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Reise einer Wienerin in das Heilige Land

Ida Pfeiffer: Reise einer Wienerin in das Heilige Land - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorIda Pfeiffer
titleReise einer Wienerin in das Heilige Land
publisherHenry Goverts Verlag GmbH
editorLudwig Plakolb
year1969
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Reise von Beirut nach Alexandria und Kairo in Ägypten

Erst am 28. Juli ging ein griechischer Zweimaster nach Alexandria unter Segel. Um zehn Uhr nachts begab ich mich an Bord, und des andern Morgens um zwei Uhr wurden die Anker gelichtet. Wohl nie sagte ich einem Ort mit so viel Vergnügen Lebewohl wie der Stadt Beirut, nur die Trennung von meiner unvergeßlichen Pauline fiel mir recht schwer. Ich hatte das Glück, auf dieser Reise viele gute Menschen zu treffen, sie gehörte zu den besten!

Doch leider war das Schicksal noch nicht müde, mich zu verfolgen, und das alte Sprichwort »Vom Regen in die Traufe« bewährte sich an mir vollkommen. Auf diesem Schiff und in der Quarantäne zu Alexandria ging es mir beinahe noch schlechter. Mit dem Kapitän eines solchen Fahrzeuges muß man über alles einen schriftlichen Kontrakt machen, wo er zum Beispiel landen und wie lange er verweilen darf usw.; unterläßt man dies, so führen sie einen oft kreuz und quer herum. Ich bemerkte dies auf dem Konsulat und ersuchte die Herren dafür zu sorgen; allein man versicherte mir, man kenne diesen Kapitän als Ehrenmann, und eine solche Vorsicht sei ganz unnötig. Darauf bauend, gab ich mich ruhig in die Hände dieses Mannes. Doch kaum waren wir auf offenem Meer, so erklärte er uns ganz unverhohlen, daß er für die Reise nach Alexandria zuwenig Lebensmittel und Wasser habe und nach dem Hafen Limassol auf Cypern steuern müsse. Ich war über diesen schändlichen Betrug und Zeitverlust äußerst aufgebracht und widersetzte mich sehr. Aber es half nichts, einen schriftlichen Kontrakt hatte ich nicht, und die übrige Gesellschaft verhielt sich leidend.

Die Reise auf einem gewöhnlichen Segelschiff, wenn es kein Paketboot ist, gehört zu den langweiligsten, die man sich denken kann. Die untern Räume des Schiffes sind gewöhnlich so mit Waren überladen, daß man nur auf das Verdeck angewiesen ist. So war es auch hier der Fall. Während des Tages mußte ich in einer unausstehlichen Hitze, nur durch einen aufgespannten Schirm gegen die Sonne geschützt, indem nicht einmal ein Stückchen Segeltuch als Zelt irgendwo gespannt war, des Abends und in der Nacht bei einer Feuchtigkeit, die oft so stark war, daß nach einer Stunde mein Mantel schon ganz naß wurde, bei Kälte und starkem Wind auf dem Verdeck bleiben. So ging es fort zehn Tage und elf Nächte, während welcher Zeit ich nicht einmal Gelegenheit hatte, die Wäsche zu wechseln. Dies war doppelt empfindlich für mich, denn wenn irgendwo Reinlichkeit nötig ist, so ist dies der Fall auf solch einem schmutzigen, ekelhaften Schiff, wie gewöhnlich die griechischen sind. Die Gesellschaft bot mir ebenfalls nicht den geringsten Ersatz. Von Europäern waren zwei junge Leute da, die eine unbedeutende Anstellung von der türkischen Regierung in irgendeiner Quarantäneanstalt erhalten hatten. Beide albern, aufgeblasen und in ihrem Benehmen ganz gemein. Ferner vier Studenten aus Alexandria, die in Beirut auf der Kost waren und zu den Ferien nach Hause kamen; gutmütige, aber äußerst vernachlässigte Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren, die sich am liebsten mit den Matrosen abgaben und bald mit ihnen spielten, zankten oder schwatzten. Die übrige Gesellschaft bestand aus einer wohlhabenden arabischen Familie samt deren Negersklaven und Sklavinnen und noch aus einigen andern, ganz armen Leuten. Und in solcher Umgebung mußte ich eine so lange Zeit zubringen! Freilich, werden manche sagen, konnte ich bei dieser Gelegenheit das Betragen und die Gewohnheiten dieser Leute recht aus der Nähe beobachten; aber gern hätte ich diesem Studium entsagt, denn es gehört wahrlich mehr als eine himmlische Geduld dazu, all die unzähligen Unannehmlichkeiten mit Standhaftigkeit zu ertragen. So zum Beispiel ist bei den Arabern und auch bei den gemeinen Griechen alles, was man bei sich hat, ein Gemeingut; ein Messer, eine Schere, ein Trinkglas usw. nimmt der eine von dem andern, ohne nur zu fragen, gebraucht diese Dinge und stellt sie zurück, ohne sie vorher zu reinigen. Auf die Matte, den Teppich oder das Polster, was man zum Gebrauch als Bett mit sich führt, legt sich der Neger so gut wie sein Herr, und wo dies Volk nur eine leere Stelle findet, flugs setzt oder legt es sich darauf. Bei der größten Sorgfalt ist es unausweichbar, daß man die ekelhaftesten Tiere auf Kopf und Gewand bekommt. Eines Tages putzte ich mir die Zähne mit einem Bürstchen, dies bemerkte einer der griechischen Matrosen, er sah mir zu, und als ich das Bürstchen einen Augenblick neben mich legte, nahm er es in die Hand; ich dachte, er wolle es besehen, aber nein, er machte es geradeso wie ich, und nachdem er sich die Zähne geputzt, legte er das Bürstchen hin und gab mir sein Wohlgefallen darüber zu erkennen.

Die Kost ist auf einem solchen Schiff ebenfalls äußerst schlecht. Des Mittags bekommt man Pilaw, alten Käse und Zwiebeln; des Abends Sardellen, Oliven und wieder alten Käse und statt des Brotes Schiffszwieback. Diese köstlichen Gerichte werden auf ein Brett auf den Boden gesetzt, und um dieses Brett lagern sich die Kapitäne (meistens hat ein Schiff zwei, drei Inhaber) nebst dem Steuermann und jenen Passagieren, die sich nicht selbst mit Lebensmitteln versehen haben. Ich nahm an diesen Mahlzeiten nicht teil, ich hatte einige lebende Hühner, Reis, Butter, getrocknetes Brot und Kaffee mitgenommen und besorgte mir die Kost selbst. Die Reise auf einem so appetitlichen Schiff kommt freilich nicht hoch, wenn man die Leiden und Entbehrungen nicht anrechnet. Für letztere wüßte ich wahrlich keinen Preis zu bestimmen. Ich zahlte für die Reise nach Alexandria (eine Entfernung von fünfhundert Seemeilen) sechzig Piaster, die Lebensmittel kamen mich auf dreißig Piaster, und so kostete mich die ganze Reise nicht mehr als neunzig Piaster oder sieben Gulden und dreißig Kreuzer.

Der Wind war uns meist sehr ungünstig, so daß wir oft Tage und Nächte kreuzten und, wenn wir des Morgens erwachten, uns beinahe auf demselben Fleck befanden.

Das ist eine der unangenehmsten Empfindungen, die sich gar nicht schildern läßt. Immer fahren und immer fahren und doch nicht weiterkommen. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich manchmal aus Ärger und Verdruß Tränen vergoß. Meine Reisegefährten konnten meine Ungeduld gar nicht fassen, denn ihnen ist es bei ihrer angeborenen Trägheit ganz gleichgültig, ob sie durch acht oder vierzehn Tage ihre Zeit auf dem Schiff oder zu Hause mit Nichtstun, Schlafen und Rauchen zubringen, ob sie nach Cypern oder Alexandria kommen. Erst am vierten Tage landeten wir in

Limassol

Dieser Ort hat hübsche Häuser, deren einige sogar mit schiefen Dächern versehen sind und den europäischen gleichen. Hier sah ich seit meiner Abreise von Konstantinopel wieder das erste Fuhrwerk, aber freilich keine Kutsche, sondern nur einen hölzernen Karren auf zwei Rädern, der nur zum Transport von Waren, Steinen und Erde bestimmt ist. Die Umgebung Limassols ist äußerst öde, beinahe wie bei Larnaka, nur liegen die Gebirge viel näher.

Wir blieben da von früh bis in die Nacht, und nun erst erfuhr ich, daß die Eigentümer des Schiffes nicht sosehr der Lebensmittel wegen gelandet waren, sondern hauptsächlich, um Weine zu fassen und Reisende zu suchen; an letzteren bekamen sie indessen nicht den geringsten Zuwachs. Der Wein ist sehr wohlfeil, ich kaufte eine Flasche, die ungefähr drei Seidel ziemlich guten Cypernwein enthielt, um einen Piaster.

Als wir wieder flott waren, ließ der Kapitän neuerdings verlauten, daß er zu Damiette landen wolle. Da verging mir aber alle Geduld, ich nannte ihn einen Betrüger und bestand darauf, daß außer Alexandria nirgends gelandet werde, widrigenfalls ich ihn vor Gericht belangen würde, und sollte es mich einige hundert Piaster kosten. Dies wirkte doch so viel, daß er mir sein Wort gab, nirgends mehr anzuhalten.

Noch eine Begebenheit trug sich auf dieser Reise zu, die darum interessant ist, weil man aus ihr den Heldenmut der Griechen entnehmen kann.

Am 5. August, ungefähr um die Mittagszeit, entdeckte unsere Mannschaft in der Ferne einen Zweimaster, welcher plötzlich, als er unseres Fahrzeuges ansichtig wurde, einige Segel einzog, seinen Lauf änderte und auf uns zusegelte. Nun war dies Schiff nach aller Meinung nichts anderes als ein Pirat, denn warum sollte es seinen Lauf ändern? Warum gerade auf uns Jagd machen? Sonderbar war diese Erscheinung wohl, aber so bewährten Seehelden müssen ja schon allerlei Fälle vorgekommen sein, so daß sie nicht gleich das Ärgste zu fürchten brauchen, besonders da doch, soviel ich weiß, den Piraten das Handwerk so ziemlich gelegt worden ist und man von solchen Fällen wenigstens in diesen Gegenden gar nichts hört.

Bei dieser Szene wäre Hogarth an seinem Platz gewesen, um die Leidenschaften der Furcht und Feigheit auf den Gesichtern zu studieren. Es war merkwürdig zu sehen, wie die armen Kapitäne von einem Ende des Schiffes zum andern flogen, wie man uns Reisende in der Mitte zusammendrängte, wo wir uns setzen und stillschweigen mußten, wie der Kapitän wieder von uns wegeilte, dort und da hinrannte, Zeichen und Winke gab und wie die todblassen Matrosen trostlos und händeringend nachhumpelten. Wahrlich, wer dies nicht selbst gesehen hat, muß es für Übertreibung halten. Was möchten die griechischen Helden der Vorzeit sagen, wenn ihnen solch ein Blick auf ihre würdigen Nachfolger gegönnt wäre!

Statt sich zu rüsten und Vorkehrungen zu treffen, gab das einen Wirrwarr sondergleichen. Als uns nun unter diesen verhängnisvollen Umständen das gefürchtete Piratenschiff auf Schußweite nahe gekommen, was war die Ursache seiner Annäherung? Ein zerbrochener Kompaß. Nun ward die ganze Szene wie durch einen Zauberschlag einer wohltätigen Fee umgewandelt. Die Kapitäne warfen sich in ihr voriges Ansehen, die Matrosen umarmten sich und sprangen wie die Kinder, wir armen Reisenden wurden aus unserer Haft entlassen und durften an der freundschaftlichen Unterhandlung der beiderseitigen Heldenbesatzung teilnehmen.

Der verunglückte Kapitän bat unsern tapfern Führer um Auskunft, auf welcher Straße wir uns befänden, und als er hörte, daß wir nach Alexandria segelten, so ersuchte er den Schiffspatron, des Nachts eine Laterne auf dem hintern Mastbaum aufzuhängen, welche seinem Schiff als Leitstern dienen könnte.

Auf der ganzen langen Reise sahen wir außer Cypern kein Land. Selbst die Nähe von Damiette errieten wir nur durch die veränderte Farbe des Meeres; so weit unser Blick reichte, war die schöne dunkelblaue Woge in die Farbe des gelbbräunlichen Nils übergegangen. Hieraus konnte ich schon auf die Größe und Reichhaltigkeit jenes Stromes schließen, der in dieser Jahreszeit besonders anwächst und bereits über zwei Monate im Steigen war.

 

7. August 1842

Um acht Uhr früh gelangten wir glücklich an die Reede von

Alexandria

Zuerst erblickten wir nichts als Mastspitzen, hinter welchen sich niedere Gegenstände zu verbergen schienen, die der Oberfläche des Meeres entstiegen. Erstere bildeten sich zu einem ganzen Wald, zwischen welchem letztere als Häuser hervorschimmerten. Endlich sonderte sich auch Grund und Boden von dem nassen Element, wir unterschieden Hügel, Boskette und Gärten in der Umgebung der Stadt, deren Anblick aber nicht sehr überraschend ist, denn eine öde große Sandfläche umgürtet Stadt und Gärten und gewährt ein trauriges Bild.

Wir warfen die Anker zwischen dem Leuchtturm und dem neuen Lazarett. Kein freundliches Boot durfte sich uns nahen und dem heißersehnten Gestade zuführen; denn wir kamen aus dem Land der Pest, um in das Land derselben einzulaufen, und dennoch mußten wir Quarantäne halten, weil die Ägypter behaupten, die Pest in Syrien sei bösartiger als die ihrige. Kommt man aber aus Ägypten nach Syrien, so wird ebenfalls Quarantäne gehalten, weil die Syrier dasselbe von der ägyptischen Pest behaupten. Auf diese Weise muß man in jenen Ländern nur immer Quarantäne halten, was für den Handel, die Reisenden und die Schiffahrt ein höchst lästiges Hemmnis ist.

