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Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich

Moritz August von Thümmel: Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
authorMoritz August von Thümmel
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressLeipzig
titleReise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich
pages6-569, 2-476, 2-369
created20040529
sendergerd.bouillon
firstpub1791
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Ich war so vollkommen überzeugt, Eduard, daß in diesen Augenblicken, wo ich es so gut mit dem Mädchen meinte, auch in ihrer Seele kein anderer Gedanken herrschen könne, als die Bewunderung meiner Uneigennützigkeit und Großmut. Stelle dir also vor, wie mir zumute ward, als ich mich so häßlich betrogen sah. Du weißt, es geht mir mit dem Propste, wie jenen bezauberten Ohren in einer gewissen Feengeschichte mit dem Worte Trarara. – Ich konnte den Ehrenmann nicht nennen hören, ohne sogleich aus der angenehmsten Ideenverbindung in die bitterste überzuspringen, die man sich denken kann. Meine gespanntesten Empfindungen erschlafften, und meine Treuherzigkeit gegen das Mädchen verwandelte sich in sichtbaren Unmut. Ich ließ ihre warmen Händchen fahren und entließ sie so plötzlich aus der Gefangenschaft meiner Kniee, daß sie nicht wußte, wie ihr geschah. Sie blickte mir verwundernd unter die Augen. – »Sie sind doch nicht böse?« fragte sie, setzte sich neben mich und streichelte mir schmeichelnd die Wangen. Nun hat jeder Beweis eines guten Herzens, er mag sich zu erkennen geben, wie er will, immer den stärksten Eindruck auf das meinige gemacht, und es brauchte auch jetzt weiter nichts, um mich schnell wieder umzustimmen. So weit, dachte ich, hat sich wohl diese kleine schüchterne Hand, deren Unschuld ich so genau kannte, noch nicht verstiegen. – Das rührte mich ungemein. Ich schwieg zwar, aber ich drückte dieser niedlichen Hand so wiederholte und ausdrucksvolle Zeichen meiner Versöhnung auf, daß die gute Kleine wohl fühlen mußte, daß es mein ganzer Ernst damit war. Mit einem Worte, Eduard, das Mädchen fing an, mich noch herzlicher zu dauern als vorher. Mein Gott! sagte ich mir, wie magst du dich nur über das liebenswürdige Kind ärgern! Bei seiner Aufrichtigkeit und Unschuld kann es ja beinahe nicht anders sprechen und handeln! Nur aber bringt uns das weder einen Zoll rückwärts noch vorwärts. – Ich hätte ihr, du weißt es, Eduard, so gern alle meine Heiligtümer umsonst überlassen; aber sie will sie ja so wenig zum Geschenke von mir annehmen, als meine Freundschaft. Zu fromm auf der einen Seite, mir den heiligen Kniegürtel, den sie einmal am Fuße hat, wieder zurückzugeben, kömmt ihr doch auf der andern alles wieder zu teuer vor, was sie für seine völlige Abtretung bieten soll. Die kleine Närrin hat sich da sowohl als mich in eine Verlegenheit gebracht, aus der ich wahrlich nicht einsehe, wie wir uns ziehen wollen. – Alles das ging mir eine lange Weile durch den Kopf. Endlich glaubte ich einen Ausweg wahrzunehmen, und blieb dabei stehen.

