Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Moritz August von Thümmel >

Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
Schließen

Navigation:

Weißt du, von woher ich zurückkomme? Ich habe dem gesegneten Andenken des vortrefflichen Rousseau, das ich vor einer Stunde so grausam beleidigte, mein Versöhnungsopfer gebracht; habe alle die teuflischen kasuistischen Bücher meiner Schlafkammer vertilgt, die mich, großer Gott! der Versuchung so nahe brachten, ein Jesuit zu werden. Von dem Traktat an de probilitate bis zum Sanchez de matrimonio – von siebenzehn Büchern, mit denen ich in nähere Bekanntschaft geraten war, ist nichts übrig, als die leeren Hornbände und das einzelne Blatt aus der Legende der heiligen Klara, das den großen Beweis der Dreieinigkeit enthält und das mir noch beifiel, aus dem Feuer zu retten, um es als einen Beleg meiner Erzählung zu gebrauchen, als das Buch schon lichterloh brannte. Alles übrige ist vom Feuer verzehrt. Der Scheiterhaufen dieser unseligen Werke brannte gerade unter der Büste jenes unsterblichen Schriftstellers – Die emporrollende Flamme rötete, je mehr sie sich in dem Kamine verbreitete, sein blasses Gesicht, das, wie vom Feuer der Tugend belebt, auf mich herabblickte. Ich glaubte in seinen ernsten Mienen die höchste Mißbilligung meines Leichtsinns zu lesen, und schamhafte Reue über die Verirrungen meiner verlockten Sinne färbte nun meine Wangen . . .

Die Pferde wollen noch nicht kommen, und doch hätte ich so gern diese häßliche Geschichte hinter mir, an die mich hier alles auf das unangenehmste erinnert, von der glimmenden Asche an in meinem Kamine, bis zu den leeren Bänden, die, wie Schlangen- und Krokodillen-Bälge, daneben liegen. – Jawohl, jawohl, lieber Eduard, ist es ist eine häßliche Geschichte! Was würde aus meinem guten Rufe werden, wenn sie durch deine Nachlässigkeit oder deinen Mutwillen bekannt würde! Laß mich, ehe ich Avignon verlasse, darüber noch erst Abrede mit dir nehmen. Suche es auf allen Fall – ich rede jetzt ernsthaft mit dir, lieber Freund – wenigstens zu vermitteln, daß mich die letztvergangene unglückliche Stunde nicht zu sehr in dem guten Zutrauen unserer Damen zurücksetze. Gib den ganzen Handel für ein Spiegelgefecht meiner luxuriösen Einbildungskraft – für eine launige Spötterei über die falsche Glorie menschlicher Tugend aus. Und wenn das auch nicht verfangen will, so gehe nur den jetzt so gewöhnlichen Weg, der selten fehlschlägt, und mache, wenn von meinem Falle gesprochen wird, eine geheimnisvolle Miene dazu! Was gilt's, man übersieht alsdann die Wahrheit, und sucht nun hinter meinen Nuditäten versteckte Prophezeiungen, wie man sie in dem hohen Liede sucht . . .

Du räusperst dich, Eduard, winkst mir inne zuhalten, und die Lust des Widerspruchs schwebt dir um den Mund. Gut! Meine Pferde sind noch nicht da, meine Tinte ist fließend, und Papier und Federn liegen noch auf dem Tische. Das schreckt dich nicht, ich weiß es; so laß denn hören! – »Wenn du glaubst,« hebst du trocken an, »mit allen deinen Tadlern ebenso gut fertig zu sein als mit mir,« wie ich denn das wirklich geglaubt habe, »so tut es mir leid um deinen schönen Traum. Solange dem Tagebuch nur unter uns, und, wie so viele andere Schreibereien der Welt, nur Manuskript unter Freunden bleibt, oh! da verlohnt es sich freilich nicht der Mühe, viel Aufhebens davon zu machen. Nimmst du aber den pro securitate publica so bedenklichen Fall an, daß die Gemälde deiner Unsittlichkeit zu der Ehre einer öffentlichen Ausstellung gelangen, so wäre ich wohl neugierig, das Bedürfnis zu erfahren, das euch leichtsinnige Schriftsteller berechtigen könnte, eine Leidenschaft zu spornen, die wir ohnehin Not genug haben im Zaume zu halten.« – Das klingt nun sehr systematisch – sehr ernsthaft, und hat mir Mühe gekostet herzuschreiben. – Aber mache mich nicht böse, Eduard! sonst verschaffe ich dir zur verdienten Antwort einen Anblick, dessen du gewiß gern überhoben sein würdest, rufe dir mehr bleichsüchtige Mädchen in meinem Hörsaale zusammen, als du übersehen kannst, und lege dir jenes Bedürfnis, an dessen Dasein du zweifelst, so zergliedert vor, daß du froh sein sollst, wenn nur ich das Maul halte. Gehe ehrlicher mit mir zu Werke, guter Freund! Verstecke deine gesunden Augen nicht immer hinter die Blenden deiner Bücher, und ziehe erst, ehe du mit mir rechtest, den schleichenden, unnatürlichen, unmännlichen Gang in gehörige Betrachtung, den die schönste aller Leidenschaften in einem Zeitalter nimmt, das in so vielen Rücksichten nur von ihr seine einzige Hülfe erwartet. Sage mir auf dein Gewissen, Eduard, ob man es einem Schriftsteller, der nur einigermaßen hoffen darf in gute Häuser zu kommen – ob man, anstatt ihn zu tadeln, es ihm nicht als ein Verdienst anrechnen sollte, wenn er das Herz faßt, Mädchenliebe zu predigen, und sie mit so lebhaften Farben zu schildern sucht, als diese Art Malerei nur vertragen kann. Mag meinetwegen ein künftiges tugendbelobteres Jahrhundert meine armen Schriften zum Scheiterhaufen verdammen! Ich habe nicht das Geringste dagegen; wenn sie nur vor der Hand in dem großen Magazine notwendiger Übel geduldet werden. Das ist doch weiter keine zu vornehme Anmaßung, die mir Mißgunst zuziehen und nur jemanden in Angst setzen sollte, daß ich mir damit ein Ämtchen zu erschreiben gedächte, auf das er selbst Anspruch macht. Was könnte es denn für eins sein, als höchstens das eines Pestpredigers? das mühseligste in der ganzen Republik – ohne Rang, ohne Sporteln, und zu dem sich, schon seiner Gefahr wegen, nur wenig Kandidaten melden. Man gönne es mir doch! Das Ministerium kann ja die Stelle wieder einziehen, wenn sie überflüssig geworden und die Seuche vorbei ist. Auch kann meinethalben die Nachwelt die Arzneien, die ich mir jetzt, sogar während der Kirche, kein Gewissen machen darf unter die armen Preßhaften zu verteilen, als unnütze, verdorbene Ware zu den übrigen Exkrementen unsers Jahrhunderts werfen; leisten sie nur gegenwärtig eine solche Nothülfe, wie sie ungefähr geschickte Ärzte von einem Scharlachfieber bei Kranken erwarten, die an einer hartnäckigen Fühllosigkeit darnieder liegen. So würde auch ich bei denen, die ich in der Kur habe, es schon für ein gutes Symptom halten, wenn meine Umschläge ihre verschrobene Einbildungskraft nur erst so weit wieder in Ordnung brächten, daß ihnen die gewöhnliche Hausmannskost nicht länger widerstände, die Schönheit und Natur der Genügsamkeit darreicht. Könnten sich auch die Mattherzigen nicht sofort bis zu jener Stärke eines reinen Gefühls erheben, daß sie an der Unbefangenheit und Unschuld meiner Margot und an den ebenso einfachen als gesunden Gerichten Geschmack fänden, die sie ihren bessern Bekannten vorsetzt, so wäre es einstweilen schon gut, wenn der Heißhunger sie nur in den ersten besten Gasthof triebe, wie zum Beispiel der zum schwarzen Kreuze ist, von dem ich selbst eben zurückkomme, und wo sich schon einer sättigen kann, der nicht an gar zu feine Ragouts gewöhnt ist.

