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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 3
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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eine neue Sage.

            Ein Mythus geht: der Robert lebt,
Der Robert Blum, den sie erschossen, 28
Und jedes deutsche Herz erbebt:
Das theure Blut ist nicht geflossen –
Die Hoffnung raunt uns in die Ohren:
Entflort, entflort die Trikoloren,
Noch, noch ist Deutschland nicht verloren!

O Volk, wie bist du treu und gut,
So leicht vergeßlich auch im Hassen;
Doch kannst du nicht mit bösem Muth,
Die du geliebt hast, sterben lassen.
So sagt's ein Mythus laut, ein weiser:
Der Rothbart schläft nur im Kyffhäuser,
Und Joseph lebt, der gute Kaiser.

So glaube du nur fort und fort,
Er wandelt durch die deutschen Lande
Und zählet jeden Freiheitsmord
Und merket jede Völkerschande:
Bald bricht er los, ein Stern in Nächten,
Das Schwert der Aula in der Rechten,
Trotz Windischgrätz und Henkersknechten.

Der Robert Blum kommt nicht zur Rast,
So lang ein König lügt und schächert 29
Und, weil sein Volk verhungert fast,
Sich in romant'sche Träume bechert!
So lang ein hohes Muttersöhnlein
Auf Leichenstufen baut sein Thrönlein
Und sich mit Blute klebt sein Krönlein.

Und wandeln muß er, bis entrafft
Das deutsche Volk sich dem Verräther,
Bis es entfürstet und entpfafft
Den heil'gen Boden seiner Väter;
Bis daß nicht mehr, gleich wie in Netzen,
Wir wandeln in den dreißig Fetzen
Mit ihren Schranken und Gesetzen.

Allüberall ist er dabei.
Er wendet mit den Geisterhänden
Und fängt mit seiner Brust das Blei,
Das uns die Fürstenväter senden;
Und stumm auf seine Wunden deuten
Wird er und lächelnd uns begleiten,
Wenn wir einst das Gerüst beschreiten.

Und oft durchs Parlament voll Scham
Geht er wo er einst sprach, der Kühne – 30
Und einen Blick voll tiefem Gram
Wirft er herab von der Tribüne.
Nur manchmal – seine Thränen sinken –
Scheint er wie Freund dem Freund zu winken –
Das gilt den Männern wohl – den Linken.

Drum einmal noch – uns bleibt der Ruhm,
Auf unsrer Seite stehn die Geister
Von Gracchus bis auf Robert Blum –
Noch einmal hebt die Köpfe dreister:
Die Knechte hie von Gottes Gnaden,
Und hie die Geisterkameraden –
Noch einmal auf die Barrikaden!

Der Stephansthurm – der wird wohl wieder
Zunächst die ersten sehen müssen,
Ob auch von seiner Spitze nieder
Die Pestfahn' weht mit süßen Grüßen –
Dann wieder giebt die »kleine Rott'«
Dem Vater Welden viel zu schaffen –
Dann wird mit Eins die Erde klaffen;
Dann werden die verscharrten Waffen,
Die Saat, gesät von Gott,
Zu reifen am Tage der Garben, 31
Wie Geister Derer, die da starben
Verfehlten Zwecks und wandeln gehn,
Mit Einem Schlage auferstehn.
Was nützt es, sanfter Vater Welden,
Zu schlachten all die Aula-Helden? –
Was nützt es, daß im Nebelgrau
Bald dort in der Brigittenau,
Bald hier im Graben der Bastei
Ein Schuß erschallt – ein Todesschrei? –
Ist auch der Messenhauser todt
Und auf der Flucht sein Lieutenant Fenner,
Bald wird der Freiheit Aufgebot
Erwecken andre tapfre Männer.
Es geht nicht mehr so, wie es ging –
Die Köpfe schlägt man wohl vom Rumpf;
Doch die Idee – ein ander Ding –
Sie spielt euch doch den letzten Trumpf.

Und ihr, »Kleindeutschlands« Großsultane,
Ihr Schützlinge vom Russenkhane,
Mögt ihr der Uniform hofiren,
Zum neuen Jahre gratuliren,
Jedwedem Korporale schmeicheln
Und jedem Lieutenant das Bärtchen streicheln – 32
Mögt ihr nichts lernen, nichts vergessen,
Notifiziren und kongressen –
Mag euch der alte Burschenschafter,
Der lange Israel, der Gagern,
Mit Mathy, seinem Großverhafter,
Und seinen andern Schleppetragern –
Mag er euch einen Kaiser geben
Mit Burschenschafter-Phantasie
Und euch mit Papp zusammenkleben
Die liebe, rothe Monarchie –
Ins Fäustchen lachen sich die Rothen,
Die Ungläubigen und Anarchen –
Der Kaiser, der gehört den Todten.
Bald bricht die Sündfluth los mit Toben,
Und in die Luft emporgehoben
Fortschwimmen vierunddreißig Archen.
Das wird ein Schnattern und ein Plappern,
Ein Brüllen geben und ein Schrei'n,
Ein Lärmen, Toben, Pfeifen, Klappern
Von Adlern, Falken, Bär'n und Leu'n –
Kurzum von all dem Ungeheuer,
Das unserm Herzen ist so theuer.
Der Gagern wird als Gog-ma-Gog
(Ihr kennt die Sage ja vom Riesen, 33
Der mit der Arche Noahs zog)
An sie, die ihn hinausgewiesen,
Und an die Arche fest sich klammern
Und über Mißverständniß jammern.
Da bringt die Fluth herbeigeschwemmt
Ein blondes Haupt, das ungekämmt,
Und einen Ziegenhainer Stock
Und einen alten Sammetrock
Und eine lange, große Pfeife –
Weh mir – ruft Heinrich – ich begreife,
Es ist das Szepter, der Ornat
Aus meinem Burschenschafterstaat –
Mich faßt ein cimbrisches Entsetzen –
Von meinem Kaiser sind's die Fetzen.

Doch schnell zu größern Händeln – vorbei! –
Ich will euch singen und sagen,
Wie hinten nah an der Türkei
Die Völker auf einander schlagen.
Dort hat die Ränkeschmiederei
Des rußigen Habsburg wieder jetzt
Die Völker aufeinand' gehetzt
Zu Mord und Gräul und Meuchelei. 34
Der

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