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Reise durch die Sonnenwelt - Erster Band

Jules Verne: Reise durch die Sonnenwelt - Erster Band - Kapitel 21
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titleReise durch die Sonnenwelt ? Erster Band
authorJulius Verne
publisherA. Hartleben's Verlag.
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Einundzwanzigstes Kapitel

In welchem der Leser erfährt, welch prächtige Überraschung die Natur eines schönen Tages den Bewohnern der Gallia bereitet.

Diese durchwärmte und hell erleuchtete Höhle bot der kleinen Welt der Gallia, welche darin untergebracht werden sollte, in der Tat eine prächtige Wohnung. Und nicht nur Hector Servadac nebst »seinen Untertanen«, wie Ben-Zouf zu sagen liebte, fand hier hinlänglich Platz, sondern es mußten auch die beiden Pferde des Kapitäns, sowie eine ausreichende Zahl der nötigen Haustiere darin Schutz gegen die Kälte des Gallia-Winters finden, wenn dieser Winter überhaupt jemals ein Ende hatte.

Man erkannte sehr bald, daß diese ganze geräumige Höhle eigentlich aus den vereinigten Ausläufern zwanzig verschiedener Schächte bestand, die sich weiter rückwärts in der Gesteinsmasse verzweigten und welche die erwärmte Luft in sehr hoher Temperatur durchstrich. Man hätte sagen können, daß die Wärme daselbst durch die mineralischen Poren des Berges hindurchschwitzte. Unter diesen dicken Gewölben mußten alle lebenden Wesen des neuen Weltkörpers, geschützt gegen jede Unbill eines polaren Klimas und gegen die Kälte des leeren Weltraumes, so tiefe Grade diese auch erreichen mochte, eine sichere Unterkunft finden, wenigstens solange die Tätigkeit des Vulkans anhielt. In bezug auf letztere Frage bemerkte Graf Timascheff aber ganz richtig, daß man doch während der Fahrt der Dobryna längs der Küste des neuen Meeres keinen weiteren feuerspeienden Berg angetroffen habe, und daß diese Eruption, wenn man hier nur die einzige Ausströmungsöffnung für das innere Feuer der Gallia vor sich habe, recht leicht Jahrhunderte hindurch andauern könne.

Jetzt galt es also, keinen Tag, nein, keine Stunde zu verlieren. Solange die Dobryna noch offenes Wasser fand, mußte man zunächst nach der Insel Gourbi zurückkehren, diese hurtig »ausräumen«, Menschen und Tiere ohne Säumen nach ihrer neuen Wohnstätte schaffen, daselbst Getreide, Feldfrüchte und Futterstoffe aufspeichern und sich endgültig in »Warm-Land« häuslich einrichten – so nämlich nannte man, gewiß ganz treffend, diesen vulkanischen Teil des Vorgebirges.

Noch an demselben Tage kehrte die Schaluppe zur Insel Gourbi zurück und schon am nächstfolgenden begannen die nötigen Arbeiten.

Es kam hier eine sehr lange Überwinterung in Frage, bei der man sich gegen alle Eventualitäten zu decken suchen mußte. Ja, eine schwierige, lange, vielleicht endlose Überwinterung mit ganz anderen Gefahren und Mühseligkeiten, als sie die sechs Monate Nacht und Winter den Polarfahrern drohen. Wer vermochte in vorliegendem Falle vorauszusehen, wann die Gallia aus den Fesseln des Eises befreit werden würde? Wer konnte sagen, ob ihre Bahn überhaupt eine in sich zurücklaufende Kurve beschrieb und ob eine Ellipsenbahn sie jemals nach der Sonne hin zurückführen würde?

Kapitän Servadac teilte nun den Übrigen die gemachte glückliche Entdeckung mit. Der Name »Warm-Land« fand vorzüglich bei Nina und den Spaniern den ungeteiltesten Beifall, und alle dankten aus freudigem Herzen der Vorsehung, welche die Umstände für sie so glücklich gestaltete.

