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Reise in den Orient - Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Reise in den Orient - Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleReise in den Orient ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeNeunter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071114
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Zweites Kapitel. Reise nach Jerusalem.

Abreise von Beirut. – Saida. – Syrische Wirthshäuser. – St. Jean d'Acre. – Landhaus des Pascha Abdallah Hamad. – Nachtlager auf dem Carmel. – Gazellen, Schakals, Hyänen. – Jaffa. – Ramleh.

Der Tag meiner Rückkehr von Damaskus ging damit hin, daß ich den Freunden einen umständlichen Bericht über meine Abenteuer geben mußte, und ich ließ mir dagegen von dem Baron den letzten Marschtag mit der Stute hieher, so wie von den beiden jetzt wieder genesenen Kranken das Vorgefallene während unserer Abwesenheit erzählen. Auch der Fürst betheuerte mir nach seiner Gewohnheit mit vielen »vraiment« und »je vous assure,« daß er auf dem letzten Marschtage vom Libanon hieher fast gar nicht mehr gesungen habe. Dafür wurde heute Abend beim Thee desto mehr in diesem Artikel gethan und wir ließen in der Freude unseres Herzens, das traurige Beirut übermorgen verlassen zu können, noch einmal manch deutsches Lied durch die Räume des arabischen Hauses und die Klippen des Meeres erschallen.

Den folgenden Tag trafen wir alle Anstalten zu unserer Abreise. Die Pferde, die wir auf unserer Tour nach Damaskus gebraucht hatten, wurden, da sie sich als tüchtig bewährt, auch für die Reise nach Jerusalem beibehalten. Unsere Caravane hatte noch einen kleinen Zuwachs bekommen durch den Reitknecht Friedrich, von dem ich früher gesprochen und dem auch ein Pferd gemiethet wurde. Der Fürst hatte seine frühere Begleitung, Skandar und Mechmed mit dem Wurfspieß, welche ihre eigene Pferde ritten. So bestand denn unsere Karawane aus neun Reitern, mit zehn Pferden, und außerdem hatten wir drei starke Maulthiere bei uns, welche Zelte, Gepäcke und Lebensmittel trugen. Den Abend vor unserer Abreise kamen diese Thiere alle aus der Stadt, um draußen bei uns zu übernachten und da glich unser Hof einem kleinen Feldlager. Das Zelt war aufgeschlagen, die Pferde gesattelt an die Bäume gebunden, unsere Säcke und Koffer lagen schon theilweise gepackt vor dem Hause, und in der Küche war Giovanni beschäftigt, die eingekauften Lebensmittel, als Schinken, Hammelfleisch, Käse, Kaffee und Zucker, einige Flaschen Wein und eine Flasche Rum in Körbe zu verpacken. Fourrage für die Pferde brauchten wir nicht mitzunehmen, indem die Mucker uns versichert hatten, wir fänden in jedem Chan auf dem Wege von hier nach Jerusalem, als der am meisten betretenen Straße, Gerste für die Thiere im Ueberfluß, und so war es auch. Während unseres ganzen Aufenthaltes in Beirut schlief ich keine Nacht unruhiger, als die heutige, und dem Baron, der neben mir lag, ging es nicht besser. Einer fragte den Andern während der Nacht wohl hundertmal: »Schlafen Sie noch nicht?« und die Antwort war fast immer: »Ver .... ! ich kann kein Auge zuthun!«

Kaum graute der Tag, so standen wir auf und bald war das ganze Haus in Bewegung. Dann wurden die Teppiche zusammengerollt und den Maulthieren aufgeladen. Jeder zog den Sattelgurt fester an und zum letzten Mal vereinigten wir uns auf der Terrasse des Hauses, um Kaffee zutrinken, zum letzten Mal schauten wir die entzückend schöne Natur an, die sich hier in aller Pracht um uns gelagert hatte, und sagten der Stadt mit ihren traurigen Häusern, dem kleinen Friedhofe vor uns und den weißen Spitzen des Libanon ein Lebewohl. Unsere arabischen Hausleute nahmen mit all der Herzlichkeit, die uns diese guten Menschen während unseres Aufenthaltes hier beständig bewiesen, Abschied von uns, und wir bestiegen die Pferde und ritten um die Stadt herum, anfangs auf demselben Weg, der auch gen Damaskus führt. Vor den Thoren trafen wir noch unsern lieben Bekannten, den russischen Consul, Herrn v. B., der uns bis zu den Pinienanpflanzungen begleitete und dann mit treuherzigem Händedruck von uns Abschied nahm. Wir folgten dem Wege nach Damaskus bis zum Fuße des Libanon, wo er sich die Höhen hinabwand, wir aber am Fuße des Gebirges der Küste entlang ritten.

Anfänglich ging unser Weg durch tiefen Sand und oft so dicht am Meere vorbei, daß die anschlagenden Wellen die Füße unserer Pferde benetzten. So gut das Wetter den letzten Tag aussah, so hatte es sich doch heute verschlimmert, und der Himmel, der schon heute Morgen mit grauen Wolken überzogen war, sandte uns Vormittags heftige Windstürme, die uns feinen Sand ins Gesicht wehten und das Reiten sehr beschwerlich machten. Gegen Mittag ließ freilich der Wind etwas nach, aber dafür fing es so entsetzlich an zu regnen, daß das Wasser in kurzer Zeit von unsern Pferden herunter troff. Wir verließen das Ufer des Meeres und überschritten einen Ausläufer des Libanon auf einem Felsenpfad, der durch die glatten Steine und den Regen so schlüpfrig war, daß mehrere Pferde, worunter auch meines, stürzten. Wir hatten geglaubt, noch heute bis jenseits Saida zu kommen; doch da es die Araber überhaupt lieben, den Marsch des ersten Tages so klein wie möglich zu machen, und das Wetter uns heute auch nicht sehr geneigt war, so mußten wir dem Zureden unseres Hauptmuckers folgen und in einem elenden Chan übernachten, der kaum fünf Stunden von Beirut entfernt war.