Hier also erwarteten wir mit Zittern den Spruch, wie lange unsere Gefangenschaft im Lazarett dauern sollte. Endlich kam ein Schiffchen, brachte uns zwei Quardiane (Lazarettdiener) und mit ihnen die Anzeige, daß wir von dem Tag des Eintritts in das Lazarett zehn Tage daselbst zu verbleiben hätten, heute aber (es war ein Sonntag) nicht ausgeschifft werden könnten. Nur beim englischen Paketboot wird eine Ausnahme gemacht, für alle übrigen Schiffe haben die Beamten an einem Sonn- oder Feiertag keine Zeit, eine wahrhaft ägyptische Einrichtung! Kann nicht ein Beamter für diese Tage aufgestellt werden, um die armen gequälten Reisenden zu übernehmen? Müssen wegen der Bequemlichkeit eines Menschen oft vierzig bis fünfzig leiden und noch einen Tag länger der Freiheit beraubt werden? Wir kamen von Beirut, versehen mit Teschkeret (Gesundheitszeugnis) sowohl vom Land als von unseren eigenen Personen, und wurden dennoch auf so lange Zeit zur Kontumaz verurteilt. Aber Mehmed Ali ist in Ägypten viel mächtiger und despotischer als der Sultan in Konstantinopel, er befiehlt, und was blieb uns also übrig? Wir mußten uns der Gewalt unterwerfen.

Ich konnte vom Verdeck unseres Schiffes einen großen Teil der Stadt und ihrer öden Umgebung überschauen. Erstere scheint ziemlich groß und ganz nach europäischer Art gebaut zu sein.

Von der Türkenstadt, die mehr im Hintergrund liegt, sieht man nichts, ebensowenig vom eigentlichen Hafen, welcher sich um die andere Seite der Stadt zieht und von welchem nur die Spitzen der Masten herüberblicken. Vor allem fallen zwei hohe Sandhügel ins Auge, auf deren einem das Fort Napoleon steht, während auf dem andern bloß mehrere Kanonen aufgepflanzt sind; im Vordergrund ziehen sich niedere Felsenreihen hin, an deren einem Ende der Leuchtturm sich erhebt, während am andern die neuen Quarantänegebäude sich entfalten. Diesen gegenüber liegt die alte Quarantäne. Vieles ist mit kleinen Bosketten mit Dattelpalmen umgeben, was einen sehr angenehmen Eindruck macht, da sie für Europäer etwas Neues sind.

 

8. August 1842

Heute also wurden wir des Morgens um sieben Uhr abgeladen und mit Sack und Pack in die Quarantäne geliefert.

Ich betrat nun abermals einen neuen Weltteil, nämlich Afrika. Oft, wenn ich so einsam meinen Gedanken nachhänge, kann ich es selbst kaum glauben, daß mich Mut und Ausdauer in keiner Lage verließen und daß ich meinem vorgesteckten Ziel Schritt vor Schritt entgegenging. Dies dient mir zur Überzeugung, daß der Mensch mit festem Willen beinahe Unmögliches leisten kann.

In der Quarantäne erwartete ich weder etwas Gutes noch etwas Bequemliches zu finden, und leider hatte ich mich nicht getäuscht. Der Hof, in welchen wir gewiesen wurden, war von allen Seiten geschlossen und mit hölzernen Gittern versehen, die Zimmer bestanden aus vier leeren Wänden, die Fenster waren ebenfalls mit hölzernen Gittern verwahrt. Gewöhnlich werden mehrere Personen auf ein Zimmer gewiesen und dann der Preis desselben unter ihnen in gleiche Teile geteilt. Ich begehrte ein Zimmer für mich allein, was man auch erhält, nur natürlich um einen höheren Preis. Allein von einem Tisch oder Sessel oder einem andern Möbel ist gar keine Rede; wer dergleichen haben will, muß sich schriftlich an einen Wirt in der Stadt wenden, der dann alles liefert, aber zu einem enorm hohen Preis. Ebenso macht man es mit der Kost. In der Quarantäne selbst ist kein Wirt, man muß sich alles von außen verschreiben. Für Mittag- und Abendkost fordert ein Wirt gewöhnlich zwischen dreißig und vierzig Piaster (in Ägypten gilt der Piaster sechs Kreuzer) pro Tag. Dies war mir ein bißchen zuviel, ich bestellte mir daher einige Lebensmittel durch einen Quardian. Er versprach mir, alles genau zu besorgen; vermutlich hatte er mich aber nicht verstanden, denn ich wartete vergebens und erhielt am ersten Tag nichts. Am zweiten Tag war mein Appetit maßlos, ich wußte mir gar nicht mehr zu helfen. Ich ging also zu der arabischen Familie, welche die Reise ebenfalls auf dem griechischen Schiff machte und folglich mit in der Quarantäne war; ich bat die Frau um ein Stück Brot gegen Bezahlung. Aber nicht nur Brot gab mir diese gute Frau, sie teilte mir auch von allen Speisen mit, die sie für sich bereiten ließ, und nahm durchaus kein Geld dafür; im Gegenteil gab sie mir durch Zeichen zu verstehen, ich möchte nur immer zu ihr kommen, wenn ich etwas bedürfe.

Erst am Abend des zweiten Tages, als ich sah, daß ich durch meinen Esel von Quardian nichts erhalten konnte, wendete ich mich an den Oberaufseher des Lazarettes, der täglich vor Sonnenuntergang kam, uns alle besichtigte und dann in die Zimmer sperrte. Bei ihm bestellte ich meine Lebensbedürfnisse, die ich von nun an auch immer zur rechten Zeit bekam.

Die Quardiane waren lauter Araber, von denen kein einziger eine andere Sprache außer Arabisch verstand oder sprach; ebenfalls wieder eine echt ägyptische Einrichtung. Ich glaube, in eine solche Anstalt, wo Reisende aus allen Weltgegenden zusammenkommen, sollte doch wenigstens ein Mensch hingegeben werden, der Italienisch versteht, wenn auch nicht spricht. Solch ein Individuum wäre sehr leicht zu finden, da Italienisch im ganzen Orient, besonders aber in Alexandria und Kairo eine so heimische Sprache ist, wie ich mich später überzeugte, daß man unter der gemeinsten Klasse genug Leute trifft, die selbe verstehen und sprechen.

Für den Bedarf an Wasser ist ebenfalls sehr schlecht gesorgt. Jeden Morgen gleich nach Sonnenaufgang werden einige Schläuche Meerwasser, das zum Reinigen der Geschirre gehört, gebracht; gegen neun Uhr früh und nachmittags um fünf Uhr bringen einige Kamele mehrere Schläuche mit süßem Wasser, das in zwei steinerne Tröge geschüttet wird, die im Hofe stehen. Da füllen nun alle ihre Trink- und Kochgefäße, wobei es so unsauber zugeht, daß man alle Lust zum Trinken verliert. Der eine schöpft das Wasser mit schmutzigen Töpfen, der andere langt mit seinen Händen hinein, ja einige setzten sogar ihre schmutzigen Füße auf den Rand des Troges und wuschen sich dieselben, daß ein Teil des Wassers von ihren Füßen wieder in den Trog floß. Das Wassergefäß wird nie gereinigt, und so bleibt Schmutz auf Schmutz, und man kann nur dann reines Wasser haben, wenn man es filtriert.

Am zweiten Tag unseres Aufenthaltes wurden zu meiner Verwunderung der Hof, die Stiege, die Zimmer usw. mit einer außerordentlichen Sorgfalt gekehrt und gereinigt. Das Rätsel wurde bald gelöst; der Kommissar erschien mit einem großen Stock versehen und begab sich unter die Tür jedes Zimmers, um hineinzusehen, ob man Wäsche, Kleider usw. aufgehangen habe, ob die Bücher aufgeschlagen und die Briefe oder Schriften an Bindfaden gereiht und ebenfalls aufgehangen seien. Von der dummen Ängstlichkeit eines solchen Kommissars kann man sich keine Vorstellung machen. Nur ein Beispiel: als er durch das erste Zimmer gehen mußte, um an meine Tür zu gelangen, sah er den Stengel einer Traube auf dem Boden hegen. Mit einer Hast sondergleichen schleuderte er diese Kleinigkeit mit dem Stock auf die Seite, damit ja sein Schuh nicht daran streife, und stets hielt er den Stock in Bereitschaft, um uns arme Verpestete in gehöriger Entfernung zu halten.

Am siebenten Tag unserer Gefangenschaft wurden wir alle morgens um neun Uhr auf unsere Zimmer gewiesen. Türen und Fenster wurden geschlossen, große Räucherfässer gebracht und ein gräßlich stinkender Rauch aus Schwefel, Asant, Federn und dergleichen gemacht. In diesem erstickenden Qualm mußten wir vier oder fünf Minuten aushalten, dann wurde wieder alles geöffnet. Ein Lungenkranker hätte diese kannibalische Expedition schwerlich ausgehalten.

Am neunten Tag mußten sich die Männer in eine Reihe stellen, um sich der Musterung des Arztes zu unterwerfen. Da kam der alte Herr, eine Lorgnette in der einen und einen Stock in der andern Hand haltend, und musterte die Truppe. Jeder mußte sich mit der Faust auf die Brust und in die Seite schlagen; fühlte er dabei keine Schmerzen, so war dies ein Zeichen der Gesundheit, indem sich an diesen Teilen des Körpers die ersten Pestbeulen bilden. An demselben Tag wurden auch wir Frauen in ein großes Zimmer geführt, wo ein wahrer Dragoner von einem Frauenzimmer unser harrte und dieselbe Untersuchung mit uns anstellte. Doch dürfen sich weder Männer noch Frauen dabei entkleiden.

Einige Stunden später wurden wir an das hölzerne Gitter beschieden, das uns Verpestete von den Gesunden trennte; außerhalb desselben saßen einige Beamte, denen man den Betrag für Zimmer und Quardian zu entrichten hat, eine wahre Kleinigkeit. Mein Zimmer samt der Bedienung kostete täglich nur drei Piaster. Doch wie gern würde jeder Reisende mehr geben, wenn er in dem Zimmer wenigstens einen Tisch und einige Stühle fände und einen Quardian, der doch verstünde, was man ihm sagt.

Die Reinlichkeit anbelangend, konnte man zufrieden sein, sowohl Zimmer als auch Stiegen und Hof wurden äußerst nett gehalten, ja der letztere sogar täglich zweimal reichlich mit Wasser begossen. Unter Insekten hatten wir gar nichts, unter der Hitze nur wenig zu leiden. In der Sonne hatten wir nie über dreiunddreißig Grad und im Schatten nie über zweiundzwanzig Grad Réaumur.

 

17. August 1842

Früh um sieben Uhr wurde endlich unser Käfig geöffnet. Nun stürmte alles herein; da kamen die Verwandten und Bekannten, die Abgesandten der Wirte, die Träger und Eseltreiber, alles war fröhlich und heiter, und jedes fand eine befreundete oder bekannte Seele, nur ich allein stand freundlos und verlassen, niemand drängte sich an mich, niemand nahm Anteil an mir; nur die Abgesandten der Wirte, die Träger und Eseltreiber, dieses blutige Geschlecht, das man überall findet, stießen und zankten sich um die arme Verlassene.

Ich packte meine Sachen zusammen, bestieg einen Esel und ritt zu »Colombier«, einem der besten Gasthöfe in Alexandria. Durch einen kleinen Umweg kam ich an den »Nadeln der Kleopatra« vorüber, zwei Obelisken aus Granit, deren einer noch aufrecht steht, der andere in einer kleinen Entfernung im Sand liegt. Wir ritten durch ein elendes, jämmerlich aussehendes Dorf; die Hütten waren zwar aus Steinen zusammengefügt, aber so klein und niedrig, daß man kaum glauben sollte, ein Mensch könne darin aufrecht stehen. Die Türen waren so niedrig, daß sich jeder bücken mußte, um hineinzukommen. Von Fenstern konnte ich gar nichts entdecken. Und dieses elende Dorf lag im Stadtgebiet, ja sogar innerhalb der Stadtmauern, die einen so Ungeheuern Kreis beschreiben, daß sie nicht nur die Stadt Alexandria selbst, sondern noch mehrere solche kleine Dörfer, viele Landhäuser, einige Boskette und Friedhöfe umfangen.

In diesem Dorf sah ich eine Menge Weiber mit dunkelgelbbraunen Gesichtern, ärmlich und schmutzig, alle in lange blaue Hemden gekleidet, vor den Häusern sitzen und arbeiten oder sich mit den Kindern abgeben. Die Arbeit der Weiber bestand im Flechten von Binsenkörben und in Getreideaussuchen. Männer bemerkte ich nicht, sie waren vermutlich auswärts beschäftigt.

Ich ritt nun auf der sandigen Ebene, auf welcher ganz Alexandria gebaut ist, fort und befand mich plötzlich, ohne früher durch eine Gasse zu kommen, auf dem großen Platz.

Wie mich dieser Anblick überraschte, vermag ich nicht zu beschreiben; da standen lauter große, wunderschöne Häuser mit hohen Pforten, mit regelmäßigen Fenstern und Balkonen wie in Europa, da rollten Equipagen, so schöne und zierliche, wie man sie nur immer in großen europäischen Städten sehen kann, und dazu dieses Treiben, diese Geschäftigkeit und Verschiedenartigkeit der Menschenmenge. Da gingen die Franken in ihrer heimatlichen Tracht, während man gleich neben ihnen den Turban und Fez des Orientalen entdeckte; unter halbnackten Beduinen und Arabern sah man die hageren langen Frauengestalten in ihre blauen Hemden gehüllt. Da lief ein Neger mit der Nargileh hinter seinem Herrn, der auf stattlichem Roß dahintrabte; dort sah man Franken oder vermummte ägyptische Damen auf Eseln reiten. Auf mich, die soeben aus dem langweiligen Stilleben der Quarantäne kam, machte dies alles einen gar mächtigen Eindruck.

Kaum im Gasthof angelangt, eilte ich auf das österreichische Konsulat, wo mich der Herr Gubernialrat von L. sehr gütig aufnahm. Ich ersuchte diesen Herrn, mir zu raten, auf welche Art ich am ehesten meine Reise nach Kairo antreten könne, da ich mit dem englischen Dampfboot nicht fahren wolle, weil es für diese kleine Entfernung von ungefähr hundert Seemeilen fünf Pfund Sterling (beinahe dreißig Gulden) kostet. Der Herr Gubernialrat war so gütig, mir einen Platz auf einer arabischen Barke, welche noch denselben Abend nach El Atf abfahren sollte, besorgen zu lassen.

