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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 14
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sperling

                                        soll euch auch gefallen,
Wenn auch, ich fürchte, etwas minder.
Es ist ein ächtes Frankfurter Kind;
Ihr wißt ja, wie die ächten Kinder,
Altfrankfurts ächte Kinder sind.
Sind nicht, als ob eine zärtliche Amme
Dem Vater sie in die Arme gelegt;
Sie sind, als ob bei kalter Flamme
Ein kalter Prägstock sie geprägt.
Die wandelnden Strazzen,
Die handelnden Batzen,
Die denkenden Register –
Man kennt sie, die Philister!
Ihr Tempel ist das Börsenhaus, 75
Da gehn sie gläubig ein und aus:
Der Rothschild ist der Hohepriester,
Und Herr v. Bethmann ist der Küster,
Und alle Börsenspekulanten
Und ihre Frauen, ihre Kinder
Sind, wenn nicht auch die Opferrinder,
Doch Herrn v. Rothschilds Ministranten.
Volle Dukaten sind ihre Glocken,
Metalliques sind ihre Homilien,
Die Kurse, wenn sie nicht stocken,
Sind ihre Evangelien.

Ich spreche nicht von dem Geschlechte,
Das Börne's würdig, muthbelebt
Mit junger Kraft nach Freiheit strebt,
Nach gleichem Licht, nach gleichem Rechte –
Von Diesen sprech' ich nicht – o nein! –
Und auch nicht von den Montagskränzlern,
Wohl aber von den Bundestagsscherwenzlern
Und auch ein wenig vom Bürgerverein
Und auch von Jenen, die ohne Wallung
Es sehen, wie die Freiheitswürger
Einpferchen ihren größten Bürger
Inmitten einer Pferdestallung. 76
Solch ein Frankfurter ist mein Sperling;
Er hat verehrt die Bundesnacht,
Jetzt beugt er sich vor Gagerns Pracht,
Er hat verehrt sogar den Schmerling.
Doch das ist nicht das größte Wunder:
Er würde selbst den Hecker verehren,
Wenn er einst sollte wiederkehren
Mit jenem kalifornischen Plunder.
Mit Einem Wort: es ist ein Mann,
Den nur die tiefste Ruhe froh,
Bewegung elend machen kann –
Es ist ein Mann des Status quo.

Just über meinem Fenster wohnt er,
Und meinen loyalen Sinn belohnt er
Alltäglich durch die Plauderei
Von tausendfachem Allerlei.
Nur Ruhe, ruft er, um Gotteswillen,
Nur Ruhe in den alten Normen,
Wir wollen ja gerne wirken im Stillen
Für die allmähligen Reformen!

Was soll der Rechten Stampfen und Lärmen?
Was soll der Linken wildes Schreien? 77
In schönen Stunden oft muß ich schwärmen
Von der Versöhnung der Parteien.
Doch ist sie, ach, noch weit, sehr weit,
Die schöne, stille, goldene Zeit,
Von den Propheten prophezeit!

Da wird der Vincke seinem Zitz
Gerührt und weinend in Armen liegen,
Und Schlöffel wird dem Radowitz
Sein müdes Haupt an den Busen schmiegen!
Verrina Dietsch wird Schwerin umarmen,
Würth, der Regent, scheut keine Gendarmen,
An Lasaulx' Brust wird Vogt erwarmen,
Und Platner, der große Halberstädter
Mit Gleimischem Sentimentalisiren,
Wird weinen am Halse dem Konstanzer Peter,
Und dieser wird seine eitlen Plane
Gern fahren lassen: zu regieren –
Ein Polykrat – die badischen Ozeane.
Der Tag, an welchem Bambergs Titus
Mit der Rechten nicht stimmt, den nennt er verloren;
Von Kuenzer wird der febronische Ritus
Für Beda Weber abgeschworen;
Dafür versöhnt sich die Theologie 78
Mit der Breslau-Trierer Simonie.
O schöne Zeit, ich seh' dich im Geist,
Wie lange willst du uns noch meiden,
O schöne Zeit, von der es heißt:
Das Schaf wird mit dem Tiger weiden?
Da wird als eine verschämte Braut
Die Linke der Rechten angetraut,
Und liebend zusammen zeugen sie
Die demokratische Monarchie.
Die demokratische Monarchie,
Der erstgeborne Wechselbalg,
Ich fürcht', er wird nicht anerkannt
Als legitim im deutschen Land,
Dieweil die Mutter ein arger Schalk
Getraut hat an der linken Hand.