Dieses Wirthshaus – es hieß Chan Nabiunis – war etwas besser als die gewöhnlichen Etablissements der Art, und bestand aus zwei Gemächern und einem kleinen Anbau für die Pferde und Esel. Obendrein hatte das Haus vorne eine Art von Gallerie, von der man die Aussicht auf das weite Meer genoß, dessen Wogen fast die Mauern bespülten. Doch zogen wir bei dem heutigen Regen, der von einer empfindlichen Kälte begleitet war, eines der rauchigen, dunklen Gemächer vor, wo unsere Sais ein Feuer angemacht hatten und Giovanni einen guten Pillau kochte. Der unangenehme Marsch heute, so wie das Gebrause der tobenden See vor unserem Hause, die ihre grünschmutzigen Wellen unaufhörlich mit lautem Donner auf den Strand warf, verstimmte uns Alle. Wir legten uns bald auf unsere Decken, ohne wie gewöhnlich ein Vocalconcert zu halten. Doch hätten wir am andern Morgen beim Erwachen füglich singen können: »Keine Ruh' bei Tag und Nacht.« denn wenn wir auch auf unseren früheren Ritten bei Tag viele Strapazen auszuhalten hatten, so war die Nacht desto ruhiger und nichts störte uns im festen sanften Schlummer. Aber das war heute zum ersten Mal ganz anders. Kaum wurde der Körper unter den Mänteln oder Decken warm, so begann an allen Theilen ein unerträgliches Jucken. Es war eine Schaar blutdürstiger Flöhe, die sich hier in den Wänden und Fußböden aufhielt und gelegentlich hervorkam, um eine Schaar armer Pilger wie wir auszusaugen. Beim Anbruch des Tages verschwanden die Ungethüme wieder; doch ließen sie so unverkennbare Merkmale zurück, daß keiner den Gedanken hegen konnte, als habe ihm nur geträumt. Von dieser Plage war übrigens Niemand verschont geblieben und der Fürst erzählte noch von einem andern Schrecken, den er gehabt. Er hatte nämlich eine Maus gehört; ein Thier, das ihn, wie er behauptete, aus der Welt jagen könne.

Wir brachen zeitig auf und kamen nach ein paar Stunden in die Gegend von Saida, dem alten Sidon, von dessen früherer Pracht und Herrlichkeit jedoch nichts mehr übrig geblieben ist; auf dem Platze, wo vor alten Zeiten die reiche phönizische Handelsstadt stand, ist jetzt nur noch eine kleine armselige syrische Stadt zu sehen. Da sowohl hier, als wie in Sur und Acre, die Pest herrschte, so vermieden wir, so viel wie möglich, die Orte zu berühren und umgingen Saida auf einem ziemlich schlechten Wege, der aber durch Gärten voll blühender Citronen- und Orangenbäume, voll Feigen, Akazien und Palmen führte. Das Wetter hatte sich glücklicher Weise wieder aufgeklärt und der Himmel lachte uns mit der schönen dunkelblauen Farbe freundlich an. Bald ritten wir am Ufer des Meeres hin, bald über flache Ausläufer des Libanon oder an steilen Felswänden, die den Fuß des mächtigen Gebirges bildeten. In einigen derselben bemerkten wir kleine Höhlen, deren Eingänge mit dem Meißel regelmäßig behauen waren. Vielleicht waren es in früherer Zeit Wohnungen syrischer Christen, die sich hier vor den Verfolgungen ihrer Feinde verbargen. Gegen Mittag überzog sich der Himmel wieder und wir wurden von einem gewaltigen Gewitterregen tüchtig eingeweicht. Vor uns senkte sich das Terrain abwärts, und wir ritten so rasch, als es unsere bepackten Maulthiere aushalten konnten. Gegen vier Uhr machten uns die Mucker auf ein vor uns liegendes altes Gemäuer aufmerksam, das unser heutiges Nachtlager sein sollte. Es schien früher eine Burg gewesen zu sein und lag auf einem kleinen steilen Hügel, rings mit einem schmutzigen Wassergraben umgeben, über den eine steinerne, wenigstens zu drei Viertel zerfallene Brücke führte.

Wir ritten die Anhöhe hinan und durch die Ruinen eines großen gewölbten Thores in den Hof. Dieser war sehr geräumig und mit Gebäuden umgeben, deren Wände aber gespalten und theilweise eingestürzt waren. Dem Eingang gegenüber stand noch ein Gewölbe, dessen vordere Seite freilich ebenfalls zertrümmert, doch groß genug war, um unsere Pferde hineinzustellen, die so wenigstens von oben und drei Seiten gegen Regen und Wind geschützt waren. Wir durchliefen den ganzen Hof, ohne einen Winkel zu finden, wo wir die Nacht hätten zubringen können; vergeblich suchten wir nach einem Gemach, das mit einer Decke versehen wäre, und da wir nichts fanden, waren wir schon entschlossen, uns bei den Pferden einzuquartieren, als unsere Mucker ein paar Kerle entdeckten, die sich uns als die Eigenthümer dieses schönen Wirthshauses darstellten und uns das Zimmer anzeigten, wo Gäste, die lieber allein, als wie unter ihren Pferden schlafend, die Nacht zubringen konnten. Dies Gemach hätten wir wirklich ohne Hülfe nicht gefunden. Ueber Schutt und Trümmerhaufen kletterten wir auf eine Art Wall, der uns an eine Ecke des Gebäudes führte, wo vor Zeiten ein großer Thurm stand. Von diesem Thurm war das untere Stockwerk stehen geblieben, d. h. ich begreife unter diesem stehen gebliebenen Stockwerke ein kleines Gewölbe mit zwei großen Oeffnungen, eine, zu der wir hereintraten und die zweite auf der andern Seite, die mannshoch, mehrere Fuß breit und wahrscheinlich bei dem Einsturz der obern Stockwerke entstanden war. Neben dem Genuß eines kühlenden frischen Zugwindes, der, mit einigem Regen vermischt, die ohnehin schon kalten Glieder fast erstarren machte, bot uns dies Gemach mit den beiden Oeffnungen noch obendrein die faulen Dünste des sumpfigen Grabens, der um den Fuß des Walles herumlief. Doch da wir keine Wahl hatten, mußten wir uns mit diesem Obdach begnügen. Unsere Koffer und Kisten, die wir mit Mühe um den schmalen Wall nach dem Thurme schleppten, wurden vor die eine Oeffnung gestellt und so dem Wind, der um dies einzeln stehende Gebäude wie toll herum fuhr, der Eingang etwas gesperrt.

Als wir uns nun so gut wie möglich eingerichtet hatten, und Giovanni ein Feuer ansteckte, um unsern Pillau zu kochen, erregte das feuchte Holz einen Rauch, der nirgends einen Ausweg fand, und uns, da wir keine Lust hatten, draußen von dem Regen durchnäßt zu werden, nöthigte, mit dem Gesicht uns platt auf die Erde zu drücken. Diesem Uebelstande war nur dadurch abzuhelfen, daß wir, sobald unser Pillau gekocht war, das Feuer wieder ausgehen ließen, denn jeder von uns wollte lieber frieren, als in dem Rauch ersticken. Ersteres wurde uns auch in gutem Maße zu Theil und die feuchten Kleider, sowie die Zugluft in dem Thurm erregten uns eine solche Kälte, daß wir sogar unsere Plage von gestern, die Flöhe, nur wenig spürten.

