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Reise durch die Sonnenwelt - Erster Band

Jules Verne: Reise durch die Sonnenwelt - Erster Band - Kapitel 17
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titleReise durch die Sonnenwelt ? Erster Band
authorJulius Verne
publisherA. Hartleben's Verlag.
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Siebzehntes Kapitel

Welches ganz treffend überschrieben werden könnte: Von demselben zu denselben.

Jetzt blieb den Seefahrern nichts weiter übrig, als nach der Insel Gourbi zurückzukehren. Dieses beschränkte Gebiet schien offenbar das einzige Stück des früheren Erdbodens zu sein, welches diejenigen aufnehmen konnte, die das neue Gestirn durch die Sonnenwelt führte.

»Nun«, sagte sich Kapitän Servadac, »es ist doch wenigstens ein Stück von Frankreich!«

Man besprach also die Rückkehr nach der Insel Gourbi, und schon sollte dieselbe beschlossen werden, als Leutnant Prokop die Bemerkung machte, daß man die jetzigen Ufer des Mittelländischen Meeres noch nicht in ihrem ganzen Umfange aufgesucht habe.

»Wir haben im Norden«, sagte er, »von der früheren Stelle des Kaps von Antibes noch den ganzen Küstenstrich bis zu jener schmalen Wasserstraße zu untersuchen, die nach dem Meeresteile westlich von Gibraltar führt, und im Süden die Ufer von dem Golf von Gabes ab bis zu der nämlichen Stelle. Im Süden sind wir zwar längs der alten afrikanischen Küste hin gesegelt, kennen aber die neue Grenze noch nicht. Wer weiß, ob uns nach Süden jeder Zugang abgeschlossen und ob nicht eine der fruchtbaren Oasen der Sahara der Vernichtung entgangen ist? Vielleicht haben Italien, Sizilien, der Archipel der Balearen oder die großen Inseln des Mittelmeeres der Katastrophe widerstanden, und es scheint mir geraten, uns darüber zunächst Aufklärung zu verschaffen.

»Deine Bemerkungen sind zutreffend, Prokop«, sagte Graf Timascheff, »es scheint auch mir unumgänglich nötig, die hydrographische Aufnahme des neuen Meeresbassins zu vervollständigen.«

»Ich füge mich gern«, setzte Kapitän Servadac hinzu. »Vor allem müssen wir freilich wissen, ob es notwendig ist, unsere Auskundschaftung vollkommen zu Ende zu führen, bevor wir nach der Insel Gourbi zurückkehren.«

»Ich bin der Ansicht«, bemerkte Leutnant Prokop, »wir benutzen die Dobryna noch so lange, als sie uns Dienste leisten kann.«

»Was willst du damit sagen?« fragte Graf Timascheff.

»Nun, daß die Temperatur allmählich abnimmt, daß die Gallia eine Bahn einhält, die sie von der Sonne mehr und mehr entfernt, und daß sie bald einer ganz ungewöhnlichen Kälte ausgesetzt sein wird. Dann muß das Meer zufrieren und jede Beschiffung desselben unmöglich werden. Ihnen sind ja die Schwierigkeiten einer Reise über das Eis hinlänglich bekannt. Empfiehlt es sich also nicht, unsere Entdeckungsfahrt so lange fortzusetzen, als wir noch freies Wasser finden?«

»Du hast recht, Prokop«, bestätigte Graf Timascheff. »Sehen wir zu, was von dem alten Kontinente übrig ist, und wurde irgendein Stückchen von Europa verschont, schmachten irgendwo noch einige unglückliche Überlebende, denen wir Hilfe zu bringen vermöchten, so muß uns darüber Klarheit werden, bevor wir nach dem Überwinterungshafen zurückkehren.«

Gewiß war es ein Gefühl von Edelmut, das Graf Timascheff unter diesen Verhältnissen leitete, vorzüglich an seinesgleichen zu denken. Doch wer weiß? Dachte der nicht auch an sich selbst, der sich jetzt anderer erinnerte? Zwischen den Personen, welche die Gallia durch den unendlichen Weltraum führte, konnte ja eine Verschiedenheit der Rasse oder der Nationalität nicht mehr Geltung haben. Sie bildeten ja die Repräsentanten ein und desselben Volkes, ja eigentlich derselben Familie, denn es mochten ihrer nur wenige Überlebende von der alten Erde noch vorhanden sein. Doch, wenn es deren noch gab, so mußten alle zusammentreten, ihre Kräfte dem gemeinsamen Wohle widmen, und sollte jede Hoffnung schwinden, einmal wieder nach der Erdkugel zu gelangen, auf dem neue Gestirne eine neue Menschheit zu bilden und zu gründen suchen.

