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Reise durch die Sonnenwelt - Erster Band

Jules Verne: Reise durch die Sonnenwelt - Erster Band - Kapitel 5
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typefiction
titleReise durch die Sonnenwelt ? Erster Band
authorJulius Verne
publisherA. Hartleben's Verlag.
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Fünftes Kapitel

In welchem von der Abänderung einiger physikalischer Gesetze die Rede ist, ohne daß man den Grund dafür anzugeben weiß.

Alles in allem schien mit dem algerischen Küstenstriche, der im Westen durch das rechte Ufer des Cheliff und im Norden durch das Mittelmeer begrenzt ist, keine Veränderung vor sich gegangen zu sein. Trotz des fürchterlichen Stoßes zeigte sich weder an dieser fruchtbaren, nur hier und da etwas wellenförmigen Ebene, noch an der unregelmäßigen Uferlinie etwas besonders Auffälliges in der äußeren Erscheinung. Auch das steinerne Wachthaus hatte bei seiner festen Verbindung der einzelnen Mauerteile hinreichend Widerstand geleistet, der Gourbi freilich lag platt auf dem Boden wie ein Kartenhaus, das ein Kind umblies, und seine beiden Bewohner waren unter den mit dem Strohdach bedeckten Trümmern vergraben.

Erst zwei Stunden nach der Katastrophe kam Kapitän Servadac wieder zu sich. Er hatte natürlich einige Mühe, seine Gedanken zu sammeln, die ersten Worte aber, welche über seine Lippen kamen – wen könnte das wundernehmen – waren die letzten Silben des berühmten Rondeaus, bei denen er auf eine so ungewöhnliche Weise gestört worden war:

... heiß und recht,
und für...

Erst nach diesen fragte er sich: »Was zum Teufel ist denn geschehen?«

Die Antwort auf diese an sich selbst gerichtete Frage fiel ihm freilich schwer. Er bohrte mit den Armen nach oben; es gelang ihm, die Strohdecke zu durchbrechen und den Kopf durch das zusammengestürzte Dach zu drängen.

Kapitän Servadac sah sich verwundert um.

»Der Gourbi umgeworfen!« sagte er. »Da wird eine Trombe über die Küste gestürmt sein!«

Er schwieg. Er fühlte keine Verrenkung, überhaupt keine Wunde.

»Mordio, und mein Bursche?«

Er arbeitete sich in die Höhe und rief:

»Ben-Zouf!«

Bei der Stimme des Kapitäns wühlte sich ein zweiter Kopf durch das Strohdach.

»Hier!« antwortete Ben-Zouf.

Es schien, als habe die Ordonnanz nur auf den Appell gewartet, um auf Soldatenart anzutreten.

»Hast du eine Idee davon, was vorgefallen ist, Ben-Zouf?« fragte Hector Servadac.

»Mir sieht es aus, mein Kapitän, als wären wir nahe an der letzten Parade gewesen.«

»Ei was, eine Trombe war es, Ben-Zouf, eine einfache Trombe.«

»Nun, meinetwegen eine Trombe!« erwiderte philosophisch die Ordonnanz. »Nichts Wichtiges gebrochen, Herr Kapitän?«

»Nichts, Ben-Zouf.«

Bald waren beide auf den Füßen; sie räumten den Trümmerhaufen des Gourbi zusammen und fanden die Instrumente, Werkzeuge, Waffen und alles Übrige so ziemlich intakt wieder. Jetzt fragte der Stabsoffizier:

»Um wieviel Uhr mag es wohl sein?«

»Mindestens um acht Uhr«, erwiderte Ben-Zouf, indem er die Sonne betrachtete, welche schon ziemlich hoch über dem Horizonte stand.

»Um acht Uhr?«

»Mindestens, Herr Kapitän.«

»Wäre das möglich?«

»Ja, wir werden aufbrechen müssen.«

»Aufbrechen? Wohin?«

»Nun, nach unserem Rendezvous.«

»Welches Rendezvous?«

»Ei, das Renkontre mit dem Grafen ...«

»Mordio«, rief der Kapitän, »das hätte ich fast vergessen!«

Er zog seine Uhr.

