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Reise einer Wienerin in das Heilige Land

Ida Pfeiffer: Reise einer Wienerin in das Heilige Land - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorIda Pfeiffer
titleReise einer Wienerin in das Heilige Land
publisherHenry Goverts Verlag GmbH
editorLudwig Plakolb
year1969
firstpub1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160630
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Reise von Konstantinopel über Beirut nach Jerusalem

Ich verschob meine Reise von Tag zu Tag, denn die Berichte aus Beirut und Palästina lauteten gar zu ungünstig. Als ich mich bei meiner Gesandtschaft um einen Ferman (türkischen Paß) bewarb, widerriet man mir die Reise nach jenen Ländern. Die Unruhen im Libanon sowie die Pest seien zu mächtige Feinde, um sich ohne die dringendste Notwendigkeit einer solchen Gefahr auszusetzen.

Ein Geistlicher, der vor zwei Monaten von Beirut gekommen war, versicherte mir, die Unsicherheit sei so groß, daß selbst er, als Arzt weit und breit bekannt, sich nicht über eine halbe Stunde von der Stadt entfernen dürfe, ohne sich den größten Gefahren preiszugeben. Er riet mir, bis Ende September in Konstantinopel zu bleiben und dann mit der Karawane der Griechen nach Jerusalem zu reisen. Dies wäre die einzige Art, sicher dahinzugelangen.

Da traf ich eines Tages einen Pilger in der Kirche, der aus Palästina kam. Auch ihn fragte ich um Rat. Er bestätigte nur, was mir der Priester gesagt, und fügte noch hinzu, daß einer seiner Gefährten auf dem Rückweg ermordet worden und er selbst ausgeplündert und nur durch die besondere Gnade Gottes dem Tod entronnen sei. Den Worten dieses Menschen glaubte ich gar nicht. Er erzählte seine Begebenheiten so ziemlich à la Münchhausen, vermutlich, um Bewunderung zu erregen. Ich setzte meine Nachforschungen so lange fort, bis ich so glücklich war, jemanden zu treffen, der mir das Gegenteil versicherte. Auf jeden Fall überzeugte ich mich, daß in Konstantinopel über diesen Punkt ebensowenig Wahrheit zu erfahren sei wie irgendwo. Endlich entschloß ich mich, mit der nächsten Gelegenheit wenigstens bis Beirut zu gehen; dort dachte ich die Wahrheit zu erfahren.

Man riet mir, die Reise in Männerkleidung zu machen, allein ich fand diesen Rat nicht klug, indem meine kleine, magere Gestalt wohl für einen Jüngling, mein ältliches Gesicht aber für einen Mann gepaßt hätte. Da mir aber der Bart fehlte, so würde man die Verkleidung gleich geahndet und ich mich dadurch mancher Unannehmlichkeit ausgesetzt haben. Ich zog es vor, meine einfache europäische Tracht, die aus einer Bluse und Beinkleidern bestand, beizubehalten. Auf dem Kopf trug ich einen runden Strohhut. In der Folge wurde ich immer mehr überzeugt, wie gut ich getan, mein Geschlecht nicht zu verleugnen. Man begegnete mir überall mit Achtung und hatte oft Nachsicht und Güte für mich, gerade weil man auf mein Geschlecht einige Rücksicht nahm.

 

Am 17. Mai

schiffte ich mich also in Gottes Namen auf einem Dampfschiffe des österreichischen Lloyd, dem »Erzherzog Johann«, ein.

Mit wehmütigem Gefühl stand ich auf dem Verdeck und sah dem Leben und Treiben, das vor so einer weiten Reise an allen Orten und Ecken herrscht, halb gedankenlos zu. Und abermals stand ich in diesem Gewühl ganz allein, nur auf Gott und mein Vertrauen angewiesen. Keine freundliche, teilnehmende Seele geleitete mich an Bord. Alles fremd, die Menschen, die Sprache, das Land, das Klima, die Sitten und die Gebräuche. Alles fremd! Doch ein Blick hinauf zu den Sternen, ein Gedanke: Du bist nicht allein, solange du an Gott hältst, senkte Ruhe in meine Seele, und bald gewann ich es über mich, mit stiller Heiterkeit alles zu beobachten, was um mich vorging.

Da war ein altes Mütterchen, das sich von ihrem Sohn nimmer trennen konnte, immer und immer schloß sie ihn wieder in ihre Arme und küßte und segnete ihn. Arme Frau, wirst du ihn wiedersehen? Oder wird die kühle Erde für dieses Leben die Scheidewand? Gott segne euch beide!

Da stürmte eine Schar von Freunden des Schiffspersonals heran, die das Schiff von oben bis unten durchstöberten und Vergleiche machten zwischen diesem und einem englischen oder französischen.

Da gab es ein Gedränge an der hängenden Schiffstreppe mit Kisten und Koffern und Körben. Menschen drängten sich dazwischen hinauf und hinab. Türken und Griechen und andere balgten sich um die besten Plätze auf dem Oberdeck, und in wenigen Augenblicken war der große Oberraum in ein Biwak umgestaltet. Matten und Betten wurden überall ausgebreitet, Lebensmittel aufgespeichert, Geschirre dazu in Ordnung gestellt, und kaum waren diese Anstalten halb geendet, so fingen die Türken mit den Waschungen des Gesichtes, der Hände und Füße an, breiteten Teppiche aus und verrichteten ihre Andacht. In einer Ecke des Schiffes war sogar ein kleines, sehr niedriges Zelt gespannt und so fest verschlossen, daß ich lange nicht entdecken konnte, ob Menschen oder Waren darunter verborgen seien. Man bemerkte keine Bewegung unter demselben; erst nach mehreren Tagen erfuhr ich von einem Türken, daß ein Scheich von der syrischen Küste zwei Mädchen in Konstantinopel gekauft habe und sie sorgfältig dem Blick der Neugierigen zu verbergen suche. Ich war neun Tage mit diesen armen Geschöpfen auf demselben Schiff und hatte während dieser langen Zeit keine Gelegenheit, eine davon zu sehen. Selbst bei der Ausschiffung hüllten sie sich so ein, daß es unmöglich war, zu erspähen, ob sie weiß oder schwarz seien.

Um sechs Uhr ertönte die Glocke als Zeichen zur Entfernung der Fremden, und nun erst konnte man die eigentlichen Reisegefährten erkennen. Ich schmeichelte mir, mehrere Franken darunter zu finden, die vielleicht ebensolche Reiseprojekte hätten wie ich, aber mit jeder Minute schwand meine Hoffnung mehr und mehr; ein Franke nach dem andern verließ das Schiff, und endlich sah ich mich ganz allein unter all den fremden Nationen.

Nun wurden die Anker aufgerollt, und langsam begann unsere Abfahrt aus dem Hafen. Ich sandte ein kurzes, aber inniges Gebet zu Gott, ich flehte um seinen Schutz auf dieser gefahrvollen, weiten Reise, und gestärkt und beruhigt konnte ich neuerdings der Geschäftigkeit meiner Reisegesellschaft, die nach Beendigung ihrer Andacht sich zum frugalen Mahl gesetzt hatte, Aufmerksamkeit schenken. Die Nahrung dieser Leute bestand während der ganzen Zeit, die sie auf dem Dampfschiff zubrachten, aus kalten Speisen wie Käse, Brot, harten Eiern, Sardellen, Oliven, Nüssen, sehr vielen Zwiebeln und aus getrocknetem Mischmasch, einer Gattung kleiner Aprikosen, die sie anstatt des Kochens einige Stunden vor der Mahlzeit im Wasser erweichen ließen. Auf einem Segelschiff nehmen sie gewöhnlich ein Windöfchen nebst Holzkohlen mit, um sich Pilaw, Bohnen, Hühner, Kaffee und so weiter zu kochen, was ihnen natürlich auf einem Dampfschiff untersagt ist.

Der herrliche Abend hielt mich noch immer wie gebannt auf dem Verdeck, ich schaute mit wehmütigem Blick nach der entschwindenden Kaiserstadt, bis endlich ein sanftes Dunkel im Verein mit der immer größeren Entfernung alles wie mit einem Schleier deckte und nur hin und wieder die Spitze eines Minaretts auftauchte, mir ein letztes Lebewohl zuzuwinken; aber wer vermag meine Freude zu fühlen, als ich in meiner Nähe einen Reisenden, einen Franken, erblickte. So war ich denn nicht mehr allein, ja, für den ersten Augenblick waren wir sogar Landsleute, denn was die Menschen in Europa auch scheidet und in einzelne Nationen teilt, ein fremder Weltteil verbindet sie wieder. Wir fragten nicht: Gehören Sie nach England, Frankreich, Italien? Wir fragten: Wohin geht wohl die Reise? Und als es sich zeigte, daß dieser Herr ebenfalls nach Jerusalem zu gehen gedenke, so hatten wir über diese Reise so viel zu sprechen, daß es uns gar nicht einfiel, nach unserm gegenseitigen Vaterland zu fragen. In der überall herrschenden Sprache der Franzosen unterhielten wir uns und waren zufrieden, uns gegenseitig verstehen zu können. Erst am folgenden Tag erfuhr ich, daß er ein Engländer sei und B. heiße.

In Konstantinopel hatte er mit mir gleiches Schicksal gehabt. Auch er konnte weder bei seiner Gesandtschaft noch bei anderen Leuten sichere Nachrichten hinsichtlich der Möglichkeit der Reise nach Jerusalem erhalten, und so ging auch er aufs Geratewohl nach Beirut. Wir nahmen uns vor, die Reise von Beirut nach Jerusalem gemeinschaftlich zu machen, wenn es möglich sei, durch die wilden Völker der Drusen und Maroniten zu dringen. Und so stand ich nun nicht mehr ohne Schutz in der weiten Welt, ich war geborgen bis Jerusalem, was wollte ich mehr? Jerusalem war das Ziel meiner Reise. Dies hatte ich nun Hoffnung zu erreichen.

Auf dem Schiff befand ich mich übrigens sehr wohl. Mit großer Überwindung hatte ich mich entschlossen, wieder auf den zweiten Platz zu gehen, aber als ich dieses Dampfschiff des österreichischen Lloyd betrat, lernte ich erst kennen, was Einteilung und Ordnung vermögen. Männer und Frauen sind da abgesondert, man findet Waschbecken, hat eine gute Kost und kann in der Rechnung nicht betrogen werden, da sie der Zweite Kapitän besorgt; und so wie hier fand ich es in der Folge auf allen Dampfschiffen.

Wir durchschnitten das Meer von Marmara, fuhren an den Sieben Türmen vorüber und ließen die Prinzeninseln links hinter uns.

Des folgenden Tages, am

 

18. Mai 1842

erreichten wir sehr zeitig das Städtchen Gallipoli, welches an den Dardanellen oder dem Hellespont auf einer Anhöhe liegt. Einige Reste von beinahe ganz verfallenen Ruinen geben dem Vorübereilenden Stoff genug, an die ehemals blühende Vorzeit zu denken. Wir hielten hier nur ein Viertelstündchen, um durch neue Ankömmlinge das Verdeck noch belebter zu machen.

Das Meer ist nun in einer Länge von fünfundzwanzig Seemeilen bis Seddülbahir in ein so schmales Bett eingeengt, daß es einem Kanal gleicht, der gegraben wurde, das Meer von Marmara mit dem Archipel zu verbinden, und führt daher mit Recht den Namen: die Straße der Dardanellen. Links hat man stets das Festland Asiens und rechts eine Erdzunge Europas, die bei Seddülbahir ihr Ende findet. Die beiderseitigen Ufer sind kahl und öde. Es ist ein gewaltiger Kontrast, der jeden fühlenden Reisenden ergreift, welcher vom Bosporus auf einmal hierherversetzt wird. Ach, was bot dieser Boden einst? Welche Heldentaten bewahrt uns die Geschichte von diesen Gegenden? Mit jeder Minute näherten wir uns dem klassischen Boden mehr und mehr. Ach, daß es uns nicht vergönnt war, manche der griechischen Inseln, an welchen wir so nah vorüberfuhren, zu betreten. Ich mußte mich mit dem Gedanken an die Vergangenheit, an die Geschichte der Vorzeit Griechenlands und seiner Helden begnügen, ohne die Schauplätze dieser Taten sehen zu können. Und was soll ich erst von meinen Empfindungen sagen, als wir den Gefilden Trojas nahten?

Ich war stets auf dem Verdeck, um ja nichts zu übersehen, und getraute mir kaum zu atmen, als ich die Ebene Trojas erblickte.

Da mag diese berühmte Stadt gestanden sein, jene Erhöhungen sind vielleicht die Ruhestätten eines Achill, Patroklus, Ajax, Hektor und noch vieler anderer Helden, welche ähnliche Verdienste um ihr Vaterland sich erworben hatten, aber nicht so glücklich waren, der Nachwelt bekannt zu werden. Wie gern hätte ich an Ort und Stelle der Geschichte nachgeträumt, die mir in der Jugend so viel Verehrung und Interesse eingeflößt und damals schon den Wunsch in mir rege gemacht hatte, einst diese Länder zu besuchen, ein Wunsch, der nun teilweise in Erfüllung ging. Aber zu schnell flogen wir vorüber. Öde und verlassen ist die ganze Gegend. Ich sah weder Feld noch Dorf. Trauern die Menschen oder die Natur? Die Menschen könnten es mit Recht, denn nimmer werden sie, was sie einst waren.

Im Lauf des Tages kamen wir an mehreren Inseln vorüber. Im Vordergrund ragte die Spitze von Hydra empor, nun tauchte Samothrake auf, und bald segelten wir auch ganz nahe an Tenedos vorüber. Diese Insel gewährt anfangs keinen schönen Anblick, aber kaum hatten wir einen kleinen Vorsprung umfahren, so erblickten wir die schöne Festung, welche wie zum Schutz der hinter ihr liegenden Stadt bestimmt zu sein scheint, ausgebreitet an der Meeresküste.

Nachdem wir Tenedos verlassen hatten, verloren wir rechts (links behält man immer das Festland Asiens im Angesicht) auf kurze Zeit alle Inseln aus dem Gesichtskreis, erreichten aber dann die schönste unter ihnen, Mytilene, die mit Recht von den Dichtern als das feenartigste Eiland besungen wurde. Wir fuhren über sieben Stunden lang an ihrer Küste. Sie gleicht einem Garten von Oliven-, Orangen-, Granatbäumen usw. Der Hintergrund ist durch eine doppelte Reihe gezackter Berge geschlossen, und die Stadt selbst liegt ungefähr auf dem halben Weg. Sie zieht sich rings um einen Hügel, auf welchem Festungswerke angebracht sind, während vorne ein schöner Hafen, eine tiefe Bucht die Stadt zur Hälfte umgürtet. Einzelne Masten blickten herüber und bezeichneten uns, wie weit die Bucht reiche. Von diesem Punkt an sahen wir ein Dorf gereiht an das andere, freundlich hervorblickend aus dem Schatten üppig blühender Bäume.

Auf dieser Insel einen Frühling zu durchleben müßte ein großer Genuß sein.

Bis spät in die Nacht blieb ich auf dem Verdeck; so reich, so abwechselnd in den Bildern vorübergleitender Inseln ist diese Fahrt auf dem Ägäischen Meer. Hätte ich zaubern können, ich würde die Sonne so lange an den Horizont gebannt haben, bis wir im Hafen von Smyrna eingelaufen wären. Leider verbarg uns die Nacht manche schöne Insel, die wir am folgenden Morgen nur auf der Karte sehen konnten.

 

19. Mai 1842

Schon lange vor der Sonne war ich auf meiner Warte, auf dem Verdeck, um Smyrna von weitem begrüßen zu können.

Eine doppelte Bergkette, immer höher emporsteigend, verkündete die Nähe der reichen Handelsstadt. Zuerst erblickt man das alte, halbverfallene Kastell auf einer Anhöhe und dann die Stadt, die sich an dem Fuß desselben längs des Gestades hinzieht; den Schlußstein dieses Gemäldes bilden die Brüderberge.

Der Hafen ist sehr groß, gleicht aber mehr einer Reede, und darum wäre Platz genug vorhanden, um ganze Flotten aufzunehmen. Es lagen viele Schiffe vor Anker, und eine große Lebhaftigkeit war überall sichtbar.

Die Frankenstadt, welche man von Bord des Schiffes ziemlich übersehen kann, breitet sich längs des Hafens aus und hat noch viel vom europäischen Typus.

H. v. K. war von meiner Ankunft unterrichtet und hatte die Güte, mich vom Bord des Schiffes abzuholen. Wir ritten gleich nach Hazilar, dem Sommeraufenthalt vieler Städter, wo er mich seiner Familie vorstellte.

Hazilar mag von Smyrna fünf deutsche Viertelmeilen entfernt sein. Der Weg dahin ist so über alle Beschreibung schön, daß man die Länge desselben gar nicht in acht nimmt. Gleich außer der Stadt ist ein großer Platz an einem Fluß, wo die Kamele Rast halten und wo sie beladen oder entlastet werden; ich sah eine ganze Herde dieser Tiere. Von ihren Führern, Arabern oder Beduinen, lagen einige auf Matten, die Ruhe genießend, während sich andere in vollster Tätigkeit mit ihren Kamelen beschäftigten, ein echt arabisches Gemälde, welches mir so neu war, daß ich mein Langohr unwillkürlich anhielt, um diese Szene mit Muße zu betrachten.

Unweit dieses Lagers ist der Hauptbelustigungs- und Versammlungsplatz der Städter. Eine Kaffeebude und einige Reihen Bäume bilden diesen Ort, an welchen sich Gärten an Gärten, alle überreich an schönen Fruchtbäumen, schließen. Besonders herrlich macht sich die Blume des gefüllten Granatbaumes, die voll und im hellsten Rot zwischen den Blättern glänzt. Am Weg blühte überall, wild wachsend, Oleander. Wir durchstreiften schöne Gehölze von Zypressen und Oliven. Noch nirgend sah ich eine so schöne, üppige Vegetation wie hier. Wundervoll nimmt sich dieses Tal, dessen eine Seite, umgeben von schroffen, wilden Gebirgen, einen gar sonderbaren Gegensatz zu der übrigen blühenden Landschaft bildet, von dem Hügel aus, welchen man überschreitet. Dazu die vielen kleinen Züge von sechs bis zehn und zwanzig Kamelen, die uns bald mit bedächtigem Schritt entgegenkamen, bald von unsern flinken Eselchen überholt wurden. Bei so vielen neuen und schönen Gegenständen wird man es wohl sehr natürlich finden, daß mir die Zeit zu schnell entfloh.

Die Hitze in Smyrna soll im Sommer nicht drückender sein als in Konstantinopel. Das Frühjahr kommt aber zeitig, und der Herbst währt länger. Dies erklärte mir auch die schöne Vegetation, die ich hier im Vergleich zu Konstantinopel sehr bedeutend entwickelt fand.

Das Landhaus des Herrn v. K. steht mitten in einem schönen Garten, es ist groß und aus Stein gebaut; die Zimmer sind hoch und geräumig, mit Marmor oder Ziegeln gepflastert. Im Garten sah ich die erste Dattelpalme, ein wunderschöner Baum mit hohem, schlankem Stamm, von dessen Spitze fünf bis sechs Schuh lange Blätter sich herabbeugen und eine großartige Krone bilden. In diesen Gegenden sowie auch in jenen Syriens, wo mich meine Reise noch hinführte, wächst der Baum nicht so hoch wie in Ägypten und trägt auch keine Frucht. Er steht bloß als herrliche Zierde neben dem Granat- und Orangenbaum. Ebenso sah ich in diesem Garten viele Sorten der schönsten Akazien, darunter so ungeheuer große, umfangreiche Bäume, wie bei uns nur immer ein Nuß- oder Lindenbaum ist.

Die Besitzungen der Städter gleichen sich alle sehr. Die Häuser stehen in den Gärten, und das Ganze ist mit einer Mauer umgeben.