Während der drei folgenden Tage legte die Dobryna drei Reisen zurück. Bis zur Höhe der Schanzkleidung beladen, transportierte sie zuerst die Vorräte an Cerealien und Futtergewächsen, welche in den tiefen, zu Magazinen bestimmten Schächten abgelagert wurden. Am 15. März bevölkerten sich dann die Felsenstallungen mit Haustieren, Ochsen, Kühen, Schafen und Schweinen, in der Anzahl von etwa einem halben Hundert Köpfen, deren Rassen man erhalten wollte. Von den anderen, denen die Kälte ohnehin mit baldiger Vernichtung drohte, sollte eine möglichst große Menge erlegt werden, da die rauhe Witterung das Fleisch derselben ja beliebig lange zu konservieren versprach. Die Gallia-Bewohner mußten also einen mehr als ausreichenden Vorrat an Nahrungsmitteln, wenigstens mit Rücksicht auf ihre dermalige Anzahl, erlangen.

Die Frage wegen der nötigen Getränke bot keine sonderliche Schwierigkeit. Freilich mußte man sich mit einfachem Süßwasser begnügen, dieses Wasser aber konnte niemals fehlen, weder im Sommer, wo es die Bäche und Zisternen der Insel Gourbi lieferten, noch im Winter, weil es dann die Kälte durch Gefrieren des Meerwassers erzeugte.

Während man auf der Insel in erwähnter Weise tätig war, beschäftigten sich Kapitän Servadac, Graf Timascheff und Leutnant Prokop mit der inneren Einrichtung der neuen Wohnstätte auf Warm-Land. Man mußte sich beeilen, denn schon widerstand das Eis selbst zu Mittag den lotrechten Strahlen der Sonne, und unzweifelhaft erschien es doch vorteilhafter, den Seeweg zu benützen, solange das Meer noch freiblieb, statt eines beschwerlichen Überganges über seine erstarrte Oberfläche.

Die Einrichtung der verschiedenen, in der Bergmasse des Vulkanes vorhandenen Aushöhlungen vollzog sich mit einsichtiger Benützung aller erreichbaren Vorteile. Wiederholte Nachsuchungen hatten zur Entdeckung noch mehrerer Gänge und Schächte geführt. Der ganze Berg glich einem riesenhaften Bienenstock mit einer ungeheuren Anzahl von Zellen. Die Bienen – d. h. hier die Kolonisten – mußten darin bequeme, ja mit hinreichendem Komfort ausgestattete Wohnungen finden. Zu Ehren des kleinen Mädchens nannte man diese Wohnsitz den »Nina-Bau«.

Kapitän Servadacs und seiner Genossen erste Sorge war es nun, jene vulkanische, von der Natur so freigebig gelieferte Wärme den Bedürfnissen des täglichen Lebens nutzbar zu machen. Durch Eröffnung neuer kleiner Rinnen für die feurig-flüssige Lava wurde ein hinreichender Teil nach geeigneten Stellen abgeleitet. Als die Küche aus der Dobryna auf diese Weise an gelegenem Orte eingerichtet war, erhielt sie also ihre Feuerung durch die Lava, und Mochel, der Oberkoch der Goëlette, machte sich sehr bald mit dieser neuen Art von Herdfeuerung vertraut.

»He«, meinte Ben-Zouf, »wenn in der alten Welt jedes Haus so einen kleinen Vulkan als Wärmelieferanten haben könnte, der für seine Leistungen keinen Heller beansprucht, das wäre doch einmal ein Fortschritt!«

Die größte Höhle, jene Ausmündungsstelle, nach der die Schächte des Berginnern alle zusammenliefen, wurde zur gemeinsamen Wohnung bestimmt und mit den hauptsächlichen Möbeln des Gourbi und der Dobryna ausgestattet. Die Segel der Goëlette waren abgenommen und nach dem Nina-Bau geschafft worden, wo sie zu den verschiedensten Zwecken dienen sollten. Selbstverständlich fand auch die mit russischen und französischen Werken reichlich ausgestattete Schiffsbibliothek in dem großen Wohnraume Aufnahme. Tische, Stühle, Lampen usw. vervollständigten dessen Einrichtung, während die Wände mit den Seekarten der Dobryna geschmückt wurden.