Am andern Morgen brauchte keiner den andern zu wecken, vielmehr war jeder froh, das feuchte Mauerloch verlassen zu können. Ich ging heute wenigstens zwei Stunden neben meinem Pferde her, um die Glieder, die ganz erstarrt waren, wieder beweglich zu machen. Glücklicher Weise schien die Sonne recht warm und angenehm, und obgleich uns auch gestern der Himmel am Vormittage so freundlich angelächelt hatte, und doch später mit einem soliden Regen regalirte, so glaubten wir doch heute den Versicherungen unserer Beduinen, daß es schönes Wetter bleiben würde, und sie behielten diesmal recht. Unser Weg führte wieder an der Küste des Meeres hin, doch ohne daß wir es sahen; denn eine kleine Hügelkette verdeckte uns die Aussicht. Das Terrain war uninteressantes Haideland und nur selten kamen wir bei kleinen Gebüschen von Feigen- und Olivenbäumen vorbei. Zur Noth hätten wir noch am Abend Acre erreichen können. Da die Stadt aber so fürchterlich zerstört war, auch jene entsetzliche Krankheit dort herrschen sollte, so folgten wir unsern Muckern, die es vorzogen, die Nacht vor der Stadt in einem kleinen Dorfe, Casmin, zu bleiben. Doch hätten wir uns bei Erblickung des heutigen Chans fast wieder für Acre entschieden; denn außerdem, daß dies Gebäude nur ein einziges schmieriges Loch hatte, wo Pferd und Mensch zusammen campiren sollten, fanden wir auch hier schon einige zerlumpte Beduinen gelagert, eine Nachbarschaft, die wohl im Stande war, unsere nächtlichen Quälgeister noch um ein paar andere Species zu vermehren. Es war ein Glück für uns, daß selbst unserem Giovanni das Gemach zu unsauber vorkam, denn er nahm sich diesmal seiner Herren mit vielem Eifer an und befahl den Muckern mit kurzen Worten, für ein anderes Lokal zu sorgen. Diese steckten die Köpfe zusammen, beratschlagten sich mit einem alten Manne, dem der Chan gehörte, und ließen uns nach kurzer Ueberlegung durch Giovanni sagen: nicht weit von dem Dorfe liege ein sehr schönes Landhaus, das wegen der Kriegsereignisse in diesem Augenblicke ganz unbewohnt sei, und wo wir eine gute Unterkunft finden würden. Nur sollten wir bedenken, daß eine Zeit lang Soldaten von der ägyptischen Armee dort gehaust, von denen einige an der Pest gestorben seien. So angenehm uns der Vorschlag war, wieder eine Nacht in einem guten Hause zubringen zu können, so stutzten wir doch bei Erwähnung der Pest und berathschlagten, was hier zu thun sei. Wenn die Angabe der Leute, daß die Pest hier in der Umgegend geherrscht habe und noch herrsche, richtig war, so konnte uns das Dorf, wo sich vielleicht noch Kranke befanden, viel gefährlicher werden, als jenes verlassene Landhaus, weßhalb wir uns für dieses entschlossen und dahin aufbrachen.

Es war ein wunderschöner Abend. Ich habe den Himmel nie so hell gefärbt, die fernen Berge nie in so schönen Tinten von saftigstem Violett und frischestem Rosenroth gesehen. Wir schlugen von der Straße links einen Feldweg ein, der durch schöne grüne Wiesen führte, und sahen bald, umgeben von einem Rosen-, Orangen- und Zitronenwald das Landhaus vor uns liegen. Es war ein schönes stattliches Gebäude und hatte, wie alle Häuser dieser Art, außer dem Erdgeschoß nur einen Stock und platte Dächer. Die Stille, die auf dem Ganzen lag, so daß bei unserer Ankunft kein menschliches Wesen uns entgegen kam, sich nichts in Haus und Garten regte, warf einen wahrhaft poetischen Reiz über unser heutiges Nachtlager, das mir wie von bösen Geistern verwünscht erschien. Ein Gitterthor, das dem Drucke wich und sich öffnete, ließ uns in einen kleinen Garten treten, der einstens sorgfältig angelegt war. Doch jetzt waren Bänke und Ruheplätze umgestürzt. Zwischen dem bunten Kies auf den Wegen wucherte das Gras empor und die zahlreichen Schlinggewächse, die an Hecken, welche die Beete umschlossen, emporgeleitet waren, mußten diese Stellung langweilig finden, denn sie hatten die hölzernen Latten verlassen und krochen gleich Schlangen auf den Wegen gegen einander, um sich über die Oede des Gartens zu besprechen. Nachdem unsere Pferde angebunden und vorläufig in einen Schuppen, der am Hause angebracht war, eingestellt wurden, machte ich eine kleine Inspektionsreise um das ganze Gebäude herum. Der Garten umgab es auf drei Seiten und war nach türkischem Geschmack sehr schön angelegt. Hie und da kleine Steinsophas, auf denen wahrscheinlich lange keine türkische Dame mehr gesessen hatte; denn das Unkraut, das überall emporschoß, wiegte sich wie spottend auf diesen Ruheplätzen. Bei solchen verlassenen Anlagen ist nichts trauriger und melancholischer, als der Anblick eines vertrockneten Springbrunnens, das Ersterben des lebendigen Strahls, der hier in diesen Ländern so nöthig ist, um der ausgedörrten Natur etwas abzugewinnen. So heimlich das Murmeln des Wassers dem Ohre ist, so traurig ist mir eine Fontaine erschienen, deren Mund schweigt. Das müssen entsetzliche Sachen sein, die dem lustigen Wasser den Mund verstopft und es zum Schweigen gebracht haben. In dem Bassin hier, welches aus einer Art grauem Marmor sehr schön gearbeitet war, lagen große Blätterhaufen, welche die umstehenden Platanen hineingestreut, und kleine Eidechsen spielten um die Brunnenröhre. Wie ich schon oben sagte, umgab eine sehr große Anpflanzung von Orangenbäumen den Garten und das Landhaus; man konnte es eher einen Wald, als eine Anpflanzung nennen. Die Stämme standen nicht in regelmäßigen Reihen und obgleich sie nicht gerade nahe zusammengepflanzt waren, bildeten doch die starken und langen Aeste der dicken Orangenbäume ein undurchdringliches Laubdach. In jenen Wald führte aus dem kleinen Garten ein Thor, das offen stand. Doch war hinter demselben noch ein drei bis vier Fuß breiter Wassergraben, über den vormals eine hölzerne Brücke geführt hatte, die aber gewaltsam abgebrochen war – wahrscheinlich hatten die ägyptischen Kriegsknechte das Holz zum Kochen ihrs Pillau verwendet – nur die beiden Hauptbalken, die zu fest in der Gartenmauer eingefügt waren, hatten sie stehen lassen. Der Anblick des Orangenwaldes war aber so schön und für uns Alle so neu, daß wir, trotz der mangelhaften Communication, in kurzer Zeit über dem Graben waren und unter dem frischen duftenden Laubdach der Blätter, Blüthen und goldgelben Früchte wandelten. Wenn wir auch schon unzählige Orangenbäume in kleinen Gruppen gesehen, so war uns doch der Anblick eines weit ausgedehnten Waldes dieser herrlichen Bäume so entzückend, daß wir jauchzend auf dem Grase dahin sprangen, uns unter den Stämmen auf den Rücken legten und mit einer wahren Wollust in die zusammenhängenden Zweige über uns schauten. Es ist aber auch fast kein schönerer und für uns Europäer zugleich fabelhafterer Anblick, als die Frucht der Orange, die in Körbe verpackt und meistens halb verfault zu uns kommt, zwischen den frischen Blättern und duftigen Blüthen zu Tausenden hängen zu sehen. Obendrein sind die Orangen an der syrischen Küste, besonders bei Jaffa und Acre, die größten und saftigsten, und es war daher kein Wunder, daß wir, von dem langen Ritt recht durstig geworden und hier auf einmal in diesen Ueberfluß versetzt, so viel von den über uns hängenden Früchten herunterwarfen, als wir nur eben gebrauchen konnten. Zuweilen kamen wir auch an einen Baum, der bittere Früchte trug, mit denen wir dann unter lautem Lachen Ballspiele trieben. So waren wir allmählig immer tiefer in den Wald gekommen und sahen das Haus nicht mehr, als wir in der besten Freude durch die Ankunft zweier Neger erschreckt wurden, die mit großen Stöcken daher sprangen und uns mit sehr zornigen Mienen ansahen. Die Erscheinung der Schwarzen in dieser Umgebung hatte gerade noch gefehlt, um den Schauplatz eines Märchens aus der Tausend und einen Nacht mit der gehörigen Staffage zu versehen. Sie schienen mir die beiden Riesen, welche die Prinzessin beschützten, die von dem bösen Zauberei in eine weiße Lilie verwandelt worden war. Es waren aber auch wirklich ein paar riesenhafte Kerle, welche uns, die wir so unbefugt in ihr Eigenthum gebrochen waren, mit ihren langen Stöcken vielleicht in einen zweifelhaften Kampf verwickelt hätten, wenn der Baron sie nicht durch Vorzeigung eines reichlichen Bakschis wieder besänftigte. So wurden wir aber die besten Freunde, und die Neger, die auf der andern Seite des Waldes in einem kleinen Häuschen wohnten, fühlten uns zu den besten Bäumen und füllten uns für den morgenden Ritt alle Taschen mit ihren Früchten.