»Klärchen,« wendete ich mich jetzt mit nachdenkender Miene an sie, »auf die Art, wie Sie sich benehmen, kommen wir in alle Ewigkeit nicht auseinander. Ihr Propst, mit allem Respekte für das Amt der Schlüssel, das er trägt, geht mich nichts an. Ihm zu Liebe habe ich wahrlich den Kniegürtel nicht erstanden, und – so viel werden Sie doch begreifen, daß bei unserm Tausche eine dritte Person ganz überflüssig sein würde. So wohlmeinend ich mich auch gegen Sie erklärt habe, so mögen Sie doch mit meiner Moral und mit meinen Geschenken nichts zu tun haben; und doch möchten Sie gern den Nachlaß der Maria behalten. Ihr unverdientes Mißtrauen schmerzt mich: aber ich will über nichts weiter in Sie dringen; und, da ich Ihre Gewissenszweifel Ihnen nicht zu Danke beantworten kann, und Sie darauf bestehen, erst Rückfrage bei Ihren Glaubensgenossen zu halten, ehe Sie sich zu etwas entschließen, so mögen Sie es meinetwegen. Ihre Stiftungsbibliothek ist ja in der Nähe; und da sie wahrscheinlich in keiner andern Absicht aufgestellt ist, als um sich in schwierigen Fällen bei ihr Rats zu erholen, so ist kein Zweifel, daß auch Sie ihn da finden werden: wenigstens, so viel ich es beurteilen kann, besteht diese ganze Sammlung aus Schriftstellern, die ungleich mehr Ruf und Gelehrsamkeit vereinigen, als selbst Ihr Propst. Sind Sie diesmal mit meinem Vorschlage zufrieden, Klärchen? Soll ich Sie dahin führen?« – »Sehr, sehr gern,« antwortete sie mit auffallender Freude, und ihr Gesichtchen klärte sich nun wieder auf wie ein Maitag. – »Und wollen Sie sich«, fuhr ich fort, »den Aussprüchen dieser gelehrten Männer ohne die geringste Weigerung unterwerfen?« – »Ja doch, ja, mein Herr,« erklärte sie sich voller Ungeduld, »das will ich! Hier haben Sie im voraus meine Hand darauf.« – »Nun gut,« erwiderte ich ziemlich gesetzt, »so ist es mir lieb, daß ich hier eine schöne Gelegenheit finde, Sie über Ihr voriges unbilliges Mißtrauen ein wenig zu beschämen. Ich will mich nicht hinter meinen Glauben verstecken wie Sie. Die Schiedsrichter, die Sie sich wählen werden, sollen auch die meinigen sein. Mögen Sie mir auch alles aus den Händen spielen, worauf mir Papst Alexander ein Recht gab; war ich doch selbst auf dem Wege, Verzicht darauf zu tun, wenn Sie mich hätten gehn lassen, liebes furchtsames Klärchen. Doch das ist vorbei; ich erzeige deshalb Ihren Bedenklichkeiten noch dieselbe Ehre als vorher. Sie sind wahrlich von der größten Wichtigkeit, und es wird mir immer eine Freude machen, daß ein so junges liebenswürdiges Mädchen aus eigenem Instinkt darauf gefallen ist. – Das sage ich Ihnen offenherzig; ob ich gleich mit einiger Wehmut voraussehe, daß, so lange solche in ihrer Kraft bestehen, wir nimmermehr bis an die lieblichen Indulgenzen des Papstes gelangen können. Doch das ist jetzt mehr Ihre Sache als die meinige, da ich Ihnen ganz überlasse, sich den heiligen Kniegürtel eigen zu machen, auf welche Art Sie und Ihre Ratgeber für gut finden. – Kann man sich wohl billiger erklären?« – »Nein, gewiß nicht,« antwortete Klärchen: »Ich bin auch recht gerührt von Ihrer Güte; aber sein Sie versichert. daß auch ich auf meiner Seite alles tun werde, was ich mit gutem Gewissen tun kann. Denn ich bin weit entfernt, Sie um eine Kostbarkeit betrügen zu wollen, deren Wert niemand mehr schätzen kann als ich.« – »Aber möchten wir nicht,« unterbrach ich sie, indem ich ihr meinen Arm reichte, »noch einmal, unterweges, die Schwierigkeiten überzählen, über die Sie eigentlich Auskunft nötig haben? In einer großen Bibliothek ist das beinahe notwendig; denn sonst kann man sich darin verlieren, um nicht wieder heraus zu kommen. So viel ich mich erinnere, sind Sie erstlich wegen des schönen, mir unvergeßlichen Anblicks unruhig, den Sie mir bei der Auswechslung der Bänder doch zu vergönnen genötigt waren, wenn ich Ihnen den heiligen Kniegürtel, auf seine gehörige Stelle, umbinden sollte; – nicht wahr, meine Beste?« – »Ja, mein Herr,« antwortete sie, »freilich liegt mir das recht schwer auf dem Herzen.« – »Und Sie haben sehr recht,« versetzte ich, »daß Sie sich darüber in Zeiten zu verständigen suchen; denn wie wollen wir übermorgen sonst fertig werden? Und nun,« fuhr ich fort, »was war denn Ihre zweite und dritte Frage, die mir nicht ebensogut mehr erinnerlich sind?« – »Aber mir desto mehr,« antwortete sie. »Sehen Sie, das eine ist die Angst, die ich habe, ob ich mich nicht mit Ihnen in der nahen Gelegenheit zu sündigen befinde: denn davor, kann ich Ihnen sagen, hat mich mein Katechismus vor allen andern gewarnt, und es ist mir also nicht zu verdenken, daß ich darüber genaue Erkundigung einziehe.« – »Nicht mehr als billig,« versetzte ich: »es soll mir selbst lieb sein, wenn ich es erfahre.« – »Und endlich,« fuhr sie fort, »martert mich die grausame Ungewißheit, ob ich mich, so ohne Vorwissen der Meinigen, mit einem Fremden in einen Handel einlassen darf, den ich nicht verstehe? Sie sehen selbst, mein lieber Herr, daß, so gern ich auch wollte, ich doch unmöglich mit ruhigem Herzen einschlagen kann, so lange ich nicht über diese drei Hauptpunkte mit mir selbst einig und eines Bessern belehrt bin.« – »Das ist sehr begreiflich,« antwortete ich. »Aber, wie gesagt, deswegen hätten Sie nicht gebraucht, erst in eine Bibliothek zu gehen. – Ich würde ebensogut imstande gewesen sein, Ihnen hierüber Auskunft zu geben, wenn Sie, kleine Mißtrauische, mir nicht Ihre Ohren verstopft hätten.

Unter diesen lehrreichen Gesprächen waren wir unvermerkt bis vor die Tür meiner Klause gekommen, die jetzt das gute Kind voller Frohsinn öffnete, und mit mir eintrat. Wir kamen glücklich dem Rousseau und Amor vorbei, ließen mein Bette linker Hand liegen, und traten nun beide sehr neugierig vor unsern Gerichtsstand. Zum Glücke waren von den Hauptquellen, außer den Originalen, auch gute Übersetzungen da, die es Klärchen leicht machten, in der Geschwindigkeit eine Komitee aus ihnen zu errichten, gegen die auch nicht die geringste Einwendung stattfand. Sie setzte sie aus dreien der erfahrensten Männer zusammen, denen man schon Verstand, Gelehrsamkeit und kollegialische Eintracht zutrauen mußte, sobald man sie in ihrer altväterischen Tracht ansteigen sah. Ich ließ ihr mit Vorbedacht die Ehre der Wahl allein. Denn so angenehm es auch ist, wie ich wohl weiß, wenn ein Klient auf die Besetzung des Tribunals, das ihn richten soll, einigen Einfluß hat; so mußte es doch auf der andern Seite, an der mir jetzt ehrenhalber noch mehr gelegen war, kein geringes Vorurteil von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen und der Güte meiner Sache bei dem lieben Mädchen erwecken, wenn sie mich selbst da ruhig sah, wo jeder zu zittern Ursache hat, er mag seines Rechtes auch noch so gewiß sein. Ohne die entfernteste Teilnahme also an der Ernennung dieser Herren, begnügte ich mich bloß mit der subalternen Rolle, nach dem Range, den ihnen Klärchen anwies, ihnen die Stühle zu rücken und sie von ihrem Schulstaube zu reinigen. Der erste, dem ich diesen Dienst zu erzeigen hatte, hieß Escobar. Der Mann hatte ganz das Ansehen eines Vorsitzenden. Der andere, beinahe noch verschrumpfter und schmutziger, war der ehrwürdige Pater Lessau. Der dritte aber, an der Spitze einer Somme de pechés, nannte sich Pater Bauny, und war von einem ziemlich manierlichen Ansehn. Auch fiel sein Korduanband mit goldenem Schnitte Klärchen am meisten in die Augen; denn sie setzte sich mit ihm, sobald er abgestäubt war, mir gegenüber auf einen Stuhl.