»Was sagst du, Ben-Zouf? Du bist ein Narr, es ist kaum zwei Uhr.«

»Zwei Uhr früh oder zwei Uhr Nachmittag?«

Hector Servadac hielt die Uhr ans Ohr.

»Sie geht«, sagte er.

»Und die Sonne auch«, bemerkte die Ordonnanz.

»Wahrhaftig, nach der Höhe über dem Horizont zu urteilen ... ah, bei allen Weinbergen Medocs ...«

»Was ist Ihnen, Herr Kapitän?«

»Es muß ja um acht Uhr abends sein?«

»Abends?«

»Gewiß, die Sonne steht im Westen, sie ist offenbar beim Niedergehen.«

»Im Untergehen, nein, nein, mein Kapitän«, antwortete Ben-Zouf; »sie steht jetzt auf, wie ein Konskribierter beim Morgenschluß. Da sehen Sie, während wir sprechen, ist sie schon höher gestiegen.«

»So geht die Sonne also jetzt im Westen auf«, murmelte Servadac. »Ach was, das ist ja unmöglich!«

Immerhin war die Tatsache nicht wegzuleugnen. Das Strahlengestirn stieg scheinbar über den Wellen des Cheliff auf und beschrieb seinen Bogen über dem westlichen Horizonte, den es früher erst nachmittags durchmessen hatte.

Hector Servadac sah nun wohl ein, daß ein absolut unerhörtes und ebenso unerklärliches Ereignis, wenn auch nicht die Lage der Sonne in der siderischen Welt, so doch die Richtung der Erdrotation um ihre Achse verändert habe.

Es war zum Verstandverlieren. Konnte das Unmögliche zur Wahrheit werden? Hätte Kapitän Servadac eines der Mitglieder des Längenvermessungsbüros bei der Hand gehabt, er würde einige Aufklärung zu erlangen gesucht haben. Da er ganz auf sich allein angewiesen war, so tröstete er sich mit den Worten:

»Meiner Treu, die ganze Sache geht im Grunde nur die Astronomen an, ich werde ja in acht Tagen sehen, was sie in den Zeitungen darüber veröffentlichen.«

Ohne sich noch unnötig lange bei der Untersuchung des Grundes dieser seltsamen Erscheinung aufzuhalten, rief er nach seiner Ordonnanz.

»Nun vorwärts! Was hier auch passiert ist und ob die ganze Erde und Himmelsmechanik in Unordnung geraten ist, jedenfalls muß ich der erste am Platze sein, um Graf Timascheff die Ehre zu erweisen ...«

»Ihm den Degen durch den Leib zu bohren«, vervollständigte Ben-Zouf den Satz.

Wären Hector Servadac und seine Ordonnanz besonders aufgelegt gewesen, auf die physischen Veränderungen zu achten, die in dieser Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar mit ihnen so plötzlich vorgegangen waren, nachdem sie doch die Modifikation in der scheinbaren Bewegung der Sonne konstatiert hatten, ihr Erstaunen wäre sicher noch mehr gewachsen. Um zuerst von ihnen selbst zu sprechen, so fühlten sie sich etwas beengt, mußten häufiger Atem holen, wie es den Bergsteigern zu ergehen pflegt, so als sei die umgebende Luft minder dicht und folglich auch minder reich an Sauerstoff; dazu erschien ihre Stimme sehr schwach. Entweder also waren sie über Nacht halb taub geworden, oder sie mußten annehmen, daß die Luft plötzlich eine Verminderung ihrer Leitungsfähigkeit für Schallwellen erfahren habe.

Diese physikalischen Veränderungen bekümmerten im gegenwärtigen Augenblicke aber weder Kapitän Servadac noch Ben-Zouf, und beide trabten auf den Cheliff zu, wobei sie dem Wege auf dem steilen Ufer folgten.

Auch das gestern noch sehr dunstige Wetter zeigte sich wesentlich verändert. Ein eigentümlich gefärbter Himmel, der sich schnell mit niedrigen Wolken bedeckte, versteckte bald die Sonne, so daß das Auge ihren Lauf nicht mehr verfolgen konnte. Es drohte ein wahrer sintflutlicher Regen, wenn nicht ein gewaltiges Gewitter, doch gelangten diese Dunstmassen nicht zur Kondensation und schlugen sich also auch nicht nieder.

