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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 2
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wien

                                                die Noth.
Ist doch der Kaiser Franz nicht todt;
Er steht nicht nur am Postament,
Er lebt in seinem Testament,
In der vererbten Heuchelei
Und in der K. K. Hofkanzlei. –
Zu Prag verduftet der Erkrankte,
Der Abgetretene, Abgedankte –
Zu Olmütz herrscht in Purpurwindlein 16
Ein Czechisch redend Prinzenkindlein
Und überall zum Zeitvertreib
Ein unverantwortliches Weib,
Ein Weib, so klug wie eine Schlange,
Ein Weib, das nicht auf seinem Gange
Vor Leichen und vor Blut erschrickt –
Ein Weib, auf das das Volk so bange
Wie auf jene Medizäerin blickt. –
Das deine Freiheit, armes Wien!
Umsonst lag Deutschland in Gebeten
Vorm Gott der Freiheit auf den Knien.
Mein armes Wien, du bist zertreten,
Zertreten und gebrochen ganz
Wie Saragossa und Numanz
Und wie die Heimat der Karthager.
O, wären deine deutschen Brüder
Für dich gezogen in das Lager –
Anstatt in Kirchen und in Kammern
Zu schrei'n, zu beten und zu jammern,
Du lägest nicht so tief darnieder!
Einst wird ein Pfahl mit einem Rahmen
Erheben sich an Oestreichs Gränzen,
Und in dem Rahmen wird der Namen
Und wird das Bild von Schmerling glänzen. 17
Und zu erhöhen noch den Glanz,
Wird man am Pfahl die Namen lesen
Von Gildenstern und Rosenkranz,
Die Schmerlings Reichskommis gewesen.
Ja, ja, die Beiden gleichen ganz,
Der Welcker-Moslé, den Kastraten,
Die, sonnend sich im Hofesglanz,
Den armen Hamlet gern verrathen.
Ach, die verrathnen Aulahelden
Und ihre Brüder in den Blusen,
Wie kämpften sie! – Nur beßre Musen
Vermögen, würdig Das zu melden.
Ich hab's gesehn – doch es zu schildern,
Was ich gesehn, mag ich nicht wagen –
Sprech' ich von jenen Heldenbildern,
Will immer mir das Wort versagen. –
»Was ist des Deutschen Vaterland«
Erscholl der mächtige Chor im Sturme,
Und eine Kampfkolonne stand
Von einem Zauber hergebannt,
Ertönte das Signal vom Thurme –
Vom Stephansthurm, der denken that,
Es sei da drauß ein Türkenlager,
Und sah nach West, ein ernster Frager, 18
Ob nicht von dort der Retter naht.
Und stets voran der Kalabreser
So lustig, ob's zum Tanze ginge,
Trotz Schmerling, Gagern, Reichsverweser,
Hoch in der Hand die deutsche Klinge.
Ihm nach und in der Hand voll Schwielen
Vom Zeughaussturm den Kammerstutzen,
Darauf Oktoberstrahlen spielen,
Im Auge heitres, wildes Trutzen –
Der Mann der Arbeit, Mann der Noth.
Er horchet auf das Kampfgebot,
Das kommet aus Studentenmunde,
Wie einer Bruderliebeskunde
Von einem neuen Morgenroth.
Und lächelnd trägt er seine Wunde,
Und scherzend geht er in den Tod.
Und nach den Schaaren zieht ein Schwarm
Von Mädchen und von Knaben –
Sie lagern sich in Busch und Graben
Und fangen Kugeln, die noch warm
Herüberflogen, zu verkünden
Die Vaterliebe des Monarchen
Und um die Gluth des Patriarchen
Im Bürgerhaus still zu entzünden. 19
Und aus den Häusern bringen Frauen
Und Mädchen Brod und Wein heraus,
Und weil die Männer sind am Schmaus,
Sind sie am Barrikadenbauen.
Und Keiner weiß, daß er ein Held
Und daß er trägt ein heil'ges Leiden,
Und wenn ihn eine Kugel fällt,
Geht er zum Tode ein bescheiden.
Und Keiner weiß vom ew'gen Ruhme,
So bald sie in das Grab ihn senken:
Und daß ihm sprießt gleich einer Blume
Vom Grabe auf sein Angedenken.
Sie kämpfen, weil sie kämpfen wollen
Für Das, was ihnen groß und heilig –
Nicht weil in der Geschichte Rollen
Sie prangen wollen flammenzeilig.
Sie kämpfen für den Gott der Freiheit,
Für Deutschland und der Zukunft Tage –
Ob sie, die Märtyrer der Dreiheit,
Ruhmwürdig sind – ist nicht die Frage.
Sie fielen – Doch mit weißen Schwingen
Umschweben Geister ihre Hügel –
Auf thaubenetztem Grabeshügel
Erhebt das Lied sich, das sie singen: 20

