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Reichsgräfin Gisela

Eugenie Marlitt: Reichsgräfin Gisela - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleReichsgräfin Gisela
authorEugenie Marlitt
year1996
publisherUllstein Verlag
addressBerlin
isbn3-548-23760-6
titleReichsgräfin Gisela
pages3-462
created20000608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1869
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7

In diesem Augenblick schrillte eine heftig angezogene Klingel durch den Korridor. Lena, die ein Bündel Kleidungsstücke auf dem Arme trug, drängte sich hastig an den beiden jungen Leuten vorüber und verschwand in einem Seitenzimmer, dessen Türflügel weit offen standen.

Drüben schalt eine Kinderstimme die Kammerjungfer wegen ihres langen Ausbleibens. Bertold hörte diese herrischen, aber trotz alledem doch so süßklingenden Laute zum erstenmal; er bog unwillkürlich den Kopf vor. Eine lange Flucht von Gemächern schloß sich dem Boudoir an, in dem er sich befand.

In der gegenüberliegenden Tür des anstoßenden Salons stand die kleine Gräfin, das Geschöpfchen, das den Nimbus eines feudalen, altberühmten Namens über der Stirne trug und mit seinen kleinen Füßen herrschend auf einem kolossalen Besitz stand... Eine Portiere von dunkelviolettem Plüsch hing über dem blassen Gesichtchen und verlieh ihm einen häßlich gelben Ton – abstoßend vom Kopf bis zur Zehe stand das Kind dort, für diesen Moment selbst des einzigen Reizes verlustig, den es besaß: Die braunen Augen mit dem sonst so weichen Blick sprühten vor Erbitterung und – Hochmut.

Die Kleine nahm einen Mantel von Lenas Arm und warf ihn über die Schultern; das rosenrote Hütchen jedoch, das ihr die Kammerjungfer hinhielt, wies sie zurück.

»Es ist ja aber das Neueste!« bat Lena. »Exzellenz der Papa haben es gestern mitgebracht –«

»Ich will nicht«, entschied die kleine Gräfin kurz und ergriff eine dunkle Kapuze, in die sie das Köpfchen hüllte. Dann lockte sie Puß, der auf einem Kissen am Ofen lag, zu sich heran und nahm ihn auf den Arm.

Drunten fuhr donnernd ein Wagen vor... Die Kammerjungfer, die bereits in einem dicken Winterüberwurf steckte, warf eine Kapuze über den Kopf – das alles sah aus wie eine schleunige Abreise.

Jetzt erst, als sie sich zum Gehen anschickte, sah Gisela den Hüttenmeister, der währenddessen in die Salontür getreten war. Sie nickte ihm leicht, wie einem alten Bekannten, zu, aber das holde Lächeln, das auch er bisweilen an ihr gesehen, erschien nicht auf dem unschönen Gesichtchen.

»Ich fahre nach Greinsfeld«, sagte sie trotzig. »Greinsfeld gehört mir ganz allein, hat die Großmama immer gesagt... Papa will dem Fräulein von Zweiflingen die Roxane schenken...«

»Wer ist denn Roxane?« fragte der Hüttenmeister mit dem schwachen Versuch eines Lächelns – seine sonst so volle Stimme klang matt und tonlos.

»Nun, Großmamas Reitpferd... Fräulein von Zweiflingen soll reiten lernen, hat Papa heute bei Tische gesagt... Die arme Roxane, ich hab' sie sehr lieb und leide es nicht, daß sie so abgehetzt wird!... Und sehen Sie doch, das ganze Seezimmer hat Papa heraufschaffen lassen – die Großmama wird sehr, sehr böse sein im Himmel!«

Sie schritt aufgeregt zum Ausgang zu; aber noch einmal drehte sie sich um. »Ich hab' dem Papa gesagt, daß ich Fräulein von Zweiflingen nicht leiden kann«, sagte sie, den kleinen Kopf zurückwerfend – die tiefste, innerste Genugtuung klang noch aus jedem Laut –, »sie ist unartig gegen unsere Leute und sieht immerfort in den Spiegel, wenn sie mir Stunden gibt... Aber da ist Papa furchtbar böse geworden – ich sollte sie um Verzeihung bitten, denn sie hatte ein ganz rotes Gesicht... Oh, ich werde mich hüten! Es schickt sich nicht für mich zu bitten, hat die Großmama immer gesagt –«