Zum ersten Male an dieser Küste schien das Meer ganz und gar verlassen. Kein Segel, keine Rauchsäule war auf dem bläulichen Wasser oder an dem grauen Himmel zu sehen. Der Horizont selbst – beruhte das nur auf optischer Täuschung – schien sich ungemein verengt zu haben, und zwar der über dem Meere ebenso, wie der, welcher nach der anderen Seite die Ebene begrenzte. Die ungeheuren Fernsichten waren gleichsam verschwunden, so als ob die Konvexität der Erdkugel sehr stark zugenommen habe.

Kapitän Servadac und Ben-Zouf gingen schnell dahin, ohne ein Wort zu wechseln, und mußten bald die fünf Kilometer zurückgelegt haben, die den Gourbi von dem Platze des Stelldicheins trennten. Beide hätten an diesem Morgen empfinden müssen, daß sie physiologisch ganz anders organisiert waren. Ohne sich besondere Rechenschaft zu geben, fühlten sie sich körperlich so leicht, als ob sie Flügel an den Füßen trügen. Die Ordonnanz mochte ihre Gedanken etwa dahin zusammengefaßt haben, daß heute alles »ferm und flott« gehe.

»Nicht zu vergessen«, murmelte er, »daß wir heute nicht einmal eine ordentliche Ration zu uns genommen haben.«

Es muß anerkannt werden, daß ein derartiges Versehen bei dem braven Soldaten sonst nicht vorzukommen pflegte.

Da ließ sich ein recht widerliches Gebell zur Linken des Fußweges hören. Fast gleichzeitig sprang ein Schakal aus einer dichten Gruppe Mastixbäume. Das Tier gehörte einer besonderen Art der afrikanischen Fauna an, deren Fell regelmäßige schwarze Flecken und einen ebenso gefärbten Streifen an der Vorderseite der Beine hat.

Der Schakal kann gefährlich werden, wenn er in der Nacht in Herden auf Raub auszieht. Einzeln ist er nicht mehr zu fürchten als ein Hund. Ben-Zouf war gewiß nicht der Mann, sich von jenem ängstigen zu lassen, aber Ben-Zouf liebte auch die Schakale nicht – wahrscheinlich weil sie nicht mit einer besonderen Art in der Fauna des Montmartre vertreten waren.

Von dem Dickicht aus lief das Tier auf einen Felsen zu, der mindestens zehn Meter Höhe haben mochte. Mit offenbarer Unruhe betrachtete es die beiden Wanderer. Ben-Zouf tat, als ob er auf dasselbe anlegte, auf welche drohende Haltung das Tier zum größten Erstaunen des Kapitäns und seiner Ordonnanz mit einem einzigen Satz auf die Höhe des Felsens sprang.

»Das nenn' ich einen Springer!« rief Ben-Zouf, »die Bestie schnellte sich mindestens dreißig Fuß in die Höhe.«

»Wahrhaftig«, antwortete Kapitän Servadac tiefsinnend, »einen solchen Sprung hab' ich niemals fertiggebracht!«

Der Schakal setzte sich auf dem Gipfel des Felsens nieder und stierte die beiden mit glotzenden Augen an. Ben-Zouf erhob einen Stein, um ihn zu vertreiben.

Der Stein war sehr groß und doch wog er in der Hand der Ordonnanz scheinbar nicht mehr als ein Stück Bimsstein.

»Verdammter Schakal«, sagte Ben-Zouf, »dieser Stein schadet ihm auch nicht mehr als ein Käsekeulchen! Doch warum in aller Welt ist der so groß und doch so leicht?«

Da er indes nichts anderes zur Hand hatte, schleuderte er genanntes Käsekeulchen mit aller Kraft fort.