Ich sehe, Eduard, du zuckst die Achseln, drehst dich seufzend von mir und glaubst mir in deine Bibliothek zu entwischen; aber den Weg dahin kenne ich auch, und es ist heute wohl nicht das erstemal, daß ich dir bis vor deinen Arbeitstisch nachschleiche. Du hast hier noch immer, wie ich sehe, um deinen globum terrestrem sehr disparate Dinge herliegen: Landkarten und Zeitungen neben Garvens meisterhaften Versuchen – Smith über den Nationalreichtum neben Archenholz' Siebenjährigem Kriege – hier sogar Lavaters geheimes Tagebuch über dem meinigen – alles so bunt untereinander, wie in der Welt selbst. Die Sachen, sagst du, haben sich hier zusammengefunden, wie ich sie nach Maßgabe meiner Laune gebraucht habe, ohne daß sie unter sich selbst weiter etwas gemein hätten. Das ist zu glauben, lieber Eduard, und insoweit mag auch wohl eins so viel Recht auf seinen Platz haben als das andere. Indes hätte ich wohl die Grille, daß ich genau wissen möchte, was ein Schächer, wie ich, unter einer so gelehrten Gesellschaft allenfalls für einen behaupten könne, wenn hier nur das Verdienst um die Welt den Rang bestimmte. Schiebe nur mein unglückliches Tagebuch her – ich bin darin doch am meisten belesen, und muß am besten wissen, wo seine Stärke und Schwäche liegt. – Was hast du mir nun aus dem Haufen, den ich dir lasse, entgegenzusetzen, um mich zu demütigen? Jenen Moralisten dort? Oh! streiche ihm nur ein wenig seine Runzeln, mir aber meine struppigen Haare aus dem Gesichte, und du wirst zu deiner Verwunderung eine gewisse Gleichheit der Verwandtschaft entdecken, die mich dir um vieles erträglicher machen – die mehr als alles dich aufmuntern wird, mich gegen diejenigen in Schutz zu nehmen, die mir so gern die Titel meiner Herkunft abstreiten möchten.

Um dir die Sache zu erleichtern, so breite, mit Beihülfe unsers Archenholz, nur deine Landkarten und Zeitungen auseinander, und halte nun die Kinderspiele meiner Phantasie, wie ich sie dir zureiche, gegen die Ritterspiele der Großen – meine nackenden Gemälde gegen ihre blutigen Bataillen-Stücke, und irre mit philosophischem Auge von den einen zu den andern. Ich lasse dir Zeit, Freund, und verlange nicht, daß du mir eher gewissenhaft erklären sollst, welche von beiden du für verdienstlicher hältst, als bis du ihren verschiedenen Eindruck auf das menschliche Herz mit deinem vorigen strengen Urteile verglichen und im Angesicht deines Globens genau erwogen hast, auf welche Seite der Gemälde sich das bürgerliche Wohl, das häusliche Glück und das System der so grausam verfolgten Bevölkerung am meisten hinneigt.