Sie brach plötzlich ab – der unten haltende Wagen rollte davon. Fast zu gleicher Zeit wurde eine Tür am äußersten Ende der langen Zimmerreihe geöffnet, und wenn auch die allerorten liegenden dicken Teppiche die Fußtritte dämpften, so hörte man doch, daß ein Mann rasch näher schritt.

»Exzellenz der Papa!« flüsterte Lena.

Gisela wandte sich um. Jedes andere Kind würde in einer ähnlichen Lage Furcht und Angst empfunden haben, denn das Gefühl der Ohnmacht und Abhängigkeit bricht in entscheidenden Momenten unerbittlich selbst über die trotzigste Kinderseele herein – allein diese kleine Waise wußte ja, daß sie selbständig sei; um das aristokratische Bewußtsein in ihr zu erwecken, hatte man ihr das holde Gefühl kindlicher Abhängigkeit und Unterwerfung geraubt... Sie drückte ihren Puß fest an sich und erwartete, unter den Plüschvorhang tretend, ruhig ihren Stiefvater.

Der Hüttenmeister zog sich in den Hintergrund des Boudoirs zurück.

»Hochmütige Brut! – Wie gut die kleine Schlange schon zu zischen versteht!« murmelte der Student grimmig, indem er sich widerwillig neben seinen Bruder stellte – er hätte am liebsten das weiße Schloß mit all seinen Insassen im Rücken gehabt.

Der Minister war inzwischen näher gekommen.

»Ah – in der Tat reisefertig, mein Hühnchen?« fragte er mit kaltem Spott – wer aber die Stimme dieses Mannes genau kannte, der mußte sofort erkennen, daß ihn die gewohnte Ruhe verlassen hatte – er war offenbar tief erregt. »Also nach Greinsfeld wollte die Gräfin? Und Sie sind albern genug, sie bei dieser Farce zu unterstützen?« fuhr er die Kammerjungfer an.

»Exzellenz«, verteidigte sich das Mädchen resolut, »die Gräfin hat stets selbst befohlen, wenn sie ausfahren will, und uns allen ist streng verboten worden, ihr zu widersprechen.«

Diesen begründeten Einwurf völlig ignorierend, zeigte der Minister gebieterisch nach der Tür, hinter der die Kammerjungfer sofort verschwand; dann ergriff er ohne weiteres die Katze, um sie nach ihrem Kissen zu jagen, und ebenso rasch nahm er dem Kinde Mantel und Kapuze ab und warf sie auf den nächsten Stuhl... Währenddessen hatte sein Gesicht jene förmlich versteinerte Ruhe wieder angenommen, die stets für Freund und Feind unergründlich blieb. Auch nicht der leiseste Strahl von Zärtlichkeit fiel aus den tief niedergesunkenen Lidern auf die kleine Stieftochter, gleichwohl strich er liebkosend mit seinen schlanken, weißen Händen über ihren Scheitel – das Kind fuhr zurück wie von einer Tarantel gestochen.

»Sei vernünftig, Gisela!« mahnte er drohend. »Zwinge mich nicht, dich ernstlich zu strafen!... Du wirst dich mit Fräulein von Zweiflingen versöhnen, und zwar auf der Stelle – ich will es noch sehen, ehe ich abreise!«

»Nein, Papa – sie kann wieder ins Pfarrhaus ziehen oder zu der alten blinden Frau im Walde, die so bös war –«

Der Minister erfaßte erbittert die magere, zerbrechliche Gestalt und schüttelte sie heftig; zum erstenmal in ihrem jungen Leben wurde die Kleine in der Weise gezüchtigt. – Sie schrie nicht, und die Augen blieben tränenlos, aber ihr Gesicht wurde weiß wie Kalk.

