradiesischer Unschuld? Wie lange hat es nicht gewährt, eh' ich das begriffen habe! Nur die Seltenheit der Sache kann mir zu einiger Entschuldigung dienen. Bei den Wilden zwar, sagt man, fänden sich Spuren davon – aber in einem kultivierten Lande! – nach dem Sündenfalle! – ist es das erstaunungswürdigste Phänomen, das sich denken läßt. Konnte ich denn nicht gleich vom Anfange Klärchens Betragen aus diesem Gesichtspunkte betrachten? Ach, wieviel geschwinder würde ich alle jene Abweichungen von dem Gewöhnlichen bei ihr enträtselt und die undankbare Mühe erspart haben, ein so liebenswürdiges Geschöpf – bei beständigem Widerspruche meines Herzens – in meiner Vorstellung so abscheulich tief zu erniedrigen! Aber unsre liebe, herkömmliche, europäische Denkungsart – die doch selbst im Grunde nichts anders als Abweichung von der Natur ist – steht uns immer bei metaphysischen Auflösungen im Wege.

Drollig genug, daß ich durch ein vorgebliches Wunder hinter ein wahres gekommen bin! Aber was soll ich nun – da die Sachen bis auf die Spitze getrieben sind – anfangen? . . .

Das reizende Mädchen! wie lieb ist sie mir nicht seit einigen Minuten geworden! Ich kann es nicht ausdrücken, wie lieb! Wenn ich so von meinem Bogen auf in die Höhe blicke und diesen schönen, großen Augen begegne, aus denen die ganze Reinigkeit und Energie ihrer Seele widerstrahlt – so kann ich nicht – nein! wahrlich ich kann mich nicht eines Gedankens erwehren, den mir mein guter Genius gewiß nicht umsonst so warm an das Herz legt. Bei der kleinen Margot ward er schon einmal ziemlich laut bei mir – aber du weißt, wie flüchtig er damals und wie wenig überdacht er war. Hier aber finde ich ungleich mehr Ursachen, ihm nachzuhängen. – Ernstlich, Eduard! Ich kann mir doch an den Fingern abzählen, daß ich über lang oder kurz – wie man sagt, heuraten werde; und wie wird das geschehen, wenn ich nicht zuvorkomme – als auf die gewöhnliche Weise, die so albern als mißlich ist? Hier hätte ich nun einen Gegenstand gefunden, wie ihn nur die begehrlichste Liebe eines Philosophen verlangen kann, und als keiner – ich bin es versichert – mir je wieder so vollkommen aufstoßen wird. Ich mag um ein Mädchen werben, wo ich will, wird mir wohl eins seinen Körper und seine Seele so aufrichtig und so befriedigend enthüllen, als es dies Kind getan hat? Ach! ich werde nicht besser als andere auf geratewohl einschlagen müssen, und alles das zu spät erfahren, was doch so gut wäre, vorher zu wissen. Die seltene Gelegenheit, die ich in diesem Stücke bei Klärchen gefunden – kommt mir nicht wieder. Warum will ich mich also noch bedenken? Besitzt sie denn nicht alles, was ich manchmal in Sommernächten von meiner künftigen Gattin erträumte? Und Gott! in welchem Maße besitzt sie es! Lauterkeit des Herzens – hohe Einfalt eines herrlichen Verstandes – echte Unschuld – eine nie berührte Stimme – und einen Gliederbau, wie er nicht oft der Natur gelingt. Ihr Herkommen mag freilich nicht vornehm sein – aber das ist auch das letzte, worauf ein Mann zu sehen hat, der seinen wahren Vorteil versteht. Ihre abergläubische und schwärmerische Religion – oh, die war ihr während ihres Jungfrauenstandes recht nützlich, und nach der Trauung, denke ich, will ich sie ihr schon mit guter Art aus dem Kopfe bringen. – An die heiligen Steine – mag sie meinetwegen noch eine Weile glauben – die sollen mich an nichts hindern, und ich hoffe noch manche glückliche Stunde mit ihr über ihr gütiges Zutrauen in ihre Schiedsrichter zu lachen. Daß der Propst ihr mit seinen Augen und Händen so nahe gewesen – könnte mir unter jeden andern Umständen anstößig vorkommen – hier wäre es ebenso lächerlich, als wenn sich einer dabei aufhalten wollte, daß ein Priester seine Geliebte bei der heiligen Taufe schon vor ihm in den Armen gehabt habe. Ohnehin – wäre es auch nur um der einfältigen Nachfragen wegen der Dreieinigkeits-Steine – würde ich das Mädchen ebenso wenig ihren vorigen Bekannten unter dem Gesichte lassen – als sie jemals nach Berlin bringen, das auf keine Art dieser Perle wert ist. – Nein, Eduard! fern von euern Vorurteilen – euern Etiketten – euerm Neide und euren Sarkasmen – will ich mit Freuden mein Abzugsgeld in die königliche Invaliden-Kasse bezahlen – und in einem weniger sandigen und undankbaren Erdstriche, als dem eurigen, meiner Einkünfte und meines Lebens in den Armen dieses Engels genießen, ohne mich nur nach euch umzusehen, als in den Zeitungen. Mit meinem runden Charakter, zufriedenen Herzen, und mit der philosophischen Laune, die mich nirgends verläßt, will ich das Ding, das den meisten Leuten so schwer wird, schon möglich machen, und will es in Ruhe erwarten, was du zu dem Plane meines Glücks sagen wirst, wenn du mich einmal, wie ich hoffe, in meinem Winkel besuchst.