Ich will dich nicht weiter in deinen stillen Betrachtungen stören. Aber o könnte ich nur meiner Feder jene elektrische Kraft mitteilen, die mir . . . in Klärchens Kammer versagte: wie herzhaft wollte ich sie gegen die physischen und moralischen Verirrungen, die man so ehrbar mit dem Ansehn eines Plato und mit dem Mantel des Sokrates zu bedecken glaubt, und gegen die politischen Greuel schärfen, mit denen zusammen ein Geist des Verderbens den fröhlichen Genius der Erhaltung verfolgt! Ich wollte den Jünglingen männlichere Neigungen, den Mädchen wirksamere Lockungen und den Zepterträgern Menschlichkeit anschwatzen, und die lachendsten Phantasien der Liebe zum Beitritt aufbieten, um alle mordlüstige Gedanken von unserm freundlichen Erdstrich zu scheuchen und seine allgemeine Trauer zu heben. Echte Philosophen, und ihr besonders würdet es mir verdanken, ihr guten, tugendhaft schmachtenden und verlassenen Töchter meines Vaterlandes. Ihr würdet, sittsam errötend, mir selbst den schlüpfrigsten Umweg vergeben, wenn ich ihn, da beinahe alle gebahnten Straßen der Natur entzogen sind, mit einigem Glück einschlüge, um euch zu euern Rechten zu verhelfen und die verwilderten, ehescheuen und verblendeten Überläufer meines Geschlechts durch gute Worte wieder in euern sanften Sprengel zurückzuführen; auf daß eure wahre Bestimmung zu ihrer verlorenen Ehre gelange, auf daß die Freude, die ihr zu erwecken geschaffen seid, ehrlicher und ritterlicher benutzt und, statt der Dornen und Disteln eines Schlachtfeldes, das hohe mütterliche Gefühl auf euern rosigen Wangen entwickelt werde, das ihr Schuldlosen in einer Bleichsucht ersticken müßt, die laut wider die Tyrannen der Welt, laut wider die Verächter eurer Reize um Rache schreit. Könnte ich durch rührende Darstellung aller der entzückenden Augenblicke, mit denen eure Sanftmut und eure Launen – eure Stärke und eure Schwäche – eure Schmeicheleien und eure lehrreichen, sanften Strafen, mir das Leben erheitert und meine Besserung bewirkt haben – mein abtrünniges Geschlecht zum Anschmiegen an das eurige wieder beilocken – bei Gott! ich wollte mich keines wollüstigen Bildes schämen, das mir selbst die Tugend erlauben würde, zu dieser guten Absicht von euren geheimsten Reizen zu borgen; ich würde noch beim Austritt aus diesem jammervollen Planeten mit väterlicher Zufriedenheit auf die anwachsende Nachkommenschaft hinblicken, die ich mir schmeicheln dürfte, zum Genuß besserer Zeiten erschrieben zu haben. – Sollte sich in der auserwählten Schar dieser Abkömmlinge einer befeuerten Liebe ein und der andere Fürstensohn befinden, so wünsche ich ihm zu dem seltenen Umstande seines Daseins Glück. Seine bürgerliche Stammhaftigkeit übernehme meine Verteidigung in dem Zirkel seiner Innung, in den Schlössern der Großen, die sich zu vornehm dünken, der Natur und der Einbildungskraft etwas schuldig zu werden.

Scheint dir dieser Glückwunsch nicht mit jenem Abscheu zu reimen, den ich vorhin gegen die blutdürstige Kaste geäußert habe, die über uns herrscht, so hast du zwar nicht ganz Unrecht: wenige aus ihrem Mittel – du siehst, daß ich billig bin – verdienen es, daß ein gutes Herz sich ihrer Fortdauer annimmt. Da sie denn aber nun einmal da sind, wäre doch wenigstens zu wünschen, daß sie nicht gleich in ihrer Geburt verunglückten, indem unsere demütige Lage nur desto schimpflicher wird, je krüppeliger sie selbst sind. Das ist so wahr, daß ich es damit wohl könnte bewenden lassen; aber, um es dir offenherzig zu gestehen, ist es doch nicht die eigentliche Ursache des Absprungs meiner Ideen. Daran war wahrlich nur eine kleine Anekdote schuld, die mir nach einer ganz andern Verwandtschaft von Begriffen eben beifiel. Ich würde sie als einen überflüssigen Beleg nicht einmal der Mühe wert halten meinen vorhergegangenen anzuhängen, nähme ich in dieser ungeduldigen Stunde nicht selbst nur zu gern alles mit, was mich, bei dem ewigen Außenbleiben meiner Pferde, nur im mindesten zu zerstreuen vermöchte. Zudem kann man auch nicht wissen, ob nicht mein Geschichtchen recht gut bei dir angewendet sei. Deine Verdienste werden dich doch über lang oder kurz an das Ruder eines Staats bringen. Zufällig könnte es ja wohl eins sein, das aus seinem natürlichen Schwung und bloß aus der Ursache gekommen wäre, weil kein Mensch den Verstand hatte, es darin zu erhalten. Meine Erzählung liefert nun, wie du sehen wirst, eine recht gute praktische Anweisung hierzu.

Sie ist nicht, wie so viele andere, die von Höfen in Umlauf und nichts weniger als bewiesen sind, aus der Luft gegriffen. Nein, guter Freund, die meine ist aus Quellen geschöpft, wie sie wohl selten einem Geschichtschreiber zu Gebote stehen. Ich wüßte zugleich keine auszutreiben, die, ihren belehrenden Inhalt ungerechnet, geschickter wäre, mich über meine gegenwärtige drückende Lage zu erheben. Welche wohltätige Eigenschaft der Seele ist doch eine lebhafte Erinnerung! Ein einziger Rückblick, den ich über ein paar Dutzend verflossene Jahre werfen muß, um auf den Zeitpunkt der Begebenheit, um auf die schöne Nebenrolle zu kommen, die ich dabei zu spielen das Glück hatte, wie freundlich tröstet er mich über meine mißlungene auf jenem bezauberten Sofa, den ich, übelgelaunter als je einen, eben verließ. Mögen meinetwegen die Postpferde bis in die sinkende Nacht ausbleiben, ich habe Zeitvertreib genug für mich und meine Feder gefunden. Es war ein gewisser, Gott weiß warum? verabschiedeter Kammerherr, eben des Hofs, von dem die Rede ist, der mich zuerst auf die Spur brachte. Er hatte aus seinem politischen Schiffbruche nichts weiter gerettet als eine mäßige Pension, die er in unserm wohlfeilen akademischen Landstädtchen verzehrte – einen ironischen Zug um seinen zahnlosen Mund und eine ganz eigene verblümte Sprache, wenn ihm, als einem alten Praktikus, die Laune ankam, meine Träume von dem Glück und den Sitten der großen Welt zu berichtigen. –