Friede den Schlummerern!
Heil den Gestorbenen,
Die in der Erde ruhn,
Die der erworbenen
Freiheit sich freuen nun.
Friede den Schlummerern!

Weh den Eidbrüchigen!
Schamlos ertödten sie
Alles, was heilig heißt,
Und nicht erröthen sie
Vor der Geschichte Geist.
Weh den Eidbrüchigen!

Wehe den Mördern!
Segen ausstreuten sie
Für die Geschlachteten –
Flüche erneuten sie
Sich, den Verachteten.
Wehe den Mördern!

Unstät und flüchtig sind die Andern.
Und wenn durch deutsches Land sie wandern,
Berathen noch die deutschen Fürsten,
Ob wohl der Flüchtling ist zu bergen, 21
Ob preis zu geben er den Schergen,
Die noch nach seinem Blute dürsten
Und nach ihm spähn auf allen Bahnen:
Das ist das Gastrecht der Germanen.
Und Wien ist durch den harten Druck
Der blut'gen Faust nach langem Morden
Ein stiller, stiller Friedhof worden –
Ein Friedhof, doch mit bangem Spuk!
Es tanzen auf den Gräbern Geister,
Die nimmer eingehn in den Frieden,
Bis uns den Gräbern hat der Meister
Märzveilchen neu heraufbeschieden,
Bis Oesterreich, das Sklavenschiff,
Auf dessen Bank in Eisenbanden
Die hundert Völker liegen, stranden
Und brechen wird an Aufruhrs Riff,
Bis dann ein großer Jubelschrei
Durch alles Land Europa's tönet
Und alle Völker sich versöhnet
In Armen ruhn – denn sie sind frei.
Denn auferstehen wird der Rächer
Für alle Jungfraun, die geschändet,
Für Alle, die durch Mord geendet,
Für Jellinek und Blum und Becher. 22
Ich habe sie gekannt, die Drei,
Ich darf mit Stolz sie Freunde nennen –
Mein Aug ist naß – die Wunden brennen,
Denk' ich an sie – Vorbei! Vorbei!

Hermann, du armer, stiller Denker,
Als wir zusammen in der Nacht
Gesessen und bei dunklen Kerzen
Der Eine in des Andern Herzen
Die Freiheitsflammen angefacht –
O Gott, wer hätte da gedacht,
Daß dir dein Loos fällt durch den Henker.

Er war ein Philosoph – und schauen
Wollt' er das Wesen aller Dinge –
Die Falte über seinen Brauen
Auf seiner Stirne bebend spielte
Und wand sich gleich dem Schlangenringe,
Der Weisheit Ewigkeitssymbole –
Auch war es ja nur nach dem Wohle
Der ganzen Welt, nach dem er zielte.
Und wandeln sah man den Gedanken
Auf seinem blassen Angesicht,
Den mächtigen, der alle Schranken, 23
Den Leib auch, der ihn trägt, zerbricht.
So glich er selber einem Kranken,
Doch hatt' er einen Stab: die Pflicht,
Die Pflicht, als Sämann hinzuwandeln
Und Keim und Samen auszustreuen,
Daß sich die faule Welt erneuen,
Verjüngen mag in That und Handeln.
Und wenn er sprach – dann stürzend jagte
Das Wort sich wie ein wilder Fluß,
Ob er geahnt, daß, was er sagte,
Er schnell zu sagen eilen muß,
Eh ihm der letzte Morgen tagte.