»Kannten Sie diese gelehrten Männer schon vorher?« fragte ich, indem wir beide ihre Schriften vorläufig überblätterten. – »Es ist zwar«, antwortete sie, »das erstemal, daß ich mit ihnen zu tun habe; aber übrigens sind sie mir schon längst als die ersten Stützen unserer geheiligten Religion bekannt; der Herr Propst führt ihre Namen immer im Munde, und beruft sich in streitigen Fällen meistens auf sie.« – »– Nun, das ist ja recht gut,« versetzte ich: »da haben Sie doch endlich Ihren Willen, und können sich so gut über Ihre Zweifel belehren, als wenn Sie Ihren Gewissensrat selbst sprächen!« – »Das denke ich auch,« antwortete Klärchen kurz abgebrochen, weil sie sich eben mit einer Stelle beschäftigte, auf die sie sehr nachdenkende Augen heftete. – »Haben Sie etwas Sachdienliches gefunden, liebes Kind?« fragte ich neugierig, indem ich selbst in meinem Buche auf eine ihrer Bedenklichkeiten stieß, die ich einstweilen zeichnete. – »Ich habe wohl so etwas,« dehnte sie, »über die nahe Gelegenheit – aber« – – – »Nun, das trifft sich recht gut,« rief ich dazwischen! »auch ich habe darüber eine Erläuterung in dem Escobar gefunden, die mir ganz neu ist.« – »Nur ärgert es mich,« fuhr sie in ihrer Rede fort, »daß mir eben da, wo ich am liebsten fortlesen möchte, eine dumme lateinische Zeile in die Quere kommt.« – »Wollen Sie mir wohl Ihren Fund mitteilen, Klärchen?« – » On doit« las sie laut und ohne Anstoß, » absoudre une femme, qui a chez elle un homme avec qui elle peche souvent, si non po« – – – »Geben Sie nur her, Kind,« unterbrach ich ihr Stottern, »ich will sehen, was es ist.« Sie reichte mir das Buch, und nun las ich mit ziemlicher Verlegenheit, und war froh, daß sie kein Latein verstand: si non potest ejicere aut habet aliquam causam retinendi. – »Sie haben wohl recht, Klärchen, es ist eine dumme Zeile.« – »Nun, mein Herr,« sah sie mir fragend in das Gesicht, »unter was für einer Bedingung gilt das Souvent?« – »Oh!« antwortete ich, »hier ist eine vorausgesetzt, die auf uns gar nicht paßt – Urteilen Sie selbst: Si non potest und so weiter – das heißt: Wenn sie den Herrn nicht zur Stube hinauswerfen kann, oder sonst eine Ursache hat, ihn bei sich zu behalten.« – »Da ist ja gar kein Verstand darin,« sagte Klärchen. – »Beinahe,« antwortete ich: »aber nehmen Sie deswegen das Buch nur wieder! Einige Seiten weiter werden Sie die Frage schon deutlicher auseinandergesetzt finden, wenn Escobar, wie wir bald sehen wollen, richtig zitiert hat. Horchen Sie recht auf: On n'appelle pas occasion prochaine celle, où l'on ne peche que rarement, comme de pecher par un transport soudain avec celle ou celui, avec qui on demeure trois ou quatre fois par an, ou selon Bauny pag. 1082. – Schlagen Sie doch einmal nach, Klärchen! – une ou deux fois par semaine« – »Die Pagina trifft zu,« sagte Klärchen, und reichte mir zugleich das Buch wieder hin. Ich hielt es neben das meinige, verglich die Parallelstellen, und freute mich laut über das freundschaftliche Einverständnis zweier so berühmter Schriftsteller in einer so wichtigen Sache. – »Ist das nicht«, wendete ich mich an das Mädchen, »so ganz unser Fall, liebe Kleine? als wenn ihn die Herren hundert Jahre voraus gesehen, und Ihnen die eigenen Worte Ihres Gewissenszweifels aus dem Munde genommen hätten? Die süße Beruhigung abgerechnet,« fuhr ich fort, »die Ihnen diese Beweisstelle verschafft, so freue ich mich auch besonders über den kurzen und deutlichen Begriff, den sie mir nebenbei über mein Näherrecht gibt.« – »Über Ihr Näherrecht?« fragte Klärchen. – »Jawohl,« antwortete ich: »das liegt ganz in den Worten, avec qui on demeure — une ou deux fois par semaine. Und ohne eins in das andere zu reden, meine schöne Nachbarin, will ich mir doch, da es eben die Gelegenheit gibt, Ihren guten Rat in Ansehung meines Quartiers erbitten, das mir immer je länger je besser gefällt. Sie wissen, ich habe es nur auf einen Monat gemietet; was meinen Sie, würde mir es Ihre gute Tante nicht ebensogern auf ein Jahr zusagen, wenn ich es voraus bezahle?« »Das kann ich Ihnen in der Tat nicht mit Gewißheit sagen,« antwortete mir Klärchen mit einer solchen liebenswürdigen Unbefangenheit, daß ich sie gern dafür hätte küssen mögen. – »Aber ich sollte beinahe nicht daran zweifeln.« – »Nun gut,« sagte ich, indem ich den beschwerlichen Escobar neben mich legte: »so will ich mich nächstens mit ihr darüber besprechen,« und fuhr nun fort, mich mit dem ehrlichen Pater Bauny, den ich noch in der Hand hatte, weiter zu unterhalten. – Ich tat sehr wohl daran, und Escobar kann es mir wahrlich nicht übel nehmen; denn ich hatte noch gar nicht lange in der Somme de pechés seines Kollegen gestört, so fand ich unvermutet eine der größten Bedenklichkeiten meiner kleinen Unschuldigen so deutlich entwickelt, und so gründlich beantwortet, daß es das unerfahrenste Kind verstehen konnte. – »O, treten Sie einen Augenblick näher, liebe Kleine,« rief ich ihr zu. »Fragten Sie mich nicht vorhin auf mein Gewissen, ob es recht – ob es erlaubt sei, ohne Vorbewußt Ihrer guten Tante und Ihres Seelsorgers, über das schönste Eigentum, das Sie besitzen, über Ihre Person, nach Belieben zu schalten und zu walten? Ich leugne nicht, mein gutes Klärchen, und Sie müssen mir es angesehen haben, daß mich Ihre Frage nicht wenig stutzig machte. Wie lieb ist es mir, daß Sie mich gar nicht dazu kommen ließen, darauf zu antworten! Denn gründlicher hätte ich es unmöglich tun können, als der rechtschaffene Pater Bauny, dessen Ausspruch auch in dieser Sache alles enthält, was darüber zu sagen ist. Hören Sie nur: Lorsqu'une fille qui est en la puissance de son père et de sa mère se laisse – – – Werden Sie doch nicht gleich über alles rot, närrisches Kind? Das folgende Wort ist freilich nicht eben manierlich; aber Sie haben sich gewiß noch ein ärgeres gedacht: se laisse corrompre, ni elle, ni celui, à qui elle se prostitue – – – Ich gebe zwar gern zu, liebes Klärchen, daß ein Dichter, wie Bernard zum Beispiel, dieselbe Sache ungleich reizender vorzustellen gewußt hätte –Inzwischen kömmt es darauf nicht an, und ein Arzt der Seele wie des Körpers ist schuldig, bestimmt zu reden, sobald er in solchen Dingen um Rat gefragt wird – – – Aber wo bin ich denn stehen geblieben?« – »Bei prostitue,« sagte Klärchen. – Ich fuhr also fort: » ne font aucun tort au père ni à la mère – Viel weniger also denen, die ihre Stelle vertreten. – Sie verstehen doch das, liebes Kind?« – »O ja,« antwortete sie, »es ist ja deutlich genug.« – » et ne violent point,« las ich weiter, » la justice à leur égard parcequ'elle – sehr richtig – est en possession de sa virginité –und da dieser Grund, nach der Natur der Sache, mehr als einmal nicht anwendbar ist, so ist das darauf folgende – aussi bien que de son corps nichts weniger als überflüssig, dont elle peut faire ce que bon lui semble, à l'exclusion – was dächten Sie, Klärchen? – de la mort, ou – – – lieber Pater Bauny! wie in aller Welt kommen Sie darauf? du retranchement de ses membres. – Da bewahre uns Gott vor!« sagte ich ganz erschrocken: »Da müßte es doch wohl sehr arg hergehen, wenn das einem von uns beifallen sollte.« – »Lesen Sie mir doch diese wichtige Stelle noch einmal vor,« sagte Klärchen, indem sie mit dem Finger auf das Buch tippte; »aber nur den reinen Text ohne Anmerkungen.« – »So oft Sie wollen, meine Beste,« antwortete ich, »und so rein als er da steht,« faßte zugleich beim Lesen ihre Hand, als ob ich ihr die Empfindung mitteilen wollte, die, wie ein elektrisches Feuer, aus dieser lehrreichen Schriftstelle auf mich überströmte, fühlte auch wirklich bei dem Worte virginité ein gemeinschaftliches Zucken, das einer Kommotion nicht unähnlich war.