Indessen schwebte die Sonne noch eben am Horizont und vergoldete mit ihren letzten Strahlen die Stämme der Bäume, deren ohnehin schon goldene Flüchte nun wie Tausende von Feuerballen glänzten. Giovanni und die Mucker waren unterdessen auch nicht müßig gewesen, hatten den Pferden ihr Futter gegeben, das man aus dem Dorfe heranbrachte, und ersterer saß vor der Thür des Hauses bei dem großen Feuer und kochte unsern Pillau, der heute mit einigen Hühnern, die er ebenfalls erhandelt, noch schmackhafter gemacht wurde. Wir suchten jetzt die Treppe, die in das obere Stockwerk führte und fanden oben mehrere Gemächer, die alle so verlassen und halb zerstört, wie der Garten waren. Man konnte oben recht sehen, daß eine wilde Soldateska ihr Wesen hier getrieben. Von der türkischen Einrichtung der Zimmer hatten sie nur gelassen, was ihnen unmöglich war zu zerstören, einen hölzernen Divan, der längs an den Wänden hinlief. Die aus Holz zierlich geschnitzten Schränke waren alle zerschlagen und verbrannt worden, und die Fensterläden hätten sie auch gewiß nicht verschont, wenn sie den Zugwind, da die Oeffnungen ohne Glasscheiben waren, nicht gescheut hätten. Auch der Fußboden der Zimmer war meistens zerstört und hie und da Löcher eingebrannt, wo die leichtsinnigen Kriegsknechte wahrscheinlich die glühenden Kohlen ihrer Pfeifen hingeworfen hatten. Wir verzehrten unsere Abendmahlzeit, die Giovanni heute noch mit einem süßen Reis vermehrt hatte, rauchten noch einige Pfeifen und suchten dann unsere Schlafstellen. An die Erhöhung der Divans wurden unsere Sättel gelegt, und bildeten so die Kopfkissen. Da wir alle Laden verschlossen, und es auch heute nicht so kühl wie gestern in der alten Burg war, so erschienen alsbald unsere nächtlichen Plagegeister wieder und quälten uns im wahren Sinn des Worts auf´s Blut, so daß wir fast kein Auge zuthun konnten. Dazu erhob sich noch gegen Mitternacht ein schweres Gewitter, das unsere Pferde drunten so in Angst versetzte, daß wir alle hinabsteigen mußten, um sie zu beruhigen. Und als endlich Donner und Blitz aufhörten und wir uns wieder zum Schlafen legen wollten, wüthete der Wind dergestalt um das freistehende Haus, und klapperte mit den lockern Fensterladen, daß es nicht möglich war, auch nur einen Augenblick Ruhe zu finden. Bei Anbruch des Tages erhoben wir uns Alle, und jeder klagte dem Andern seine Noth, wie sehr er in der Nacht von den Insekten zerstochen worden sei. Bis jetzt hatte uns noch der Gedanke, daß es nur harmlose Flöhe seien, die unser edles Blut verzehrten, so ziemlich getröstet; doch meine Versicherung, die ich gegen die Andern aussprach, daß ich in der Nacht zweierlei Arten von Stichen gespürt, brachte alle Gemüther in Aufruhr. Doch hatte keiner den Muth, an seinem Körper nach einem andern blutdürstigen Thiere auf Entdeckungsreisen auszugehen, denn da wir die Sache doch nicht hätten ändern können, wollten wir uns wenigstens die traurige Gewißheit nicht verschaffen.

