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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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8

Und nun stand auch der Student zum erstenmal vor der Braut seines Bruders. Die unverbindliche, schlaffe Haltung, das scharfgespannte Muskelspiel in dem fleischlosen Gesicht und die kahlgewordene Stirn machten ihn alt. Zorn und Groll brannten in seinen tiefliegenden Augen – er war ja in seiner Ecke ungesehener Zeuge des Gesprächs zwischen dem Minister und seinem Bruder gewesen... Jutta hatte offenbar einen sehr unangenehmen Eindruck von ihm, um so mehr, als auch nicht das geringste Zeichen verriet, daß ihn ihre äußere Erscheinung überrasche. Sie fand kein freundliches Wort und reichte ihm kalt die Fingerspitzen, die er ebenso frostig einen Moment berührte.

Wie ermüdet, oder auch gelangweilt, ganz im Stil einer hochgebietenden, vollendeten Weltdame, ließ sie sich in einen Sessel fallen – der hinreißende Zauber kindlicher Befangenheit, mit dem sie vor dem Minister gestanden, war verschwunden. Sie lud die Herren mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen. Frau von Herbeck setzte sich neben sie auf das Sofa. Die gute Dame, die nicht wich und wankte in ihrem ehrenhaften Amt als Tugendwächterin, sah sehr echauffiert aus – der Student dachte bei diesen glühenden Wangen und den im feuchten Glanze schwimmenden Augen unehrerbietig genug an einige silberhalsige Flaschen, die er im Vorbeischreiten auf einem Büfett des Vestibüls gesehen hatte.

Sie hatte ihre Verlegenheit und Entrüstung von vorhin tapfer niedergekämpft und bemächtigte sich sofort der Konversation, da Jutta schweigend und sichtlich verstimmt einzig und allein damit beschäftigt schien, die Hyazinthenglocken ihres Buketts zu zählen... Sie sprach von dem großen Wasser draußen, von der Möglichkeit einer Überschwemmung, von ihrer Angst, daß das Wasser bis an die Treppe des weißen Schlosses steigen könne, aber mit keinem Wort von den bedrohten Lehmhütten des Dorfes.

Der Hüttenmeister ließ sie eine Zeitlang gewähren – vielleicht hörte er gar nicht, was sie plauderte –, sein Blick haftete fest auf dem Gesicht seiner Braut – einmal mußten sich doch diese gesenkten Wimpern heben... Man sagt, das schlafende Kind erwache unter einem durchdringenden Blick – eine mimosenhafte Empfindlichkeit der reinen Kinderseele! – War alles kindliche Gefühl aus dem scheinbar tief in sich versenkten Mädchengemüt gewichen, oder fehlte der erweckende elektrische Funke in dem Augenstrahl des ihr gegenübersitzenden Mannes? – Sie sah nicht auf, kein Zug ihres Gesichts veränderte sich.

»Ich bin sehr begierig, das Notturno von Chopin von dir zu hören, Jutta«, sagte der Hüttenmeister plötzlich mit seiner festen, wohllautenden Stimme mitten in eine fließende Phrase der Gouvernante hinein.

Jutta fuhr empor – jetzt waren die Wimpern aufgeschlagen, und die Augen, größer als je, sahen ihn mit einem Gemisch von Schrecken und Erstaunen an. Frau von Herbeck aber verstummte und erstarrte – sollte dieser Mensch wohl so maßlos unverschämt sein, an die Möglichkeit seiner Gegenwart im Musikzimmer Seiner Exzellenz des Ministers zu denken?

»Begreiflicherweise nicht hier, wo du kein eigenes Instrument hast!« fuhr er gelassen fort. »Wir gehen ins Pfarrhaus« –

»Ins Pfarrhaus?« rief Frau von Herbeck und schlug die Hände zusammen. »Um Himmels willen, wie kommen Sie denn auf diese Idee, bester Herr Hüttenmeister?... Ins Pfarrhaus kann Fräulein von Zweiflingen doch unmöglich gehen – sie ist ja mit den Leuten total zerfallen!«

»Das höre ich zum erstenmal«, sagte der junge Mann. »Wie, zerfallen, weil deine angegriffenen Nerven den Kinderlärm nicht ertragen konnten?« wandte er sich an Jutta.

