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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 17
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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II. Traumgesicht:
Von den Gesegneten.

        Ich ging – da kam mir entgegen von fern
Die berühmte Professorentrias, 98
Von denen jeder Einzelne gern
Sich hält für Deutschlands Messias.

Sie gingen schwer und wackelnd daher,
Und mir erschien's wie ein Wunder –
Die Drei, sonst so trocken und dürr und leer,
Sie schienen formoser und runder.

Die breiten Talare nmfaßten kaum
Die sonst so dürren Gestalten
Und machten vorn am untern Saum
Vorwitzige Wackelfalten.

Die Beine waren etwas gesperrt,
Man sah sie bis zu den Knöcheln,
Die Züge etwas schmerzlich verzerrt,
Doch überzogen von stolzem Lächeln.

Die Arme trugen sie stolz bewußt
Am Leibe vorn zusammengebogen,
Darüber schlug eine volle Brust
Die hohen, weichen, brandenden Wogen. 99

O Gott, so rief ich, was ist euch geschehn,
O Beseler, Waitz und Dahlmann –
Will man die dreifache Häßlichkeit sehn,
Euch drei Unglückliche mal' man!

Der Beseler sprach mit näselndem Ton,
Doch weicher, als sonst, noch und matter:
Ich will dir's sagen auf Diskretion,
Denn ich bin der ewige Berichterstatter.

Wir sind im Zustand der Königin
Viktoria, und mit banger,
Doch stolzer Erwartung gehen wir hin –
Mein Freund, wir Dreie sind schwanger.

Der Kaiser, den wir erst geheckt,
War ein Abortus – doch bleib' er
Nicht ungeboren, ein neu Projekt
Jetzt tragen unsre gesegneten Leiber.

Und wer ist, rief ich vor Schrecken bleich,
Wer ist der Verführer, der Thäter?
Sie aber riefen im Chorus: Zugleich
Sind wir die Mütter und Väter. 100

Das ist das Unbegreifliche ja,
Es will ihn Niemand, es macht ihn Keiner,
Doch ist er immer wieder da,
Ein sündenlos Gezeugter, Reiner.

Wo aber, schrie ich, wo soll Das hinaus? –
Sie riefen: Wir hoffen, daß Gott uns helfe!
Mich faßte mitternächtlicher Graus,
Aufwacht' ich – die Glock schlug Zwölfe.

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