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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 15
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Caput III.
Traumbuch für Michel.

        Und heute will ich euch singen und sagen
Von bösen Träumen, die mich plagen;
Man sagt, daß von Gott die Träume kommen,
Das mag wohl wahr sein, bei den Frommen:
Mir kommen sie vom verdorbenen Magen,
Den ich in der Paulskirch mir überladen
Mit frommen Reden von Gottes Gnaden,
Mit sehr gesetzlichen Tiraden,
Die ich alltäglich noch verschlucke
Und die mit kläglich hartem Drucke
Zusammenpressen meine Eingeweide,
Und die ich lang noch werde spüren.
Der Herr, der prüfet Herz und Nieren,
Er weiß allein, wie viel ich leide. 87
Wenn nicht Herr Linde mit laxativis
Manchmal mir die Gedärme rüttelte,
Und wenn der Jahn nicht mit lascivis
Verdauung fördernd das Zwerchfell schüttelte:
Ich wäre längst mit meinem verdorbenen
Magen gewandert zu den Verstorbenen.
So aber träum' ich nur allnächtlich
Und seh' wie ein Reaktionär Gestalten. –
Der Träume Bedeutung wird für verächtlich
Kein Börsen- und Lotto-Spieler halten.
Ich schreibe sie auf zu Nutz und Frommen
Aller, denen zu Handen sie kommen,
Und hoff', es wird mir nicht übel genommen
Von Windischgrätz, dem theuren, lieben,
Der mir entbrannt von Freundschaftsgluthen
Ein Liebesbrieflein hat geschrieben,
Daß ich mich stell' zu seinen Rekruten.
Mein Feldherr, verzeih, ich kann nicht sogleich,
Ich muß mich meines Auftrags entledigen
Vorerst im heiligen, römischen Reich
Und kann nicht deinen Kroaten predigen.
Du hast ja daheim der Pfaffen genug:
Antistes Hurter, der Glaubensstarke,
Betschwester Pilat und Nonne Jarcke, 88
Sie können dir mit größerem Fug,
Mit mehr Erbauung
Und Beschauung
Sprechen in salbungsvollen Sermonen
Von unbefleckten Windeln und Kronen.
Ich würde doch ganz ungesetzlich
Mit Flüchen meine Büchse laden
Und widerhaarig und widersetzlich
So sprechen zu meinen Kameraden
Im alten Kapuzinerton:

Dummköpfe ihr, was habt ihr davon,
Daß ihr Leib und Seele verpachtet
Und für fünf Kreuzer würget und schlachtet
Und senget und brennet wie Raubgesindel –
Das alles für eine unbefleckte Windel,
Das alles, damit euer Kommandant
Im Knopfloch trage ein russisches Band –
Das alles, damit mit blutigem Leim
Ein morscher Kerker gekittet werde
Und daß, wenn ihr selber kehret heim,
Ihr Knechte seid am eigenen Herde.
Dieweil ihr schießet und würget im Osten,
Zahlt ihr im Westen selber die Kosten, 89
Und weil ihr im Süden müsset morden,
Schmiedet man eure eigenen Fesseln im Norden.
Wollt Einmal nicht, nur Einmal schämt
Des Amtes euch der Henkersknechte –
Und dann – – mit vollen Händen nehmt
Ihr euch, was ihr braucht – die Freiheit, die Rechte.
Sie sollen dann sehen, ob ihre Kanonen
Mit Selbstschüssen sind geladen,
Und ob die Kartätschen von Gottes Gnaden
Von selber fliegen ins Herz der Nationen,
Und ob Sophie mit Gebeten
Entzünden kann kongrevische Raketen.
Wollt Einmal nicht! – sonst müßt ihr bald
Marschiren gegen Brüder und Väter,
Denn alle sind sie Hochverräther,
Wenn sie des Windischgrätz Gewalt
Anbeten nicht auf ihren Knien,
Und wenn sie nicht finden, daß in Wien
Die allerschönste Kirchhofruh,
Und wenn sie nicht das Kalb und die Kuh
Hergeben für den lieben Gesammtstaat,
Den Gott im Himmel im März verdammt hat.
Dann wird euch geschehen wie im Breisgau – 90
Doch halt, ich will euch ein Stückchen sagen,
Das sich im Lenz hat zugetragen,
Es macht Einem das Haar vor Schauer greisgrau.

In Freiburg war's im Oberland,
Im letzten Krieg, da auferstand
Mit Veilchen, Primeln und mit Rosen
Die Freiheit, die begraben war,
Und da, gleich eines Sturmes Tosen,
Gleich einem fittigmächt'gen Aar,
Ein heil'ger Geist die Welt durchzog
Und manchen stolzen Nacken bog:

Zu Freiburg war's – da lag die Schaar
Der Kämpfer, die gefolget war
Dem Mann des Worts, dem Mann der Thaten,
Den jetzund manches Lied benennt,
Dem Mannheimischen Advokaten,
Dem Hecker, den ihr alle kennt –
Da lagen sie, das Aug voll Zorn,
Die Wunden trugen Alle vorn.

Da lagen sie in langen Reihen
Und waren, was sie wollten sein: 91
Sie waren endlich frei im Tode –
Man hat sie schmählich ausgestellt,
Daß Jeder, der im Fürstenbrode
Die deutschen Brüder hat gefällt,
An diesem Anblick sich erfreu'
Und seinem Herren bleibe treu.

