Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Moritz August von Thümmel >

Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
Schließen

Navigation:

Der graubärtige Ahnherr trete in seiner Maske auf, und entwickele die guten Absichten seines Plans noch näher, als sie hier und da aus einigen Stellen seiner Vorrede durchgeschimmert haben, damit du aus dem eigenen Munde seiner erlauchten Urenkelin desto gründlicher zu beurteilen vermagst, inwieweit er sie erreicht hat.

Vertausche ich auch manchmal, unsern feiner gestimmten Ohren zu Liebe, ein allzuderbes Wort, das ihm in seiner verjährten Sprache über die Zunge sprudelt, mit einem glimpflichern Ausdruck, so will ich doch sorgen, daß es dem Sinne keinen Abbruch tue, und die heroischen Hülfsmittel nicht vertusche, durch die er der moralischen und physischen Erschlaffung vorzubeugen gedenkt, die, wie er glaubt, seiner Nachkommenschaft droht.

Sie kann nicht ausbleiben, dachte er, wenn die Herren Erbverbrüderten so fortfahren, wie sie anfangen – wenn sie als einen Damm ihrer ziemlich ausgeschöpften Hoheit, Prunk und Statuen um sich herum stellen, die ihnen jede freie Aussicht in die Natur versperren, und wenn sie immer so hoch auf den Stelzen ihres Standes einher treten, daß kein Blick der Freundschaft – kein Ausdruck der Vertraulichkeit ihre Augen und Ohren erreichen kann, sie flössen ihnen denn von andern Stelzentretern in gerader Richtung zu; und da weiß man schon wie wahr und rührend sie ausfallen. Sie müssen – es ist nicht anders – in ihrer Welt fremd werden, und endlich unter den Possen ihres Anstands erliegen. Was soll, dachte er ferner, anders als Zwecklosigkeit und Langeweile aus ihren ehelichen Verbindungen entstehen, da sie immer nur ein zehnfach verwandtes Blut in dem kleinen Zirkel herumtreiben, auf den sie der genealogische Kalender einschränkt, und wodurch ihre Körper und ihre Seelen einander am Ende alle so ähnlich werden, daß es ein Elend ist? Großer Gott! was soll da Kluges herauskommen, wenn sie aus einer Idylle eine politische Rechnung – aus einem Schäferspiele eine Haupt- und Staatsaktion machen? Der gute Mann blickte dabei mit seinen gesunden Augen in die offene Flur, sah, wie der Baum kränkelt, der nur mit seinen eigenen Ablegern gepfropft wird, – sah, daß der Acker nur kümmerliche Ernten treibt, der mit dem Korne, das er jährlich einbringt, immer wieder besäet wird, – sah in der Wirtschaft des Tierreiches, wie tief am Ende die vollkommensten Rassen herabsinken, wenn man sie zwingt, sich untereinander zu vervielfältigen. Verwies ich nicht schon – fragte er in seinem Ingrimm – manchen Gaul dieser Art in den Bauhof, dessen Ahnherr, nach dem Stallregister, den Kaiser bei seiner Krönung trug, manchen in die Post, der in gerader Linie von der Haquenée, oder gar von dem Bucephalus abstammte?

Da entschloß sich der biedere Fürst – in väterlicher Rücksicht auf die gemeinschaftliche Wohlfahrt seines Landes und seiner Erben entschloß er sich, keinen Schwächling in seiner Familie aufkommen zu lassen. Nach langem Hin- und Hersinnen glaubte er es am besten zu treffen, wenn er eine Macht, deren großen Einfluß er nur zu oft an sich wahrnahm – wenn er die wohltätige Macht der Phantasie in den, für das Land gefährlichsten Augenblicken, gegen den kraftlosen Hofton zu Hülfe riefe, und seine Lieblinge – die Erbprinzen, wenigstens in der media nocte ihres Beilagers, durch einen natürlichen Einfall aus der Contenance brächte. Muß ich auch zugeben, da ich es nicht ändern kann – wendete er ein – daß die guten Leutchen, die ich im Auge habe, noch vorher auf dem Burgplatze alle die raren Künste entwickeln, für die ihresgleichen bezahlt werden, wie sie es verdienen, – kann ich auch der tyrannischen Etikette nicht so scharf in die Leine greifen, daß sie nicht erst das arme angekuppelte Paar in Zeremonien müde treibt, ehe sie es bis an den Standpunkt seiner Vereinigung bringet; so wäre es mir doch außer Spaß, wenn ich im Geiste diese Staatspuppen, samt ihrer Kälte, ihrer Erschlaffung und ihrem fürstlichen Anstande, das Paradebett besteigen sähe. Nein! sagte er, das lasse ich nicht zu. Ich will der wohlerzogenen steifen Prinzessin zuvor Gelenke – ihrem niedlichen Gesichtchen erst Ausdruck – ihrem in etwas zurückgebliebenen Busen mehr Schnellkraft, und will dem uralten Geblüte, das in ihren Adern schleicht, Leben und Wärme geben. Sie mag ihrer Oberhofmeisterin Ehre machen, wo sie nur will – aber in dem wichtigen Augenblicke, wo sie nicht nötig hat vornehm zu tun, behalte ich mir, als Stammherr, ihre Zurechtweisung allein vor, und hoffe, so Gott will, sie vor ihrem Übergange zu einem zweckmäßigen, feurigen, natürlichen Mädchen umzugestalten, das, wie Freund Lavater von einer sagtS. Physiognomische Fragmente, zweiter Versuch, S. 122, wo man auch das Porträt der Dame sehen kann, an der diese Kraft gerühmt wird. – denn sein prophetischer Geist sah alle Fragmente der Welt voraus – Kraft hat zu geben und zu empfangen.