Gewohnt, mich wöchentlich zweimal zu besuchen, um lieber in meinem freundlichen Gartensaale als unter den Tabakswolken des lärmigen Kaffeehauses die Zeitungen zu lesen, fand er mich auch eines Abends, ein Blatt davon in der Hand, setzte sich mit dem andern, das auf meinem Tische lag, in eine Ecke am Fenster, und »hören Sie,« – rief er mir bald nachher zu – »was mir hier für eine unerwartete Neuigkeit, mit Schwabacher Schrift gedruckt, in die Augen leuchtet. Nächsten Sonntag vermählt sich unser Erbprinz mit der Durchlauchtigsten Tochter des benachbarten Fürsten. Das ist doch wieder eine der Ehen, wie sie nur in diesem hohen Hause geraten und gedeihen – ein Kinderspiel, wenn Sie wollen, voll grillenhafter Mysterien mit denen Ihnen sonder Zweifel Ihre Herren Professoren der Statistik und Geschichte schon längst den Mund gewässert hätten, wenn es nicht eben Mysterien wären, die aber ihren wohltätigen Einfluß auf das Ganze, so gut wie das Geheimnis der Freimaurer, von einem Jahrhunderte zum andern, durch eine ununterbrochene Stufenfolge braver Regenten bewährt haben. Alle Vasallen haben Gott anzurufen, daß er auch gegenwärtiger Verbindung gleichen Segen erteile, und auch Sie, junger Herr, könnten deswegen künftigen Sonntag schon ein Vaterunser mehr beten. Denn sehen Sie, wenn Ihr alter Hagestolz von Oheim in die andere Welt geht, und Sie nun, Freundchen, in der unsern an die Stelle eines Sohnes treten, den er, als ein ungeschickter Steuermann auf dem schwarzen Meere einer wilden Ehe, gleichsam über Bord warf – und Sie nun seine beiden schönen Rittergüter erkapern, die Ihnen das Standrecht unserer lieben ungerechten Lehnsverfassung zuspricht, – haben Sie es da nicht für einen doppelten glücklichen Zufall anzusehen, daß solche in dem herrlichen Gebiet unsers angebornen Beherrschers liegen – und wäre es nicht für Sie so traurig als für alle und jede im Lande, wenn dieselbe Sünde, die Ihr abgelebter Vetter an seinem eigenen Fleische und ritterlichen Blute beging, und die ihm jetzt, wenn er Sie ansieht, aufs peinlichste am Herzen naget; – wenn, sage ich, ein gleicher oder ähnlicher widersinnlicher Verstoß gegen die Ordnung, die im schönsten Flor prangenden und vom ersten Stamme bis zu dem jetzt aufblühenden Sprößling treu erhaltenen Besitzungen unsers Fürsten unter seine saubern, mit Schulden und Lastern beladenen Herren Erbverbrüderten versplitterte, vor deren Regierung uns Gott in Gnaden bewahren möge. Sie, lieber Wilhelm, haben freilich gut lachen, ich verdenk's Ihnen auch nicht, aber noch weniger kann ich es einem bemittelten Manne verdenken, wenn er allen lachenden Erben, die oft schon von weitem nach seinem offenen Torweg schielen, so früh als möglich einen Riegel vorschiebt, wie den Hausdieben. Vor unserm Erbprinzen, der sich schon gegen solche Laurer in Positur setzen wird, ist mir nicht bange, desto mehr aber für seine junge Gefährtin, die ich schon im Geiste bei ihrer Einweihung in jene Mysterien Augen machen sehe, wie groß!« Auf mein hingeworfenes Warum? rückte er seinen Stuhl näher. Wir sind allein, dämpfte er seine Stimme, – und Sie geben mir die Hand, daß Sie schweigen wollen. – Ich versprach's; es ist aber so lange her, daß ich wohl, ohne Nachteil des längst begrasten Erzählers, mein Ehrenwort brechen kann. Auf der linken Seite der Burg, zischelte er mir ins Ohr, erhebt sich, wie angeklebt, ein uralter roter Turm, dem es von außen kein Mensch ansieht, was er alles enthält. Der obere Stock ist zu einer Art Kapelle eingerichtet, die an ein großes Schlafzimmer mit einem mächtigen antiken Paradebett stößt. Den untern Raum bewohnt, umringt mit allerlei Hexengeräten, eine vermaledeite Zigeunerin, von der ich Ihnen aus eigener Erfahrung tausend heimtückische Streiche erzählen könnte. Man beehrt sie allgemein mit dem Titel der klugen Frau, doch nicht bloß deshalb, weil ihre gelbsüchtigen Augen manches entdecken und verraten, wobei die duldsame Oberhofmeisterin die ihrigen zudrückt, auch nicht darum, weil sie aus der Ehren- und Lebenslinie einer Jungfrauenhand Romane schneidet, als man deren so abenteuerlich keine in unsern Buchläden findet, auch ebensowenig des ziemlich zweifelhaften Talents wegen, aus den Kankergespinsten, die ihr zu Gesichte kommen, Hitze oder Kälte bestimmter vorauszusagen, als ein florentinisches Wetterglas; – sondern weil das abergläubische Volk als gewiß voraussetzt, der allsehende Gott befördere zu dem schlüpfrigen Posten, in den sie durch den Tod ihrer Base und Vorgängerin vor vierzig Jahren gerückt ist, immer nur eine kluge Frau, die am Schlusse eines so wichtigen Tages, als übermorgen, den Einfluß, den er auf das Schicksal des Landes haben werde, so klar wie in einem Kristall vorhersähe. – Was, dachte ich, wird aus diesem Windeie seiner Einleitung wohl für ein Molch herauskriechen? – schlug die Arme ineinander und spitzte die Ohren.