Da meine Feder – wie gewöhnlich, wenn sie das Herz führt – so voll und so geläufig ist, so will ich dir ein Projekt mitteilen, das zu gut in meine Absichten paßt, um es nicht so bald als möglich – vielleicht schon morgen – ins Werk zu setzen. – Als ich letzthin von Vauclüse zurückkam, begegnete mir nicht weit von Lille ein Mann, der, den Hut tief in die Augen gedrückt, die Arme in einander geschlagen, trocken und ernst einherschritt. Eine dänische Dogge, die traurig ihm nachschlich und nicht den Mut hatte, einen Sprung in das Feld zu tun, war sein Begleiter. Das letztere fiel mir zuerst auf. Ich denke immer nicht gut von einer Haushaltung, wo ich die Freundschaft zwischen Herrn und Hund gestört finde. Ich erkundigte mich nach diesem Fremden – erst bei einem Bettler, dem er trotzig etwas in den Hut warf, und nachher bei einigen Bauern, denen er nicht dankte, als sie ihn grüßten – und so erfuhr ich gar bald seine Geschichte. Er war ein Graf aus Kopenhagen, welcher dort der Regierung einen Dienst erwies, der ihm durch eine große Geldsumme belohnt wurde. Wie es aber manchmal mit solchen Belohnungen geht: sie füllen den Beutel und belasten das Herz. – Es ward ihm zu enge in der Königsstadt. – Er gab es der dicken Luft Schuld, und flüchtete sich hieher, wo er in der herrlichen Gegend so lange störte, bis er ein Dörfchen fand – so freundlich und wohl gelegen, als man sonst nur in Kupferstichen zu sehen bekommt. Hier ließ er sich nieder und baute sich an. – Aber was half es? Seine Unruhe ist noch immer dieselbe, und es fehlt ihm auch hier der Atem. – Klärchen könnte ihm begegnen, er sähe sie nicht. Immer in tiefen Gedanken, sprachlos und mürrisch, starrt er die reizendsten Gegenstände der Natur an, ohne Gefühl, ohne Genuß; und doch, wie ich dir schon gesagt habe, ist der Mann reich – sein eigener Herr – und machte sich schon in seiner Jugend sehr verdient um den Staat; denn er verriet Struenseen, der sein Freund war. Sobald er sein Haus gebaut, eingerichtet und seinen Garten in englischem Geschmacke gepflanzt hatte, stand ihm auch schon alles wieder zum Verkauf, und er beut es noch aus. Ich kann gewiß einen guten Handel tun, wenn ich es ihm abnehme, und ich zweifle nicht, daß er mir auch seinen armen, traurigen Hund überläßt. Was ein unruhiges Gewissen baut, habe ich immer bemerkt, ist gemeiniglich prächtig und schön, es wird nichts gespart, um das Auge zu befriedigen und durch Bequemlichkeit und Anmut den Sinnen zu schmeicheln – und wenn die Absicht fehl schlägt, bekommt es ein anderer um das halbe Geld. Dann kommt es nur darauf an, daß der zweite Besitzer ein zufriedenes Herz mit in den Ankauf bringt, um der Hoffnung habhaft zu werden, die dem ersten mißlang, und das, was Natur und Künste gewähren, mit freudigem Dank gegen sie zu genießen. Nun kann ich wohl sagen – wenn ich vollends mein Unrecht gegen Klärchen wieder gut mache – daß ich in der Welt Gottes nichts wüßte, was ich mir vorwerfen sollte. Es geht mir mit meinem Gewissen, wie einem Gesunden mit seinem Magen: ich fühle gar nicht, wo es liegt. Ich habe mich immer in acht genommen, dem Staate wichtige Dienste zu leisten; und die Hypochondrie, die ich mir nur durch mein einfältiges Studieren zuzog, ist, Gott sei gelobt, in der heitern Luft dieses Landes verdunstet. – Bei diesen Vorzügen, was für eine allerliebste Wirtschaft kann ich mir nicht einrichten, und welche gute Menschen um mich her versammeln! Da ist mein alter Johann – der schickt sich ganz vortrefflich zu einem Haushofmeister – und die kleine Margot wäre zur Kammerjungfer bei meiner Frau wie gefunden. Nach Klärchen wird sie immer die erste Zierde meines Hauswesens sein, und es ist beinahe notwendig, daß ich sie mir in die Nähe bringe – denn sonst geht es mir gewiß zeitlebens mit ihr, wie es unserm alten Freunde, dem Major, mit dem Neidnagel an seinem Daumen geht, der ihn noch immer schmerzt, so oft das Wetter sich ändert, ob er gleich schon im Siebenjährigen Kriege die Hand samt dem kranken Finger verlor. Nehme ich nun noch – wie ich Willens bin – den Prologus und seinen Bruder in meine Dienste – so habe ich auch ein Theater, und will sicher vergnügter und glücklicher leben, als selbst Voltaire zu Ferney gelebt hat; denn ich hätte, neben allem dem, was er besaß – außer seinem Genie – obendrein eine junge, liebenswürdige Frau, deren er auf keine Weise wert war, und läge nicht, wie er, mit Monarchen – Schriftstellern und Buchhändlern im Streite. – Herr Fez würde sich gewiß lieber, glaub' ich, totschlagen lassen, als daß er meine erreurs herausgäbe.