Am 25. Februar verließ die Goëlette den kleinen Schlupfhafen, in dem sie eine Zeitlang Zuflucht gesucht hatte.

Längs des nördlichen Ufers dampfte sie mit voller Kraft nach Osten. Eine scharfe Brise machte die Kälte recht empfindlich. Das Thermometer hielt sich im Mittel auf zwei Grad unter Null. Glücklicherweise erstarrt das Meer erst bei einer niedrigeren Temperatur als Süßwasser und bot also der Fahrt der Dobryna keinerlei Hindernisse. Immerhin mußte man jetzt eilen.

Die Nächte waren sehr schön. Wolken schienen sich in der nach und nach abgekühlten Atmosphäre nur schwerer bilden zu können. Am Himmel leuchteten die Sternbilder in unvergleichlicher Klarheit. Wie es Leutnant Prokop als Seemann nur mit Bedauern sehen konnte, daß der Mond auf immer verschwunden war, so hätte sich dagegen ein Astronom, der die Rätsel der Sternenwelt zu lösen sucht, gewiß ob dieser ungetrübten Reinheit der Gallia-Nächte beglückwünscht.

Entbehrten nun die Insassen der Dobryna auch des Mondes, so wurde ihnen dafür gleichsam in Scheidemünze Ersatz. Zu jener Zeit fiel ein wahrhafter Hagel von Sternschnuppen – eine unendlich größere Anzahl, als die irdischen Beobachter während der August- und November-Perioden zu Gesicht bekommen. Wenn nach Olmsteds Berichten im Jahre 1833 am Horizonte von Boston 34 000 solcher Asteroiden auftauchten, so durfte man diese Zahl hier mindestens verzehnfachen.

Die Gallia durchschnitt offenbar den mit der Erdbahn nahezu konzentrischen, aber außerhalb derselben gelegenen Ring dieser kleinen Weltkörper. Die leuchtenden Meteore schienen für das Auge des Beobachters etwa vom Algol, einem Sterne in dem Bilde des Perseus, auszugehen und entbrannten, infolge ihrer ungeheuren Geschwindigkeit und der dadurch bedingten Reibung an der Atmosphäre der Gallia, in ganz außergewöhnlichem Glanze. Ein Bukett von einer Million Raketen, das Meisterwerk eines Ruggieri, hätte mit der Pracht dieser Meteore noch immer keinen Vergleich ausgehalten. Die Küstenfelsen, deren metallische Oberfläche jene leuchtenden Körperchen widerspiegelte, erschienen wie gebadet in Lichtglanz, und das Meer blendete die Augen, als fielen feurige Schloßen in dasselbe.

Das Wunderschauspiel währte freilich nur vierundzwanzig Stunden, da sich die Gallia von der Sonne gar so schnell entfernte.

Am 26. Februar wurde die Dobryna in ihrem Wege nach Osten durch eine vorliegende Küste aufgehalten, welche sie etwa bis zur Südspitze des früheren Korsika von ihrem Kurse abzufallen nötigte. Von Korsika selbst fand sich freilich keine Spur. An der Stelle Bonifacios dehnte sich nur ein ödes Meer aus. Am 27. aber wurde im Osten, einige Meilen unter dem Winde der Goëlette, ein Inselchen signalisiert, das man, wenn es seine Entstehung nicht einem ganz neuerlichen Prozesse verdankte, seiner Lage nach für die Nordspitze Sardiniens halten konnte.

Die Dobryna dampfte auf das felsige Eiland zu. Ein Boot wurde herabgelassen. Bald schifften sich Graf Timascheff und Kapitän Servadac an einer kleinen, grünen, etwa ein Hektar umfassenden Fläche aus. Da und dort erhoben sich einige Myrten- und Mastixbäume, über welche noch einzelne alte Olivenbäume hinausragten. Übrigens schien sie kein lebendes Wesen zu bergen.