Abends besuchte ich mit Herrn v. K. einige Bauernfamilien. Herr von K. sagte mir, daß diese Leute sehr arm seien, allein ich fand sie gut gekleidet und wohnlich eingerichtet. Ihre Häuser sind aus Stein und die Zimmer geräumig; alles ohne Vergleich besser als in Galizien und in Ungarn an den Karpaten.

Diesen Tag im Kreis einer so liebenswürdigen Familie zugebracht, zählte ich unter einen der angenehmsten. Wie gerne würde ich die herzliche Einladung, mehrere Wochen bei ihnen zu bleiben, angenommen haben, wenn ich nicht schon so viel Zeit in Konstantinopel verloren hätte. Und so schied ich am

 

20. Mai 1842

vormittags von Frau v. K. und deren liebenswürdigen Kindern. Ihr Herr Gemahl begleitete mich nach Smyrna. Wir durchstreiften absichtlich viele Gassen des Frankenviertels, deren ich die meisten recht hübsch und freundlich, eben und gut gepflastert fand. Die Gasse, in welcher die Konsuln wohnen, ist die schönste. Die Häuser sind schön und aus Stein gebaut. Die Vorhalle eines jeden Hauses ist gar zierlich mit kleinen, oft farbigen Kieselsteinen ausgelegt, welche Kränze, Sterne oder Würfel bilden. In diesen Hallen hält sich die Familie meistens während des Tages auf, da es kühler ist als in den Gemächern. An das Haus schließt sich gewöhnlich ein artiger Garten.

Die Türkenstadt ist freilich ganz anders, sie ist aus Holz gebaut und winkelig und eng, und Hunde liegen in den Gassen geradeso wie in Konstantinopel oder Brussa. Und warum soll es hier auch anders aussehen? Hier und dort wohnen Türken, und weder die einen noch die andern haben das Bedürfnis, luftig und rein zu wohnen wie wir verwöhnten Franken.

Die Bazare sind nicht gedeckt, und auch hier muß man die schönen Waren hinter Schloß und Riegel suchen.

Eine Partie nach Bornova, welches unweit der Stadt an der Küste liegt und ebenso wie Hazilar der Aufenthalt der Städter während des Sommers ist, verdient gemacht zu werden. Die Ansichten dahin sind wechselnd, der Weg sehr gut. Das Ganze gleicht einem sehr gedehnten Dorf, dessen Häuser alle in der Mitte der Gärten stehen, die mit einer Mauer umgeben sind.

Von der Akropolis hat man die schönste Ansicht im Rundgemälde. Man überblickt hier alles vereint, was auf den andern Partien nur teilweise geboten wird.

In Smyrna sah ich die schönsten Frauen, die mir bisher vorgekommen sind. Selbst auf meiner ferneren Reise fand ich wenig so schöne, schönere gar nicht. Diese Zaubergestalten sind aber nur unter den Griechinnen zu suchen. Die schöne reiche Tracht erhöht den Reiz dieser lieblichen Grazien noch viel mehr. Besonders geschmackvoll wissen sie den kleinen, rundlichen Fez zu stecken, unter welchem ihr üppiges Haar in schönen Flechten über die Schultern fällt oder sich nebst einem reichgestickten Tuch um Kopf und Stirne windet.

Smyrna besitzt aber nicht bloß die schönsten Frauen, es ist auch berühmt als Geburtsort eines der größten Männer. O Homer, in dem heutigen Griechenland würdest du keinen Stoff mehr zu deiner unsterblichen Iliade finden!

Um fünf Uhr abends verließen wir Smyrnas Hafen. Die Ansicht der Stadt gestaltet sich von dieser Seite schon nach der ersten Seemeile viel großartiger als von der Konstantinopels. Hier erst entfaltet sich die ganze Größe der Türkenstadt, die auf der andern Seite durch das Frankenviertel halb verborgen ist.

Das Meer ging hoch, und starke Gegenwinde hemmten die Eile unseres trefflichen Schiffes. Doch, Gott sei Dank, wenn das Meer nicht gar stark stürmt und braust, übt es keine Macht mehr über meine Gesundheit. Ich befand mich wohl und sah mit großem Vergnügen die hohen Wellen unserem Schiffe entgegentanzen. Unsere Reisegesellschaft hatte sich in Smyrna um einige Franken vermehrt.

 

21. Mai 1842

Gestern abend und heute den ganzen Tag fuhren wir beständig zwischen Inseln. Die bedeutendsten darunter waren Chios, Samos und Kos, und selbst diese bilden ein garstiges Bild, unwirtliche, kahle Gebirge und öde Gegenden. Nur auf der Insel Kos sahen wir eine artige Stadt nebst bedeutenden Festungswerken.

 

22. Mai 1842

Diesen Morgen liefen wir gleich nach fünf Uhr in den wunderschönen Hafen von Rhodos ein. Erst hier bekam ich die deutliche Vorstellung eines Seehafens. Von allen Seiten ist dieser Hafen von Mauern und Felsstücken umgeben, und nur eine Einfahrt von vielleicht hundertfünfzig bis zweihundert Schritten ist den Schiffen geöffnet. Da kann nun jedes Schiff ruhig liegen, mag der Sturm von außen auch noch so wüten; der einzige Nachteil ist, daß das Einlaufen selbst bei ruhiger See eine schwierige Aufgabe, bei stürmischem Wetter aber ganz unmöglich ist.

An beiden Seiten des Hafeneinganges stehen runde Türme, ihn zu beschützen. Die ehrwürdige Johanniterkirche und der Palast des Komturs ragen hoch über Häuser und Festungswerke heraus.

Der Schiffskapitän verkündete uns die angenehme Nachricht, daß wir von jetzt bis drei Uhr nachmittags die Stunden auf dem Land zubringen könnten. Kleine Boote umschwärmten schon lange unser Schiff, und so verloren wir keinen Augenblick mehr, uns an Land setzen zu lassen. Kaum die Erde betreten, hatten wir nichts eifriger zu tun, als nach der Stelle zu forschen, wo einst der berühmte Koloß gestanden haben mag. Wir konnten nichts ermitteln, denn weder unsere Bücher noch die hiesigen Menschen vermochten uns mit Bestimmtheit den Ort anzugeben. Wir verließen also die Küste, um uns dafür durch den Anblick der altertümlichen Stadt zu entschädigen.

Diese Stadt ist mit dreifachen starken Festungswerken umgeben. Über drei Zugbrücken gelangten wir hinein. Sehr überrascht wurden wir durch die schönen Gassen, die wohlerhaltenen Häuser und die ganz vorzügliche Pflasterung. Die Hauptstraße, wo die Häuser der ehemaligen Malteserritter (Johanniter) stehen, ist breit; die Gebäude sind massiv aus Stein, sie gleichen ordentlichen Festungen. Oberhalb der gotischen Tore prangen die Wappen samt Jahreszahl in Stein gemeißelt. Das französische Wappen mit den drei Lilien und der Jahreszahl 1402 erscheint am häufigsten. Die Kirche und das Haus des Komturs stehen auf dem höchsten Punkt.

Von außen sieht alles so gut erhalten aus, daß man glauben sollte, die Ritter seien nur ausgezogen, ihr Siegespanier auf das Heilige Grab zu pflanzen. Ausgezogen sind sie wohl – um in eine bessere Heimat einzugehen. Jahrhunderte wehen über ihre Asche, die zerstreut in allen Teilen der Welt liegt. Doch ihre Taten sind gesammelt vor Gott und den Menschen, und bewundert leben sie fort im Angedenken der letzteren.

Die Kirche, das Haus des Komturs und viele andere Bauten sind im Innern nicht halb so gut erhalten, wie der erste Anblick vermuten läßt. Dies kommt daher, weil der obere Teil der Stadt wenig bewohnt ist. Da herrscht eine schauerliche Leere und Stille. Wir konnten überall ruhig und ungestört herumwandeln, ohne von lästigen Neugierigen begafft oder beleidigt zu werden. Mr. B., der Engländer, nahm einzelne Skizzen einiger Schönheiten, der gotischen Tore, Fensterwölbungen, Balken usw. in sein Handzeichenbuch auf, und kein Bewohner trat ihm störend entgegen.

Das Pflaster in der Stadt und selbst in den Straßen, die sich um die Festungswerke ziehen, besteht aus lauter gleichen, schönen Kieselsteinen, oft von bunten Farben wie Mosaik und noch so gut erhalten, als ob diese Arbeit erst kürzlich beendet worden wäre. Freilich fährt hier kein belasteter Wagen, der die Steine zermalmt; der Gebrauch des Fuhrwerks ist unbekannt; alles wird von Pferden, Eseln und Kamelen getragen.

Auf den Wällen stehen noch die Kanonen aus den Zeiten der Genueser. Die Lafetten sind äußerst plump, und die Räder bestehen aus runden Tafeln ohne Speichen.

Von diesem Standpunkt aus kann man die Ausdehnung und Stärke der Festung vollkommen übersehen. Drei hohe Wälle umgeben die Stadt, die so für die Ewigkeit gebaut scheinen, daß sie fast unbeschädigt in ihrer ganzen Pracht noch dastehen. An einigen Orten ist das lebensgroße Bildnis der heiligen Maria an den Mauern der Wälle ausgehauen.

Die Umgebung ist reizend und gleicht einem wahren Lustpark. Viele Landhäuser liegen in diesem großen Naturgarten zerstreut. Die Vegetation ist so üppig wie in Smyrna.

Die Bauart der Häuser unterscheidet sich hier schon merklich. An vielen sind Türme angelehnt, und die Dächer sind flach und bilden lauter Terrassen. Alle sind aber aus Stein gebaut. Gar sonderlich kommen mir die mit großen steinernen Kanonenkugeln eingefaßten Straßen vor, welche im untern Teil der Stadt liegen und meist von Juden bewohnt sind.

Ebenso überraschend war für mich die Tracht des Landvolkes, das ganz schwäbisch gekleidet ist. Vergebens erkundigte ich mich nach der Ursache dieser Erscheinung; in den Büchern, die wir bei uns hatten, fand ich keinen Aufschluß darüber, und mit den Eingeborenen konnte ich nicht sprechen.

Um drei Uhr nachmittags waren wir wieder an Bord, eine Stunde später segelten wir dem offenen Meer zu. Heute sahen wir nichts mehr als eine lange und hohe Gebirgskette des asiatischen Festlandes, Zweige des Taurus. Die höchsten Gipfel schimmerten im Abendlicht silberweiß, sie waren mit Schnee bedeckt.

 

23. Mai 1842

Heute wurden unsere Sehorgane in ziemlicher Ruhe gelassen, wir waren auf hoher See. Erst spät abends erblickten die Matrosen in weiter Ferne gleich einer Nebelwolke die Gebirge von Cypern. Ich hatte kein so geübtes Auge, ich sah nichts als abermals den Sonnenuntergang auf dem Meer, ein Schauspiel, von dem ich mir eine viel erhabenere Vorstellung machte. Der Auf- und Untergang der Sonne auf diesem Element ist nicht halb so schön wie in einer großen Gebirgslandschaft. Der Himmel ist gewöhnlich wolkenlos, und die Sonne sinkt nach und nach ohne Strahlenbrechung, ohne Farbenspiel ins nasse Grab hinab und betritt ebenso einförmig des Morgens ihre alte Bahn. Wie erhaben ist dagegen dieses Schauspiel auf dem Rigi in der Schweiz! Dies ist fürwahr ein Bild, um in Andacht aufgelöst auf die Knie zu sinken und in lautlosem Staunen Gott in seinen Werken zu bewundern.

 

24. Mai 1842

Als ich um fünf Uhr morgens auf das Verdeck kam, sah ich die Insel Cypern, die, je mehr man ihr naht, desto häßlicher erscheint. Um zehn Uhr fuhren wir im Hafen von Larnaka ein. Die Lage dieses Städtchens ist ebenso häßlich; einer arabischen Sandsteppe ähnlich, ragen einzelne fruchtlose Dattelpalmen über die steinernen, dachlosen Häuser.

Ich würde gar nicht an Land gestiegen sein, wenn nicht der Herr Doktor F., den ich in Konstantinopel kennengelernt und der vier Wochen vor meiner Abreise als Quarantänearzt hierhergekommen war, mich abgeholt hätte. Die Straßen von Larnaka sind nicht gepflastert, und wir mußten im eigentlichsten Sinn des Wortes bis über die Knöchel in Sand und Staub herumwaten. Die Häuser sind klein, die Fenster unregelmäßig, bald hoch und bald niedrig angebracht und mit sehr engen hölzernen Gittern versehen. Die Dächer bilden Terrassen. Diese Bauart fand ich in der Folge in ganz Syrien.

Von einem Garten oder grünen Plätzchen war nirgends eine Spur. Die Sandfläche erstreckt sich bis an die Gebirge, die, von dieser Seite gesehen, ein ebenso farbloses wie ödes Bild gewähren. Hinter diesen Bergen soll die Insel das Bild einer üppigen Landschaft bieten. Dahin und nach Nikosia, der Hauptstadt der Insel, von Larnaka sechs Stunden entfernt, kam ich nicht.

Herr Doktor F. führte mich in seine Wohnung, die viel besser aussah, als ich vermutete, indem sie aus zwei sehr großen Zimmern, man könnte sagen Sälen, bestand. Eine behagliche Kühle war überall verbreitet.

Öfen oder Kamine sah ich nicht, denn hier vertritt schon eine ziemlich laue Regenzeit die Stelle des Winters. Im Sommer soll die Hitze oft unerträglich sein und bis über sechsunddreißig Grad Réaumur steigen; heute hatten wir in der Sonne dreißig Grad nach Réaumur.

Auf eine glückliche Rückkehr in mein teures Vaterland ward mit echtem altem Cypernwein getrunken. Ach, werd' ich es wieder erblicken? Gewiß, wenn meine Reise nur halb so glücklich fortgeht wie bisher.

 

Syrien ist zwar ein böses Land und das Klima schwer zu ertragen, aber mit Mut und Vertrauen zu Begleitern hoffe ich doch meine Aufgabe zu lösen. Der gute Doktor war in großer Verlegenheit, daß er mir nichts als Cypernwein und einiges Biskuit aus seinem Vaterland servieren konnte. Obst gibt es zu dieser Zeit noch nicht, und die Kirschen gedeihen hier nicht mehr, weil das Klima schon zu heiß ist. In Smyrna aß ich die letzten für dieses Jahr. Als ich mich des Nachmittags wieder eingeschifft hatte, kam Mr. B. in Gesellschaft des englischen Konsuls an Bord, um, wie er sagte, eine so wackere Frau, die es wagen könne, eine so große, beschwerliche Reise ganz allein zu unternehmen, kennenzulernen. Noch mehr wuchs sein Erstaunen, als er hörte, ich sei eine ganz bescheidene Wienerin. Er war so gütig, mir für den Fall der Rückreise sein Haus als Absteigequartier anzubieten und mich zu fragen, ob er mir mit einigen Empfehlungsschreiben an englische Konsuln in Syrien dienen könne. Wie sehr rührte mich diese herzliche Teilnahme von einem ganz fremden Mann und noch dazu von einem Engländer, die man für kalt und unhöflich hält.

 

25. Mai 1842

Heute früh sah ich Syriens Küste, die sich immer herrlicher gestaltete, je mehr wir sie in der Nähe betrachten konnten; allein das Ziel dieser Reise, Beirut, blieb uns neidisch bis auf den letzten Augenblick verborgen. Noch mußte eine Spitze umsegelt werden, und dann erst erschien dies Eden dem entzückten Auge in der ganzen Fülle seiner Pracht. Gern hätte ich auf dieser kurzen Strecke von der letzten Spitze bis in den Hafen das Schiff in seinem Lauf angehalten, um diesen herrlichen Anblick länger zu genießen. Zwei Augen sind für diese Ansicht zu wenig und der Gegenstände zuviel, man weiß wahrlich nicht, wohin man seine Blicke zuerst wenden soll; auf die Stadt mit ihren vielen altertümlichen Türmen, die an die Häuser angebaut sind und ihnen das Ansehen alter Ritterburgen geben, oder auf die vielen Landhäuser im Schatten üppiger Maulbeerpflanzungen oder auf das schöne Tal, das sich zwischen Beirut und dem Libanon ausbreitet, oder endlich auf dieses wunderbare Gebirge selbst? Die gewaltigen Formen dieses großartigen Gebirges, die eigentümliche Farbe der Felsenmassen, der schneebedeckte Rücken derselben fesselten meine Aufmerksamkeit am längsten.

Kaum rollte der Anker in die Tiefe, so war schon unser Schiff von einer Menge kleiner Barken umschwärmt; es ging hier noch viel stürmischer zu als in Konstantinopel. Die halbnackten, ungemein lebhaften Araber oder Fellachen sind so dienstfertig, daß man sich ihrer nicht genug erwehren kann. Es wäre nötig, diese armen Leute mit dem Stock zurückzuweisen, eine andere Erklärung verstehen sie nicht. Da das Wasser hier sehr seicht ist und man selbst mit der kleinen Barke nicht ganz an das Ufer fahren kann, kamen abermals gleich wieder andere dieser braunen Gestalten durchs Wasser heran, packten uns unter beständigem Streit und Zank auf den Rücken und brachten uns wohlbehalten an das nahe Ufer.

Bevor man mit dergleichen Menschen wie Barkenführern, Eseltreibern, Trägern usw. in Verkehr kommt, tut man sehr gut, sich um den Preis zu erkundigen, den man für solche Dienstleistungen zu zahlen hat. Ich fragte gewöhnlich den Schiffskapitän oder einen schon mit allem bekannten Reisenden. Wenn man diesen Leuten auch das Doppelte des gewöhnlichen Preises gibt, so sind sie dennoch nie zufrieden und begehren stets Bakschisch (Trinkgeld). Darum muß man die erste Gabe immer sehr klein einrichten, um noch etwas für das Trinkgeld zu bewahren. Endlich hatte ich das einzige hier bestehende Gasthaus des Herrn Battista glücklich erreicht und freute mich schon herzlich auf einige Ruhe und Erholung; da erscholl auf einmal der Schreckensruf: »Kein Platz.«

Wer kann sich meine bejammernswerte Lage in diesem Augenblick wohl vorstellen? Kein zweiter Gasthof, kein Kloster, ach, gar kein Ort war vorhanden, wo ich Verlassene hätte Zuflucht suchen können. Dies vermochte endlich doch so viel über den Wirt, daß er mich zu seiner Frau führte und mir eine Privatwohnung zu suchen versprach.

Nun war ich zwar unter Dach und Fach gebracht, aber weder Ruhe ward mir zuteil noch ein Winkelchen, um mich umkleiden zu können. Ich saß bei der Wirtin von elf Uhr vormittags bis fünf Uhr abends; ach, wie lange däuchte mir diese Zeit. Ich konnte weder schreiben noch lesen, noch schwatzen, denn weder die Frau noch die Kinder sprachen eine andere Sprache als die arabische. Ich hatte also Zeit, das Treiben und Leben dieser Leute zu studieren, und sah, daß die Kinder hier bei weitem lebhafter sind wie jene in Konstantinopel; das war eine Beweglichkeit und ein Geschwätz sondergleichen. Die Frau tut nach der Sitte dieses Landes nichts als mit den Kindern spielen oder mit der Nachbarin plaudern, während der Mann die Küche und den Keller und alle Einkäufe besorgt und außerdem noch die Gäste selbst bedient; ja sogar den Tisch für Weib und Kinder deckte und besorgte er. Er erzählte mir, daß seine Frau in längstens acht Tagen in ein Kloster auf dem Libanon gehen werde, um dort mit den Kindern während der heißen Jahreszeit zu verweilen.

Welch Unterschied zwischen einer Orientalin und einer Europäerin!