Auf dem Konsulat erfuhr ich auch, daß der Maler Herr S. vor einigen Tagen mit dem englischen Paketboot von Beirut angekommen und in der alten Quarantäne abgestiegen sei. Ich ritt in Gesellschaft eines Herrn hinaus und war sehr erfreut, ihn recht wohl aussehend zu treffen. Er kehrte soeben von seiner Reise aus Palästina zurück.

Die Anstalt in der alten Quarantäne fand ich etwas besser; auch ist sie der Stadt näher, wodurch man leichter alle Bedürfnisse aus derselben erhalten kann. Auf der Rückkehr war mein Begleiter so gütig, mich durch einen bedeutenden Teil der Türkenstadt zu führen, die mir reinlicher und besser gebaut und gehalten vorkam als alle bisher gesehenen Türkenstädte. Der Bazar ist nicht schön und besteht aus hölzernen Buden, deren Inhalt ganz gewöhnliche Handelsartikel ausmachen.

An demselben Tag, als ich die Quarantäne verließ, ritt ich um fünf Uhr abends an den Kanal des Nils, der vierundzwanzig Fuß breit und zwölf Stunden lang ist. Eine Menge Barken lagen da, auf deren einer für mich die kleinere Abteilung der Kajüte bis El Atf um den Preis von fünfzehn Piastern gemietet war. Ich nahm gleich von meinem Kämmerchen Besitz, richtete mich für die Nacht und den folgenden Tag ein und wartete eine Stunde um die andere auf die Abfahrt. Spät abends hieß es endlich, es würde heute gar nicht gefahren. Meine Sachen neuerdings wieder zusammenzupacken, den weiten Weg von beinahe einer Stunde nach dem Gasthof zu machen, um dann des andern Morgens wiederzukommen, war mir zu lästig; ich entschloß mich daher, auf dem Schiff zu bleiben, und verzehrte unter Beduinen und Arabern mein frugales, aus kalten Speisen bestehendes Abendmahl.

Des andern Tages sagte man mir von einer halben Stunde zur andern, es würde abgefahren, es kam aber noch immer nicht dazu.

Herr von L. hatte mir Nahrungsmittel und Wein mitgeben wollen, ich dachte aber schon diesen Mittag in El Atf zu sein und dankte ihm herzlich dafür. Nun hatte ich keine Lebensmittel, nach der Stadt getraute ich mich wegen der zu großen Entfernung nicht mehr zu gehen, und den Schiffsleuten konnte ich mich nicht verständlich machen, daß sie mir etwas Brot und gebratenes Fleisch vom nahen Bazar bringen sollten. Endlich zwang mich der Hunger, ganz allein dahin zu wandern, ich drang durch das Volk, das mich zwar neugierig ansah, aber ungestört meinen Weg gehen ließ, und kaufte mir einige Eßwaren.

In Alexandria genoß ich seit meiner Abreise von Smyrna die erste Rindsuppe sowie auch das erste Stückchen Rindfleisch. Das Weißbrot ist in Alexandria und Ägypten ausgezeichnet gut und schmackhaft.

Endlich um vier Uhr nachmittags fuhren wir ab. Die Zeit war mir ziemlich schnell vergangen; da es an diesem Kanal sehr lebhaft zuging. Barken kamen an und fuhren ab, wurden geladen und ausgeladen, ganze Züge von Kamelen bewegten sich mit ihren Führern hin und her, um die Waren zu holen oder zu bringen, Militär zog vorüber mit Spiel und Klang, um auf dem nahen Platz seine Übungen zu halten; immer gab es etwas zu sehen, und so war es vier Uhr, ohne daß ich eigentlich wußte, wohin die Zeit gekommen sei.

Auf der Barke befand sich außer mir und den Schiffsleuten niemand. Die Barken selbst sind lange, etwas schmale Schiffe, in deren Hinterteil sich eine Kajüte mit einem Vordach befindet. Diese Kajüte ist in zwei Kämmerchen geteilt, von denen das erstere; größere, an jeder Seite zwei Fensterchen hat. Das zweite, kleinere, ist oft kaum sechs Schuh lang und fünf Schuh breit. Der Platz unter dem Vordach gehört für die ärmere Klasse und die Dienerschaft. Lebensmittel, ein Windöfchen, Holzkohlen, Kochgeschirre und dergleichen, ja sogar auch Wasser muß man mitnehmen, denn das Nilwasser ist zwar, da es gar keinen Geschmack hat, äußerst gut und wird auch in Alexandria, Kairo und überall getrunken; es ist aber sehr trüb, bräunlich gelb und muß erst filtriert werden, damit man es rein und klar genießen kann. So kommt es, daß man sogar auf dem Fluß Wasser mitnehmen muß.

Längs des Kanals liegen schöne Landhäuser mit Gärten; das schönste unter denselben gehört einem Pascha, dem Schwiegersohn Mehmed Alis. Als wir an diesem Palast vorüberfuhren, sah ich den ägyptischen Napoleon zum ersten Male. Er saß vorne auf einer Terrasse, welche eine kleine Rundung in den Nilkanal hinein bildete. Er ist ein ganz kleines altes Männchen mit einem schneeweißen langen Bart, aber äußerst lebhaften Augen und Bewegungen. Umgeben war er von mehreren Europäern und einer Anzahl Diener, deren einige griechisch, andere türkisch gekleidet waren. In der Allee stand seine Equipage, ein prächtiger Wagen, mit vier schönen Pferden auf englische Art bespannt.

Die Franken sind sehr für diesen Despoten eingenommen, desto weniger seine Untertanen. Erstere werden von seiner Regierung sehr begünstigt, während letztere ihren Nacken dem Joch einer tyrannischen Sklaverei beugen müssen.

Der Anblick von Villen und Gärten währt höchstens die ersten paar Stunden, dann geht die Fahrt bis El Atf sehr einförmig und unbefriedigend zwischen Sandebenen oder kleinen Sandhügeln fort. Rechts sieht man den Mareotis-See und an beiden Seiten höchst armselige Dörfer.

 

19. August 1842

Um elf Uhr vormittags kamen wir in El Atf an; wir waren also in sechzehn Stunden achtundvierzig Seemeilen gefahren. El Atf ist ein kleines Städtchen oder vielmehr ein elender Steinhaufen.

An den Landungsorten hatte ich immer meine größte Not. Ich sah und fand selten einen Franken und mußte oft mehrere von den umstehenden Kerlen anreden, bis ich einen fand, der Italienisch sprach und mir die verlangte Auskunft erteilen konnte. Da ließ ich mir immer gleich den Weg zum österreichischen Konsulat zeigen, wo ich dann geborgen war. So ging es mir auch hier. Der Herr Konsul ließ sogleich eine Reisegelegenheit für mich nach Kairo suchen und bot mir einstweilen ein Zimmer in seinem Haus an. Ein Schiff war bald gefunden, indem El Atf ein Hauptstapelplatz ist. Der Kanal mündet hier in den Nil, und da auf dem Strom größere Barken fahren, so werden hier alle Waren umgeladen, und es gehen somit alle Augenblicke Barken nach Alexandria und Kairo. In einigen Stunden schon mußte ich wieder an Bord und hatte gerade so viel Zeit gehabt, mich mit etwas Lebensmitteln und mit Wasser zu versehen und beim Herrn Konsul ein köstliches Mahl einzunehmen, was mir doppelt behagte, da der vorhergehende Tag ein tüchtiger Fasttag gewesen war. Man hatte für mich die größere Abteilung der Kajüte um hundert Piaster gemietet. Als ich aber das Schiff betrat, fand ich sie voll Waren gepackt, so daß mir als Eigentümerin beinahe kein Flecken geblieben wäre. Ich eilte gleich wieder auf das Konsulat und beschwerte mich über den Kapitän. Der Herr Konsul ließ den Schiffspatron holen, befahl ihm, mein Kämmerchen zu räumen und mir auf der Reise keinen Verdruß zu machen, widrigenfalls er in Kairo keine Bezahlung von mir erhalten würde. Dieser Befehl wurde genau befolgt, und ich war von nun an bis Kairo im ruhigen, ungestörten Besitz meines Platzes. Um zwei Uhr nachmittags fuhr ich abermals ganz allein unter lauter Arabern und Beduinen ab.

Wer die Fahrt nach Kairo nur einmal im Leben machen kann, der tue es gegen Ende August oder im Monat September. Ein schöneres Bild kann man sich wohl kaum denken. An vielen Stellen ist das Flachland, so weit man sieht, vom Nil-Meer (Strom kann man bei dieser Ungeheuern Ausdehnung nicht sagen) überdeckt, da ragen überall kleine Erhöhungen hervor, auf welchen die Dörfer liegen, umschattet von Dattelpalmen und andern Bäumen, hinter ihnen ziehen wieder die hohen Masten mit den weißen pyramidenartigen Segeln vorüber. Die Abhänge der Hügel sind belebt von Geflügel, Ziegen und Schafen, während nahe am Ufer die Köpfe der dunkelgrauen Büffel, deren es in diesen Gegenden sehr viele gibt, aus dem Wasser ragen. Diese Tiere lagern sich gern in die kühlende Glut und stieren die vorübereilenden Barken an. Hie und da sieht man auch kleine Boskette von zwanzig, dreißig und mehr Bäumen, die, da das ganze Erdreich unter Wasser liegt, aus diesem Nil-Meer herauszuwachsen schienen. Das Wasser ist hier bedeutend trüber und von Farbe dunkler gelbbraun wie jenes im Kanal von El Atf nach Alexandria. Die Matrosen gießen es in große irdene Gefäße, damit es sich setze und etwas klar werde; dies nützt aber sehr wenig, es bleibt beinahe so trüb wie im Strom, doch ist es für die Gesundheit nicht im geringsten schädlich; im Gegenteil behaupten die Nilbewohner, das beste und gesündeste Wasser in der ganzen Welt zu besitzen. Die Franken nahmen, wie schon früher bemerkt, filtriertes Wasser mit. Geht dieses aus, so braucht man nur einige Aprikosen- oder Mandelkerne kleingeschnitten in ein Gefäß mit Nilwasser zu werfen, so klärt sich dieses in fünf bis sechs Stunden so ziemlich. Ich lernte dies Mittel von einer Araberin auf der Nilfahrt.

Die Bevölkerung in der Umgebung des Nils muß sehr bedeutend sein, denn ein Dorf reiht sich beinahe an das andere. Das Erdreich besteht allenthalben nur aus Sand und wird erst durch den Schlamm, den der Nil nach der Überschwemmung zurückläßt, fruchtbar, daher die üppige Vegetation erst nach dem Zurücktreten des Wassers beginnt.

Die Dörfer sind eben nicht reizend, die Häuser meist nur aus Erde und Lehm oder aus rohen Nilschlammziegeln erbaut; die Menschen, die Krone der Schöpfung, soll man hier nicht zu sehen wünschen, denn ihre Armut, ihre Unreinlichkeit und ihr gänzlich roher Naturzustand wirken schmerzlich auf jedes fühlende Herz.

Die Kleidung der Weiber besteht in dem langen blauen Hemd, die Männer tragen ebenfalls nichts als ein Hemd, das ihnen oft kaum bis an das Knie reicht. Die Weiber haben teils ihr Gesicht verdeckt, teils unverdeckt.

Mich wunderte der schöne und kräftige Bau der Männer gegenüber den garstigen Weibern und den verwahrlosten ekligen Kindern. Die meisten der letzteren haben das Gesicht voll Finnen und Ausschlag, auf dem stets eine Herde Fliegen sitzt, dazu oft noch entzündete Augen, ein erbarmungswürdiger Anblick!

Ich blieb, der großen Hitze ungeachtet, während des Tages beinahe immer auf dem Dach der Kajüte sitzen, um die Aussicht zu genießen, um die Ufer des Nils und den Wechsel der Landschaften zur Genüge betrachten zu können.

Die Gesellschaft, die ich auf dieser Barke hatte, war schlecht und gut, wie man es nimmt; schlecht, weil ich keine Seele fand, der ich meine Gedanken und Empfindungen über all die Wunder der Natur hätte mitteilen können; gut, weil alle, besonders die arabischen Weiber, die das kleine Kämmerchen und den Vorderteil der Barke innehatten, sehr gutmütig und aufmerksam gegen mich waren.

Sie wollten alles mit mir teilen; sie gaben mir von ihren Gerichten, meist Pilaw, Bohnen und Gurken, die ich aber nicht schmackhaft fand; wenn sie des Morgens schwarzen Kaffee tranken, reichten sie mir immer die erste Schale. Ich teilte ihnen ebenfalls von meinen Lebensmitteln mit, die sie gut fanden, bis auf den Kaffee mit Milch gemischt. Wenn wir bei einem Dorfe landeten, fragten sie mich immer durch Zeichen, ob ich einige Lebensmittel wünsche. Nun hätte ich freilich gern Milch, Eier und Brot gehabt, allein ich wußte sie nicht auf arabisch zu begehren. Ich erklärte mich also durch Zeichnungen; ich zeichnete zum Beispiel eine Kuh, gab der Araberin etwas Geld und eine Flasche und wies ihr, die Kuh zu melken und meine Flasche mit Milch zu füllen. Ebenso zeichnete ich eine Henne, daneben die Eier; auf die Henne wies ich verneinend, dagegen auf die Eier bejahend und zählte ihr an den Fingern vor, wieviel Stück sie mir bringen möchte. Auf solche Art half ich mir von nun an immer fort und beschränkte meine Wünsche auf solche Gegenstände, welche ich durch Zeichnungen versinnbildlichen konnte.