»Papa, du darfst mir nichts tun – die Großmama sieht's!« drohte sie mit halberstickter Stimme.

Dieser peinlichen Szene machte der Hüttenmeister rasch ein Ende, indem er sich der Salontür näherte und somit in den Gesichtskreis des Ministers trat... Es gab wohl wenige, die sich diesem Mann ohne Herzklopfen näherten – er war es gewohnt, niedergeschlagene Augen und ängstlich befangene Gesichter vor sich zu sehen –, und jetzt stand da drüben im Seezimmer »unangemeldet« die imposante Mannesgestalt, deren hochgetragener blonder Lockenkopf sich so kühn von dem leuchtenden, seidenrauschenden Hintergrund abhob. Zudem überraschte der Eindringling den vollendeten Diplomaten in einem Moment, wo ihm die eiserne Maske vornehmer Ruhe entfallen – diese zwei »Taktlosigkeiten« waren es ohne Zweifel, die das Gesicht Seiner Exzellenz mit einer hohen Zornesröte übergossen, während ein wahrhaft vernichtender Blick sich in die ernsten, furchtlosen Augen des Hüttenmeisters bohrte. Dies alles aber war nur die Erscheinung eines Augenblicks.

»Ah, sieh da, Hüttenmeister Ehrhardt!... Wie kommen Sie denn hierher?« rief der Minister, indem er mit eisernem Griff die widerspenstige kleine Gräfin auf den nächsten Fauteuil nötigte... Die Nonchalance und eiskalte Herablassung in seinem Ton, wie auch die meisterhaft markierte Verwunderung über die unverhoffte Anwesenheit des jungen Beamten in Seiner Exzellenz Schlosse hatten etwas unbeschreiblich Verletzendes.

»Ich erwarte meine Braut«, entgegnete der Hüttenmeister, ruhig in seiner nichts weniger als devoten Haltung verharrend.

»Ah, so – ich vergaß –!« Mit diesen Worten legte der Minister seine Hand über Stirn und Augen; diese feinen, schlanken Finger genügten jedoch nicht, die dunkle Glut zu bedecken, die jählings über sein Gesicht hinfuhr... Er trat rasch an das Fenster und trommelte auf den Scheiben, aber schon nach wenigen Augenblicken wandte er sich nachlässig um – sein Gesicht war blutlos und undurchdringlich wie immer.

»Soviel ich mich erinnere, haben Sie bei meiner jedesmaligen Anwesenheit in Arnsberg den Versuch gemacht, mich zu sprechen«, sagte er. »Sie werden ebenso, wie alle anderen, den Bescheid erhalten haben, daß ich lediglich nach dem weißen Schlosse komme, um mein Kind zu sehen, und für diesen Erholungstag alles Geschäftliche beiseite gelegt wissen will. Indes, Sie sind einmal da, und wenn Sie« – er zog seine Uhr und sah nach der Zeit – »Ihren Vortrag in fünf Minuten fassen können, so sprechen Sie... Aber kommen Sie herüber – ich kann Ihnen doch unmöglich in Fräulein von Zweiflingens Zimmer Audienz erteilen!«

Diese letzte Bemerkung sollte ironisch, leicht hingeworfen klingen – einem feinen Ohr konnte der stille Ingrimm und eine Art von fieberhafter Hast in Ton und Wesen des Ministers nicht entgehen.

Er lehnte sich gegen den niedrigen Fenstersims, schlug die Füße übereinander und kreuzte die Arme, während der Hüttenmeister über die Schwelle trat und sich verbeugte... Und wenn auch Seine Exzellenz die höchste Eleganz und aristokratische Feinheit in jeder Bewegung entwickelte, wenn unsichtbar die Freiherrnkrone über seinem Haupte schwebte und sichtbar unzähligemal sich präsentierte auf Wagenschlag, Siegelring und Taschentüchern, wenn jeder Ausspruch seines Mundes, jeder Wink seiner Hand Tausenden zu denken und zu fürchten gab – er konnte sich doch nicht messen mit dem, der in diesem Augenblick ihm gegenüberstand.