Er traf den Schakal nicht. Jedenfalls genügten dem klugen Tiere aber Ben-Zoufs nichts Gutes verheißende Bewegungen, um sich aus dem Staube zu machen. Schnell verschwand er wieder hinter anderen Bäumen und entfloh mit solchen riesigen Sprüngen, wie man sie höchstens einem Känguruh aus Gummi elasticum zugetraut hätte. Statt sein Ziel zu treffen, beschrieb der Stein einen sehr flachen Bogen zum größten Erstaunen Ben-Zoufs, der ihn etwa fünfhundert Schritt hinter dem Felsen niederfallen sah.

»Vermaledeiter Beduine!« rief er; »aber warte, ich werfe nun bloß noch mit vierpfündigen Kanonenkugeln!«

Ben-Zouf befand sich einige Schritte vor seinem Herrn dicht an einem mit Wasser gefüllten, gegen zehn Fuß breiten Graben, den sie überschreiten mußten. Er nahm einen Anlauf und sprang darüber, daß es einem Gymnastiker zur Ehre gereicht hätte.

»Halt, halt, Ben-Zouf, wo willst du hin? Was fällt dir denn ein? Du wirst dir die Rippen zerbrechen, du Waghals!« Kapitän Servadac stieß diese Worte hervor, weil er seine Ordonnanz eben etwa vierzig Fuß hoch in der Luft schweben sah.

Bei dem Gedanken an den gefährlichen Fall Ben-Zoufs versuchte nun auch Hector Servadac über den Graben zu springen; sein Aufwand von Muskelkraft schnellte auch ihn selbst zu einer Höhe von wenigstens dreißig Fuß. Er kreuzte beim Aufspringen Ben-Zouf, der eben im Herabfallen war. Später sank auch er infolge der Gravitationsgesetze wieder mit wachsender Schnelligkeit nach dem Erdboden zurück, doch ohne einen heftigeren Stoß zu empfinden, als ob er etwa vier bis fünf Fuß hoch gesprungen wäre.

»Alle Wetter, Herr Kapitän«, rief da Ben-Zouf hell auflachend, »wir sind ja zu leibhaftigen Clowns geworden!«

Nach einigem Nachsinnen trat Hector Servadac näher an seine Ordonnanz heran und legte dem Soldaten die Hand auf die Schulter.

»Fliege mir nicht davon, Ben-Zouf«, begann er, »und sieh mich aufmerksam an. Ich bin noch nicht ganz wach; wecke mich, stich mich, wenn es sein muß. Wir sind entweder Narren oder wir träumen.«

»Tatsache ist, Herr Kapitän«, antwortete Ben-Zouf, »daß so etwas noch nirgends anders vorgekommen ist als im Lande der Träume; wenn ich mich im Traume z. B. für eine Schwalbe hielt und über den Montmartre wegflog, so leicht, als ob ich über mein Käppi spränge. Die ganze Geschichte geht nicht mit natürlichen Dingen zu. Uns ist etwas passiert, aber etwas, was noch keiner lebenden Seele vorgekommen ist. Ist das etwa eine besondere Eigentümlichkeit der Küste von Algier?«

Hector Servadac war in dumpfes Sinnen versunken.

»Das ist zum Verrücktwerden!« fuhr er auf. »Wir schlafen ja nicht, wir träumen doch nicht...«

Doch er war nicht der Mann, sich eine halbe Ewigkeit mit diesem unter den gegebenen Verhältnissen ohnehin schwer löslichen Probleme herumzuschlagen.

»Nun, so mag meinetwegen geschehen, was da will!« rief er, entschlossen, sich über nichts mehr zu wundern.

»Recht, mein Kapitän«, bekräftigte Ben-Zouf, »vor allen Dingen wollen wir die Sache mit Graf Timascheff in Ordnung bringen.«

Jenseits des Grabens breitete sich eine mäßig große Wiese mit weichem Grase aus. Verschiedene vor etwa fünfzig Jahren angepflanzte Bäume, Eichen, Palmen, Johannisbrotbäume, Sykomoren, dazwischen verschiedene Aloes und über alle hinausragend, einige ungeheure Eukalypten, bildeten einen herrlichen Rahmen um dieselbe.

Hier war der verabredete Platz, auf dem der Ehrenhandel der beiden Gegner zum Austrag kommen sollte.

Hector Servadac ließ die Blicke über die Wiese schweifen.