Als man mir die Milch brachte und ich dem Weib zu verstehen gab, daß, wenn sie ihre Gerichte gekocht hätte, sie mir das Feuer überlassen möchten, damit ich meine Milch oder meine Eier kochen könnte, nahmen sie allsogleich ihre Speise herab, und es nützte von meiner Seite keine Weigerung, ich mußte zuerst kochen, wessen ich bedurfte. Ging ich in das Vorderschiff, um die Gegend besser zu betrachten, so überließen sie mir gern den besten Platz; kurz, sie benahmen sich alle so gut und gefällig, daß sie vielen unserer zivilisierten Europäer als Muster hätten dienen können. Freilich forderten sie auch von mir manche Gefälligkeit, und mit Erröten muß ich gestehen, mich kostete es eine große Überwindung, ihre Wünsche zu befriedigen. So zum Beispiel ersuchten sie mich, daß ich der ältesten von ihnen erlauben möchte, in meinem Gemach schlafen zu dürfen, da ich einzelne Person das große Kabinett und sie dagegen das kleine bewohnten. Ferner verrichteten sie ihre Gebete und endlich sogar ihre Gesichts- und Fußwaschungen vor dem Gebet in meiner Kajüte. Ich ließ es angehen, da ich ohnehin mehr außerhalb des Kämmerchens war. Diese Weiber riefen mich anfänglich Marie, vermutlich glaubten sie, als eine Christin müsse ich den Namen der Heiligen Jungfrau führen. Ich sagte ihnen meinen Taufnamen, den sie sich genau merkten; sie nannten mir ebenfalls ihre Namen, die ich aber bald wieder vergaß. Ich bemerke diese Kleinigkeit darum, weil mich das Gedächtnis dieser guten Menschen auf meiner ferneren Reise durch die Wüste an das Rote Meer in große Verwunderung setzte.

 

20. und 21. August 1842

Diese zwei Tage vergingen mir, obwohl ich unter den vielen Menschen, die sich auf der Barke befanden, ganz einsam war, angenehm und schnell. Der Strom breitete sich immer stattlicher aus, je mehr sich das Land verflachte. Die Dörfer wurden größer; die Hütten, von denen manche ganz die Form eines Zuckerhutes hatten und auf deren Spitzen eine Menge Tauben, ein in diesen Gegenden sehr häufiges Geflügel, nisteten, hatten schon ein etwas besseres Aussehen. Moscheen und größere Landhäuser zeigten sich; kurz, je näher wir Kairo kamen, um so deutlicher zeugte alles von größerem Wohlstand. Die Sandhügel wurden seltener, doch sah ich auf der Fahrt von El Atf nach Kairo vier oder fünf große öde Strecken, welche ganz das Aussehen von Wüsten hatten. Einmal blies der Wind gerade von so einer glühenden Wüste zu uns herüber, so drückend heiß und beängstigend, daß ich mir eine deutliche Vorstellung von den Leiden der heißen Winde (Chamsin) machen und die häufige Blindheit der armen Bewohner sehr leicht erklären konnte. Die Hitze ist außerordentlich, und der feine Staub und heiße Sand, welche durch diese Winde in die Höhe getrieben werden, müssen Augenentzündungen verursachen.

Kleine gemauerte Türme, auf deren Höhe Telegraphen angebracht sind, stehen in größeren Entfernungen von Alexandria bis Kairo.

Unsere Barke hatte das Unglück, einigemal auf Sandbänken aufzusitzen oder an seichte Stellen zu geraten, Fälle, die sich während des großen Wasserstandes sehr oft ereignen. Bei dergleichen Ereignissen kann man die Behendigkeit, Kraft, Ausdauer und Unverdrossenheit der Nilmatrosen nicht genug bewundern. Alle müssen nackt über Bord springen, das Schiff mit Stangen losmachen und oft eine halbe Stunde an Seilen durch seichte Stellen fortschleppen. Im Klettern sind diese Leute ebenfalls sehr geschickt. Auf den äußersten Spitzen der schiefstehenden Masten klimmen sie ohne Strickleiter und befestigen oder lösen die Segel. Mich ergriff ein wahrer Schauder, wenn ich diese armen Menschen hoch oben auf einer so dünnen Stange zwischen Himmel und Wasser schweben sah, so hoch, daß sie mir wie Kinder erschienen. Mit der einen Hand arbeiten sie, und mit der andern umschlingen sie den Mast. Ich glaube gewiß, daß es nirgends bessere, beweglichere, fleißigere und dabei so mäßige Matrosen geben mag wie diese hier. Des Morgens erhalten sie Brot oder Schiffszwieback, manchmal rohe Gurken, ein Stückchen Käse oder eine Handvoll Datteln dazu, des Mittags dasselbe und abends ein warmes Gericht aus Bohnen oder einer Gattung Brei oder Pilaw, höchst selten ein gekochtes Hammelfleisch. Ihr Trank ist nichts als Nilwasser.

Der Strom ist in der Zeit der Überschwemmung doppelt belebt, denn von einem Dorf zum andern ist das Schiff oder der Kahn das einzige Kommunikationsmittel.

Der letzte Tag der Fahrt bot mir das schönste Schauspiel: ich sah das Delta! Hier teilt sich der mächtige Nil, der das ganze Land bewässert, von dem hundert und hundert Kanäle in alle Felder und Gegenden geleitet sind, in zwei Hauptströme, deren einer bei Rosette, der andere bei Damiette sich ins Meer ergießt. Glich der Strom schon nach der Teilung einem Meer, um so viel mehr verdient er von nun an diese Benennung.

Wenn ich so hingerissen ward von der Größe und Schönheit der Natur, wenn ich mich in ein so ganz neues, interessantes Leben und Treiben versetzt sah, da schien es mir beinahe unbegreiflich, wie es so viele Menschen geben kann, die Gesundheit, Geld und Zeit im Überfluß besitzen und keinen Sinn für bedeutende Reisen haben. Die armseligen Bequemlichkeiten des Lebens, die Genüsse des Luxus gelten ihnen mehr als die erhabensten Schönheiten der Natur, mehr als die Monumente der Geschichte und die Kenntnisse von Sitten und Gebräuchen fremder Völker. Wenn es mir oft recht schlecht ging und ich, eine Frau, mit noch viel mehr Unannehmlichkeiten und Entbehrungen zu kämpfen hatte als ein Mann: bei solchen Anblicken war jede Mühseligkeit vergessen, und ich pries Gott, daß er mir einen so festen Willen verliehen hatte, meine Wanderung fortzusetzen. Was sind alle Unterhaltungen in den großen Städten gegen ein Bild wie hier am Delta und an so vielen andern Orten? Ein so reines seliges Vergnügen, wie mir die Schönheit der Natur bietet, finde ich in keiner Gesellschaft, in keinem Spiel, in keinem Theater, und kein Putz oder Wohlleben ersetzt mir den Nachgenuß einer solchen Reise!

Unweit des Deltas erblickt man die Libysche Wüste, die man auch nicht mehr aus dem Gesicht verliert, höchstens daß man ihr einmal näher, dann wieder ferner ist. In weiter Ferne entdeckt man einige dunkle Körper, die sich immer mehr und mehr entwickeln, bis man in ihnen die Wunderbauten der Vorzeit, die Pyramiden, erkennt; weit hinter denselben erhebt sich das Gebirge oder eigentlich die Hügelkette des Mokattam.

Mit der Abenddämmerung langten wir endlich in Bulak, dem Hafen von Kairo, an. Hätten wir gleich landen können, so würde ich vielleicht noch denselben Abend in die Stadt gekommen sein, so aber braucht der Schiffer, da der Hafen stets mit Barken überladen ist, oft über eine Stunde, bis er einen Platz findet, wo er anlegen kann, und es war, als ich hätte aussteigen können, bereits ganz finster, und die Tore der Stadt waren schon geschlossen. Ich mußte diese Nacht noch auf der Barke zubringen.

Von El Atf bis Kairo waren wir dritthalb Tage gefahren. Ich nenne diese Reise eine der angenehmsten, obwohl die Hitze immer lästiger wurde und die glühend heißen Winde von der Wüste manchmal zu uns herüberstrichen. Die höchste Hitze betrug um die Mittagszeit sechsunddreißig Grad und im Schatten vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Grad Réaumur. Der Himmel war lang nicht so schön blau und rein wie in Syrien und häufig von weißen Wolken durchzogen.

Kairo

 

22. August 1842

Der Anblick dieser großen Hauptstadt Ägyptens ist lange nicht so imposant, als ich ihn mir vorgestellt hatte; sie liegt zu flach, und man sieht von ihren ausgedehnten Umgebungen von der Barke aus nur immer einzelne Teile. Die am Ufer liegenden Gärten sind üppig und schön.

Bei der Ausschiffung und auf dem Weg zum Konsulat hatte ich ein Abenteuer nach dem andern zu bestehen. Ich übergehe keines davon, so unbedeutend sie auch scheinen mögen; man kann wenigstens daraus entnehmen, wie man hierzulande mit den Leuten verfahren muß.

Gleich anfangs bekam ich Streit mit meinem Schiffspatron. Ich hatte ihm noch dreieinhalb Taler zu zahlen und gab ihm vier Stück hin, in der Meinung, daß er mir den Rest herausgeben sollte; dies tat er nicht, sondern wollte den halben Taler behalten, um ihn, wie er sagte, als Bakschisch unter die Matrosen zu verteilen, was er aber gewiß nicht getan hätte. Zum Glück war er so dumm, das Geld nicht einzustecken, sondern offen in der Hand zu halten. Ich riß ihm schnell ein Stück aus der Hand und schob es in die Tasche mit der Erklärung, daß er es nicht früher erhalten würde, als bis er mir den Rest in die Hand gegeben hätte; das Trinkgeld würde ich den Leuten schon selbst geben. Er schrie und lärmte und forderte beständig das Geld. Ich kümmerte mich aber nicht darum und packte ganz gelassen meine Sachen zusammen. Da er endlich einsah, daß mit mir nichts auszurichten sei, gab er mir den halben Taler, und wir schieden als gute Freunde. Dies Geschäft abgetan, mußte ich mich um ein Paar Esel umsehen, nämlich einen für mich und einen für mein Gepäck. Wäre ich ans Ufer gegangen, so hätten mich die Eseltreiber halb zerrissen, der eine hätte mich dahin und der andere dorthin gezogen. Ich hielt mich daher noch ein Weilchen ganz ruhig in meiner Kajüte, bis das ärgste Gedränge vorüber war und die Treiber niemand mehr vermuteten. Unterdessen sah ich vom Kajütenfenster ans Ufer und spekulierte, welcher Tiere ich mich gleich bemächtigen wollte; dann eilte ich rasch hinaus, und ehe sich's die Eigentümer dieser Langohren versahen, faßte ich schon ein Eselchen am Zaum und deutete auf das zweite. Nun war ich geborgen, denn die Eigentümer meiner Auserwählten verteidigten mich gegen die übrigen und gingen dann mit mir in die Barke, um meine Effekten zu holen.

Da kam ein Kerl herbei und reichte mein Köfferchen auf den Esel. Ich gab ihm für diesen kleinen Dienst einen Piaster; weil er mich aber allein sah, dachte er vermutlich, mit mir leicht fertig zu werden und zu bekommen, was er fordere. Er gab mir den Piaster zurück und verlangte vier. Ich nahm das Geld und sagte ihm (zum Glück verstand er ein wenig Italienisch), wenn er mit dieser Gabe nicht zufrieden sei, möge er mit mir auf das Konsulat kommen, dort würde ich ihm die vier Piaster geben, sobald man fände, daß er sie verdient habe. Das wollte er nicht, weil er wohl wußte, daß er für dies unverschämte Begehren einen tüchtigen Verweis bekommen würde. Er schrie und lärmte wie der Barkenkapitän; allein ich war taub dafür und ritt gegen die Douane. Da wollte er sich mit drei Piaster, dann mit zweien und zum Schluß sogar mit dem einen begnügen, welchen ich ihm auch hinwarf. An der Douane angekommen, streckte man mir die Hände von allen Seiten entgegen; der Hauptperson gab ich etwas, die andern ließ ich schreien. Nun ging es nach all diesen Quälereien der Stadt zu. Da stellte sich mir wieder eine neue Schwierigkeit entgegen. Mein Führer, ein Araber, fragte mich, wo er mich hinbringen sollte. Vergebens bemühte ich mich, es ihm zu erklären, er verstand mich nicht. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als jeden wohlgekleideten Orientalen, dem ich begegnete, italienisch oder französisch anzureden, bis einer käme, der mich verstände. Zum Glück durfte ich nicht mehr als drei ansprechen; der letzte verstand Italienisch. Ich bat ihn also, meinem Führer zu sagen, er solle mich zum österreichischen Konsulat bringen, dies geschah, und nun hatten alle Unannehmlichkeiten ein Ende.

Nach einem Ritt von drei viertel Stunden auf einer sehr breiten schönen Straße, die an beiden Seiten mit großen, für mich ganz fremdartigen Akazien bepflanzt war, unter einem Gewühl von Menschen, Kamelen, Eseln usw. gelangte ich in die Stadt, deren Gassen meist eng sind und wo überall ein solcher Lärm und ein solches Gedränge herrscht, daß man glauben sollte, alles wäre in Aufruhr. Aber wunderbar teilte sich immer der unendliche Haufen, und unaufgehalten setzte ich meinen Weg nach dem Konsulat fort, das in einem schmalen kleinen Sackgäßchen verborgen liegt.

Ich ging sogleich in die Kanzlei und stellte mich dem Herrn Konsul mit der Bitte vor, mir ein solides Gasthaus zweiten Ranges anzuweisen. Herr Konsul C. nahm sich mit wahrer Güte und Herzlichkeit meiner an; er sandte gleich seinen Kawassen zu einem ihm bekannten Wirt, zahlte meinen Führer aus, bot dem Wirt streng auf, für mich gehörig zu sorgen, kurz er benahm sich menschenfreundlich wie ein wahrer Christ. Zu jeder Zeit stand mir sein Haus offen, und mit jedem Anliegen durfte ich mich an ihn wenden. Mit wahrem Vergnügen sage ich diesem würdigen Mann hier nochmals meinen herzlichsten Dank.

Ich hatte einen Empfehlungsbrief an einen Herrn P. abzugeben; der Herr Konsul war so gütig, gleich nach ihm zu schicken. Herr P. kam sehr bald und begleitete mich in den Gasthof.

Ich ersuchte Herrn P., mir vor allem andern einen Diener zu verschaffen, der entweder Italienisch oder Französisch spreche, und mir dann eine Einteilung von dem zu machen, was ich in Kairo zu besehen hätte. Herr P. erfüllte meine Wünsche mit der größten Bereitwilligkeit, und nach Verlauf einer Stunde war schon der Dragoman gefunden, und zwei Esel standen vor dem Haus bereit, mich und meinen Diener in der ganzen Stadt herumzutragen.