»Exzellenz«, begann der Hüttenmeister, »ich wollte mir erlauben, das mündlich vorzutragen, was ich bereits schriftlich wiederholt, aber ohne allen Erfolg –«

Der Minister erhob sich rasch und streckte ihm unterbrechend die Hand entgegen.

»Aha – bemühen Sie sich nicht weiter – nun weiß ich schon!« rief er. »Sie wollen Zulage für die Neuenfelder Hüttenarbeiter, weil die Kartoffelernte schlecht ausgefallen ist... Herr, Sie sind des Teufels mit Ihren ewigen Eingaben – Sie und der Neuenfelder Pfarrer!... Glauben Sie denn, wir schütteln das Geld aus dem Ärmel und haben nichts anderes zu tun, als Ihre Berichte zu lesen und uns um die armseligen Nester hier oben zu kümmern?... Nicht ein Pfennig wird bewilligt – nicht ein Pfennig!«...

Er ging einigemal auf und ab.

»Übrigens«, sagte er stehen bleibend, »ist es gar nicht so schlimm, wie Sie und noch so manche andere uns weismachen möchten – die Leute sehen ganz gut aus.«

»Allerdings, Exzellenz«, erwiderte der Hüttenmeister, und die schöne Purpurröte, die sofort jede Gemütserregung in ihm verriet, stieg auch jetzt in seine Wangen, » noch ist die eigentliche Hungersnot nicht über uns hereingebrochen – eben, um ihr vorzubeugen, bitten wir; wenn erst der Hungertyphus wütet, dann ist es zu spät – der Sterbende braucht kein Brot mehr... Es wäre unbillig, von der Staatsregierung zu verlangen, daß sie jede Kalamität sofort in ihrem Ursprung erkenne – sie hat, wie Euer Exzellenz sagen, mehr zu tun –, aber ich meine, dazu sind wir ja auch da, die wir im Volke leben –«

»Mitnichten, mein Herr Hüttenmeister, dazu sind Sie nicht da!« unterbrach ihn der Minister – die schläfrigen Lider hoben sich abermals, und ein unsäglich hohnvoller, verächtlicher Blick maß den jungen Beamten. – »Sie haben den Leuten ihren Wochenlohn auszuzahlen und damit basta – ob sie damit auskommen oder nicht, ist ihre Sache... Sie sind fürstlicher Diener, und als solcher haben Sie einzig und allein den Vorteil Ihres Herrn zu wahren –«

»Das tue ich redlich, wenn auch noch in einem anderen Sinne, als Exzellenz meinen«, versetzte der Hüttenmeister fest – er war bleich geworden, blieb aber unerschütterlich ruhig. »Jeder Beamte, hoch und niedrig, ist Diener des Fürsten und Volkes zugleich, ein vermittelndes Glied zwischen beiden, in seiner Hand liegt es zum großen Teil, die Liebe des Volkes zu der herrschenden Dynastie zu befestigen... Ich kann unserem Herrn nicht treuer dienen, als wenn ich um das Wohl und Wehe der wenigen seiner Landeskinder, die mein Wirkungskreis mit umschließt, rastlos besorgt bin und in dem Glauben lebe, ich sei auf diesen Standpunkt gestellt, um –«

»Genau wie der fromme Pfarrer von Neuenfeld!« unterbrach der Minister mit einem spöttischen Lächeln den Sprechenden. »Der bringt auch immer seinen gottgesegneten Standpunkt!... Ja, ja, lauter Herren von Gottes Gnaden, die sich einbilden, ins Regieren pfuschen zu dürfen!... Ich bin übrigens begierig, von Ihnen zu hören, wie wir die nötigen Mittel beschaffen sollen, denn, ich wiederhole es, zu dergleichen Zwecken haben wir absolut kein Geld... Soll vielleicht Seine Durchlaucht die für den Mai geplante Vergnügungsreise aufgeben? Oder wünschen Sie, daß der heutige Hofball abgesagt werde?«