»Mordio«, rief er, da er niemand sah, »wir sind also doch die ersten beim Rendezvous.«

»Oder vielleicht die letzten!« versetzte Ben-Zouf.

»Was, die letzten? – Noch ist es nicht neun Uhr«, versicherte Kapitän Servadac, der seine Uhr beim Aufbruch aus dem Gourbi nach der Sonne gestellt hatte.

»Herr Kapitän«, fragte da die Ordonnanz, »sehen Sie dort durch die Wolken jene weißliche Kugel?«

»Gewiß«, antwortete der Kapitän, der eine in Dunst verhüllte Scheibe erblickte, welche jetzt im Zenit stand.

»Nun gut«, fuhr Ben-Zouf fort, »diese Kugel kann nur die Sonne oder höchstens deren Stellvertreter sein.«

»Die Sonne im Zenit – Mitte Januar und im neununddreißigsten Grade der Breite?« rief Hector Servadac.

»Sie ist es, Herr Kapitän, sie zeigt Mittag, wenn Sie erlauben. Es scheint, sie hat's sehr eilig heute, und ich wette mein Käppi gegen eine Schüssel Brei, daß sie in drei Stunden schon untergegangen sein wird.«

Die Arme gekreuzt, blieb Hector Servadac einige Minuten unbeweglich stehen. Dann drehte er sich einmal ganz um sich selbst, um alle Punkte des Horizontes ins Auge fassen zu können, und sagte:

»Die Gesetze der Schwere verändert, die Himmelsgegenden verwechselt, die Dauer des Tages um fünfzig Prozent verkürzt... das könnte freilich mein Zusammentreffen mit Graf Timascheff unbestimmt lange verzögern. Zum Teufel, es ist doch mein Gehirn nicht und auch nicht das Ben-Zoufs, die jetzt außer Rand und Band wären.«

Der gleichgültige Ben-Zouf, dem auch die außerordentlichste kosmische Erscheinung keinen Ausruf der Verwunderung entlockt hätte, sah seinen Offizier sehr seelenruhig an.

»Herr Kapitän?«

»Du siehst hier niemand.«

»Ich sehe niemand. Der Russe ist wieder weg.«

»Angenommen, er wäre zurückgekehrt, so wären doch meine Sekundanten hier geblieben oder bei meinem Ausbleiben nach dem Gourbi gekommen.«

»Das stimmt allerdings, Herr Kapitän.«

»Ich schließe daraus also, daß sie überhaupt nicht hier waren.«

»Und wenn sie wirklich nicht kommen? ...«

»Daß sie jedenfalls nicht haben kommen können. Was den Grafen Timascheff...«

Statt den Satz zu vollenden, näherte sich Kapitän Servadac dem felsigen, das Meer überragenden Ufer und schaute hinaus, ob die Goëlette Dobryna vielleicht nahe der Küste vor Anker läge. Es war ja möglich, daß Graf Timascheff zu Wasser nach dem Orte des Stelldicheins kam, wie es auch gestern der Fall war.

Die Wasserfläche war leer, auch bemerkte Hector Servadac jetzt, daß dieselbe trotz der unzweifelhaften Windstille ungemein bewegt erschien, so als ob das Wasser lange über dem Feuer im Sieden erhalten wäre. Sicherlich vermochte die Goëlette gegen diesen Seegang nur sehr schwer standzuhalten.

Zu seinem größten Erstaunen sah er auch jetzt zum ersten Male, wie sich die Kreislinie, an der sich Himmel und Wasser scheinbar berührten, so auffallend verengt hatte.

Für einen auf dem Kamme des hohen Ufers befindlichen Beobachter hätte der Gesichtskreis in der Tat einen Halbmesser von 40 Kilometern (5⅓ geogr. Meilen) haben müssen. Hier schloß er schon mit höchstens 10 Kilometern ab, als habe sich das Volumen der Erdkugel binnen wenigen Stunden beträchtlich vermindert.

»Das ist alles doch gar zu sonderbar!« sagte der Stabsoffizier.