Er war ein Stern – zu früh verraucht,
Ein Morgenroth – zu früh verhaucht,
Ein junger Hirsch – zu früh gefällt,
Ein Glas voll Gluth – zu früh zerschellt,
Ein neues Schwert – zu früh gesprungen,
Ein weiser Spruch – zu früh verklungen.

Sein Name sei den Enkeln lieb:
Er starb, weil er die Wahrheit schrieb.

Dich, Becher, gutes, altes Haus,
Du Freund von meinem Nikolaus, 24
Könnt' ich in jene Zeit dich retten,
Zurück in jener Freunde Mitten,
Wo mit Sonaten und Quartetten
Die Stunden hold vorüberglitten!

Doch nein. Da uns der Sturmwind packte,
Da konntest du nicht ruhig bleiben,
Du fühltest, wie im wilden Takte
Fortissimo die Zeiten treiben.
Du mochtest dich in stillen Nestern
Wie Zwitschervöglein nicht verstecken,
Da von den großen Weltorchestern
Das Lied erscholl – voll Lust und Schrecken.
So war dein Leben, Musikus,
Wie jene Heldensymphonie
Von jenem heil'gen Genius,
»Den sie Beethoven nannten hie.«

Er war ein guter Kamerade
Im Kellerloch, bei Wein und Bier,
In Saus und Braus und am Klavier
Und endlich auf der Barrikade –
Bei Gott! 's ist ewig, ewig Schade!
Ich sah ihn noch, da an den Thoren 25
Der Widersacher schon gepocht,
Die Tapfersten den Muth verloren –
Er stand und sprach und focht.
Die blond' und grauen Locken wehten
Wie Fahnen um sein alt Gesicht –
Und also glich er dem Propheten,
Der noch auf Trümmern Zukunft spricht.
Im Büchsenknall hört' er die Noten
Zu einem künft'gen hohen Liede,
Tönt' ihm noch Freiheit, Glück und Friede –
Und also ging er zu den Todten.

Auf seinem Grabe sei zu schauen
In ew'gen Marmorstein gehauen:
Ein deutsches Schwert – ein Fiedelbogen –
Sein ganzes Leben deuten sie.
Er hat das Schwert auch nur gezogen
Für freiheitsmächt'ge Harmonie.

Und diese Grabschrift gebt dem Braven,
Der, Ruhm nicht suchend, ist entschlafen:
Er hat gekämpft – er hat gesungen –
Wir müssen ihm zwei Kränze reichen: 26
Zwiefacher Art hat er gerungen,
Die Dissonanzen auszugleichen.

Dich, Bechers Landsmann und Gesellen,
Obskures Küferkind aus Köllen,
Dich kennt die Welt – mein Robert Blum!
Dein Nam' ist ein Palladium,
Um das sich alle Freien sammeln
Und Worte der Verehrung stammeln.

Ein schöner Tod wirft Schimmer der Verklärung
Zurück bis auf die Wiege von der Bahre,
Durch Männer-, Jünglings- und durch Kinderjahre –
Er ist des Glücks erhabenste Gewährung.

Und wer vom Glück bestimmt ist, schön zu sterben,
Vor dem einher gleich einer Feuerwolke
Geht die Bestimmung, ihn vor allem Volke
Zu zeichnen, der dem herrlichen Verderben
Vom Glück und von sich selber hingegeben –
Und jede groß' und kleine That im Leben
In Farben der Unsterblichkeit zu färben. 27

Ein schöner Tod verscheuchet das Gemeine
Von allen Wegen seines Auserkornen –
Er weiht die Wiege schon des Neugebornen,
Wie er einst weiht die modernden Gebeine.
Ein schöner Tod zerstreut die dunkle Frage
Nach Dem, was jenseits ist der dunklen Brücke –
Wir fragen nur: ob nicht in solchem Glücke
Das Diesseits schon ein schönes Jenseits trage!

So ruhe sanft und gut, mein Robert!
Nicht braucht's den Wunsch, daß leicht dir werde
Die blutgetränkte Wiener Erde,
Der Boden, den du dir erobert.
Du bist nicht todt, trotz aller Klage
Des deutschen Volks, trotz aller Lieder;
Schon seh' ich, wie sich nieder
Für alle künftigen Leidenstage
Wie Wolkenmonumente senken
Aufs frische Grab: dein Angedenken
Und

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