Die Hitze fand ich auf dem Meer bisher noch immer recht erträglich, ein sanfter Wind fächelte uns beständig Kühlung zu, und ein schützendes Zelt gegen die Sonnenstrahlen war über uns ausgespannt. Aber welch ein Abstand, wenn man das Land betritt! Hier saß ich im Zimmer, und die Schweißtropfen perlten beständig von meiner Stirn. Erst jetzt fing ich an zu fühlen, was es heißt, sich unter der tropischen Sonne zu befinden. Ich konnte die Stunde nicht erwarten, wo mir ein Zimmer zugewiesen würde, um Wäsche und Kleider zu wechseln; doch so gut sollte es mir heute nicht ergehen, denn um fünf Uhr kam die Botschaft von Mr. B. mit der angenehmen Nachricht, daß er sich erkundigt und erfahren habe, man könne weiterreisen, indem von den Drusen und Maroniten auf diesem Wege gar nichts zu befürchten wäre und die Pest nur in solchen Orten herrsche, die wir ohnedies nicht zu betreten hätten. Er habe schon einen Diener gemietet, der zugleich Koch und Dragoman (Dolmetsch) vorstelle, Lebensmittel und Kochgeschirre seien gekauft und Plätze auf einer arabischen Barke bestellt. Ich hätte nichts anderes zu tun, als um sechs Uhr am Ufer zu sein, wo mich sein Diener erwarten würde. Diese angenehme Nachricht versetzte mich in die heiterste Stimmung. Ich vergaß Hitze und Ermüdung, dachte an keinen Wäschewechsel, sondern schnürte mein Bündelchen und eilte ans Ufer. Von der Stadt sah ich nur einige Straßen, in denen es sehr lebhaft zuging. Ebenso sah ich viele Beduinen und Araber, die nur mit einem Hemd bekleidet waren und sehr braun aussahen. Ich war vorderhand nicht so begierig, die Stadt Beirut und ihre Umgebung genauer zu besehen, da ich ja bald wieder zurückkehren und dann das Versäumte nachzuholen gedachte.

Vor Sonnenuntergang saßen wir schon auf dem Fahrzeug, das uns nach dem so sehnlich gewünschten heiligen Boden, nach Jaffa, tragen sollte. Alles war in Ordnung, nichts fehlte als die Hauptsache – der Wind.

Dampfschiffe gehen von Beirut nach Jaffa nicht, man muß sich mit Barken begnügen, die weder Reinlichkeit noch Bequemlichkeit bieten, wo man keine Kajüte, kein Zelt findet und die Tage und Nächte unter freiem Himmel zubringen muß. Die Ladung unserer Barke bestand aus Töpferwaren und aus Reis und Korn, in Säcken geladen.

Es ging gegen Mitternacht, und noch saßen wir im Hafen, kein sanfter Wind schwellte die Segel.

Ich hüllte mich fest in meinen Mantel und lagerte mich in Ermangelung einer Matratze auf die Säcke, doch war mein Körper noch zu wenig ermüdet, um auf solch ungewohntem Lager Ruhe finden zu können. Mißmutig erhob ich mich wieder und betrachtete mit neidischen Blicken die nicht sanft schlummernden, sondern tapfer schnarchenden Araber, die ringsherum ebenfalls auf den Säcken gelagert waren. Um meiner armen Seele einen poetischen Schwung zu geben, versenkte ich mich in Betrachtung der unnachahmlichen Landschaft bei Mondbeleuchtung, wobei es aber nicht ohne Gähnen abging. Meinem Gefährten mag es nicht anders ergangen sein, denn auch er verließ dies weiche Lager und starrte verdrießlich ins Weite. Endlich gegen drei Uhr morgens, den

 

26. Mai 1842

erhob sich ein leises Lüftchen, zwei, drei Segel wurden aufgehißt, und langsam und leise trieben wir dem Meer zu.

Mr. B. hatte mit dem Schiffskapitän bedungen, so nahe als möglich an der Küste zu fahren, damit wir die an ihr liegenden Städte sehen konnten. Anlegen durfte er unterwegs nicht, nur bei Cäsarea, denn in Es Sur und an mehreren andern Orten war die Pest.

Dergleichen Verträge muß man schriftlich auf dem Konsulat machen und nie mehr als die Hälfte des Preises im vorhinein zahlen. Mit der andern Hälfte müssen die Leute stets im Zaum gehalten werden. Selbst bei der größten Vorsicht geht es selten ohne Streit und Zank ab; da muß man nur gleich anfangs sein Recht behaupten und nicht in der geringsten Sache nachgeben; auf diese Art allein verschafft man sich Ruhe.

Gegen sieben Uhr früh kamen wir an der Stadt und Festung Saida vorüber. Die Stadt nimmt sich gut aus und besitzt einige große Häuser. Die Festung ist durch eine kleine Bucht des Meeres von der Stadt getrennt und durch eine hölzerne Brücke mit ihr in Verbindung gesetzt. Sie sieht sehr zerstört aus, mehrere Breschen sind noch in demselben Zustand wie nach der Eroberung durch die Engländer im Jahre 1840, und ein Teil des Mauerwerks liegt im Meer. Im Hintergrund sieht man auf einem Berg Ruinen wie von einer alten Burg.

Der nächste Ort, den wir sahen, war Sarepta, wo der Prophet Elias von der armen Witwe während einer Hungersnot ernährt wurde.

Der Libanon wird nun immer niederer und niederer; dagegen erhebt sich sein Namensgefährte, der Antilibanon. Er ist ebenso hoch wie ersterer und ihm auch in der Form ganz gleich. Beide sind mit Schneefeldern durchzogen. Zwischen ihnen steht ein dritter Bergkoloß, der Hermon.

Nun folgte die Stadt Tyrus oder Es Sur, jetzt einsam und verödet, denn die größte Geißel der Menschheit, die Pest, herrschte daselbst in hohem Grad. Man sieht einige verfallene Festungswerke und mehrere Fragmente von Säulen, die zerstreut am Ufer liegen.

Und nun sollte ich Orte schauen, nach welchen sich viele sehnen und deren Anblick doch nur wenigen zuteil wird; mit klopfendem Herzen sah ich unverwandt nach der Gegend, wo ich endlich die Stadt Acre und im Hintergrund den Berg Karmel von den Meereswogen umspült erblickte. Dies also ist der heilige Boden, auf welchem Christus für uns Menschen gewandelt ist. Beide sieht man schon aus großer Ferne.

Die Nacht senkte sich zum zweitenmal mild und heiter über die Erde, allein mir brachte sie wieder keine Ruhe. Daß man sich doch die Bequemlichkeiten ebenso schnell ab- als angewöhnen könnte! Wie leicht wäre dann das Reisen; so aber kostet es gar manchen Kampf, sich von den Beschwerden nicht abschrecken zu lassen. Doch nur Geduld, dachte ich, es wird schon noch ärger kommen; sollte ich glücklich zurückkehren, werde ich abgehärtet sein gleich einem Eingeborenen.

Unsere Mahlzeiten und unser Getränk waren einfach wie unsere Barke und unsere Schlafstätte. Pilaw hatten wir des Morgens, Pilaw des Abends, und lauwarmes Wasser mit etwas Rum gemischt war unser Getränk.

Von Beirut bis in die Nähe von Acre ist die Küste sowie ein ziemlich breiter Strich des Landes unfruchtbar und versandet. Bei Acre ändert sich alles, man sieht wieder hübsche Landhäuser, umgeben von Pomeranzen- und Zitronenpflanzungen, und eine großartige Wasserleitung, die das liebliche Tal durchschneidet. Nur der Berg Karmel ist öde und unfruchtbar und bildet einen grellen Gegensatz zu dieser blühenden Landschaft; er ragt weit in das Meer hinaus und trägt auf seinem Rücken ein großes, schönes Kloster.

Die Stadt Acre und ihre Festungswerke sind seit dem letzten Krieg vom Jahr 1840 noch ganz zerstört und seufzen vergebens nach einer Wiederherstellung. Häuser und Moscheen sind voll Kugeln und Löcher; alles liegt und steht noch, als wäre der Feind erst gestern abgezogen. Sechs Kanonenschlünde sind drohend auf dem Wall aufgepflanzt. Stadt und Festung liegen meerumgürtet auf einer Erdzunge.

 

27. Mai 1842

In der Nacht kamen wir nach Cäsarea. Mit wahrer demosthenischer Beredsamkeit suchte uns der Schiffspatron von dem Vorsatz, hier zu landen, abzubringen; er stellte uns die Gefahren vor, denen wir ausgesetzt wären und was wir alles von den Beduinen und den Schlangen zu befürchten hätten; erstere pflegen hordenweise sich in den Ruinen aufzuhalten, um die Reisenden von ihren Effekten und ihrer Barschaft zu befreien; sie wissen aus Erfahrung, daß solche Orte nur von neugierigen, wohlhabenden Franken besucht werden, darum sind sie hier beständig auf der Lauer gleich den einstmaligen gemütlichen Raubrittern des guten alten Deutschen Reiches. Ein ebenso gefährlicher Feind sind die vielen Schlangen, die in dem alten Gemäuer und auf dem wild bewachsenen Boden den darüber Schreitenden bei jedem Tritte lebensgefährlich werden können. Wir wußten dies alles sehr genau, teils aus Reisebeschreibungen, teils aus mündlichen Überlieferungen, allein es tat unserer Neugierde keinen Einhalt.

Dem Kapitän selbst war es weniger um unsere Gefahr als um den Zeitverlust zu tun, darum suchte er uns von dieser Exkursion abzuhalten; doch es half ihm alles nichts, er mußte Anker werfen, den Tag erwarten und uns dann auf dem Boot ans Land setzen.

Unsere Waffen bestanden aus Sonnenschirmen und Stöcken (letztere trugen wir, um das Gesträuch zu sondieren); unsere Begleitung aus dem Kapitän, dem Diener und zwei Matrosen.

Wir trafen richtig zwischen den Ruinen einige verdächtige Gestalten, herumstreifende Beduinen. Zum Fliehen war es zu spät; wir gingen ihnen daher herzhaft entgegen, sahen sie furchtlos und freundlich an, sie uns desgleichen, und damit war alles abgetan. Wir stiegen von einer Ruine zur andern und hielten uns gewiß über zwei Stunden auf, ohne von diesen Leuten und noch weniger von Schlangen beunruhigt zu werden. Von den letzteren sahen wir nicht einmal eine einzige.

Ruinen sind da im Überfluß vorhanden. Ganze Seitenwände und Mauern, die wohl Privathäusern, aber keinen Tempeln oder Prachtgebäuden angehört haben mögen, stehen noch beinahe unversehrt da. Stücke von Säulen liegen in Menge zerstreut herum, aber ohne Fries, Kapitelle und Fußgestelle.

Ein ganz eigenes, nie gekanntes Gefühl erweckte es in mir, auch da zu gehen, wo Christus ging. Jeden Fleck, jedes Gebäude betrachtete ich mit doppeltem Interesse. Vielleicht, dachte ich, betrete ich dieselbe Stelle, dasselbe Haus, das einst von Jesus besucht wurde. Glücklich und selig kehrte ich auf unsere Barke zurück.

Um drei Uhr nachmittags befanden wir uns hart unter Jaffas Mauern. Das Einlaufen in den Hafen, der sehr versandet ist, wird als gefährlich geschildert. Man sagte uns, wir würden manche Trümmer gestrandeter Schiffe und Barken sehen; doch sosehr ich meine Augen anstrengte, ich gewahrte nicht das geringste. Wir liefen glücklich ein, und somit war diese kleine Reise beendet, auf der ich viel Interessantes und Neues an Gegenständen gesehen und auch das Leben der Matrosen kennengelernt hatte. Oft, wenn Windstille eintrat, lagerten sich unsere Araber auf den Boden, bildeten einen Kreis, sangen Lieder, die aber so eintönig und harmonielos klangen, als man es sich nur denken kann; dazu klatschten sie in die Hände und erhoben zeitweise ein hölzernes Gelächter dazu. Ich fand nicht nur nichts Anziehendes an dieser Unterhaltung, im Gegenteil, es machte auf mich einen melancholischen Eindruck, zu sehen, wie weit diese guten Menschen noch in allem zurück sind.

Die Tracht dieser Leute war höchst einfach: ein Hemd deckte notdürftig ihre Blöße, und ein Tuch, um den Kopf geschlagen, schützte sie vor dem Sonnenstich. Der Kapitän zeichnete sich nur durch den Turban aus, der gar komisch zur übrigen halbnackten Gestalt paßte. Ihre Kost bestand aus einem einzigen warmen Gericht, das sie abends aßen, entweder Pilaw oder Hülsenfrüchte. Während des Tages begnügten sie sich mit Brot und manchmal einer Gurke dazu. Ihr Getränk war Wasser.

Die Stadt Jaffa hat ein ganz eigentümliches Aussehen. Sie erstreckt sich vom Strand des Meeres bis an die Spitze eines ziemlich bedeutenden, ganz einzeln stehenden Hügels. Die untere Straße, von einer Mauer umgeben, scheint breit zu sein, die übrigen laufen auf den Höhen und scheinen auf den unter ihnen liegenden Häusern zu ruhen. Von der Barke aus gesehen, hätte man behaupten können, daß die Menschen auf den platten Dächern herumwandelten.

Da in Jaffa weder ein Gasthof noch ein Kloster, das Reisende beherbergt, ist, so ging ich zum k. k. österreichischen Konsul, Herrn Da., der mich recht herzlich aufnahm und bei seiner Familie einführte, die nebst der Frau aus drei Töchtern und ebenso vielen Söhnen besteht. Ihre Tracht war türkisch. Die Töchter, worunter zwei ausgezeichnet schön waren, trugen weite Beinkleider, eine Binde um die Mitte und einen Kaftan darüber. Auf dem Kopf hatten sie einen kleinen Fez, die Haare waren in fünfzehn bis zwanzig kleine Flechten geteilt und mit kleinen Goldmünzen durchzogen. Am Ende jedes Zöpfchens war eine etwas größere befestigt. Den Hals schmückte ein Kollier von Goldmünzen. Ebenso war auch der Anzug der Mutter. Wenn ältere Frauen wenig oder keine Haare haben, so ersetzen sie durch künstliche Seidenzöpfchen, was die Natur nicht mehr gewährt.

Das Anheften der Münzen ist in Syrien so gebräuchlich, daß das ärmste Weib, Mädchen oder Kind soviel als möglich davon an sich trägt. Wenn es keine Goldmünzen sein können, so begnügen sie sich mit Silbergeld, und wenn sogar dieses mangelt, mit Kupfer- oder sonstigen kleinen Scheidemünzen.

Der Konsul und seine Söhne waren ebenfalls türkisch gekleidet, nur hatte der Vater statt des Turbans einen alten dreieckigen Hut auf dem Kopf, was über alle Beschreibung lächerlich aussah. Eine Tochter und ein Sohn dieses guten, halb türkisch und halb europäisch gekleideten Mannes waren einäugig, ein Gebrechen, welches in Syrien ziemlich häufig vorkommt. Man schreibt es der trocknen Hitze, dem feinen Sandstaub und dem grellen Licht der nackten Kalkgebirge zu.

Da ich in Jaffa zeitig ankam, so ging ich in Begleitung eines Sohnes des Herrn Konsuls in der Stadt und deren Umgebung umher. Die Stadt gleicht an Schmutz, Unebenheiten und dergleichen allen bisher gesehenen. Nur die untere Straße am Meer ist breit und belebt und wird immer von vielen beladenen und unbeladenen Kamelen durchzogen. Der Bazar besteht aus jämmerlichen hölzernen Buden.

Die Umgebung ist schön und äußerst fruchtbar. Große und viele Gärten mit Obstbäumen von allen Gattungen südlicher Früchte und mit der undurchdringlichen Hecke des indianischen Feigenbaumes umpflanzt, bilden einen Halbkreis um den unteren Teil der Stadt.

Der indianische Feigenbaum, den ich hier zum erstenmal erblickte, sieht sonderbar aus. Aus dem Stamm, welcher sehr niedrig ist, sprossen einen Schuh lange, einen halben Schuh breite und einen halben Zoll dicke Blätter hervor. Selten bildet der Baum Äste, sondern ein Blatt entsprießt dem andern, und auf den äußeren Blättern setzt sich die Frucht an, die zwei bis drei Zoll lang sein mag. Oft setzen sich zehn bis zwanzig solcher Feigen an ein Blatt an.

Ich konnte nicht begreifen, wie alle Bäume in diesen heißen Ländern ohne erquickenden Regen so frisch und schön aussehen können. Hier fand ich die Erklärung in den vielen Kanälen, welche die Gärten durchschneiden und künstlich bewässern. Auch der starke Tau und die kühlen Nächte erfrischen die bei Tag hinwelkende Natur. Aber eine Hauptzierde unserer Gärten fehlt jenen ganz, nämlich ein schöner Rasen mit Feldblumen. Hier wächst der Baum und das Gemüse aus rein sandigem oder steinigem Boden hervor, was der Schönheit der Ansicht wohl von ferne nicht schadet, aber in der Nähe eine etwas unangenehme Überraschung bietet. Von Blumen sah ich gar nichts.

Um Jaffa ist alles dergestalt mit tiefem Sand umgeben, daß man bei jedem Schritt bis über die Knöchel einsinkt.

Herr Konsul Da. versieht zwei Konsulate, das österreichische und das französische, hat aber von beiden nichts als die Ehre. Für manche ist dies viel, für die meisten aber ein wirkliches Nichts. Doch diese Familie scheint viel auf Ehre zu halten, denn stets vererbte sich diese Stelle vom Vater auf den Sohn. Auch der jetzige aspiriert schon auf dies Amt.

Abends wohnte ich bei meinen freundlichen Wirten einem echt orientalischen Gastmahl bei.

Auf der Terrasse des Hauses wurden Matten, Teppiche und Polster ausgebreitet und in die Mitte ein ganz niedriges Tischchen gestellt. Um dieses lagerte oder setzte sich die Familie mit untergeschlagenen Beinen herum. Mir gab man einen Stuhl, der aber höher war als das Tischchen. Auch legte man für mich und den Herrn Konsul alte Eßbestecke, aus irgendeiner Rumpelkammer hervorgesucht, neben die Teller; die übrigen hatten Messer und Gabel an der Hand, nämlich die Finger.

Die Gerichte sagten mir gar nicht zu. Ich war noch zu sehr Europäerin und zu wenig bei Eßlust, um nur erträglich zu finden, was diesen guten Leuten ein Hochgenuß schien.

Das erste Gericht bestand aus einem leckeren Pilaw, zusammengesetzt aus Schöpsenfleisch, Gurken und viel Gewürz, wodurch es für meinen Gaumen viel unschmackhafter war als der gewöhnliche Pilaw. Dann folgten aufgeschnittene Gurken mit etwas Salz, jedoch Essig und Öl, die Hauptsache, erwartete ich vergebens, ich mußte sie so hinabschlucken. Hierauf kam Reis in Milch gekocht und mit einer solchen Portion Rosenöl gewürzt, daß mich schon der Geruch allein übersättigte. Endlich erschien der Nachtisch, bestehend aus kleinen ungeschälten Gurken, die meine Tischgenossen mit Haut und Haar gar säuberlich verspeisten, einem alten Schafkäse und gebrannten Haselnußkernen. Das Brot ist flach wie Pfannkuchen und wird nicht in Öfen, sondern auf Platten oder heiße Steine gelegt, und wenn es unten gebacken ist, auf die andere Seite gewendet. Übrigens schmeckt es dennoch besser, als man vermutet.

Unser Tischgespräch war höchst interessant. Einige der Familie sprachen etwas Italienisch, und selbst dies mit so viel griechischem Dialekt, daß ich mehr erraten mußte, was man sagen wollte. Gewiß ging es ihnen ebenso mit mir. Der Herr Konsul behauptete zwar, sehr gut Französisch zu können, allein für diesen Abend schien es seinem Gedächtnis so ziemlich entfallen zu sein. Gesprochen wurde viel, verstanden wenig. Eine Sache, die sich oft in gelehrten Zirkeln ereignen soll, wie man sagt; desto weniger hatte es also bei uns zu bedeuten.

Gurken hat man in Syrien eine Menge Sorten, sie sind eine Lieblingsspeise der Armen und Reichen. Ich fand jedoch keine Gattung schmackhafter als unsere heimische Gurke. Die zweite Lieblingsfrucht ist die Wassermelone, die ich auch nicht größer und schmackhafter wie jene im südlichen Ungarn fand.