Das Gewühl, die Lebhaftigkeit und Geschäftigkeit in den Straßen Kairos sind unerhört, ja, was doch gewiß sehr viel sagen will, die belebtesten Städte Italiens halten keinen Vergleich damit aus.

Dazu sind viele Straßen so eng, daß, wenn sich beladene Kamele begegnen, die einen immer in ein Seitengäßchen geführt werden müssen, um die andern vorbeizulassen. In diesen engen Gassen begegnet man stets einem Schwall von Menschen, daß man wirklich bei jedem Schritt in großer Angst schwebt und gar nicht begreifen kann, wie man da durchzudringen vermag. Aus diesem Menschenknäuel ragen Reiter zu Pferd und zu Esel allenthalben heraus, und letztere erscheinen abermals als Pygmäen gegen die hohen stolzen Kamele, die selbst unter ihrer schweren Bürde die stolze Haltung nicht verlieren. Die Menschen schlüpfen oft unter den Köpfen dieser Tiere durch, und die Reiter drängen sich knapp an die Häuser, und durch dieses Gewirre windet sich wunderbar die Masse der vielen Fußgeher; die Wasserträger, die Verkäufer, die vielen Blinden, welche ihren Weg mit einem Stock suchen und einen Korb mit Obst, Brot und andern Lebensmitteln zum Verkauf auf dem Kopf tragen; die zahllosen Kinder, die teils in den Gassen umherlaufen, teils an den Häusern sitzen und spielen, und endlich die ägyptischen Damen, welche hier ebenfalls alle Besuche zu Esel machen und mit ihren Kindern und Negerinnen im Zuge daherkommen. Hierzu denke man sich noch das Ausrufen der Verkäufer, das Geschrei der Treiber und der Ausweichenden, das Geheul der ängstlich fliehenden Weiber und Kinder, das Gezänke, das sich oft dazwischen erhebt, und die ohnehin außerordentliche Lebhaftigkeit und laute Geschwätzigkeit dieses Volkes, und man kann sich einen Begriff davon machen, wie einem Fremden dabei zumute ist. Bei jedem Schritt war ich in Todesangst, und wenn ich des Abends nach Hause kam, fühlte ich mich ordentlich unwohl; da ich aber sah, daß doch nie ein Unfall geschah, gewöhnte ich mich endlich auch daran und folgte meinem Führer unbesorgt durch das ärgste Gewühl.

Die Straßen, oder besser gesagt die Gassen Kairos werden täglich einigemal mit Wasser begossen; auch sind überall Brunnen und große Gefäße mit Wasser zum Gebrauch für die Vorübergehenden angebracht. Die breiten Gassen sind mit Strohmatten überdeckt, um die Sonnenstrahlen aufzuhalten.

Die Tracht der Vornehmen ist die orientalische, nur haben die reichen Frauen den Kopf und das Gesicht in ein weißes leichtes Musselintuch gehüllt; den Körper umgibt eine Art Mantilla von schwarzem Seidenstoff. Dies verschafft ihnen ein sonderbares Aussehen. Wenn sie so daherritten, der Wind sich im Kleid fing und es auseinanderteilte, da sahen sie gerade aus wie Fledermäuse mit ausgespannten Flügeln.

Von den Franken tragen sich viele orientalisch, die Fellachen gehen beinahe nackt, und ihre Weiber haben nichts als das blaue Hemd an.

Die Vornehmen und Reichen sieht man wie im ganzen Morgenland immer nur zu Pferd; doch gefielen mir die ägyptischen Pferde nicht so gut wie die syrischen, sie kamen mir nicht so schlank und fein gebaut vor.

Die Einwohner, deren Zahl bei zweihunderttausend betragen soll, bestehen aus Arabern, Mamelucken, Türken, Berbern, Negern, Beduinen, Christen, Griechen, Juden usw. Alle, Dank sei dem mächtigen Arm Mehmed Alis, wohnen friedlich untereinander.

Häuser zählt Kairo fünfundzwanzigtausend; sie sind aber ebenso garstig und unregelmäßig wie die Gassen. Meist aus Lehm, ungebrannten Ziegeln oder Steinen erbaut, haben sie enge, kleine Einlaßpförtchen und unregelmäßig angebrachte Fenster, die mit hölzernen, dem Auge undurchdringlichen Gittern versehen sind. Im Innern aber herrscht wie zu Damaskus Pracht und Luxus; der Reichtum an frischem Wasser fehlt.

Die ganze Stadt ist mit Mauern und Türmen umgeben, von einem Kastell beschützt und in viele Quartiere geteilt, die durch Tore, welche nach Sonnenuntergang geschlossen werden, voneinander abgesondert sind. Auf den Höhen um Kairo liegen einige Schlösser aus der Zeit der Sarazenen.

Als ich kreuz und quer in der Stadt herumritt, hielt mein Führer plötzlich an, kaufte eine Menge Brot und bedeutete mir, ihm zu folgen. Ich dachte, in eine Menagerie geführt zu werden, in welcher er dieses Brot den Tieren vorwerfen würde.

Wir traten in einen Hof, um welchen zu ebener Erde Fenster liefen, die durch eiserne Stäbe fest verwahrt waren. Als wir zum ersten kamen, warf mein Diener ein Stück Brot hinein; wer stellt sich aber mein Entsetzen vor, als statt eines Löwen oder Tigers ein alter, abgemagerter, ganz nackter Mensch hervorstürzte, das Brot gierig aufraffte und mit dem größten Heißhunger verzehrte. Ich befand mich im Narrenhaus! In der Mitte dieser dunklen, unreinen Löcher ist ein Stein befestigt, von welchem zwei eiserne Ketten auslaufen, an denen einer oder zwei dieser Unglücklichen mittelst eines eisernen Halsringes angeschmiedet sind. Da starren sie heraus, das Gesicht gräßlich verzerrt, Haare und Bart struppig und verwildert, der Körper abgemagert, das Mark des Lebens vertrocknet. In diesen unreinen, stinkenden Ställen bleiben sie, bis sich Gott ihrer erbarmt und sie durch den Tod dieser schmachvollen Ketten, die die Armen an solch ein schauderhaftes Leben fesseln, entledigt. Geheilt wurde noch keiner. Diese Behandlung ist wohl nur geschaffen, einen halbverrückten Menschen vollends wahnsinnig zu machen. Und die Europäer loben Mehmed Ali! Ihr armen Wahnsinnigen, ihr armen Fellachen, stimmt ihr auch mit in dieses Lob?

 

Der neue Palast Mehmed Alis ist ziemlich hübsch, die Einrichtung größtenteils europäisch. Die Zimmer, man kann sagen die Säle, sind ungemein hoch und zierlich ausgemalt oder mit Seidenstoffen, Tapeten usw. bekleidet. Große Wandspiegel vervielfältigen die Gegenstände, herrliche Diwane sind an den Wänden angebracht, und wunderschöne Tische, einige aus Marmor, andere mit eingelegter Arbeit oder mit Prachtgemälden verziert, stehen in den Zimmern, in deren einem ich sogar ein Billard fand. Der Speisesaal gleicht ganz einem europäischen. In der Mitte steht ein großer Tisch, an der einen Wand zwei Kredenzkästen, an der andern schöne Sessel. In einem der Zimmer hing ein Ölgemälde, das Bildnis seines Sohnes, des Ibrahim Pascha.

Dieser Palast ist von einem kleinen Garten umgeben, der sich aber weder durch besondere Gewächse noch durch schöne Anlagen auszeichnet. Die Aussicht von einigen Zimmern sowohl als auch vom Garten aus ist wunderschön.

Gegenüber dem Palast wird eine große Moschee gebaut, welche sich Mehmed Ali als Grabesstätte errichten läßt. Vermutlich muß er noch auf manches Lebensjahr rechnen, denn noch viel und lange muß gearbeitet werden, um diesen schönen Bau zu vollenden. Die Säulen und Wände der Moschee sind mit dem schönsten gelblich-weißen Marmor verkleidet.

Die genannten Bauten, der Palast samt Garten und die Moschee, nebst einem Kastell stehen auf einem hohen Fels, zu welchem von Kairo aus nur eine einzige breite Straße führt. Hier übersieht man ein dreifaches Meer: von Häusern, vom ausgebreiteten Nil und von Sand, auf welchem die hohen Pyramiden in der Ferne wie einzelne Nadeln stehen. Das Gebirge Mokkatam schließt den Hintergrund, und eine Menge der herrlichsten Gärten und Dattelhaine umgeben die Stadt. Mit einem Blick übersieht man die grellsten Gegensätze. Die üppigste Natur umschließt die Stadt gleich einem Kranz, darüber hinaus sieht man die einförmige Wüste. Die Farbe des Nils ist geradeso wie jene des Sandes, welcher seine Ufer bildet, und die Abstufung daher unmerklich.

Auf dem Rückweg begegnete ich vielen Fellachen, die ganze Körbe Datteln trugen; ich ließ gleich einen davon anhalten, um diese Götterfrucht zu kaufen. Leider waren sie aber noch unreif, hart, von Farbe ziegelrot und schmeckten so schlecht, daß ich nicht eine genießen konnte. Erst acht oder zehn Tage später gab es reife. Diese hatten die braune Farbe der getrockneten, die zarte Haut ließ sich leicht abstreifen, und sie behagten meinem Geschmack besser wie die getrockneten, weil sie fleischiger und nicht so süß sind wie diese. Eine noch viel köstlichere Frucht, die edelste in Syrien und Ägypten, ist die Banane, die beinahe feiner schmeckt als Ananas und deren Fleisch so zart ist, daß es im Mund zerfließt. Diese Frucht läßt sich nicht trocknen, man kann sie daher nicht ausführen. Zuckermelonen und Pfirsiche gibt es im Überfluß, sie waren aber nicht sehr schmackhaft. Die Weintrauben fand ich in Alexandria besser.

Die Bazare, die wir von allen Seiten durchritten, zeigten gar nichts Besonderes an Stoffen oder eigentümlichen Kunst- und Naturprodukten.

Ich brachte im ganzen acht Tage in Kairo zu und benützte diese Zeit von früh morgens bis abends zur Beschauung der Merkwürdigkeiten.

Von Moscheen besah ich nur zwei, jene des Sultans Hassan und die des Amr ibn el As. Um in erstere zu gelangen, mußte ich meine Schuhe ausziehen und in den Strümpfen über den mit großen Steinplatten gepflasterten Hof schreiten. Die Steine waren von der großen Hitze so glühend, daß ich laufen mußte, um mir die Fußsohlen nicht zu verbrennen. Über die Schönheit des Baues kann ich kein Urteil fällen, er ist zu einfach, als daß ein Nichtkenner die Schönheiten desselben herausfinden könnte. Die Moschee Amr ibn el As' gefiel mir besser, sie hat mehrere Hallen, die durch viele Säulen gestützt werden. Nach meiner Ansicht dürften die Moscheen in Kairo aus einer älteren Zeit herrühren und ein ehrwürdigeres Ansehen haben als jene zu Konstantinopel, welche mir dagegen eleganter und großartiger vorkamen.

So besuchte ich auch die Insel Roda, die gewiß den Namen eines der schönsten Gärten verdient. Sie liegt Alt-Kairo gegenüber im Nil und soll ein Lieblingsspaziergang der Städter sein. Ich war jedoch zweimal dort und traf niemanden. Der Garten ist groß und enthält alle Gattungen tropischer Gewächse; hier sah ich das Zuckerrohr, das so ziemlich das Aussehen eines türkischen Maiskornstammes hat; die Baumwollstaude, die fünf bis sechs Schuh hoch wächst; die Banane, die kurzstämmige Dattelpalme, den Kaffeebaum usw. Von Blumen erblickte ich ebenfalls eine Menge, die man bei uns nur mit großer Sorgfalt im Treibhaus erzielt. Diese gesamte Pflanzenwelt ist äußerst sinnig geordnet, schön gehalten und prangt in einer Frische sondergleichen. Die ganze Insel wird nämlich durch künstliche Kanäle des Abends unter Wasser gesetzt, was in Ägypten bei allen Pflanzungen der Fall ist, sonst wäre es bei dieser Hitze wohl nicht denkbar, daß alles so herrlich, frisch und grün gedeihe. Die Sorge und Aufsicht über diesen Feenhain ist einem deutschen Ziergärtner anvertraut, was ich leider zu spät erfuhr, sonst würde ich ihn aufgesucht und über manches um eine Erläuterung gebeten haben.

In der Mitte des Gartens steht eine schöne Grotte, welche von außen und innen mit den verschiedensten Muscheln des Roten Meeres überkleidet ist und einen überraschenden Eindruck macht. An dieser Stelle, zu der mehrere Wege führen, die sämtlich statt mit Sand mit kleinen Muscheln bestreut sind, soll Moses im Binsenkörbchen gefunden worden sein. Gleich am Garten befindet sich eine Sommerwohnung Mehmed Alis.

Ausflug zu den Pyramiden von Giseh

 

25. August 1842

Um vier Uhr nachmittags verließ ich Kairo, fuhr über zwei Arme des Nils und langte nach ungefähr zwei Stunden glücklich zu Giseh an. Wir mußten, da der Nil viele Orte unter Wasser gesetzt hatte, häufige Umwege machen, einigemal Kanäle übersetzen und viel durch Wasser reiten; ja, wo es für unsere Esel zu tief war, uns sogar hinübertragen lassen. In Giseh ging ich in Ermangelung eines Gasthauses zu dem Kapellmeister Herrn K., an den ich von Kairo einen Empfehlungsbrief mitgebracht hatte. Herr K. ist ein geborener Böhme und als Musiklehrer der militärischen Jugend in den Diensten des Vizekönigs von Ägypten. Ich ward hier sehr gut aufgenommen, und Herr K. hatte eine große Freude, wieder einmal mit jemandem deutsch sprechen zu können. Wir unterhielten uns über Beethoven und Mozart, über Strauß und Lanner, nur von den jetzigen Bravour-Kompositeurs Thalberg, Liszt u. a. war noch nichts bis hierhergedrungen.