Mein Prinz – fährt er fort und streicht sich den Knebelbart – soll vor seiner Umarmung erst in einen muntern – gefälligen – verliebten Jungen verwandelt werden, wie sie in der Welt herumlaufen, oder – ich will nicht Hans heißen! Das Fünkchen Liebe, das er aus der Hofkapelle mitbringt, soll in einer ganz andern von meiner Erfindung erst zu Flammen auflodern, – seine Pflichten sollen ihm, wie trägen Kindern, durch Bilder verständlich gemacht, – und seine natürliche Rolle, ehe er sie spielen darf, soll ihm erst so lieb werden, daß er seine angelernte darüber vergißt. Er habe das Opfer, das er zu den Füßen seiner Verlobten für sich und sein Land erbettelt, nur den Verlockungen der Sinne, dem Tumulte des Bluts, habe alles, was er wünscht und erhält, nur dem Zauberstabe der gereizten Einbildungskraft, nichts davon dem Stabe des Hofmarschalls zu danken!

Und der brave Stammvater setzte sich hin und fertigte sein ewiges Kanzeleischreiben an alle die Glücklichen aus, die durch ihn und seinen Erbprinzen, für dessen Stammhaftigkeit er selbst patriotisch gesorgt hatte, in der Folge der Zeit zu der Ehre gelangen würden, ihr Vaterland zu beherrschen. Wenn sie auch, murmelte er vor sich, alle meine andern löblichen Anstalten im Lande mustern, meistern und umstoßen, so, denke ich, sollen sie doch nichts wider meine Einrichtung ihrer ersten Nächte haben, da ihnen ja, wenn sie nur das geringste Nachdenken besitzen, ihr eigenes Dasein verbürgen muß, daß ich den Rummel verstand. Und so stiftete er jene Kapelle mit ihrem Sofa – ihrem Stammbuche und ihrem Ornate.

Nimm einstweilen mit diesem kurzen Auszuge aus seinem Stiftungsbriefe vorlieb. Könnte ich nur mit ebenso leichter Feder Jettchens Geständnisse aus den Bruchstücken zusammensetzen, die ich von ihrer Vertrauten erhielt. Jene ihres Wegs so unkundige Pilgerin gleicht in der Erzählung ihrer empfindsamen Reise einem Schiffer, der, auf dem unabsehbaren Meere vom Sturm ergriffen, sich endlich glücklich an ein lachendes Eiland getrieben sieht. Er überläßt sich zuerst dem entzückenden Gefühle seiner Rettung, er gedenkt nicht mehr der Wellen, die ihn dahin schaukelten, und möchte sich lieber schämen, wenn er auf die überstandenen Minuten seines Zagens zurückblickt. Ebensowenig kann ich, ohne unbillig zu sein, einem träumenden Kindsköpfchen zumuten, daß es die grausen Phantasien, die ihm bis zum Erwachen vorschwebten, in Zusammenhang entwickele. Ich hingegen, der ich ein Nachtstück zu malen habe, das nicht sowohl zur Zierde meiner Bildergalerie, als vorzüglich zur Beantwortung jener, in diesen Blättern schon mehrmal angedeuteten, Streitfrage der Gelehrten und Naturphilosophen diene, ob es bei Behandlung eines zarten weiblichen Herzens zweckmäßiger sei, ihm auf der Reisekarte der Liebe die Stationen seiner Bestimmung mit roter Tinte zu unterstreichen, oder es ohne Vorbereitung allen Schrecken des Hinscheidens jungfräulicher Unschuld in der Hoffnung preiszugeben, den süßen Lohn, der dahinter liegt, durch Überraschung noch zu erhöhen. Ich darf, wenn ich unparteiisch handeln und nicht ein Gemälde ohne Perspektive und clair obscur, gleich einem Chinesischen, aufstellen will, unsere kleine Unerfahrne auch nicht eine Stufe ihrer kindischen Angst überhüpfen lassen, um mit ihr, eher als es Zeit ist, in die Region des Trostes überzuschweben. Beides muß gegen einander genau erwogen werden, um mit Grund entscheiden zu können, ob der altmodische Ahnherr, der seine Urenkelinnen nicht unbefangen genug habhaft werden kann, oder ob die Erzieherin der jungen Prinzessin recht behalten wird, die erst abwarten wollte, bis der Hofmaler den Kopf des Amor unter ihrer Bleifeder nicht mehr für ein Fratzengesicht erklärte und deshalb Anstand nähme, ihr zum Nachzeichnen die ganze Figur des Götterknaben vorzulegen, bis sie erst mit ihrem Klaviermeister eine vierhändige Sonate ohne Anstoß abspielen, und der junge Kapellan ihr an den Augen ansehen könnte, daß sie seiner Auslegung des sechsten Gebots, die er bis jetzt weißlich überschlug, die gehörige Aufmerksamkeit schenken werde; – denn so lange die Fähigkeiten der jungen Dame nicht bis zu diesem Grade ausgebildet wären, fanden es die Frau Oberhofmeisterin zu bedenklich, sie dem Zügel der Erziehung zu entlassen. Das Unglück – wenn es eins sein sollte – ist geschehen. Es wird sich bald zeigen, gnädige Frau, ob es so groß war, als Sie sich einbildeten.

Meine Pinsel sind rein – und an meinem Farbenkasten, der, wie der Seidelmannische, von der Gallenblase des Zitteraals bis zu der brennenden Purpurmuschel fortsteigt, liegt es nicht, wenn meine pittoreske Darstellung nicht so ernsthaft ausfallen sollte, als die seinige.

Wir haben gestern, lieber Eduard, die durch Urteil und Recht losgesprochene und zu den großen Pflichten einer Landesmutter für tüchtig erklärte Dame zwischen Tür und Angel stehen lassen. Noch zittert, noch weilt sie und kann es nicht über sich gewinnen, den letzten Schritt in die Dämmerung zu tun, die das Geheimnis ihres Berufs verbirgt – aber da stürmt die Klingelschnur der Zauberin aufs neue und verbreitet ihren Metallklang durch die Hallen der Burg bis zum roten Turm hin. –

Die Kleine fährt wie bei einem Erdbeben zusammen, und eilt nun, vom Schreck getrieben, wie ein verscheuchtes Mäuschen, in das spärlich erleuchtete Brautgemach. Stelle dir nur vor, wie einem so zärtlich gebauten Körper nach solchen Anstrengungen – wie einer wohlorganisierten Seele, die alle Martern des Zeremoniells bis auf den letzten Grad erhalten – mit einem Worte, wie der kleinen Prinzessin zumute sein muß, wenn sie nun statt der tröstlichen Aussicht der Ruhe, ein mit Fransen und Federn überladenes Staatsbett schimmern sieht, von dem sie schon den äußeren Ansehen nach ebensowenig etwas Kluges erwarten kann, als sie heute erlebt hat.

