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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 6
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Caput II.
Die symbolischen Thiere.

        Die Drei von den vier Evangelisten,
Wie's wissen alle guten Christen,
Hatten jedweder ein weises Thier,
Das sie beim heiligen Geschmier
Benutzet haben als Kopisten,
Als Stenographen und Journalisten.
Vielleicht auch waren sie – und ich glaube,
Das ist das Rechte – nur die Pudel
– (Was Robert Heller dem Heinrich Laube) –
Die für Literatenlobgehudel
Und für des dünnen Ruhms Verbreitung
Gesorgt in Juda's Allgemeiner Zeitung.
So muß es sein, mein lieber Leser!
Was wär' ohne Deetz der Reichsverweser?
Was wäre selber der Edle – Er! – 44
Was wäre Gagern ohne Schneer?
Und weiter muß man fragen: was wär'
Ohne Schneerischen Antrag selbst der Schneer?
Was wär' ohne Bally der Radowitz?
Und ohne Mohl die Reichsjustiz?
Was wäre Frankfurt ohne Jucho?
Was er ohne Märtyrergeruch, o!?
Was wäre die ganze Gelehrsamkeits-
Menagerie der Paulskirch ohne Waitz?
Was wäre unser Boddien ohne Pferd?
Was wär' ohne Boddien Milani werth?
Und Dahlmann endlich, nicht zu vergessen,
Ohne den erblichen Esel in Hessen?
Und Saul – was wurd' ohne Esel er?
Was Friedrich Wilhelm ohne Beseler?
Was ist Simson ohne die Philister?
Was ohne Bassermann der erste Minister?
Was ist ohne Platner Herr v. Vincke?
Was ohne die Rechte die ganze Linke?

So hat denn auch der Reimchronist,
Obwohl just kein Evangelist,
Trotz Markus, Lukas und Johannes
Mit Adler, Löw' und Ochs, 45
Trotz Gagern und seines Bassermannes,
Trotz Biedermanns und seines Kochs –
Er hat, wie sie kein Kirchenvater,
Kein großer Mann besaß, ich glaube,
Er hat der Thiere Drei: 'ne Taube,
Einen Spatz und einen sehr gelehrten Kater.

Ganz Deutschland weiß es noch bestimmt
Aus dieser Chronik erstem Heft,
Daß mein bedeutendstes Geschäft,
Das alle meine Zeit mir nimmt:
Hinauszusehn aus meiner Zelle,
Wie Tauben über die Dächer fliegen
Und in des Mittags warmer Helle
Ein Kater kommt, versenkt in Sinnen,
Um träumend in des Daches Rinnen
Im dolce far niente zu liegen
Und Weltgedanken auszuspinnen.
Der Kater ist mein Freund,
Und täglich, wenn die Sonne scheint,
Kommt er vom Dach herabgestiegen,
Auf meinem Fensterbrett zu liegen;
Macht einen hochgewölbten Rücken,
Wie ihn verlangt diplomatisches Maß, 46
Wie ihn der Heckscher mochte bücken,
Als er am Bediententische saß
In Dresden und mit Bewußtsein aß. –
Und hat er sich gebückt, dann streckt er sich
Und selbstgefällig beleckt er sich,
Wie Wurm, der Hamburger Schwabe,
Der einstens als vorwitziger Knabe
Zu necken gewagt um Honorar
Den Börne, den Mann mit der Keule;
Und der sich vermaß, als blinde Eule,
Zu höhnen den sonnenverwandten Aar.
Mein Kater hat ein besser Gewissen,
Und wenn er sich selbstgefällig streckt,
So ist es aus Stolz auf sein hohes Wissen –
Denn, wie er mir gleich Anfangs entdeckt,
Er ist der Spiritus familiaris
Von Dahlmann und seinen gelehrten Konsorten
Und weiß um Alles, was sie pro aris
Zusammenbrau'n in ihren Retorten.
Es ist ein sehr gelehrtes Vieh,
Doch viel zu gut und zu nobel für sie,
Für ihre schmutzige Hexenküche
Und scheußlichen Pestilenzgerüche.
Denn eigentlich ist des Katers Kern 47
Der Doktor Strauß, der diesen Herrn
So lang muß dienen als Famulus,
Bis er's erkennet mit Verdruß,
Daß diese Kaisertheologen
Die Welt wie die andern haben betrogen,
Und er es büßt in des Zaubers Jammer,
Was er verbrach in der Stuttgarter Kammer.
So kommt er manchmal denn zu mir
(Denn ich bin wirklich sein Verehrer
Und nenn' ihn meinen theuren Lehrer),
Um mir geheim zu offenbaren,
Was wieder Dummes er erfahren
Im weiten Professorenrevier,
Und wie ihn ihre Thorheiten quälen. –
Von meinem Sperling, meiner Taube
Wirst du, mein Leser, mir erlauben,
Dir weiter unten zu erzählen.

So sprach zu mir

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