Wir erwähnten schon, daß der Feuervorhang, welcher von der Öffnung der Haupthöhle herabfiel, dieselbe gleichzeitig erwärmte und erleuchtete. Dieser Lava-Katarakt stürzte sich in ein kleines, von einem Kranze zusammenhängender Klippen umschlossenes Bassin, das mit dem Meere in keinerlei Verbindung zu stehen schien, letzteres stellte offenbar die Ausmündung eines sehr tiefen Schlundes dar, dessen Wasser durch die glühenden Auswurfsmassen ohne Zweifel auch dann noch im flüssigen Zustande erhalten werden mußte, wenn die Kälte auch das ganze übrige Gallia-Meer in Fesseln und Banden schlug. Eine zweite, im Hintergrunde und links von dem allgemeinen Wohnraume sich anschließende Höhle wurde zum Privatgemach für Kapitän Servadac und Graf Timascheff hergerichtet. Der Leutnant Prokop und Ben-Zouf bewohnten zusammen eine andere, sich zur Rechten anschließende Felsenkammer, und ganz im Hintergrunde des Hauptraumes fand sich auch noch ein freilich nur beschränktes Stübchen für die kleine Nina. Die russischen Matrosen und die Spanier errichteten ihre Lagerstätten in den nach dem größeren Saale ausmündenden Gängen, für deren Erwärmung das Zentralfeuer des Berges hinlänglich sorgte. Diese Einzelräume zusammen bildeten den erwähnten »Nina-Bau«. Die kleine auf diese Weise untergebrachte Kolonie konnte nun ohne Zagen den langen, rauhen Winter erwarten, der sie im Berginnern von Warm-Land gefangenhalten mußte. Hier konnte sie ungestraft jede beliebige Erniedrigung der Außentemperatur aushalten. Wie weit letztere herabgehen konnte, im Fall die Gallia nur bis zur Bahn des Jupiter gelangen sollte, dafür gibt die Rechnung einen Anhalt, daß letztgenannter Planet nur noch den fünfundzwanzigsten Teil derjenigen Sonnenwärme erhält, welcher der Erde in ihrer Bahn zuströmt.

Was wurde denn aber während dieser Auszugsarbeiten, dieser fieberhaften Tätigkeit, welcher sich selbst die Spanier nicht entziehen konnten, aus Isaak Hakhabut, der starrsinnig am Ankerplatze der Insel Gourbi zurückblieb?

Immer ungläubig, trotz aller Beweise, welche man ihm aus Menschlichkeit darlegte, um sein Mißtrauen zu besiegen, harrte er an Bord seiner Tartane aus, wachte über seine Warenvorräte, wie der Geizhals über seine Schätze, murrte jetzt und jammerte dann, und spähte, freilich vergeblich, nach dem Horizonte hinaus, ob nicht ein anderes Schiff in Sicht der Insel erschiene. Die anderen waren nun wenigstens, und niemand beklagte sich darüber, von dem Anblick seiner abschreckenden Erscheinung vorläufig befreit. Der Jude hatte mit aller Bestimmtheit erklärt, er werde seine Waren nur gegen kursfähige Münze ausliefern. Infolgedessen verbot Kapitän Servadac strengstens, ihm irgend etwas zu nehmen, aber gleichzeitig auch, ihm nur das geringste abzukaufen. Man werde ja bald sehen, ob dieser Starrkopf nicht der zwingenden Notwendigkeit und den tatsächlichen Verhältnissen, über die ihm bald die Augen aufgehen mußten, nachgeben werde.