Ob nun schon, fuhr er mit dogmatischer Weitläuftigkeit fort, dies heilige Amt, wie die Erbämter bei Kaiserkrönungen, nicht eher etwas gilt, als bis es, hier ein häusliches – dort ein politisches Bedürfnis, das vielen oft nur zu lange ausbleibt, auf eine kurze Zeit in Tätigkeit setzet; so wird es ihr demungeachtet von allen unsern Staatsdienern beneidet, die Sinn für das Schöne und gesunde Augen im Kopf haben – und zwar nicht ohne Grund; denn es verhilft dieser sogenannten klugen Frau nun schon, seit sie die Kapelle besorgt, künftigen Sonntag zum drittenmal zu einer Augenweide, für die wohl gern ein römischer Augur, dem, wie Sie wissen, nur oblag, sich in den Gedärmen der Opfertiere zu bespiegeln, die seine vertauscht haben würde. – Und zwar steigt sie aus ihrem Raupenstand in derselben Stunde zu dieser Ehre empor, wo die kleine Adamstochter, bloß wie ein Nebelstern, zu der Warte des Günstlings im Aufsteigen ist, dessen Nächte sie erleuchten soll, ohne zu wissen, wie? denn ich traue der lieblichen Unbefangenen zu, daß ihr die Rolle, die sie spielen soll, ebenso fremd ist, wie sie es der Tochter des Roi bien faisant, als Braut eines in allen und jeden Regierungsgeschäften unwissenden königlichen Neulings, gewesen sein würde, wäre nicht noch zur rechten Zeit die dienstfertige Marquise de Prie beiden in ihrer artigen Unwissenheit zu Hülfe gekommen. –

»Lieber Kammerherr,« unterbrach ich ihn hier, »ich will ein Schelm sein, wenn ich ein Wort von Ihren gelehrten Anspielungen verstehe.« –

»Nun dann, um Ihnen verständlicher zu werden,« erwiderte er, »darf ich Sie nur ganz kurz von einem in dieser Familie seit der Ritterzeit bestehenden Hausgesetze unterrichten, so unerhört es auch in andern erlauchten Häusern sein mag. – Es verbindet nicht nur jeden Erben des Fürstentums, wie es dermalen auch unsern sechzehnjährigen verband, seine zur Erhaltung, des edeln Stammes benötigte Gehülfin weder auf Messen, Hofbällen, noch in andern Festivitäten, mit einem Worte, nirgends anderwärts aufzusuchen, als allein in den Zwingern der Kinderstuben. Was aber beinahe noch auffallender ist, so legt es zugleich jeder nach der Vorschrift erwählten jugendlichen Schönen die unerläßliche Pflicht auf, ehe sie den letzten Schritt tun darf, der ihre, bereits durch die Beistimmung der Eltern, durch die Eheberedung, den Ring am Finger und den priesterlichen Segen erlangten Ansprüche auf ihren Verlobten bestätiget, ihre, wie soll ich mich doch bescheiden genug ausdrücken – ihre eigentümlich angeborne Ausstattung den prüfenden Blicken der geheimen Güterbeschauerin zu unterwerfen, die zu der Zeit eben hierzu angestellt und verpflichtet sein wird. – Nach genauer Wahrnehmung alles dessen, was etwa wahrzunehmen ist und wovon der begaffte Gegenstand oft selbst keine Silbe weiß, hat so ein Weib das Recht, zu beurteilen, ob es dem künftigen Mitbesitzer gnügen werde oder nicht. – Nun kann ich mir lebhaft vorstellen, wie in der Geisterstunde des nächsten Sonntags unsere alberne Pythonissin, auf ihrem mit Kerzen umleuchteten Dreifuß, gleich jenem bis in den dritten Himmel entzückten Apostel, der unaussprechliche Dinge sah, die vor ihm noch kein Auge gesehen und von denen kein Ohr gehört hatte, sich von der einen Seite wie eine Närrin brüsten, von der andern aber ebenso gewiß wie ein höllischer Geist erzittern wird, wenn ihm ein heiliger Engel in seinem ätherischen Glanze erschiene. Mit welchem ungleich reineren Anschauen und männlichern Nachdenken würden nicht bei so einer Gelegenheit die Augen eines Philosophen dem hohen Berufe weiblicher Schönheit bis auf den kleinsten zwar, aber in dem großen Brennspiegel der Natur wirksamsten Fünkchen nachspüren! Wie würde die Betrachtung Seelen, wie die eines Haller, Büffon und Harvey erschüttern, daß der Schöpfer und Regierer unzähliger Welten, die Erhaltung der unsrigen einem kaum merkbaren Atom übertrug und in seiner Dämmerung den Zunder verbarg, der die erloschenen Menschengeschlechter zu neuem Aufleben wieder anzufachen und, ohne es selbst zu ahnden, alle Jahrhunderte zu einer ewigen Fortdauer aneinander zu reihen geschickt ist. Und einer elenden, unverständigen Dienstmagd, die, wenn das Glück gut ist, höchstens aus seiner Strahlenbrechung, wie aus dem flatternden Gewebe ihrer Spinnen, nur gemeine Tageserscheinungen zu folgern weiß, konnte ein abgeschmacktes Herkommen, ohne Zuziehung, wenn auch nicht des dabei am meisten interessierten Teils, doch wenigstens eines Landes-Deputierten, die richterliche Gewalt einräumen, unwidersprechlich zu entscheiden – (Pardon! junger Herr, wenn ich aus Ehrfurcht gegen eine angehende Landesmutter den Schleier der Allegorie über die heiligen Urkunden werfe) – ob dem himmlischen Meteor schon in der laufenden Stunde oder erst nach mehrern Mondwechseln oder gar nicht der Eintritt in den ehelichen Tierkreis zu gestatten sei. Während der nächtlichen Beleuchtung dieses Zweifelknotens betet für dessen fröhliche Auflösung der Hofkapellan zu Bekräftigung seines am Traualtare darauf abgezielten Segens. Auch die geheimen Staatsräte bleiben in dieser mystischen Nacht in banger Erwartung solange versammelt, bis ihnen eine Botschaft der wachthabenden Fee aus ihrem Schlupfwinkel kund tut: »Das allsehende Auge der Vorsehung habe die prophetische Sehkraft der ihrigen vollkommen gerechtfertiget. Die Herren könnten nun getrost auseinander und schlafen gehen; ihre politischen Hoffnungen wären durch den schönsten Erfolg gekrönt.«