Nach einem angenehm verplauderten Abend suchte ich, ermüdet vom Ritt und von der Hitze, mein Lager und freute mich sehr, auf dem weichen elastischen Diwan, der mir so freundlich entgegenlächelte, Kraft und Erholung für den kommenden Morgen sammeln zu können. Da bemerkte ich, als ich vom Diwan Besitz nehmen wollte, an der Wand eine Unzahl kleiner schwarzer Flecken. Ich nahm das Licht, um zu sehen, was es sei. Bald wäre mir vor Schreck der Leuchter entfallen, die ganze Wand war voll Wanzen. So etwas sah ich noch im Leben nicht. Nun war es vorbei mit Schlaf und Ruhe. Ich setzte mich auf einen Stuhl und wartete, bis alles still und ruhig war. Dann schlich ich in die Vorhalle und legte mich in meinen Mantel gehüllt auf die Steine.

Dem einen Ungeziefer entging ich, dem größeren aber, den zahllosen Mücken, blieb ich dennoch verfallen. So viele schlechte Nachtquartiere mir bereits auf meiner Reise geworden waren, dieses blieb das schlechteste.

Dagegen war es mir aber auch sehr leicht, lange schon vor Sonnenaufgang zur Weiterreise bereit zu sein. Noch vor Tagesanbruch beurlaubte ich mich bei meinem freundlichen Wirt und ritt mit meinem Diener dem Riesenwerk zu. Da wir der Überschwemmungen wegen auch heute wieder viele Umwege und Überfahrten machen mußten, gelangten wir erst nach anderthalb Stunden an den breiten Nilarm, der uns von der Libyschen Wüste, in welcher die Pyramiden stehen, trennte und über den ich mich von zwei Arabern mußte tragen lassen, eine der unangenehmsten Expeditionen, die man sich denken kann. Zwei große starke Männer stellten sich nebeneinander, ich mußte mich auf ihre Achseln setzen und mich an ihren Köpfen halten, während sie wieder meine Füße horizontal über die Fluten hielten. Diese gingen ihnen an manchen Stellen beinahe bis an die Achseln, daß ich oft schon im Wasser zu sitzen glaubte. Dabei schwankten die Träger immer hin und her, weil sie nur mit vieler Mühe und Kraftanstrengung dem Strom widerstehen konnten, so daß ich hinabzufallen fürchtete. Diese unangenehme Passage dauerte über eine Viertelstunde. Nun hatten wir noch eine Viertelstunde durch tiefen Sand zu waten und standen am Ziel unserer kleinen Reise.

Natürlich sieht man die beiden kolossalen Pyramiden gleich außer der Stadt und behält sie fast immer im Auge, allein auch hier war meine Erwartung und Vorstellung, die ich mir von ihnen gemacht hatte, viel größer gewesen; ich fand diese Riesenwerke nicht so überraschend. Ihre Höhe erscheint jetzt nicht mehr so außerordentlich, weil ein bedeutender Teil des untern Baues versandet und dadurch dem Auge entzogen ist; auch steht weder Baum noch Hütte noch sonst etwas in der Nähe, wodurch der Unterschied der Höhe mehr herausgehoben würde.

Da es noch ziemlich früh und daher kühl war, zog ich es vor, die Pyramide von außen zu ersteigen und dann erst hineinzugehen. Mein Diener zog mir die Ringe vom Finger und steckte sie sorgfältig ein. Er sagte mir, diese Vorsicht sei höchst nötig, weil die Kerle, die einen an den Händen auf die Pyramiden hinaufziehen, so geschickt die Ringe abzustreifen wüßten, daß man es selten bemerke.

Ich nahm zwei Araber, welche mir bei gar hohen Steinen die Hände reichten und mich so hinaufzogen. Wer im geringsten den Schwindel zu fürchten hat, der unternehme diese Partie ja nicht, er wäre rettungslos verloren. Man denke sich, eine Höhe von fünfhundert Fuß ohne Geländer und ohne bequeme Treppe zu erklimmen! Nur an einer einzigen Kante der Pyramide sind die ungeheuern Steine so bearbeitet, daß sie wohl eine Art Treppe bilden, aber natürlich eine der beschwerlichsten, die es geben kann, indem viele dieser einzelnen Blöcke über vier Schuh hoch sind, ohne daß man an ihnen ein Plätzchen fände, den Fuß einzusetzen, um sich hinaufzuschwingen. Da stiegen denn immer die zwei Araber zuerst hinauf, reichten mir die Hände und zogen mich auf diese Art von einem solchen Block auf den andern. Über die kleineren kletterte ich lieber allein. Nach drei viertel Stunden gelangte ich auf die höchste Spitze der Pyramide.

Träumend und sinnend stand ich lange da und konnte es kaum fassen, daß auch ich unter die kleine Zahl gehöre, die so glücklich sind, den höchsten und unzerstörbarsten Bau menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes anzustaunen und bewundern zu können. Im ersten Augenblick war ich kaum fähig, einen Blick von dieser schwindelnden Höhe hinab in die Tiefe und in die Ferne zu werfen, ich betrachtete nur die Pyramide und mußte mich ordentlich mit dem Gedanken vertraut machen, daß kein Traum mich dahergezaubert habe. Nach und nach erst kam ich zu mir selbst und betrachtete die weit unter mir ausgebreitete Landschaft. Von diesem Punkt aus konnte ich das Riesenwerk besser ermessen und ward mehr von seiner Größe hingerissen als von unten, denn hier tat es der Höhe keinen Eintrag, daß der untere Teil der Pyramide versandet war. Ich sah den Nil tief unten fließen, ich sah einige Beduinen stehen, die die Neugierde herbeigezogen hatte und, von meiner Höhe betrachtet, wahrhaftigen Zwergen glichen. Ich sah im Hinaufsteigen die ungeheuern Felsblöcke im einzelnen und in ihrem Umfang, und da begreift man wohl, daß diese Denkmäler mit Recht zu den sieben Wundern der Welt gezählt werden.

Schon auf dem Kastell war die Aussicht schön, hier oben aber, wo der Blick durch nichts als den Horizont und das Mokkatam-Gebirge begrenzt ist, war sie noch viel großartiger. Weithin konnte ich den Strom mit seinen vielen, vielen Armen und Kanälen verfolgen, bis sich der Horizont zu ihm hinabneigte und das Bild von dieser Seite schloß; und die Unzahl von Gärten, die die große ausgebreitete Stadt mit ihren nächsten Umgebungen umfing, die große Wüste mit ihren Flächen und Sandhügeln, die langgedehnte Felsenkette des Mokkatam, alles lag vor mir ausgebreitet, und lange saß ich da, schaute um mich und dachte an all meine Lieben daheim, mit denen ich so gern die seligen Gefühle geteilt hätte, die mich hier erfaßten.

Doch nun ward es Zeit, nicht bloß hinabzuschauen, sondern auch hinabzugehen. Die meisten finden das Abwärtssteigen beschwerlicher als das Hinaufklettern. Bei mir war es umgekehrt. An Schwindel leide ich nicht, und so stieg ich mit dem Gesicht nach vorn gewendet auf folgende Art sehr schnell und ohne die Hilfe der Araber hinab. Auf den kleinen Stufen sprang ich von der einen zur andern; kam ein drei oder vier Schuh hoher Fels, so setzte ich mich nieder und ließ mich hinabgleiten, und dies alles machte ich so schnell und behende, daß ich lange vor meinem Diener hinabkam. Selbst die Araber bezeigten ihre Freude über meine Gewandtheit und Furchtlosigkeit auf dieser gefahrvollen Passage.

Nach einer kleinen Rast und einem eingenommenen Frühmahl ging es in das Innere. Da muß man über einen Haufen von Sand und Steinen steigen, dann geht es abwärts zum Eingang, der ziemlich schmal und so niedrig ist, daß man oft gebückt gehen muß. Den Gang, der hineinführt, hätte ich ohne die Hilfe der Araber nicht betreten können. Er ist so abschüssig und führt über polierte Steine, daß ich samt der Hilfe meiner Führer mehr hinabglitt als ging. Das erste Gemach, das man betritt, heißt das Zimmer der Königin, es hat ganz die Größe und Höhe eines gewöhnlichen Zimmers. Von diesem führt ein noch viel schlechterer Weg in das Zimmer des Königs. Die Araber setzten die Füße in eingehauene Löcher ein und klammerten sich mit der einen Hand an ausgehauene Stellen, während sie mit der andern mich nach sich zogen. Auch hier waren die Steine so glatt, daß man mehr darüberglitt als gehen konnte. Das Gemach des Königs ist größer und gleicht einem kleinen Saal. An einer Seite steht ein kleiner leerer Sarkophag ohne Deckel. Die Wände sowohl der Gemächer als auch der Gänge sind mit den größten und schönsten polierten Granit- oder Marmorplatten ausgetäfelt. In die andern Gänge oder vielmehr Löcher, welche noch zu besuchen gewesen wären, kam ich nicht. Für Gelehrte und Altertumsforscher mag es wohl von großem Interesse sein, jeden Winkel und jede Ecke zu durchsuchen; aber für eine Frau wie ich, die bloß eine grenzenlose Neigung zum Reisen hieherbrachte und die Kunst- und Naturschönheiten nur nach ihren einfachen Gefühlen zu betrachten vermag, genügte es, die Cheopspyramide von außen erstiegen und von innen nur so überhaupt gesehen zu haben. Diese Pyramide soll die höchste und größte sein. Sie steht auf einem hundertfünfzig Fuß hohen Felsen, von dem man aber nichts sieht, weil er tief unter Sand liegt; ihre Höhe soll über fünfhundert Fuß betragen. Sie steht schon dreitausend Jahre und wurde von Cheops gegründet. Hunderttausend Menschen sollen zwanzig Jahre lang an ihr gearbeitet haben, und gewiß ist sie eines der interessantesten Werke hinsichtlich der großen und vielen Felsenmassen, welche so kunstvoll ineinandergefügt und für die Ewigkeit geschaffen zu sein scheinen. Sie sehen so fest und wohl erhalten aus, daß noch viele Reisende der kommenden Generationen hieherwandern und die schon längst angefangenen Untersuchungen fortsetzen können.

Die Sphinx, eine unendlich kolossale Statue, welche unweit der großen Pyramide liegt, ist so versandet, daß man nur den Kopf und einen kleinen Teil der Brust sehen kann. Der Kopf allein ist zweiundzwanzig Fuß lang.

Nachdem ich überall herumgegangen war und alles besehen hatte, trat ich meine Rückkehr an, besuchte abermals Herrn K., stärkte mich mit einem guten Imbiß und traf abends glücklich wieder in Kairo ein. Als ich da meine kleine Börse aus der Tasche langen wollte, war sie verschwunden. Zum Glück hatte ich nur einen Collonat mitgenommen. Man kann sich keinen Begriff machen von der Fertigkeit und Geschicklichkeit, welche die Beduinen und Araber im Stehlen besitzen. Ich gab immer auf meine Sachen genau acht, und dessenungeachtet entwendeten sie mir mancherlei. Auch die Börse müssen sie mir bei dieser Partie gestohlen haben. Ihr Verlust war mir sehr unangenehm, weil sich das Schlüsselchen zu meinem Koffer darin befand. Zum Glück traf ich aber auf einen geschickten arabischen Schlosser, der das Schlößchen öffnete und einen neuen Schlüssel dazu verfertigte. Bei dieser Gelegenheit sah ich abermals, wie vorsichtig man in allen Dingen mit diesen Leuten sein müsse, um nicht betrogen zu werden. Der Schlüssel sperrte gut auf und zu, und ich bezahlte ihn, doch gleich darauf bemerkte ich, daß er in der Mitte nur ganz schwach zusammengenietet sei und bald entzweibrechen würde. Da sah ich noch das Werkzeug des Arabers auf dem Boden liegen; ich bemächtigte mich desselben und bedeutete dem Mann, ich würde es nicht eher ausfolgen, als bis er mir einen andern Schlüssel gemacht habe. Vergebens versicherte er mir, daß er ohne Werkzeug nicht arbeiten könne, allein er gab mir das Geld nicht zurück, und ich verweigerte das Werkzeug; nur auf diese Art kam ich zu einem neuen und guten Schlüssel.

 

Ich besuchte mehrere christliche Kirchen, worunter die griechische abermals die schönste war. Ich sah auf dieser Wanderung Gassen, daß kaum Platz für einen Reiter war; ja der Weg zur armenischen Kirche führt durch so schmale Gäßchen und Pförtchen, daß wir unsere Esel zurücklassen mußten und kaum so viel Raum fanden, daß ein Mensch dem andern ausweichen konnte.

Dagegen mag wohl wieder in der ganzen Welt kein größerer Platz zu finden sein als der Esbekijeplatz hier in Kairo. Jener zu Padua ist vielleicht der einzige, der ihm an Größe ziemlich nahekommen mag. Doch gleicht dieser Platz einem wahren Chaos. Elende Häuser, halbverfallene Hütten umgeben ihn, während man hin und wieder ein Stückchen von einer Allee oder einem angefangenen Kanalbau entdeckt. Die Mitte ist voll Unebenheiten und mit Baumaterialien wie Steinen, Holz, Ziegel, Balken usw. bedeckt. Das größte und schönste Haus auf diesem Platz ist deshalb merkwürdig, weil es Napoleon während seines Aufenthaltes in Kairo bewohnte. Es wird jetzt in einen prächtigen Gasthof umgestaltet.

Herr Konsul C. war so gütig, mir eine Einladungskarte in das Theater zu senden. Das Theater gleicht einem gewöhnlichen Haus und enthält im Innern einen Saal mit einer Galerie, der drei- bis vierhundert Menschen fassen mag. Die Galerie ist für die Frauen bestimmt. Die Schauspielergesellschaft bestand aus Dilettanten, die ein Lustspiel in italienischer Sprache ziemlich gut aufführten. Das Orchester wurde durch vier Personen gebildet; nach dem zweiten Akt spielte der zwölfjährige Sohn des Herrn Konsuls einige Variationen auf der Violine recht brav.