Giovanni, der in diesen Tagen äußerst aufmerksam und liebenswürdig war, hatte den Kaffee in den Garten gebracht, und wir freuten uns Alle, ihn wieder einmal sitzend verzehren zu können, und besonders wegen der Nähe des Orangenwaldes, der nach dem Gewitterregen von dieser Nacht doppelt schön duftete. Darauf wurden die Maulthiere wieder beladen, den Leuten aus dem Dorfe ihre gelieferten Lebensmittel und Fourage bezahlt und jeder sattelte sein Pferd. Als wir vor die Gartenthüre traten, um uns aufzusetzen, bemerkten wir einen starken Moschusgeruch, der neben uns aufstieg. Wir konnten nicht begreifen, wo er herkommen möge, und dachten schon, es wären Ueberbleibsel von Arzneien, die den Kranken, welche früher das Landhaus bewohnt, gereicht worden wären. Doch halfen uns die Leute aus dem Dorfe, die der Baron darum befragen ließ, bald aus diesem Irrthum; einer riß eine Handvoll kleiner Kräuter ab, die am Wege wuchsen, und brachte sie uns. Sie hatten fein gezackte wolligte Blätter, und von ihnen kam der starke Geruch.

Das Wetter war heute wieder ebenso schön wie gestern, und wir ritten rasch über die vom Regen erfrischten Felder gen Acre, das wir in Kurzem vor uns liegen sahen. In der Nähe der Stadt kamen wir durch ein türkisches Lager von Kavallerie und Infanterie, die unter hellgrünen Zelten ihre Wirtschaft trieben. Die Soldaten krochen aus ihren Baraken heraus und sahen uns neugierig an, während wir vorüber ritten. Hie und da bot uns einer etwas zum Verkauf an, ein schönes Bernsteinmundstück, einen Säbel oder ein paar Pistolen und dergleichen mehr. Doch ritten wir so rasch wie möglich vorbei, da wir diese lieben Leute bei Beirut genugsam hatten kennen gelernt, und da auch die Pest in all' diesen Lagern so gut wie in den Städten herrschen sollte.

Jetzt ritten wir um die äußere Mauer auf der Landseite herum nach dem Hafen und Meerbusen von Acre, wo wir unsere Pferde ließen, und zu Fuße in die Stadt traten, um die zerschossenen und gesprengten Werke und Häuser in der Nähe zu sehen.

Wir gingen durch einige Straßen der Stadt und sahen überall die starken Verheerungen, welche die Kugeln der Flotte angerichtet. Doch schien es mir, als haben die Häuser der Stadt mehr gelitten, als Wall und Mauer. Man konnte in den Straßen fast keinen Schritt thun, ohne bei Trümmerhaufen vorbeizukommen. Vieles Volk, Soldaten wie Einwohner, campirten unter grünen Zelten oder Gerüsten von Balken, die sie aufgerichtet hatten. Wir verließen die Stadt bald wieder, setzten uns draußen auf unsere Pferde und ritten um den Meerbusen von Acre herum. Auch hier sah man, sowie an der Küste von Beirut, die deutlichen Spuren der Verheerung, welche der Sturm vom l. auf den 2. Dezember vorigen Jahres angerichtet. Mehrere größere und kleinere Handelsschiffe lagen zerschmettert am Ufer, und ebenso eine englische Kriegsbrigg, die hier gestrandet war. Doch hatte man von letzterer so viel wie möglich gerettet. Ihre Matrosen und Soldaten hatten sich bei dem Fahrzeug kleine Barraken aufgeschlagen, und bewachten Kanonen, Masten, Takellage, die man vom zertrümmerten Wrak herunter genommen. Nach ungefähr drei Stunden, die wir immer dicht an der Küste des Meerbusens auf weichem Muschelsande reitend, durch Jagd auf allerhand Wasservögel verkürzt hatten, erreichten wir Haifa, ein kleines Dörfchen mit alten Mauern und Thoren, am Fuß des Carmel liegend. Vor dem Ort hatten wir die Freude, den Drusenfürsten wieder zu sehen, der vor einiger Zeit mit seinen Reitern in Beirut gewesen war. Er lag mit seiner Kavallerie um Acre und Haifa herum, und wollte gerade nach der Festung reiten. Wir wechselten einige freundliche Worte zusammen, und verließen ihn, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. In Haifa machten wir einen kleinen Halt und nahmen für unser heutiges Nachtlager, das Kloster auf dem Carmel, Fourrage für unsere Pferde mit, da es hieß, man würde uns dort oben keine geben können. Nach Verlauf einer kleinen Stunde ritten wir langsam den sehr steilen Weg des Carmel hinan, fast niedergedrückt von der Nachmittagssonne, die, an dem Berge abprallend, uns sowohl wie die Thiere äußerst ermattete. Die prächtig weite Aussicht, die immer ausgedehnter und schöner wurde, je höher wir stiegen, entschädigte uns einigermaßen. Vor uns lag Haifa, St. Jean d'Acre, von dem Meerbusen getrennt, und in der ungeheuren Fläche des Meeres, die wir von hier oben sahen, fast nur wie ein kleiner Einschnitt erscheinend. Endlich erreichten wir das Kloster, und waren nicht wenig überrascht von den stattlichen Gebäuden, die wir hier so unverhofft vor uns sahen. Wir ritten vor die Thür des Klosters, das, in großem Maßstab aus schön gehauenen Steinen aufgeführt und mit hohen Fenstern versehen, eher einer fürstlichen Residenz als einem Mönchskloster ähnlich sieht. Es erschienen ein paar Brüder in ihrer braunen Ordenstracht, die uns aufs Freundlichste willkommen hießen und in das Innere des Hauses führten, wo unsere Ueberraschung bei jedem Schritte stieg. Wir arme Pilger waren schon ganz entwöhnt, ein schön gebautes und gut eingerichtetes Haus zu sehen, so daß wir Alles mit einer kindischen Neugierde betrachteten. Schöne Steintreppen führten in den ersten Stock; oben kamen wir in einen Speisesaal, mit Tischen, Stühlen und ganzen Schränken voll Glas- und Porzellansachen versehen. An diesen Saal stieß eine Reihe freundlicher kleiner Zimmer für Gäste und Pilger, auf's Beste und Sauberste eingerichtet. Da waren eiserne Bettgestelle, mit den schönsten Matratzen, weißem frischem Leinenzeug und grünen Vorhängen; da waren Waschtische mit allen Bequemlichkeiten, Spiegel, Stühle, kurz bis zum Stiefelzieher herab Alles auf's Beste eingerichtet. Das Kloster auf dem Carmel kam uns nach den entsetzlichen Quartieren, die wir bisher gehabt, wie eine Wohnung der Seligen vor, und die guten Paters ergötzten sich nicht wenig an der Freude, mit der wir ihre Herrlichkeiten betrachteten. Wer sich noch nie in gleichem Falle mit uns befand, der wird das Wohlgefallen nicht mitfühlen, uns wieder einmal ordentlich waschen und frische Wäsche anziehen zu können. Ja, dieser Genuß war weit größer, als der der guten Mahlzeit, die wir, auf Stühlen an einem ordentlichen Tische sitzend, bald darauf einnahmen.