Der Hüttenmeister biß sich auf die Lippen, und die Finger seiner schönen, kräftigen Hand krümmten sich unwillkürlich zur Faust – der unglaubliche Hohn des Ministers mußte das friedfertigste Gemüt bis in seine tiefsten Tiefen empören; aber obgleich man das stürmische Herzklopfen in der Stimme des jungen Mannes hören konnte, entgegnete er doch sehr beherrscht: »Wenn unser durchlauchtigster Herr wußte, wie es hier oben steht, dann würde er sicher die Reise aufgeben, denn er ist edel. Und zur Ehre der Damen, die heute abend bei Hofe erscheinen, will ich glauben, daß sie zugunsten der Hungernden auf das Vergnügen des Tanzes verzichten würden... Es könnte vieles anders sein, wenn –«

»Wenn ich nicht wäre, nicht wahr?« unterbrach ihn der Minister, indem er mit einem sardonischen Lächeln auf die Schulter des jungen Mannes klopfte. »Ja, ja, mein Lieber, auch ich huldige dem göttlichen Prinzip, nach dem die Bäume nicht in den Himmel wachsen dürfen... Und nun genug!... Mir dürfen Sie am allerwenigsten mit dergleichen sentimentalen, völkerbeglückenden Ideen kommen, denn ich bin durchaus nicht Diener des Volkes – wie Sie vorhin so geistreich zu bemerken beliebten –, sondern einzig und allein Hüter und Mehrer des dynastischen Glanzes – das ist mein Streben, ein anderes kenne ich nicht!«

Er ging mit auf dem Rücken gekreuzten Händen wieder auf und ab. Der Hüttenmeister hatte früher manchmal vor diesem Manne gestanden. Im gewöhnlichen Verkehr entwickelte er bei aller undurchdringlichen Verschlossenheit der Außenseite doch so viel Liebenswürdigkeit, daß man für Augenblicke vergaß, den bösen Feind des Landes in ihm zu sehen – es mußten außergewöhnliche Vorgänge in seiner Seele sein, welche die Leidenschaft so rückhaltlos auf die Oberfläche trieben...

»Sie sind ein unverbesserlicher Schwärmer, ich kenne Sie!« sagte er, nach einer Pause stehen bleibend – wunderbarerweise klang seine erst so scharf zugespitzte Stimme plötzlich weich und wohlwollend. »Bei Ihrer sogenannten humanen Anschauungsweise müssen Sie sich hier oben unbehaglich fühlen – ich sehe das ein, kann Ihnen jedoch mit dem besten Willen nicht in der Weise helfen, wie Sie wünschen... Aber einen Vorschlag möchte ich Ihnen machen« – die langen Lider legten sich bei diesen Worten tief über die Augen, es war unmöglich, auch nur einen Zug seines Gesichtes zu entziffern, so starr und unbeweglich erschien es –, »es würde mir ein leichtes sein, Sie in England brillant zu placieren...«

»Ich danke, Exzellenz!« unterbrach ihn der junge Mann eiskalt. »Als mein Vater starb, da legte er mir zweierlei ans Herz: die Sorge für meinen unmündigen Bruder und den dringenden Wunsch, daß ich dereinst seinen Posten am hiesigen Hüttenwerk bekleiden möchte... Er war ein Neuenfelder Kind, ein wackerer Thüringer, der sein ganzes Leben nach Kräften gestrebt hat, seinen armen Landsleuten aufzuhelfen... Und ich denke wie er, Exzellenz!... Ich will mit ihnen leben und leiden – ich verdiente nicht, sein Sohn zu sein, wenn ich feig dem Elend den Rücken kehren wollte, das er mutig zu bekämpfen gesucht hat!«

»Nun, nun, ereifern Sie sich nicht!« unterbrach ihn der Minister, indem er ihm mit wahrhaft vernichtender Ironie scheinbar besänftigend die Hand entgegenstreckte. »Leiden Sie immerhin, wenn es Ihnen Vergnügen macht!«