Wie doch oft das ganze Gewebe eines zufriedenen Lebens an dem flatternden Faden eines Augenblicks hängt! Wohl dem, der ihn noch zu fassen weiß, ehe er entwischt. Bester Eduard! Seit ich durch das Leben schlendre – doch schon eine hübsche Zeit! – habe ich noch nicht halb so viel Wohlbehagen empfunden, als in dieser laufenden Stunde. Mein Herz ist weder trotzig noch verzagt – weder gleichgültig noch trunken; – aber es ist gerührt, zum sichersten Beweise, daß es auf der rechten Spur ist. Durch wie manche unmutige Jahre und manche Irrtümer des Verstandes, teuerster Freund, habe ich mich nicht durcharbeiten müssen, ehe ich an dem großen Rade meines Schicksals den Punkt traf, auf dem alles beruht! . . .

Wollen wir unserm Stolze und unsern leidigen Vorurteilen nicht das Wort reden, so müssen wir alle über die Zusammensetzung menschlicher Glückseligkeit darin übereinkommen, daß sie in nichts anderm bestehe, als – in einer einfachen Lebensart – einem mäßigen Auskommen – einer leidlichen Gesundheit, und in den Freuden und Folgen einer keuschen Liebe . . .

O Klärchen! Was hätte ich nicht alles in dir verloren, wenn ich nicht, selbst noch auf der letzten Linie, die schon zu unserer ewigen Scheidung gezogen war, schnell umgekehrt wäre – wenn ich mein Endurteil über dich nicht wieder zurückgenommen, und mich nicht zu einer Denkungsart ermannt hätte, die zu deinen ungewöhnlichen Tugenden paßt, und wie ich sie gegen Gott und die Welt verantworten kann! – Dank sei dem ewigen Urheber der Natur, der dich in dem Raume meiner Zeit werden ließ, und das seltenste Geschöpf seiner Hand für einen guten Mann aufhob!

Bastian soll in Gottes Namen die Postpferde wieder aufsagen. Der Reisepaß, den mir der Domherr mitbringen wird, kann noch einige Tage liegen, bis ich meine Angelegenheit mit dem dänischen Grafen und mit Klärchen in Ordnung gebracht habe. Nach Tische will ich mit dem Engel sprechen, und mich ohne weitern Aufschub ihrer lieben, kleinen, schreckhaften Hand versichern. – Es wird eine rührende Szene geben. Sie, die nichts im geringsten von dem Glück ahndet, das ihr bevorsteht – wie wird sie nicht über den schnellen Übergang aus der Aufsicht einer grämlichen Tante in die Arme ihres Wundertäters erstaunen! Ihres Wundertäters? Nun, das wollen wir weiter nicht rügen! Ein liebendes Weib, Eduard, ist wie das Reich Gottes. – Trachtet am ersten nach diesem, so wird euch das übrige schon zufallen. Auf die Fortsetzung meiner frohen Gemälde mußt du nun in Geduld warten, bis die Tafel aufgehoben sein wird. – Geht es mir doch selbst nicht besser. – Jetzt muß ich dem Domherrn entgegengehen, den ich die Treppe heraufkommen höre – – –