Wie eine Drahtpuppe, die von der Rolle nichts weiß, die sie spielt – die es von obenher erwartet, welches Gelenk sich zuerst heben – welches Glied sich bewegen soll, steht das gute Kind da, und blickt mit unbelebten Augen – und nur mit dem hölzernen Gefühl der Abhängigkeit nach ihrem Gebieter. Dieser tritt nun, zwar glänzend wie Phöbus – doch ernst und langsam wie ein Bote herein, der von weitem her eine üble Nachricht zu bringen hat. – »Beklagen Sie mich, meine Auserwählte,« redete er sie mit kaltem Anstand und kostbaren Worten an: »In dem Augenblicke, nach welchem ich einen ganzen beschwerlichen Tag gerungen habe, erhalte ich noch ein Kanzlei-Schreiben von meinem Ur-Ur-Urältervater, das ich, großer Gott! vorher noch beantworten soll, ehe ich die Erlaubnis habe, Sie die Meinige zu nennen. Es soll an dieses Zimmer eine Kapelle stoßen, zu der der Höchstselige mir den Schlüssel schickt – Dort sollen wir, beste Prinzessin, auf dem Altare unsere Namen in ein Buch schreiben – dort sollen wir eine heilige Handlung verrichten, auf der, wie sein Brief sagt, das Glück des ganzen Landes beruhe. Was muß der gute alte Mann gedacht haben? Ich bitte Sie, liebe Prinzessin, wo soll ich an Ihrer Seite – ach! würde er mir es zugemutet haben, wenn er Sie gekannt hätte? – nur einen Funken von Andacht hernehmen? Zu einer ungelegneren Zeit, dächte ich, wäre wohl keine menschliche Seele noch in eine Kapelle geschickt worden.« – Die gute Prinzessin denkt im Grund ihres Herzens dasselbe. Sie macht keine kleinen Augen, da sie wieder von Zeremonien hört, vor denen sie wenigstens in der Mitternachtsstunde gehofft hatte, sicher zu sein – Aber sie nimmt sich zusammen. – »Wenn die Landeswohlfahrt darauf beruht,« sagt sie so manierlich, als ob ihre Oberhofmeisterin zwei Schritte davon stände, »so bin ich in Wahrheit auch nicht so schläfrig, daß ich nicht meinen Namen noch schreiben und ein Vaterunser beten könnte.«

Sie suchen nun beide die verborgene Tür der Kapelle, und finden sie glücklich dem Brautbett gegenüber, hinter den Tapeten. Der goldene Schlüssel wird versucht – er schließt, und sie stehen, als die Tür hinter ihnen zufällt, zwischen ihr und dem Vorhange des Allerheiligsten. Mit einem Schritt über die Schwelle treten sie in das Innere, der gestirnte Himmel zieht mit seinem sanften Abglanz ihren ersten Ausblick an sich, ein heiliges Grauen umringt sie – eins sucht in dem feierlichen Halbdunkel – und drückt stillschweigend die Hand des andern. Stille Seufzer, die alles, ja mehr enthalten, als was Worte zur Verherrlichung Gottes auszusprechen vermögen, steigen als ein gemeinschaftliches Gebet aus ihren gleichgestimmten Herzen empor und beseligen sie; aber nach wenigen der Andacht gewidmeten Minuten steigt auch in ihnen der Wunsch auf, daß sie einander sehen – an die Brust schließen und die hohen, selbst durch ihre Größe drückenden Gefühle mitteilen möchten. Keine andere Leidenschaft beherrscht sie, als zu danken und anzubeten, und mit dieser Seelenruhe, bei welcher die Welt, ihre Herrlichkeit und ihre Freuden ihren Augen entschwanden – war dem Prinzen der Gang zu seiner Bestimmung beinahe gleichgültig geworden, und sie – indem beide sich anschickten, die Kapelle zu verlassen, ergab sich schon weniger scheu dem Willen der Vorsehung. Aber in diesem Augenblicke treten an allen Ecken kristallene und in Rosenöl brennende Lampen hervor und verbreiten ihr Licht auf jene Meisterstücke der Kunst, die so lebhaft, als wären sie erst diesen Abend fertig geworden, und in solcher Harmonie von der Wand strahlen, daß sie alle zugleich nur auf einen Punkt wirken. Stelle dir nun die großen, beleidigten, unschuldigen Augen vor, die so etwas nie gesehn – nie geahndet hatten. Sie prallen ab, wie sie hinfallen. Die auf das höchste Erschrockene staunt ihren Führer an, der selbst mit den schnellsten Gedanken seiner Überraschung nicht nachkommen kann, und so verlegen vor seiner Braut dasteht, als wenn er die Unartigkeiten aller seiner Ahnherren zu verantworten hätte. Aber wie ganz anders erscheint ihm zugleich seine Geliebte. – So hatte er sie nicht gekannt, so hätte er sie schwerlich in seinem Leben kennen gelernt. Ihre gepreßte Brust hebt sich und fängt ein paar köstliche Tränen auf, die dem Unmut der verwundeten Unschuld entwischen. Sie wagt es nicht noch einmal, zwischen die Lichter hinzublicken, und weiß doch auch nicht, wo sie mit ihren großen blauen Augen bleiben soll. Sie ringt nach einer Erklärung, die sie nicht zu fordern das Herz hat, und tausendmal schöner in der Angst ihrer Jugend, als sie es je in dem Zirkel des Hofs war, entwickelt sie in dem kurzen Zeitraum einer Minute mehr Physiognomie der Seele, als selten ein Fürst zu sehen bekommt, mit jenen feinen Übergängen und sanften Schattierungen, die uns ein Mädchen erst lieb machen, und die, glaube ich, in allen Paradebetten verloren gehen. Das Gedränge nie gefühlter Empfindungen nimmt auf das schnellste zu – die Füße wanken ihr wie einem gemeinen Mädchen, sie sieht nichts, woran sie sich halten kann, als den einzigen Sofa – der immer der beste Zufluchtsort auch für eine müde Prinzessin ist. Hier – dem Altare gegenüber, auf dem die Annalen des fürstlichen Hauses ausgebreitet dalagen – hier war es, wo der weise Stifter dieses Heiligtums sie erwartete, und hier kniete nun auch der entzückteste seiner Nachkommen, wie er es selbst sagt und ihm niemand abstreiten wird, vor seine Auserkorene nieder – wagt es erst kaum, ihre widerstrebenden Hände in die seinigen zu fassen – nennt ihren Unwillen gerecht – sucht ihren empörten Stolz zu besänftigen, und schiebt alles, wie er es mit Recht tun kann, auf seinen Stammvater. – Er würde außer sich sein, sagt er mit bebender Stimme, wenn das alte sonderbare Herkommen ihn um die Achtung seiner geliebtesten Prinzessin, und in demselben Augenblicke bringen sollte, wo er sie erst ganz zu verdienen gehofft hätte. – Kein Mensch, weder auf dieser noch jener Welt, würde ihn haben bewegen können, den zärtlichen Augen seiner einzig Geliebten so weh zu tun, wenn ihm nur im geringsten geahndet hätte, welch ein Kabinett die Haupturkunde seines Hauses verwahre. – Er müsse sich, fährt er fort, in Erstaunen verlieren, wenn er, die lange Reihe seiner Ahnen herunter – an alle die, bekanntermaßen so reizenden – unschuldigen – erhabenen und höchst vortrefflichen Fürstinnen dächte, die doch eine nach der andern sich dieser Probe der Angst hätten unterwerfen und ihren Namen als Landesmutter in dieser Kapelle verdienen müssen. – Nichts hätte sie wahrscheinlich dabei aufrecht erhalten und trösten können, als der Gedanke an das allgemeine Beste, dessen Erhaltung allein dieser Tempel geweiht sei. – Freilich, setzt er hinzu, wäre es auch wohl das erste Gesetz jedes gutdenkenden Fürstenkindes, ob man es gleich nur zu oft in Winkeln suchen müßte, wo man es nicht denken sollte. – –