Die Frauen, lauter Levantinerinnen, waren alle höchst elegant gekleidet. Sie trugen sich europäisch, hatten weiße Musselinkleider an und die Haare schön gesteckt und mit Blumen durchflochten. Frauen und Mädchen waren fast sämtlich schön, ihr Teint so blendend weiß, wie man ihn selten in Europa findet. Das mag wohl daher kommen, weil sie beständig zu Hause sitzen und sich der Luft oder der Sonne gar nicht preisgeben.

Auf dem Sklavenmarkt war wenig Auswahl, es war fast alles aufgekauft, und man erwartete täglich einen neuen Transport solcher Unglücklichen. Ich gab vor, einen Knaben und ein Mädchen kaufen zu wollen, damit man mich auch in die geschlossenen Abteilungen führe. Da sah ich ein Paar Negermädchen von ausgezeichneter Schönheit. Ich hätte nie gedacht, so etwas Vollkommenes zu finden. Ihre Formen waren so rund und dabei dennoch so zart, daß sie gewiß jedem Bildhauer das schönste Modell geliefert hätten. Ihre Haut von einer unvergleichlichen samtartigen Schwärze besaß einen wunderschönen Glanz. Die Zähne waren schön geformt und von einer blendenden Weiße. Die Augen groß und die Lippen etwas weniger aufgeworfen, als es sonst gewöhnlich bei diesem Volk der Fall ist. Die Haare trugen sie mehrfach gescheitelt, und kleine, niedlich geordnete Löckchen umgaben den Kopf. Die armen Geschöpfe! Wer weiß, in welche Hände sie geraten! Sie neigten traurig ihre Häupter, und keine Silbe kam aus ihrem Mund. Der Sklavenmarkt machte hier einen traurigen Eindruck auf mich. Die Armen schienen nicht so fröhlich und heiter zu sein, wie jene Sklaven waren, die ich in Konstantinopel auf dem Markt sah. Wie es mir schien, werden sie in Kairo schlecht gehalten, sie lagen unter kleinen Zelten, und wenn ein Käufer kam, wurden sie nicht viel besser als das Vieh herausgetrieben. Ihre Blöße war höchst notdürftig durch einige elende Lumpen bedeckt. Man sah nur traurige, matte Gestalten.

Während meines kurzen Aufenthaltes in Kairo fiel gerade eines der größten Feste der Mohammedaner, nämlich der Geburtstag des Propheten. Dieses Fest wird gleich außerhalb der Stadt auf einem großen freien Platz gefeiert. Da ist eine Menge von vorn ganz offenen großen Zelten aufgerichtet, unter welchen man alle möglichen Verrichtungen sieht; in dem einen wird gebetet, da werfen sich die Derwische zu Boden und schreien zu ihrem Allah, in einem andern treibt wieder ein Gaukler oder Erzähler sein Wesen. In der Mitte dieser Zelte steht ein ganz besonders großes Zelt, dessen Eingang mit Vorhängen geschlossen war. Da tanzten die Bajaderen. Jedermann hat Zutritt gegen eine kleine Gabe. Natürlich ging ich auch hinein, um diese berühmten Tänzer anzusehen. Es waren aber nur zwei Paare, zwei Jünglinge davon waren als Mädchen sehr zierlich gekleidet und mit Goldstücken reich geschmückt. Diese Jünglinge sahen sehr hübsch und niedlich aus, so daß ich sie wirklich für Mädchen hielt. Der Tanz selbst ist höchst einförmig, langsam und langweilig, und besteht in Hin- und Hertreten und einigen etwas frechen Bewegungen des Oberkörpers. Diese Bewegungen sollen sehr schwer zu machen sein, indem die Tänzer dabei ruhig stehen und nur den Oberkörper zu bewegen wissen. Die Musik dazu besteht aus einem Tamburin, einem Dudelsack und einer Pfeife. So viel man schon über die Frechheit dieser Tänze schrieb, so bin ich der Meinung, daß man bei unsern Balletten unendlich mehr Ursache hätte, darüber Bemerkungen zu machen. Es ist möglich, daß noch andere Tänze aufgeführt werden, woran das große Publikum nicht teilnehmen darf, ich spreche nur von dem, was der Öffentlichkeit preisgegeben ist. Auch ziehe ich ein Volksfest im Orient einem Volksfest in unsern so hochgebildeten Staaten vor. Die ersteren machten mir viel Vergnügen, da das Volk im ganzen sich sehr anständig benimmt. Es jubelt zwar und stößt und drängt sich wie bei uns, man sieht aber keine Betrunkenen, und höchst selten finden ernstliche Zänkereien statt. Ebenso erlaubt sich der gemeinste Mann nicht die geringste Unanständigkeit gegen das andere Geschlecht. Hieher zu diesem Fest würde ich ungescheut jedes Mädchen führen, was ich aber in Wien zum sogenannten Brigitten-Kirchtag wohl unterlassen würde.

Das Volk war ungeheuer zahlreich versammelt und drängte sich in großen Massen, und dennoch kamen wir überall mit unsern Eseln durch.

Gegen drei Uhr suchte mein Diener einen erhöhten Platz für mich, denn nun kam bald das Sehenswürdigste, und das Gedränge und der Lärm erreichten schon den höchsten Punkt. Da sah man endlich einen stattlichen Oberpriester auf einem prächtigen Pferd daherreiten; vor ihm gingen acht bis zehn Derwische mit flatternden Fahnen und hinter ihm eine Menge Männer, unter welchen ebenfalls wieder viele Derwische waren. In der Mitte des Platzes hielt der ganze Zug an; einige Soldaten drängten sich zwischen das Volk, teilten es auseinander und bildeten eine Straße. Wichen die Zuschauer nicht gleich gutwillig auf die Seite, so wurden sie mit dem Stock zurechtgewiesen; dies Verfahren brachte schnell eine treffliche Ordnung zustande.

Der Zug setzte sich nun wieder in Bewegung. Die Fahnenträger und die Derwische machten so tolle Gebärden, als ob sie eben dem Narrenhaus entsprungen wären. Am Ort angelangt, wo die Zuseher eine Gasse bildeten, legten sich die Derwische und viele der Männer, welche mit ihnen gekommen waren, überquer, mit dem Gesicht zur Erde gewendet, auf den Boden, und zwar so, daß alle ihre Köpfe in gleicher Linie waren. Dann, o Entsetzen!, ritt der Oberpriester Schritt vor Schritt über die Rücken dieser Unglücklichen wie über eine Brücke. Darauf sprangen alle wieder auf, als wäre nichts Besonderes vorgefallen, und mischten sich mit ihren frühern Grimassen und Lärmen unter den forteilenden Zug. Ein einziger blieb zurück und gebärdete sich, als ob ihm der Rücken wäre eingetreten worden, allein nach einigen Augenblicken ging er ebenso wohlgemut weiter wie seine Kameraden. Jeder der Mitwirkenden schätzt sich außerordentlich glücklich, zu dieser Auszeichnung zugelassen zu werden, und dieser Stolz geht sogar auf die Verwandten und Freunde über.

Ausflug nach Suez

 

26. August 1842

Mein ursprünglicher Plan war, höchstens acht Tage in Kairo zuzubringen und dann wieder zurück nach Alexandria zu gehen. Allein je mehr ich sah, desto mehr wurde meine Neugierde erregt, und es drängte mich immer weiter und weiter. Beinahe in allen Formen und Arten hatte ich nun das Reisen versucht, nur eine Exkursion per Kamel blieb mir noch übrig. Ich erkundigte mich nach der Entfernung, nach der Sicherheit und den Kosten einer Reise nach Suez am Roten Meer. Die Entfernung betrug sechsunddreißig Stunden, die Sicherheit verbürgte man mir, und die Kosten wurden auf zweihundertfünfzig Piaster angeschlagen.

Ich mietete also zwei tüchtige Kamele, eines für mich, das andere für den Diener und den Kameltreiber, und nahm nichts mit als Brot, Datteln, ein Stückchen gebratenes Fleisch und hartgesottene Eier. Auf beide Seiten des Kameles wurden Schläuche mit Wasser gepackt, da wir uns für die Hin- und Rückreise damit versehen mußten.

Diese Partie macht man gewöhnlich, wenn man jeden Tag zwölf Stunden reitet, hin und zurück in sechs Tagen. Allein ich konnte erst am 26. August nach Tisch fort und mußte, um das Dampfschiff nach Alexandria nicht zu versäumen, längstens am 30. wieder in Kairo sein, hatte also nur fünfthalb Tage Zeit; daher war die Reise die anstrengendste, die ich je unternommen hatte.

Um vier Uhr nachmittags ritt ich vor das Stadttor, wo die Kamele uns bereits erwarteten; wir bestiegen sie und traten unsere Reise an.

Die Wüste beginnt gleich außer dem Stadttor, allein noch hat man zur Linken durch etwa anderthalb Stunden den Anblick des fruchtbarsten Landes, bis man endlich Stadt und Baum und alles Grün hinter sich läßt und auf allen Seiten von einem Sandmeer umgeben ist. Die ersten vier, fünf Stunden gefiel mir diese Art des Reisens nicht übel. Ich hatte so viel Raum auf meinem Kamel, konnte mich bald vor, bald rückwärts setzen, hatte eine Flasche Wasser und Lebensmittel an meiner Seite, die Hitze war nicht mehr drückend, ich fühlte mich recht behaglich und sah ordentlich stolz von meinem hohen Thron herab auf alle vorüberziehenden Karawanen. Selbst die schaukelnde Bewegung des Kameles, welche manchen Reisenden dieselben Übelkeiten und Erbrechen verursacht wie auf dem Meer, schadete mir nichts. Aber nach mehreren Stunden fing ich an, das Unbequeme und höchst Beschwerliche einer solchen Reise zu fühlen. Das Schaukeln ward mir peinlich und ermüdend, da ich mich nirgends stützen oder anlehnen konnte. Das Bedürfnis des Schlafes gesellte sich auch dazu, und man kann sich vorstellen, welchen Strapazen ich mich unterzog. Allein ich wollte nach Suez, und wäre alles noch ärger gewesen, ich wäre dennoch nicht umgekehrt. Ich nahm alle meine Geduld zusammen und ritt unausgesetzt fünfzehn Stunden, von vier Uhr nachmittags bis sieben Uhr früh des andern Tages.

Wir kamen in der Nacht an vielen teils gehenden, teils ruhenden Kamelzügen, die oft hundert Stück zählten, vorüber. Es stieß uns nicht die geringste Unannehmlichkeit zu, obwohl wir uns an keine Karawane schlossen und unsern Weg ganz allein verfolgten.

Von Kairo bis Suez sind von sechs zu sechs Stunden Wachtposten aufgestellt; bei jedem solchen Posten steht ein kleines Häuschen mit zwei Zimmerchen für Reisende. Diese Häuschen ließ ein englischer Wirt, der in Kairo etabliert ist, erbauen. Doch können da nur sehr reiche Reisende eintreten, denn alles hat einen ungemessenen Preis. So zum Beispiel zahlt man für ein Bett über Nacht hundert Piaster, für ein Hühnchen zwanzig Piaster, für eine Flasche Wasser zwei Piaster. Die meisten Reisenden kampieren vor dem Haus. Auch ich machte es so und legte mich, während die Kamele ihr mageres Frühstück verzehrten, auf eine Stunde in den Sand. Meine Gesundheit und Körperkraft sind, Gott sei Dank, wirklich so vortrefflich, daß ich nur wenig Ruhe brauche, um neu gestärkt aufzustehen. Nach dieser Stunde der Erholung bestieg ich mein Kamel wieder und setzte meine Reise fort.

 

27. August 1842

Man kann sich leicht einen Begriff machen von der Stille, Ruhe und Ausgestorbenheit der ganzen Natur, von der man hier umgeben ist. Das Meer, wo man doch nichts als Wasser um sich hat, bietet ungleich mehr Abwechslung und Leben. Schon das Rauschen und Durchgreifen der Räder, die herannahenden Wogen, das Aufhissen und Herablassen der Segel, das Gedränge und Leben auf dem Schiff und so weiter bringt doch immer wechselnde Bilder in das im ganzen einförmige Leben.

Selbst der Ritt durch Steinwüsten, wie ich deren doch mehrere in Syrien gemacht hatte, ist nicht so einförmig; man hört doch wenigstens den Tritt des Pferdes, den Laut manches rollenden Steines, und die Aufmerksamkeit des Reisenden wird wenigstens insofern in Anspruch genommen, daß er jeden Schritt des Pferdes gehörig leiten muß, um den Gefahren des Stürzens zu entgehen. Doch nichts von all dem findet man bei der Reise in einer Sandwüste. Kein Vogel durchkreist die Luft, kein Schmetterling erfreut unser Auge, kein Insekt, kein Wurm kriecht auf dem Boden, man sieht kein lebendes Geschöpf als die kleinen Aasgeier auf den Kadavern der gefallenen Kamele. Selbst die Tritte der schwerfüßigen Kamele ersterben im tiefen Sand, und nie hört man etwas anderes als höchstens das Gebrüll dieser Tiere, welches sie gewöhnlich anstimmen, wenn sie der Führer zum Niederlegen zwingt, um sie ihrer Last zu entladen; diese Bewegung muß den armen Tieren vermutlich weh tun. Der Führer schlägt das Kamel auf die Knie und zieht es mit dem Strick, welcher um den Kopf befestigt ist, zu Boden. Bei dieser Operation muß man sich sehr festhalten, um nicht herabzustürzen, denn plötzlich läßt sich das Tier auf die Vorderknie, dann auf die Hinterbeine und setzt sich endlich gänzlich auf den Boden. Wenn man auf das Tier hinaufklettert, muß man ebenfalls achtgeben und sehr flink sein, denn wie es nur merkt, daß man den Fuß auf seinen Hals setzt, will es auch schon aufspringen.

Wie gesagt sieht man auf dieser Reise nichts als viele und lange Züge von Kamelen, von denen eines hinter dem andern schreitet und deren Treiber sich den Weg mit eintönigen, unharmonischen Liedern verkürzen. Überall liegen ganze oder halbaufgezehrte Kadaver dieser »Schiffe der Wüste« zerstreut umher, und Schakale oder Aasgeier nagen daran. Selbst noch lebende Kamele sieht man manchmal umherschwanken, die, zum Dienst schon unfähig, von ihren gefühllosen Herren dem Hungertod preisgegeben werden. Wohl nie wird das Bild eines solchen armen Tieres aus meinem Gedächtnis schwinden, das ich in der Wüste sich hinschleppen und ängstlich nach Nahrung und Wasser suchen sah. Wie grausam ist doch der Mensch! Könnte er den Leiden eines solchen Wesens nicht mit einem Messerstich ein Ziel setzen?

