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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 22
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Caput IV.
Eljen Kossuth!

Motto:
Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde;
Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.
Schiller.   
        Wie in den ersten Jugendtagen
So frisch, so wohl ist mir zu Muth –
Wie lustig, ha, die Pulse schlagen,
Wie gährt und kocht und treibt das Blut!

Mir ist's als wie der Birk' im Maien –
Es kocht in Wurzel, Zweig und Schaft;
Der Lenz in ihr will sich befreien,
Der süße Wein aus seiner Haft.

O, könnt' ich brechen und zersprengen
Die Rinde, die mein Herz umzieht, 139
Könnt' ich hinaus den Frühling drängen,
Als Liebe oder Liebeslied!

Und sei's als Blut, das mir entfließet
In heißersehnter Freiheitsschlacht –
O Frühlingszeit, die mich umschließet,
Du hast mich freudenkrank gemacht!

Ja, er ist da, der schöne Junge,
Der Frühling kam mit raschem Sprunge.
Er kam mit Eins in einer Nacht:
Und wie die Menschen früh erwacht,
Da hat die Sonne hold geschienen,
Und mit der Sonne hat er ihnen
Ins Fenster laut hinein gelacht.

Und Herzen thun sich auf und Fenster,
Und aus des Armen kahler Klause,
Wo sie im Winter sind zu Hause,
Hinaus fliehn traurige Gespenster,
Wo sie vergehn im lichten Morgen:
Der Frost, der Hunger und die Sorgen.
Die Jungfrau stellt die Blumenscherben
Hinaus in vollen Sonnenschein, 140
Die sie vor frostigem Verderben
Geschützt im stillen Kämmerlein;
Und wie die Knospen sich gemach
Aufthun, bis sie als Rosen offen,
Erwacht in ihr auch nach und nach
Und schüchtern still ein Sehnen, Hoffen,
Für das sie einen irdischen Namen
Nicht finden kann, nicht finden darf –
Sind auch wohl Blumen, deren Samen
Der Lenz ihr in die Seele warf!
Ach, jedes Herz in dieser Zeit
Gleicht einem leeren Schwalbenneste,
Das, aufzunehmen liebe Gäste,
Gastfreundlich harrend ist bereit;
Und jedes sehnt sich, daß erwärmt
Es werde bald und hold umschwärmt.
Sei ruhig, Herz: in kurzer Frist
Wird's kommen und vielleicht noch stärker,
Als gut für deinen Frieden ist!

Doch auch den armen Mann vergißt
Der Frühling nimmer, der im Kerker
Die schöne Maienzeit vertrauert,
Vielleicht dem Tod entgegenschauert. 141
Er dringt hinein mit Sonnenstrahlen
Und schreibt ihm auf den feuchten Boden
Vergessenheit für alle Qualen,
In wonnereichen Freiheits-Oden.
Ans Gitter kommt ein Vögelein,
Das aus der Ferne Grüße bringt
Und walddurchwehte Lieder singt –
Er nickt und nickt und schlummert ein
Und träumt und träumt und träumt sich heim –:
Er geht dahin als Freier wieder,
Und in den Frühlingsacker nieder
Wirft er der künft'gen Saaten Keim.
Hoch über seinem Haupte schwingt
Der unsichtbare Geist der Luft,
Die Lerche, sich – ihr Lied erklingt,
Wie wenn ein Geist vom Himmel ruft.
Und Abends, wenn er heimwärts kehrt,
Der Sämann, müd am ganzen Leib,
Empfängt ihn fröhlich Kind und Weib –
Der kleinste Junge schleppt ein Schwert
Und schwöret dem Tyrannen Tod,
Der seinen Vater einst in Noth
Und in den Kerker hat gebracht –
Der Vater aber weint und lacht. 142
So träumt er durch das ganze Glück,
Das er da draußen ließ zurück,
In einer einz'gen Frühlingsnacht –
Das hat der Lenz allein gemacht,
Der Lenz, das Vöglein und der Strahl,
Der sich durchs enge Gitter stahl.
Und weiter eilt im raschen Lauf
Der Lenz durch Gärten und durch Hecken
Und küsset mit verliebtem Necken
Die jungfräulichen Knospen auf:
Sie thun die Augen auf und schauen
Halb schüchtern in die Welt hinein,
Halb stolz wie neuvermählte Frauen
Beim ersten Morgensonnenschein.