Das Haus des Konsuls sieht sehr groß aus, die Bauart desselben ist so regellos, daß man in dem großen Raum sehr wenig Bequemlichkeit und nur wenige Gemächer findet. Die Zimmer sind groß und hoch, äußerst notdürftig eingerichtet und etwas unordentlich gehalten.

Ich schlief in dem Zimmer der verheirateten Tochter, wären aber nicht Betten darin gestanden, ich würde dieses Gemach eher für ein altes Magazin als für ein Schlafzimmer angesehen haben.

 

28. Mai 1842

Um fünf Uhr früh holte mich der Diener des Mr. B. zur Fortsetzung unserer Reise ab. Ich kam zum englischen Konsul und traf dort weder ein Pferd noch irgend etwas zum Aufbruch vorbereitet. Auf solche Unordnung muß man im Orient immer gefaßt sein. Man kann sehr froh sein, wenn Pferde und Muker (eine Benennung für Pferde- und Eseltreiber) nur um einige Stunden später kommen, als sie bestellt sind. So kamen auch unsere Pferde statt um vier Uhr erst um halb sechs Uhr. Unser Gepäck war bald aufgeladen, denn wir ließen das meiste in Jaffa und nahmen nur das höchst Nötige mit.

Schlag sechs Uhr ritten wir aus Jaffas Toren und kamen gleich außerhalb der Stadt an einem großen Brunnen vorüber, dessen Bassin von Marmor ist. An solchen Plätzen herrscht beständig die größte Lebhaftigkeit, und nirgends anders kann man so viele Weiber und Mädchen sehen wie da.

Der Anzug des weiblichen Geschlechtes von der ärmeren Klasse besteht aus einem blauen Hemd, das sich ganz oben anschließt und bis hinab über die Fußknöchel geht. Den Kopf und das Gesicht verhüllen sie ganz, oft lassen sie nicht einmal Öffnungen für die Augen. Dagegen sieht man auch wieder welche, die das Gesicht unverhüllt haben, dies ist aber die bedeutend kleinere Zahl.

Sie tragen die Wasserkrüge auf dem Kopf oder auf der Achsel, geradeso wie vor mehreren tausend Jahren, so wie man sie auf den ältesten Bildern gezeichnet findet. Aber von Grazie im Gang, von Anmut in ihren Bewegungen und von Schönheit des Körpers oder Gesichtes, wie manche Schriftsteller behaupten, sah ich leider nichts; dagegen Schmutz und Armut, und zwar mehr, als ich erwartete.

Zwischen Gärten fortreitend, begegneten wir alle Augenblicke einer kleinen Karawane von Kamelen.

Gleich hinter den Gärten erblickt man die große und fruchtbare Ebene Sharon, die sich über vier Stunden in die Länge zieht und noch mehr in die Breite auszudehnen scheint. Hin und wieder sind Ortschaften auf Hügeln gelagert, und das Ganze gewährt das Bild einer sehr fruchtbaren und bewohnten Gegend. Wir sahen auch überall große Herden von Schafen und Ziegen, von welchen die letzteren meistens schwarz oder braun sind und sehr lange, herabhängende Ohren haben. Den Vordergrund der Landschaft bildet das Judäer Gebirge, das aus lauter kahlen Felsen zu bestehen scheint.

Nachdem wir ungefähr zwei Stunden in dieser Ebene, die aber nicht so sandig ist wie die nahe Umgebung von Jaffa, geritten waren, kamen wir zu einer Moschee, hielten daselbst ein Viertelstündchen an und verzehrten unsern Morgenimbiß, der aus hartgesottenen Eiern nebst einem Stückchen Brot und lauwarmem Zisternenwasser bestand. Unseren armen Tieren erging es nicht einmal so gut, die bekamen nichts als Wasser.

Den Ort verlassend und den Weg über die Ebene fortsetzend, hatten wir nicht nur schrecklich unter der Hitze, welche auf dreißig Grad Réaumur stieg, zu leiden, sondern auch unter einer Gattung kleiner Mücken, die uns in großen Schwärmen umgaben, sich in Nase, Ohren und überall einnisteten und uns so quälten, daß wir alle Geduld und Standhaftigkeit zusammenfassen mußten, um nicht auf der Stelle umzukehren. Zum Glück trafen wir diese Quälgeister nur in jenen Gegenden, wo das Getreide bereits geschnitten noch auf dem Feld lag. Sie sind nicht viel größer als Stecknadelköpfe und gleichen mehr den Fliegen als den Mücken. Wo man sie trifft, sind sie stets in großer Menge vorhanden und stechen so gewaltig, daß man nicht selten blutige Beulen davonträgt.

Die Vegetation war hier der Jahreszeit schon so vorangeeilt, daß wir bereits an vielen Stoppelfeldern vorüberkamen und das Getreide zum Teil schon eingetragen fanden. In ganz Syrien und auch in dem Teil von Ägypten, in welchen mich die Reise später führte, sah ich die Leute niemals Feldfrüchte, Holz, Steine usw. fahren, sondern immer tragen. In Syrien begriff ich es wohl, da sind die Wege daran schuld, denn außer den vier oder fünf Stunden über die Ebene von Sharon ist der Boden so steinig und uneben, daß man selbst mit den kleinsten und leichtesten Wagen nicht fortkommen würde. In Ägypten jedoch ist dies nicht der Fall und dennoch der Gebrauch der Wagen nicht eingeführt.

Komisch sieht es aus, wenn man oft ganze Züge von kleinen Eseln sieht, die so hoch und breit von allen Seiten mit Getreide belastet sind, daß man weder Kopf noch Füße erblickt. Die Garben scheinen sich selbst fortzuschieben, als ob sie durch Dampf getrieben würden. Kaum ist solch ein Zug vorüber, so erscheinen graue hohe Köpfe und rundherum turmhohe Ladungen, daß man vermeint, Frachtwagen und nicht die Tiere der Wüste, die Kamele, daherkommen zu sehen. Immer und immer ist die Aufmerksamkeit des Reisenden mit so vielartigen fremden Gegenständen beschäftigt, die er wohl nie in der Heimat erblicken kann.

Gegen zehn Uhr kamen wir nach Ramle, welches auf einer kleinen Anhöhe liegt und schon von weiter Ferne sichtbar ist. Noch ehe wir das Städtchen erreichten, passierten wir ein Olivengehölz. Wir ließen die Pferde unter einem schattigen Baum stehen und gingen rechts in das Gehölz ungefähr zehn Minuten lang bis zu einem Turm, dem Turm der vierzig Märtyrer, der zu den Zeiten der Tempelritter in eine Kirche verwandelt worden war und jetzt Derwischen zum Wohnort dient. Er ist eine Ruine, und kaum begreift man, wie noch Menschen darin hausen können.

In Ramle hielten wir nicht an. Das Kloster steht auf demselben Platz, wo einst das Haus Josefs von Arimathia stand.

Die Klöster gleichen in Syrien mehr Festungen als friedlichen Wohnungen. Sie sind gewöhnlich mit hohen festen Mauern umzogen, die mit Schießscharten versehen sind. Die große Pforte ist immer fest verschlossen, oft von innen noch überdies verrammelt und befestigt; nur ein ganz kleines Pförtchen wird dem Ankömmling geöffnet, und dies nur, wenn Frieden und keine Pest im Land herrscht.

Endlich um Mittag kamen wir an das Judäische Gebirge. Hier muß man Abschied nehmen von dem schönen fruchtbaren Tal und von dem herrlichen Weg. Es beginnt die steinige Region, aus der man sich nicht leicht wieder herausarbeitet.

Gleich am Eingang des Gebirges liegt links ein höchst ärmliches Dörfchen und in dessen Nähe eine Zisterne, an welcher wir Rast machten, um uns und unsere armen Tiere zu tränken. Nur mit vieler Mühe und etwas Geld gelang es uns, ein bißchen Wasser zu erhalten, denn alle Kamele, Esel, Pferde, Ziegen und Schafe von nah und fern waren hier versammelt und leckten begierig jeden Tropfen dieses Elementes auf. Ich trank hier ein Wasser, so schmutzig, trüb und lau, daß ich wohl nie gedacht hätte, noch froh sein zu müssen, mit so ekligem Getränk meinen Durst zu stillen. Wir füllten neuerdings unsere ledernen Flaschen und zogen wohlgemut den steinigen Pfad entlang, der oft so schmal wurde, daß wir nur mit großer Mühe und vieler Gefahr den uns entgegenkommenden Kamelen ausweichen konnten. Ein Glück, daß meistens einige dieser Tiere Glöckchen am Hals tragen und man beizeiten, durch den Schall aufmerksam gemacht, Vorkehrungen treffen kann.

Die Beduinen und Araber haben gewöhnlich nichts als ein Hemd an, das ihnen oft kaum bis ans Knie reicht. Der Kopf ist mit einem Leinwandtuch bedeckt, um welches ein dicker Strick zweimal gewunden ist, was sich sehr gut ausnimmt. Manche haben auch noch über ihr Hemd einen gestreiften Kotzen. Die Füße sind nackt. Die Reicheren unter ihnen oder ihre Häuptlinge tragen mitunter Turbane.

Nun geht es immer aufwärts in Schluchten zwischen Felsen und Gebirgen über Steingerölle fort. Hin und wieder sieht man einige Ölbäume aus den Felsenritzen hervorsprossen. So häßlich dieser Baum auch ist, in diesen öden Gegenden gewährt er doch dem Auge einen freundlichen Anblick. Manchmal erklimmt man Höhen, von welchen man weit über die Ebene bis hin an das Meer sieht. Solche Ansichten begeistern noch mehr das Gefühl, das gewiß jeden Reisenden erfaßt, wenn er denkt, wo er wandelt und wohin sein Ziel gerichtet ist. Jeder Schritt, der weiterführt, leitet an religiös merkwürdigen Stellen vorüber, jede Ruine, jedes Bruchstück eines Turmes oder einer Burg, über die sich terrassenförmig die netten Felsenwände erheben, spricht von längst vergangener Zeit.

Nach einem fünfstündigen unausgesetzten Ritt vom Eingang des Gebirges auf diesem schlechten Weg ward mir durch die ungewohnte Hitze und durch den gänzlichen Mangel an Labung und Erholung plötzlich so übel und schwindlig, daß ich mich auf dem Pferd kaum mehr zu halten vermochte. Obwohl wir schon im ganzen, nämlich von Jaffa bis hieher, elf Stunden geritten waren, wollte ich aus Angst, daß Mr. B. mich nicht für schwach und kränklich hielte und mich am Ende von Jerusalem nicht mehr zurück nach Jaffa nähme, ihm meine Ermüdung und mein Unwohlsein nicht gestehen. Ich stieg also vom Pferd, ehe ich herabfiel, und ging zitternd und schwankend nebenher, bis ich mich wieder so viel erholt hatte, um aufsitzen zu können. Mr. B. hatte sich vorgenommen, den Ritt von Jaffa bis Jerusalem, eine Tour von sechzehn Stunden, in einem Zug zu machen. Er fragte mich zwar, ob ich mich stark genug fühle, dies auszuhalten, ich wollte aber seine Güte nicht mißbrauchen und versicherte ihm, daß ich schon noch fünf bis sechs Stunden reiten könne. Glücklicherweise befielen ihn kurze Zeit nach diesem Vorschlag dieselben Zustände, die früher mir zuteil geworden, und nun meinte er, es wäre doch besser, im nächsten Dorf einige Stunden auszuruhen, da wir ohnehin die Tore von Jerusalem vor Sonnenuntergang nicht mehr erreichen könnten. Ich pries Gott im stillen für diesen glücklichen Zufall und stellte das Ruhen oder Gehen ganz seinem Willen anheim, weil ich schon sah, daß er das erstere im Sinn hatte, und so erreichte ich meinen Zweck, ohne meine Schwäche gestehen zu müssen. Wir blieben also im nächsten Dorf, Karjet el Enab, dem einstmaligen Emmaus, wo Jesus den Jüngern begegnete und wo man noch ziemlich guterhaltene Ruinen einer christlichen Kirche sieht, die jetzt in einen Stall verwandelt ist. Hier herrschte vor mehreren Jahren der berüchtigte Räuber und zugleich Scheich des Ortes, der keinen Franken durchließ, ohne nach Willkür Tribut von ihm erpreßt zu haben. Seit der Regierung Mehmed Alis hörte dies auf, so wie auch in Jerusalem, wo man ebenfalls früher den Eintritt in die Grabeskirche und in andere heilige Orte bezahlen mußte. Selbst von Räubereien, die sonst in diesen Gebirgen an der Tagesordnung waren, hört man jetzt äußerst selten etwas.

Wir nahmen Besitz von der Vorhalle einer Moschee, in deren Nähe die herrlichste Quelle aus einer Grotte hervorsprudelte. Nicht bald erquickte und stärkte mich etwas so wie diese Quelle. Ich erholte mich in kurzem und genoß noch einen recht freundlichen und herrlichen Abend.

Kaum erfuhr der Scheich des Dorfes, daß Franken daseien, als er uns vier oder fünf Gerichte sandte, wovon aber für unsern Gaumen nur die saure Milch genießbar war. Die übrigen Gerichte, ein Gemisch von Honig, Gurken, hartgesottenen Eiern, Zwiebeln, Öl, Oliven usw., überließen wir großmütig dem Dragoman und dem Muker, die bald damit fertig wurden. Eine Stunde später kam der Scheich selbst, uns seine Aufwartung zu machen. Wir lagerten uns auf den Terrassen der Vorhalle, die Männer rauchten und tranken Kaffee. Dabei wurde ein Gespräch geführt, das der Dragoman übersetzte und das sehr langweilig war. Endlich fiel es dem Scheich doch ein, daß wir von der Reise ermüdet seien. Er nahm Abschied und versprach uns unaufgefordert, zwei Mann Wache zu senden, was er auch tat. Wir konnten also mit größter Sicherheit unter freiem Himmel mitten in einem türkischen Dorf zur Ruhe gehen.

Noch ehe wir uns der Ruhe überließen, bekam mein Reisegefährte den höchst originellen Einfall, um Mitternacht aufzubrechen. Er fragte mich zwar, ob ich Angst hätte, meinte aber, daß man um diese Zeit sicherer wäre als gegen Morgen; um Mitternacht würde man gewiß niemanden auf einem so gefährlichen Weg vermuten. Ich hatte wohl ein bißchen Furcht, allein mein Ehrgeiz erlaubte mir nicht, die Wahrheit zu gestehen, und somit erhielten unsere Leute den Befehl, um zwölf Uhr zur Weiterreise bereit zu sein.

So zogen wir vier Personen um Mitternacht ohne alle Waffen durch die ödesten und schrecklichsten Gegenden. Zum Glück sah der Mond so freundlich lächelnd auf uns herab und beleuchtete die Pfade, daß die Pferde mit festem Tritt über Stock und Stein dahinschreiten konnten. Wie so manches Schattenbild schreckte mich nicht! Ich sah Leben und Bewegung, Gestalten von Riesen und Zwergen, bald auf uns zueilend, bald sich hinter Felsenmassen verbergend oder in ihr Nichts zusammensinkend. Licht und Schatten, Angst und Furcht trieben so ihr Spiel mit meiner Einbildungskraft.

Eine Stunde von unserm Nachtlager entfernt kamen wir an ein Flußbett, über welches eine steinerne Brücke führt. Merkwürdig ist dieses Flußbett nur darum, weil David die fünf Kieselsteine, mit denen er den Riesen Goliath bekämpfte, daraus geholt hat. In dieser Jahreszeit fanden wir kein Wasser, das Bett war ganz ausgetrocknet.

Ungefähr eine Stunde ehe man Jerusalem erreicht, öffnet sich das Tal, und kleine Fruchtfelder deuten auf eine etwas belebtere Gegend und auf die Nähe der geheiligten Stadt; still und gedankenvoll ritten wir unserem Ziele zu und strengten mit doppelter Kraft unsere Augen an, um durch das Halbdunkel, das uns die Fernsicht so neidisch beschränkte, durchzudringen. Schon glaubten wir von der nächsten Höhe die heilige Stadt zu erblicken, doch Täuschung ist des Menschen Los! Wir mußten noch eine Höhe erreichen und noch eine: da lag endlich der Ölberg vor uns.

Aufenthalt in Jerusalem

Gerade als die Morgenröte anbrach, standen wir an den Mauern Jerusalems, und mir ging der schönste Morgen meines Lebens auf! Ich war so in Gedanken und in Lobpreisungen versunken, daß ich nicht sah und hörte, was um mich vorging. Und dennoch wäre es mir nicht möglich zu sagen, was ich alles dachte, was ich alles fühlte. Zu groß und mächtig war mein Gefühl, zu arm und kalt ist meine Sprache, es auszudrücken.

Am 29. Mai morgens halb fünf Uhr kamen wir an das Bethlehemtor. Eine halbe Stunde mußten wir noch warten, bis das Tor aufgeschlossen wurde, dann zogen wir durch die stillen, noch unbelebten Gassen Jerusalems, der nuova casa (Pilgerhaus) zu, welche von den Franziskanern zur Aufnahme für Reich und Arm, für Lateiner (Christkatholische) und Protestanten bestimmt ist.

Ich gab meine Effekten in das mir zugewiesene Zimmer und eilte in die Kirche, um mein Herz durch ein inniges Gebet zu erleichtern. Der Eintritt in die Kirche gleicht dem eines Hauses. Sie selbst ist klein, doch für die hier ansässigen Lateiner groß genug. Der Altar ist reich, die Orgel sehr schlecht. Die Männer stehen abgesondert von den Weibern, so auch die Knaben von den Mädchen, und alles sitzt oder kniet auf dem Boden; Bänke gibt es in der Kirche nicht. Die Christen sind ebenso gekleidet wie die Morgenländer. Die Weiber tragen Stiefeletten aus gelbem Saffian und darüber Pantoffeln, welche sie beim Eintritt in die Kirche ablegen. Das Gesicht haben sie auf der Gasse ganz verhüllt, in der Kirche nur zum Teil, die Mädchen gar nicht. Ihre Kleidung besteht aus einem weißleinenen Rock, einem großen Tuch von demselben Stoff, in welches sie sich ganz einhüllen. Alle waren rein und nett gekleidet.

Die Andacht ist aber unter diesen Leuten so gering, daß sie durch jede Kleinigkeit gestört werden. So zum Beispiel war ich für diese Leute eine ganz neue Erscheinung, weshalb sie mich beständig von Kopf bis Fuß betrachteten und sich ihre Bemerkungen über mich so unverhohlen durch Worte und Zeichen mitteilten, daß ich wirklich keinen ernsten Gedanken fassen konnte. Manche unter ihnen stießen an mich an oder langten nach meinem Hut usw. Sie schwatzten sehr eifrig und beteten sehr wenig, die Kinder machten es nicht besser; sie aßen während der Messe ihr Morgenbrot und stießen sich manchmal, vermutlich, um nicht einzuschlafen. Die Leute hier müssen glauben, ein gottgefälliges Werk auszuüben, wenn sie nur zwei, drei Stunden in der Kirche zubringen; um das Wie scheint sich kein Mensch zu bekümmern, sonst hätte man sie doch eines Besseren belehrt.

Nachdem ich über eine Stunde in der Kirche war, kam ein Geistlicher zu mir und sprach mich in meiner Muttersprache an. Er war ein Deutscher und sogar ein Landsmann. Er versprach mir, mich in einigen Stunden zu besuchen. Ich kehrte dann in das Pilgerhaus zurück, und jetzt erst betrachtete ich mein Zimmer. Es war höchst einfach möbliert, die ganze Einrichtung bestand aus einer eisernen Bettstelle samt Matratze, Polster und Decke, einem sehr schmutzigen Tisch, zwei Stühlen, einer kleinen Bank und einem Wandkästchen, alles von weichem Holz. Alle diese Effekten sowie die Fenster, an denen einige Scheiben zerbrochen waren, mögen wohl vor undenklichen Zeiten rein gewesen sein. Die Wände waren mit Kalk übertüncht, der Boden mit großen Steinplatten gepflastert. Kamine sind nirgends mehr zu sehen.