»Nun ja, das war der hauptsächlichste Grund«, entgegnete sie trotzig. »Ich schaudere noch in der Erinnerung an diese Linchen und Minchen, Karlchen und Fritzchen mit ihren nägelbeschlagenen Schuhen und den ohrzerreißenden Stimmen – mein nervöses Kopfweh ist eine Errungenschaft aus jener entsetzlichen Zeit... Weiter aber – ich sehe nicht ein, weshalb ich dir's länger verschweigen soll – habe ich einen unsäglichen Widerwillen gegen die Pfarrerin selbst. Diese grobe, hausbackene Person steckt voll maßloser Herrschsucht, und ich fühle selbstverständlich nicht die mindeste Lust, mich unter ein Kommando zu stellen, das mir durchaus Besen und Kochtopf aufnötigen und alle höheren Interessen in mir ersticken will.«

Sie sank wieder zurück und ließ die Lider über die Augen fallen. Die dunkle Lockenflut breitete sich über das grüne Polster, und das Gesicht mit den energisch geschlossenen Lippen hatte etwas Sphinxartiges.

»Das ist ein hartes und sehr – vorschnelles Urteil, Jutta!« sagte der Hüttenmeister unwillig... »Ich stelle die Pfarrerin sehr hoch, und ich nicht allein – sie wird geliebt und geehrt in der ganzen Umgegend –«

»Ach mein Gott – was wissen denn diese Bauern!« warf Frau von Herbeck achselzuckend ein.

»Jutta, ich muß dich dringend bitten, einen vortrefflichen Frauencharakter ernstlicher zu prüfen!« fuhr er fort, ohne den impertinenten Einwurf der Gouvernante zu beachten. »Um so mehr, als du künftig auf dem einsamen Hüttenwerk beinahe nur mit ihr Verkehr haben wirst.«

Jutta senkte lautlos den Kopf, und Frau von Herbeck räusperte sich, während sie sich alle erdenkliche Mühe gab, die Ecken ihres Taschentuches glatt zu zupfen.

»Und nun erlaubst du mir, daß ich dir Hut und Mantel hole, nicht wahr?« fragte der Hüttenmeister, sich erhebend. »Die Luft draußen ist köstlich –«

»Und die Wege schwimmen«, ergänzte die Gouvernante trocken. »Herr Hüttenmeister, ich begreife Sie wirklich nicht!... Wollen Sie Fräulein von Zweiflingen um jeden Preis krank machen?... Ich hüte sie ängstlich vor jedem Zuglüftchen, und nun soll sie sich unnötigerweise durchaus nasse Füße holen. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber das gebe ich nun und nimmermehr zu!«

Die leutselige gnädige Frau fiel ein wenig aus ihrer Rolle – ein kalter, lauernder Blick fuhr blitzschnell über den Hüttenmeister hin; dieser eine Blick aber belehrte sie plötzlich, daß der für so simpel gehaltene, wortkarge Mann nicht im geringsten mit sich spaßen lasse.

»Der Waldweg, auf dem meine Braut mir oft entgegengegangen ist, war fast immer bodenlos – meinst du nicht, Jutta?« sagte er lächelnd.

Ein feindseliger Ausdruck erschien auf dem Gesicht der jungen Dame... Was brauchte denn Frau von Herbeck zu wissen, daß es eine Zeit gegeben hatte, wo sie in fieberhafter Ungeduld und Sehnsucht, durch Wind und Wetter, dem Geliebten entgegengegangen war?... Sie beantwortete die Frage nicht.

»Das ist ein Streit um des Kaisers Bart«, sagte sie herb, in schneidendem Tone. »Ich gehe eben entschieden heute nicht aus, am allerwenigsten aber ins Pfarrhaus!... Das erkläre ich dir hiermit unumwunden, Theobald, nie und nimmer betrete ich diese Schwelle wieder!«

Der Hüttenmeister schwieg einen Augenblick. Er stand noch und stützte die Hand auf die Stuhllehne – seine über der Nasenwurzel zusammengewachsenen dunklen Brauen, die das schöne Gesicht so schwermütig machten, runzelten sich finster.

»In drei Wochen kehrt die kleine Gräfin Sturm nach A. zurück?« fragte er, aber mit sehr viel Bestimmtheit und Nachdruck, die eine falsch verneinende oder ausweichende Antwort unmöglich machten.

Die Damen sahen ihn bestürzt an, allein keine widersprach.