Indem er alles dieses mit einer zärtlich stammelnden Stimme vorbringt, kann er sich zugleich an ihren scheuen Augen – an ihren holden Errötung – an der immer höher steigenden Empörung ihres blendenden Busens und an der schönen Unordnung nicht satt sehen, die durch so manche heftige Bewegung der beunruhigten Sittsamkeit unter ihren Spitzen und Bändern entstanden ist. Er leidet treulich mit ihr, und forscht, nach jedem Kusse, den er ihren zitternden Händen aufdrückt, in ihren Blicken, um wie viel Grade ihr Schrecken gesunken, und um wie viel sie schon gefaßter sei, einen neuen zu ertragen. Aber noch vergehen einige bange Minuten, ehe sich das Gute dieser Anstalt und der große Sinn zeigt, den der Stifter darein gelegt hat. Kaum aber haben die ebenso wahren als zärtlichen Vorstellungen ihrem belasteten Herzen die erste unmerkliche Erschütterung mitgeteilt – so rollt die ganze schwere Masse, wie ein Schiff, das vom Stapel gelassen wird, nur desto geschwinder – reißt alles mit sich fort, was es auf seinem Wege antrifft – und schwebt nun stolz zwischen Himmel und Erden. Sie sieht mit dem fröhlichsten Erstaunen – was sie nie erwarten konnte – sieht ihren Liebhaber in ihrem Gebieter. Die Drahtpuppe ist verschwunden – Sie bewegt jetzt selbst, was sie bewegt – Sie findet Geschmack an ihrer Rolle, und spielt sie vortrefflich. Kein Blick ihrer besänftigten Augen fällt auf den innigst gerührten schmachtenden Jüngling, der ihr nicht eine süße Empfindung – keiner fällt verhohlen an die Wand, der nicht eine kleine Belehrung mitbrächte. Ohne es zu wissen, ahmt sie die eigene Miene der furchtsam nachgebenden Psyche nach, die aus dem herrlichen Altarblatte auf sie herüberblickt – und mit welchem Feuer kehrt nicht sein Auge auf die ihrigen zurück, wenn es die Zeit einer halben Sekunde gewann, auf ein Gemälde aus Tizians Jugend zu gleiten, das ihm gerade vor den Augen über dem Sofa, seiner furchtsamen Prinzessin aber im Rücken hing, wie ihm Psyches Apotheose! Ach wie weiden sich beide an dem hohen und wahren Ausdrucke des Gefühls, das jedes in dem Herzen des andern zu erregen sich einbildet, ohne zu ahnden, wie viel sie davon dem Widerscheine der Kunst, die hier so schwesterlich der Natur die Hand reicht, zu verdanken haben! Gott segne ihren glücklichen Irrtum! Trunken von der Seligkeit ihres Daseins – erschüttert durch den Zauber dieser heiligen Stätte – zu Göttern verklärt durch das Feuer der Einbildungskraft – sinken sie staunend einander in die Arme – sinken in die Vergessenheit ihrer selbst. – Der Segen ihres großen Anherrn – das Wohl des Landes und das höchste Entzücken der Liebe schwebt über ihnen. Millionen Sphären rollen über den Häuptern der Glücklichen hin. – Sie mögen kommen – gehen – verschwinden – was kümmert es sie? Die Sterne, die lange über dem Sofa funkelten, stehen jetzt unter ihm – aber was fragen sie nach den Körpern des Himmels – ihrem Stande und ihrer Bewegung? Was sollten sie? Sind sie sich nicht selbst ein Universum? Aus der Zusammenkunft ihrer Planeten in dem schönsten Punkte des Tierkreises werden sich neue Epochen der Freude, neue Systeme der Liebe entwickeln, die in dem unermeßlichen Raume der Geister- und Körperwelt – unabhängiger und glorreicher als jene, ihre unbekannte Bahn beschreiben – durch Jahrtausende sich fortwälzen und dem lieblichen Genius der Erhaltung vorleuchten werden bis an das Ende der Tage. Umsonst arbeiten alle Wirbel und Kräfte der Schöpfung, schwingen, reiben und drücken sich, um aus dem Leben der Verherrlichten diese erste stolze Nacht zu verlöschen – Sie verlischt – aber das rührende Andenken derselben, mit allen ihren menschlichen Folgen, wird ihren Seelen unvertilgbar und den entferntesten Zeiten noch heilig sein.