Klärchen nahm mir das Buch aus der Hand, sobald wir zum zweiten Male über die Auflösung dieses wichtigen Zweifelpunktes glücklich hinaus waren, setzte sich mit dem ehrwürdigen Pater in eine Ecke und schien sich noch einige Seiten weiter mit ihm zu unterhalten, die hoffentlich die Sache nicht verdorben haben. In der Zwischenzeit ruhte ich ein wenig von meiner Vorlesung aus, saß stillschweigend und nachdenkend gerade ihr gegenüber und wußte mich gar nicht recht in die anscheinende Heiterkeit und Seelenruhe dieses sonderbaren Mädchens zu finden, das mir je länger je unerklärbarer ward. Hätte man nicht von der liebenswürdigen Unwissenheit, die sie mit in die Bibliothek brachte, nach allen Regeln der Metaphysik erwarten sollen, daß der Zufluß der vielen neuen Begriffe, den sie schon in den wenigen Zeilen erhielt, die ich vorlas, sie für alles weitere Nachschlagen bange machen, ihr die Adern auftreiben und den Kopf sprengen würden? War es nicht höchst wahrscheinlich, daß eine so bewährte Heiligkeit als die ihrige über die zwar sehr zweckmäßigen, aber doch ganz ungewählten Ausdrücke des vorigen rauhen Jahrhunderts sich entsetzen – daß ihr verschämtes Blut sich empören und das liebe Kind endlich in die Verlegenheit kommen würde, weder mir noch ihren Schiedsrichtern frei unter die Augen zu sehen? Konnte ich nicht mit einigem Grunde fürchten oder hoffen, wie du willst, daß sie sich weit eher unter einem Strome von Tränen von ihrem voreilig eingegangenen Kompromisse losarbeiten, als sich entschließen würde, ein Wort zu halten, das sie gewiß unter ganz andern Erwartungen von sich gab? Wie ging es nun zu, daß, dieser Wahrscheinlichkeiten ungeachtet, von allem dem nichts geschah? Ich bitte dich, Eduard, wie ging das zu? Siehe! kennte ich das Mädchen nur seit unserer gemeinschaftlichen gelehrten Arbeit, wahrlich! ich würde ihr eher zutrauen, sie habe die Engel zu Dutzenden und selbst da geputzt und gewaschen, wo sie am schmutzigsten sind, als daß ich an jenes erste Schrecken ihrer Hand glauben möchte, wovon doch die deutlichsten Spuren noch immer unter meinem Spiegel zu sehen sind. Es ist nicht anders möglich, sie muß alle die gefährlichen Stellen hören und lesen, ohne, aus unbegreiflicher Unschuld, den Sinn der Worte zu verstehen. – Wie, Henker, soll ich ihr aber den beibringen?