»Darf ich fragen, Jutta, wo du zu bleiben gedenkst, wenn das weiße Schloß leer und verlassen ist?« fragte er weiter.

Plötzliche Stille... Es gibt Momente, die eine ganze Reihe unaufhaltsamer Ereignisse in eine Zeitdauer von wenigen Minuten einschließen, der Mensch fühlt instinktmäßig ihre Bedeutung – es ist, als stünde er unter dem lose gewordenen Schlußstein eines Gewölbes, die nächste Erschütterung wirft ihn herab, und der Bau bricht zusammen – eine solche Erschütterung ist das erste Wort... Der Hüttenmeister sprach es aus, gerade weil ein energischer Griff in die gegenwärtigen Verhältnisse unumgänglich nötig war.

»Bis zu dem Zeitpunkt, da ich als dein einziger Beschützer auftreten und dich im eigenen Hause haben und hegen darf«, sagte er – seine Stimme verschleierte sich und bebte, und ein Strahl heimlichen, unsäglichen Glückes brach aus seinen Augen – »bis zu dem Zeitpunkt gibt es keinen anderen anständigen Aufenthalt für dich als eben das Pfarrhaus.«

Jetzt erhob sich Frau von Herbeck auch und stemmte ihre weißen, vollen Hände auf den Tisch.

»Wie, Sie wären allen Ernstes imstande, Fräulein von Zweiflingen in diese – Gott verzeih mir's – Spelunke zurückzubringen?« rief sie. »Soll denn diese lebensfrische Geisteskraft durchaus erstickt werden in der frömmelnden pietistischen Gesellschaft da drüben?... Mir möchte das Herz brechen, wenn ich mir so viel Seelenadel, diese echt aristokratische Mädchenerscheinung inmitten der pfarrherrlichen Hühner und Gänse und eines rüden, widerwärtigen Kinderschwarmes denke!... Schmale Bissen, derbe Hausarbeit und als geistigen Genuß ein Kapitel aus der Bibel – Sie wagen es wirklich, diese köstliche Dreieinigkeit einer hochgebildeten jungen Dame von Stande zuzumuten? Mein Herr Hüttenmeister, Sie mögen Ihre Braut recht lieb haben – ich will es nicht bezweifeln –, aber – nichts für ungut – die Zartheit der Liebe besitzen Sie nicht, sonst würden Sie nicht ein Etwas in Juttas Seele so rauh ignorieren, das nun einmal da ist, das die Herren Sozialisten und Demokraten mit all ihrer Weisheit nicht wegzuspotten vermögen, das unter dem schwersten Drucke fortlebt, weil es tatsächlich göttlichen Ursprungs ist – ich meine das Bewußtsein der höheren Abkunft!«

Der Student schnellte ein Stück mit seinem Stuhl zurück, und die hochgehobene geballte Hand wäre sicher mit einem zerschmetternden Schlag auf den Tisch niedergefallen, hätte sie nicht der Hüttenmeister noch rechtzeitig ergriffen und festgehalten; aber so ernst warnend er auch den jungen Heißsporn ansah, er bedurfte offenbar selbst aller ihm zu Gebote stehenden Energie, um seine äußere ruhige Haltung zu behaupten.

»Und so denkst du auch, Jutta?« fragte er mit schwerer Betonung.

»Mein Gott, wie du doch alles gleich so tragisch nimmst!« entgegnete sie verdrießlich.

Ihre großen, dunkeln Augen hatten einen Moment mit wahrhaft vernichtender Kälte den Studenten gemustert, der es wagte, seine ungeschliffenen Burschenmanieren in das weiße Schloß mitzubringen. Jetzt richteten sie sich auf den Hüttenmeister.

»Du kannst doch unmöglich verlangen, daß ich eine Hymne zur Ehre des Hauses anstimme, in dem ich mich namenlos elend und verlassen gefühlt habe?« fuhr sie fort. »Aber ich bitte dich, Theobald, stehe nicht so entsetzlich entschlossen dort! Muß es denn immer heißen: ›entweder oder‹?«

Sie deutete mit der Hand auf den Stuhl.

»Komm, setze dich noch einen Augenblick!« forderte sie ihn fast zutraulich auf. Ein Lächeln irrte um ihre Lippen, ein flüchtiges, kühles Lächeln – aber es war für heute das erste und einzige –, es hatte etwas Versöhnliches für den jungen Mann. Er setzte sich.