Gott gebe, daß es besser werde:
Der Fortschritt ist das Unglück der Erde.
Es heißt, im März geht's wieder los;
Schon hör' ich tönen die Sturmglocken
Bis in der Familie heiligen Schooß –
Und Handel und Gewerbe stocken.
Auch zeigen sich schon die bösen Zeichen,
Die Vögel, die vor dem Sturme streichen: 79
Der Schlapphut, jener haltungslose,
Die blutgetränkte, rothe Feder,
Die hosenträgerlose Hose,
Die stegelose, die ein schnöder
Hochmuth für unabhängig erklärte –
Ueber Nacht gewachsene Umsturzbärte,
Von Parteienwuth zerrissene Röcke
Und höllenmaschinengefüllte Stöcke,
Eckhäuser, überdeckt von Plakaten,
Blusen, gebläht von Attentaten,
Zerrissene Taschen voll Kommunismus,
Geflickte Taschen voll Sozialismus,
Und, ach! vor Allem die schrecklichsten Boten,
Die fliegenden, diplomatischen Noten!

Die letzte kam aus Oestreich an,
Und wie man manchmal hören kann,
So ist sie in Frankfurt am Main gemacht
Und hat sich selber überbracht.
Sie zu entziffern ist sehr leicht,
Denn sie ist bis zur Dummheit klar
Und gleicht dem Schmerling auf ein Haar,
Wie nur ein Kind dem Vater gleicht.
Sie lautet so: Wir wollen nicht, 80
Zum Teufel, nein! wir wollen nicht;
Wir wollen halt die alte Geschicht:
Wir wollen den Bundestag wieder haben,
Die Leiche werde ausgegraben.
Der Teufel hol das Parlament,
Der Jux hab endlich doch ein End!
Gesammtstaat Oestreich und Deutschlands Einheit,
Beides ist möglich mit etwas Feinheit –
Wir wollen wieder den Bundestag,
Den Bundestag, den Bundestag,
Den Bundestag mit Ferienpausen,
Und unser lieber Münch-Bellinghausen
Soll wieder sein der Präsident.
Was immer sagt das Parlament,
Und wie die Linke schreien mag:
Wir wollen wieder den Bundestag.
Genugsam hat sich unter der Zeit
Das Volk mit Volksvertretung gefreut,
Und wir auch waren indessen genug dumm –
Jetzt wollen wir nicht, und damit Punktum!

Das ist der Sinn, das ist der Text
Der lieben östreichischen Note,
Sie ist geschrieben, als ob sie geklext 81
Hätt' eine dicke Bärenpfote.
Man soll sich damit zufrieden geben
Und nicht so schreien, wie behext,
Und nicht so toll sich drum geberden!
Wie soll denn sonst im deutschen Leben
Noch bürgerliche Ordnung werden?
Soll man die Vierunddreißig jagen,
Um durchzusetzen die deutsche Einheit?
Das wär' ein Mittel voll Gemeinheit
Vis à vis von Denen, die Kronen tragen.
Man hat ja gern und unterthänig
Vergessen das alte weise Wort:
Was Krieg beginnt mit seinem König,
Das werfe des Schwertes Scheide fort.
Und die ihr schreit – ihr müßt euch bequemen,
An Andern ein Exempel nehmen,
Wenn ihr die Ruhe brav und honett wollt,
Zum Beispiel am Advokaten Detmold.
Einst hieß er nur das »Revolutiönchen«
(Man nennt ihn auch »das kleinste Laster«),
Fast riß er auf der Leinstraß Pflaster,
Zu stürzen seines Königs Thrönchen –
Jetzt ist er ein stilles Reaktiönchen.
Auch Stüve, sein Freund, der jetzt Minister, 82
Schloß seinen Frieden zu Osnabrück
Mit Ernst August und ist für das Glück
Des Landes geworden ein Philister.
Und, ach, wie leichtlich findet man sich
In solche neue Lebenslage;
Wo nicht – so lest, was dieser Tage
Der Croupier des Metternich,
Der Blittersdorf, hat drucken lassen:
»Die Mappe eines Diplomaten.«
Viel besser würde der Titel passen:
»Cartouche's, des Großen, Leben und Thaten«
Oder: »Novellen und Pandekten
Eines hinterm Strauch Versteckten.«
Es soll in der That unendlich gleichen
Dem Buch »von den tausend Gaunerstreichen.«

