Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Moritz Hartmann >

Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 21
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

VI. Traumgesicht.
Von der eisernen Jungfrau.

        Mich trug der Traum – ich glaub, nach Wien;
Ich sah die blutgetränkte Erde –
Doch nein! – es war vielleicht Berlin:
Ich sah vor dem Schloß die russischen Pferde.

Des lieben Schwagers Geschenk, das ihr kennt –
Die Vorhut der Kosaken man nennt es – 129
Mich mahnt es an das kluge End
Des alten Verses: Dona ferentes.

Ich sah auch unweit vom Portal
Die Säule mit dem kakenden Adler –
Es nennen sie einen künftigen Pfahl
Die alles Heilige bezwackenden Tadler.

Ich sah gegenüber die Fresken auch,
Den Sonnenaufgang, die Bildung bedeutend;
Doch ist die Sonne, nach romantischem Brauch,
Mehr schmutzigen Schatten als Licht verbreitend.

Auch sah ich wieder die Gitter am Thor,
Die man doch abbrach im lieblichen Maie –
Das ist zu entschuldigen! – sie stehen davor
Viel fester als Unterthanentreue.

Doch nein! ich war doch nicht in Berlin:
Schwarzgelb war die Luft und dick zum Ersticken,
Ich war gewiß im gefallenen Wien,
Es sah mich an mit traurigen Blicken. 130

Von Naderern nur bevölkert schien
Die Stadt und von lauter Gemeinderäthen,
Das war, beim Himmel! wieder das Wien,
Das einstige des edlen Wiener Poeten.

Die Straßenecken waren beklebt
Mit standrechtlichen Lügenberichten,
Und durch die Zeitungen, neu belebt,
Kroch wanzig die Schaar von servilen Gedichten.

Der Zedlitz fing wieder zu schreiben an
Und fühlte sich wieder so hofpoetisch
Wie damals, als er als vierzehnter Mann
Beim Metternich durfte sitzen am Theetisch.

Die Juden riefen zur Börse hinaus:
Daß Gott erhalte die Regierung,
Das allgeliebte Kaiserhaus
Und unsere liebe Oktroyirung!

Was Freiheit und Konstitution!
Der Mensch muß sehn, wo er was verdiene –
Wir wollen keine Emanzipation,
Wir wollen Mine und Kontremine! – 131

Ja, Das war Wien! – ich saß allein,
Wo ich dereinst mit Blum und Becher
Und Messenhauser saß beim Wein
Als Freiheitstrunkener, froher Zecher.

Ich dachte: Ach, wie schnell ist verhallt
Die stürmische Zeit der Freiheitslieder! –
Da stand vor mir eine Schauergestalt,
Es rieselte kalt mir durch alle Glieder.

Sie war bedeckt vom gelben Rost,
Auch war ihr Leib von lauter Eisen,
Ihr Athem wehte Schauer und Frost,
Die Gedanken begannen mir sich zu vereisen.

Zwar trug sie einen Hermelin,
Doch konnt' er die Klauen nicht verdecken,
Und auch die Krone, trotz allem Mühn,
Konnt' nicht das Stigma der Stirne verstecken.

Sie hatte gewaltige Aehnlichkeit
Mit Kaiser Franz, den Gott behalte –
Dieselbe holde Gemüthlichkeit,
Die jammernd im Spielberg widerschallte. 132

Sie hatte Pulver und Blei in der Hand
Und sprach mit Lächeln: »Das ist meine Gnade!«
Vom blutigen See, in dem sie stand:
»Der Maienthau, in dem ich bade.

»Einst hieß ich die eiserne Jungfrau nur,
Man hat dir gewiß von mir erzählet –
Ich war die Göttin der Tortur
Und habe die Leute nicht lang gequälet.

»Ich schlief im Keller und dachte der Zeit,
Da Todesgeschrei mir füllte die Ohren,
Bis mich der Windischgrätz hat befreit
Und wieder ans Licht heraufbeschworen.

»Doch nicht mehr die Jungfrau heiß' ich hie –
Der Konstitutionalismus
Jetzt heiß' ich, auch rothe Monarchie,
Und einfach heiß' ich Despotismus.

»Man nennt mich auch den Belagerungsstand,
Doch bin ich nur seine Pathe und Base –
Auch »Ruh und Ordnung« – den Namen erfand
Meiner vielen Verehrer Ruh-Ekstase. 133

»Ich hab, wie du siehst, mein Glück gemacht,
Ich bin jetzt Oestreichs Genius loci
Sie haben mir Menschenopfer gebracht,
Zu mir auch beten in ihrer Noth sie.