»Ich weiß einen Ausweg –« hob sie an. Frau von Herbeck, die sich nach ihrer erhabenen Rede wieder in die Sofaecke hatte fallen lassen, legte hastig ihre Hand auf den Arm des jungen Mädchens.

»Nicht jetzt, meine Liebe!« warnte sie mit bedeutungsvollem Blick. »Der Herr Hüttenmeister scheint mir durchaus nicht in der Stimmung, die an sich so harmlose Sache auch harmlos anzusehen.«

»Aber, mein Gott, einmal muß es ja doch gesagt werden!« rief Jutta ärgerlich. »Theobald, ich habe einen Vorschlag, Plan, oder – nenne es, wie du willst« – die Vorschläge schienen heute in der Luft des weißen Schlosses zu liegen –, »Mit einem Wort: Die Fürstin von A. will mich als Hofdame annehmen...«

Da war ja der Moment, wo sich die Fugen lösten, wo es verhängnisvoll knisterte und wankte über dem Haupt eines verratenen Menschen – er hatte ja selbst mit seinem ersten Wort an das schwebende Unheil gerührt.

Er fragte nicht: »Kannst du es übers Herz bringen, dich von mir zu trennen?« Die Frage aus einem Männermunde war bereits, angesichts des »beherzten, wohlüberlegten« Planes der jungen Dame, zur »lächerlichen Sentimentalität« geworden. Er sprach überhaupt nicht. Wollte dieses schöne, schwermütige Gesicht mit den fest auf den Boden haftenden Augen zur Leblosigkeit erstarren? Nur an den Schläfen stieg es unheimlich rot in die Höhe, als sei der Kreislauf des Blutes jählings aus seinen gewohnten Bahnen gewichen und stürme gefahrdrohend nach dem Gehirn. Erst als er nach einer lautlosen, peinvollen Pause die Lider hob, da sah man, daß seine Seele einen tödlichen Schlag erhalten hatte.

»Weiß die Fürstin, daß du verlobt bist?« fragte er tonlos, den erloschenen Blick auf seine Braut richtend.

»Bis jetzt noch nicht...«

»Und du glaubst, man werde in dem etikettenstrengen A. die Braut eines bürgerlichen Hüttenmeisters als Hofdame zulassen?«

»Wir hoffen zuversichtlich, daß die Herrschaften diesmal, in Rücksicht auf den alten Namen ›Zweiflingen‹ eine Ausnahme machen werden«, nahm Frau von Herbeck rasch und lebhaft das Wort. »Freilich muß man diese delikate Angelegenheit sehr, sehr subtil anfassen – überlassen Sie das mir, mein bester Herr Hüttenmeister!... Zeit bringt Rosen!... Im ersten halben Jahre brauchen die Durchlauchten noch gar nichts zu wissen – und dann –«

»Ich bitte Sie, lassen Sie mich mit meiner Braut allein, gnädige Frau!« unterbrach der Hüttenmeister den Redestrom der Dame.

Sie starrte ihn wortlos an... Wie, dieser Mann, den man notgedrungen hier und da auf eine Stunde im weißen Schlosse duldete, er wagte es, sie hinauszuweisen, und noch dazu aus einem Zimmer, das zu ihren eigenen Gemächern gehörte?... Nicht einmal Seine Exzellenz der Minister erlaubte sich diesen eiskalten, kurzen Ton, wenn er allein zu sein wünschte... Eigentlich war die bäurische Naivität, mit der die Begriffe geradezu auf den Kopf gestellt wurden, einfach lächerlich und amüsant – aber die gnädige Frau brachte das Lachen nicht fertig, dem furchtbaren Ernst und der finsteren Entschlossenheit gegenüber, mit der sich der junge Mann erhoben hatte und auf ihr Hinweggehen wartete.

Sie warf einen raschen Seitenblick auf Jutta, und angesichts dieses klassischen Profils mit den in leisem Hohn vibrierenden Nasenflügeln und trotzig geschlossenen Lippen, mit dem Gesamtausdruck eines kalt-grausamen Mutes, gab sie plötzlich ihren beabsichtigten Widerstand auf – nun war ihr auch, dem »ungeschliffenen Menschen« gegenüber, jedes Wort zu kostbar... Sie erhob sich spöttisch lächelnd in ihrer ganzen Würde und rauschte, weder rechts noch links sehend, hinüber in den Salon, während der Student hinausgehend die Korridortür hinter sich schloß.