Man sollte glauben, die Luft in der Nähe dieser gefallenen Tiere müsse verpestet sein, allein dies ist hier viel weniger der Fall als in minder heißen Gegenden, da die Kadaver hier durch die reine Luft und den heißen Wind mehr austrocknen als verfaulen.

Auch unser Stück gebratenes Fleisch hatte selbst am fünften Tag noch keinen Geruch. Die hartgesottenen Eier, die mein Diener so ungeschickt eingepackt hatte, daß sie in der ersten Stunde gleich zerquetscht wurden, gerieten nicht in Fäulnis. Fleisch und Eier waren zusammengeschrumpft und ganz ausgetrocknet. Das Weißbrot war am dritten Tag hart wie Schiffszwieback, so daß wir es zerschlagen und in Wasser tauchen mußten. Unser Trinkwasser wurde täglich schlechter und von den ledernen Schläuchen, in welchen wir es bei uns führten, täglich übelriechender. Die armen Tiere bekamen bis Suez keinen Tropfen zu trinken; zur Nahrung gab man ihnen nur einmal des Tages eine Gattung schlechter Hülsenfrüchte.

Von acht Uhr morgens zogen wir wieder fort bis ungefähr fünf Uhr nachmittags. Eine Stunde früher erblickte ich auf einmal das Rote Meer und dessen Umgebung. Ich war über diesen Anblick sehr erfreut, denn in höchstens einer Stunde, schien es mir, könnten wir es erreichen, und da wäre denn die beschwerliche Reise nach Suez geendet. Ich rief meinen Diener, wies ihm das Meer und äußerte meine Verwunderung, daß wir schon so schnell in die Nähe von Suez gekommen seien. Er behauptete, dies sei nicht das Meer, sondern eine Fata Morgana. Ich wollte ihm nicht glauben, weil ich es gar zu natürlich und zu nahe sah. Aber nach einer Stunde waren wir noch ebenso weit davon entfernt, und endlich verschwand dieses Trugbild ganz, und ich sah erst des folgenden Tages gegen sechs Uhr früh das wirkliche Meer, geradeso und mit denselben Umgebungen, wie ich es abends zuvor gesehen hatte.

Um fünf Uhr nachmittags machten wir endlich halt. Ich legte mich beinahe ganz erschöpft auf den Sand, wo ich über drei Stunden herrlich schlief. Da weckte mich mein Diener und sagte, es sei eine Karawane vor uns, an welche wir uns anschließen müßten, da die noch folgende Wegstrecke nicht so sicher sei wie jene, die wir die vorige Nacht durchzogen hatten. Ich war gleich bereit, bestieg mein Kamel, und um acht Uhr abends ging es wieder weiter.

In kurzer Zeit hatten wir die Karawane eingeholt, und unsere Tiere wurden den vorangehenden angereiht, so daß jedes an seinen Vorgänger mit einem Strick gebunden war. Es war schon ganz dunkel, und ich konnte von den Leuten, die vor mir auf einigen Kamelen saßen, nur so viel erkennen, daß es eine arabische Familie war. Sie reisten in Verschlägen, die gleich Hühnersteigen ungefähr eineinhalb Fuß hoch, vier Fuß breit und ebenso lang waren. In einem solchen Kasten saßen zwei, drei Menschen mit kreuzweis untergeschlagenen Beinen. Manche hatten sogar ein leichtes Zelt über den Verschlag gespannt. Plötzlich rief eine Weiberstimme meinen Namen. Ich stutzte und meinte, nicht recht gehört zu haben, denn wer in der Welt sollte hier mit mir zusammentreffen, der noch dazu meinen Taufnamen wußte? Doch abermals rief es sehr verständlich: »Ida! Ida!« Da kam mein Diener herbei und sagte mir, auf dem vorderen Kamel säßen einige Araberinnen, welche mit mir die Reise auf der Nilbarke von El Atf nach Kairo gemacht hätten. Sie ließen mir sagen, sie seien jetzt auf dem Weg nach Mekka und hätten eine große Freude, mich nochmals zu sehen. Ich war wirklich äußerst überrascht, so fest im Gedächtnis dieser guten Menschen zu leben, daß sie sogar meinen Namen noch nicht vergessen hatten.

In dieser Nacht sah ich eine herrliche Naturerscheinung, die mich so überraschte, daß ich im ersten Augenblick unwillkürlich einen leisen Schrei ausstieß. Es mochte ungefähr gegen elf Uhr gewesen sein, da erhellte sich plötzlich links vor mir der Himmel, als ob alles in Feuer stünde; eine große feurige Kugel durchfuhr mit Blitzesschnelle die Luft, senkte sich zur Erde; im selben Augenblick erlosch das Leuchten der Atmosphäre, und das vorige Nachtdunkel war wieder über die Gegend gebreitet. Ich ritt heute abermals die ganze Nacht durch.

 

28. August 1842

Um sechs Uhr morgens erblickte ich das Rote Meer. Ungefähr anderthalb Stunden vor Suez kamen wir an einen Brunnen, der schlechtes, salzig schmeckendes Wasser enthält. Dessenungeachtet ging es hier äußerst lebhaft zu. Die Leute lärmten und schrien, zankten und balgten sich; Kamele, Esel, Pferde und Menschen drängten und stürmten zum Brunnen, und wer ein bißchen Wasser erobert hatte, fühlte sich überglücklich.

Gleich neben diesem Brunnen liegt eine Kaserne, an dem Brunnen selbst ist beständig Militär aufgestellt, um mit dem Stock Frieden zu stiften.

Das Städtchen Suez sieht man von hier aus sehr deutlich am Meer ausgebreitet liegen. Die bedauernswürdigen Städter müssen ihren Wasserbedarf entweder hier oder zwei Stunden unterhalb Suez' an der Meeresküste holen lassen. Ersterer Transport geschieht durch Kamele, Pferde und Esel, letzterer zu Meer auf Booten und kleinen Schiffen.

Das Meer zeigt sich hier ziemlich schmal und eingerahmt von gelbbräunlichem Sand, denn gleich über der Meerenge selbst ist die Fortsetzung der großen libyschen Flugsandwüste.

Nachdem wir über eine Stunde am Brunnen geruht hatten, ohne für unsere armen Tiere Wasser erlangen zu können, beeilten wir uns, die Stadt zu erreichen. Um neun Uhr früh fanden wir uns bereits in ihren Mauern. Über Stadt und Gegend ist nichts zu sagen, als daß beide einen höchst traurigen Anblick gewähren. Von einem Garten oder auch nur von einigen Bäumen ist nirgends etwas zu sehen.

Ich machte dem Herrn Konsul meine Aufwartung und stellte mich ihm als österreichische Untertanin vor. Er war so gütig, mir in seinem Haus ein Zimmer anzuweisen, und ließ mich durchaus in keinem Gasthof absteigen. Schade, daß ich nur durch einen Dragoman mit ihm sprechen konnte. Als geborener Grieche sprach er nur seine Muttersprache und arabisch. Er ist der reichste Kaufmann in Suez und bekleidet die Stelle eines Konsuls von Österreich und Frankreich nur als Ehrenposten.

In dem Städtchen selbst ist gar nichts Merkwürdiges zu sehen. Am Meer zeigte man mir die Stelle, wo Moses die Israeliten hindurchführte. Das Zurücktreten des Meeres zur Ebbezeit ist hier so außerordentlich, daß ganze Inseln zum Vorschein kommen und daß zu dieser Zeit auch heutigen Tages noch immer ganze Karawanen durchziehen, weil dann das Wasser den Kamelen nicht einmal bis an den Bauch reicht. Die Beduinen und Araber gehen sogar durch. Da es gerade Ebbezeit war, so ritt auch ich durch, um wenigstens sagen zu können, ich habe es den Israeliten gleichgetan. Am Ufer fand ich einige hübsche Muscheln, doch fischt man die wahren Schätze dieser Art erst einige Tagreisen höher hinauf bei Ton. Von Perlmuttermuscheln sah ich ganze Ladungen transportieren.

Ich blieb bis vier Uhr nachmittags in Suez, wo ich durch eine herrliche Mahlzeit und ziemlich gutes Wasser meine Kräfte wieder vollkommen hergestellt hatte. Der Konsul läßt den Bedarf des Trinkwassers sechs Stunden weit herbringen, denn alles nähere Wasser schmeckt salzig. Er war so gütig, mir eine Flasche Wasser mit auf den Weg zu geben. Im Gasthof zu Suez kostet eine Flasche Wasser zwei Piaster.

Die erste Nacht meiner Rückreise brachte ich teils in einem Beduinenlager, teils auf dem Weg in Gesellschaft der einen oder andern Karawane zu. Die Beduinen lernte ich als gute, gefällige Menschen kennen, ich konnte mich ungestört hinbegeben, wo ich wollte, und wurde von ihnen nie im geringsten beleidigt. Im Gegenteil brachten sie mir, als ich mich in ihrem Lager befand, eine Kiste und eine Strohmatte, um mir einen guten Sitz zu bereiten.

Die Rückreise war ebenso einförmig, langweilig und ermüdend wie die Hinreise, mit dem einzigen Unterschied, daß ich am vorletzten Tag noch einen Zank mit meinen Leuten hatte. Ich war nämlich durch einen sehr anhaltenden Ritt äußerst ermüdet und befahl meinem Diener, die Kamele einzuhalten, weil ich einige Stunden schlafen wolle. Allein der Spitzbube wollte nicht gehorchen und gab vor, die Gegend sei unsicher und wir müßten trachten, eine Karawane zu erreichen. Dies war jedoch nichts als eine Ausrede, um so schnell als möglich nach Hause zu kommen. Ich ließ mich aber nicht abschrecken und bestand auf meinem Begehren. Ich gab vor, mich neuerdings beim Konsul in Suez wegen der Sicherheit erkundigt und erfahren zu haben, daß durchaus nichts zu fürchten wäre. Dessenungeachtet gehorchten sie nicht und zogen fort. Nun wurde ich böse und befahl dem Diener abermals, mein Kamel stehenzulassen, indem ich fest entschlossen sei, keinen Schritt weiterzugehen.

Kamele und Leute, sagte ich ihm, hätte ich gemietet, folglich hätte ich auch zu befehlen; wolle er nicht gehorchen, so möge er nur samt dem Kameltreiber weiterziehen. Ich würde mich dann an die erste Karawane, die käme, anschließen und ihn, sollte mich die Klage noch so hoch kommen, schon vor Gericht zu finden wissen. Der Kerl ließ nun mein Kamel stehen und zog mit den andern und mit dem Treiber fort. Vermutlich dachte er, mich auf diese Art zu schrecken, so daß ich ihm gleich folgen würde; aber da irrte er sich; ich blieb fest auf meinem Platz stehen, und sooft er sich umsah, winkte ich ihm, nur fortzugehen, ich würde dableiben. Da er nun meine Unerschrockenheit und Festigkeit sah, kehrte er um, kam zu mir, ließ mein Kamel niederknien, half mir herab und bereitete mir auf dem Sand ein Plätzchen, wo ich bei fünf Stunden unvergleichlich schlief. Dann ließ ich zusammenpacken, stieg wieder auf und zog fort.

Durch dies Benehmen schreckte ich die Kerle so, daß sie mich stets nach einem Ritt von mehreren Stunden fragten, ob ich rasten wolle oder nicht. Der Kameltreiber wagte es nicht einmal bei der Ankunft in Kairo, um den gewöhnlichen Bakschisch zu bitten, und der Diener bat um Verzeihung und zugleich, daß ich dem Herrn Konsul nichts von diesem Auftritt sagen möchte.

Die größte Hitze während dieser Reise betrug dreiundvierzig Grad Réaumur, und wenn kein Luftzug ging, war es so glühendheiß, daß man zu ersticken fürchten mußte.

Die Reise von Kairo nach Suez kann man auch zu Wagen, und zwar in zwanzig Stunden, machen. Der englische Wirt, welcher in Kairo etabliert ist, ließ eigens für diese Reise einen äußerst leichten viersitzigen Wagen bauen, welcher von vier Pferden gezogen wird. Ein Platz darin kostet aber fünf Pfund Sterling für die Hinreise und ebensoviel für die Rückkehr.

Den folgenden Tag fuhr ich wieder wie früher auf einer arabischen Barke nach Alexandria.

Vor meiner Abreise hatte ich noch einen tüchtigen Streit mit meinem gewöhnlichen Eseltreiber. Diese, wie überhaupt alle Fellachen, betrügen und übervorteilen die Fremden, wo sie nur können, besonders aber mit dem Geld. Da haben sie meistens falsche Münzen bei sich, welche sie im Augenblick der Bezahlung geschickt wie ein Taschenspieler umtauschen. So machte es mein Eseltreiber, als ich zur Barke ritt, ebenfalls; weil er nun wohl wußte, daß ich seiner nicht mehr bedürfe, wollte er mich zu guter Letzt noch prellen. Dieser Betrug ärgerte mich dermaßen, daß ich, obwohl ganz allein unter diesem Volk, mich doch nicht enthalten konnte, ihm mit der Reitgerte, die ich noch in der Hand hielt, ernstlich zu drohen. Dies wirkte, er trat seinen Rückzug an, und ich hatte meinen Prozeß gewonnen.

Man würde sich sehr irren, wenn man dächte, ich teile dergleichen Begebenheiten mit, um etwa mit meinem Mut zu prahlen. Ich glaube, wer es weiß, daß ich diese mühevolle Reise allein unternahm, der wird mich schwerlich unter die Furchtsamen zählen. Man möge aus solchen kleinen Erlebnissen nur entnehmen, wie man mit diesen Leuten umgehen muß. Nur durch festen Willen kann man ihnen imponieren, und ich bin überzeugt, sie fanden dies Benehmen an einer Frau so außerordentlich, daß sie sich dadurch nur um so mehr einschüchtern ließen.

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