Inzwischen hatte Ben-Zouf, ein ebenso fertiger Kletterer wie der gewandte Vierhänder, den Wipfel einer Eukalypte erstiegen. Von diesem hohen Punkte aus übersah er die Umgebung sowohl in der Richtung nach Tenez und Mostagenem, als nach der Südseite zu. Als er herabgestiegen, meldete er seinem Kapitän, daß die ganze übersehbare Fläche vollkommen öde erscheine.

»Wir wollen nach dem Cheliff gehen«, sagte Hector Servadac. »Der Fluß wird uns über unsere Lage aufklären.«

»Also an den Cheliff!« antwortete Ben-Zouf.

Höchstens drei Kilometer lagen zwischen der Wiese und dem Flusse, den der Kapitän überschreiten wollte, um sich bis Mostagenem zu begeben. Er mußte eilen, um die Stadt noch vor Untergang der Sonne zu erreichen. Durch den dichten Wolkenschleier sah er, wie sie sich rasch senkte und – ein neues Wunder zu den früheren – statt den schrägen Bogen zu beschreiben, wie er der Breitenlage Algiers entsprochen hätte, bewegte sie sich fast lotrecht gegen den Horizont.

Unterwegs überlegte sich Kapitän Servadac noch mehrfach diese verschiedenen Sonderbarkeiten. Wenn durch ein wahrhaft unerhörtes Ereignis die Achsendrehung der Erde verändert erschien; wenn man in Anbetracht der durch den Zenit wandelnden Sonne zu der Annahme kam, daß die Küste Algiers nach jenseits des Äquators versetzt worden sei, so schien es doch wiederum, als habe die Konvexität der Erdrinde, wenigstens in diesem Teile Afrikas, keine nennenswerte Veränderung erlitten. Das Ufer bildete noch wie zuvor eine Reihe von steilen und flachen sandigen Strecken, sowie von nackten, roten, scheinbar eisenhaltigen Felsen. So weit der Blick reichte, entdeckte er an der Küste keine neue Gestaltung. Ebenso verhielt es sich zur Linken, nach Süden zu, wenigstens nach der Himmelsgegend hin, welche Hector Servadac noch den Süden nannte, obwohl die Lage der beiden Kardinalpunkte des Himmels offenbar gewechselt hatte – denn augenblicklich wenigstens konnte man sich nicht verhehlen, daß sie direkt vertauscht erschienen. In einer Entfernung von etwa drei Stunden erhoben sich die ersten Anfänge des Gebirges Merjejah und zeichnete sich die Linie ihrer Gipfel in gewohnter Form am Firmamente ab.

»Mordio«, rief Kapitän Servadac, »ich bin doch begierig zu hören, was sie in Mostagenem von dem ganzen Zauber denken! Was wird der Kriegsminister sagen, wenn er per Telegramm erfährt, daß seine Kolonie Afrika in ihrer physikalischen Lage plötzlich so ergreifend umgewandelt ist, wie es nach der moralischen Seite noch niemals hat gelingen wollen?«

»Die Kolonie Afrika«, erwiderte Ben-Zouf, »kommt einfach in Polizeiarrest.«

»Und daß die Himmelsgegenden mit den militärischen Reglements in schreiendem Widerspruch stehen.«

»Die Himmelsgegenden werden in eine Strafkompanie versetzt.«

»Und daß die Sonne im Monat Januar mich gerade auf den Kopf trifft.«

»Einen Offizier zu beleidigen! Die Sonne wird standrechtlich erschossen!«

Oh, Ben-Zouf war sattelfest in dem Kapitel der Disziplin.

Hector Servadac und er beeilten sich nach Möglichkeit. Unterstützt durch ihre geringe spezifische Schwere, die ihnen schon zur zweiten Natur geworden war, ebenso wie sie die verdünntere, das Atmen beschleunigende Luft gewöhnt waren, liefen sie schneller als Hasen, sprangen sie wie Gemsen. Sie folgten gar nicht mehr dem Fußpfade auf dem Kamme des Ufers, dessen Windungen ihren Weg verlängert hätten. Sie drangen in kürzester Richtung vorwärts, mit Vogelflügeln, wie man in der Neuen Welt sagt. Eine Hecke – sie hüpften darüber; ein Bach – sie überschritten ihn mit einem Satze; eine Reihe Bäume – sie sprangen mit gleichen Füßen darüber hinweg; ein Hügel – sie passierten ihn im Fluge. Unter den gegebenen Verhältnissen hätte der Montmartre Ben-Zouf nur einen Schritt gekostet. Beide hatten nur die eine Befürchtung, sie möchten zu große Bogen in vertikaler Richtung machen, da sie doch horizontal vorwärts wollten. In der Tat berührten sie kaum den Erdboden, der für sie nur als Schwungbrett mit unbegrenzter Elastizität diente.