Die nächste Umgebung des Ministers würde in diesem Augenblick gezittert haben – diese jähe Glut, die häßliche rote Flecken auf die weiße Stirn warf, war das untrügliche Anzeichen eines herannahenden Sturmes – er kam jedoch nicht zum Ausbruch... Es war nur das leise Knistern und Rauschen seidener Gewänder, das sich dem Salon näherte, aber bei diesem feinen Geräusch schlossen sich die halbgeöffneten Lippen des gereizten Mannes wieder fest aufeinander; wie von einem elektrischen Schlag berührt, wandte sich sein Kopf nach der Zimmerreihe, dabei bewegte er die Hand hastig und gebieterisch als Zeichen der Entlassung nach dem Hüttenmeister zurück – allein, mißverstand der junge Beamte diese unzweideutige Gebärde, oder wollte er, aller Etikette zum Trotz, eigenmächtig die Audienz verlängern?... Er wich nur bis an die Tür zurück, dort blieb er stehen, den Ausdruck eiserner Entschlossenheit auf dem blaßgewordenen Gesicht, während der Minister unter den Plüschvorhang trat.

»Nun, meine beste Frau von Herbeck, ist Ihnen die Zeit unten gar so lang geworden, daß Sie meine Zurückkunft nicht erwarten konnten?« rief Seine Exzellenz der Gouvernante entgegen, die in Juttas Begleitung rasch auf ihn zuschritt.

»Ich konnte unmöglich annehmen, daß Exzellenz noch einmal nach dem Speisezimmer zurückkehren würden«, entgegnete die Dame, tief betroffen von dem heftigen Unwillen in seiner schneidend scharfen Stimme. »Der Wagen wartet bereits.«

Diesen Augenblick benutzte ein Bedienter, der den Damen gefolgt war – er meldete mit einem tiefen Bückling, daß alles zur Abfahrt bereit sei.

»Ausspannen und um sechs Uhr wieder vorfahren!« herrschte ihn der Minister an. Der verblüffte Mensch flog davon, wie eine fortgewirbelte Handvoll Spreu.

Mittlerweile glitt die kleine Gisela von ihrem Sessel herab, aber nicht, um der Verhaßten, die jeden Augenblick in den Salon treten konnte, aus dem Wege zu gehen. Sie war dem Wortwechsel zwischen ihrem Stiefvater und dem Hüttenmeister regungslos gefolgt; ihr kleines trotziges Herz mußte wohl über den Worten »Hungersnot« und »Sterben« den eigenen Groll und Kummer für einen Moment völlig vergessen haben, denn ohne nur einen Blick auf den Minister und die draußen stehenden Damen zu werfen, trat sie vor den Hüttenmeister hin und fragte hastig, mit nicht zu verkennender Angst: »Haben die Kinder in Neuenfeld wirklich gar nichts zu essen?«

Bei diesen kindlichen Lauten fuhr der Minister herum – er hatte ohne Zweifel gemeint, der Bittsteller habe das Zimmer verlassen, und nun stand er noch dort, so »unanständig selbstbewußt und zuversichtlich«, als sei der Salon der kleinen Gräfin Sturm und das Schloß Seiner Exzellenz »des Ministers« der Boden, auf den er von Rechts wegen gehöre.