Nach dieser stillen Unterredung mit mir selbst rief ich in kollegialischer Ordnung den einzigen Beisitzer unsres Gerichts auf, den wir noch nicht gehört hatten – den Pater Lessau, schmutzigen und moderigen Ansehens. Wenn der Schein überhaupt trügt, so tut er es vorzüglich bei einem geistlichen Tribunale: dieser unansehnliche Mann, wie das nicht selten geschieht, verschloß einen ungeheuern Vorrat von Gelehrsamkeit und Erfahrung. Freilich brauchte ich dermalen nur einen sehr kleinen Teil davon, nur so viel als eben nötig war, um die einzige noch übrige Gewissensfrage des frommen Kindes zu beantworten, die zwar, nachdem wir über die zwei vorher gegangenen belehrt und einig waren, bei einem gewöhnlichen Mädchen kaum einer besonderen Antwort würde bedurft haben – mit einem so ängstlichen Geschöpfe aber als Klärchen geht es nicht so geschwind – eins mag noch so notwendig aus dem andern fließen, sie weist sicher jede einzelne Forderung zurück, die man nicht sogleich mit einer förmlichen Anweisung belegen kann. Die Schrift, in der ich sie suchte, hatte, bei dem Reichtum ihres Inhalts, zum Glück auch noch ein gutes Register, ohne das ich schwerlich so geschwind die benötigte Stelle würde gefunden haben. Sie war ganz so wie ich sie brauchte, und führte beinahe noch näher zum Zweck, als die beiden vorher gegangenen. Ich hätte zugleich – in Ermangelung der Aloisia Sigea – keine auftreiben können, die geschickter gewesen wäre, mich über den Rest von Ungewißheit, in die ich noch manchmal in Ansehung der Unschuld des rätselhaften Kindes geriet, sowie über die Bedingungen unsers Handels endlich einmal mit mir selber einig zu machen. Wenn sie, sagte ich heimlich zu mir, dabei höchstens nur rot werden sollte, ohne mir zugleich das Buch an den Kopf zu werfen und davon zu laufen, so habe ich übermorgen gewonnenes Spiel. Ich packe dann meine Großmut ruhig wieder ein, ohne daß ich noch länger vergebens auf die Gelegenheit warte, sie anzuwenden; und ich will nicht ehrlich sein, wenn ich sie eher wieder an das Tageslicht bringe, als bis ich den Schimpf, den das Mädchen meiner Moral angetan hat und den ich immer noch nicht verschmerzen kann, zur Genüge gerächt und zugleich die große metaphysische Frage entschieden habe, die ich Dir beim ersten Anfange meiner Bekanntschaft mit Klärchen nicht so aus bloßem Leichtsinne aufstellte, als es Dir vielleicht vorkam, und deren Auflösung immer ein hübscher Gewinn für die Philosophie des Lebens sein wird – die Frage nämlich: welche Tugend sicherer, erhabener und schmackhafter sei, die eines weiblichen Wildfanges, wie ich heute vor acht Tagen einen unter den Händen hatte, oder die einer Heiligen?

Indem sah ich Klärchen ihr Buch beiseite legen, als wenn sie genug daran hätte, und aufstehen. Ich glaubte, es wäre nun Zeit, das unterbrochene Gespräch wieder in Gang zu bringen. – »Hatten Sie«, fragte ich, »nicht noch etwas auf dem Herzen, worüber wir nachschlagen wollten?« – »Daß ich nicht wüßte,« antwortete sie voller Zerstreuung, trat vor den Schrank, zog ein anderes Buch heraus, das noch dazu ein Quartant war, den sie alle Mühe hatte, bis in ihre Ecke zu schleppen. Nun ist mir, ich weiß nicht warum? jedes schwerfällige Buch in der Hand eines Weibes ganz unerträglich. Kömmt es daher, daß es mir zu anmaßlich aussieht oder weil ich glaube, daß ein mäßiger Oktavband – ein Almanach, alles enthalten kann, was ihnen an Gelehrsamkeit nötig ist? Bei Klärchen verdroß es mich vollends, daß sie ohne Beihülfe meines lebendigen Unterrichts ihre Studien fortsetzte und darüber sogar ihre dritte Gewissensfrage aus den Augen verlor, für die ich eine so schöne Antwort gefunden hatte. Sie heftete ihre Blicke mit solcher Begierde auf das Blatt, das sie aufschlug, daß ich nach dem Namen dieses glücklichen Autors äußerst verlangend war. – »Sie haben vergessen,« rief ich ihr zu, »daß Sie nicht hierhergekommen sind, um das ganze System der Moral durchzuarbeiten.« – Da sie mir nicht antwortete, stand ich auf, um mich ihr zu nähern; sie streckte mir aber ihre Hand entgegen, um mich abzuwehren, und verbarg das Buch. Ich unterdrückte meine Neugierde so weit, daß ich mich stillschweigend wieder zurückzog, und nur das Fach und die Lücke bemerkte, aus der sie ihren Quartanten genommen hatte. Mit Hülfe des guten Fernglases, das ich, seit mir die Turmspitze von Caverac aus dem Gesichtskreise schwand, nicht ein einziges Mal wieder gebraucht hatte, entdeckte ich, in welcher Gegend des Werks die Stelle ungefähr stehen mußte, die so mächtig ihre Aufmerksamkeit anzog; und da ich vollends sah, daß beim Umwenden des Blatts ein wenig Puder aus ihren Haaren dazwischen fiel, so war ich nicht weiter verlegen, noch vor Abends ihrer Wißbegierde auf die Spur zu kommen und erwartete ruhig, bis sie fertig und das dicke Buch wieder an seinen alten Platz gestellt war.