Offenbar glaubte Isaak Hakhabut jetzt noch ganz und gar nicht an die merkwürdige und furchtbare Lage, in welche sich die kleine Kolonie versetzt sah. Seiner Meinung nach befand er sich noch immer auf der Erdkugel, von welcher ein unerhörtes Naturereignis nur einige Teile verändert habe, und hoffte früher oder später Gelegenheit zu finden, die Insel Gourbi verlassen und seinen Handel längs der Küsten des Mittelmeeres wieder aufnehmen zu können. Bei seinem überall hervortretenden Mißtrauen bildete er sich ein, es bestehe gegen ihn ein Komplott mit der Absicht, ihm seine Güter zu rauben. Er wollte sich nun einmal, wie er sagte, nicht zum Besten haben lassen, verwarf also jene Hypothese bezüglich eines ungeheuren, von der Erde losgerissenen und in den Weltraum hinausgeschleuderten Blockes, und wollte sich nicht plündern lassen, weshalb er sein Schiff Tag und Nacht bewachte. Da aber bis jetzt alles damit übereinstimmte, die Existenz eines neuen, durch die Sonnenwelt wandelnden und nur von den Engländern in Gibraltar und den Ansiedlern der Insel Gourbi bewohnten Gestirns vorauszusetzen, so mochte Isaak Hakhabut sein altes, wie ein langgebrauchtes Ofenrohr geflicktes Fernrohr auf den Horizont richten, soviel er wollte, es zeigte sich doch kein Schiff, es traf kein Händler ein, der sein Geld gegen die Schätze der Hansa vertauscht hätte.

Dem Juden waren die Vorbereitungen für die projektierte Überwinterung nicht unbekannt geblieben. Seiner eingefleischten Gewohnheit nach wollte er zuerst überhaupt nicht daran glauben. Als er aber die häufigen nach Süden gerichteten Fahrten der Dobryna und die Fortschaffung der Ernten und der Haustiere sah, schloß er daraus nur, daß Kapitän Servadac und seine Gefährten im Begriff ständen, die Insel Gourbi zu verlassen.

Was drohte denn nun aus dem armen Hakhabut zu werden, wenn sich alles bestätigte, was er jetzt hartnäckig leugnete? Nicht mehr auf dem Mittelländischen, sondern auf dem Gallia-Meere zu sein! Sein schönes, deutsches Vaterland nicht wiederzusehen! In Tripoli und Tunis nicht sein »Profitchen« zu machen! – Oh, das mußte sein Untergang sein!

Nun sah man ihn wohl häufiger die Tartane verlassen und sich dort an eine Gruppe Russen oder Spanier herandrängen, die ihn mit irgendeinem schlechten Witze heimschickten. Er versuchte wohl auch Ben-Zouf zu kirren, indem er diesem einige Prisen Tabak anbot, welche die Ordonnanz »auf ergangenen Befehl« abschlug.

»Nichts da, alter Zabulon«, sagte er, »nicht einmal eine Prise! Du bist im Bann, du wirst deine Vorräte selbst essen und trinken, deinen Tabak selbst aufschnupfen, du ganz allein, alter Sardanapal!«

Als Isaak Hakhabut einsah, daß er von den »Heiligen« keine Aufklärung erlangen konnte, wandte er sich an deren »Gott« selbst und fragte eines Tages Kapitän Servadac, ob alles, was man ihm vorher gesagt, auf Wahrheit beruhe, indem er sich versichert halte, daß ein französischer Offizier einen armen Mann, wie ihn, nicht werde täuschen wollen.

»Zum Teufel, ja, das ist alles wahr«, antwortete Hector Servadac, dem ob solch hartnäckigen Unglaubens die Geduld ausging. »Ihr habt nur noch eins zu tun, nämlich nach dem Nina-Bau überzusiedeln.«

»Steh mir bei der ewige Gott und der Mohammed!« seufzte der Jude, der als halber Renegat beide Anrufungen vereinigte.

»Wollt Ihr drei oder vier Mann haben, die Hansa nach dem neuen Ankerplatz bei Warm-Land überzuführen?«

»Ich möchte gehen nach Algier!« erwiderte Hakhabut.