Schon wollten die beiden Männer das Eiland verlassen, als die Stimme eines Tieres an ihr Ohr schlug und sie eine zwischen den Steinen umherkletternde Ziege bemerkten.

Es war das einzige Exemplar jener Hausziegen, welche mit Recht »des Armen Kühe« genannt werden; ein junges Tier, mit kleinen, regelmäßig gebogenen Hörnern, das, weit entfernt, vor den Besuchern zu entfliehen, ihnen im Gegenteil entgegenlief, und durch seine Sprünge und sein Meckern dieselben einzuladen schien, ihm zu folgen.

»Diese Ziege lebt auf dem Eilande nicht allein!« rief Hector Servadac. »Wir wollen ihr nachgehen!«

Es geschah. Wenige hundert Schritte weiterhin gelangten Kapitän Servadac und Graf Timascheff zu einer Art Höhle, welche einige Mastixbäume fast ganz verdeckten.

Dort guckte ein Kind von sieben bis acht Jahren mit großen schwarzen Augen, das Haupt umschattet von reichem, nußbraunen Haar und reizend wie die lieblichen Gestalten von Murillos Pinsel auf den Himmelfahrtsbildern, ohne zu große Scheu zu zeigen, durch die Zweige.

Nachdem es die beiden Wanderer wenige Augenblicke betrachtet hatte, wobei deren Erscheinung ihm mehr Erstaunen als Schrecken einzuflößen schien, erhob sich das kleine Mädchen und lief mit vorgestreckten Händen freundlich auf sie zu.

»Ihr seid nicht bös?« sagte sie mit weicher, ebenso wohllautender Stimme, wie die italienische Mundart, welche sie sprach. »Ihr werdet mir nichts tun? Ich brauche mich nicht zu fürchten?«

»Nein, mein Kind«, erwiderte der Graf auf italienisch, »wir sind und wollen dir nur Freunde sein!«

Er musterte einige Augenblicke das nette Mädchen.

»Wie heißt du, Schätzchen?« fragte er.

»Nina.«

»Kannst du uns sagen, wo wird sind, Nina?«

»Auf Madalena«, antwortete die Kleine. »Hier befand ich mich, als sich alles wie mit einem Schlage veränderte.«

Madalena war eine Insel in der Nähe von Caprera, im Norden Sardiniens, das bei der grenzenlosen Zerstörung untergegangen war.

Einige Fragen, auf welche Nina sehr verständig antwortete, belehrten den Grafen Timascheff, daß jene auf der Insel allein sei, keine Eltern habe, und daß sie eben für einen Grundbesitzer hier eine Herde Ziegen weidete, als im Augenblick der Katastrophe alles um sie her verschwand, bis auf das kleine Fleckchen Erde, auf dem sie und Marzy, ihr Liebling, gerettet zurückblieben; daß sie sich zuerst gewaltig gefürchtet, dann aber beruhigt und Gott gedankt habe, daß sich die Erde nicht mehr bewegte. Darauf hatte sie sich, so gut es anging, mit ihrer Marzy einzurichten gesucht. Glücklicherweise besaß sie einige Lebensmittel, welche bis jetzt ausgereicht hatten, während sie Tag für Tag darauf hoffte, daß ein Schiff kommen würde, sie abzuholen. Jetzt wünschte sie also nur, freilich nicht ohne ihre Ziege, mitgehen zu können, um so bald als möglich nach der Meierei, zu der sie gehörte, zurückzukehren.

»Nun, da hätten wir ja einen recht hübschen Bewohner der Gallia mehr«, sagte Kapitän Servadac, der das kleine Mädchen freundlich umarmte.

Eine halbe Stunde später waren Nina und Marzy an Bord der Goëlette untergebracht, wo jeder, wie man sich denken kann, für den Empfang sein Bestes tat. Man sah das Auffinden dieses Kindes für eine günstige Vorbedeutung an. Die im allgemeinen sehr frommen und abergläubischen russischen Matrosen betrachteten sie wie eine Art guten Engel, und mehr als einer gab sich Mühe, zu sehen, ob sie nicht auch Flügel habe. Vom ersten Tage ab nannten sie unter sich das Kind nur »die kleine Madonna«.