Schon glänzen die Gebirge, die Täler und Hügel des Erdballs in den Strahlen der Morgenröte – der entzückte Prinz bemerkt ihr Farbenspiel nur an denen, die in seiner Herrschaft liegen und die ihm auf der ganzen Oberfläche der Natur die liebsten geworden sind. Von ihrem Horizont aus wirft er noch einen Seherblick in die Nachwelt – sieht sich glücklich eingereiht in die Mitte unzähliger Vorfahren – unzähliger Nachkommen, und der Wunsch seines Stammvaters ist in allen seinen Teilen erfüllt. Sein Kanzlei-Schreiben ist beantwortet, und dem Einsturze seines stolzen Gebäudes ist durch zwei neu angestellte, tüchtige Arbeiter vorgesehen, und die Anlage seiner Kapelle gegen allen Tadel gerechtfertigt. Sanft belastet von der Schwere ihres vielfältigen Glücks, reichen sich die Liebenden dankbar die Hände. Keines weiß, wer das andere besiegt hat. Arm in Arm treten sie an den Altar der Psyche – blättern bei dem Glanz ihrer Lampe in dem heiligen Stammbuche die Stelle auf, die es ihnen anweist, und setzen unter alle die Namen, die hier mit zitternden Händen geschrieben stehn – in auch nicht festern Zügen, den ihrigen. Ein herrliches Werk! an dessen Fortsetzung es jedem gutdenkenden Sohne dieses hohen Geschlechts eine Freude sein sollte zu arbeiten. Das glückliche Paar gibt sich das Wort, es gelegentlich durchzugehen – um – wie die wackere Prinzessin hinzusetzt, die Geschichte eines Hauses kennen zu lernen, in das sie so freundlich aufgenommen wurde. An der letzten Stufe der Kapelle geloben sie noch der schaffenden Natur ein Votiv-Gemälde, das selbst in einer solchen Sammlung der Aufbewahrung noch wert sei. Schwach – vielleicht zu schwach aus überschwenglicher Liebe, und unbegreiflich allen benachbarten Fürsten, wenn sie es erfahren sollten, übergibt der Held dieser fröhlichen Nacht an dem Ausgange des Tempels – seiner Gemahlin den goldenen Schlüssel zum Zeichen seiner ewigen Treue – ohne Furcht, daß sie ihn jemals verräumen oder verlieren werde, wie seine Frau Großmutter Liebden höchstseligen Andenkens.

Ein wohlverdienter Schlaf erwartet sie beide in dem weiten Umfange des Brautbetts, das unterdes nichts von seinen Fransen, nichts von seinem Ansehn verloren hat, und gegen das sich der einfache Sofa verstecken muß. Die Engel des Himmels wären ungerecht, wenn sie nicht gütig auf die Geweihten herunter blickten, die alles, was die Natur und die Kunst und was selbst das Geschwätz des Kapellans verlangt, das zu keinem von beiden gehört, auf das pünktlichste erfüllt und schon Vater und Mutter vergessen haben, ehe sie einschlafen. Mögen jene freundlichen Bilder ihnen im Traume vorschweben, unter deren Abglanze sie des Landes Wohlfahrt besorgten! Die ehrlichen Dichter und Prosaisten, die sich heute in diesem Tumulte der Sinne mit ihrem Krame bescheiden zurückzogen, werden schon zu einer gelegeneren Zeit ihre nicht minder wirksamen Dienste dem fürstlichen Hause anbieten, wenn der erste Eindruck der Farbenmalerei verraucht sein – und die ekle Seele sich nach Hülfe umsehen wird, um der größten Gefahr der Liebe – dem drohenden Überdrusse, zuvorzukommen.

Vielleicht, daß ein solcher Augenblick selbst mein armes Tagebuch aus seiner Dunkelheit hervorzieht, und ihm – Gott geb' es! – die Ehre verschafft, das Vehikulum einer Prinzessin, die meiner Margot gleich sieht, oder eines Prinzen zu werden, der meinen Haß gegen alle andern Rittertaten mit auf die Welt bringt, die nicht in das Gebiet der Menschheit gehören.