»Sie haben Ihre schönen Augen recht angestrengt, liebes Kind,« redete ich ihr freundlich entgegen: »Darf ich denn nicht wissen, über welchen neuen Gewissenszweifel Sie sich unterrichtet haben?« – »O, mein Herr,« antwortete sie, »was ich eben las, betraf eine alte Geschichte, die mir vor etlichen Jahren, nur mit andern Umständen, erzählt wurde. Es ist manchmal gut, sich mit eigenen Augen zu überzeugen.« – »Da haben Sie wohl recht, Klärchen,« erwiderte ich ernsthaft, »und es ist mir lieb, daß ich Ihnen eben eine Gelegenheit verschaffen kann, diese Vorsichtsregel sogleich wieder anzuwenden, um in Übung zu bleiben. Unser Pater Lessau hat sich hier recht deutlich über den Fall erklärt, der Ihnen heute nach der Auswechselung unserer Bänder beinahe mehr Herzklopfen verursachte als vorher. Sie hätten sich's ganz ersparen können, wie Sie gleich hören sollen.« – Ich rückte ihren Stuhl neben den meinigen, hielt ihr das Buch nahe vor, und schlug meinen andern Arm so vertraut um ihren schönen Hals, wie ein Bruder, der mit seiner Schwester eine Idylle von Geßner liest. – » Les femmes, las ich mit langsamer gedrängter Stimme, damit ihr kein Wort verloren ginge, » ne pechent pas, quand elles s'exposent à la vue de jeunes gens, encore qu'elles sachent, bien qu'ils les regarderont avec des yeux impudiques.« – Ich sah hier dem Mädchen mit einem Blicke ins Auge, wie ihn nur Pater Lessau verlangen konnte, und las weiter: » Si elles le font par nécessité ou utilité — nécessite,« wiederholte ich, »diese liegt nur zu klar in dem siebenten Paragraph der päpstlichen Bulle und in unserm Kontrakte, und die utilité kann bei der heiligsten aller Reliquien wohl keine Frage sein.« – Klärchen hob ihre Augen gen Himmel, und ich fuhr fort: » Elles ne pechent pas, quand elles se servent d'habits si deliés, qu'on voit leur sein, ou quand même elles se decouvrent entiérement, si elles le font selon la coutûme du pays.« – Ich sah dem schönen und, was mir noch lieber war – dem errötenden Mädchen in das Gesicht, wie ich ihr diese Erlaubnis vorlas, in der Erwartung, sie würde wenigstens von so einer Landessitte, als der Autor voraussetzte, nichts wissen wollen; sie war aber zu ehrlich dazu und schwieg. Auch ich schwieg, und doch schienen wir beide keine Langeweile zu haben. Nachdem meine Augen lange genug auf den ihrigen geruht hatten, fragte ich mit einem unterdrückten Seufzer: »Nun, Klärchen – sind Sie endlich einmal über die Freude beruhigt, die Sie meinen Blicken gegönnt haben? und fürchten Sie sich immer noch vor übermorgen?« – Sie schien in ihrem stillen Nachdenken so verloren, daß ich, um sie zurückzubringen, meinen wurmstichigen Autor zu seinen Kollegen warf, ihre frischen Händchen dafür an meine Lippen hob und jeden ihrer Pulsschläge mit einem Kusse beantwortete.

Nichts ist wohl in der ganzen Natur der Sophisterei beförderlicher als dieses kleine Spiel. Es war nicht das erstemal, daß ich es bemerkte. Ich ging gewiß hier wieder einen falschen Weg. Die Kleine, dachte ich, ist nur errötet – sie hat dir nicht das Buch an den Kopf geworfen, also – schloß ich – wird es nicht einmal nötig sein, bis übermorgen zu warten. – »Klärchen!« fing ich zitternd an und stockte. – »Was beliebt Ihnen?« fragte sie. – »Werden nicht«, fuhr ich fort, »hierzulande die Namenstage manchmal, nach Zeit und Umständen, einige Tage voraus gefeiert?« – »Niemals,« antwortete sie kurz und übersah mich mit so großen Augen, als ob ich nicht klug wäre. – »Bei uns«, setzte ich seufzend hinzu, »geschieht das sehr häufig am Hofe und in der Stadt, selon la coutûme du pays; auch kürzt man in manchen Fällen die Bedenkzeit und die Zahlungsfristen ab – par nécessité ou utilité« – »Das ist sonderbar!« antwortete das einfältige Ding. »Sie haben also wohl in Ihrem Lande lauter bewegliche Feste?« – Ich weiß nicht mehr, was ich ihr darauf antwortete – ich verlor ganz meine Besinnungskraft, schwatzte nun ins Gelag hinein und traf mich unvermutet an, daß ich ihr von dem Löwen in dem Wiener Zwinger erzählte, der einem Mädchen, das er liebte, die Hand so lange leckte, bis Blut kam, darüber in Wut geriet, sie in Stücken zerriß und sich darauf bei ihrem Leichnam hinlegte – und starb. Wie ich auf diese rührende Geschichte gekommen sein mag, ist unbegreiflich. Aber Klärchen schien angst zu werden. – Sie zog mir ihre Hände vom Munde hinweg, und mit der Frage: »Wollen Sie mich nicht wieder in mein Zimmer führen?« schlang sie mir die eine um den Arm und nötigte mich aufzustehen. Wahrlich, es war hohe Zeit, und ich war froh, als ich aus der Atmosphäre der Kasuisten in eine andere Luft kam.