Durch die rasche Wendung des Ministers war die Tür frei geworden, an deren Schwelle Jutta stand. Der Moment schien gekommen, wo dies junge Mädchen neidlos an das schimmernde Atlasgewand des mütterlichen Porträts denken konnte... Sie hatte zum erstenmal die tiefe Trauer abgelegt. Ein hellgrauer, schillernder Seidenstoff fiel in starren, schweren Falten von den Hüften nieder, um die Büste aber legte er sich glatt und knapp, einen wahren Silberschein über die plastisch hervortretenden, wundervollen Formen gießend. Ein kleiner Kamm von geschliffenen Lavasternen nahm das Haar leicht von der Stirn zurück und ließ es an den Schläfen niederfallen; fast erschienen diese dunkeln Lockenmassen, die sich bis auf die Mitte der Brust ringelten, zu wuchtig für den kleinen Kopf – er bog sich in diesem Augenblick leicht vornüber wie das süß hinneigende Haupt der weißen Narzisse. Sie hielt ein prachtvolles Hyazinthenbukett in den gefalteten, lässig niedergesunkenen Händen – es sah aus, als ruhe ihr gesenkter Blick innig auf den duftenden Blumenglocken; auch nicht ein Zug von Dünkel und Hochmut entstellte augenblicklich diese Mädchenerscheinung, auf deren Haupt die Natur noch einmal all jenen verführerischen Zauber ergossen hatte, der das nun erloschene Geschlecht der Zweiflingen zu allen Zeiten fast noch gefährlicher gemacht hatte als sein ritterlicher Mut, seine gerühmte Sicherheit in der Waffenführung.

Die Frage des gräflichen Kindes blieb unbeantwortet – der hochgewachsene Mann, an den sie gerichtet war, wußte offenbar gar nicht, daß zu seinen Füßen das kleine Mädchen stand und mit den angstvoll fragenden Augen zu ihm aufsah... Jutta trat ja eben über die Schwelle, und ihr Blick fiel auf ihn – eine brennende Röte lief ihr über Gesicht und Hals unter den Augen, die unabweisbar auf ihr ruhten... Welche Veränderung war mit ihm vorgegangen! Er, der keusch zurückhaltende Charakter, der sich scheute, in Frau von Herbecks Gegenwart auch nur einen Finger seiner Braut zu berühren, er schritt jetzt, unbekümmert um die Anwesenden, rasch auf die junge Dame zu und ergriff ohne weiteres eine ihrer Hände – dabei fiel das Bukett zur Erde – er dachte nicht daran, es aufzuheben, vielmehr legte er seine Rechte auf Juttas Scheitel, bog ihren Kopf zurück und sah tiefernst und forschend in ihre Augen.

Hätten Frau von Herbecks Blicke nicht in namenloser Verlegenheit an dieser Gruppe gehangen, sie wäre tödlich erschrocken über den Anblick des Ministers... Einen Moment schien es, als wolle er sich wie ein Tiger auf den Verwegenen stürzen und ihn mit der geballten Faust zu Boden schlagen – wer ahnte wohl unter den schläfrigen Lidern diese funkelnden, eine unbändige Glut und Leidenschaft ausströmenden Augen! Wer aber auch hätte je gedacht, daß über dies hochmütige Marmorgesicht ein so lebendiger Ausdruck von Verzweiflung hingleiten könnte!

Juttas Kopf schlüpfte elastisch unter der Hand des Hüttenmeisters weg; dann bog sie sich rasch nieder, nahm das Bukett auf und vergrub ihr glühendes Gesicht in den Blumen; weniger gelang es ihr, die Hand zu befreien – der Hüttenmeister hielt sie mit fast schmerzendem Druck fest und zog sie ohne alle Hast, aber unwiderstehlich an sich heran; das junge Mädchen mußte ihm wohl oder übel nach dem Seezimmer folgen, wenn es nicht eine förmliche Szene machen wollte.

An der Tür wandte sich der junge Beamte um und verbeugte sich ruhig – der Blick des Ministers fuhr glitzernd über ihn, aber diesmal unterblieb das gnädige Handwinken Seiner Exzellenz.

»Vergessen Sie nicht, Fräulein von Zweiflingen, daß ich noch das Notturno von Chopin hören muß, ehe ich nach A. zurückkehre!« rief er hinüber – seine Stimme klang heiser, und das Lächeln, das seine zuckenden Lippen erzwingen wollten, mißlang.

Eine tiefe, stumme Verbeugung des jungen Mädchens war die Antwort, und während er, die kleine Gisela an der Hand, die Zimmer entlang schritt, um in das untere Stockwerk zurückzukehren, trat sie mit dem Hüttenmeister und der ihr wie ein Schatten folgenden Frau von Herbeck in das grüne Zimmer.

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