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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 7
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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der Kater

                                                  gestern:
Bei Gott, man möchte Gott verlästern,
Man möchte ein Ultramontaner werden,
Man möchte Sepp'sche Reden ertragen, 48
Sieht man, wie's zugeht auf der Erden!
Die Völker weinen, bluten, klagen,
Indeß die Könige sich freuen –
Das ist das Neueste vom Neuen.
Hast du gehört von der preußischen Note,
Die Camphausen, der treue Bote,
Als Noahtaube nach Frankfurt gebracht?
Bei Gentz! wer diese Note gemacht,
Der ist ein Meister in der Kunst.
Sie ist aus himmelblauem Dunst,
Aus Rauch und Staub und Dampf gewebt,
Und über ihrem Haupte schwebt,
Zu einer Wolkennebelhaube
Verschmolzen, Hoffnung, Liebe, Glaube.
So ist das kluge Reußenthum
Besiegt an Klugheit vom Preußenthum.
Denn was der Vincke im Nichtzielen,
Der Laube nicht in Trauerspielen,
Und was im Donnern ist der Gagern,
Der Profoß Wrangel im Belagern,
Was Bassermann im Gestaltensehn,
Was Mathy ist im Wortverdrehn,
Was Ehren-Gombart in der Legende,
Was Werner in der Bewegung der Hände, 49
Was Morpheus-Beseler in der Suade,
Was Uhland in der holden Ballade,
Was Heine in der Liebesromanze,
Was Wurm von Hamburg ist im Tanze,
Was Graf v. Platen in der Ode –
Das war in der Note
Nesselrode.

Er ist übertroffen, sein Ruhm ist hin!
Ein Zauberer wäre, wer den Sinn
Des Kunstwerks preußischer Diplomaten
Vermöchte zu lösen und zu errathen.
Die Note lautet so: Wir wollten,
Wir möchten, dürften, könnten, sollten –
Nicht dick, nicht dünn – nicht warm, nicht kalt –
Doch allerdings – Zentralgewalt –
Nicht warm, nicht kalt – nicht dünn, nicht dick –
Macht – auswärtige Politik –
Das Parlament – nun ja! – versteht sich –
Doch gebührt die Souveränität sich –
Und insbesondere – gewisser Maßen –
Im Gnaden – Alles gehen lassen.
Und Oesterreich? – ja, ganz gewiß! –
Das Parlament – und dann ein Riß! – 50
Und ohne Vollmacht – Vereinbarung
Und Einzelstaatinteressenwahrung.
Nichts da von Kaiser! – aber dann?
Geschehn wird, was geschehen kann.
Die Freiheit – ja! allein aber – nein! –
So soll es sein, so soll es sein!
Die Vierunddreißig werden höflichst geladen –
Gez. Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden.

Das ist doch klar, wie das Meer – das todte!
Das ist die weltberühmte Note,
Die Camphausen, der Taubenbote,
Als Zeichen, daß sich die Fluthen verlaufen
Und daß die Könige nicht mehr ersaufen,
Daher trägt im diplomatischen Schnabel.
Jetzt wird der Weinberg von seinem Noah bebaut,
Und jetzt wird wieder auf Gott vertraut,
Bis daß der Thurmbau von Babel
Revolutionär gen Himmel steigt.
Auch seh' ich keinen Regenbogen,
Das holde Zeichen der Versöhnung,
Und Noahs Söhne haben die Gesichter verzogen
Und machen Grimassen der Verhöhnung.
Er hat sich auch zu nackt gezeigt! 51

Als der Edle dieses Oelblatt empfangen,
Ließ er das edle Haupt sehr edel hangen,
Dann hob er es wieder im edlen Zorn;
Entrüstung hinten, Entrüstung vorn.
Es zuckten die edlen, gewaltigen Brauen,
Daß es dem Schneer anfing zu grauen,
Und Beckerath begann ängstlich umher zu schauen
Der Schrecken flog im Parlament 'rum,
Und bebend erbleichte das Zentrum.
Leise lächelte nur der leise Radowitz,
Fett aber lächelte Vincke –
Frech machte Vogt einen lauten Witz,
Und homerisch lachte die Linke.

Da griff der Edle sanft zur Zither,
Und wie ein Schäfer, wie ein Ritter,
Sang weich er in die Welt hinaus:
»Mit meinen Träumen ist es aus!
O du mein schönes Kaiserthum,
O undankbares Preußenthum,
Für deinen Glanz, für deinen Ruhm
Hab' ich mich, ach! martyrisirt,
Hab' ich mich, ach! – blamirt! 52
Jetzt lässest du mich schmählich stecken,
Von Waitz und Beseler meerumschlungen –
Wie werden mich die bösen Jungen,
Die von der Linken, schmählich necken!
Komm wieder, liebliche Idylle,
Da ich als ein Beatus ille
In Darmstadts georgischer Stille,
Von Weltgeschäften nicht gerackert,
Mit Werner von Nierstein hab' geackert,
Solutus omni foenore!

»O, sähst du, arge Politik,
Zum letzten Mal mein Mißgeschick!
Für die ich manche Bundesnacht
An meinem Pulte hab' verwacht –
Dann mit Büchern und Papier,
Trübseliger Dahlmann, erschienst du mir.
Ach! könnt' ich doch auf Bergeshöhn
In meinem lieben Hornau gehn,
Um Bergeshöhle mit Wernern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,
Von aller Politik entladen
In deinem Thau gesund mich baden!« 53

So klagte Gagern – Dahlmann weinte –
Er wußte, wo der Schuh ihn drückte –
Denn, wohin er immer blickte,
Er immer zu erschauen meinte
Den kaiserlichen Homunkulus,
Den er mit den Andern zu brauen begonnte
Und der zu seinem argen Verdruß
Nicht Leib und Leben gewinnen konnte.
So schwebt er herum in der Phiole
Ums Haupt dem Dahlmann und dem Gagern
Und sucht, wo er einen Leib sich hole –
Wie gerne nähm' er schon einen magern!
Den Dahlmann kränken und ärgern muß
Der zudringliche Homunkulus –
Denn so ein Kaiser, bloß theoretisch,
Ist embryonisch, unästhetisch,
Besonders, wenn er hie und da
Ihn zärtlich ruft: Papa, Papa!
Das klingt, als käm's von einem Kinde
Einer verborgnen Jugendsünde. –

So sprach mein Kater – und mit dem Schweif
Beschrieb er einen höhnischen Reif 54
Und sprang behend hinaus zum Fenster,
Und dann, als sängen tausend Gespenster,
Anstimmte er, nicht ohne Geschick,
Die ihm gewohnte Katzenmusik;
Und eh er über die Dächer schied,
Sang er mir noch das

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