Du magst von dieser Kapelle und ihrem goldenen Schlüssel denken, was du willst, Eduard! ich wenigstens habe keine an irgendeinem Hofe gesehen, die philosophischer ausgedacht, und niedlicher angelegt wäre. Die Gemälde, die dieses Kunst- und Naturalienkabinett zieren, sind wohl nicht weniger zweckmäßig und selbstsprechend, als das Gastgebot des Storchs in dem Audienzgemache zu C–, das einem Gesandten, der nicht blind ist, gerade in die Augen fällt, wie er hinein tritt, und wohl eher als jene verursachen könnte, daß ein ehrlicher Mann in seinem Vortrage stecken bliebe. –

Sollte dich einmal der Zufall in diese dir etwas entlegene Gegend bringen, so bitte ich dich, Eduard, scheue den Umweg nicht von etlichen Meilen, um diesen Hof mit seiner alten Burg und seinem roten Turm – wäre es auch nur auf einen Mittag, zu besuchen. Ich würde dir keines andern wegen so etwas zumuten; aber bei diesem hier wäre es mir lieb. Du würdest nicht allein dich mit eigenen Augen überzeugen, wie gut dem alten Herrn sein Einfall gelungen ist, und könntest ihn bei Gelegenheit weiter empfehlen– sondern auch ich dürfte hoffentlich so viel dabei gewinnen, daß du nicht länger mit mir über meine malerischen Vorstellungen zanktest. Denn, wie wäre es wohl möglich, daß du nicht den tiefsten Respekt für die Kapelle, und nebenbei auch für mein Bilderkabinett, bekämest, da es ganz nach demselben Risse gebaut ist, wenn du einer der wunderschönen Prinzessinnen in der Nähe, oder zwischen einem Paar jungen, kraftvollen, freundlichen Herren zu sitzen kämest, die ihre frohe Existenz jener milden Stiftung verdanken, und für deren Erhaltung sie, als künftige Nutritoren derselben, schon durch ihr leichtes, ungezwungenes Betragen gutsagen. Diese, der Natur gleichsam abgestohlenen Kinder, gewähren jedem gesunden Auge den freudigsten Anblick. Sie schreiten in einer reinen Erbfolge, ehrlich, fest, und zufrieden mit sich und andern, durch die Zeit fort, ohne den Namen des entfernten Edeln zu beschimpfen, von welchem sie so weit herkommen: während in andern erlauchten Geschlechtern die animalischen Feuerteile ihrer Stammeltern so sehr unter dem Mantel der Etikette verraucht sind, daß die meisten Länder vor unserer Nase nur noch von Menschengestalten regiert werden, denen ein Frost über den Leib geht, wenn sie in ihrer Rüstkammer den offenen Helm betrachten, der das Haupt ihres Ahnherrn umgab – die nicht den Panzer zu bewegen vermögen, den sie ihren Vorfahren sehr bequem in dem angeborenen Wappen nachtragen. Wie können so ausgeartete Ritter dem Lande ein Ansehn geben, dem sie vorstehen? Wie können sie dem Geschlechte, das die Preise austeilt, und dem, zu ihrem Unglücke, die Folge der Zeit nichts von seinen hohen Erwartungen geraubt hat, nachkommen, ohne zu den unmännlichen Hülfsmitteln ihre Zuflucht zu nehmen, die, wie das Historienbuch sagt, schon viele in der Verzweiflung ihrer Mattherzigkeit ergriffen, ihren Schweiß auf Hasen-, Schwein- oder Hirschjagden verloren oder wohl gar, um Friede im Hause zu haben, den goldnen Schlüssel ihrer Frau Gemahlin in fürstlicher Rücksicht anvertrauten, daß wenigstens sie dafür sorgen würde, dem Lande, das sie nun einmal ihren Lehnsvettern mißgönnen, einen Beherrscher zu verschaffen, gesetzt auch, daß es ihm die Untertanen schon an den feurigen Augen, männlichen Gesichtszügen und festem Anstand ansehen, wie wenig es ihm nach allen göttlichen und menschlichen Rechten gebührt.

Sage mir, Eduard . . . Doch – Himmel und Hölle, was erblick' ich! Gott! Wie wird mir mein politisches Geschwätz eingetränkt werden. Das einzige Gespenst, vor dem ich mich fürchten kann – erscheint – hinkt über die Gasse, und kommt immer näher. Mit großen Augen begafft es jetzt meinen aufgepackten Wagen – und nun – ach! steigt es schauerlich die Treppe herauf. Mit einem Worte, die alte Bertilia ist zurück! Aber, um aller Barmherzigkeit willen! wo bleiben die Pferde? Wahrlich, ich glaube, sie müssen erst, samt ihrem Knechte, die Messe hören, ehe ihnen ihre Religion erlaubt, einen Ketzer weiter zu schaffen. Eduard! lieber Eduard! was sollte wohl aus mir werden, wenn die gelbsüchtige Tante nur die geringste Spur von meinem Besuche bei Klärchen – nur die Zerknitterung entdeckte, die während ihrer Abwesenheit das florne Halstuch ihrer Nichte erlitt, und mich nun die kleine betrogene Heilige, als eine zweite Delila, meinen Feinden verriete? – Oh, wenn doch nur diesmal die Postpferde kämen! Aber selbst Bastian, den ich nun zum drittenmale darnach geschickt habe, bleibt aus. Ich komme mir wie verraten und verkauft vor – – –

Es ist aus mit mir, Eduard! Die Tante – sie pocht an – die Feder entfällt mir.

*

Ich habe dir, bester Freund! von einer bitterbösen Stunde Rechenschaft zu geben, und ich kann es mit aller Bequemlichkeit tun; denn leider! ist es so weit mit mir gediehen, daß ich unter dem Verschlusse eines alten Weibes stehe, mit keinem Menschen, als vor der Hand noch mit dir, sprechen kann, und dem Hospitale so zweckwidrig versetzt bin, wie der heilige Engel unter dem Spiegel. Für heute ist weiter an keine Abreise zu denken, und manchmal will mir gar angst werden, daß man mich wohl bis zum Feste der heiligen Cäcilia, Gott weiß zu was für einer Zeremonie! inne behalten könne.