Jutta stand auf und trat in die tiefe Fensternische, wohin ihr der Hüttenmeister folgte... Da stand das junge Paar, in vollendeter Körperschönheit eines der anderen würdig. Dicht neben ihnen fielen die grünen Vorhänge nieder, sie gleichsam abschließend von dem Verkehr und Treiben im Schlosse. Von den Wänden herab kamen die Ranken des großblätterigen schottischen Efeus und schlangen sich versöhnlich über die beiden, und draußen vor dem Fenster lag die weite Welt, über die der Frühling hinlächelte... Die jungen Bäume trieben neue Wurzeln, und die Blumen, die dereinst ihre bunten Köpfchen im Sonnenlicht wiegen wollten, drückten den kleinen Fuß fest in das Erdreich – alles wurzelte und trieb tief ein in dem heimischen Boden, sich selbst fesselnd und bindend, um droben in den sonnigen Lüften um so freudiger und sorgloser blühen zu können... Und hier fiel ein Menschenherz von dem anderen ab und riß in gewaltsamer Selbstbefreiung erbarmungslos an dem fesselnden Band, das mit tausend Wurzeln und Widerhaken in den tiefsten Tiefen der anderen Seele hing.

»Du stehst bereits in Beziehung zu dem A.schen Hofe?« begann der Hüttenmeister – eine entschiedene Frage, der man aber das Herzklopfen angstvoller Spannung anhören konnte.

»Ja«, entgegnete die junge Dame. Sie streifte mit den Händen über ihre knisternde Seidenrobe. »Diesen Stoff hat mir die Fürstin geschickt, und außerdem eine große Kiste voll der feinsten fertigen Leibwäsche, Schalen, Spitzen usw. Mein Ankleidezimmer sieht aus wie ein Basar... Die – Fürstin kennt meine finanzielle Lage, und es ist ihr wegen des Hofgeschwätzes unangenehm, wenn ich nicht standesgemäß nach A. komme.«

Dies alles sagte sie leichthin, als etwas Selbstverständliches, während der Hüttenmeister, sprachlos vor schreckensvoller Überraschung, förmlich zurücktaumelte... Aber jetzt brach auch bei diesem Manne der weisen Geduld und Mäßigung ein heiliger Zorn, ein schmerzlicher Ingrimm durch.

»Jutta, du hast es gewagt, eine so erbärmliche Komödie mit mir zu spielen?« stieß er erbittert hervor.

Sie maß ihn mit einem stolzen Blick vom Kopf bis zu Füßen. »Ich glaube gar, du willst mich beleidigen!« sagte sie kaltlächelnd, aber ihre Augen flimmerten in unheimlichem Glanze. »Hüte dich, Theobald – ich bin nicht mehr das unwissende Kind, das sich einst willenlos von dir und – einer verbitterten Mutter hat regieren lassen!«

Er starrte, wie aufgeschreckt, einen Augenblick in das dämonisch schöne Mädchengesicht – dann strich er sich tief aufseufzend mit der Hand über die Stirne.

»Ja, du hast recht – und ich bin blind gewesen!« murmelte er. »Du bist nicht mehr das Kind, das sich einst freiwillig an mein Herz legte und mir, dem Verzagten, sagte: ›Ich habe dich lieb – ach, so lieb!‹« – Er biß die Zähne zusammen.

Die junge Dame aber riß in zorniger Verlegenheit ein Efeublatt ab und zerzupfte es in kleine Stücke – das gleichmäßige Rauschen eines Seidenkleides klang ununterbrochen bis in die Fensternische; die Gouvernante marschierte dicht vor der offenen Salontür wie eine Schildwache auf und ab.

»Ich begreife nicht«, stieß Jutta mit funkelndem Blick hervor, »wie du dazu kommst, mich in so abgeschmackter Weise an meine Pflicht zu erinnern! – Beweise mir, daß ich sie verletzt habe!«

»Sogleich, Jutta! – Es gibt keinen Rückweg vom Fürstenhof in das Hüttenhaus!«

»Das sagst du – nicht ich!«

»Ja, das sage ich!... Und wenn du wirklich zu mir zurückkehrst – ich verschlösse mein Haus vor dir... Ich will keine Frau, die Hofluft geatmet hat! Ich will eine ursprüngliche, unberührte Seele neben mir, wie ich sie einst im Waldhause gefunden!... Oh, ich bin ein Tor gewesen, ein Wortbrüchiger der alten, blinden Frau gegenüber! Nicht eine Stunde durfte ich dich im weißen Schlosse allein lassen! Du bist schon vergiftet! – Der Plunder, mit dem du dich so wohlgefällig behängst« – er zeigte auf das strahlende Kleid –, »hat auch den Tau von deiner Seele gestreift!«

Das war eine tiefeinschneidende Beurteilung, und der sie ernst zürnend aussprach, trug den ganzen Glanz eigener fleckenloser Seelenreinheit auf der Stirne.