Ich legte mich auf eine oder zwei Stunden nieder, um nur ein bißchen auszuruhen, denn seit der Abreise von Konstantinopel bis hieher war es in einem Zug fortgegangen.

Um elf Uhr besuchte mich der deutsche Geistliche, Pater Paul, um mir die Ordnung des Hauses kundzumachen. Des Mittags wird um zwölf Uhr, des Abends um sieben Uhr gespeist. Zum Frühstück bekommt man schwarzen Kaffee; des Mittags eine eingekochte Suppe, die aber aus Schöpsenfleisch bereitet ist, dann gekochtes Ziegenfleisch, etwas Gebackenes in Öl oder sonst ein Gericht von Gurken und zum Schluß gebratenes oder eingemachtes Schöpsenfleisch. Zweimal in der Woche, freitags und samstags, werden Fastenspeisen gegeben, fällt aber das Fest eines besonderen Heiligen, was sehr oft der Fall ist, so kommen drei Fasttage, nämlich auch der Tag vor dem Heiligenfest. Die Fastenspeisen bestehen aus einem Linsengericht, einer Omelette und zwei Gerichten Stockfisch, eines warm, das andere kalt. Brot und Wein sowie die Portionen der Speisen bekommt man in hinlänglicher Quantität. Aber alles ist höchst mittelmäßig zubereitet, und lange braucht es, bis man sich an die immerwährenden Schöpsengerichte gewöhnt. In Syrien werden im Sommer weder Ochsen noch Kälber geschlachtet; ich genoß daher vom 19. Mai bis anfangs September, wo ich nach Ägypten kam, weder einen Tropfen Rindsuppe noch ein Stückchen Rindfleisch.

Im Kloster bezahlt man weder für Kost noch Wohnung und darf sich einen ganzen Monat aufhalten. Man gibt höchstens eine freiwillige Gabe für Messen; ob man aber viel, wenig oder nichts gibt, ob man ein Lateiner oder von einer anderen Religion ist, darnach wird nicht gefragt. In diesem Punkt ist der Franziskanerorden höchst human. Die Geistlichen sind meistens Spanier und Italiener, sehr wenige von anderen Nationen.

Pater Paul war so gütig, sich mir als Führer anzutragen, und in seiner Gesellschaft sollte ich heute noch mehrere der heiligen Orte besuchen.

Wir begannen mit der Via Dolorosa, dem Weg, auf welchem Christus zum letztenmal auf Erden als Gottmensch, gebeugt unter der Last des Kreuzes, zur Schädelstätte ging. Die Stellen, wo Christus fiel, sind mit Stücken von Säulen bezeichnet, welche die heilige Helena an beiden Orten in die Mauern der Häuser einmauern ließ. Die dritte Stelle sieht man im Innern eines Hauses. Von da gelangten wir zur Zwerchgasse, und zwar zu demselben Ort, an welchen die heilige Maria in größter Eile gekommen war, ihren Sohn noch einmal zu sehen. Ja, wohl sah sie ihn daherwanken, von der Last und dem Schmerz gebeugt. Ihr Mutterherz erlag auf Augenblicke, eine Ohnmacht beraubte sie ihrer Besinnung, aber nur auf kurze Zeit; sie mußte noch das Ärgste schauen.

Nun wandelten wir zum Haus des Pilatus, welches zum Teil in Ruinen liegt, zum Teil den Türken als Kaserne dient. Man zeigt die Stelle, wo die Heilige Stiege war, über welche Jesus ging und die ich auf meiner Rückreise in Rom, in der Basilika S. Giovanni di Laterano, sah. Auch der Ort, wo Jesus von Pilatus dem Volk gezeigt wurde, ist noch bekannt. Gleich neben demselben steht ein kleines, dunkles, turmartiges Gewölbe und in dessen Mitte der Stein, an welchen Christus gebunden und gegeißelt wurde.

Wir stiegen auf die höchste Terrasse dieses Hauses, weil man von hier aus den besten Überblick über die schöne Moschee Omar hat, die in einem sehr großen Hof steht. Man muß sich mit diesem Überblick begnügen, da die Türken hier viel fanatischer sind als in Konstantinopel und manchen andern Städten. Es ist daher eine vergebliche Mühe, auch nur einen Versuch zu machen, in den Vorhof zu kommen. Ein Steinregen wäre der Empfang, den man dort zu gewärtigen hätte. So streng sie ihre Religion und Gebräuche halten, ebensosehr achten sie jene Christen, die ihrerseits religiös und andächtig sind.

Mit vollkommener Ruhe kann der Christ an all den Orten, die ihm heilig sind, seine Andacht verrichten, ohne im geringsten von vorübergehenden Türken bespöttelt oder beleidigt zu werden. Im Gegenteil, der Türke geht ihm ehrerbietig aus dem Weg, denn auch er ehrt Christus als einen großen Propheten und die heilige Maria als seine würdige Mutter.

Unweit vom Haus des Pilatus steht jenes des Herodes, aber nur als Ruine. Das Haus des Prassers, vor welchem der arme Lazarus lag, hatte dasselbe Schicksal, doch kann man noch aus den Ruinen auf seine einstige Größe schließen.

Im Haus der heiligen Veronika ist eine Steinplatte eingemauert, auf welcher ein Fußtritt Jesu zu sehen ist. In einem anderen Haus sieht man zwei Fußtritte der Maria. Auch jene Häuser, die an den Orten stehen, wo Maria und Maria Magdalena geboren wurden, wies mir Pater Paul. Alle diese Häuser sind zwar von Türken bewohnt, allein gegen eine kleine Gabe steht jedermann der Eintritt offen.

Den folgenden Tag ging ich in die Kirche des Heiligen Grabes. Mehrere enge, schmutzige Gassen führen dahin; in denen, die der Kirche nahe liegen, sind lauter Buden wie zu Mariazell in Steiermark und an vielen andern Wallfahrtsorten, in welchen eine Auswahl von Rosenkränzen, geschnitzten Perlmuttermuscheln, Kruzifixen usw. zu finden ist. Der Platz vor der Kirche ist ziemlich nett. Ihm gegenüber liegt das schönste Haus Jerusalems; seine Terrassen waren mit Blumen geziert.

Wenn man zu dieser Kirche geht, tut man wohl, sich mit einer guten Portion Para (sieben Stück machen einen guten Kreuzer) zu versehen, denn man wird von einer Menge Bettler umschwärmt. Die Kirche ist verschlossen; die Türken haben die Schlüssel in Verwahrung und öffnen sie nur dann, wenn es begehrt wird. Man gibt ihnen für diese Mühe den kleinen Betrag von drei oder vier Piastern, sie sind damit zufrieden und bleiben während der ganzen Zeit, die man in der Kirche zubringt, gleich am Eingang im Innern der Kirche zurück, wo sie sich auf Diwane lagern, Tabak rauchen und Kaffee trinken. Gleich am Eingang der Kirche bemerkt man auf dem Boden eine große, länglich viereckige Marmorplatte, dies ist der Salbungsstein.

In der Mitte des Schiffes der Kirche steht eine kleine Kapelle, welche inwendig in zwei Teile geschieden ist. In der ersten Abteilung sieht man in der Mitte eine Steinplatte mit Marmor eingefaßt. Dies soll derselbe Stein sein, auf welchem der Engel saß und den Frauen die Auferstehung verkündete, als sie kamen, um den Leichnam Jesu einzubalsamieren.

In der zweiten, ebenso kleinen Abteilung steht der Sarkophag oder das Grabmal Christi aus weißem Marmor. Der Zugang dahin führt durch eine so niedere Pforte, daß man sich sehr bücken muß, um hineinzukommen. Das Grab nimmt die ganze Länge der Kapelle ein und wird als Altar verwendet. Man kann deshalb nicht in den Sarkophag hineinsehen. Die Beleuchtung ist Tag und Nacht äußerst reich, es brennen beständig dreiundvierzig Lampen ober dem Grab. Dieser Teil der Kapelle, wo das Heilige Grabmal steht, ist leider so klein, daß, wenn der Priester Messe liest, kaum noch drei oder vier Personen Platz haben. Die Kapelle ist ganz aus Marmor erbaut und gehört den Lateinern, jedoch dürfen abwechselnd auch die Griechen darin Messe lesen.

So kniete ich nun an jenen Stellen, welche der Gegenstand aller meiner Wünsche schon in der Kindheit waren, auf die ich stets meine Gedanken gerichtet hatte. Die Gefühle, welche man an solchen Stellen hat, sind wohl zu heilig und mannigfaltig, um auch nur den leisesten Versuch zu machen, sie mit Worten beschreiben zu wollen.

Hinten, an der äußern Seite der Kapelle, haben die Kopten einen kleinen, sehr ärmlichen Altar aus Holz, mit Bretterwänden umfangen. Rings um die kleine Grabeskapelle laufen von außen in einiger Entfernung viele Nischen, die den verschiedenen Glaubenssekten angehören.

Ich sah ferner in dieser Kirche die unterirdische Nische, in welcher Jesus als Gefangener saß, dann die Nische, in welcher die Soldaten um die Kleider unseres Heilandes würfelten, und die Kapelle, welche das Grab des heiligen Nikodemus enthält. Unweit dieser Kapelle ist die kleine Kirche der Lateiner. Zur Kapelle der heiligen Helena führt eine Treppe von siebenundzwanzig Stufen abwärts. Hier saß die heilige Frau beständig, betete und ließ nach dem Heiligen Kreuz suchen. Noch einige Stufen tiefer gelangt man an die Stelle, wo das Kreuz gefunden wurde. Eine Marmorplatte zeigt den Platz genau an.

Ist man wieder von da hinaufgestiegen, so kommt man gleich zu einer Nische, in welcher die Säule steht, an welcher Jesus angebunden und gekrönt wurde. Man nennt sie die Schimpf- oder Spottsäule. Die Säule, an welcher Jesus gegeißelt wurde und von der sich ein Stück in Rom in der Kirche S. Prasede befindet, ist auch nur einige Schritte davon entfernt und mit einem Gitter umgeben. Man geht nun wieder über eine Treppe achtzehn Stufen hoch, welche zur Schädelstätte oder dem Fels führt, wo Jesus gekreuzigt wurde. Dieser Fels ist aber nicht sichtbar, sondern von allen Seiten ummauert und oben mit Marmorplatten bedeckt. An der rechten Seite auf dem Fußboden ist die Stelle, wo Christus an das Kreuz genagelt wurde, durch ein Kreuz aus Marmor bezeichnet. Gleich daneben befindet sich die Schmerzenskapelle an dem Ort, wo die heilige Maria stand und Zeugin war, wie man ihren geliebten Sohn an das Kreuz schlug.

Welche Leiden können wohl mit diesen verglichen werden! Wer von Kummer und Sorgen gedrückt wird, möge sich ihrer erinnern und Trost und Beruhigung darin finden.

Auf der andern Seite, dieser Kapelle gegenüber, ist die Öffnung zu sehen, in der das Kreuz gestanden hat. Hier und auch unten in der Kirche kann man den Riß sehen, der den Felsen spaltete. Oben ist er mit einer Silberplatte eingefaßt, um ihn gegen das viele Küssen und Berühren der Pilger zu schützen. Unten ist eine kleine Öffnung gelassen worden, welche durch ein hineingereichtes Licht so viel erhellt wird, um den tiefen Spalt zu sehen.

Die Kapelle, welche die Griechen in dieser Kirche besitzen, ist die größte, schönste und am reichsten geschmückte, man könnte sagen eine Kirche in der Kirche.

Den Lateinern gehören in dieser Kirche das Heilige Grab, die Geißelungssäule, die Grotte der Kreuzfindung, der Ort der Annagelung und die Schmerzenskapelle. Die andern Stellen gehören den Griechen, Armeniern und Kopten.

Es ist sehr schwer, sich in dieser Kirche zurechtzufinden, sie gleicht einem Labyrinth. Bald muß man über eine Treppe hinauf, bald wieder in die Tiefe hinabsteigen. Der Baumeister verdient gewiß die größte Bewunderung, alles so innig und zweckmäßig unter ein Dach gebracht zu haben, sowie die heilige Helena den innigsten Dank, daß sie durch Kirchen und Kapellen sowohl hier als in Bethlehem und Nazareth alle aufgefundenen Stellen heiligte und der Vergessenheit entriß.

Man erzählte mir, daß es in dieser Kirche selten ohne Zank und große Unordnung abgehe, wenn die Griechen ihre Ostern hier feiern. Und noch viel größer soll diese Unordnung sein, wenn unglückseligerweise die griechischen Ostern mit jenen der Lateiner zusammenfallen. Da gibt es nicht nur blutende Köpfe, sogar als Leichen werden einige fortgetragen. Da müssen dann gewöhnlich die Türken einschreiten, um unter den Christen Ordnung und Ruhe herzustellen. Was können dann jene Völker, die wir Ungläubige nennen, für einen Begriff von uns Christen haben, wenn sie sehen, mit welchem Haß und Neid eine christliche Sekte die andere verfolgt? Wann wird diese entehrende Parteisucht wohl beseitigt werden?

Am dritten Tag nach meiner Ankunft zu Jerusalem kam des Nachmittags eine kleine Karawane von sechs oder sieben Reisenden, nämlich zwei Herren mit ihren Dienern, in unserm Kloster an. Eine solche Erscheinung ist wohl zu wichtig und interessant, besonders wenn es Franken sind, um sich nicht so bald als möglich zu erkundigen, aus welcher Weltgegend sie hiehergewandert seien. Wie freudig schlug mein Herz, als mir Pater Paul die angenehme Nachricht brachte, daß die beiden Herren österreichische Untertanen seien. Welch ein sonderbarer Zufall! So weit von meinem Vaterland und plötzlich inmitten von Österreichern. Pater Paul war ein Wiener, und jene beiden Herren, Graf Be. und Graf Sa., waren böhmische Kavaliere.

Nachdem ich mich von der Reise gehörig erholt und meinen Geist gesammelt hatte, brachte ich eine ganze Nacht in der Kirche des Heiligen Grabes zu. Ich beichtete des Nachmittags und begleitete dann um vier Uhr den Umgang, welcher täglich um diese Zeit zu allen Leidensstationen geht, mit einer brennenden Wachskerze in der Hand, deren Rest ich zur ewigen Erinnerung mit in mein Vaterland brachte. Nach dieser Zeremonie begaben sich die Geistlichen in ihre Zellen und die wenigen Leute, die gegenwärtig waren, aus der Kirche. Ich allein blieb zurück, um die Nacht daselbst zu verweilen. Es herrschte eine feierliche Stille, und ungehindert konnte ich nun alle Stellen allein besuchen und meinen Betrachtungen nachhängen. Dies waren die schönsten Stunden meines Lebens – wer die erlebt, hat genug gelebt!

Bei der Orgel wies man mir ein Plätzchen an, wo ich einige Stunden der Ruhe genießen konnte. Eine alte Spanierin, die gleich einer Nonne lebt, dient den Pilgerinnen als Gefährtin für eine solche Nacht.

Um Mitternacht fangen die verschiedenen Gottesdienste an. Die Griechen und Armenier schlagen und hämmern auf frei hängenden Brettern oder Metallstangen. Die Lateiner spielen auf der Orgel oder singen und beten laut, während die Priester der andern Sekten ebenfalls singen und schreien. Es ist ein großer unharmonischer Lärm. Ich muß es gestehen, daß mich die Andacht um Mitternacht nicht so begeisterte, als ich mir vorstellte. Der vielseitige Lärm, die verschiedenartigen Gebräuche sind eher störend als erhebend. Ich zog die Stille und Ruhe, welche nach dem Umgang herrschte, diesem Gepränge vor.

Ich ging mit der Spanierin in den Chor der Lateiner, wo von der Mitternachtsstunde bis ein Uhr laut gebetet wurde. Um vier Uhr morgens hörte ich mehrere Messen am Heiligen Grab und kommunizierte daselbst. Um acht Uhr sperrten die Türken auf mein Begehren die Kirche auf, damit ich nach Hause gehen konnte.

Die wenigen Geistlichen des lateinischen Ritus, welche sich im Kloster zum Heiligen Grab befinden, bleiben durch drei Monate unausgesetzt in demselben, um den Dienst in der Kirche zu verrichten. Sie dürfen für keinen Augenblick Kloster oder Kirche verlassen. Nach drei Monaten werden sie wieder abgelöst.

Am 10. Juni wohnte ich dem Fest des Ritterschlages vom Orden des Heiligen Grabes bei. Die Grafen Zy., Wa. und Sa. ließen sich zu Rittern des Heiligen Grabes schlagen, welche Zeremonie in der Kapelle der Lateiner und in der Heiligen Grabeskapelle vollzogen wurde.

Der Reverendissimus setzte sich auf einen Thronsessel, der künftige Ritter kniete vor demselben nieder und legte den Schwur ab, die heilige Kirche, die Witwen und Waisen zu schützen usw. Währenddem beteten die herumstehenden Priester. Nun wurde dem Laien von einem Geistlichen der Sporn Gottfrieds von Bouillon angeschnallt, das Schwert dieses Helden in die Hand gegeben, die Scheide davon umgegürtet und das Kreuz samt der schweren goldenen Kette, ebenfalls von Gottfried von Bouillon herstammend, um den Hals gehängt. Darauf bekam der Kniende den eigentlichen Ritterschlag mit dem Schwert auf Achseln und Haupt. Die Geistlichen umarmten den neuen Ritter, und die Zeremonie war beendet.

Ein gutes Mahl, von den neuen Rittern gegeben, wozu Pater Paul und ich geladen waren, machte den Schluß dieses Festes.

Der Ölberg liegt höchstens eine halbe Stunde von Jerusalem entfernt. Man geht durch das Stephanstor, kommt an dem Türkischen Friedhof vorüber und ist an dem Ort, wo der heilige Stephan gesteinigt wurde. Unweit davon sieht man das Flußbett des Kedron, der jetzt ganz ohne Wasser war. Eine steinerne Brücke führt hinüber; daneben ist eine Steinplatte, auf welcher die Abdrücke von Jesu Füßen, als er von Gethsemane abgeholt und über diese Brücke geführt wurde, wo er strauchelte und fiel, zu sehen sind. Wenn man über die Brücke gegangen ist, kommt man am Fuß des Ölberges zur Grotte, wo Jesus Blut geschwitzt hat. Man ließ ihr ihre ursprüngliche Gestalt. Ein einfacher hölzerner Altar, erst seit einigen Jahren von einem bayrischen Prinzen gestiftet, ist darin, und eine eiserne Pforte schließt den Eingang. Nicht weit davon ist Gethsemane. Hier stehen acht Ölbäume von hohem Alter; nirgends sah ich so große und alte Stämme wie diese hier, obwohl ich oft durch ganze Gehölze von Olivenbäumen kam, und dennoch soll, nach der Behauptung sachverständiger Männer, es nicht möglich sein, daß ein Ölbaum ein so hohes Alter erreichen könne, um noch aus jener Zeit zu stammen, wo Jesus unter solchen seine letzte Nacht mit Gebet und Betrachtung zugebracht hat. Da sich aber dieser Baum selbst fortpflanzt, so mögen es Sprößlinge sein. Das Erdreich der Wurzeln dieser acht Bäume ist mit Mauerwerk umgeben, um den altersschwachen Bäumen eine Stütze zu verschaffen. Den Ort, wo diese acht Bäume stehen, umfängt eine drei oder vier Schuh hohe Mauer. Kein Laie darf diesen Ort ohne Priester betreten oder etwas von den Bäumen pflücken; es steht die Exkommunikation als Strafe darauf. Auch der Türke hält diese Bäume in Ehren und würde keinen beschädigen.