Nach Tische führte uns einer der Mönche zu dem Prior, einem Mann in den besten Jahren, mit kohlschwarzem langem Bart und einem sehr einnehmenden Wesen. Sein Zimmer war mit Büchern, mathematischen und astronomischen Instrumenten angefüllt, die auf eine gediegene wissenschaftliche Bildung des Mannes hindeuteten, welche sich auch in seinen Gesprächen kundgab. Er war ein Spanier und erst zwei Jahre auf dem Carmel. Später besahen wir das ganze Kloster und die schöne geräumige Kirche, in welcher sich unter dem Hochaltar die Grotte des Propheten Elias befindet.

Vom platten Dach des Klosters genossen wir in der schönsten Abendbeleuchtung eine wundervolle Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel des Libanon und Antilibanon, nach Westen auf das Mittelmeer und nach Süden auf die Ebene der Meeresküste bei Atlit und auf das Gefilde von Cäsarea; gegen Osten verdeckten uns die vortretenden Höhen die Aussicht; dort lag Nazareth und der Tabor.

Auf unserer ganzen Tour in Syrien schliefen wir keine Nacht so ruhig und angenehm, wie hier auf dem Carmel, und als wir am andern Morgen zum Aufbruch geweckt wurden, war uns die Nacht wie eine Minute verflogen. Doch standen die Pferde schon zur Weiterreise gesattelt und wir verließen das Kloster bei Sonnenaufgang mit unserem besten Dank gegen die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der guten Mönche. Anfänglich führte uns der Weg die romantischen Schluchten des Gebirges hinab und dann wieder an die Küste des Meeres, das wir auf unserem heutigen Marsch nur dann verließen, wenn das Ufer aus Klippen bestand, die wir umgehen mußten. Gleich am Morgen hatte unser Nimrod, der Maler F., eine Hyäne entdeckt, die sich aber bei unserem Anblick tiefer in's Gebirge zog, und obgleich wir ihr eine Stunde folgten, und gar zu sehr gewünscht hätten, ihre nähere Bekanntschaft zu machen, so sahen wir sie doch nicht wieder. Dagegen schoßen wir ein paar Schakals und eine ziemlich große Schlange, die am Weg auf einem Steinblock lag und sich sonnte. Unser heutiger Weg führte uns durch große grasbewachsene Flächen, die gen Jaffa zu immer häufiger und üppiger werden. Auf ihnen sahen wir heute zum ersten Mal schöne niedliche Gazellen in großen Schaaren; doch habe ich nie ein Wild gesehen, welches so scheu und flüchtig ist, wie dieses. Wenn wir ganz ruhig unsere Straße zogen, hielten sie kaum auf zweitausend Schritte, doch wenn selbst in dieser weiten Entfernung einer von uns sein Pferd gegen sie wandte oder eine Pistole abschoß, so jagten sie in unglaublicher Schnelligkeit davon und wir sahen sie in kurzer Zeit nur noch fern am Horizont. Es ist sehr schwer, eines dieser Thiere zu erlegen, denn selbst eine Gemse ist viel leichter zu beschleichen, als eine Gazelle. Wie jene stellen sie Wachen aus, die den Jäger auf den weiten flachen Ebenen noch viel eher entdecken, als wenn das Terrain bergigt und bewachsen wäre. Es gibt hier eine Art Windhunde, die allenfalls im Stande sind, eine Gazelle, die keinen zu großen Vorsprung hat, einzuholen. Doch fangen selbst diese schnellen Hunde gewöhnlich nur ganz junge oder erkrankte Gazellen.

Gegen Mittag kamen wir bei den Ruinen von Castellum peregrinorum vorbei; doch sieht man von denselben nur noch undeutlich auf der Landseite die Umrisse der Gräben und Ueberreste von alten Mauern. Nachmittags gegen vier Uhr erreichten wir unser heutiges Nachtlager, ein kleines armseliges Dorf, Tantura, dicht am Meere gelegen. Da es hier keinen Chan gab, so quartierten wir uns in einer Art von Schoppen ein, der früher zur Aufbewahrung von Früchten benutzt wurde. Doch wurde uns die Armseligkeit dieses Lokals, besonders nach dem gestrigen herrlichen Quartiere auf dem Carmel, recht fühlbar. Es war aber auch eines der schlechtesten, die wir bisher gehabt. Die beiden schönen Pferde des Barons hatten wir mit in unser Gemach genommen und die andern waren nebenan in einem andern noch schmutzigeren Winkel untergebracht. Außer den schon früher bemerkten unangenehmen Thieren, die unsere Nachtruhe störten, waren es hier ganze Schaaren von Ratten und Mäusen, die uns belästigten. Unser guter Fürst, der eine schreckliche Abneigung gegen letztere Thiere hatte, hielt so komische Lamentationen, daß die Nacht, trotz allem Elend, fast unter lauter Lachen und Scherzen verging. Ich hatte mich in eine Art Nische zurückgezogen, doch kaum hatten wir das Licht ausgelöscht und es war etwas ruhig geworden, als mich die Mäuse und Ratten förmlich aus meinem Lager vertrieben. Was dieses zudringliche Volk über meinem Kopfe in der Mauer anfing, war mir unerklärlich; doch kaum hatte ich mich niedergelegt, so fing es dort an zu krabbeln und zu kratzen und scharrte mir eine solche Menge Lehm und Erde auf den Kopf, daß ich mich flüchten und in die Mitte des Gemachs legen mußte. Doch war es hier auch nicht viel besser, denn es wimmelte in der ganzen Hütte von allerlei Ungeziefer. Zuweilen sprang uns eine langgeschwänzte Ratte über den Kopf, dann hörten wir deutlich, daß ganze Schaaren von Mäusen unser Brod und andere Effecten benagten, kurz, es war nicht zum Aushalten; auch die andern blutdürstigen Ungeheuer, die wir gehofft hatten, gestern auf dem Carmel zu entfernen, zeigten sich wieder in großer Anzahl und ließen uns kein Auge zuthun, weßhalb wir schon gegen drei Uhr wieder aufstanden und Anstalten zum Abmarsch trafen. Um vier Uhr schwangen wir uns auf die Pferde und ritten davon. Der Tag stieg langsam herauf und als es so hell war, daß man die Gegenstände um sich her erkennen konnte, bemerkte ich einen Teich, der einige hundert Schritte vom Weg ablag und worauf ich etwas schwimmen sah, das mir wilde Enten oder sonstige Wasservögel zu sein schienen. Ich nahm das Gewehr, stieg vom Pferde, welches ich einem unserer Mucker gab, und ging langsam auf das Wasser zu, um im glücklichen Fall auf heute Abend einen Braten zu schießen. Als ich jedoch näher kam, sah ich, daß es keine Wasservögel waren, sondern kleine Stücke Holz, die von Weitem ungefähr so aussahen. Der Teich war mit niedrigen Gesträuchen umgeben, und da ich ihn erreicht hatte, wollte ich auch vollends um ihn herumgehen. Der Seite gegenüber, wo ich hergekommen war, begann wieder eine der großen Grasflächen und hier entdeckte ich eine seltene und erwünschte Jagdbeute. Meine Schritte verursachten ein ziemliches Geräusche in dem hohen Grase und hierdurch aufgeschreckt, gingen wenige Schritte vor mir drei Gazellen auf und mit solcher Schnelligkeit von dannen, daß sie schon an fünfundzwanzig Gänge von mir entfernt waren, ehe ich Zeit hatte, das Gewehr anzulegen. Der eine Lauf versagte mir, doch mit dem andern schoß ich glücklich eines dieser Thiere. Es machte noch einige Sätze vorwärts und stürzte dann zusammen. Das Thier war von der Größe einer Rehkitze und nach seinen beiden kleinen Krücken zu urtheilen, noch sehr jung. Ich nahm es auf meine Schultern und suchte meinen Gefährten nachzukommen, die unterdessen schon weit voraus waren. Auch wandte sich der Weg nach einer ganz andern Richtung, als auf der wir vorhin ritten, und so glaubte ich schon mich verirrt zu haben, als die aufgehende Sonne mit ihren Strahlen vor mir etwas Glänzendes beschien und ich unsere Karawane erkannte. Doch hatte ich noch immer eine gute halbe Stunde zu thun, ehe ich, mit der Gazelle auf dem Rücken, und durch vier bis fünf Fuß hohes Gestrüpp watend, sie erreichen konnte. Die Freude beim Anblick meiner Jagdbeute war indessen nicht gering, und wir dachten schon im Voraus an den seltenen Genuß eines guten Bratens, den uns das Thier gewähren würde.