Binnen wenigen Stunden hatte die Dobryna Madalena aus dem Gesichte verloren und traf bei südöstlichem Kurse wieder auf das neue Ufer, welches etwa fünfzig Lieues (= 30 Meilen) vor der früheren italienischen Küste emporstieg. Anstelle der Halbinsel, von der sich keine Spur mehr fand, war also offenbar ein neuer Kontinent getreten. Unter dem Breitengrade von Rom schnitt indes ein tiefer Golf bis jenseits der Stelle ein, welche die ewige Stadt etwa einnahm. Weiterhin berührte die neue Küste das frühere Meer erst in der Höhe von Kalabrien wieder und verlief dann bis unter das Ende des früheren Landes. Aber nichts zeigte sich mehr von dem Leuchtturme zu Messina, nichts von Sizilien, nicht einmal mehr der enorme Gipfel des Ätna, der sich früher doch 3 350 Meter über das Meer erhob.

Sechzig Lieues (= 36 Meilen) südlicher fand die Dobryna jene Meerenge wieder, welche ihr damals während des Sturmes zur Rettung wurde und deren östliche Mündung sich nach dem Meere von Gibraltar zu öffnete.

Von hier aus bis zu dem Engpaß von Gabes hatten die Seefahrer die neue Begrenzung des Mittelmeeres schon aufgenommen. Da Leutnant Prokop Veranlassung hatte, mit seiner Zeit zu geizen, durchschnitt er das Meer jetzt in gerader Linie bis zu dem Breitengrade, wo er auf die noch nicht besuchten Küsten des neuen Kontinents stieß.

Man schrieb jetzt den 3. März.

Während das neue Ufer hier ungefähr Tunis begrenzte, verlief es weiterhin etwa in der Höhe von Constantine quer durch die Oase von Ziban. Dann erhob es sich im schroffen Winkel wieder bis zum zweiunddreißigsten Grade und bildete daselbst einen unregelmäßig aus den enormen mineralischen Massen ausgeschnittenen Meerbusen. Noch weiter erstreckte es sich in der Ausdehnung von nahezu dreißig Meilen durch die frühere algerische Sahara und näherte sich dabei im Süden der Insel Gourbi mit einer Spitze, welche für die natürliche Grenze Marokkos anzusehen gewesen wäre; wenn Marokko überhaupt noch vorhanden war.

Hier mußte man längs dieser Spitze nach Norden hinauffahren, um dieselbe zu doublieren. Auf dem Wege dahin aber wurden die Reisenden Zeugen einer vulkanischen Erscheinung, deren Vorkommen auf der Gallia sie hiermit zum ersten Male konstatierten.

Ein feuerspeiender Berg bezeichnete jene Landspitze und erhob sich auf etwa dreitausend Fuß. Als erloschen war er nicht zu betrachten, denn über seinem Kopfe wälzten sich noch Rauchwolken dahin, wenn auch keine Flammen aufzulodern schienen.

»Die Gallia besitzt also auch ihr inneres Feuer«, rief Kapitän Servadac, als der Vulkan durch die Schiffswache der Dobryna signalisiert wurde.

»Und warum nicht, Kapitän?« antwortete Graf Timascheff, »da die Gallia nichts als ein Bruchstück der alten Erdkugel darstellt, warum sollte sie nicht auch einen Teil von deren Zentralfeuer mit sich fortgeführt haben, wie sie einen Teil der Atmosphäre, der Meere und Kontinente derselben entführte.«

»Leider nur einen sehr kleinen Teil«, bemerkte Kapitän Servadac, »doch hoffentlich einen hinreichend großen für die Bedürfnisse ihrer tatsächlichen Bevölkerung.«

»Da fällt mir ein«, fuhr Graf Timascheff fort, »daß wir bei unserer Rundfahrt ja auch wieder nach Gibraltar kommen könnten; halten Sie es für ratsam, jene Engländer von dem neuen Zustand der Dinge und von den notwendigen Folgen desselben zu unterrichten?«

»Wozu?« erwiderte Kapitän Servadac. »Diese Herren wissen, wo die Insel Gourbi liegt, und können darankommen, wenn es ihnen beliebt. Sie leiden ja keinen Mangel, sondern haben überreichliche Hilfsmittel, welche sie für lange Zeit sicherstellen. Höchstens zweiundsiebzig Meilen trennen ihr Eiland von unserer Insel, und wenn das Meer erst zugefroren ist, können sie zu uns gelangen, sobald sie nur wollen. Wir haben keine Veranlassung, ihren Empfang so sehr zu loben, und wenn sie hierher kommen, werden wir uns rächen ...«

»Indem wir sie besser aufnehmen, als jene uns, hoffe ich«, bemerkte Graf Timascheff.