Klärchen schien mir, als ich sie zu ihrem Sofa glücklich zurückbrachte, noch um vieles schöner, ungezwungener und verträglicher, von ihrer gelehrten Reise zurückzukommen, als sie vorher war. Ich schloß sogar aus einem sprechenden Blicke, den sie auf den Ablaßbrief warf, daß ich es jetzt wohl eher wagen dürfte, ihr eine wörtliche Übersetzung des siebenten Paragraphs anzubieten, ohne abgewiesen zu werden, und ich betrog mich nicht. Sonderbar genug, daß ihr zärtliches Ohr erst ein wenig durch die Beredsamkeit der Kasuisten abgehärtet werden mußte, um nicht vor der Hirtenstimme des heiligen Vaters zu erschrecken! Sie horchte jetzt desto geduldiger darauf und ließ mich das et in integrum restituimus zweimal wiederholen, so schön kam es ihr vor.

Mein Läsions-Prozeß, sah ich nun wohl, war so gut wie gewonnen. Klärchen hatte es kein Hehl, daß sie den Kniegürtel der Jungfrau schon als ein Stück ihrer Toilette betrachtete; und dieser Gedanke streute so viel Grazie über alles, was sie sprach und tat, daß ich nicht genug die Wirkung bewundern konnte, die der Glaube an Reliquien und das Bewußtsein ihres Besitzes nicht allein auf die innere Zufriedenheit, sondern sogar, wie das Wohlbehagen eines guten Gewissens, in dem Umgange des gemeinen Lebens hervorbringt. – Wodurch gewann wohl Klärchen diesen sichtbaren Zufluß von Begeisterung in ihren Augen, diesen Ton der guten Gesellschaft, den ich gestern auf der Treppe wenig an ihr bemerkte? wodurch dieses feine Gemisch von großer Welt und Ruhe der Seele, die so selten bei einander gefunden werden, als – ich schäme mich fast es zu sagen – durch den alten verblichenen Fetzen, den ich ihr um das Bein band? Und doch sind wie andern so übereilt, diese mystischen Geschenke der katholischen Religion als armselige Kleinigkeiten zu verschreien! Wo haben wir denn in der unsern etwas, was diesen Abgang von Hülfsmitteln zu einer frohen Existenz ersetzte? Wenn König August aus unserer Nachbarschaft und so manche andere Fürsten des deutschen Reichs den sterilen Glauben ihrer Vorfahren gegen das beruhigende System des römischen Stuhls vertauschen und auf ihre Kinder vererben, wer kann es ihnen mit Grunde verargen? – Und wie philosophisch richtig handelte nicht selbst Karl der Zweite in dieser Rücksicht, als er in der Wahl, entweder sein Reliquiar oder seine drei Kronen wegzuwerfen, ohne Bedenken sich zu dem letztern entschloß?

Meine Sehnsucht, einer Kirche in den Schoß zu kommen, die uns so angenehm einwiegt, die durch ein geweihtes Totenbein – durch eine Scherbe aus der Haushaltung eines Erzvaters und durch andere dergleichen Raritäten uns in dem Frieden mit uns weiter bringt als die Weisheit eines Garve, wuchs nun desto schneller, je mehr ich unter Klärchens funkelnden Augen meinen tiefsinnigen Betrachtungen nachhing; und war gleich meine verwöhnte Vernunft, wie ich manchmal zu fühlen glaubte, noch immer nicht so ganz mit meinem Herzen einverstanden, als ich wohl gewünscht hätte, so ist dieses doch ein gewöhnlicher Fall bei Neophyten, und so soll doch, hoffe ich, auch dieses bängliche Gefühl übermorgen durch ein ungleich mächtigeres verjagt werden.

So schön alle diese Erwartungen waren, die ich aus dem Zauberzirkel der kleinen Heiligen mit mir nahm, sobald die knarrende Haustür mir die Zurückkunft der Tante verriet, so fand ich doch, wie ich wieder in mein einsames Zimmer trat, daß bloße Hoffnung nicht genug beschäftigt. Die meinige setzt eine Geduld von zwei Tagen voraus, und diese hatte in meiner gegenwärtigen Lage ihre große Unbequemlichkeit. Ich sah mich bald nach einer lindernden Zerstreuung um; und wo hätte ich die gewisser finden können, als in der kleinen auserwählten Büchersammlung meines Kabinetts, die mir heute und gestern schon so merkwürdige Dienste geleistet hatte? Kein Buch schien mir jedoch für's erste der Mühe mehr wert, es zu suchen, als das, mit dem sich vorhin Klärchen so vorzüglich beschäftigte. Ich zog es heraus. Was fand ich? Die Legendensammlung des Pater Martin von Cochim. – So? sagte ich, bist du auch hier, guter Freund? Aber was für eine Intrigue hast du mit der Kleinen? – Ich blätterte so lange, bis ich – es war in dem Leben ihrer Namensschwester – das Blatt fand, bei welchem sie ihren Puder verloren hatte. – Wie? sagte ich und rieb mir die Augen: die berühmte Erzählung ist es von den drei Blasensteinen? Wer in aller Welt kann ihr diese Geschichte mit andern Umständen erzählt haben, als hier stehen? Und was kann für sie so wichtiges daraus entstanden sein, daß sie, um der Berichtigung dieses Wunders willen, beinahe ihr Kompromiß vergaß? Warum versteckte sie diese Stelle vor mir, da sie ohne die geringste Verlegenheit ganz andere mit mir gelesen hat? Ich sann der Sache so ernstlich nach, als ob sie noch so wichtig für mich wäre und brachte doch am Ende nichts weniger als eine befriedigende Vermutung heraus. Ich gab also mein Nachgrübeln auf, setzte den Schächer wieder in sein Glied und durchirrte nun die übrige Besatzung.