Und wie der Pöbel zu Neapel in Staatsbedrängnissen vor den Pforten des Tempels, der das Wunder seines Aberglaubens – das verdickte Märtyrerblut des heiligen Januarius – in einer goldnen Kapsel verwahrt, kniend der Ankündigung des Prälaten entgegenharret, daß seine Fürbitte bei Gott es endlich zum Fließen gebracht habe; – so belagert auch hier der unruhige Volkshaufe die geheimnisvolle Burg so lange, bis die Turmwächterin zum Zeichen, daß die Wohlfahrt ihres Landes fester als die so vieler andern gegründet und das altweltfürstliche Haus durch einen neuen Tragbalken vor seinem Einsturze gesichert sei – zu ihrem Fensterladen eine brennende Laterne aushängt. – Sie können wohl denken, mein Herr, wie der allgemeine unerträgliche Lärmen beiderlei Geschlechts, den die Gauklerin so gewiß wieder als die vorigen beiden Male, wo es meine eigenen Ohren empfanden, in der Residenz veranlassen wird, manchen ehrlichen Mann, den nicht etwa selbst die Umarmung einer Geliebten munter erhält, in dem Schlafe stören muß. Unbegreiflich ist es daher gar nicht, warum sie in einem Wirkungskreis von so bedeutendem Umfange mehr Ehre und Besoldung genießt, als der erste Minister. Auch trägt sie die Nase höher als er, und damit sie ja in ihrem Amtsgeschäfte keinen Schein von Beweisen übersehe, auf die sich ihr Richterspruch gründet, trägt sie noch obendarauf eine Brille. » Qu'après demain – Dieu le grand Dieu confonde.« Hier stampfte er mit dem Fuße und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ist der Mann toll, dachte ich. Was in aller Welt geht dich doch die alte Runkunkel samt ihren Deukereien, ihrer Brille, ihren prophetischen Spinnweben, und was geht dich vollends der alte Groll an, den er, Gott weiß aus welcher Ursache, gegen sie gefaßt hat. –