»Ja, Sie haben recht, Herr Graf«, antwortete Kapitän Servadac, »denn in der Tat, hier gibt es jetzt weder Franzosen, noch Engländer oder Russen ...«

»Oho«, fiel ihm Graf Timascheff ins Wort, »Engländer sind und bleiben in jedem Falle Engländer!«

»Freilich«, versetzte Hector Servadac, »darin liegt gleichzeitig ihr Vorzug und ihr Fehler!«

In dieser Weise beschloß man sich also bezüglich der kleinen Besatzung von Gibraltar zu verhalten. Auch für den Fall, daß man sich dahin entschieden hätte, wiederholt eine Verbindung mit diesen Engländern anzuknüpfen, so wäre es vorläufig nicht einmal möglich gewesen, denn die Dobryna hätte nicht, ohne ernste Gefahr zu laufen, in die Nähe jenes Eilandes zurückkehren können.

In der Tat sank die Temperatur mehr und mehr. Nicht ohne Unruhe überzeugte sich Leutnant Prokop, daß das Meer rings um die Goëlette bald werde zum Stehen kommen. Dabei entleerten sich bei dieser stets unter Dampf fortgesetzten Reise die Kohlenbehälter mehr und mehr, so daß ein Mangel an Heizmaterial einzutreten drohte, wenn man dasselbe nicht einigermaßen schonte. Der Leutnant entwickelte diese beiden gewiß triftigen Gründe, und so beschloß man unter Erwägung der zwingenden Umstände die Rundfahrt mit Erreichung jener vulkanischen Landspitze abzubrechen. Jenseits derselben fiel die Küste wieder nach Süden zu ab und verlor sich in einem unübersehbaren Meere. Es wäre eine Unklugheit gewesen, die Dobryna jetzt, wo es ihr an Brennmaterial zu fehlen begann, in einen Ozean zu führen, der jeden Augenblick fest werden konnte, was unzweifelhaft die verderblichsten Folgen haben mußte. Außerdem durfte man voraussetzen, in diesem ganzen Teile der Gallia, welcher der früheren afrikanischen Wüste entsprach, kein weiteres Land, als das bis jetzt bekannte, anzutreffen – einen Boden, dem Wasser und Humus vollständig fehlten und den keine Menschenarbeit jemals ertragfähig zu machen im Stande wäre. Es konnte also keinen Schaden bringen, die Nachforschungen für jetzt einzustellen, um sie später unter günstigeren Verhältnissen wieder aufzunehmen.

An diesem Tage, am 5. März, beschloß man also, daß die Dobryna nur zur Insel Gourbi, von der sie höchstens zwanzig Lieues (= 12 Meilen) trennten, zurückdampfen sollte. »Mein armer Ben-Zouf!« sagte Kapitän Servadac, der während dieser fünfwöchigen Reise häufig seines Gefährten gedacht hatte. »Wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist!«

Die kurze Überfahrt von der vulkanischen Landspitze bis zur Insel Gourbi wurde nur durch einen einzigen Zwischenfall unterbrochen. Man fand nämlich im Meere eine zweite Nachricht jenes geheimnisvollen Gelehrten, dem es ohne Zweifel gelungen war, die Elemente der Gallia-Bahn zu berechnen, und der ihrem Laufe Tag für Tag folgte.

Bei Sonnenaufgang entdeckte die Schiffswache einen Gegenstand im Wasser, den man bald auffischte. Dieses Mal ersetzte eine Konservenbüchse die traditionelle Flasche, aber auch heute verschloß ein Siegel mit demselben Abdruck hermetisch die Öffnung des Gefäßes.