»Aber, ich wiederhole euch, Algier existiert hier nicht mehr.«

»Herrgott Israels, wäre das möglich?«

»Zum letzten Male also, wollt Ihr uns mit der Tartane nach Warm-Land folgen, wo wir zu überwintern denken?«

»Erbarmen! Erbarmen! Das geht um mein Hab und Gut.«

»Ihr wollt nicht? Nun wohl, so schaffen wir die Hansa wider euren Willen und ohne euch nach einer sicheren Stelle.«

»Wider meinen Willen, Herr Gouverneur?«

»Gewiß, denn ich kann nicht zugeben, daß diese ganze kostbare Ladung durch eure kurzsichtige Halsstarrigkeit zugrunde gehe, ohne irgend jemandem zu nützen.«

»Das ist mein Untergang!«

»Er wär' es noch sicherer, wenn wir euch gewähren ließen«, antwortete Hector Servadac achselzuckend, »und nun geht meinetwegen zum Teufel!«

Isaak Hakhabut kehrte nach seiner Tartane zurück, streckte die Arme gen Himmel und protestierte heulend gegen die unglaubliche Habgier der »schlechten Menschen«.

Am 20. März erreichten die letzten Arbeiten auf der Insel Gourbi ihr Ende. Man brauchte nur noch abzureisen. Das Thermometer war allmählich auf acht Grad unter Null gesunken. In der Zisterne verblieb kein Tropfen flüssigen Wassers mehr. Es ward demnach beschlossen, daß sich am folgenden Tage alle auf der Dobryna einschiffen und die Insel verlassen sollten, um im Nina-Bau eine Zuflucht zu suchen. Ebenso kam man überein, die Tartane, trotz der wiederholten Proteste ihres Eigentümers, dahin überzuführen. Leutnant Prokop hatte ausdrücklich erklärt, die Hansa werde bei weiterem Verweilen im Hafen des Cheliff dem Drucke des Eises hinreichenden Widerstand nicht bieten können und folglich zugrunde gehen. In jener Bucht von Warm-Land werde sie besser geschützt liegen, und jedenfalls, selbst wenn ihr der Untergang drohe, werde man mindestens ihre Ladung zu bergen im Stande sein.

Bald nachdem die Goëlette also die Anker gelichtet, bewegte sich auch die Hansa trotz der Wehklagen und Proteste Isaak Hakhabuts vorwärts. Vier russische Matrosen nahmen auf dem Schiffe Platz, das nach Entfaltung seines Großmarssegels, »ein schwimmender Kramladen«, wie Ben-Zouf sagte, sich nach Süden wandte.

Die fortwährenden Schimpfereien des Juden während der Überfahrt, seine ewige Wiederholung, daß man wider seinen Willen handle, daß er gar niemanden brauche und keinerlei Hilfe verlangt habe, lassen sich hier gar nicht wiedergeben. Er weinte, er klagte und wimmerte – wenigstens mit dem Munde –, denn er konnte es nicht unterdrücken, daß seine kleinen grauen Augen dann und wann Blitze schleuderten durch die heuchlerischen Tränen. Als er aber nach drei Stunden in der Bucht von Warm-Land wohl befestigt lag und sich und seine Ladung in Sicherheit wußte, da hätte jeder, der in seine Nähe kam, erstaunen müssen über die unzweideutige Befriedigung, die aus seinen Blicken sprach, und bei schärferer Aufmerksamkeit hätte er ihn murmeln hören können:

»Umsonst! Gott, der Gerechte! Über die Schwachköpfe! Sie haben mich umsonst hierher gelotst.«

In diesen Worten offenbarte sich der ganze Charakter dieses Menschen. Umsonst! Man hatte ihm einen Dienst »umsonst« erwiesen.

Die Insel Gourbi war nun von Menschen endgültig verlassen. Nichts verblieb mehr auf diesem letzten Reste einer ehemaligen Kolonie Frankreichs, außer dem Wild und Geflügel, das den Nachstellungen der Jäger noch entgangen und durch die zu erwartende Kälte dem baldigen Untergange verfallen war. Nachdem die Vögel irgendein anderes, ihnen günstigeres Land in der Ferne gesucht hatten, waren sie zur Insel zurückgekehrt, ein Beweis, daß nirgends ein anderes Gebiet existierte, das sie hätte ernähren können.