»Aber, lieber Kammerherr,« wendete ich mich lächelnd an seine verstörte Miene, »was hat es denn nun eigentlich für eine Bewandtnis mit der Kapelle, die Ihnen über dem alten Weibe ganz aus den Augen gekommen ist?« »Diese steht,« kam er endlich wieder ins Gleis, »außer jener Blindschleiche, die einen Tag um den andern dort herumkriechen und kehren muß, unter dem alleinigen Verschluß des jedesmaligen Regenten, zu der er, nach dem Testamente seines Ahnherrn, sogar seinem Sohn und Erben den goldnen Schlüssel nicht eher, als in der Stunde seines Beilagers, anvertrauen darf. Zugleich wird dem jungen Prinzen aus dem Hausarchive eine von dem ersten Stammvater entworfene Schrift versiegelt eingehändigt, die er den Morgen darauf auch mit seinem Petschafte bedruckt, wieder zurückliefern muß – und die, was glauben Sie wohl? den Neuvermählten unter den drohendsten Beschwörungsformeln verbietet, das hochzeitliche Bett zu besteigen, bevor sie nicht in der hinter der Tapete verborgenen Kapelle ihre Andacht verrichtet hätten. – Trotz des heftigen Gegenstoßes von widereinanderlaufenden Empfindungen, den ein so unerwarteter Befehl bei jedem hervorbringen muß, dem er in dem kostbarsten Augenblicke seines Lebens in die Ohren gerasselt kommt, ist nun schon seit undenklichen Zeiten dieses sonderbare Herkommen wie ein elektrischer Schlag von Vater auf Sohn in dem festen Glauben übergegangen, daß an dessen gewissenhafter Befolgung das Glück des Fürsten und die Wohlfahrt des Landes gebunden sei, so wie es nicht umsonst durch die Zeichen und Wunder verkündigt worden sei, die den begeisterten Augen der unzähligen Sibyllen im roten Turme vorüberzogen. Lange wähnte man, der mysteriöse Turm verwahre unter Aufsicht eines weiblichen Drachen das Arkanum der Adepten. Da sich aber ein Finanzminister nach dem andern erbot, den Ungrund dieses Gerüchts aus den Kammerakten darzutun, so würde sich noch keine Seele rühmen können, das Geheimnis erforscht zu haben, hätte sich nicht das liebe Ungefähr ins Mittel geschlagen. Der jetzige Herr, der den Hang seiner nun in Gott ruhenden Gemahlin zur religiösen Einsamkeit kannte, ließ ihr, da er eben auf die Hirschbrunst verreiste, den goldnen Schlüssel zu der abgelegenen Kapelle zurück, um sich durch frohe Erinnerungen an ihre hier genossenen glücklichen Stunden über seine Abwesenheit zu trösten. Was er aber nicht erwartete, geschah. Die Hochselige verlor ihn eines Morgens am Eingange der heiligen Halle. Ein Kamerad und Blutsfreund von mir fand und hielt ihn für den seinigen, und versuchte ihn an dem zugehörigen Schlosse, das er ohne Mühe öffnete; der Zufall, dachte er, soll mir nicht umsonst diesen Fund in die Hände gespielt haben, und so bemächtigte er sich der so viele Seculn hindurch verheimlicht gebliebenen Wahrheit mit innigster Freude, und bei der langen Entfernung ihres rechten Besitzers mit aller Bequemlichkeit. Einst, in einer traulichen Abendstunde, entdeckte er mir sein Abenteuer unter dem Siegel der Verschwiegenheit Auch sind Sie der erste, dem ich es unter gleicher Bedingung aufs Herz binde. Nach der Beschreibung meines lieben Vetters sollte man die fensterlose Rotunde eher für das Museum eines Liebhabers der Kunst, als für ein Betzimmer halten, denn mit diesem hat sie nur eine entfernte Ähnlichkeit. Sie ist mit einem gläsernen Kuppelgewölbe überspannt, durch welches in der Nacht die Sterne magisch herabschimmern. Doch scheint es, der verständige Erbauer habe aus eigener Erfahrung sehr richtig geschlossen, daß die beiden hieher verlockten Andächtigen sich und das Irdische nicht so weit aus den Augen verlieren würden, um nach dieser eine Weile angestaunten ätherischen Beleuchtung nicht auch einer ihren menschlichen Sinnen behaglicheren entgegen zu sehen – und in diesem wohlberechneten Augenblicke bricht, wie aus einem Krater, eine Lichtmasse aus der Tiefe des roten Turms herauf, die ihre dunkeln Ahndungen aufklärt und zugleich, indem alles, was sie umgibt, Farbe und Beleuchtung erhält, eine Sammlung trefflicher Malereien bestrahlt, die ihre bänglich gestimmten Herzen auf einmal belehrt, was Gott, Natur und Fürstenpflicht in dieser feierlichen Stunde von ihrem Dasein verlangen. Nun frag' ich Sie selbst, mein Herr! ob einem mit diesen ernsten Anforderungen unbekannten Kinde nicht grün und gelb vor den Augen werden muß, wenn es so ohne alle Vorbereitung in solch einen Zauberstrudel gerät, gegen den die glänzendste Oper nur eine Armseligkeit ist? Die übrigen Verzierungen dieses Heiligtums bestehen in zwei großen Wandspiegeln, die von dem Fuße des sammetnen Teppichs auf bis an das obere Gesims steigen und alles auffassen und treu abgebildet zurückgeben, was sich ihrem Strahlenkreis nähert. An den beiden Seiten eines jeden blinket eine niedliche Handbibliothek hinter vergitterten Schränkchen hervor, über die Genien und Amoretten von karrarischem Marmor Wache – statt des Gewehrs aber ein blauseidnes Schnürchen in der Hand halten, das die mattherzigste nur mit einem Finger anziehen darf, um diese reichen Schätze geistiger Erholungen zu entriegeln. In der Mitte der Rotunde bläht sich ein einzelner elastischer Sofa, dem Hochaltare gegenüber, auf welchem in einem ziemlich abgenutzten Einbande, gleich dem Buche des Schicksals, die Annalen des fürstlichen Hauses bis auf die leeren Blätter aufgeschlagen daliegen, die zur Fortsetzung bestimmt sind. Am Anfange des Werks steht die Vorrede von der eigenen Hand des Stifters. Mein Vetter hat mir eine Abschrift davon gelassen, die ich Ihnen gelegentlich zum Versuch mitteilen will, ob es Ihnen besser gelingen wird, als mir, das Kauderwelsch zu enträtseln.« Hier schien es dem guten Manne einzufallen, daß ihn wohl der Zeitungsartikel zu einer größeren Schwatzhaftigkeit möchte verführt haben, als einem pensionierten Kammerherrn anstünde – er legte auf einmal das Blatt verdrießlich auf den Tisch, griff nach Hut und Stock und eilte nach der Tür. »Warten Sie nur einen Augenblick,« hielt ich ihn auf, »bis ich meinem Bedienten geklingelt habe, um Ihnen nach Hause zu leuchten. Unmaßgeblich könnten Sie ihm auf seinem Rückwege die versprochene Vorrede mitgeben, wenn Sie solche bei der Hand haben.« »Wohl!« sagte er, und verließ mich. Bald darauf händigte mir mein Laternenträger die Handschrift ein. Ich hatte mich inzwischen in mein Studierstübchen zurückgzogen, und ohne daß ich prahlen will, war mir nach drei Stunden, mit Hülfe meines Glossariums, eine verständliche Übertragung der alten Urkunde in reineres Deutsch so vollkommen gelungen, daß ich vor Freude den Kammerherrn hätte küssen mögen; denn erst jetzt sah ich, um wie ungleich mehr mir seine Unkenntnis in den Schriften der Vorzeit wert war, als sein im Grunde verworrenes Geschwätz. Der Stiftungsbrief des edeln Erbauers jener Kapelle enthält neben manchen andern Vorschriften einen ungemein treuherzigen Zuruf an seine männlichen Nachkommen. Man sieht in jeder Zeile, wie gut er es mit ihnen meint und wie viel ihm an der echt ritterlichen Fortpflanzung seines Geschlechts gelegen sei – und obschon die Sicherheitsregeln, die er ihnen bei der Wahl ihrer Ehehälften empfiehlt, von unsern verfeinerten Sitten so himmelweit abgehen, als das Heldenbuch von Geßners Idyllen, so kann man doch bei den Grundsätzen, von denen er ausgeht, höchstens die Achseln zucken und lächeln, ohne gerade seine Ansichten zu verwerfen – So bestimmt er z. B. eine jährliche Extrasteuer zum Gehalt einer erfahrnen und bis ins Grab verschwiegenen Matrone, die er, von der standesmäßigen Übergabe seiner Verlobten, zur Beglaubigung ihrer jungfräulichen – und nachher zur Bewachung ihrer Würde als Landesmutter ohne Einfluß ihrer Oberhofmeisterin angestellt wissen will. Diese Stelle seiner Vorrede, mit allen den einzelnen Anweisungen, die ich jedoch vor der Hand noch übergehe, gab mir einen ganz andern Begriff von den Pflichten der ehrwürdigen Bewohnerin des roten Turms, die mir kurz vorher der Kammerherr mit so grellen Farben schilderte.