»Mein Gaumen wird immer leckerer jetzt –
Erst haben mich einfache Hochverräther,
Die einen Degen versteckten, ergötzt –
Jetzt schmecken mir nur noch Volksvertreter.

»Sie müssen mir schaffen, wen ich will,
Sonst geht in Fetzen der ganze Staat, o!
Vor Kurzem hab' ich erst mit Gebrüll
Verlangt den Fischhof und den Prato.

»Der Windischgrätz, der Stadion,
Der Bach, der gerechte Justizminister,
Der nachgelaßne H—sohn
Der Freiheit – sie sind meine hohen Priester.

»Die schaffen mir, wen ich verlange, herbei –
Auch dich –« Sie streckte die Hand aus, es krachte
Wie Kerkerthüren ihr Leib – einen Schrei
Ausstieß ich vor Angst, und ich erwachte. 134

Ja, ich erwachte – aber was hat
Verändert indessen eine Nacht!
Mein Gott! was habt ihr aus Gagern gemacht?
Was ist's mit Peucker und Beckerath?
Was ist's mit Bassermann und Fallati?
Was ist's mit Wiedemann und Mathy?
Sie schleichen herum so demüthig!
Sie sehen sich an so wehmüthig!
Sie sehen so interimistisch aus
Und waren doch sonst so stolz geartet! –
Der Ministertisch sieht wie ein Whisttisch aus,
Der auf die neuen Spieler wartet.
Die Professoren auch sind nicht mehr dieselben,
Zwar sind sie noch schwarzweiß angestrichen,
Aber die Farben sind etwas verblichen –
Und roth vor Freude sind die Schwarzgelben;
Und Republikaner und Ultramontanen
Tanzen zusammen den Siegeskankan,
Und rothe Flaggen und Kirchenfahnen
Nageln sie an die Ministerbank an.
Die Frankfurter Börse ist flau geworden,
Und Dahlmanns Esel noch mehr grau geworden
Und Wydenbrugk sieht traurig aus 135
Wie Einer, dem ein Portefeuille entfällt,
Beim Camphausen wird ein Krönungsschmaus
In aller Eile abbestellt,
Und Riesser muß nach Klubbeschluß
Zurückerstatten den historischen Kuß,
Und Schmerling ist's schmächtig wie dem Kätzlein,
Das an den Feuerleitern streicht,
Sich leis dann um die Mauern schleicht
Zu Heckscher, seinem neuen Schätzlein.
Wie ging Das alles, alles zu?
Das alles, ach! geschah im Nu.
Es haben die schwangeren Professoren
Ihre Leibesfrucht zum dritten Mal verloren,
Die beglücken sollte Deutschlands Völker, –
Und die Hebamme war der Welcker.

Doch darum ist mir nicht minder bange,
Noch einmal wird die Kletterstange
Mit Gagern und Dahlmann, Deutschlands Rettern,
Hinan der abortirte Kaiser klettern.
Ob er dann wieder hinunter fällt,
Um wie jetzt in Schmutz und Staub zu liegen,
Ob er die papierne Krone erhält?
Das wissen allein die »skandalösen Intriguen.« 136
Vielleicht, daß mit dreizehn Grabesvoten
Der sehr fatalen Majorität
Er aus der Reihe der Lebendigtodten,
Um wieder zu sterben, aufersteht. –
Vielleicht auch, daß wieder Illuminationen
Vergebens werden vorbereitet
Und daß durch die aufgestellten Kanonen
Umsonst der Deetz mit brennender Lunte schreitet,
Um es donnernd nicht den Nationen
Mit hundert und keinem Schuß zu verkünden,
Daß das Parlament vom Kaiser nicht könn' entbinden.

Wer weiß, was in der Zeiten Hintergrunde
Noch schlummert – wir wissen nur zur Stunde:
Der Gagern und der Kaiser sind gerichtet,
Und Gagern hat aufs Portefeuille verzichtet.
Doch will er's gänzlich noch nicht lassen,
Um es bei Zeiten wieder zu fassen:
Etwa, wenn aus dem Vaterhaus
Man jaget Oestreichs Söhne hinaus,
Wie es der Kerst schon angezettelt,
Der sich vor Kurzem erst hineingebettelt,
Der Netzbruder aus Preußisch-Polen, 137
Einer von den wiedergewonnenen, verlornen Seelen. –
Das ist die Strafe, daß wir hehlen,
Wir ächte Deutsche, was Unrecht gestohlen!
Bald aber werde ich euch weiter erzählen –
Für heute: Gott befohlen!

 
Finis Capitis tertii.

 


 

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.