An genanntem Tage nahmen Kapitän Servadac und seine Gefährten von ihrer neuen Wohnstätte feierlich Besitz. Die innere Einrichtung des Nina-Baues fand allgemeinen Beifall, und jeder wünschte sich Glück, ein so bequemes und vorzüglich so angenehm durchwärmtes Unterkommen gefunden zu haben. Nur Isaak Hakhabut teilte die Befriedigung der übrigen nicht. Er weigerte sich sogar, überhaupt in die Gänge des Bergstockes mit einzutreten, und verblieb an Bord seiner Tartane.

»Er fürchtet ohne Zweifel, Mietzins zahlen zu sollen«, sagte Ben-Zouf. »Doch immerhin. Bald wird er ins Winterlager getrieben werden, der alte Fuchs; die Kälte wird ihm schon sein Loch verleiden!«

Gegen Abend wurden die Kessel eingehängt, und bald versammelte eine gute Mahlzeit, deren Gerichte über vulkanischem Feuer bereitet waren, die ganze kleine Welt in einem großen Saale. Mehrere Toaste, zu denen die Vorräte der Dobryna an französischen Weinen den nötigen Stoff lieferten, wurden dabei dem Generalgouverneur und seinem »Verwaltungsrate« ausgebracht. Ben-Zouf bezog natürlich ein gut Teil davon auf seine Person.

Es ging sehr lustig zu. Die Spanier vorzüglich wurden geradezu ausgelassen. Der eine holte die Gitarre hervor, ein anderer die Kastagnetten, und alle begannen im Chore zu singen. Ben-Zouf seinerseits gab das in der ganzen französischen Armee so bekannte »Lied des Zuaven« zum besten, dessen Reiz freilich nur der zu schätzen weiß, der es von einem Virituosen, wie die Ordonnanz des Kapitän Servadac, vortragen hörte. Es lautete übrigens:

Misti goth dar dar tire lyre:
Flic! floc! flac! lirette, lira!
Far la rira,
Tour tala rire,
Tour la Ribaud,
Ricandeau,
Sans repos, répit, répit repos, ris pot, ripette!
Si vous attrapez mon refrain,
Fameux vous êtes.Deutsch nicht wiederzugeben, da der größte Teil aus sinnlosen Silben besteht. – Anm. d. Übers.

Dann ward ein Ball improvisiert, gewiß der erste auf der Gallia. Die russischen Matrosen versuchten sich in einigen vaterländischen Tänzen, denen alle, selbst nach den bezaubernden Fandangos der Spanier, reichen Beifall zollten. Ben-Zouf exekutierte eine im Elysium des Montmartre sehr beliebte Tanzpiece mit solchem Geschicke und solcher Ausdauer, daß der liebenswürdige Choreograph die ernsthaftesten Komplimente Negretes erntete.

Um neun Uhr ging dieses Einzugsfest zu Ende. Jeder fühlte das Bedürfnis, frische Luft zu schöpfen, denn durch die Tänze und die schon vorher herrschende Temperatur war es im großen Saale etwas gar zu warm geworden.

Ben-Zouf ging den anderen voraus durch jenen Hauptgang, der an der Küste von Warm-Land auslief. Kapitän Servadac, Graf Timascheff und Leutnant Prokop folgten ihm langsameren Schrittes, als wiederholte Ausrufe von außerhalb sie zu größerer Eile antrieben. Sie hörten indessen, daß jene keine Ausrufe des Schreckens waren, sondern ein Freudengeschrei mit Hurras, welche in dieser trockenen und reinen Atmosphäre laut widerhallten.

Als Kapitän Servadac mit seinen beiden Begleitern den Ausgang der Galerie erreichte, sahen sie die anderen alle auf dem Felsen zusammenstehen. Ben-Zouf wies mit der Hand gen Himmel und schien ganz außer sich zu sein.

»Ah, Herr Generalgouverneur! Hier, gnädiger Herr!« rief er mit nicht wiederzugebender freudig erregter Stimme.

»Nun, was gibt es?« fragte Kapitän Servadac.

»Dort, dort, der Mond!« erwiderte Ben-Zouf.

In der Tat, da stieg der Mond auf aus den Nebeldünsten der Nacht und goß sein Licht zum ersten Male über die erstaunten Bewohner der Gallia.

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