Das abscheuliche Weib! Sie trat höflich genug zu mir herein, und auch ihre Miene kam mir nicht widriger vor als gewöhnlich. Ich setzte ihr, mir gegenüber, einen Stuhl, und unser Gespräch begann: –

»Sie wollen uns schon verlassen, mein Herr, wie ich aus den Anstalten schließe?« – »Briefe aus Marseille, liebe Madam, nötigen mich dermalen zu einer geschwindern Abreise; doch denke ich, so Gott will, gegen den achtzehnten künftigen Monats wieder zurück zu sein. Wollten Sie mir wohl das Quartier auf diese Zeit aufheben?« – »Je, mein Herr – so wissen Sie denn auch schon von der merkwürdigen Feier dieses Festtages? Wissen Sie denn aber auch, wie unbegreiflich hoch die Mieten in der Stadt alsdann stehen?« – »Ich weiß es – aber der Preis tut nichts – was ein anderer geben kann, gebe ich auch.« – »Das wäre schon gut, mein Herr; aber ohne Rückfrage bei dem Herrn Propste kann und darf ich mich so weit hinaus auf nichts einlassen. Kann ich doch nicht wissen, was er mit dem Quartiere vorhat. Er kann es ja einem Freunde zugesagt, oder gar die Absicht haben, um Unruhe zu vermeiden, es leer stehen zu lassen. Sie wissen, er ist Vorsteher von dieser milden Stiftung; und da ist es wohl natürlich – –« – – »Oh sehr natürlich!« fiel ich ihr ungeduldig ins Wort. »Wenn ich nur begreifen könnte, wo meine Pferde so ewig lange bleiben!« – Sie wollte mich aber nicht verstehen. – »Es tut mir nur leid,« fuhr sie fort, »mein Herr, daß Sie gegenwärtig kaum das Vierteil Ihres Mietzinses abgesessen haben – –« – »Oh, ich bitte Sie, liebe Madam, einer solchen Kleinigkeit nicht zu erwähnen. Es kommt ja der Armut zugute – – –« und ich sah mit einem finstern Blicke nach meiner Uhr. – »Über diesen Punkt,« fing sie – und ich fing an: »Sagen Sie mir nur, ob die Post weit von hier ist? Ich tue wohl am klügsten, ich laufe selbst hin« – und ich stand zugleich auf. – »Unterbrechen Sie mich nur nicht immer, mein Herr,« antwortete das dumme Weib und erhob sich nun auch. »Über diesen Punkt«, sagte sie, »wären wir also einverstanden, mein Herr. Und um Sie nicht aufzuhalten, will ich nur noch flüchtig das kleine Inventarium durchgehen, das Sie im Gebrauch hatten – nur der Formalität wegen, da ich überzeugt bin, alles in Ordnung zu finden.«

Jetzt schoß mir das Blatt – Ich Unbesonnener! Wie war es möglich, daß mir nicht eher die Bücherschalen auffielen, die hinter dem Stuhle der Alten wie auf meine peinliche Anklage zu lauern schienen? Da ich das Weib, wie ich von Herzen gern getan hätte, nicht auf der Stelle blind machen konnte, so sah ich keine menschliche Möglichkeit, diese Beweise meiner Schuld beiseite zu schaffen. Konnte ich mich doch nicht einmal auf eine leidliche Verteidigung besinnen, gleich als ob alle und jede Sophistereien mit diesen verbrannten Schriften aus der Welt wären. – Sie setzte bedächtlich ihre Brille zurechte – besah den Spiegel, trotz dem Wiederscheine ihrer scheußlichen Figur, auf das genaueste – drehte den schlafenden Engel nach dem Lichte – breitete die tafftenen Fenstervorhänge auseinander – und da ich eben im Begriffe war, die Schweinshaut von meinem Koffer über das Corpus delicti zu werfen, drehte sie nun endlich ihre Drachenaugen auch dem Kamine zu.

Könnte man doch malen, wie man wollte! Aber ein altes Weib im Zorne gehört ja, glaube ich, zu den Dingen, die uns Horaz verbeut, auf die Bühne zu bringen. Du sollst also nur ihre Stimme hören, Eduard! und du wirst, denke ich, schon daran genug haben. Länger nicht als eine furchtbare Minute sah sie, noch sprachlos, bald auf mich, bald auf die ausgeschälten Bände, als ob sie an ihrer Besinnungskraft oder ihrer Brille zweifelte. Sie trat näher, rollte einen Blick der Verzweiflung über den teuern Aschenhaufen, hob einen Hornband des Sanchez in die Höhe – ließ ihn vor Entsetzen fallen, und stürzte nun selbst, wie wahnsinnig, und mit gefaltenen Händen daneben. Eine Furie, die den Höllengott anruft, kann keinen gräßlichern Anblick geben, als sie mir darstellte. Das Haar sträubte sich mir, und ich trat selbst mit einem Andachtsschauer zurück, als ihre Lefzen in Bewegung gerieten. Ich habe in meinem Leben nicht allein viele einfältige und zweckwidrige – nein, ich habe auch verdammliche und fluchende Gebete ausstoßen gehört; doch von der Zusammensetzung des ihrigen war mir noch keines zu Ohren gekommen. Im Anfange waren ihre Ausdrücke nur albern, wie etwa der Eingang mancher Kontroverspredigt. » Sancta trinitas!« schrie sie, » ora pro nobis! Rechnet mir, o ihr Heiligen und Märtyrer, die Missetat nicht zu, die ein Verächter eures Namens in diesem Gotteshause beging!« – Aber als ob sie damit nur das Recht errungen hätte, zu fluchen, knetete sie hinterher alles, was nur Gräuliches und Verworrenes in hundert Gebetbüchern verzettelt sein mag, zu einem Anathema wider mich zusammen, daß selbst, in Vergleichung dessen, die coena dominiSo heißt die aus Verwünschungen und Flüchen zusammengesetzte Schrift, welche seit Jahrhunderten alle Gründonnerstage in Gegenwart der Päpste, wider alle diejenigen verlesen wird, die sie mit dem Namen Ketzer beehren. Am Ende derselben wird eine brennende Fackel auf die Erde als Sinnbild des Bannstrahls geworfen, den sie im Geiste über die Andersdenkenden schleudern. Ein herzerhebendes Fest zu Rom! eine Höflichkeit sein würde – Gott bewahre mich, daß ich es ihr nachspreche.