Während dem Entziffern der gotischen Buchstaben der veralteten Urkunde war der Wunsch bei mir rege geworden, die beiden Pilger vor dem Eintritt in die Kapelle persönlich kennen zu lernen.

Meinst du nicht auch, daß es in unsern moralischen sowohl als physischen Studien einen eigenen Spaß macht, wenn wir bei der Puppe eines Zwiefalters, die scheinbar tot vor uns liegt, die Farbe seiner Flügel und die Lebhaftigkeit vorher zu erraten gesucht haben, mit der wir ihn, nach seiner Ausbildung, dem ängstlichen Naturzwange entschlüpfen und, erstaunt über seine schöne Verwandlung, mit funkelnden Augen dem blühenden Jelängerjelieber zuflattern sehen. Jung und sehr geneigt zu so einem Gedankenspiel, wie ich damals war, kam es mir auf eine Reise von ein paar Meilen nicht an, um mir einen so unschuldigen Zeitvertreib zu machen.

Ich entschloß mich kurz, ließ meinen Staatsrock einpacken und richtete es so ein, daß ich am Abend vor der Festlichkeit in der Residenz eintraf.

Aber hier, wo ich vor dem grünen Lorbeerbaum still hielt, schien es, als ob mein guter Genius Zeit und Ort so richtig abgemessen hätte, um mir das Vergnügen einer wohltätigen Handlung zu verschaffen, die, zehn Schritte weiter, nicht mehr möglich war. Denn in dem Augenblicke, da ich den Schlag meines Wagens hinter mir zuwarf, war eine in schwarzen Flor verkappte Fremde im Begriff, aus dem ihrigen zu steigen, verfehlte aber den Tritt und hätte, ohne mein schnelles Zuspringen, Gott weiß, welchen häßlichen Fall auf das Steinpflaster getan.

Vor Schrecken konnte sie nur einsilbige Danksagungen herstammeln. Sie zitterte noch an meinem Arme, den ich ihr, ohne noch zu wissen, wie jung und schön sie war, aus bloßem Antrieb gemeiner Höflichkeit darbot, um sie durch das Gedränge des Gasthofs hindurch in das Zimmer zu führen, das man ihr anwies. Ein noch günstigerer Zufall machte mich hier – so verschieden sind, bei aller Familienähnlichkeit, die verschwägerten Horen unseres Lebens – näher noch zu ihrem Nachbar, als ich es bei Klärchen geworden bin. Das Haus war so von Fremden besetzt, daß mir der Wirt nur ein Hinterstübchen ohne Ausgang einräumen konnte, das von ihrem Zimmer bloß durch eine Tür getrennt war, die man jedoch von der einen wie von der andern Seite verriegeln konnte. Der Fehltritt des, wie ich nun sah, höchst lieblichen Mädchens, erleichterte ungemein unsere Bekanntschaft. – Wir wechselten zuerst unsere Namen gegeneinander aus. – Der ihrige, sagte sie, den sie vor achtzehn Jahren in der heiligen Taufe erhalten, sei Amanda. – Der ist doch, erwiderte ich, um das Gespräch in Gang zu bringen, teils sonorischer, teils passender, als so viele, die jetzt Väter die Mode haben, ihren Töchtern beizulegen, wie sie ihnen der erste beste Roman an die Hand gibt, als z. B. Fredegunde, Hildegarte oder Aloisia Sigea und dergleichen. –

Mittlerweile wurde ein Eßtischchen mit zwei Kuverts hereingetragen. Ich sah sie fragend an, – sie schien nichts dawider zu haben – und ich noch weniger. Wir hatten einander schon abgemerkt, daß jedem eine andere Gesellschaft lieber wäre, als seine eigene. Ehe wir uns noch vor unserer Erdbeerkaltschale niedersetzten, erfuhr ich schon so viel, daß sie in Geschäften hier sei, die ihr wohl nicht so leicht jemand ansehen würde.

Aber jetzt, bevor ich zu den grünen Erbsen übergehe, die ich ihr vorlegte und mit Zucker bestreute, bitte ich dich und euch alle, ihr politischen Schleichhändler, die ihr wohl öfter als ich krumme Wege einschlagen und Schreiber, Minister und Generale bestechen müßt, um hinter Dokumente zu kommen, die in euren Kram taugen, für das Folgende um eine mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit. Es wäre doch möglich, daß sich etwas, einem grano salis ähnliches darin fände, mit dem ihr die Suppen würzen könntet, die ihr für euern Herrentisch zu kochen habt.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.