Endlich ward das Ufer des Cheliff sichtbar, und mit wenigen Sprüngen standen Kapitän Servadac und seine Ordonnanz an dessen rechter Seite.

Doch hier mußten sie haltmachen. Die Brücke war verschwunden.

»Keine Brücke mehr!« rief Kapitän Servadac. »Hier hat's also eine Überschwemmung gegeben, so eine kleine Wiederholung der Sintflut.«

»Bah?« machte sich Ben-Zouf bemerkbar.

Und doch war hier das Staunen am rechten Orte. Der Cheliff als solcher existierte nicht mehr. Sein linkes Ufer war spurlos verschwunden. Das rechte, früher der Rand eines fruchtbaren Landes, bildete jetzt eine Seeküste. Im Westen vertrat ein tobendes Wasser, statt der murmelnden, friedlichen Wellen, von blauer, statt der früheren gelben Farbe, bis auf Sehweite sein freundliches Bett. Ein Meer schien den Fluß verdrängt zu haben. Hier endete vorläufig die Gegend, welche früher das Territorium von Mostagenem bildete.

Hector Servadac wollte Klarheit. Er ging bis dicht ans Ufer, schöpfte etwas Wasser mit der Hand und führte diese zum Munde ...

»Salzig!« rief er. »In wenigen Stunden hat das Meer den ganzen Westen von Algier verschlungen.«

»Dann, Herr Kapitän«, meinte Ben-Zouf, »wird das etwas länger dauern als eine gewöhnliche Überschwemmung.«

»Das ist die verkehrte Welt!« erwiderte kopfschüttelnd der Stabsoffizier. »Und die Umwälzung kann wahrhaft unberechenbare Folgen haben. Was mag aus meinen Freunden, meinen Kameraden geworden sein?«

Ben-Zouf hatte Hector Servadac noch nie so erregt gesehen. Er suchte also sein Gesicht mit dem des anderen in Einklang zu bringen, obgleich er für seine Person noch keine so rechte Vorstellung von dem hatte, was hier vorgegangen sei. Auch hätte er schon als Philosoph seine Partei genommen, wenn er sich nicht »militärisch« verpflichtet gefühlt hätte, die Empfindungen seines Kapitäns zu teilen.

Das neu entstandene, vom rechten Ufer des Cheliff gebildete Ufer verlief in leicht gerundeter Linie von Norden nach Süden. Es schien nicht, als habe die Erdrevolution, deren Schauplatz dieser Teil Afrikas war, dasselbe besonders berührt. Noch immer entsprach es auf den ersten Blick mit seinen Gruppen großer Bäume, seinem launenhaft abgeschnittenen Ufer und dem grünen Teppich der benachbarten Wiesen der früheren topographischen Aufnahme. Nur bildete es jetzt, statt der einen Wand eines Flußbettes, die Küste eines unbekannten Meeres.

Kaum gelang es aber dem Kapitän Servadac, der jetzt sehr ernst geworden war, die eingreifenden Veränderungen genauer ins Auge zu fassen. Als die Sonne im Osten den Horizont erreicht hatte, versank sie unter diesen so schnell wie eine Kanonenkugel im Meere. Wäre man am 21. März oder 21. September unter den Tropen gewesen, zur Zeit wo die Sonne die Ekliptik schneidet, der Übergang vom Tage zur Nacht hätte sich nicht schneller vollziehen können. Keine Dämmerung begleitete diesen Abend, und voraussichtlich fehlte auch das Morgenrot dem anderen Tage. Himmel, Erde und Meer, alles ward fast augenblicklich in tiefer Finsternis begraben.

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