Ich hörte ihr lange mit geduldigem Erstaunen, ja, wenn du willst, mit einer Art Bewunderung ihrer höllischen Beredsamkeit zu. Endlich aber, da ihr giftiger Ausfluß nicht nachließ – ihr Mund immer schäumender und ihre Augen flammender wurden – da sie mir entgegen donnerte, daß viele meinesgleichen in ihrem frommen Lande geringerer Verbrechen halber gerädert wären und den Raben am Bache zur Speise dienten – und mir der arme unschuldige Calas darüber einfiel – da überlief mir die Galle. – »Den Augenblick steh auf, und packe dich, du abscheuliches Weib, packe dich zu deinem Schandbalge von Nichte, damit ich dich nicht in der Asche des Otterngezüchts ersticke, das du beheulst.« – Und so lief ich, selbst ein wenig von ihrer Wut angesteckt, nach dem Schellenzuge, und stürmte nach Bastians Hülfe. – Aber indes ich, wie ein Narr, klingelte, war mir die Hexe entwischt; und ehe ich mich besann, warum ein Mensch, den man auf die Post geschickt hat, unmöglich zu Hause sein kann, hatte sie den Schlüssel abgezogen und die Türe von außen verschlossen. Ich mußte nun selbst einsehen, wie überlegen sie mir war, da meine Aufwallung von gerechtem Zorn mich blind gegen alle Nebenumstände machte, die mir hätten dienen können; sie hingegen, ungeachtet ihrer Wut, auch nicht die geringern Bosheiten aus der Acht ließ.

Dieser Auftritt, Eduard, hat mich ganz außer Fassung gebracht. Ich kann mich noch gar nicht recht in mein Verhältnis mit dem Hospitale hinein denken, und das pro und contra meines Falles abwägen. Freilich habe ich Bücher verbrannt, die einer milden Stiftung gehörten; aber, großer Gott! was waren es für Bücher! Verdient man wohl den Galgen, wenn man Gift stiehlt, um es in einen Abgrund zu werfen, damit es niemanden schade? Oh! gewiß verdient man ihn, wenn es Mörder sind, die uns richten. Das ist keine tröstliche Aussicht, und ich fürchte, – ich fürchte, man wird mir das Brandopfer eintränken, das ich dem Andenken des unsterblichen Rousseau gebracht habe.

Eben habe ich alle Türen des Vorsaals und des Hauses verschließen hören, und sehe nun Tante und Nichte – Gott mag wissen, nach welchem Gehülfen ihrer Bosheit – über die Gasse rennen. – Meinetwegen mögen sie alle Schöppen und Schergen der Stadt zusammentreiben! Ich will lieber, wie ein Mann von Erfahrung sagt, mit Löwen und Drachen kämpfen, als mit einem einzigen bösen Weibe. – Daß nichts Gutes für mich aus einer Konjunktion entstehen kann, die sich aus der Heimtücke des Alters und aus dem beleidigten Gefühle der Jugend, und zwar von da aus, gebildet hat, wo die Rachsucht am lebhaftesten und wie ein Kitzel wirkt – kann ich mir an den Fingern abzählen. Jener drückende Groll des frommen Mädchens, der kaum eine volle Stunde alt und von einer desto gefährlichern Beschaffenheit sein muß, je verdeckter er ist – wie wird er nicht der lauten Anklage der Tante bei den Beschützern des Rechts zustatten kommen, zu denen sie beide hineilen! Wie wird die fromme Sängerin mich die Beschimpfung nicht büßen lassen, die ich ihren Reizen und ihren Indulgenzen antat! Wie teuer werde ich alle die Kreuze bezahlen müssen, um die sie meine Ungeschicklichkeit brachte! Sie darf nur den Feuereifer ihrer würdigen Tante mit ein paar heuchlerischen Tränen unterstützen – darf, wenn ihr Rechtspatron in Gedanken da steht, nur den heiligen Nicaise ein wenig lüften, oder, wie sie es mir gemacht hat, durch einen pittoresken Faltenschlag ihres Florkleides das Auge des Richters fesseln, und ihn durch den tollsten aller Kettenschlüsse verleiten, Beweise von Unschuld dahinter zu suchen; so wird ihm mein Vergehen gegen Gott und seine Kirche so einleuchtend und strafwürdig vorkommen, als es die Alte verlangt. – O, du betrügerisches Geschlecht! Warum hüllte dich die Natur in jene blendende Decke, die alle und jede Nachforschung nach deiner wahren Gestalt vereitelt? Warum verlarvte sie deine Abscheulichkeit mit Reizen, die auch den hellsehendsten Mann überlisten? und ach! warum ließ sie nur einen Weg zu jenem verflochtenen Labyrinthe deines Herzens? Wie ganz anders würden nicht jetzt meine Aktien stehen, wenn ich – – – Doch warum sollte ich mich noch strafbarer aus Klärchens Kammer zurück wünschen, als ich sie, Gott sei Dank! verlassen habe? Um des verächtlichen Vorteils willen, bei dem Widerspruche meines Gewissens, in den Augen solcher Menschen, als ein Mann von Ehre, feiner Lebensart und als einer zu gelten, der es so ganz wert sei, ihrer Religion anzugehören?

Ich trenne mich ungern von dir, mein Eduard, aber die Klugheit verlangt es. Wenn zwei Weiber wider einen Mann im Aufruhr sind bleibt ihm wohl nichts Nötigeres zu tun übrig, als auf alle mögliche Mittel zu sinnen, ihrem unermüdeten Hasse entgegen zu arbeiten, ehe er sich noch durch andere Leidenschaften, die ihnen immer bei der Hand sind, verstärke, und es zu spät wird. Ich hoffe schon noch Zeit zu finden, mit dir fortzuplaudern, wenn ich nur erst über meine Verteidigungsanstalten mit mir selbst einig sein werde. Möchte doch der folgende Tag – denn der laufende ist schon wirklich zu kurz dazu – hinreichen, alle meine heutigen Morgentorheiten, wo nicht wieder gut, doch unschädlich zu machen!– Wahrlich, Eduard, heute vor acht Tagen konnte ich mir nicht träumen lassen, daß ich meine erste Neujahrswoche mit so einem Wunsche endigen würde.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.