Unser heutiger Marsch war einer der angenehmsten, dagegen unser Nachtlager das schlechteste, das wir je gehabt. Ersterer führte fast den ganzen Tag durch eine duftige, grün bewachsene Fläche, wo wir häufig dem Spielen und der Flucht großer Gazellenheerden zuschauten. Gegen Abend wurde das Terrain etwas hügelig und wir hatten rechts und links hohe Gebüsche, aus denen bei einbrechender Dunkelheit die Schakals ihre zarten Stimmen ertönen ließen. Ein gräßlicheres Geschrei kann man nicht leicht hören; ein unangenehmes heiseres Bellen; besonders diesen Abend mußten sich in den Gebüschen ganze Heerden dieser Thiere aufhalten. Wir schossen einige Male unsere Pistolen ab, worauf sie eine Zeit lang schwiegen, doch auch gerade nur so lange wie die Frösche in einem Teich, wenn man einen Stein hinein wirft.

Unser Nachtquartier sollte heute ein kleines Dorf sein, mit Moschee und Chan, und die Mucker hatten es als eines der besten auf unserem ganzen Wege gerühmt. Doch unsere Erwartungen wurden sehr getäuscht. Jetzt lag das kleine Dorf vor uns und wir waren bald zwischen den ersten Häusern. Doch obgleich die Sonne kaum untergegangen, sahen wir keinen Menschen. Schliefen die Bewohner schon oder kamen sie vielleicht aus Furcht vor uns nicht aus ihren Löchern? Als wir bei der Moschee und dem, was sie hier einen Chan nennen, ankamen, fanden wir dort zwei Beduinen, die uns das Räthsel lösten. In dem Dorf hatte ein Trupp türkischer Soldaten so arg gewirthschaftet, daß die Einwohner bei Annäherung einer zweiten Abtheilung mit ihren sämmtlichen Habseligkeiten die Flucht ergriffen hatten. Ihr Korn, Gerste und sonstige Feldfrüchte hatten sie in großen Löchern verborgen, die nicht so leicht aufzufinden waren. Diese Nachrichten waren für uns nicht angenehm, denn wir hatten hier auf ein gutes Futter für die Pferde und auf Lebensmittel für uns gerechnet, da der Vorrath in unsern Säcken und Körben sehr zusammengeschmolzen war. Zuerst sahen wir uns nach einem Stalle um, wo wir die Thiere unterbringen konnten, doch war nichts der Art zu finden und wir mußten sie also im Freien übernachten lassen. Der Chan bestand aus zwei Gemächern, von denen das eine keinen Rauchfang hatte und das andere von den beiden Beduinen, zu denen sich bald noch ein dritter und vierter gesellte, eingenommen war. Wenn die meisten dieses Volkes nicht sehr reinlich und zierlich gekleidet sind, so waren diese ihrem Aussehen nach rechte Landstreicher. Um die Füße hatten sie grobe Lappen gewickelt, die Farbe ihres Unterkleides war gar nicht zu erkennen und der Burnus, aus allen möglichen Stoffen und Farben zusammengesetzt, ließ an mehreren Stellen die dunkelfarbigen, sehnigten Glieder durchblicken. Am besten waren ihre Waffen: die Lanze hatte die unentbehrliche Büschel von schwarzen Straußfedern und die Säbel sahen auch recht gut aus; nur war die Klinge, statt in einer Scheide zu stecken, mit alten Lappen umwickelt.

Da es ziemlich kühl war, so mußten wir, um ein Feuer unterhalten zu können, uns mit jenen Kerls in dasselbe Gemach legen. Doch wurde schon von vorne herein bestimmt, daß wir während der Nacht abwechselnd wachen wollten. Kaum loderte unser Feuer und wir sahen behaglich umher, die durchkälteten Glieder etwas zu erwärmen, als durch die offen stehende Thüre eine Katze hereinschlich, bald darauf eine zweite, eine dritte, vierte, fünfte und sechste, und hinter diesen hörten wir an den uns so wohl bekannten Tönen, daß noch mehrere draußen seien. Und so war es auch. Der ganze Hof wimmelte von einer Unzahl von Katzen, die, von den Bewohnern des Dorfes zurückgelassen, jetzt die neuen Ankömmlinge witterten und von allen Seiten herbeikamen, um etwas zur Stillung ihres Hungers zu finden. Die Thiere waren nicht zu verjagen und wenn wir ihnen auch nichts zu Leide thaten, so machten unsere Mucker und die Beduinen, als sie sahen, daß uns die Thiere in dem Zimmer belästigten, eine große Jagd auf sie, die mancher das Leben kostete. Die Moschee neben uns an war eine Ruine zu nennen, denn das Mauerwerk war halb eingestürzt und von dem Minaret standen kaum noch zwei Drittel. Es fehlte uns heute Abend an Allem, sogar am Wasser, und wenn auch gleich bei der Moschee ein Brunnen war, so hatten wir kein Geschirr und auch nicht Stricke genug, um auf den Wasserspiegel zu langen. Wir halfen uns so gut wir konnten, indem wir die Stricke, die sich an unsern Säcken und Körben befanden, mit unsern Shawls zusammen knüpften, und an diesen unser Kaffeegeschirr banden, wo wir dann am Ende Wasser, aber nur in sehr kleinen Portionen bekamen. Den Thieren konnten wir auf diese Art natürlich keines herausschöpfen. Wir hatten nicht einmal ein Korn Futter für sie und entschlossen uns schon, nur einige Stunden hier zu bleiben, um am andern Morgen früh das nicht weit von hier entfernte Jaffa zu erreichen. Doch halfen uns die Beduinen, denn sie gingen ins Dorf und waren so glücklich, in kurzer Zeit eine jener Gruben aufzufinden, worin die Leute ihre Früchte vergraben, und brachten Gerste genug für die Pferde mit.

