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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 8
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kaiserlied.

            Der Kaiser soll nicht erblich sein,
Der Kaiser soll nicht sterblich sein
Und auch nicht lebensdauerlich,
Und gar sechsjährig – schauerlich!
Der Kaiser soll nicht wählbar sein
Und nicht vom Volkshaus quälbar sein,
Der Kaiser soll nicht unendlich sein
Und auch nicht präsidentlich sein –
Was soll er sein, was soll er sein?
O Gott vom Himmel, sieh darein!

Der Kaiser soll kein Märker sein
Und kein besoffener Berserker sein.
Er soll als Andere nicht stärker sein.
Er soll kein halber Slave sein, 55
Der Kaiser soll auch kein Bayer sein,
Er soll kein geflickter Dreier sein.
Der Kaiser soll auch kein Sklave sein,
Der Kaiser soll kein Freier sein;
Was soll er sein :,:
O Gott vom Himmel, sieh darein!

Es soll ein Kaiser auf Miethe sein,
Er soll eine bloße Mythe sein,
Der wird von besonderer Güte sein –
Ein Kaiser der Verständigung,
Ein Kaiser beliebiger Endigung
Und ohne Prinzipsversündigung,
Ein Vogtischer Kaiser auf Kündigung –
Das soll er sein, das soll er sein,
Ein Kaiser auf Kündigung soll es sein! –

Trüb klang das Lied in meinem Ohr;
Und mein Gedankenpfad verlor
Im Schatten sich der tiefsten Wehmuth.
Zum Herrn hab' ich gefleht in Demuth:
O, gib uns den Follenius,
Den alten Kaiser in partibus! 56
Laß endlich den Homunkulus
In der Phiole sich kondensiren,
Sprich eines deiner Schöpfungsworte,
Und aus der Paulskirch, der großen Retorte,
Mag endlich die Einheit sich destilliren.

Noch immer fliegen die alten Raben
Und krächzen um den alten Kyffhäuser,
Noch immer liegt mit dem bärtigen Kaiser
Dort unser germanisches Glück begraben.
Wir werden des Kaisers nimmer froh,
Und nichts hilft uns in unserm Leide,
Ob Grumbrecht auch, der Mirabeau
Der Lüneburger Heide,
Prachtreden hält, die die Heidschnucken
Auf eigne Kosten lassen drucken –
Ob Biedermann auch lange Reden
Abschlägt, die wie sächsischer Kaffee
Unkräftig sind und also zäh
Wie Altweiber-Sommerfäden –
Ob auch der Jucho, das Kameel-
eon der deutschen Politik,
Die Farben wechselt ohne Hehl,
Trotz Wahlprogramm und Republik. 57

Und wenn uns endlich der Kaiser wird? –
Gleich einem Raben krächzt und schwirrt
Ums Haupt mir Ein Gedanke stets.
Was dachtest du, o edler Deetz,
Du dreißigfarbiger Kommandant,
Als dein so schöpferischer Verstand
Die große Reichslatern erfand?
Die wunderbare Reichslatern,
Sie glänzt gleich deinem Ordensstern
Und sieht in meine Zelle just –
Ich fürchte, du hast unbewußt
Dem Kaiser, deinem gnäd'gen Herrn – –
Bei Gott, Herr Deetz, man denkt's nicht gern,
Doch wär's eine kaiserwürdige Latern,
Auch wär' der Thurm der Kathedral
Ein würdiger Laternenpfahl.

So sinnend stand ich, traurig fast,
Des Katers Lied hat mich schwer gekränkt –
Ich sah hinan, ob sich nicht senkt
Der Thurm unter seiner Bestimmung Last.
Das Fenster wollt' ich schließen – da kam
Die Trösterin in meinem Gram, 58
Da kam meine Taube herangeflogen.
Das ist ein weites, gefühlvolles Weltherz! –
Auf meinem Antlitz der große Weltschmerz
Machte sie mir sehr wohl gewogen.
Sie stammt von jenem Taubenpaar,
Das einst der Grazien luftigen Wagen,
Den Wagen aus Duft und Morgenröthe
(Was doch Alles in Frankfurt möglich war!),
Gezogen, als sie den Wolfgang Goethe
Besuchten in seinen Jugendtagen.
Sie selbst ist eine Börsentaube
Von einem Frankfurter Börsenmann.
Solch ein sehr irdisch Schicksal kann
Nur in Frankfurt treffen, wie ich glaube,
Der Götter liebliches Gespann!
Doch ist noch meine süße Taube
Des hohen, göttlichen Ursprungs werth,
Denn immer, wenn sie heimgekehrt
Von weiten Reisen und ihrem Patron
Von Metalliques und Gold und Coupon,
Von Aktien und Dergleichen berichtet,
Kommt sie in meine Zelle geflüchtet,
Um mir in einer traulichen Stunde
Zu bringen treue und wahre Kunde 59
Von Dem, was Gutes und Schlechtes geschehn,
Und was sie auf ihrem Wege gesehn.
Hier habt ihr, was ich aus Westen und Osten,
Aus Nord und Süd erfuhr durch Taubenposten.

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