Mein Abschiedsschmaus ist beinahe vorbei. Ich habe mich von der muntern Gesellschaft, die noch um den Tisch sitzt, weggestohlen, um dir alles noch frisch aus dem Gedächtnisse zu erzählen, wodurch sich dieses Fest vor andern auszeichnet; und um erst alle Nebendinge beiseite zu schaffen, ehe ich in der Geschichte meines Herzens den Faden wieder aufnehme.

Daß mir der Domherr meinen Reisepaß und eine Quittung über das unverbrennliche Blatt, nebst der Lossprechung von allen Schäden und Unkosten, mitbrachte, versteht sich. Er übergab mir eins wie das andere im Namen des Legaten, unter wiederholter Versicherung seines Dankes und seiner Ehrerbietung, während Bastian meine Tafel anordnete, und ein so prächtiges Versöhnungsmahl auftrug, als es je eines gegeben hat, und das gewiß der Einweihung eines jeden Wunders würde Ehre gemacht haben. . . .

Du mußt wissen, Eduard, daß, wenn ich eine Gesellschaft bewirte, welche Aufmerksamkeit verdient, ich bei so vielen Eigenheiten auch die an mir habe, daß ich den Wein kaum koste, den ich meinen Gästen in vollen Gläsern zubringe, weil ich immer gefunden habe, daß der Geist meiner Flaschen geschickter ist als mein eigener, um den ihrigen zu entwickeln, und mir das Spiel des menschlichen Herzens freizugeben, in dessen Beobachtung ein Kopf wie der meinige ungleich größeres Vergnügen findet, als in seiner Berauschung. Der schöne Plan für die Zukunft, mich dem ich mich zu Tische setzte, erwärmte auch ohnehin mein Blut zur Genüge. – Alles, was ich sprach, sah und hörte, und aus meinen Bemerkungen abzog – hatte immer einen geheimen Bezug auf ihn. Zuerst fing ich an, für mein Hoftheater zu sorgen. – »Ein so festlicher Tag als der heutige«, wendete ich mich an meinen Nachbar, indem ich ihm zugleich ein Glas Vin de St. George reichte, »sollte alle Feindschaften aufheben – alle Gefangenen los und ledig lassen. – Allen Sündern« – übersetzte ich ihm aus Schillern – »soll vergeben, keine Hölle nicht mehr sein.« – »Das ist recht!« erwiderte mir der Domherr, und stürzte das volle Glas hinunter, das ich ihm geschwind wieder füllte, um ihn nicht lau werden zu lassen. – »Sie sehen«, fuhr ich nach dieser Einleitung fort, »hinter Ihrem Stuhle« – er sah sich um und erkannte die Puppenspieler – »ein paar Unglückliche, die ehemals, ich will nicht sagen wie zweckmäßig – mit lebendigen Personen die Hölle – und das Paradies mit Puppen vorstellten, und sich durch beides – wie vorauszusehen war – den Haß Euer Hoch-Ehrwürden zuzogen. Wie lange ist es nicht schon her, Klärchen, daß die armen abgesetzten Teufel Ihretwegen im Elende schmachten? Bitten Sie mit mir Ihren würdigen Nachbar, daß er die Strafe aufhebe. Es ist einem Manne in Purpur so anständig, Gnade für Recht ergehen zu lassen – –« – Hier schlürfte der Prälat mit stolzem Hinblick auf seinen Mantel das dritte Glas langsam über die Zunge, und ich fuhr schon traulicher fort: – »Ja, bester Freund, tun Sie es mir zu Liebe! Wirken Sie den beiden Brüdern – wäre es auch nur, weil sie bei dem heutigen großen Wunder an meinen verschlossenen Türen auf der Wache standen – ihren Abschied aus! Keiner, der zur Zeit einer heiligen und übernatürlichen Erscheinung auf dem Posten gestanden, sollte nachher noch zu gemeinen Diensten erniedrigt werden, wenn sie auch dem Staate noch so notwendig wären. Das besagen selbst die kanonischen Rechte, und es schlägt sogar, lieber Herr Domherr, ein wenig in die Immunitäten der Geistlichkeit ein. Für das ehrliche Unterkommen dieser Leute wollen Wir« – kam mir der Pluralis in geheimer Beziehung auf meine Nachbarin in den Mund – »schon sorgen;« aber ich lenkte eben so geschwind wieder ein: »Ich, teuerster Mann, wollte ich sagen, will schon sorgen, daß ihnen so leicht kein Kind in den Weg kommen soll.