Gleich daneben liegt der Ort, wo die drei Jünger während jener Nacht schliefen, als sich Jesus auf den Tod vorbereitete. Man zeigt auf zwei Felsstücken Abdrücke, welche von den Aposteln herrühren sollen (?). Vom dritten Abdruck konnten wir aber keine Spur entdecken. Etwas entfernt davon ist die Stelle, wo Judas den Verrat beging.

Die kleine Kirche, welche das Grab der heiligen Maria in sich schließt, steht nahe an der Grotte der Blutschwitzung. Eine breite Marmortreppe führt über fünfzig Stufen in die Tiefe, an deren Ende man das Grabmal erblickt, welches ebenfalls als Altar benützt wird. Ungefähr in der Mitte der Stiege sind zwei Nischen mit Altären angebracht, die Gebeine der Eltern der heiligen Maria sowie jene des heiligen Joseph in sich schließend. Diese Kapelle gehört den Griechen.

Vom Fuß des Ölbergs bis auf die höchste Spitze desselben hat man bei dreiviertel Stunden zu steigen. Der ganze Berg ist öd und unfruchtbar, nur Öl- und Johannisbrotbäume finden da ihr Fortkommen. Von dem höchsten Gipfel fuhr Jesus gen Himmel. Eine Kirche bezeichnete einst diesen Ort; sie wurde aber später in eine Moschee umgewandelt, und auch diese ist zum Teil schon in Ruinen zerfallen. Erst seit zehn oder zwölf Jahren wurde eine ganz kleine armenische Kapelle hier aufgebaut, die nun inmitten von alten Mauern steht, in welcher abermals der Abdruck des Fußes Jesu gezeigt und verehrt wird. Auf diesem Stein soll er gestanden haben, als er gen Himmel fuhr. Nicht weit davon zeigt man den Ort, wo der Feigenbaum stand, den Christus verfluchte, und die Stelle, wo sich Judas erhängte.

Ich besuchte eines Nachmittags mehrere dieser Orte in Gesellschaft des Grafen B. Als wir unter den Ruinen nahe der Moschee herumstiegen, kam auf einmal ein stämmiger Ziegenhirt mit einem tüchtigen Knüttelstock bewaffnet auf uns zu und begehrte ziemlich gebieterisch Bakschisch (Trinkgeld oder Almosen). Wir wollten keiner die Börse herausnehmen, aus Furcht, er reiße uns selbe aus den Händen, und gaben ihm nichts. Da faßte er den Grafen am Arm und schrie verschiedenes auf arabisch, was wir zwar nicht verstanden, aber wohl zu deuten wußten. Der Graf machte sich los; und zum Glück hatten wir nur einige Schritte um eine Ecke zu biegen, um ins Freie zu gelangen, welches wir halb balgend erreichten. Glücklicherweise kamen mehrere Menschen in unsere Nähe, und der Kerl zog sich zurück. Wir überzeugten uns, daß Franken die Stadt nie allein verlassen sollten.

Da der Ölberg der höchste Berg um Jerusalem ist, so kann man von ihm die Stadt und die Umgebung am besten übersehen. Sie ist ziemlich groß und ausgedehnt und soll fünfundzwanzigtausend Einwohner zählen. Die Häuser sind wie in ganz Syrien aus Stein und mit vielen runden Kuppeln versehen. Eine sehr hohe und gut erhaltene Mauer, deren unterer Teil aus so großen Steinblöcken zusammengesetzt ist, daß man wohl glauben könnte, diese Felsmassen rühren noch aus jenen Zeiten her, wo die Stadt zerstört wurde, umgibt sie. Die Moschee Omar, deren Kuppel mit Blei gedeckt ist, nimmt sich am besten aus; ihr Vorhof ist unendlich groß und rein gehalten. An ihrem Platz soll einst Salomons Tempel gestanden sein.

Von diesem Berg kann man auch alle Klöster und die verschiedenen Quartiere der Lateiner, Armenier, Griechen, Juden usw. sehr gut unterscheiden. Der Berg des Ärgernisses, so genannt wegen der Abgötterei Salomons, erhebt sich seitwärts des Ölberges und ist nicht hoch. Von den Resten des Tempels und der Gebäude, welche Salomon seinen Weibern erbauen ließ, sind nur noch wenige Mauerwerke vorhanden. Auch der Jordan und das Tote Meer sollen von hier zu sehen sein; ich sah aber weder den einen noch das andere, vermutlich weil der Dunstkreis zu dicht war.

Am Fuße des Ölbergs liegt das Tal Josaphat, in welchem einst das Letzte Gericht über uns ergehen soll. Die Länge dieses Tales beträgt höchstens die Hälfte oder drei Viertel einer deutschen Meile; die Breite ist ebenfalls höchst unbedeutend. Der Bach Kedron durchschneidet das Tal; er führt aber nur während der Regenzeit Wasser, sonst ist es verschwunden.

Die Stadt Jerusalem ist ziemlich belebt; besonders der ärmliche Bazar und das Judenviertel, welches letztere gar sehr von Menschen überfüllt ist.

Das griechische Kloster ist nicht nur schön, sondern auch sehr ausgedehnt. Zu ihm wallen die meisten Pilger; ihre Zahl soll sich in der Osterzeit oft auf fünf- bis sechstausend belaufen. Da wird alles zusammengesteckt und jeder Raum überfüllt, selbst der Hof, die Terrassen, alles ist besetzt. Dieses Kloster hat die größten Einkünfte, weil jeder Pilger für die schlechte Aufnahme in demselben außerordentlich viel bezahlen muß. Der Ärmste soll selten unter vierhundert Piaster durchkommen.

Das armenische Kloster ist das schönste; mitten in Gärten stehend, gewährt es einen wahrhaft freundlichen Anblick. Es soll an dem Platz erbaut sein, wo der heilige Jakobus enthauptet wurde. Eine Menge Abbildungen in der Kirche machen diese Begebenheit von allen Seiten bemerkbar. Die meisten Bilder aber, nicht nur in dieser, sondern in allen Kirchen sind unter allen Begriffen schlecht gemalt. Die armenische Geistlichkeit soll ebenfalls die Kunst verstehen, ihre Pilger gehörig auszubeuten und mit leeren Taschen davonziehen zu lassen. Dafür geben sie ihnen einen Überfluß an geistiger Nahrung mit.

Im Tal Josaphat sieht man viele Grabmäler älterer und neuerer Zeit. Das älteste darunter ist jenes des Absalom, ein kleiner Tempel aus Felsstücken mit einer Kuppel und ohne Eingang. Das zweite ist das des Zacharias, ebenfalls in den Felsen gehauen und innen mit zwei Abteilungen; das dritte jenes des Königs Josaphat, klein und unbedeutend, man könnte beinahe sagen, nichts als ein Felsblock. Und so sind noch mehrere Grabmäler in Fels gehauen. Von hier gelangt man zu dem jüdischen Friedhof.

Das Dörfchen Siloe liegt ebenfalls in diesem Tal. Es ist so ärmlich und hat so kleine Häuser, aus Steinen zusammengesetzt, daß man sie, hier ohnehin beständig unter Monumenten der Verstorbenen wandelnd, eher für Ruinen von Grabmälern als für menschliche Behausungen hält.

Dem Dorfe gegenüber liegt der Marienbrunnen, so genannt, weil die heilige Maria hier täglich Wasser holte. Ihrem Beispiel folgen noch immer die Bewohner von Siloe. Etwas entfernter davon ist der Brunnen Siloe, an welcher Quelle Jesus einen Blindgeborenen heilte. Diese Quelle soll die merkwürdige Eigentümlichkeit haben, daß sie im Lauf des Tages öfters verschwindet und wiederkehrt. Als ich dort war, sah ich kein Wasser, und alles herum war so trocken, als ob die Quelle nicht nur stunden-, sondern wochenlang ausbliebe. Hier sollen einst die Königsgärten gestanden haben.

Am Ende des Tales Josaphat ist eine kleine Anhöhe, gleichsam als Schlußstein, in welcher mehrere Grotten, durch Natur oder Kunst geschaffen, vorhanden sind, die ebenfalls als Grabmäler dienten. Man nennt sie die Felsengräber. Jetzt sind sie meistens in Stallungen verwandelt und so schmutzig, daß man sie nicht betreten kann. Ich blickte nur in einige hinein und sah weiter nichts als eine in zwei Teile geschiedene Höhle. Über diesen Felsengräbern liegt der sogenannte Blutacker, welchen die Hohenpriester um die dreißig Silberlinge kauften, die ihnen Judas zurückwarf.

Unweit von dem Blutacker erhebt sich die Anhöhe oder der Berg Zion, auf dem einst das Haus des Kaiphas gestanden sein soll, in welchem Christus gefangensaß. Jetzt ist eine kleine armenische Kirche an seinem Platz. Das Grab Davids, ebenfalls auf diesem Hügel, wurde in eine Moschee verwandelt, in der man die Stelle zeigt, wo Christus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl hielt.

In der Umgebung dieses Berges sind die Friedhöfe der Lateiner, Armenier und Griechen.

Gleich am Berg Zion hin zieht sich der Berg des »Bösen Rates«, so genannt, weil die Richter hier den Entschluß gefaßt haben sollen, Jesu zu töten. Einige Spuren von Ruinen des Landhauses Kaiphas' sind noch sichtbar.

Die Jeremiasgrotte liegt außerhalb des Damaskustores, vor welchem wir auch einen sehr schön gearbeiteten Sarkophag, als Wassertrog benützt, in der Nähe einer Zisterne fanden. Diese Grotte ist größer als all die bisher genannten. Gleich am Eingang steht ein großer Stein, welchen man das Bett des Jeremias nennt, weil er gewöhnlich darauf schlief. Eine halbe Stunde davon entfernt kommt man zu den Königsgräbern. Man steigt in eine offene Vertiefung von drei oder vier Klafter, welche den Vorhof bildet, viereckig, ungefähr siebzig Schritte lang und ebenso breit ist. An der einen Seite dieses Vorhofes kommt man an eine große Halle, deren breites Portal mit schönen Skulpturarbeiten (Blumen, Früchten und Arabesken) geschmückt ist. Diese Halle führt zu den Gräbern, die ringsherumlaufen und aus in den Fels gehauenen Behältnissen bestehen, die gerade groß genug sind, um einen Sarkophag aufzunehmen. Die meisten waren mit Schutt angefüllt, nur in einige konnten wir hineinsehen; es war eines dem andern gleich.

Bethlehem

Am 2. Juni ritt ich in Gesellschaft der Grafen B. und S. und des Paters Paul nach Bethlehem. Die Entfernung dahin beträgt, obwohl man des schlechten Weges halber beinahe immer im Schritt reiten muß, doch nicht mehr als anderthalb Stunden. Die Aussicht, welche man auf dieser Exkursion hat, ist großartig und von ganz eigener Art. So weit der Blick reicht, haftet er auf Gestein, der Boden bietet nichts als Steine, und doch sieht man zwischen denselben Obstbäume aller Gattungen, Weinreben, die sich am Boden hinziehen, und Felder, deren Frucht sich mühsam zwischen den Steinen hervorarbeitet.

Man kann sich gar nicht vorstellen, daß diese Gegenden jemals fruchtbar und schön gewesen sind. Sie mögen sich wohl besser ausgenommen haben wie heutzutage, wo die armen Einwohner von ihren Paschas und andern Beamten nicht bis aufs Blut geschunden werden, allein von Wiesen, Triften und Waldungen mag auch damals schwerlich viel zu sehen gewesen sein.

Man kommt an einem Brunnen vorüber, der mit Steinblöcken umgeben ist. An diesem Brunnen ruhten die Drei Weisen aus dem Morgenland, und hier erschien ihnen der leitende Stern wieder, den sie schon für verloren gaben. Auf dem halben Weg liegt das griechische Kloster des Propheten Elias. Von dieser Stelle sieht man beide Städte, das große Jerusalem und das unbedeutend scheinende Bethlehem nebst noch einigen Dörfern. Dann liegt gleich rechts am Weg das Grabmal Rahels, ein beinahe verfallenes Gebäude mit einer kleinen Kuppel.

Bethlehem liegt auf einem Hügel und wird von mehreren anderen umgeben; außer dem Kloster erblickt man gar kein hübsches Gebäude. Die Einwohner, zweitausendfünfhundert an der Zahl, wovon die Hälfte Katholiken, leben zum Teil in Grotten und halb unterirdischen Behausungen und beschäftigen sich mit dem Verfertigen von Rosenkränzen und anderem Schnitzwerk in Perlmutter, Olivenkernen usw. Häuser mag es höchstens gegen hundert geben, auch muß die Armut groß sein, denn nirgends wird man so von bettelnden Kindern umrungen wie hier. Man hat noch nicht die Pforte des Klosters erreicht, so strömen sie schon von allen Seiten herbei. Der eine hält dann das Pferd, der andere den Steigbügel, ein dritter und vierter reichen helfend die Arme, die übrigen bilden die Zuseher, und am Ende strecken alle die Hände nach Bakschisch aus. Nirgends ist es nötiger, entweder mit kleiner Münze oder mit einer Reitgerte versehen zu sein, als hier, um sich auf die eine oder andere Art von der beispiellosen Zudringlichkeit dieser kleinen Rasse zu befreien. Ein wahres Glück, daß die Pferde dergleichen Szenen schon sehr gewöhnt sind, sonst müßten sie scheu werden und auf und davon galoppieren.

Dies Klösterchen und die Kirche sind nahe an der Stadt auf derselben Stelle erbaut, wo Christus geboren wurde. Das Ganze ist mit einer Festungsmauer umgeben, und eine ganz niedere, schmale Pforte führt hinein. Vor dieser Festung breitet sich ein schöner und gut gepflasterter Platz aus. Sowie man das Pförtchen hinter sich hat, befindet man sich schon in der Vorhalle oder eigentlich im Schiff der Kirche, die leider mehr als halb zerstört ist, einst aber unter die schönsten und größten gehört haben mag. Noch sieht man an den Wänden einige Spuren von Mosaik. Zwei Reihen von hohen, schönen Säulen, vierundvierzig an der Zahl, durchschneiden das Innere, und das Sparrwerk, das aus Zedernholz vom Berge Libanon gemacht sein soll, sieht wie neu aus. Unter dem Hochaltar dieser großen Kirche liegt die Grotte, in welcher Christus geboren wurde. Zwei Treppen führen hinab, die eine gehört den Armeniern, die andere den Griechen. Die Lateiner gingen leer aus. Die Wände und der Fußboden sind mit Marmor ausgetäfelt. Eine Marmorplatte mit der Inschrift:

Hic de Virgine Maria Jesus Christus natus est.

(Hier ist von der Jungfrau Maria Jesus Christus geboren.)

bezeichnet die Stelle, von wo das wahrhafte Licht ausgegangen ist. Eine strahlende Sonne, im Hintergrund dieser Platte angebracht, erhält ihr Licht von vielen, immerwährend brennenden Lampen.

Der Platz, wo Christus den Weltweisen gezeigt wurde, ist nur einige Schritte davon entfernt. Gegenüber dieser Stelle erhebt sich ein Altar an dem Ort, wo einst die Krippe stand, vor welcher die Hirten Christus anbeteten. Die Felswand, woran die Krippe befestigt war, durften wir berühren und küssen. Die Krippe selbst befindet sich in Rom in der Basilika Santa Maria Maggiore. Dieser Altar gehört den Lateinern. Ganz im Hintergrund der Grotte führt eine kleine Tür durch einen unterirdischen Gang ins Kloster und in die Kirche der Lateiner. In diesem Gang ist ebenfalls wieder ein Altar errichtet, zum Gedächtnis der Unschuldigen Kinder, die hier gemordet und begraben wurden. Tiefer in diesem Gang trifft man auf der einen Seite das Grab der heiligen Paula und ihrer Tochter Eustachia und auf der andern jenes des heiligen Hieronymus. Der Leib dieses Heiligen liegt aber in Rom.

Diese große Kirche hier in Bethlehem gehört so wie die Kirche des Heiligen Grabes zu Jerusalem den Lateinern, Armeniern und Griechen gemeinsam. Jede der genannten Sekten hat ein Klösterchen für sich an diese Kirchen angebaut.

Nachdem wir gewiß über zwei Stunden in der Kirche zugebracht hatten, ritten wir noch eine Stunde weiter, dem Hebron zu. Am Fuße dieses Berges bogen wir links ein zu den drei Zisternen Salomons, die ungeheuer tief und groß in den Felsen gehauen und stellenweise jetzt noch mit einer Gattung Mörtel überzogen sind, der die Festigkeit und den Glanz des Marmors hat. Wir stiegen in die letzte derselben hinab, sie mag bei fünfhundert Schritte in der Länge, vierhundert in der Breite und hundert in der Tiefe messen.

Wasser enthält keine dieser Zisternen, die Wasserleitungen, welche ehedem für diese Behältnisse bestimmt waren, sind spurlos verschwunden; ein einziger zarter Wasserstreifen, den man leicht überschreiten kann, fließt oberhalb an der Seite dieser Riesenwerke. Die Umgebung ist entsetzlich öde.

Als wir gegen zwei Uhr ins Kloster zurückkehrten und bei einem frugalen, aber gut bereiteten Mahl Erholung suchten, traf noch ein Zug Reisender ein, und zwar ebenfalls Franken mit arabischer Dienerschaft. Und siehe, es waren die Grafen H. und W., die in Gesellschaft der Grafen B. und S. die Reise von Wien nach Kairo gemacht hatten. In letztgenannter Stadt trennten sie sich, da die einen über Alexandria, Damiette und Jaffa nach Jerusalem gingen, während die andern den Weg durch Afrikas heiße Sandsteppen nach dem Berg Sinai einschlugen und dann die Reise zu Land nach Jerusalem fortsetzten. Hier ward ihnen die große Freude des Wiedersehens zuteil. Es war auch ein Jubel und ein Vergnügen sondergleichen, an welchem alles den herzlichsten Anteil nahm.

Nach dem Essen besuchten wir noch einmal alle heiligen Stellen in Gesellschaft der Neuangekommenen und gingen nach der sogenannten Milchgrotte, welche eine Viertelstunde vom Kloster entfernt liegt. In dieser Grotte sieht man nichts als einen einfachen Altar, an welchem beständig Lampen brennen; sie ist nicht geschlossen, und jeder Vorübergehende kann sie betreten.

Dieser Ort ist nicht nur den Christen, er ist auch den Türken heilig, welche letzteren so wie erstere gar manches Krüglein Öl bringen, die Lampen reinigen und füllen.

In dieser Grotte verbarg sich die Heilige Familie vor der Flucht nach Ägypten, und lange Zeit nährte da die heilige Maria ihr Kind einzig mit ihrer Muttermilch, woher die Grotte den Namen führt. Die Weiber in der ganzen Umgebung hegen den Glauben, daß wenn sie während der Zeit, da sie einen Säugling an der Brust haben, sich unwohl befinden, nur etwas Sand von den Felsen in dieser Grotte abschaben und als Pulver einnehmen dürfen, um gesund zu werden.

Eine Viertelstunde von dieser Grotte entfernt zeigt man das Feld, allwo der Engel den Hirten die Geburt Jesu verkündete. Die Neuangekommenen konnten nicht mehr hingehen, sie mußten sich mit einem Blick dahin begnügen; es war die höchste Zeit, an unsere Rückkehr zu denken.

 

Am 4. Juni ritt ich in Begleitung eines Führers nach St. Johann, dem Geburtsort des heiligen Johannes des Täufers, ungefähr zwei Stunden von Jerusalem entfernt.

Der Weg geht durch das Bethlehemtor an dem griechischen Kloster »Zum heiligen Kreuz« vorüber, welches an der Stelle stehen soll, wo das Holz für das Kreuz Christi gefällt wurde. Unweit davon wies man mir den Platz, auf dem der Kampf zwischen den Israeliten und den Philistern vorfiel und wo David den Goliath erlegte.