Die Wahl unter Büchern ist immer schwer, und Kenntnisse, die man auf diesem Wege erlangt, sind mit Erlaubnis unserer stolzen Gelehrten, nicht weniger Geschenke des blinden Zufalls, als so viele andere Ergebnisse menschlicher Tätigkeit. Dir, Eduard, habe ich nicht nötig, so etwas zu beweisen, sonst sollte es mir wahrlich nicht schwer werden. Ich stand lange unentschlossen und ganz mit dem Eigensinne eines längst abgestumpften Gaumens vor dem Schranke, blies von verschiedenen dickleibigen Bänden den Staub ab, blätterte einige Augenblicke darin und setzte sie – und ach! mit ihnen vielleicht eine wahrhaft stärkende Geistesnahrung, nach der ich lange umsonst strebte, unbenutzt wieder an ihren Ort, in der sehr mißlichen Hoffnung, für meine leckere Wißbegierde wohl etwas Schmackhafteres noch aufzugabeln. Beinahe glaube ich, daß es mir nicht besser hätte gelingen können. Wenigstens stieß ich auf ein Werkchen, das mir über alle meine Erwartung Genüge tat. Es entfernte mich – doch nicht zu weit – von dem Gegenstande meiner Wünsche und bereicherte meine Einbildungskraft mit neuen Bildern, deren freie Zeichnung und kräftiges Kolorit wohl noch eine grenzenlosere Einsamkeit, als die meine war, hätte beschäftigen können. Kein Buch in der Welt konnte, glaube ich, in meiner gegenwärtigen Lage eine anziehendere Kraft für mich haben. Sein Verfasser gewann bei dem ersten Anblicke mein ganzes Zutrauen. Er war geistlichen Standes – war ein Deutscher – war Augenzeuge der großen Begebenheiten, die er erzählt, und nur zu oft selbst mit darin verflochten. Sein Buch war, wie das meine, ein Tagebuch – war – welch ein Zufall! das Tagebuch eben des großen Papstes, dessen Freipaß mich und Klärchen auf so gute Wege gebracht hatte. Wie kindisch freute ich mich nicht meines Fundes, als ich den Titel las: » Buchardi Archentinensis, Capellae Alexandri Sexti Papae. Clerici Ceremoniarum Magistri — Diarium.«S. Eccardi Corpus historic. medii aevi, wo dieses Tagebuch, das sich selten gemacht hat, abgedruckt ist. Und wie eilte ich damit an meinen Tisch! Ich hatte nun die angenehmste Beschäftigung, die ich mir wünschen konnte; denn es macht uns doch immer eine eigene Freude, den Mann auch im Schlafrocke kennen zu lernen, der in pontificalibus unserer Ehrfurcht gebeut.

Von den vielen merkwürdigen Stellen dieses päpstlichen Tagebuchs, mit denen ich das meinige ausschmücken würde, wenn ich nicht befürchten müßte, dem Interesse meiner eigenen Geschichte zu schaden, kann ich jedoch der Versuchung nicht widerstehen, Dir wenigstens eine auszuheben, die, ihres zufälligen Bezugs wegen auf meinen gegenwärtigen Handel mit Klärchen, eine Ausnahme verdient. Sie wird nebenbei, wenn Du Dir etwa einfallen ließest, an der Echtheit meiner Urkunde zu zweifeln, schon das ihrige beitragen, Dich eines bessern zu überzeugen. Ich wurde erst in dem Augenblicke mit ihrer Entdeckung überrascht und aufs neue fortzulesen ermuntert, als ich, aus Unvermögen, meine Augen länger anzustrengen, schon das Blatt, wo ich stehen blieb, gezeichnet und das anziehende Buch zugeschlagen hatte. Indem ich es gähnend von mir schob, geschah es, daß ich zufällig einen Blick auf den Ablaßbrief warf, der, wie eine Post- und Reisekarte, ausgebreitet auf meinem Tische lag; und das brachte mich auf den Einfall, in der Geschwindigkeit noch, ehe ich mein Licht auslöschte, nachzusehen, was wohl Ihro Päpstliche Heiligkeit denselben Tag begannen, da Sie das für mich so wichtig gewordene Dokument auszustellen geruhten und das Sonntags den vierundzwanzigsten Oktober datiert war. Ich hatte kaum das Diarium des ehrlichen Burchards wieder aufgeschlagen, so fand ich auch bald, kraft der guten Ordnung, die darin herrscht, was ich suchte. Der Autor, der, wie das Titelblatt sagt, Zeremonienmeister Seiner Heiligkeit war, welches ich nicht zu vergessen bitte, beschreibt unter demselben Tage eine Feierlichkeit, die ihn wohl selbst sein Amt nötigte mit anzuordnen – einen Abendzeitvertreib, mit welchem der gottselige Papst den Festtag des heiligen Martinus beschloß.

Dominica ultima, erzählt er, mensis Octobris in sero fecerunt coenam cum Duce Valentinensi in Camera sua, in palatio Apostolico quinquaginta meretrices honestae, Cortegianae nuncupatae, quae post coenam chorearunt cum servitoribus et aliis ibidem existentibus, primo in vestibus suis, deinde nudae.

Post coenam posita fuerunt candelabra communia mensae cum candelis ardentibus, et projectae ante candelabra per terram castaneae, quas meretrices ipsae super manibus et pedibus, nudae candelabra pertranseuntes colligebant, Papa, Duce, et Lucretia sorore sua praesentibus et adspicientibus: tandem exposita dona ultimo, diploides de Serico, paria caligarum bireta et alia, pro illis, qui plures dictas meretrices carnaliter agnoscerent, quae fuerunt ibidem in aula publice carnaliter tractatae arbitrio praesentium, et dona distributa victoribus.

Ich überlas diese unbefangene Erzählung mehr als einmal und klatschte dem großen Geiste wiederholt meinen Beifall zu, der frei genug von Vorurteilen war, ein solches Fest zu veranstalten, und so hochgesinnt, seine Freunde und Dienerschaft daran teilnehmen zu lassen. Denken wir uns diesen unumschränkten geistlichen Fürsten an jenem fröhlichen Abende, so wird es begreiflich, wie eine so volle Freude sein Herz bis zu der – beinahe möchte man sagen übertriebenen – christlichen Freigebigkeit erheben konnte, die aus seinem Ablaßbriefe hervorstrahlt, sich übrigens ganz herrlich mit dem schönen Vorrechte verträgt, das ihm die Kirche verlieh, über alle möglichen sinnlichen Einfälle seiner Herde den Schwamm zu ziehen.

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