Ihr alle werdet noch einmal –
Wenn's geht ohn' erheblichen Skandal –
Wie Mathy und der Bassermann!
's ist hübsch doch, wenn man sagen kann,
Daß man sich Alles selbst gegeben
Und ausgesorgt hat fürs ganze Leben!
Und wenn die Leute dann auch munkeln,
Daß man dereinstens ist im Dunkeln 83
Ins Ministerium Bekk geschlichen
Und vom alten Pfade abgewichen:
Das kann geschehn, denn dunkel war
Die Nacht in jenem Februar.
Was nennt man auch jede Aenderung
Gleich einen Uebersprung?

———
Verfluchter Sperling, laß in Ruh
Die kaum entschlafenen Gespenster!
Rief ich voll Eckel, und das Fenster
Schlug ich, daß es klirrte, zu.
Mir war von alle Dem so dumm,
Als ging' mir ein Schneer im Kopf herum.
Erst jetzt, da ich wieder zu mir gekommen,
Seh' ich, daß ich mein Wort gebrochen,
Daß ich nicht hielt, was ich versprochen,
Daß ich die Linke nicht mitgenommen.
Verzeih, mein Leser, ich hab' nicht das Herz,
Sie heimzusuchen mit meinem Scherz,
Die Armen, die sich mühen und plagen
Und täglich sehn zu ihrer Qual
Ihr Ideal die Ueberzahl
Aufschieben, überstimmen, vertagen; 84
Verzeih, daß ich nicht über Schwache,
Die täglich eine Schlacht verlieren
Und doch das Schwert der Zukunft führen,
Daß ich über sie nicht Witze mache.
Ich harre der Zeit, da sie regieren.
Denn – merke diese ew'ge Wahrheit! –
Der Geist der Zeit in seiner Klarheit
Ist stets nur von Minoritäten
Erkannt, gefeiert und vertreten.
So zieht er tapfer in den Streit
Und siegt auch in der Minderheit.
Doch, hat er seine Geistesschlacht
Gewonnen gegen die Uebermacht,
Ist seine Sendung auch vollbracht.
Denn schnell hat dann die Minderheit
Sich in die Mehrheit umgekehrt,
Und noth thut's, daß im neuen Streit
Sie neu bekämpft ein neues Schwert
Und neue minderzähl'ge Streiter,
Und stets so fort und immer weiter.
Jetzt sieht der heitre, klare Blick
Am Ziele stehn die Republik;
In ihr wird manches Herz erwarmen
Für Das, was man nennt das Recht der Armen. 85
Dann wieder gilt der Edlen Sorgen,
Daß sich der Bildung Sonnenstrahlen
Herab von den Höhn gleich lichtem Morgen
Senken zu der Menschheit Thalen,
Bis daß die Zeit der Poesie
Herabkommt wie das Morgenroth,
Wo nicht Verbote, nicht Gebot
Dem reinen Menschenthume noth –
Mit Einem Wort – die Anarchie!

Von allen Seiten tönt es: Schluß!
Die Rechte poltert: Schluß, Schluß, Schluß!
So schließ' ich denn mit heiterem Gruß,
Auf Wiedersehn: Mauritius!

 
Finis Capitis secundi.

 


 

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