Das Kloster St. Johann steht in einem felsigen Tal und ist wie jedes Kloster in diesen Ländern mit festen Mauern umgeben. Ein elendes Steinnest, Dorf genannt, liegt nahe dabei. Die Kirche des Klosters ist auf demselben Platz erbaut, worauf einst das Haus Zacharias' stand. Der Ort, wo der heilige Johannes das Licht der Welt erblickte, ist durch eine Kapelle bezeichnet. Eine Treppe führt zu dieser empor, und eine runde Steinplatte enthält die Inschrift:

Hic Praecursor Domini Christi natus est.

(Hier wurde der Vorläufer des Herrn Christus geboren.)

In weißem Marmor sind mehrere Begebenheiten seines Lebens ausgemeißelt.

Eine halbe Stunde vom Kloster findet man die Grotte der Heimsuchung, wo die heilige Maria zur heiligen Elisabeth kam. Letztere ward hier begraben.

 

Schon am ersten Tag meiner Ankunft zu Jerusalem, als ich die Kirche der Franziskaner besuchte, machte ich mehrere Bemerkungen über das Benehmen meiner Glaubensgenossen, die mich wirklich recht traurig stimmten. Diese Stimmung stieg, je öfter ich die Kirche besuchte, so daß ich Pater Paul erklärte, lieber zu Hause in meinem Kämmerchen beten zu wollen als unter Menschen, denen alles wichtiger und interessanter zu sein scheint als die Andacht. Ich ward diesen Leuten durch meine fränkische Tracht ein solcher Dorn im Auge, daß ein Geistlicher zu mir kam, um mich zu ersuchen, meine Tracht zu ändern oder wenigstens den Strohhut gegen ein Tuch zu vertauschen und Kopf und Gesicht einzuhüllen. Ich versprach zwar, den Hut abzulegen und auf dem Weg zur Kirche ein Tuch um den Kopf zu nehmen, allein das Gesicht würde ich nicht verhüllen; der geistliche Herr möchte meinen Glaubensgenossen sagen, daß es bisher noch niemandem eingefallen sei, ein solches Begehren an eine Fränkin zu stellen, und daß sie besser täten, auf die Messe und ihre Gebete zu achten als auf mich; vor Gott gelte mein Anzug geradesoviel wie der ihrige. Dessenungeachtet blieb ihr Benehmen dasselbe, ich ging also äußerst selten in die Kirche.

An großen Festtagen ist der Altar dieser Kirche äußerst reich, man könnte sagen gar zu sehr geschmückt, er glänzt und flimmert von allen Seiten. Eine große Zahl von Lichtern spiegelt sich in Gold und Gestein. Eine ungeheure Monstranz, ein Geschenk des Königs von Neapel, sowie die beiden prachtvollen Armleuchter, vom Haus Österreich gespendet, sind das Vorzüglichste darunter.

Eines Tages kam ich an einem Haus vorüber, aus welchem ein gellender Lärm erscholl. Ich fragte meinen Begleiter, was da vorginge. Er sagte mir, in diesem Haus sei gestern jemand gestorben, der Lärm rühre von den Klageweibern her. Ich ersuchte ihn, mich in das Zimmer des Verstorbenen zu führen. Wenn ich nicht einige Heiligenbilder, ein Kruzifix usw. gesehen hätte, würde ich schwerlich geglaubt haben, daß dieser Tote zum lateinischen Ritus gehöre. Mehrere Klageweiber saßen in der Nähe des Verstorbenen und stießen plötzlich solche schrecklichen Töne aus, daß man sie weit und breit hören konnte. Gleich darauf trat eine große Stille ein, während welcher sie sich ganz gemütlich mit einem Schälchen schwarzen Kaffee labten, um nach einiger Zeit ihr gräßliches Geheul zu wiederholen. Ich hatte genug gesehen, um mich zu ärgern, und empfahl mich.

Ein soeben getrautes Ehepaar hatte ich auch das Glück besuchen zu können. Die Braut war herrlich geschmückt, ihr Anzug bestand aus einem seidenen Hemd, einer pfirsichblütenfarbigen weiten Atlashose, einem Kaftan von demselben Stoff und einem schönen Schal um die Mitte; gelbe Stiefeletten von Saffian umschlossen die Füße, die Pantoffeln standen an der Tür. Der Kopf war mit frischen Blumen und einem reich mit Gold bestickten Stoff geziert, die Haare hingen in lauter dünnen Flechten mit Goldstücken durchzogen über die Schultern; den Hals zierten mehrere Reihen von Dukaten und noch größeren Goldmünzen.

Dergleichen Anzüge sieht man aber nur im Innern der Familie bei feierlichen Gelegenheiten. Nie oder höchst selten ist da fremden Männern der Zutritt gestattet. Darum irrt man sehr, wenn man glaubt, im Orient an öffentlichen Orten Frauen in schönen Trachten zu sehen.

Nach der Trauung, welche immer des Vormittags statthat, muß die junge Frau den ganzen übrigen Teil des Tages in einem Winkelchen des Zimmers sitzen, oft noch mit dem Gesicht gegen die Wand gekehrt, und darf weder dem Bräutigam noch den Eltern oder sonst jemandem eine Antwort geben, viel weniger selbst ein Gespräch anfangen. Dies drückt den Schmerz aus, daß sie ihren Stand nun verändern müssen.

Der Bräutigam saß in der Nähe seiner Braut und suchte vergebens den Lippen seiner Geliebten einige Worte zu entreißen. Als ich mich entfernte, machte sie mir zwar eine Verbeugung, aber mit niedergeschlagenen Augen.

In Jerusalem gehen die Weiber und Mädchen fast alle verschleiert. Nur in der Kirche und im Innern der Häuser ward mir das Glück zuteil, diese Sylphengestalten näher betrachten zu können. Unter den Mädchen fand ich manchen interessanten Kopf. Allein die Weiber von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren sind schon sehr verblüht und häßlich, so daß man in den tropischen Ländern immer eine sehr große Zahl garstiger Gesichter und nur hin und wieder gleich einem Meteor etwas Hübsches hervorschimmern sieht. Die Magerkeit ist auch in Syrien eine seltene Erscheinung, selbst junge Mädchen sind schon ziemlich beleibt.

In der Nähe des Bazars ist eine große Halle, in welcher die Türken ihre Sitzungen halten, Streitigkeiten schlichten oder Urteile über die Angeklagten fällen. Im Innern dieser Halle stehen an der Seite mehrere ordinäre Diwane, in einer Ecke befindet sich ein hölzerner Verschlag, ungefähr zehn Fuß in der Länge, sechs in der Breite und acht in der Höhe, welcher mit einer kleinen Tür und einem vergitterten Loch versehen ist; darin muß der Delinquent seine Strafzeit zubringen.

 

Während den dreizehn Tagen, die ich in Jerusalem zubrachte, fand ich die Hitze sehr erträglich. Im Schatten stand das Thermometer zwischen zwanzig bis zweiundzwanzig Grad und in der Sonne achtundzwanzig, höchst selten dreißig Grad Réaumur.

Von Obst sah ich nichts außer einer Gattung Aprikosen, Mischmisch genannt, zwar nur von der Größe einer welschen Nuß, aber von einer außerordentlichen Schmackhaftigkeit. Schade, daß die Bewohner dieser Länder gar nichts zur Kultur und Verbesserung der Naturgaben beitragen, wie gut und herrlich könnte dann manches gedeihen. Ja sie wissen nicht einmal das gehörig zu behandeln, was ihnen die Natur oft im Überfluß und von guter Sorte bietet, wie dies zum Beispiel mit den Oliven der Fall ist. Man kann nicht leicht wo ein schlechteres Öl bekommen als in Syrien, Öl und Oliven sind für uns Europäer beinahe ungenießbar. Ersteres sieht ganz grün aus, ist ziemlich dickflüssig und hat einen unangenehmen Geruch und Geschmack. Die Oliven sind gewöhnlich schwarz, eine Folge der schlechten Bereitung. So geht es ebenfalls mit dem Wein. Sie könnten sehr gute Sorten haben, wenn sie den Weinstock zu pflegen und den Wein zu behandeln wüßten. Letzteren versetzen sie mit einer Gattung Harz, welches dem Wein einen äußerst scharfen, widerlichen Geschmack mitteilt.

Im ganzen ist die Umgebung von Jerusalem höchst traurig, öde und unfruchtbar. Die Stadt fand ich nicht mehr und nicht minder belebt wie jede andere in Syrien, und somit müßte ich lügen, wenn ich sagen wollte, es sei mir vorgekommen, als liege ein besonderer Fluch Gottes auf dieser Stadt. Das Gebiet von ganz Judäa ist eine Steinregion, und in dieser Steinregion liegen auch andere Orte als Jerusalem, deren Umgebung ebenso öde und traurig ist.

Vögel, Schmetterlinge usw. sind in dieser Jahreszeit nicht nur hier, sondern in ganz Syrien eine seltene Erscheinung. Wo sollte ein Schmetterling, eine Biene oder sonst ein Insekt Nahrung hernehmen, wenn keine Blume, kein Grashalm dem steinigen Boden entsprießt? Auf welche Art sollte der Vogel sein Leben fristen, wenn Insekten und Samenkörner fehlen? Ziehen sie deshalb nicht fort über Meer und Tal in kühlere, nahrungsreichere Weltgegenden? Die lieblichen Sänger der Lüfte gingen mir überall ab, nicht bloß hier allein. Nur der Sperling findet überall Nahrung, weil er mit den Menschen in Stadt und Dorf lebt. Auch hier weckte mich jeden Morgen eine Schar dieser gefiederten Tierchen auf.

Unter Ungeziefer litt ich bisher viel weniger, als ich befürchtete. Außer jenen kleinen Fliegen auf der Ebene von Sharon und den kleinen, schwarzen Springinsfelden, die man wohl in der ganzen Welt findet, hatte ich mich über keine andern zu beklagen.

Unsere gewöhnliche Hausfliege fand ich überall heimisch, aber nicht lästiger und zahlreicher wie bei uns.

Ausflug nach dem Jordan und dem Toten Meer

Um im Innern von Palästina, Syrien, Phönizien usw. reisen zu können, muß man immer in größeren Zügen gehen und an manchen Orten sogar eine Eskorte bei sich haben. Man muß sich mit Kochgeschirr, Lebensmitteln, Zelten, Dienerschaft usw. versorgen. Mir allein wäre dies nicht möglich gewesen, und so dachte ich von Jerusalem denselben Weg nach Jaffa zurückzugehen und dann entweder nach Beirut oder Alexandria meine Reise zu Meer fortzusetzen; da traf ich glücklicherweise mit den bereits genannten Kavalieren zusammen, die mehrere Ausflüge zu Land unternehmen wollten, wovon ihr erster nach dem Toten Meer und dem Jordan gehen sollte.

Ich hatte den sehnlichsten Wunsch, jene Orte besuchen zu können, und ließ die Herren Grafen durch Pater Paul ersuchen, mich an dieser gefahrvollen Reise teilnehmen zu lassen. Die Herren meinten, daß diese Tour für eine Frau zu anstrengend sei, und waren nicht geneigt, meine Bitte zu erfüllen. Doch Graf W. nahm sich meiner an und sagte, er habe mich auf dem Ritt von Bethlehem nach Jerusalem beobachtet, es fehle mir weder an Mut und Geschicklichkeit noch an Ausdauer, und man könne mich unbesorgt mitnehmen. Pater Paul brachte allsogleich die angenehme Nachricht, daß man mich mitnehmen wollte und ich für weiter nichts als für mein Pferd zu sorgen habe. Er rühmte mir besonders die gütige Fürsprache des Grafen W., wofür ich diesem jederzeit sehr verbunden bleibe.

Die Reise zum Toten Meer und dem Jordan ist nicht in kleiner Gesellschaft zu wagen. Am besten und sichersten ist es, wenn man entweder in Jerusalem oder in Bethlehem einige Häuptlinge der Araber und Beduinen kommen läßt und mit ihnen einen Sicherheitsvertrag schließt. Man zahlt ihnen einen mäßigen Tribut und wird dann von ihnen selbst und ihren Verbündeten hin und her geleitet. Die Grafen zahlten den beiden Häuptlingen dreihundert Piaster nebst den Reisekosten für sie und die zwölf Mann starke Begleitung.

Am 7. Juni halb drei Uhr nachmittags setzte sich unser Zug in Bewegung. Die ganze Karawane bestand aus den vier Grafen, Mr. B., einem Baron W., zwei Ärzten, mir, fünf oder sechs Dienern und den beiden Häuptlingen mit zwölf Arabern und Beduinen. Alle waren scharf bewaffnet mit Gewehren, Pistolen, Säbeln und Lanzen; wir hatten das Aussehen, als zögen wir einem recht ernstlichen Scharmützel entgegen.

Unser Weg führte durch die Via Dolorosa zum Stephanstor hinaus am Fuß des Ölbergs fort, von einem Tal und Hügel zum andern, überall derselbe Steinboden. Anfangs sahen wir noch manchen blühenden Obst- und Olivenbaum und sogar Weinreben, nur von Gras oder Blumen war keine Spur; die Bäume allein standen ungeachtet der Hitze und des gänzlichen Mangels an Regen in Pracht und Fülle. Dies mag wohl von der Kälte und Feuchtigkeit herrühren, welche in den heißen Ländern während der Nacht herrscht und dadurch über die ganze Natur Erholung und Erquickung verbreitet.

Das Ziel unserer heutigen Wanderung lag vier Stunden von Jerusalem entfernt, das griechische Kloster Sabas in der Wüste. Schon das letzte Wort läßt schließen, daß die Gegend immer schauerlicher und öder wurde, bis wir weder Baum noch Strauch mehr zu sehen bekamen. Auf der ganzen Strecke war auch nicht die einfachste menschliche Wohnung wahrzunehmen. Wir begegneten nur einer Horde Beduinen, die ihre rußigen schwarzen Zelte in einem weit ausgebreiteten Flußbett aufgeschlagen hatten. Einige Ziegen, Pferde und Esel umkletterten die Abhänge, mühsam nach Wurzeln und Kräutern suchend.

Ungefähr eine halbe Stunde, ehe man zum Kloster kommt, betritt man die eigentliche Wüste, wo Jesus vierzig Tage fastete und vom Teufel das erstemal versucht wurde. An diesem Ort konnte wohl nur ein Gottmensch vierzig Tage leben, ein anderer würde schwerlich einige Tage ausgehalten haben, ohne dem Hungertod zu erliegen. Jede Vegetation hört auf, weder Strauch noch Wurzel sind sichtbar, und das Bett des Kedron ist ohne Wasser. Dieser Fluß erscheint nur während der Regenzeit, da hat er seinen Lauf in einer mächtigen Tiefe. Die herrlichsten Felsterrassen, von der Natur so schön und gleichförmig gebildet, daß man beim ersten Anblick sehr überrascht wird, engen ihn gleich Galerien von beiden Seiten ein.

Totenstille war über die ganze Gegend gelagert, nur die Tritte unserer Pferde widerhallten einförmig von den Felsen, zwischen welchen sie sich mühsam jeden Schritt erkämpfen mußten. Einige Vögelchen schwirrten dann und wann über unsere Köpfe lautlos und ängstlich, als ob sie ihres Weges irre geworden wären. Endlich wendet sich der Pfad um eine Ecke, und – welch überraschender Anblick! – ein großes, schönes Gebäude, umgeben von einer äußerst starken, mit mehreren Schießscharten versehenen Festungsmauer breitet sich unten am Flußbett aus und zieht sich terrassenförmig am Hügel empor. Von dem Standpunkt, wo wir uns befanden, konnten wir das Ganze in seinem Umfang und auch im Innern überschauen, es lag befestigt und doch wieder ganz offen vor uns. Mehrere Gebäude, vor allem eine Kirche mit einer kleinen Kuppel, sagten uns deutlich, das Sabaskloster liege vor uns.

Am jenseitigen Ufer, ungefähr siebenhundert bis achthundert Schritte vom Kloster entfernt, sahen wir einen einzelnen, viereckigen, sehr festen Turm. Wohl dacht' ich nicht, mit diesem verlassenen Turm so bald in nähere Verbindung zu kommen.

Die Geistlichen sahen unsern Zug den Berg herabkommen, und auf das erste Klopfen tat sich das Pförtchen auf. Die Herren, die Diener und die Araber und Beduinen wurden alle eingelassen, und als an mich die Reihe kam, hieß es: Klausur! Ich war also ausgeschlossen und dachte schon, diese Nacht unter freiem Himmel zubringen zu müssen, was wahrlich in solch einer gefahrvollen Gegend nicht sehr angenehm gewesen wäre. Endlich kam ein Laienbruder und wies auf jenen Turm mit dem Bedeuten, man werde mich dort einquartieren. Er holte aus dem Kloster eine Leiter und ging mit mir zu diesem Turm; dort legte er sie an, und wir stiegen ungefähr einen Stock hoch zu einem ganz niedrigen, eisernen Pförtchen empor, welches er aufschloß und in das wir hineinkrochen. Wir fanden innen einen geräumigen Platz. Eine hölzerne Treppe führte uns höher hinauf zu zwei winzigen Kämmerchen, die ungefähr in der Mitte des Turmes lagen. Das eine davon, mit einem Altar ausgestattet und durch ein Lämpchen spärlich erleuchtet, diente als Kapelle, das zweite als Schlafgemach für Pilgerinnen. Ein hölzerner Diwan war des letztern ganze Einrichtung. Mein Führer empfahl sich mit dem Versprechen, später noch einmal zu kommen und mir nebst Speise und Trank auch ein Polster und eine Decke zu bringen.

Nun war ich also für diese Nacht geborgen und gleich einer entführten Prinzessin hinter Schloß und Riegel verwahrt. Nicht einmal entfliehen hätte ich können, denn mein Führer hatte das knarrende Pförtchen geschlossen und die Leiter mit sich fortgenommen. Nachdem ich die Schloßkapelle und mein unvergleichliches Gemach in diesem verwünschten Zwinger von allen Seiten genau betrachtet hatte, stieg ich eine Treppe hinauf, die mich auf die Zinnen des Turmes leitete. Hier konnte ich die Gegend überschauen, und ich sah auch wirklich von diesem hohen Standpunkt aus einen großen Teil der Wüste und mehrere Reihen von Hügeln und Bergen, die alle nackt und kahl die Gegend umfingen, ich sah weder Baum noch Strauch, weder Hütte noch Menschen; alles war öde, alles wie ausgestorben. Die tiefste Stille herrschte in der Natur, und es kam mir gerade so vor, als hätte Gott absichtlich diesen Fleck Erde vergessen, um ihn als Wüste für unsern Heiland zu bewahren. Die Sonne sank hinter die Berge, unbelauscht von lebenden Wesen; ich war vielleicht das einzige in dieser Gegend, das sich dieser Naturszene erfreute. Unwillkürlich sank ich auf die Knie, um Gott auch in seiner wilden Natur zu loben und zu preisen. Mächtig fühlte ich mich von diesem Bild ergriffen.

Von dieser Grabesruhe durft' ich nur einen Blick auf das Kloster werfen, das ganz aufgedeckt vor mir lag, und ich sah das regste Leben. Da waren in den Höfen die Beduinen und Araber um die Pferde beschäftigt; sie streuten ihnen Futter oder brachten Wasser, dort breiteten einige Matten aus, andere warfen sich auf ihr Antlitz und verehrten unter verschiedenen Formen den nämlichen Gott, den auch ich anbetete; da wuschen sich wieder andere Hände und Füße, um sich gleich ihren Brüdern zur Andacht vorzubereiten, und Geistliche und Laienbrüder schritten eilig über den Hofraum in großer Tätigkeit, so viele Gäste zu beherbergen und zu speisen, während einige meiner Reisegefährten an der Seite standen, in eifrigen Gesprächen begriffen, und Mr. B. und Graf S., auf einsamem Ort gelagert, eine Skizze dieses Klosters zeichneten. Von meinem Standpunkt aus hätte man ein Bild entwerfen sollen, wie ich es im Kloster sah – wie der wilde Araber, der diebische Beduine ruhig und gemütlich neben dem friedlichen Geistlichen und dem neugierigen Europäer seine Geschäfte und Gebräuche vollzog. Dieser Abend wird mir manche schöne Stunde in der reichen Rückerinnerung gewähren.

