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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 30
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der arme Jude.

            Wie weit sich auch die Heide streckt,
Sie ist von Waffen und Kriegern bedeckt:

Von Waffen, die glänzen im Mondenschein,
Von Kriegern, die singen zum heißen Wein

Denn der Magyaren Lager ist Das
Im fetten, wallenden Pußtagras.

An Zelten fehlt es, denn es gefällt
Dem Ungar am Besten des Himmels Zelt.

Der Ungar liegt im Freien gern,
Im stillen Schutz von Mond und Stern.

Und schläft er nicht, so läßt er den Rauch
Der Pfeife spielen im Abendhauch

Und sieht mit morgenländischer Ruh
Den kreisenden, reisenden Wölklein zu. 173

Ein Zelt nur inmitten des Lagers steht,
Darüber die Trikolore weht –

Die Trikolore: Grün-Weiß-Roth,
So heiter wie ein Heldentod.

Da wohnet der Diktator drin,
Und heitern Augs blickt Jeder hin.

Im bunten Gemische lagern umher
Husar, Zigeuner und Legionär.

Es singt der Student, gen Westen gewandt:
Was ist des Deutschen Vaterland?

Zur Geige greift der Zigeunersohn
Und stimmt und sucht und greift den Ton.

Denn Noten lernt der Zigeuner nicht,
Er spielt, wie's aus der Seel ihm bricht.

Und endlich fällt er brausend ein:
Das soll es sein, Das soll es sein!

Was ist des Deutschen Vaterland?
Spielt auf der ägyptische Musikant,

Von wunderbarer Sehnsucht beseelt:
O, merkt, daß auch ihm die Heimat fehlt. 174

Er schüttelt die Locken traurig und wild,
Der Ton der Geige wächst und schwillt.

Vom Liede vom deutschen Vaterland
Erbebt der fremde Thißastrand.

Noch braust es fort, der Sturm noch steigt,
Ob auch der Student schon lange schweigt.

Er hat die Stirne ins Gras gedrückt
Und träumend das Schwert aus der Scheide gezückt.

Da schleicht vorbei behutsam still,
Wie Einer, der nicht stören will,

Ein braunes Männlein, tief gebückt,
Gebrochen, muthlos und gedrückt.

Die Stirne ist vom Schweiße naß,
Im Busen scheint er zu bergen was.

Kaum, daß er sich müd auf den Beinen hält,
So schleicht er zu des Diktators Zelt.

Halt, ruft der Husar, du Höllensohn,
Du scheinst mir ein verfluchter Spion!

Er zuckt den Säbel, doch das Männlein blickt
So stolz, wie erst gebückt und gedrückt. 175

»Laß Den nur gehn« – der Zigeuner spricht –
»Bei Gott, Das ist kein Kundschafter nicht!

»Das ist ein armer ungrischer Jud,
Die Juden sind Patrioten und gut.

»Und wenn er gebückt einhergeht und schleicht,
Ist's eure eigene Schuld vielleicht.«

Der Jude aber geht in Ruh
Aufs Zelt des großen Diktators zu.

Der sitzt und schreibt bei spätem Licht
Und hört erst den Juden, da er spricht:

»Gesegnet das Zelt, das dich beschützt,
Gesegnet die Säule, die es stützt.

»Es segne der Herr und behüte dich,
Du Hoffnung des Landes, ewiglich!

»Es leuchte dir sein Angesicht,
Er lege auf dich des Friedens Licht.

»Er ist gekommen mit wüthiger Schaar,
Der österreichische Balsazar,

»Er hat uns genommen Geld und Gut
Und hat vergossen unser Blut. 176

»Was mir geblieben an Geld und Gut,
Und was ich gerettet, mein Leben und Blut,

»Ich bring' es dem Vaterlande dar –
Der Herr vernichte Balsazar!«

Und aus dem Busen ein Röllchen Gold
Zieht er hervor und spricht: »Sei hold

»Und gnädig mir und nimm es an,
Als Opfer von einem armen Mann.

»Ich bring's fürs Vaterland heran,
Das ich in Ungarn neu gewann.

»Jetzt steh' ich da, der Güter baar,
Kein Jude mehr, doch ein Magyar.

»Du aber, Prophet, gib Waffen mir,
Zum Kampfe will ich folgen dir.

»Gib eine Muskete mir in die Hand,
Auf daß ich fühle, daß endlich ich fand,

»Was lange mir fehlte: ein Vaterland,
Und wenn ich's auch fühle im blutigen Sand.

»Noch zieht der Jud, wie in alter Zeit,
Mit frohem Muthe in den Streit, 177

»Wenn ihn, wie du, ein Prophete führt
Und überm Haupt er die Gottheit spürt!«

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