Frau von Herbeck kam tiefbesorgt über die Schwelle gerauscht – der streng sittliche Mensch kann in gewissen Momenten für frivole Naturen geradezu furchtbar werden, er hat Gewalt über sie –, aber Jutta winkte ihr, zurückzukehren – sie wolle allein fertig werden, sie brauchte keinen Beistand.

»Jutta, kehre um!« fuhr der Hüttenmeister in bebendem Tone fort, während er beschwörend die Linke der jungen Dame ergriff und sie an sich heranzog.

»Um keinen Preis – ich werde mich nicht so lächerlich machen!«

Er ließ ihre kleine, kalte, sich unwillkürlich krümmende Hand sinken.

»So – dann habe ich dich nur noch zu fragen, wessen Fürsprache du deine brillanten Aussichten verdankst?«

Sie sah ihn unsicher an – diese starre Ruhe hatte etwas Furchtbares.

»Meiner Freundin, Frau von Herbeck –« entgegnete sie zögernd.

»Wer unsere stolzen Herrschaften kennt, der weiß auch, daß eine Untergebene des Ministers keinen direkten Einfluß haben kann«, schnitt er die offenbar ausweichende Antwort kurz ab.

Die Gouvernante fuhr auf ihrem Lauscherposten zurück, wie von einer Natter gebissen.

»Jutta, ich persönlich habe dir nicht ein Wort mehr zu sagen – ich habe keinen Teil mehr an dir – das ist vorbei!« fuhr er in erhobenem Tone fort. »Aber im Namen deiner Mutter muß ich sprechen!... Gehe, wohin du willst – deine altadlige Abkunft wird dir an allen Höfen Zutritt verschaffen – nur bleibe nicht hier! Du darfst nicht Gunstbezeigungen aus den Händen derer nehmen, denen deine unglückliche Mutter geflucht hat!... Jutta, er, der Minister –«

»Ah, jetzt kommt die Revanche!« unterbrach ihn das junge Mädchen wild auflachend – sie floh aus der Fensternische in das Zimmer zurück. »Schmähe ihn, so viel du willst!« rief sie wie rasend vor Leidenschaft. »Nenne ihn einen Mörder, einen Teufel!... Und wenn es die ganze Welt schreit und beschwört – ich glaube nichts, nichts – ich höre nicht!«

Ihre kleinen Hände fuhren unter die Locken und legten sich auf die Ohren.

Die bleichgewordenen Lippen des jungen Mannes preßten sich bei diesem Anblick aufeinander, als wollten sie verstummen für immer und ewig. Langsam streifte er seinen Verlobungsring ab und reichte ihn der jungen Dame hin – sie griff hastig nach dem ihren, und jetzt – zum erstenmal während der ganzen stürmischen Szene – wurde ihr Gesicht dunkelrot in Scham und Verlegenheit... also deshalb hatte ihre zarte Rechte unverdrossen das schwere Bukett gehalten – die unschuldigen Blumen mußten den beraubten Goldfinger bedecken – dort in der Perlmutterschale, auf die der unsichere Blick der treulosen Braut fiel, lag der Ring – sie hatte ihn ja bereits abgelegt...

Der Hüttenmeister stieß ein markerschütterndes Lachen aus und taumelte durch die Tür, die der Student in demselben Augenblick öffnete, und aus dem Salon eilte Frau von Herbeck herüber und legte zärtlich ihre Arme um die »Standhafte«.

»Er hat es nicht anders gewollt, der Tor«, murmelte die junge Dame trotzig, indem sie sich ziemlich unsanft der Umarmung entzog. Sie atmete einen Augenblick eine erfrischende Essenz ein, dann warf sie sich eine Handvoll Reispuder ins Gesicht – als Schutz gegen die hautverderbende Erhitzung...

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