« – Der Domherr nahm ein Amtsgesicht an. – »Das wäre wohl alles ganz gut,« antwortete er mit vieler Behutsamkeit: »aber wir müssen die Sache doch erst aus ihrem rechten Gesichtspunkte betrachten. – Das ist meine Art so. Die Leute da – stehen in päpstlichem Solde. – Ihre Bestrafung gehörte zwar wohl in mein Fach, aber nicht ihre Begnadigung.« – »Oh,« fiel ich ihm ruhig ins Wort, »das Militär des heiligen Vaters – so wie auch Ihr Hauptmann, der sie der Armenkasse abkaufte, sollen nicht im mindesten dabei zu kurz kommen. – Seine Auslage – so weit sie nicht schon abverdient ist – bin ich erbötig, ihm von meinen eroberten Prozeßkosten zu ersetzen: und wenn der Hauptmann sein Handwerk versteht, wird er mit beiden Händen zugreifen; denn ich dächte, man sehe den guten Leuten die Schwindsucht so ziemlich schon an, die ihnen ohnehin die Bärmützen bald abnehmen wird.« – »Ja, wenn das ist,« besann sich der geistliche Herr, »so ist mir selbst zu viel daran gelegen, nur freundliche Gesichter in meinem heutigen Zirkel zu sehen, als daß ich nicht gern eine Sache vermitteln sollte, die mir im Grunde ganz gleichgültig ist; ob ich gleich nicht begreife, wodurch sich diese leichtsinnigen, liederlichen Bursche – –« – Hier fielen die beiden Brüder dem gestrengen Herrn so demütig zu Füßen, daß er inne hielt und nicht das Herz hatte, ihr Porträt auszumalen; vielmehr entstand nun, durch sie, ein Streit der Großmut unter uns beiden; denn der Prälat wies sie mit ihrem feurigen Danke an mich. Da ich aber ohnehin überzeugt war, daß ihr Gefühl sich nicht irre, so verbat ich alle unnötigen Äußerungen desselben, und, indem ich den Prologus abschickte, um eine der Flaschen mit der vornehmen Aufschrift – den Epilogus aber, um frische Gläser zu holen, drückte ich zugleich meiner heimlichen Braut, voll Vergnügen über dies erste, für unsere Haushaltung gelungene Geschäft, zärtlich die Hand, und sah im Geiste schon die Lichter auf unserm Theater brennen. – »O, du liebe kleine Unwissende!« richtete ich meine süßen Gedanken an sie, »wie will ich alle schönen Künste zu deiner Unterhaltung und zur Bildung deiner Seele ausbieten! Wie wirst du deine mächtigen blauen Augen aufreißen, wenn ich dir an manchem fröhlichen Abende auf meiner kleinen Bühne die Szenen der großen Welt und die Torheiten der Höfe zur Schau stelle, wovon du noch keinen – zum Glück für deinen Zeitvertreib – noch keinen Begriff hast; denn wärest du damit schon so bekannt wie ich, so würden sie dir nur Langeweile verursachen. – Für geputzte Drahtpuppen, und was sonst von Dekorationen dazu nötig ist, will ich schon sorgen. Habe ich doch meinen Eduard dort, der mir zu Liebe die Lieferung gern über sich nehmen, und darauf Acht haben wird, daß sie auf das getreueste nach der Natur kopirt werden. Es ist eine leichte Sache, daß er sie mir alle Jahre erneuert; so verlor ich selbst – noch so fern vom Hofe – keine Veränderung, die unter den Hauptpersonen vorfällt, und könnte sonach, mit Beihülfe der öffentlichen Blätter, der Illusion und meiner Vorkenntnisse, immer noch mit meinem lieben Vaterlande in einiger Verbindung bleiben. – Das Wenige, was allenfalls mir ein Heimweh verursachen könnte, wirst du, bestes Mädchen, mir zehnfach ersetzen. Wie werden mich nur allein deine kindischen Erinnerungen an die vorigen Zeiten ergötzen, wenn – wie ich mir launig ausgedacht habe – der Sündenfall unser Theater eröffnen soll, über den du – wie wir alle – deine Semmel vergessen, und aus dem sich – nicht anders als bei uns – alles dein Glück und Unglück entsponnen hat! Das zweitemal sollst du dieses herrliche Stück nicht bloß von der hintersten Bank aus lorgnieren – das verspreche ich dir, armes gutes Kind!«

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