Dann eilt er weiter – ach, er späht
Nach Herzen, die ihm nah verwandt,
Nach Herzen, die sein Vaterland,
Darin es niemals untergeht;
Nach jenen großen Menschheitsherzen,
Die gleich sind ewigen Blüthenbäumen,
Mit sehnsuchtsvollen Liebesschmerzen
Von einem Völkerfrühling träumen; 143
Nach jenen, deren Erdenwandel
Verfolgung ist und Kampf und Flucht,
Die tragen, gleich dem Baum der Mandel,
Zugleich die Blüthe und die Frucht.
»Wo sind sie,« ruft er weinend, klagend
Und alle Leichensteine fragend,
»Wo sind sie?« ruft er immerdar:
»O böses Neunundvierziger Jahr,
Wie arg, wie arg hast du gelichtet
Die Reihn, an denen wie an Stäben
Die kranke Welt sich aufgerichtet
Zu einem neuen Blüthenleben!«
Hin eilt er schnell von Grab zu Grab
In Oesterreich, im Ungarland
Und hebt mit liebevoller Hand
Des Schneees weiße Decke ab.
Und nieder wirft er sich – sein Ohr
Legt er an jedes Grab und lauscht,
Wie aus den Gräbern es empor
In tausend ewigen Liedern rauscht.
Aufspringt der Frühling da und ruft
Es in die Welt hinaus, daß Luft
Und Baum und Strom und Herz erbeben:
Sie leben, sie leben! 144

Und froh geht weiter und getrost
Der Lenz, der Zierer dieser Welt –
Von ausgelaßnem Volk umtost,
Aufbaut und schmückt er sich sein Zelt.
Da sitzt er denn, erfüllt die Pflicht,
Die ihm der Herr hat aufgetragen,
Wie manches schönere Gedicht
Und tausend Lieder schon besagen.
Da kommen mit Familien-
Beschwerden Vögelein heran:
Er weiset ihnen Nahrung an
Und lehrt sie die Homilien
Und Psalmen, die sie singen sollen,
Wenn sie dem Herrn gefallen wollen;
Dann kleidet er die Lilien,
Die draußen stehn auf nackter Erde,
Von Stürmen kalt und hart umweht:
Auf daß auch hier erfüllet werde,
Was schon im Buch geschrieben steht.
Kurzum, es ist sein ganzes Thun
Das glücklicher Ikarier –
Er ist ja nur der Volkstribun
Der Blumenproletarier! 145

Sonst ging ich gern in solcher Zeit
Mit Wolfgang Goethe's Faust hinaus
Und freute mich, wie weit und breit
Verschwunden war des Winters Graus,
Und sang die Verse, die ihr kennt,
Nur etwas frei, nach meiner Art,
Dieweil zum neuen Testament
Uns noch ein allerneustes ward:

    Lenz ist erstanden,
    Freude dem Sterblichen,
    Den die verderblichen,
    Schleichenden, erblichen
    Sorgen umwanden.

Dann streckt' ich mich dahin, so lang
Ich war, und sah die Welt genesen
Und hörte auf den Vogelsang
Und ließ den Faust und ließ das Lesen.

Doch dieses Jahr bleib ich daheim;
Anstatt ins Grüne mich zu strecken,
Will ichs versuchen, einen Keim
Von Mitleid und von Lieb zu wecken 146
In eurer weichen, deutschen Brust
Für ein begeistert Volk, das dorten,
So nah an eures Hauses Pforten,
Für Freiheit kämpft mit Todeslust.
Und das die Knechtschaft will zur Beute:
Dieß sei mein Frühlingsopfer heute.

Als einst die Griechen auferstanden
Und, würdig ihrer großen Väter,
Sich lösten von den Sklavenbanden,
Da warst du, Boden meiner Väter,
Bevölkert fast von Philhellenen –
Und für das Volk, das mit dem Schwert
Vom Haus den eignen Feind dir wehrt,
Für dieses hast du keine Thränen?
Das kannst du so verbluten sehn?
Und ohne Zuruf auferstehn?
Und ohne Mitleid untergehn?

Ist's wahr, daß dir des Himmels Sterne,
O Deutscher, darum schön nur scheinen,
Weil sie von dir so weit, so ferne?
Kannst du Leonidas beweinen,
Nur weil er fiel in grauen Zeiten 147
Und in antiken Thermopylen?
Und die vor deiner Thüre streiten,
Sie sind dir nichts, weil dir gefielen
Niemals konkrete Wirklichkeiten?

Romantiker, thu auf die Blicke,
Erkenne, daß die Heldenschaaren
Im schönen Lande der Magyaren
Entscheiden deine Weltgeschicke!
Erkenne, daß du mit verdirbst,
Wenn deines Hauses Pförtner sterben.
Erkenne, was du bald erwirbst,
Wenn sie mit Freundesblute färben,
Als Todeszeichen, deine Pfosten –
Erkenne endlich, daß im Osten
Aus Nacht des Kampfes und der Noth
Aufgeht dein Licht, dein Morgenroth!

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