Nachdem wir aus unsern Körben die Reste von Brod, Fleisch und Käse zusammengescharrt hatten, legten wir uns hin und versuchten zu schlafen. Ob ich gleich offiziell die erste Wache allein hatte, so wachten doch Alle mit mir, denn unsere Plage, die kleinen blutdürstigen Flöhe und andere dergleichen Insekten überfielen uns heute grimmiger als je. Keiner konnte ein Auge schließen und bald hatte ich bei meinem Wachedienst Gesellschaft genug, denn einer um den andern kam aus der Ecke hervor und setzte sich zu mir ans Feuer, wo wir aus reiner Verzweiflung mit den Resten unseres Kaffees und Zuckers uns die Zeit vertrieben und eine Tasse um die andere tranken. Auch unsern Muckern draußen gefiel es hier sehr schlecht, und als es noch ganz finster war, fragten sie schon um Erlaubniß, aufpacken zu können, da der Weg nach Jaffa leicht zu finden wäre. Wir waren froh, dies elende Local verlassen zu können, sattelten deßhalb unsere Pferde und ritten in der Dunkelheit fort. Die vier Beduinen, die wir hier angetroffen hatten, schlossen sich an uns an. Die Spitze des Zugs hatte unser Hauptmucker und wir folgten ihm, einer hinter dem andern, um nicht in Gräben oder Wasserpfützen zu stürzen, die sich rechts oder links befinden könnten.

Das Terrain war wie gestern, grüne Wiesen mit Gebüschen durchsetzt, und zuweilen kamen wir in kleine Waldungen. Mit Anbruch des Tages erreichten wir einen Weideplatz mit einigen schlechten Hütten, in denen sich Hirten befanden, die uns die eben frisch gemolkene Milch ihrer Kühe und Ziegen anboten. Wir lagerten uns um sie im Grase und tranken mit viel Behagen die gute Milch, zu welcher wir die Reste unseres steinharten Brodes verzehrten. Mir hat übrigens in meinem ganzen Leben kein Kaffee, auf das Eleganteste servirt, so geschmeckt, wie dies ländliche Frühstück. Wir brachen jedoch bald wieder auf und kamen nach einigen Stunden in die Nähe von Jaffa, wo sich damals, sowie in Ramleh und Jerusalem, ein großer Theil der türkischen Armee befand. Lange vorher, ehe wir die Stadt ansichtig wurden, begegneten wir schon ganzen Schaaren dieser Kriegshelden, die wahrscheinlich in der Umgegend fourragirt hatten und mit Früchten und Vieh nach der Stadt zurückkehrten. Auf den nächsten Höhen vor Jaffa befanden sich rechts und links vom Wege zwei große Lager von grünen und grauen Zelten, unter denen reguläre Infanterie und Kavallerie hausten. Jetzt lag Jaffa vor uns und zugleich sahen wir das Meer wieder, das seine Mauern bespült. Die alte bekannte Stadt gewährte übrigens keinen großartigen Anblick. Sie liegt auf einem kleinen Hügel und sieht von der Nordostseite, von welcher wir herkamen, mit ihren alten Mauern und Häusern einer großen unregelmäßig zusammengebauten Burg ähnlich. Die Umgebung der Stadt von Nordost, eine sandige Fläche, und von Süden das blaue Meer, ist nur im Osten schön, wo dichte Wälder von Palmen, Platanen, Feigen- und Orangenbäumen die Mauern bekränzen. Wie vor einem Bienenhause wimmelte es vor der Stadt und an den Thoren von Soldaten, meistens irreguläre Kavallerie, die aus- und einzogen. Ebenso waren die Straßen vollgepfropft, daß wir uns kaum nach dem Kapuzinerkloster durchwinden konnten. Auf allen Plätzen waren Zelte aufgeschlagen, oder es lagen die Soldaten unter freiem Himmel auf der Straße und kochten an kleinen Feuern. Die Kavallerie hatte ganz Jaffa in einen großen Stall verwandelt, denn ihre Pferde standen rechts und links an den Häusern festgebunden und ließen nur eine schmale Gasse frei, die man mit Lebensgefahr passiren mußte; denn die Pferde waren unruhig, traten zurück und bissen und schlugen nicht selten um sich. Doch erreichten wir ohne Unfall das Kloster, wo wir unsere Reisegefährten vom Dampfboote Crescent, die östreichischen Offiziere, wieder zu finden hofften. Wir trafen sie auch oben beim Prior, mit Ausnahme des Grafen Szechenyi, der unterdessen nach Damaskus gezogen war, wo ihn der Tod ereilte. Da es ohnehin nicht in unserer Absicht lag, heute in Jaffa zu bleiben, worin wir durch die Ueberfüllung der Stadt, sowie durch die Versicherung des Priors, daß es ihm unmöglich sei, uns ein Obdach zu geben, noch bestärkt wurden, so fütterten wir rasch unsere Pferde ab, nahmen mit Dank die Mahlzeit an, die uns der Prior serviren ließ, und ritten gen Ramleh, das wir auch am Abend erreichten.

Bis jetzt hatten wir auf unsern Touren die lateinischen Klöster, wo es deren gab, besucht. Doch da sich Fürst Aslan von Beirut aus mit sehr guten Empfehlungsbriefen an die Klöster seiner Kirche versehen hatte, so ritten wir bei unserer Ankunft in Ramleh vor das dortige griechische Kloster, ein schönes stattliches Gebäude, wo wir die freundlichste Aufnahme fanden. Neben den Bequemlichkeiten, die uns ein reinliches Zimmer mit guten Kissen und Teppichen darbot, erfreute und beschäftigte uns besonders heute Abend der Gedanke, morgen das Hauptziel unserer ganzen Tour, Jerusalem, zu erreichen.

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