Und einer von den Söldnern kam,
Die deutsche Fürsten ohne Scham
Ernähren für den Mord der Bürger:
Er war noch jung, doch sprach er schon
Die Sprache unsrer Freiheitswürger.
Sein Auge war schon voll von Hohn
Aufs Volk, das wider'n Feind ihn schickt
Und das er selbst nun unterdrückt.

Und also rief der junge Knecht:
Beim Teufel, euch geschicht schon recht –
Wir wollen euch zu Paaren treiben!
Das Volk will frei sein – seht einmal –
Das Pack soll hinterm Pfluge bleiben
Und zahlen, sagt mein General,
Hui! Hundert von den Hunden hier
Verdanken ihre Wunden mir. 92

Er ruft's und lacht und singt und tritt
Mit Lachen in der Leichen Mitt' –
Doch, was macht ihn so blaß erbleichen –
Was starrt er so ins Angesicht
Dem alten Mann dort bei den Leichen? –
Sein Aug ist Glas – sein Knie, es bricht;
Zu Berge sträubt sich auf sein Haar –
Ihr merkt's – der Alt' sein Vater war.

Siehst du, mein Feldherr, laß dir rathen
Und steck mich nicht unter die Soldaten,
So würd' ich zu meinen Kameraden
Unwiderruflich immer sprechen
Auf der Wachtstub und beim Zechen,
Im Stockhaus und bei Wachtparaden.
Ich würd' mit Gewalt sie korrumpiren
Und wahrhaft schändlich infiziren;
Denn sieh, ich glaub, es wird nicht gut,
So lange der bezahlte Muth
Sich muß berauschen in Bruderblut.

Doch bessere Zeiten nahen heran:
In Köpfen und Herzen wird's heiter hell, 93
Und nicht mehr folget dem lärmenden Fell
Stumpfsinnig und dumpf der arme Mann.
Er wird sich fragen: Warum? wohin?
Sind's meine Feinde vielleicht, die ich schlachte?
Ich glaube, wenn ich's genau betrachte,
Daß ich am End ihr Bruder bin.
Und so wird's ihm entgegentönen
In Lauten, die hold und liebend versöhnen,
In altbekanntem innigem Ton:
Dein Vater bin ich – schieß nicht, mein Sohn!
Schieß nicht! – erkenne den Spielkameraden!
Ich bin dein Lieb! – o, lasse das Laden!
Ich bin deine Mutter! – o, schieße nicht!
Dein Bruder bin ich – sieh mir ins Gesicht! –
Und wie der brave Soldat, der Pollet,[Pollet hieß der Soldat, der am 14. März 1848 in Wien zu schießen sich weigerte.     M. H.]
Hinwarf die Lunte, ob auch hart
Habsburgisch ihm der Prinz gegrollet –
So werfen sie von sich Lunt' und Gewehr,
Sie liegen im Arme sich hold gepaart,
Und eine Thräne von Liebe schwer,
Vom Glücke des Wiederfindens, rollet
Hinab in den wilden Soldatenbart. 94

Wohl ist sie noch weit, die schöne Zeit,
Die schöne Zeit der Brüderlichkeit,
Noch lassen sich die verblendeten Schaaren
Mißbrauchen als wilde Janitscharen.
Bald aber stehen die Prätorianer
Vor Kaiserburgen als drohende Mahner
Und fordern die Macht als Sold und Lohn
Dafür, daß sie gemordet, geschlachtet,
Und, die sie dazu gekauft und gepachtet,
Es zittern vor ihnen Kron und Thron.

Allein, was kümmern mich die Soldaten?
Mag Wrangel auch mit Pommern und Märkern
Fortfahren, Altpreußen zu umkerkern,
Mag Karlsruh mit den geschmückten Herrn
Halb ein Stockhaus sein, halb eine Kasern,
Und mag Radetzky mit seinen Kroaten
Noch einige Zeit die Mailänder quälen
Und von der Güte des Kaisers erzählen,
Mag man die Russen rufen ins Land –
Ich ruf es zu dem Unverstand,
Die That heißt: Finis Austriae! –
Und mit frohlockendem Sinne geh 95
Zurück ich gern zu meinen Träumen,
Die mir im brausenden Kopfe schäumen,
Die ich auf für den guten Michel schreib,
Daß er sich ein wenig die Zeit vertreib.

Der arme Junge, es geht ihm schlecht!
Nun ist er wieder, was er war
Vor jenem großen Februar:
Er ist der Herren leibeigner Knecht.
Da sitzt er nun und scheint sich zu härmen;
Sein dickes Haupt in die Hand gestützt,
Fragt er sich still: Was hat's genützt,
Daß ich gemacht so cimbrisches Lärmen?
Sein armes Stüblein ist belagert,
Ihm überm Haupte hängt ein Säbel,
Vor Augen ein gewaltiger Knebel,
Die Luft um ihn ist dick durchgagert.
Er gähnt und gähnt – zu lesen hat er
Nur stenographische Berichte
Und patriotische Gedichte –
Das macht ihn immer matt und matter.
So lies, du Armer, dieß Traumbüchlein
Und merke dir daraus manches Sprüchlein. 96

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