»Von demselben an dieselben!« sagte Kapitän Servadac. Das Gefäß ward sorgfältig geöffnet und man fand in ihm ein Dokument, dessen Inhalt lautete wie folgt:

Gallia (?)
Ab sole, am 1. März, Dist: 87 000 000 L.!
(46 800 000 M.)
Durchlaufener Weg von Februar bis März:
59 000 000 L.! (34 500 000 M.)
Va bene! All right! Nil desperandum!
»Entzückt!«

»Weder eine Adresse, noch sonst eine nähere Bezeichnung!« rief Kapitän Servadac, »man möchte wahrlich hierbei an eine fortgesetzte Mystifikation denken!«

»Dann müßte diese Mystifikation freilich in sehr vielen Exemplaren ausgeführt werden«, bemerkte Graf Timascheff, »denn da wir schon ein zweites Mal ein solches Dokument auffanden, mußte dessen Verfasser seine Büchsen und Etuis über das Meer geradezu ausgesät haben.«

»Wer mag aber dieser hirnverbrannte Gelehrte sein, der nicht einmal daran denkt, seinen Aufenthalt anzugeben?«

»Seinen Aufenthalt? Der ist im Grunde des Astrologenbrunnens!« antwortete Graf Timascheff mit einer Anspielung auf die bekannte Fabel La Fontaines.

»Das ist wohl möglich; doch wo ist dieser Brunnen?«

Diese Frage des Kapitän Servadac blieb vorläufig freilich unbeantwortet. Weilte der Urheber jenes Dokumentes auf irgendeinem verlorenen Eilande, das der Dobryna nicht in Sicht gekommen war? Reiste er vielleicht an Bord eines Schiffes ebenso auf dem neuen Mittelmeere umher, wie die Goëlette dasselbe befahren hatte? – Niemand vermochte das zu sagen.

»Jedenfalls«, äußerte der Leutnant Prokop, »wenn das Dokument ernsthaft gemeint ist – und allem Anscheine nach muß man das glauben –, können wir daraus zwei wichtige Schlußfolgerungen ziehen; Die erste ist die, daß die Bewegungsgeschwindigkeit der Goëlette sich um dreiundzwanzig Millionen Lieues (= 134/5 Millionen Meilen) vermindert hat, da der vom Januar zum Februar durchlaufene Weg zweiundachtzig Millionen Lieues (= 491/5 Millionen Meilen) betrug, während die Bahnlänge vom Februar bis März nur noch neunundfünfzig Millionen Lieues erreicht. Die zweite aber ist die, daß die Entfernung der Gallia von der Sonne, welche sich am 15. Februar auf neunundfünfzig Millionen Lieues (= 34½ Millionen Meilen) belief, am 1. März bis auf achtundsiebzig Millionen Lieues (= 10½ Millionen Meilen) gewachsen ist. Je weiter die Gallia sich demnach von der Sonne entfernt, desto mehr vermindert sich die Schnelligkeit ihrer Bewegung, was mit den Gesetzen der Himmelsmechanik vollständig übereinstimmt.«

»Und daraus schließest du, Prokop?« fragte Graf Timascheff.

»Daß wir, wie ich schon früher aussprach, eine elliptische Bahn verfolgen, deren Exzentrizität zu berechnen uns vor der Hand freilich unmöglich ist.«

»Außerdem fällt mir auf«, fuhr Graf Timascheff fort, »daß der Urheber jener Schriftstücke sich wiederum des Namens ›Gallia‹ bedient. Ich schlage also vor, denselben definitiv für das neue Gestirn, welches uns trägt, anzunehmen und auch dieses Meer das ›Gallia-Meer‹ zu nennen.«

»Angenommen«, erwiderte Leutnant Prokop, »ich werde es unter diesem Namen eintragen, sobald ich unsere neue Seekarte entwerfe.«

»Ich für mein Teil«, ließ sich endlich Kapitän Servadac vernehmen, »ich möchte eine dritte Bemerkung machen; mir scheint, jener wackere Mann ist mehr und mehr von den jetzigen Verhältnissen entzückt, und was auch kommen möge, immer und ewig werde ich mit ihm ausrufen: Nil desperandum!«

Einige Stunden später meldete die Schiffswache, daß die Insel Gourbi in Sicht sei.

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