Sehr ungern verließ ich die Zinne des Turmes, nur die einbrechende Dunkelheit konnte mich in mein Kämmerlein treiben. Spät kamen ein Geistlicher und ein Laienbruder in Gesellschaft des Mr. B. Erstere brachten mir einen Imbiß nebst Decke und Polster, letzterer war so gütig, mich zu fragen, ob ich nicht einige der Diener als Wache zu haben wünsche, da es doch etwas schauerlich sein müsse, die Nacht ganz allein in solch einsam stehendem Turm zuzubringen. Ich war sehr gerührt über die Aufmerksamkeit, welche man mir, einer ganz Fremden, erwies, faßte aber meine ganze Herzhaftigkeit zusammen und versicherte ihm, daß ich gar keine Angst habe. Darauf empfahlen sich alle; ich hörte die Tür knarren, das Schloß einfallen und die Leiter hinwegtragen und war nun abermals eingeschlossen und für diese Nacht meinem Schicksal überlassen.

Ich schlief gut. Neugestärkt erwachte ich mit der Sonne und war schon lange bereit, ehe mein Pförtner kam, mir schwarzen Kaffee zum Frühstück brachte und mich dann zur Klosterpforte geleitete, wo mich meine Reisegefährten lobend begrüßten und einige darunter sogar gestanden, daß sie es mir nicht nachmachen möchten.

 

8. Juni 1842

Um fünf Uhr morgens zogen wir wieder fort, dem Toten Meer zu. Nach einem Ritt von zwei Stunden erblickten wir es, und zwar scheinbar so nah, daß wir glaubten, es längstens in einer halben Stunde erreichen zu müssen. Allein der Weg schlängelte sich zwischen den Bergen bald hinauf und bald wieder hinab, so daß wir erst nach abermaligen zwei Stunden an das Ufer gelangten. Da ist nun alles Sand; die Felsen scheinen zu Sand zermalmt; man reitet durch ein Labyrinth ewig gleicher einförmiger Sandberge und Sandhügel, welche, da die räuberischen Beduinen und Araber sich leicht hinter ihnen verbergen können, die Strecke sehr gefährlich machen.

Ehe man das Ufer erreicht, reitet man über eine Ebene, deren Grund ebenfalls aus tiefem Sand besteht, so daß die Pferde bei jedem Schritt bis an die Knöchel einsinken.

Wir begegneten auf dieser ganzen Reise außer jener Beduinenhorde, die wir unter Zelten gelagert fanden, keiner Seele; ein großes Glück; denn trifft man auf Menschen, so sind es gewöhnlich nur solche, die der Versuchung nicht widerstehen können, sich der Habseligkeiten der Reisenden zu bemächtigen, bei welcher Gelegenheit es selten ohne blutende Köpfe abgeht.

Der Tag war sehr heiß (dreiunddreißig Grad Réaumur). Wir lagerten uns am Gestade des Meeres im heißen Sand unter dem Schutz der Sonnenschirme. Hartgesottene Eier, ein Stückchen schlechtes Brot und lauwarmes Wasser waren unser Frühstück. Ich kostete Seewasser und fand es wirklich viel bitterer, zusammenziehender und salziger wie jedes andere. Wir tauchten alle die Hände hinein und ließen sie von der Luft abtrocknen, ohne sie vorher mit süßem Wasser abzuspülen, und niemand von uns allen bekam im Lauf der Zeit ein Jucken oder einen Ausschlag, wie manche Reisende behaupten. Die Temperatur des Wassers hatte dreiundzwanzig Grad Réaumur, die Farbe desselben ist schmutzig blaßgrün. Nahe am Ufer ist es etwas durchsichtig, aber ein bißchen weiter hinein sieht es trübe aus, und der Blick konnte nicht mehr durchdringen. Auch auf der Oberfläche des Meeres geht die Fernsicht nicht weit. Ein leichter Nebel schien auf ihm zu liegen, so daß wir von der Länge desselben nicht viel überblickten.

Nach dem wenigen zu urteilen, was wir sehen konnten, scheint es nicht breit zu sein und einem langen, zwischen Bergen eingeschlossenen See, nicht aber einem Meer zu gleichen. Im Meer selbst ist nicht die geringste Spur von Leben wahrzunehmen, man sieht nicht einmal den leisesten Wellenschlag. Von einem Kahn oder sonst einem Fahrzeug ist natürlich keine Rede. Ein Engländer machte zwar vor einigen Jahren den Versuch, dieses Meer zu befahren; er ließ sich zu diesem Zweck einen Kahn zimmern, kam aber nicht weit; es befiel ihn ein Unwohlsein, er ließ sich nach Jerusalem bringen und starb kurze Zeit nach diesem Versuch. Bisher erschien (o Wunder!) kein zweiter lebensüberdrüssiger Engländer, denselben Versuch zu wiederholen.

Verkrüppeltes Treibholz, vermutlich von Stürmen ans Land geschlagen, lag überall zerstreut umher. Salzfelder oder aufsteigenden Rauch sahen wir aber ebensowenig, als wir einen üblen Geruch von der Ausdünstung des Meeres verspürten. Vielleicht ist dies der Fall auf einer andern Seite oder in einer andern Jahreszeit. Dagegen erblickten wir nicht nur einzelne Vögel, sondern sogar einige Schwärme von zwölf bis fünfzehn Stück, sowie auch etwas Vegetation. Unweit des Meeres bemerkte ich in einer kleinen Schlucht acht Stück Nadelbäume, zwar klein und verkrüppelt, aber dennoch eine Erscheinung, die uns auf dem ganzen Weg nicht vorgekommen war. Ebenso gab es auf dieser Ebene mehrere wildwachsende Kapernsträucher und noch eine Gattung ziemlich hoher und großer Stauden, beinahe unseren Hagebutten ähnlich, die voll roter, recht saftiger und süßschmeckender Beeren waren. Wir aßen alle recht wacker davon. Mich überraschte der Anblick dieser Gewächse um so mehr, weil ich in allen Beschreibungen gelesen habe, daß in dieser Gegend das Leben der Tiere und Pflanzen gänzlich erstorben sei.

Einst lagen an der Stelle dieses Meeres die Städte Sodom, Gomorrha, Adama und Zeboim, von denen keine Spur mehr zu finden ist. Eine bange Wehmut, ein Gefühl des Schmerzes ergriff mich, da ich der Vergangenheit gedachte und sehen mußte, wie von den Werken stolzer, kräftiger Völker nicht das geringste Zeichen übriggeblieben ist. Ich war froh, als wir nach einer Rast von einer Stunde diesen ausgestorbenen, traurigen Ort verließen.

Wir ritten gegen anderthalb Stunden über eine unübersehbare, mit Gestrüpp bedeckte Sandwüste nach den blühenden Ufern des Jordans, die man schon von weitem an dem lustigen frischen Grün der sie umgebenden Auen erkennt.

In der sogenannten Jordans-Au, wo Christus vom heiligen Johannes getauft wurde, hielten wir an.

Die Farbe des Jordans ist schmutzig und lehmartig, sein Lauf sehr schnell und reißend. Die Breite dieses Stromes mag höchstens fünf- oder sechsundzwanzig Fuß betragen, die Tiefe aber soll bedeutend sein. Unsere Beduinen und Araber waren kaum angekommen, als sie sich gleich, ganz erhitzt wie sie waren, in den Strom stürzten. Die meisten der Herren taten dasselbe, nur nicht gar so eilig. Ich wusch mir Gesicht, Hände und Füße. Getrunken haben wir alle recht nach Herzenslust, denn lang entbehrten wir dieses Element in solcher Frische. Ich füllte eine gute Portion dieses Wassers in die blechernen Flaschen, welche ich eigens von Jerusalem mitführte, und ließ selbe in Jerusalem verlöten, denn nur auf diese Art ist es möglich, das Wasser unverdorben nach den fernsten Orten zu bringen.

Wir lagerten uns auf einige Stunden in dieser Au unter schattigem Laub- und Nadelholz, dann zogen wir weiter auf dieser Ebene fort. Plötzlich wurden unsere Begleiter unruhig, sprachen eifrig miteinander und wiesen dabei immer in die Ferne. Wir erkundigten uns nach der Ursache ihrer Unruhe und erfuhren, daß sie Räuber entdeckt hätten. Vergebens strengten wir unsere Augen an; sogar mit Hilfe guter Gläser konnten wir nichts gewahren und hatten daher unsere Begleiter schon im Verdacht, ihre Behauptung sei nur Spiegelfechterei, um uns zu beweisen, daß wir sie nicht umsonst mitgenommen hätten. Nach einer Viertelstunde aber sahen auch wir in weiter, weiter Ferne einen Mann nach dem andern auftauchen. Unsere Beduinen machten sich kampffertig und bedeuteten uns, die entgegengesetzte Seite einzuschlagen, während sie einen Angriff gegen den Feind unternehmen wollten. Alle Herren wünschten an dieser Expedition teilzunehmen und schlossen sich kampflustig an die Beduinen. Der ganze Zug flog dahin. Nur Graf B. und ich wollten zurückbleiben, als aber unsere Pferde ihre Kameraden in solch einem Feuer dahinsprengen sahen, wollten auch sie nicht die Faulen spielen, und ohne unsern Willen zu beherzigen, rannten sie mit uns davon, daß uns Hören und Sehen verging. Je mehr wir bemüht waren, ihrem eilenden Lauf Schranken zu setzen, desto wütender verfolgten sie ihr Ziel, so daß wir bald statt der letzten die ersten geworden wären. Wie aber die Feinde einen so entschlossenen Troß auf sich zueilen sahen, liefen sie davon und räumten uns das Feld. Fröhlich und wohlgemut kehrten wir nun wieder unserer alten Bahn zu. Da lief plötzlich ein Wildschwein mit seiner hoffnungsvollen Jugend quer über die Heide. Hui! war wieder alles hinterdrein und verfolgte diese armen Tiere. Graf W. hieb eines der Jungen mit dem Säbel zusammen; triumphierend wurde es dem Koch abgeliefert. Nun setzten sich unserm Marsch keine Hindernisse mehr entgegen, und wir kamen ungestört in unsere Nachtstation.

Bei dieser Gelegenheit sah ich, wie die Araber ihre Pferde zu tummeln verstehen, wie sie ihre Lanzen und Spieße schleudern, im schnellsten Ritt die Lanze vom Boden wieder aufheben, und besonders wie die Pferde dabei eine ganz andere Gestalt annehmen als in ihrem gewöhnlichen, schläfrigen Schritt. Auf den ersten Anblick haben die Pferde gar kein hübsches Ansehen. Sie sind mager, lassen den Kopf ziemlich hängen und schreiten ganz langsam daher. Wenn sie aber einen tüchtigen Reiter fühlen, kennt man sie nicht mehr. Sie heben ihre schönen, schmal geformten Köpfe mit den glühenden Augen stolz in die Höhe; werfen ihre feinen, zarten Füße mit einer Anmut und Behendigkeit sondergleichen und setzen mit einer solchen Sicherheit und Leichtigkeit über Stock und Stein, daß man höchst selten von einem Unglück hört. Es ist ein wahrer Genuß, so ein Manöver zu sehen. Die Araber waren so gefällig, uns mehrere Angriffe ihrer Art darzustellen.

Drei Stunden Weges sind es von der Jordans-Au bis zur Sultansquelle im Tal Jericho. Schön und freundlich schlängelt sich der Weg am Eingang des Tales durch einen natürlichen Park von Feigen- und anderen Fruchtbäumen. Hier war auch der erste Fleck, der dem Auge statt Sand und Stein ein Stückchen Rasen bot. Ach, wie doppelt wohltätig ist ein solcher Anblick, nachdem man nichts als Wüsten durchzogen hat!

Das Dorf dagegen, welches nahe an der Sultansquelle liegt, ist eines der erbärmlichsten. Die Menschen wohnen mehr unter als ober der Erde. Ich ging in einige dieser Höhlen, einen andern Namen verdienen diese kleinen Steinhaufen nicht. Viele darunter haben gar kein Fenster, das Licht fällt durch die Türöffnung hinein. Im Innern sah ich nichts als Strohmatten und einige schmutzige Polster, aber nicht etwa mit Federn oder Roßhaaren, sondern mit Baumblättern gefüllt. Einige Schüsseln und Wasserkrüge machten das ganze Hausgerät aus; ihre Kleidung bestand in nichts als den Fetzen, in welche diese armen Menschen gehüllt waren. In einem Winkelchen lag etwas Getreide und viele Gurken. Ein paar Ziegen und Schafe tummelten sich im Freien herum. Gurkenfelder gibt es vor jeder Hütte. Unsere Beduinen waren ganz glücklich, diese köstliche Gabe in solcher Fülle zu finden.

An der Quelle schlugen wir unter Gottes freiem Himmel unser Nachtlager auf.

Wer dieses Tal in seinem gegenwärtigen Zustand sieht, der begreift trotz der Armut der Einwohner, der Einförmigkeit und Abgestorbenheit der etwas entfernteren Umgebung, daß es einst zu den schönsten und blühendsten gehört haben mag.

Rechts von demselben ziehen sich die kahlen Berge gegen das Tote Meer, links zeigte man uns den Berg, auf welchem Moses, seine irdische Laufbahn vollendend, in ein besseres Leben einging. In dem vorderen Gebirge sind hoch oben drei Höhlen sichtbar, in deren mittlerer sich Jesus aufhielt, um sich für sein künftiges Lehramt vorzubereiten. Ober diesen Höhlen ist die Spitze des Berges, wo der Teufel Jesum abermals versuchte, indem er ihm die ganze blühende Landschaft verhieß, wenn er ihn anbeten würde.

Baron W., Mr. B. und ich wollten eine der Höhlen untersuchen, wir machten uns also auf den Weg; doch kaum gewahrte es einer unserer Beduinen, so lief er uns in großer Eile nach, um uns zur Rückkehr zu bewegen. Er gab uns durch Zeichen zu verstehen, daß es in der ganzen Gegend unsicher sei. Wir kehrten um so mehr zurück, da auch schon die Dämmerung oder eigentlich der Sonnenuntergang eintrat.

(Die Dämmerung ist in den Tropenländern von sehr kurzer Dauer. Bei Sonnenaufgang verändert sich das Dunkel der Nacht ebenso plötzlich in die Helle des Tages wie abends die Helle in Dunkel.)

Unser Abendmahl bestand aus einem angebrannten Pilaw, der uns dessenungeachtet trefflich mundete, denn wer den ganzen Tag über nichts als zwei hartgesottene Eier gegessen hat, der findet des Abends alles genießbar. Dazu tranken wir ein frisches herrliches Wasser aus der nahen Quelle und hatten Gurken im Überfluß, zwar ohne Essig und Öl – allein wozu so viel unnötiges Gemengsel? Wer solche Reisen machen will, muß vorerst suchen, ein Naturmensch zu werden, nur dann gehen sie trefflich vonstatten. Die Erde ward unser Lager und der schöne dunkelblaue Äther mit seinen unzähligen Sternen unser Dach. Für diese kleine Reise war kein Zelt mitgenommen worden.

Der Himmel ist in Syrien wunderschön. Bei Tag ist das Firmament von einer Azurbläue und Reinheit, die keine Vergleichung zuläßt. Nicht das kleinste Wölkchen entstellte den schönen blauen Himmel, und des Nachts ist er mit viel mehr Sternen durchwirkt als bei uns.

Graf Z. gab den Dienern Befehl, uns sehr früh zu wecken, um noch vor Sonnenaufgang aufzubrechen. Dies einzige Mal war man gehorsam, und zwar übergehorsam, denn man weckte uns vor Mitternacht. Wir traten unsern Marsch an. So lange wir im Tal fortzogen, ging alles gut; kaum aber mußten wir einen Berg erklimmen, so strauchelte und stolperte ein Pferd nach dem andern, und wir waren in beständiger Gefahr zu stürzen. Somit wurde einstimmig beschlossen, am nächsten Bergabhang Rast zu machen und den nahen Tag zu erwarten.

 

9. Juni 1842

Um vier Uhr wurde also zum zweitenmal Reveille geschlagen, und wir hatten über drei Stunden ganz nahe dem Ufer des Toten Meeres, welches wir erst jetzt beim anbrechenden Tag bemerkten, geschlafen und weder eine schlechte Ausdünstung oder einen üblen Geruch dieses Wassers verspürt noch viel weniger, daß jemand von unserer Gesellschaft Kopfweh oder Übelkeiten bekommen hätte, wie manche Berichte lauten.

Nun ging es rasch der Heimkehr zu, obwohl wir durch drei bis vier Stunden die schrecklichsten Felsenpfade, Schluchten und Krümmungen durchziehen mußten. In einem der Täler trafen wir abermals auf ein Beduinenlager. Wir ritten an ihre Zelte und ersuchten sie um einen Trunk Wasser, statt dessen sie uns mit wahrer Herzensgüte einige Näpfe köstlicher Buttermilch reichten. Wohl in meinem ganzen Leben genoß ich nichts mit solcher Wonne und Begierde wie dieses kühlende Getränk nach einem so angestrengten, beschwerlichen Ritt in der großen Hitze. Als Graf Z. ihnen Geld reichen wollte, nahmen sie es nicht. Der Häuptling trat zu uns heran und schüttelte einigen die Hände als Zeichen der Freundschaft, denn von dem Augenblick, da man mit den Beduinen oder Arabern etwas genießt oder sie um ihren Schutz anspricht, ist man nicht nur unter ihrer Horde ganz sicher, sondern man würde von ihnen sogar gegen Angriffe anderer auf Leben und Tod verteidigt werden. Nur im Freien ist es nicht rätlich, ihnen zu begegnen. So widersprechend sind ihre Sitten und Gebräuche!

Wir näherten uns nun mit Riesenschritten einer zwar nicht schönen, doch belebteren Gegend, wir begegneten und überholten mehrere kleine Karawanenzüge. Einer derselben war am vorhergehenden Abend angegriffen worden; die armen Araber hatten sich tapfer verteidigt und den Durchzug erkämpft, allein einer von ihnen, der eine tüchtige Schußwunde in den Kopf bekommen hatte, lag halbtot auf einem der Kamele.

Muntere, langohrige Ziegen suchten emsig an den Bergen ihre kümmerliche Nahrung, und einige Steinhütten oder Grotten verkündeten uns die Nähe eines Dorfes oder Städtchens. Wir dankten Gott, daß er uns glücklich aus diesen Steinwüsten in eine minder garstige und etwas belebte Gegend führte.

Wir kamen nach Bethanien, wo ich die Grotte besuchte, in welcher Lazarus im Todesschlaf lag, aus dem ihn Jesus zum Leben weckte. Wir zogen dann denselben Weg, welchen unser Heiland nach dem fünf viertel Stunden entfernten Jerusalem ritt und auf dem ihm das Volk zum letztenmal seine Liebe und Anhänglichkeit durch Streuung von Ölzweigen und Blumen bewies. In wie kurzer Zeit ward diese Szene der höchsten Freude in ihren grellsten Gegensatz, in das Schauspiel der unbarmherzigsten Martern und des Todes verwandelt!

Gegen zwei Uhr nachmittags langten wir glücklich zu Jerusalem an und wurden in unserer freundlichen Behausung mit herzlicher Freude empfangen.

 

Einige Tage nach der Rückkehr von diesem Ausflug verließ ich Jerusalem auf immer. Ruhe und Frieden und ein seliges Gefühl erfüllten mein Gemüt, und ewig werde ich Gott dankbar sein, daß er mich diese Orte schauen ließ. Ist dieses Glück wohl durch all die Beschwerden, Gefahren und Entbehrungen, die man leiden muß, zu teuer erkauft? O gewiß nicht! Was sind wohl die Mückenleiden, die uns in diesem Leben zugewogen sind, gegen jene, die der Stifter unserer Religion hier erduldete! Ein Gedanke an diese heiligen Stätten wird meinen Mut beleben und bestärken, wo ich auch immer sein mag und was auch immer über mich kommen möge!

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